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"Ein wirrer Traum entstellte mir die Nacht": Neue Perspektiven auf das Werk Christian Morgensterns

"Ein wirrer Traum entstellte mir die Nacht": Neue Perspektiven auf das Werk Christian Morgensterns

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"Ein wirrer Traum entstellte mir die Nacht": Neue Perspektiven auf das Werk Christian Morgensterns

Länge:
317 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Jun 14, 2018
ISBN:
9783825161576
Format:
Buch

Beschreibung

Christian Morgenstern ist der vielleicht bekannteste unbekannte Dichter der deutschen Literatur: Oft wird selektiv nur der komisch-groteske Teil oder allein die späte weltanschauliche Dichtung wahrgenommen. Diese aktuellen Studien stellen explizit den ganzen Morgenstern in den Mittelpunkt und zeugen von der Fruchtbarkeit dieses Ansatzes.

"Aus dem historischen Abstand von hundert Jahren sollte heute der ganze Morgenstern aus historischer Perspektive in den Blick genommen werden: der Vorreiter der Avantgarde und der Anthroposoph. Diesen Anspruch versuchen die hier versammelten Aufsätze einzulösen."
Waldemar Fromm und Markus May
Herausgeber:
Freigegeben:
Jun 14, 2018
ISBN:
9783825161576
Format:
Buch

Über den Autor


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"Ein wirrer Traum entstellte mir die Nacht" - Markus May

Kretschmer

Christian Morgenstern und die »Umwortung der Worte«

1Einleitung

Bei der Interpretation der »humoristischen« Lyrik Morgensterns greifen Philologen gern auf sein Schlagwort von der »Umwortung aller Worte« zurück.¹ Als solches erscheint es am 4. Mai 1928 zum ersten Mal im Unterhaltungsblatt der Vossischen Zeitung. Georg Hirschfeld, der als Galgenbruder »Verreckerle« hieß, erinnert sich dort an eine Anekdote aus der Frühzeit des Galgenbergs:

Wir waren in Friedrich Kayßlers Bude, und ein hoher Gast hatte sich eingefunden: ein reicher, junger Verleger aus Dresden. Der wollte eben anfangen und interessierte sich ehrlich für Christian Morgenstern. Als er in die Nietzscheliebe des Dichters Einblick gewann, fragte er, ob er nicht unter diesem Stern etwas Besonderes und Eigenes bringen könne? Morgenstern sah den Wohlgesinnten ernsthaft an – dann sagte er: »O ja – vielleicht eine Umwortung aller Worte?«²

1933 taucht es in Michael Bauers Christian Morgensterns Leben und Werk wieder auf, der es im Kapitel über die Galgenlieder − »Ein Philosoph aus heitrer Höh« – als »Morgensterns Parole« einführt³ und es damit zum ersten Mal als Leit- oder Schlüsselwort verwendet, das dem Verständnis der Gedichte dienen soll. 1987 wird es schließlich in den Aphorismen der Stuttgarter Ausgabe auch textkritisch als Eintrag in das Taschenbuch von 1895 erfasst. Die Datierung kann dort auf den Zeitraum vom Mai bis zum August dieses Jahres eingegrenzt werden.⁴

Die »Umwortung aller Worte« ist offensichtlich eine Anspielung auf Friedrich Nietzsches »Umwertung aller Werte«. Das philosophische Konzept war Morgenstern zwar schon seit dem Zarathustra bekannt, als dessen »Lerche« er sich 1893 bezeichnete,⁵ in dieser expliziten Form aber konnte er es zum ersten Mal im Antichrist finden, den das Nietzsche-Archiv 1894 herausgegeben hatte.⁶ Dass der Dichter das Schlagwort im Frühjahr oder Sommer 1895 in sein Taschenbuch notierte, passt dazu und bestätigt zugleich die von Hirschfeld und Bauer hergestellte Verbindung zu den Galgenliedern, da der Zeitraum auch den legendären Ausflug auf den Galgenberg und die ersten Versammlungen der Galgenbrüder in Berlin umfasst.⁷

