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Tod in der Klingenfabrik: 5. Fall für Dick und Bresniak

Tod in der Klingenfabrik: 5. Fall für Dick und Bresniak

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Tod in der Klingenfabrik: 5. Fall für Dick und Bresniak

Länge:
253 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Jul 6, 2018
ISBN:
9783958131491
Format:
Buch

Beschreibung

Thorsten Cielzik, Anteilseigner der Firma Crena, wird nach der Einweihungsfeier des neuen Firmengebäudes tot aufgefunden – es gibt kaum einen Zeitgenossen, der sein Ableben bedauert, außer der Chefsekretärin Antonia, die ihn liebt und sehr um seine Reputation bemüht ist. Obwohl nicht unerheblich am Unternehmen beteiligt, hatte Thorsten heftige Geldsorgen, die er mit den heimlichen Patentverkäufen der Firma lösen wollte.
Seine Schwester, Geschäftsführerin von Crena, ist jedenfalls froh, dass sie nun nicht mehr die Brände löschen muss, die ihr Bruder ständig gelegt hatte.
Herausgeber:
Freigegeben:
Jul 6, 2018
ISBN:
9783958131491
Format:
Buch

Über den Autor


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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Die Zufahrtsstraßen zum Industriegelände von Haan waren verstopft. Eine Kolonne von Edellimousinen bewegte sich langsam vorwärts, überwiegend mit Solinger Kennzeichen. Wer genau hinsah, erkannte viele, die stolz darauf waren, jedes Jahr bei der Solinger Zöppkesmahlzeit dabei zu sein. Alles Männer, die dafür gekämpft hatten – im Geheimen natürlich –, dass dieses eine rein männliche Veranstaltung blieb. 25 Jahre war es her, dass Gesa Keppling hier als erste Frau Zutritt erlangte. Man hatte es nicht geschafft, ihr diesen zu verwehren, auch wenn ihnen in den dort gehaltenen Reden bei der Anrede »Sehr geehrte … und Herren« das Wort Damen nicht über die Lippen kam. Dennoch ließen es sich die Geladenen nicht nehmen, nach Haan in die Rheinische Straße zu kommen. Zu viel Neugierde, zu der sie sich vielleicht noch bekennen konnten, lockte sie zu dem neuen Standort.

Der ein oder andere, der Neid empfand, konnte und wollte es nicht zugeben. So manch einer war erschienen, weil er einem Scheitern beiwohnen wollte.

Der Bau aus den Siebzigerjahren, der in einem polierten Metallkleid erstrahlte und beflaggt den Vorbeifahrenden zeigte, wo sich Neues tat, war hergerichtet. Grobe Steine umrandeten das Gebäude. Das satte Grün von Buchsbaum- und Berberiskugeln sowie Silberährengras und Kiefern unterbrach die graue Farbe. Mitten im Kiesbett standen die Haaner Schwaadlappen, drei Figuren des lokal ansässigen Künstlers Franz Leinfelder, und tratschten. Die halbhohen Figuren aus COR-TEN-Stahl waren inzwischen mit einer rostigen Schicht überzogen. Diese edel wirkende Patina mit ihrem erdig-warmen Farbton kontrastierte zu dem kühlen Grau der Steine und der metallischen Außenfassade.

Die Haaner Urgesteine brachten Leben vor das Objekt, mitten im groben Kies. An der Ecke war ebenerdig eine blanke Granittafel eingelassen – die Grabplatte des Gründers und seiner Ehefrau, mit der die Firma an ihn erinnerte und ihn ehrte. Um die Ecke, direkt vor dem Besuchereingang, ragte eine zwei Meter hohe Stele empor, ebenfalls aus COR-TEN-Stahl. In sie war der Firmenname CRENA gefräst. Wenige Schritte weiter, auf dem Parkplatz, hatte man Zelte errichtet, die die Gäste erwarteten. Zahlreich kamen sie. Manche Limousinen hielten nur kurz und entließen ihre Chefs, andere suchten einen Parkplatz in der werktags überwiegend von Lastkraftwagen frequentierten Straße. Dazwischen, wie verirrt, schob sich ein Cayenne Turbo mit auffälligen 30-Zoll-Felgen. Der Wagen mit Kölner Kennzeichen war schwarz lackiert mit einem Feuervogel auf der Motorhaube, dessen Flügel sich seitlich auf den Türen fortsetzten.

