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Die Freiheit, das Ich und die Liebe: Grundlagen einer Philosophie der Gegenwart

Die Freiheit, das Ich und die Liebe: Grundlagen einer Philosophie der Gegenwart

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Die Freiheit, das Ich und die Liebe: Grundlagen einer Philosophie der Gegenwart

Länge:
267 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Jun 14, 2018
ISBN:
9783825161552
Format:
Buch

Beschreibung

In dieser kulturkritischen Analyse beschreibt Roland van Vliet die Notwendigkeit einer Philosophie des Ich. Die Erkenntnis der eigenen Individualität ist eine notwendige Bedingung für eine Begegnung mit dem Anderen. Um eine solche Philosophie im Leben anwenden zu können, entwickelt van Vliet die Haltung der Ungeteilten Aufmerksamkeit, mit deren Hilfe die Kunst des Handelns möglich wird.
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Jun 14, 2018
ISBN:
9783825161552
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Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Die Freiheit, das Ich und die Liebe - Roland van Vliet

Roland van Vliet

Die Freiheit, das Ich und die Liebe

Grundlagen einer

Philosophie der Gegenwart

Inhalt

Geleitwort

Vorwort

Prolog:

Die Liebe als Präludium einer Philosophie des Ich

Teil I

Die Bedeutung der Absonderung

1Der freie Wille und seine Beziehung zur Liebe

2Das Einheitsbewusstsein des göttlichen Urmenschen

3Phänomenologische Beschreibung der im göttlichen Urmenschen wirkenden Liebe

4Das Entstehen des zielgerichteten Selbstbewusstseins

5Die philosophischen Gegensätze als Voraussetzung der menschlichen Freiheit

6Die Notwendigkeit der Absonderung für die Entwicklung der Liebe

7Existenzielle Fragestellung

Teil II

Die Philosophie des Ich

1Das Pneumatische Ich: Einheit mit dem Weltenkosmos

2Die Formung des Selbstbewusstseins:

Das wahrnehmbare Ich oder das Philosophische Ich

3Die Formung des Selbstbewusstseins:

Das erlebbare Selbstbild oder das Empirische Ich

4Die drei Brennpunkte des Ich und ihre Beziehung zueinander

5Freies oder unfreies und unwahres Ich: Kriterien zur richtigen Einschätzung geistigen Wissens

6Die drei Brennpunkte des Ich und das Subjekt-Objekt-Verhältnis

7Das dreifaltige Ich als Bild der Trinität

8Das dreifaltige Ich und seine Bedeutung für die menschliche Freiheit

9Wahlfreiheit und Notwendigkeit als Phasen der Verwirklichung der Freiheit

10Objektivität als gestorbene Subjektivität und Subjektivität als embryonaler Zustand der Objektivität

11Der Weltenraum als kondensierter Wille: Die Kosmologie der Philosophie des Ich

12Der schöpferische Wille in der strömenden Zeit: Die Chronologie der Philosophie des Ich

13Karma, Zufall und Vorsehung als Ursache, Folge und Unterstützung der Freiheit

14Der verkündete Tod des Subjekts und die Notwendigkeit einer Philosophie des Ich

15Die Zeit als Willensintention des schöpferischen Geistes – Göttlicher Wille ist göttliche Liebe

16Das Denken findet die Gedankenformen abgestorbenen einstigen Willens im Weltenraum

17Die Wahrheit der Vergangenheit steht der Kunst der Zukunft gegenüber

18Gegenseitige Befruchtung von Wahrheit und Kunst als Weg zum Geist

19Wahrheit als Vorbedingung für das Erblühen der Liebe

20Form versus Leben: Apollinisches Denken als Antipathie und dionysisches Wollen als Sympathie

21Die Willenskraft der Liebe und die Ethik in der Kritik

22Liebe als höchste Kunst des Handelns

Teil III

Freiheit in der Einheit der Liebe

1Noch einmal: Die Subjekt-Objekt-Spaltung durch den Sündenfall

2Die beiden Säulen der Philosophie der Freiheit – Wirkungssphären und Austausch von Subjekt und Objekt

3Ist eine Aufhebung der Subjekt-Objekt-Spaltung möglich?