Im Folgenden wird die »Umwortung aller Worte« in zwei Hinsichten thematisiert: Zum einen soll der Relevanz des Schlagworts für das Verständnis der Galgenlieder und des Palmström nachgegangen werden. Zum anderen sollen mit seiner Hilfe die Kategorien »humoristisch« und »seriös« betrachtet werden, nach denen Morgensterns Gesamtwerk philologisch eingeteilt und in der Rezeptionsgeschichte – Erfolg und Nichtbeachtung – auch bewertet wird.

2 Die »Umwortung der Worte« als heuristischer Schlüssel zur Deutung der Galgenlieder und des Palmström

2.1 Möglichkeiten der Umwortung: Lärmschutz und Der Gingganz

Betrachtet man ein Wort als Zeichen, in dem Signifikant und Signifikat wesenhaft miteinander verbunden sind,⁸ öffnen sich mit der »Umwortung« verschiedene Facetten des dichterischen Umgangs mit Sprache. Das Bild erfasst die Schwingungen, in die Morgenstern die Verbindung zwischen Signifikant und Signifikat versetzt, die Erschütterungen, in die gewöhnliche Wörter dabei geraten, um als überraschend anders daraus hervorzugehen. Es lenkt den Blick auch auf den Ausgangspunkt der Bewegung, denn die Umwortung setzt entweder beim Signifikat oder beim Signifikanten ein. An einem der beiden wird das Wort gewissermaßen ausgehebelt und in sich verschoben, sodass eine neue Bedeutung entsteht.

Eine prototypische Umwortung, die vom Signifikat ausgeht, nimmt Morgenstern mit dem Substantiv »Lärmschutz« vor. Er wählt es 1912 zum Titel eines Gedichts und wortet es darin mithilfe eines Klempners greifbar um:

Lärmschutz

Palmström liebt sich in Geräusch zu wickeln,

teils zur Abwehr wider fremde Lärme,

teils um sich vor drittem Ohr zu schirmen.

Und so lässt er sich um seine Zimmer

Wasserröhren legen, welche brausen.

Und ergeht sich, so behütet, oft in

stundenlangen Monologen, stundenlangen

Monologen, gleich dem Redner

von Athen, der in die Brandung brüllte,

gleich Demosthenes am Strand des Meeres.

Während der Signifikant »Lärmschutz« ein und derselbe bleibt, wird ihm ein neues Signifikat zugeordnet, das sich aus einer Umdeutung der logischen Beziehungen zwischen dem Grundwort und dem Bestimmungswort des Kompositums ergibt: Es bedeutet nicht mehr ›Schutz vor Lärm‹, sondern ›Schutz durch Lärm‹. Ähnliches geschieht mit den Komposita »Käseglocke«¹⁰ und »Winkeladvokat«¹¹, wenn aus der ›Glocke für den Käse‹ die ›Glocke aus Käse‹ und dem ›Advokaten ohne Examen, der heimlich im Winkel arbeitet‹ ein solcher wird, ›der einmal ein Winkel war‹. Der »Lebenslauf« und das »Fersengeld«¹² stellen Varianten dieser Art der Umwortung dar, wenn sich in ihnen die Metaphern ihrer Grundwörter zu Handlungen und Dingen konkretisieren, sodass ein Mann aus Deutz um sein Leben läuft und sein Verfolger, ein Flame, das Geld, das dieser dabei fallen lässt, in seinen Hut sammeln kann.

Als prototypisches Beispiel für eine Umwortung, die vom Signifikanten ausgeht, stellt Morgenstern in der dritten Auflage der Galgenlieder von 1908 nicht nur den Gingganz bereit, sondern erklärt auch, im Gewand des Philologen Jeremias Mueller, ihre Eigenart:

Der Gingganz

Ein Stiefel wandern und sein Knecht

von Knickebühl gen Entenbrecht.