Die beiden Männer, die diesem Pkw entstiegen, waren mit hautengen Lederhosen und Westen bekleidet; einer von ihnen trug eine Kette um den Hals, der andere neben seiner Rolex ein dickes, goldenes Armband, wobei nicht ersichtlich war, ob es wirklich aus diesem Edelmetall bestand oder ob es nur ein Imitat war. Die Augen verschwanden hinter großen Sonnenbrillen, die auf einem Backenbart aufsaßen. Gesa Keppling betrachtete diese Gäste irritiert, denn sie gehörten nicht zu den Typen, die sie geladen hatte. Schon mit ihrem Outfit offenbarten sie, dass sie zu einer anderen Berufsgruppe gehörten und Gesa mit ihnen bisher nichts zu tun hatte. Nicht, dass alle Anwesenden im klassischen Grau-Weiß erschienen wären. Grafiker und andere Designer kleideten sich von jeher anders als Banker. Aber dieses Ludenauto – als solches erschien es ihr, wenn ihm solche Kerle entstiegen –, das passte alles nicht. Zunächst sagte sie nichts.

Gesa Keppling wandte sich an Antonia Lorenz, ihre Sekretärin, um zu erfahren, ob diese beiden Männer auf der Gästeliste standen, und wenn ja, wie sie darauf gelangt waren. Sie verhielten sich ruhig, und außer ihrem Äußeren fielen sie zunächst nicht auf. So ignorierte die Gastgeberin die beiden erst einmal. Sie konnte später auf sie zugehen. Zunächst kümmerte sie sich um die anderen Geladenen.

Es war, als hätte die Eignerin einen Kontrakt mit dem Wettergott geschlossen. Vor dem klaren Blau des Himmels gab es zunächst wenige Zirruswolken, später bildeten sich Kumuli, die die Sonne daran hinderten, zu sehr zu stechen. Ein feiner Duft empfing die Besucher, den sie nicht bewusst wahrnahmen, geschweige denn, dass sie ausmachen konnten, woher er rührte. Langsam füllte sich das Zelt, das anlässlich des großen Ereignisses aufgebaut worden war.

Die champagnerfarbenen Planen, die das Areal umfassten, waren seitlich zusammengehalten, gaukelten Stoffbahnen vor, die Üppigkeit belegen sollten. Ebenso waren Stehtische eingedeckt. Altrosa Schleifen hielten das Tuch um deren Bein, und darauf standen gleichfarbige Rosen, die eine geheime Harmonie ausstrahlten.

Die Bediensteten des Catering-Unternehmens trugen ein passendes Tuch um den Hals, das zu der sonst in schwarz gehaltenen Dienstkleidung kontrastierte. Sie standen im vorderen Drittel des Geländes, gleich hinter Gesa Keppling, die die Ankommenden zunächst willkommen hieß und sogleich mit einem Getränk versorgte. Geschäftsführer der umliegenden Unternehmen begrüßten sie und sich gegenseitig, wohl darauf bedacht, dass ihre Wichtigkeit auch wahrgenommen wurde und sie sich entsprechend platzieren konnten. Die Bürgermeisterin erschien am heutigen Tag mit umgelegter Amtskette.

Es waren überwiegend Männer, die diese führenden Positionen bekleideten, teilweise von ihren Gemahlinnen begleitet. Allerdings erschienen auch Frauen alleine, solche aus dem Bekannten- und Freundeskreis der Eignerin. Ebenso begrüßte sie Vertreter des Landesarbeitsgerichtes Düsseldorf sowie des Wuppertaler Landgerichtes, wo sie als ehrenamtliche Richterin ihre Erfahrung und ihr Wissen einbrachte. Vertreter der AOK und des Arbeitgeberverbandes ließen es sich nicht nehmen, Gesa Keppling zu dem neuen Gebäude zu gratulieren. Sie hatten alle den Weg in die Rheinische Straße gefunden.

Das Festzelt nahm den gesamten Bereich des Parkplatzes ein und überspannte ihn fast vollständig sowie den Bereich vor der Laderampe, wo an Werktagen die An- und Ablieferungen abgefertigt wurden. Dort war zu diesem Anlass das Buffet aufgebaut, daneben waren die Zapfanlage und die Champagnerbar platziert. Der ein oder andere schielte bereits auf das kulinarische Angebot, das kaum Wünsche offenließ.

Es hatte zeitweise großer Kraftanstrengungen bedurft, um dieses Ergebnis zu erzielen. Querschüsse hatten dem Projekt zugesetzt. Gesa Keppling, die Gastgeberin, hatte so einiges abwehren müssen, was ihr den letzten Nerv rauben wollte. Da sagte man, der Teufel läge im Detail, doch nicht nur kleine Probleme wehrte sie ab, auch heftige Attacken, die – man mag es nicht glauben – aus ihrer Familie kamen. Vor allem ihr Bruder Thorsten Cielzik hatte eine besondere Freude daran, ihr Steine in den Weg zu legen.