4Die Subjekt-Objekt-Spaltung als Voraussetzung des Bewusstseins

5Widersprüche bei der Aufhebung der Subjekt-Objekt-Spaltung: Ein philosophisches Koan

6Eine mögliche Antwort

7Das wache Selbstbewusstsein im Schlafbewusstsein

8Freiheit in der Einheit

9Das in sich selbst ruhende Ich

10Die ontische Verwurzelung des Philosophischen Ich im Pneumatischen Ich

11Das Ich-Bin als Herz der ungeteilten Aufmerksamkeit

12Handeln aus Geistesgegenwart und wortloser Intelligenz – Eine Metamorphose der unfreien Triebkräfte

13Liebe als Begegnung mit dem Ich-Bin des Anderen – »Ich bin der Ich-Bin« als das Wesen der Liebe

Anhang:

Ungeteilte Aufmerksamkeit oder Geistesgegenwart

Anmerkungen

Geleitwort

Roland van Vliet konnte bei der Titelgebung der deutschen Ausgabe seines letzten Buches keine direkte Hilfestellung mehr geben. War er doch, für viele Menschen überraschend und verfrüht, im April 2016 verstorben.I Seinem deutschen Verlag ist es gelungen, dem Buch einen ansprechenden und neugierig machenden Titel zu geben. Van Vliets Anliegen dieser Arbeit ist es, Grundlagen einer Philosophie der Gegenwart, einer Philosophie des Ich zu entwickeln. Im Zentrum dieser Grundlagen muss für ihn notwendigerweise das Ich stehen, eingebunden und untrennbar verbunden mit den Begriffen der Freiheit und der Liebe.

Letztere sind die beiden Säulen, die der Autor im ersten Teil des Buches aufbaut. Die eine Säule stellt das Erwachen des Menschen in einer dualistischen Welt dar. Dies eröffnet die Möglichkeit der Freiheit. Das Gift der Schlange polarisierte das menschliche Bewusstsein, sodass es sich selbst in der Welt der Erscheinungen, in Raum und Zeit, als ein Getrenntes, Alleiniges finden konnte. »Die ganze Inszenierung, das psychologische Drama, das im Garten Eden stattfand, scheint nur auf diese Bewusstwerdung hin ausgerichtet gewesen zu sein« (siehe S. 33). Als zweite Säule bezeichnet van Vliet den Abstand, in dem der eine Mensch sich zum anderen findet – dies ist die Grundlage der Liebe. Der erste Teil mündet in der Urfrage des erwachten Ich nach einer Rückkehr zur Einheit des Geistes.

Im zweiten Teil entwickelt van Vliet eine Ich-Philosophie, die in differenzierter Weise die Dreigestalt von Geistsubjekt, Denksubjekt und Personensubjekt umgreift. Van Vliet bezeichnet diese drei Prinzipien des Ich als Pneumatisches, Empirisches und Philosophisches Ich. Darin ist eine phänomenologische Begrifflichkeit gewonnen, die es dem Autor ermöglicht, verschiedene Missverständnisse zu klären.

An dieser Stelle tritt van Vliet mit seiner ganzen Persönlichkeit ein; es wird spürbar, dass es tiefe Anliegen sind, die ihn bewegen. Ihm gelingt es zunächst, aus einem spirituellen Ansatz heraus eine philosophische und darin phänomenologische Sicht auf die Genese und Situation des modernen Bewusstseins zu entwickeln. Dabei tritt er in diesem dritten seiner Bücher nicht nur als beeindruckender Kenner religiöser Strömungen in Erscheinung, als Christologe und Philosoph – er erscheint als Mensch – als ein moderner Mensch des 21. Jahrhunderts im klärenden Bewusstseinsgang durch das Gestrüpp verschiedener Verkenntnisse und Missdeutungen. Roland van Vliet durchlebt mit diesem Buch Lebensprüfungen und geht sie zu Ende, völlig autonom und authentisch. Er kennzeichnet sich in diesen Prüfungen selbst mit dem bezaubernden Merkmal der Integration; er zeigt sein Bedürfnis und die Suche nach einer Philosophie der Liebe.