Urplötzlich auf dem Felde drauß

begehrt der Stiefel: Zieh mich aus!

Der Knecht drauf: Es ist nicht an dem;

doch sagt mir, lieber Herre, –: wem?

Dem Stiefel gibt es einen Ruck:

Fürwahr, beim heiligen Nepomuk,

ich GING GANZ in Gedanken hin …

Du weißt, dass ich ein andrer bin,

seitdem ich meinen Herrn verlor …

Der Knecht wirft beide Arm empor,

als wollt er sagen: Lass doch, lass!

Und weiter zieht das Paar fürbass.¹³

Verfasser hat sich erlaubt, aus dem Worte des Stiefels: »Ich ging ganz in Gedanken hin!« die Wörter »ging ganz« herauszugreifen und, zu einem Ganzen vereinigt, zum Range eines neuen Substantivs masc. gen. (in allen casibus unveränderlich, ohne Pluralis) zu erheben. Ein Gingganz bedeutet für ihn damit fortan ein in Gedanken Vertiefter, Verlorener, ein Zerstreuter, ein Grübler, Träumer, Sinnierer.¹⁴

Die Geburt des »Gingganz« vollzieht sich demnach in zwei Momenten. Seine Bildung als Substantiv folgt dem gängigen Muster der Komposition, dem auch das Substantiv »Lebenslauf« seine Existenz verdankt: Zwei Wörter werden »zu einem Ganzen vereinigt« und »zum Range eines neuen Substantivs« erhoben. Während »Lebenslauf« aber mit seinem Grundwort der Klasse der Nominalkomposita angehört und darin der verbreiteten Formel ›Nomen + Nomen‹ folgt, schwebt der »Gingganz« mit seiner Formel ›flektiertes Verb + graduierendes Adverb‹ über den Kompositaklassen. Die Umwortung von »ging« und »ganz« wird also dadurch eingeleitet, dass sie zu einem neuen Signifikanten verschmolzen werden, obwohl sie den Regeln gemäß in diesem nicht zusammenpassen. Vollendet wird sie dann durch das zweite Moment, das auch Jeremias Mueller erklärt: Dem neu entstandenen Signifikanten wird ein eigenes Signifikat zugewiesen, das sich in diesem Fall aus dem Kontext des Gedichts ergibt: Der Stiefel selbst ist als Sinnierer ein »Gingganz«. Auch diese Kategorie der Umwortung ist reich an Varianten: Die »Fingur«¹⁵ entsteht aus der Kontamination von »Finger« und »Figur« und erhält die Bedeutung einer geheimnisvollen Herrscherin im nächtlichen Teich. Der »Ant« geht auf dem Weg der Isolierung aus den Substantiven »Anthologie«, »Gigant« und »Elefant« hervor, um eine zoologische Gattung zu bedeuten.¹⁶ Die »Oste«¹⁷ ergibt sich über eine Homonymie als Analogie zur »Weste« und bezeichnet somit eine »Jacke mit Rückenknöpfen«.

Die Reihe der »Umwortung[en] der Worte« bei Christian Morgenstern ließe sich fortsetzen und führte im Hinblick auf die Rolle der Signifikanten und Signifikate in diesem Prozess zu weiteren Differenzierungen, die schließlich selbst Das große Lalulā¹⁸ und Fisches Nachtgesang¹⁹ erfassten:²⁰ Auch wenn für die »phonetische Rhapsodie«²¹ aus der Frühzeit der Galgenlieder nicht nachgewiesen werden kann, welche Wörter der deutschen Sprache auf dem Weg der phonetischen Assoziation und der morphologischen Kontamination zu einem Signifikanten wie »Kroklokwafzi« umgewortet wurden, muss es sie doch geben. Denn nur so kann der Leser seinerseits das neue Signifikat mit ihm verbinden, das er zwar in keinem Wörterbuch finden, aber doch atmosphärisch erspüren kann. »Das tiefste deutsche Gedicht«²² hingegen belegt, dass Signifikate wie »Schuppe«, »Welle« oder »Maul« über ihre Signifikanten umgewortet werden können, indem man diese durch grafische Zeichen wie Striche und Bögen ersetzt, die sie als Ikonen zeigen.²³ Für die Deutung der Galgenlieder und des Palmström insgesamt, so darf man zusammenfassen, ist das heuristische Potenzial der »Umwortung aller Worte« durchaus erheblich. Dennoch ist der Begriff zugleich auch problematisch.