Doch heute schien es, als wenn sie Petrus für die Unbilden entschädigen wollte. Die Pflanzenkübel mit dem blühenden Bauernjasmin – nur wenige erkannten, dass diese Sträucher für den feinen Duft verantwortlich waren – hatte Gesa Keppling extra bestellt. Sie liebte Pflanzen, die gleichzeitig ihr Bukett verströmten. Diese Kübel waren eine besondere Herausforderung gewesen. Sie waren nicht einfach zu organisieren, doch es war ihr wichtig, und was sie sich vornahm, das setzte sie auch um – auch, oder besonders, wenn es um scheinbare Kleinigkeiten ging. Die zarten Blüten sollten ihre Veranstaltung von dem so sachlichen Umfeld abheben und dem heutigen Ambiente ein zusätzlich freundliches Aussehen geben. Aber vor allem – und das war ihr ein besonderes Anliegen – wollte sie ihre Gäste, genauer deren Nasen, mit dem zarten Duft umschmeicheln. Sie sollten es schnuppern, ohne es bewusst wahrzunehmen. Gesa freute sich an den kleinen, feinen Blüten.

Die knallharte Geschäftsfrau zeigte in solchen Momenten und mit solchen Ideen ihre sensible Seite. Sie war eine Frau, die nicht zu übersehen war. Kurze, blonde Haare umrahmten ihr kantiges Gesicht. Mit ihren porzellanblauen Augen scannte sie das Umfeld ab – kontrollierend. Ja, man hatte ihre Vorstellung, wie sie die Gäste empfangen wollte, umgesetzt. Ihre Nase war eine Spur zu spitz und ragte über einer Reihe nicht ganz makelloser Zähne; sie waren zwar weiß und gepflegt, aber sie standen nicht ganz gerade. Es waren immer noch ihre eigenen, keine Kronen, die gerne eine unnatürliche Ebenmäßigkeit vorgeben. Trotz der strengen Ausstrahlung wirkte sie absolut weiblich. Die fünfzig hatte sie bereits überschritten, aber mit ihrer Figur hätte sie so manchem Model auf dem Catwalk Konkurrenz gemacht. Mit ihrer weniger schlanken, eher hageren Konstitution hatte sie nur kleine Brüste, sodass sie nicht unbedingt einen BH tragen musste. Was sie trug – man würde es einen Jumpsuit nennen – war aus dunkelblauer Seide geschneidert. Das Oberteil war straff zusammengefasst, sodass ein tiefer, spitzwinklig zur Körpermitte zulaufender Ausschnitt ihre makellose Haut zeigte. Der Schnitt war so angelegt, dass er viel versprach, dennoch geheimnisvoll blieb, ohne vulgär zu wirken. Ab der Taille umspielte der weiche Stoff ihre Hüfte und Oberschenkel so, dass die Figur zu erahnen war. Die Erscheinung rundeten eine Halskette aus hellen Aquamarinen und passende Ohrhänger ab. Man würde es als perfekt beschreiben, wenn sie nicht leicht hinken würde. Dieses Handikap rührte von einem Reitunfall her, der Jahrzehnte zurücklag.

Damals verlebte sie eine kritische Zeit, aber die Ärzte hatten sie wieder gut hingekriegt. Doch langsam bildete sich an den damals zersplitterten Knochen eine Arthrose, die sich mit Schmerzen meldete. An sehr schlimmen Tagen entlastete sie sich mit einem Stock oder mit Ibuprofen. Heute war ihr Petrus wohlgesonnen, und ihre Wetterfühligkeit erlaubte es ihr, den Tag ohne Schmerzmittel zu überstehen. Langsam ebbte der Zustrom ab, und Gesa bahnte sich den Weg durch die Menge in Richtung Podium und Mikrofon.

Die Umstehenden wichen ohne Aufforderung zurück, um sie vorbeizulassen. Ihre Präsenz genügte, um ihr einen freien Weg zu gewähren. Sie schritt zum Rednerpult. Sie begrüßte die Gäste. Sie erzählte von der Geschichte der Firma, der Entwicklung in der jüngsten Vergangenheit und den Plänen, die sie noch hatte, wobei der Umzug nach Haan und der teilweise Neubau ein Teil dessen war. Sie verkündete bei dieser Gelegenheit auch die Neugründung ihrer Firma, Crena Service GmbH, deren einzige Gesellschafterin sie selbst war. Diese war angegliedert und in einem hinteren Teil untergebracht, dem blauen Kubus, der auf dem eigentlichen Gebäude aufgesetzt schien. Obwohl miteinander verbunden, handelte es sich um eigene, abgeschlossene Räumlichkeiten. Die Bürgermeisterin und der Präsident der IHK würdigten das Engagement der Unternehmerin. Auch die Vertreterin des Betriebsrates sprach Worte, die zeigten, dass die Veränderungen im Einvernehmen mit der Belegschaft durchgeführt worden waren und ein gutes Betriebsklima gewährleisteten. Das war Gesa Keppling wichtig. Die Mitarbeiter sollten sich wohlfühlen. Nur so würden gute Unternehmensergebnisse erzielt. Daran waren alle Crenarianer, wie sie ihre Mannschaft liebevoll nannte, interessiert, und das sicherte deren Arbeitsplätze auf die nächsten Jahre.