Ein Beispiel dieser Integration ist van Vliets Verständnis des Existentialismus Jean Paul Sartres. Van Vliet beschreibt (mit-leidend) das von Sartre tief erlebte Gebildet-Werden durch den Blick des Anderen als ein Ur-Erlebnis der Unfreiheit. Dann zeigt er einen Weg der Wandlung: Letztere kann nicht im Empirischen Ich, im Selbst, beginnen – dies ruft das Erlebnis der Unfreiheit hervor. Allein vom Philosophischen Ich, das ist »die Denkkraft der eigenen Reflexion, die stets neu bestimmt und evaluiert« (siehe S. 57), kann der Schritt zur Freiheit ausgehen. Über das liebende Tun wird auch das Selbst, also das Personensubjekt, das Empirische Ich, verwandelt. Gleichzeitig mit der mitleidenden Geste des Philosophischen Ich ist dieses auch »der ›unbewegte Beweger« oder das Ich des Menschen, das seine eigene Ursache ist« (siehe S. 64). Diese Charakterisierung des Ich eröffnet einen Blick auf den Geist, auf das Pneumatische Ich, dessen Rehabilitierung dem Autor am Herzen liegt.

Van Vliet will zeigen, dass der Mensch in seiner ureigentlichen Wirklichkeit eine berechtigte Mittel-Stellung im Kosmos innehat. Grandios formuliert er beispielsweise die Begriffe von Karma, Zufall und Vorsehung und bringt sie in einen klangvollen Zusammenhang. Ein wundervoller Bogen wird geschlagen von einer zunächst gefassten Philosophie des Ich zu einer integralen und damit kosmologischen Philosophie. Dabei schafft der Autor Brücken, Ideen des Übergangs, wie die der Objektivität der Welt als einer »auskristallisierten Subjektivität« (siehe S. 91).

Der Höhepunkt des Buches und sein immanentes Ziel sind die Darstellungen des dritten Teils, in denen van Vliet, ausgehend von der Bewusstseinsphänomenologie Edmund Husserls, den Weg aus der Subjekt-Objekt-Gefangenschaft aufzeigt. Und damit gelingt ihm der Schritt in eine reale Philosophie der Gegenwart. Dies ist der Weg, den auch Rudolf Steiner einschlug, als er den Schritt von einer Philosophie der Freiheit zur konkreten Schilderung geisteswissenschaftlicher Erkenntnis ging. Van Vliet vollzieht diesen Übergang in ein einheitliches und doch waches Bewusstsein mit der Charakterisierung der ungeteilten Aufmerksamkeit. Es ist der Weg vom Denken zum Wahrnehmen – das wache und geschulte Eintauchen in ein Ich-Wahrnehmen –, der in der gegenwärtigen Philosophie auch von anderen Denkern beschritten wird. »Im Mittelpunkt der Erkenntnislegitimation … steht ein bildendes Vermögen, das der Vorstellungskraft, dem Reflexionsvermögen und der Einbildungskraft zugrunde liegt. Dieses Vermögen macht den Menschen in seiner spezifischen Eigenart aus. […] Der Mensch ist die sich selbst – prä-reflexiv! – bewusste Verleiblichung dieses bildenden Vermögens. Dieses eigentümliche Bewusstsein … ist das ›Phänomen‹ par excellence einer ›anthropologischen Phänomenologie‹«II, heißt es beispielsweise bei Alexander Schnell.

Roland van Vliet stellt sich mit diesem Buch grandios und bescheiden in den Dienst einer Philosophie des Menschen, die nicht sondert, sondern verbindet, in den Dienst einer integralen Philosophie der Gegenwart.

Die besondere Rolle, die die von ihm entwickelte »Ungeteilte Aufmerksamkeit« (ongedeelde aandacht) in Roland van Vliets Werk einnimmt, finden wir in seinem dritten und letzten Buch auf eindrucksvolle Weise gespiegelt (siehe Teil III, Kap. 11 und den Anhang). Die Übersetzung »Aufmerksamkeit« für das niederländische aandacht hat sich nach ausführlichen Gesprächen durchgesetzt. Van Vliet hat in seinen Seminaren und Vorträgen in deutscher Sprache sowohl den Begriff der Andacht, wie auch den der Aufmerksamkeit verwendet.