3Die Unmöglichkeit der Umwortung: Die Westküsten

Die Westküsten

Die Westküsten traten eines Tages zusammen

und erklärten, sie seien keine Westküsten,

weder Ostküsten noch Westküsten −

»daß sie nicht wüßten!«

Sie wollten wieder ihre Freiheit haben

und für immer das Joch des Namens abschütteln,

womit eine Horde von Menschenbütteln

sich angemaßt habe, sie zu begaben.

Doch wie sich befreien, wie sich erretten

aus diesen widerwärtigen Ketten?

Ihr Westküsten, fing eine an zu spotten,

gedenkt ihr den Menschen etwan auszurotten?

Und wenn schon! rief eine andre schrill.

Wenn ich seine Magd nicht mehr heißen will? −

Dann blieben aber immer noch die Atlanten −

meinte eine von den asiatischen Tanten.

Schließlich, wie immer in solchen Fällen,

tat man eine Resolution aufstellen.

Fünfhundert Tintenfische wurden aufgetrieben,

und mit ihnen wurde folgendes geschrieben:

Wir Westküsten erklären hiermit einstimmig,

daß es uns nicht gibt, und zeichnen hochachtungsvoll:

Die vereinigten Westküsten der Erde. −

Und nun wollte man, daß dies verbreitet werde.

Sie riefen den Walfisch, doch er tat’s nicht achten;

sie riefen die Möwen, doch die Möwen lachten;

sie riefen die Wolke, doch die Wolke vernahm nicht;

sie riefen ich weiß nicht was, doch ich weiß nicht was kam nicht.

Ja, wieso denn, wieso? schrie die Küste von Ecuador:

Wärst du etwa kein Walfisch, du grober Tor?

Sehr richtig, sagte der Walfisch mit vollkommener Ruh:

Dein Denken, liebe Küste, dein Denken macht mich erst dazu.

Da war’s den Küsten, als säh’n sie sich im Spiegel;

ganz seltsam erschien ihnen plötzlich ihr Gewiegel.

Still schwammen sie heim, eine jede nach ihrem Land.

Und die Resolution, die blieb unversandt.