Die Reden mussten sein, sollten aber nicht zu langatmig werden, und so forderte Gesa Keppling bald auf, zum informellen Teil des heutigen Tages überzugehen. Sie schritt zur Champagnerbar, ließ sich ein Glas einschenken und prostete damit ihren Gästen zu. Das war der Startschuss für den gemütlichen Teil der Veranstaltung, für den sie auch eine Band engagiert hatte.

Es fanden sich immer wieder Grüppchen zusammen, deren Gespräche ein Pantomimenkünstler unterbrach, der scheinbar entsetzliche Probleme mit seinen Füßen, genauer seiner Hornhaut daran, hatte. Glücklicherweise war ein Zauberer zugegen, der ihn dank seiner Künste von seinem Leiden befreien konnte, bis, ja, bis ein kleiner, listiger Clown den Zauberer enttarnte, indem er ihm nämlich einen Hornhauthobel aus der Tasche zog, diesen zeigte und mit schallendem Gelächter die Tricks verriet, mit dem dem wortlosen Mimen geholfen worden war. Dieses Schauspiel wiederholte sich, zur Erheiterung der Gäste, in verschiedenen Variationen.

Alles lief wie am Schnürchen. Gesa Keppling hatte nun Zeit, um nach diesen merkwürdigen Kölnern Ausschau zu halten, die sie beim besten Willen nicht einordnen konnte und von denen sie nicht wusste, woher sie kamen und in welcher Verbindung sie zu ihrem Unternehmen standen. Während sie sich umschaute, sah sie, wie ihr Bruder Thorsten mit den beiden eine hitzige Diskussion führte, die ihn voll vereinnahmte. Was hatte Thorsten Cielzik mit ihnen zu tun? Das würde sie mit ihm abzuklären haben. Es ging nicht an, dass bei so hochoffiziellen Anlässen Gestalten erschienen, die kein gutes Licht auf Crena warfen. Aber das würde sie erst klären können, wenn die Fremden sich wieder entfernt hatten. Die Unterhaltung schien sich beruhigt zu haben, denn Thorsten begleitete die beiden zur Champagnerbar, reichte ihnen ein Glas und prostete ihnen zu – die Gelegenheit, bei der sich Gesa Keppling einmischte:

»Welche Gäste haben wir denn hier? Thorsten Cielzik, willst du sie mir nicht vorstellen?«

»Die beiden sind eher zufällig vorbeigekommen. Sie wollten mir nur ›Guten Tag‹ sagen«, entzog er sich einer Aufklärung.

»Haben Sie noch länger in Haan zu tun?«, sprach Gesa die seltsamen Typen an. So leicht ließ sich eine Gesa Keppling nicht abwimmeln.

»Gesa, du musst dich nicht kümmern, ich mache das schon.«

»Mein lieber Bruder, du siehst selbst, dass diese beiden nicht hierher passen. Wenn es deine Bekannten sind, kümmere dich, dass sie das Weite suchen! Wenn es geht, möglichst bald.« Sie flüsterte es mehr, denn ein Eklat, das wäre das Letzte gewesen, was sie am heutigen Tag hätte brauchen können.

»Gesa, stell dich nicht so an. – Übrigens, bei deiner Rede, da hast du dir einen ›runtergeholt‹!«, wechselte Thorsten Cielzik unvermittelt und etwas gewaltsam das Thema. »Ich als dein Bruder und Anteilseigner von Crena hätte gut auf das Podium gepasst. Es macht sich immer besser, wenn ein Mann am Rednerpult steht. Warum hast du mir nicht das Wort erteilt? Ich hätte ein paar Wahrheiten zu ergänzen gehabt.«

»Du erwartest von mir kaum eine Antwort. Im Übrigen: Trink nicht wieder so viel, du sprichst jetzt schon ziemlich verwaschen.«

»Du bist anders nicht zu ertragen, hehe …«

»Du musst nicht wieder völlig austicken. Das fällt inzwischen nicht mehr auf die Firma zurück, sondern nur noch auf dich ganz allein. Aber wenn du dieses Bild verkörpern willst – go ahead.« Mit diesen Worten wies sie ihm mit der Hand einen imaginären Weg und wandte sich ab, um sich wieder ihren Gästen zu widmen, und Thorsten Cielzik torkelte davon. Sie drehte sich zu Daisy, ihrer Tochter, um die zurzeit die Abteilungen der Firma als Trainee durchlief. Daisy, sie war eine junge Ausgabe ihrer Mutter. Auch sie bediente sich am Champagner, um sich dann unter die Gäste zu mischen.