In einem Vortrag Rudolf Steiners vom 28. Oktober 1909 heißt es:

»Die Andacht soll aus dem Ich herausströmen und zu dem Ding hinströmen, das erkannt werden soll. So hebt sich das Ich aus der Empfindungs- und Verstandesseele heraus durch Überwindung des Zornes und anderer Affekte und durch die Pflege des Wahrheitssinnes, so lässt es sich heranziehen zur Bewusstseinsseele immer mehr und mehr durch die Andacht.«III

Das Verständnis der Andacht als Erkenntnismethode, wie Steiner es hier darstellt, kommt dem sehr nah, was Roland van Vliet beschreibt. Auch wenn van Vliet diesen Vortrag mit dem Titel »Die Mission der Andacht« nicht zitiert, kann der Eindruck entstehen, der niederländische Philosoph habe ihm mehr als nur einige Impulse zu verdanken. An anderer Stelle im gleichen Vortrag beschreibt Steiner:

»Das Ich hat die Notwendigkeit, seine Selbststärke und Selbsttätigkeit immer mehr und mehr zu erhöhen, immer mehr und mehr ein inhaltsvolles Selbst zu werden. Es hat die Aufgabe, ein solches Selbst zu werden, das nicht in Selbstsucht verkommt und in Egoismus verhärtet. Wenn es sich darum handelt, weiter hinaufzuschreiten zu dem Wissen von dem Unbekannten und Übersinnlichen, wenn die Andacht zur Selbsterzieherin gemacht wird, da liegt stark die Gefahr nahe, dass dieses Ich, dieses Selbst des Menschen, sich verlieren könnte.«IV

Und wie begegnet das Ich in Roland van Vliets Ausführungen dieser Gefahr? »Das Philosophische Ich ermöglicht es aber gerade, das wahre Wesen des Menschen anzusprechen: den freien Willen, der zur Liebe führen kann. Denn das Philosophische Ich ist die Fähigkeit zur Selbstreflexion«, führt er im 8. Kapitel des zweiten Teils dieses Buches aus (siehe S. 75).

In diesem Sinne wünschen wir Roland van Vliets Buch und seiner Philosophie des Ich eine wohlwollende und bereichernde Aufnahme.

Christoph Merholz und Michael Stehle

21. Juli 2017

IDer Titel der Originalausgabe lautet wörtlich übersetzt: Philosophie des Ich. Das dreifaltige Ich als Philosophie der Freiheit – Einleitende Betrachtungen zu einer Philosophie der Liebe.

IIAlexander Schnell, Hinaus – Entwürfe zu einer phänomenologischen Metaphysik und Anthropologie. Würzburg 2011.

IIIRudolf Steiner, Metamorphosen des Seelenlebens (GA 58). Vortrag vom 28. Oktober 1909. Dornach 1984, S. 126.

IVEbenda, S. 59.

Vorwort

In den 1980er-Jahren, also schon vor längerer Zeit, erschien in der Zeitung HP/De Tijd ein Artikel über das Zeitalter des Egos, der davon handelte, dass die Menschen an ihrer Selbstentfaltung arbeiteten, sich freimütig und überall abgrenzten und ein jeder sich als Regisseur des eigenen Lebens ansehe. Über unsere heutige Zeit, das sogenannte Netzwerkzeitalter, müsste man gerade das Gegenteil feststellen: Jeder steht im Mittelpunkt, als wäre er eine Art Machthaber inmitten eines je eigenen Netzes von Verbindungen.

Einst, als in spirituellen Kreisen erstmals über das Ich nachgedacht wurde, unterschied man zwischen einem höheren Ich, mit dem man sich verbinden könne, und einem niederen Ich oder Ego, das man loslassen oder überwinden müsse. Die Erkenntnis, dass wirkliche menschliche Freiheit unter der Voraussetzung dieses Dualismus von einem höheren und einem niederen Ich nicht möglich ist, ist Ausgangspunkt dessen, was ich in diesem Buch als meine Philosophie des Ich beschreibe. Denn das höhere Ich hat keine menschliche Dimension, es bleibt statisch, eine Monade inmitten einer sich bewegenden und verändernden Welt, in der die Beziehungen beständig wechseln.