Das Gedicht, das 1908 in der dritten Auflage der Galgenlieder erschien, schrieb Morgenstern am 5. Februar 1906 im Sanatorium Birkenwerder. Aus der fünften Auflage von 1910 hätte er es am liebsten gestrichen und musste erst von seinem Verleger Bruno Cassirer umgestimmt werden.²⁴ Beide Umstände sind für die Interpretation des Gedichts relevant. Das Entstehungsdatum schließt mit großer Wahrscheinlichkeit aus, dass die Sprachkritik Fritz Mauthners²⁵ – den motivischen Ähnlichkeiten zum Trotz²⁶ − die Abfassung der Westküsten beeinflusste. Begann Morgenstern doch erst Ende 1906 sich mit ihr auseinanderzusetzen. Es bestätigt damit die Aussage, die Leo Spitzer 1918 philologisch vorsichtig traf: Zwar ist die Empörung der Dinge gegen ihren Namen, die sich in den Galgenliedern ereignet, mit »dem Kampf Mauthners gegen die ›Wortfetische‹ verwandt«,²⁷ eine direkte »Beeinflussung« aber kann aufgrund dieser Verwandtschaft nicht ohne Weiteres angenommen werden.²⁸ Durch wen oder was sich Morgenstern bei der Abfassung der Westküsten anregen ließ, ist ungewiss. Eine Reminiszenz an Sternes Tristram Shandy anzunehmen, ist ebenso spekulativ wie eine Lesefrucht aus Stirners Der Einzige und sein Eigentum.²⁹ Geht man davon aus, dass der »Malererbe« Morgenstern sich selbst als visuell veranlagten Menschen sah − »Mein Hauptorgan ist das Auge. Alles geht bei mir durch das Auge ein«³⁰ −, ist auch nicht auszuschließen, dass Raffaels Fresko »Die Schule von Athen« das »Gewiegel« der Westküsten anregte. Stand doch im Winter 1906/07 ein Kunstdruck davon auf seinem Schreibtisch in Birkenwerder.³¹ Dann läge auch der Universalienstreit des Mittelalters nicht fern, in dem sich Realisten und Nominalisten gut drei Jahrhunderte lang erbittert über den Ursprung der Wörter bekriegten. Hatte Gott, der selbstverständlich mit der Welt auch die Westküsten geschaffen hatte, zugleich das dazugehörige Wörterbuch mitgeliefert, in dem sich neben allen anderen die Welt ordnenden Begriffen schon immer auch die »Westküste« befand? Oder war es doch der Mensch selbst, der sich die passenden Begriffe nach und nach schuf, um Gottes Welt zu ordnen? Als Vertreter der Neuzeit schlägt sich Morgenstern auf die Seite der Nominalisten: Natürlich war es die »Horde von Menschenbütteln«, die alle Begriffe und Wörter erfand. Dass er exemplarisch die »Westküste« wählt, hebt eindrücklich die ordnende Funktion der menschlichen Sprache hervor. Anders als »Walfisch«, »Möwe« oder »Wolke« ist die »Westküste« kein absoluter Begriff, der ein Objekt an sich bezeichnet, sondern ein relativer, der seine Existenz der Beziehung verdankt, die Objekte zu einander haben. Sie ist dies sogar in zweifacher Weise: Als »Küste« bezeichnet sie eine Relation von Land und Meer, als »westlich« eine Koordinate im System der Himmelsrichtungen. Die »Westküste« ist ein besonders treffendes Beispiel dafür, dass die Begriffe der Sprache das Ergebnis des menschlichen Bemühens sind, die Komplexität der Welt als System zu erfassen, in dem alle Komponenten durch ihre Beziehungen einander stimmig zugeordnet sind.

Der Versuch der »Westküsten«, in einem Akt der Befreiung das Joch ihres Namens abzuschütteln, stellt eine extreme Variante der »Umwortung der Worte« dar: Durch die Entfernung eines Wortes mit Stumpf und Stiel – Signifikant und Signifikat in einem – soll ein Konzept verschwinden. Der Versuch zielt auf die »Entwortung« eines Wortes, die in ihrer Radikalität sogar Fisches Nachtgesang übertrifft. Werden darin die lexikalischen Signifikanten immerhin noch durch grafische Zeichen ersetzt, fordern die »Westküsten« einstimmig, dass sie nichts mehr bezeichnen soll. Ihr schließliches Scheitern deckt zwei Probleme einer jedweden Umwortung auf. Diese werden in der siebten und der achten Strophe des Galgenlieds thematisiert:

Die Bewohner der Meere ignorieren den Wunsch der »Westküsten«, ihren Namen abzuschütteln. Die Wolke mag ihn tatsächlich nicht gehört haben, der Walfisch aber schenkt ihm ausdrücklich keine Beachtung, und die Möwen belachen ihn offen. Sie geben den »Westküsten« zu verstehen, dass Sprache ein Zeichensystem ist, das auf den Konventionen einer Sprachgemeinschaft beruht und niemals von Einzelnen, sondern nur dann verändert werden kann, wenn genügend andere Mitglieder der Gemeinschaft die Veränderung annehmen und weitertragen. Durch ihr Schweigen teilen sie ihnen eine Grundbedingung des Sprachwandels im Allgemeinen mit, die sie im Fall der Entfernung des Wortes »Westküste« nicht bereit sind einzulösen.