»Antonia, können Sie bitte meinen Bruder im Blick behalten? Ich möchte von dieser Seite keine Überraschungen erleben«, forderte Gesa Keppling Antonia auf. Genau genommen war Antonia nicht nur Sekretärin, sie war die Frau für alle Fälle – besonders bei Katastrophen wusste Gesa ihre Einsatzkraft zu schätzen.

Ja, es war alles perfekt vorbereitet, stellte Gesa Keppling zufrieden fest, auch für den zweiten Teil dieses Tages. Für das leibliche Wohl war gesorgt, die Stimmung war gut. Sie hatte nicht ohne Hintergedanken Bekannte und Freundinnen eingeladen. Sie gaben dem Ereignis eine bunte Komponente. Die Gespräche der Männer sollten sich nicht nur in Selbstdarstellungen ergehen, bei denen jeder versuchte, den anderen zu übertreffen, auch Witz und Charme sollten den Tag begleiten. Die Einweihung des neuen Firmengeländes durfte den Gästen nicht als trockene Veranstaltung in Erinnerung bleiben. Gesa Keppling hatte die Presse im Vorfeld auf die Special Guests hingewiesen, damit ein entsprechender Bericht in der Westdeutschen Zeitung, dem Solinger Tageblatt, dem Solinger Boten und der Rheinischen Post erscheinen würde.

Gesas Rechnung ging auf. Ihr Bruder blieb irgendwie verschwunden. Wahrscheinlich hatte er wieder einen Rock gefunden, den er anbaggern konnte. Solange er mit dem weiblichen Geschlecht abgetaucht und beschäftigt war, konnte er nicht weiter stören. So war es schon während ihrer Kinder- und Jugendzeit gewesen. Wenn es ein Familienfest oder etwas Offizielles gab, dann war natürlich die Familie anwesend. Da hatten die Kepplings ein festes Prozedere, eine eingefahrene Struktur, nach der die Festivitäten immer abliefen. Schon damals fühlte er sich besonders zum weiblichen Geschlecht hingezogen – je mehr Weiber sich für ihn interessierten, desto besser. Er brauchte das für sein Selbstwertgefühl. Er wusste sich in Szene zu setzen. Er kam, verzögerte seinen Schritt, blickte in die Runde, bis auch dem oder der Letzten auffiel, wer gerade den Schauplatz betreten würde. Dann setze er für gewöhnlich ein strahlendes Lachen auf und bewegte sich auf …, wohin, das ließ sich nicht immer voraussagen. Gerne dorthin, wo mehrere weibliche Wesen standen, die er regelmäßig ins Schwärmen brachte. Er hatte ein todsicheres Gespür dafür, in welche Positur er sich werfen musste, um maximalen Erfolg zu erzielen.

Später, als er der Damenwelt näherkam, verlangten seine Hormone, dass er sich abreagieren konnte. So verschwand er so manches Mal nach seinem grandiosen Auftritt für einige Zeit. Gesa wunderte sich, dass er immer noch Frauen fand, die ihm folgten und das mitmachten. Inzwischen hatte er seine Quantität etwas reduziert und seine Techtelmechtel verlängert, sodass sich die ein oder andere tatsächlich Hoffnung machte, sie habe ihn geläutert. So war er auch heute bald nicht mehr zu finden. Gesa war darüber nicht unglücklich, konnte sie doch davon ausgehen, von seiner Seite keine weiteren Störfeuer erleben zu müssen.

Gesa Keppling hatte gut kalkuliert. Festivitäten wie eine solche Einweihungsfeier gingen meist gegen 13.00 Uhr zu Ende und die Gäste strebten nach Hause; doch sie hatte es mit ihren Planungen und Zwischeneinlagen geschafft, dem offiziellen Teil eine Atmosphäre folgen zu lassen, die die Menschen hielt. Selbst als sich zum Nachmittag ein Gewitter ankündigte, tat dies der Stimmung keinen Abbruch, im Gegenteil. Als

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