Der Walfisch weiht die Küste von Ecuador schließlich in den Zusammenhang von Denken und Sprechen ein, der in der deutschen Tradition vor allem von Wilhelm von Humboldt mehrfach behandelt wurde. Der Freund Goethes und Schillers stellte die »Identität des Denkens und Sprechens«³² fest und nannte die Sprache »das bildende Organ der Gedanken«.³³ Folgt man Humboldt, Sapir und Whorf oder, in jüngerer Zeit, auch Guy Deutscher,³⁴ kann man nur schließen, dass jede Veränderung der Sprache eine solche des Denkens und jede Veränderung des Denkens auch eine solche der Sprache bedingt. Das gilt darum auch für die »Umwortung der Worte«. Sie setzt sich nur dann durch, wenn ihr die Konzepte folgen. Der Versuch der »Westküsten«, sich von ihrem Namen zu befreien, scheitert auch darum, weil Walfisch, Möwen und Wolke auf das Konzept, das dem Namen zugrunde liegt, zur Ordnung ihres Lebensraumes existenziell angewiesen sind.

Warum Morgenstern Die Westküsten nicht in die fünfte Auflage der Galgenlieder übernehmen wollte,³⁵ wissen wir nicht. Geht man davon aus, dass die »Umwortung der Worte« ein Grundzug der Sammlung ist, scheint indes die Annahme plausibel, dass er das Gedicht als Fremdkörper darin betrachtete. Obwohl das groteske, surreale Thema perfekt in den Rahmen passt, steht seine Ausführung im Widerspruch zur Poetik der Galgenlieder. Die »Umwortung der Worte«, die sich im Lärmschutz und Gingganz wie in zahlreichen anderen Gedichten ereignet, wird in den Westküsten für schlicht unmöglich erklärt. Während es der »Nähe« gelingt, als Näherin zu sich selbst zu kommen,³⁶ und ein Architekt es schafft, aus den »Zwischenräumen« eines Lattenzauns ein Haus zu bauen,³⁷ während sie beide also ohne Weiteres Konzepte aus ihren existenziellen Kontexten lösen, bleibt den »Westküsten« dieses versagt. Auch wenn aus den Quellen nicht belegt werden kann, dass Morgenstern Die Westküsten aus diesem Grund aus der Sammlung von 1910 zu streichen wünschte, lädt doch der poetologische Widerspruch des Gedichts zu den übrigen Galgenliedern dazu ein, über sein Verständnis der dichterischen Möglichkeiten der »Umwortung der Worte« nachzudenken.

4Die »Umwortung aller Worte« im Kontext ihrer Erfindung

[611] Für gewisse Worte andere komische Synonymen [sic!] eine Weile wenigstens einsetzen. Umwortung aller Worte.³⁸

Die »Umwortung aller Worte« erscheint bei Morgenstern zum ersten und einzigen Mal in einem Fragment, das unter der Nummer 611 in die Aphorismen der Stuttgarter Ausgabe aufgenommen wurde. Im Rahmen der thematischen Gliederung des Bandes zählt es zur Abteilung »Sprache«. Zur Relevanz des Schlagworts für das Verständnis der Galgenlieder ergeben sich aus der Quelle zwei Feststellungen.

Das Fragment ist überaus ambigue. Dem Schlagwort geht ein infiniter Satz voraus, dessen appellative Mitteilung verschiedene modale Varianten zulässt − man könnte, sollte, müsste … − und somit als Erwägung, Vorsatz, Empfehlung, Regel … verstanden werden kann. Da Satz und Schlagwort ein expliziter Konnektor fehlt, der sie kohärent verbindet, lässt ihre einfache Aufeinanderfolge mehrere Lesarten zu. Als widersprüchlich auszuschließen ist sicherlich die Möglichkeit, dass Morgenstern hier die zeitweilige Einsetzung komischer Synonyme für gewisse Worte eine Umwortung aller Worte nennt. Eine gewisse Plausibilität besäße immerhin: Die Forderung oder der Vorsatz, für gewisse Worte zeitweilig komische Synonyme einzusetzen, kann oder soll das Ziel einer Umwortung aller Worte verfolgen oder kann oder soll als erster Schritt betrachtet werden, der dahin führen wird. Aber es ist augenfällig, dass diese Formulierungen interpretative Konstrukte sind. Man wird der Notiz wohl eher gerecht, indem man den assoziativen Charakter, den ihre rudimentäre Form suggeriert, als solchen einfach hinnimmt: Der Gedanke, für gewisse Worte komische Synonyme einzusetzen, führt die »Lerche Zarathustras« über die Reminiszenz an den Antichrist zum Begriff der »Umwortung« und legt ihm dabei die vollständige Anspielung »aller Worte« nahe. Denn nur über diese Vollständigkeit lässt sich das Vorbild der »Umwertung aller Werte« in ihr erkennen und erst damit der parodistische Effekt erzielen, den sie noch heute besitzt. Zugespitzt formuliert wäre die »Umwortung aller Worte« damit vor allem ein geistreicher Einfall des 24-jährigen Dichters, weit eher die witzige »Verwortung« eines Nietzsche-Zitats als ein programmatisches Postulat, das insgesamt die Galgenlieder und den Palmström erfassen könnten.

Die zweite Feststellung folgt aus dem weiteren Kontext des Taschenbuchs, in das Morgenstern 1895 das Fragment 611 notierte. Dort erscheint es auf Blatt 101 neben zwei anderen Einträgen:

Ad Menschen.³⁹

Für gewisse Worte andere komische Synonymen eine Weile wenigstens einsetzen. Umwortung aller Worte.⁴⁰

Oberster Grundsatz für all m. Satiren:

Eiserne Gerechtigkeit.⁴¹

M[enschen] Vorrede.

Allerdings heut nicht viel Humor verstanden, keine Zeit dafür. Dann muss ich mich halt auf die Zukunft vertrösten. Schullektüren in dem nächsten Kulturvolk, Bild davon.⁴²

[Bl. 101]

Die Interpretation der Galgenlieder und des Palmström mit dem Schlüssel der »Umwortung aller Worte« besitzt ohne Zweifel Plausibilität, nicht zuletzt auch darum, weil die Zeitzeugen Hirschfeld und Bauer sie mit dem Schlagwort assoziieren und der Ausflug der Galgenbrüder nach Werder tatsächlich in den Zeitraum fällt, aus dem es stammt. Dennoch wird es hier eindeutig dem Vermerk »Ad Menschen« zugeordnet. Es ist demnach ein Thema oder Motiv, das Morgenstern in seinem ersten humoristischen Roman zu verwenden plant, der den Titel Menschen trägt.⁴³ Das Projekt, mit dessen Ausführung er am 6. Mai 1895, seinem 24. Geburtstag, verheißungsvoll beginnt, um es am 18. August desselben Jahres abzubrechen,⁴⁴ war durch die Lektüre von Laurence Sternes Leben und Meinungen von Tristram Shandy, Gentleman angeregt und reflektiert neben dessen Humor im Allgemeinen vor allem das für die Lyrik eher ungeeignete Stilmittel der Divagation.⁴⁵ Während die »Vorrede« mit der Klage über die Humorlosigkeit des Wilhelminismus dem Projekt eindeutig zugeordnet werden kann, bleibt unklar, ob sich auch der satirische Zuschnitt

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