Wenn man vom heutigen Standpunkt aus über das Ich nachdenkt, sind die Beziehungen wichtiger als die Identität. Schon in Die Ordnung des Diskurses (1970) hat Michel Foucault beschrieben, dass das Subjekt keine Identität an sich berge, sondern nur Knotenpunkt eines Beziehungsgefüges sei. So bin ich zum Beispiel der Mann meiner Frau, der Vater meiner Tochter und so weiter. Ähnlich denkt auch der Philosoph Daniel Dennett, der den Standpunkt vieler Naturwissenschaftler zusammenfasst, wenn er materialistisch behauptet, bislang sei nirgendwo im Menschen ein zentrales Organ gefunden worden, das Ich genannt werden könne. Er leugnet denn auch die menschliche Freiheit: Wir seien allein das Produkt der Gene und der Erfahrungen aus der Vergangenheit. Eine Philosophie des Ich, wie ich sie in diesem Buch darlegen möchte, positioniert sich zwischen diesen Standpunkten, sie will spiritualistischen wie materialistischen Determinismus vermeiden und Identität und Relationalität miteinander in Einklang bringen, indem sie von drei Ursprüngen des Ich ausgeht: dem Philosophischen Ich, dem Pneumatischen Ich und dem Empirischen Ich. Erst durch das dynamische Zusammenspiel dieser drei Bereiche, äußerlich wie innerlich, wird menschliche Freiheit möglich. Und die gute Absicht einer Handlung, die aus wirklicher Freiheit geboren ist, lässt zuletzt Liebe entstehen. Darum ist die Philosophie des Ich die Grundlage einer Philosophie der Liebe.

Um diese Philosophie auch praktisch, im Leben, anwenden zu können, bedarf es der Geistesgegenwart oder der ungeteilten Aufmerksamkeit, die im Anhang dieses Buches als grundlegende innere Haltung beschrieben wird. Mit ihrer Hilfe kann man die Kunst des Handelns erlernen und einüben.

Mein Dank gilt Jacquem Meijers und Marja Pel-Adema.

Roland van Vliet

Maastricht, 8. September 2014

Prolog

Die Liebe als Präludium einer Philosophie des Ich

Was Liebe bedeutet, lässt sich in Anbetracht ihrer majestätischen Präsenz nicht ergründen. Alle Energie, die man aufwendet, ihr in anderer Absicht gegenüberzutreten, verweist doch nur wieder auf sie und steht letztlich in ihrem Dienst. Liebe ist uns durch das schweigsame Sein beschieden und vor allem durch sie selbst. Ihre Schönheit, ihre intensive Glut reißt mit flüsterndem Erschrecken alle Schleier auf, die etwas in uns niederdrücken. Wie ein rauschender Windstoß fühlt sich ihr großzügiger Atem in den klein gewordenen Kammern des heimatlosen Herzens an. Noch vornehmer und größer als dieser heilende Sturm ist sie, doch kann ihre ganze Wirksamkeit als solche nie erfahren werden. Sie flieht die Klugheit, die sie einengen und mit entseelten Worten über sie herrschen will.

Die Liebe, oder besser gesagt: das Wesen der Liebe geht notwendigerweise an ihrer eigenen Absicht vorbei. Die Liebe ist rein und streng und weist alles ab, was keine Liebe in sich enthält. Und doch spielt sie mit demjenigen, der ihr den Ball der Vorschriften zuwirft, und wirft ihm diesen so lange zurück, bis der unschlüssige Werfer müde wird, ihr nur noch träumerisch entgegenlacht und dadurch erst empfänglich wird für ihr wahres Wesen.

Die Philosophie des Ich will und kann keine endgültige Antwort geben auf die Frage, was die Liebe für den Menschen bedeutet. Denn das hieße, etwas noch Höheres zu setzen, dem sie vielleicht untergeordnet oder dienstbar wäre, zum Beispiel dem Glück, der Weisheit oder der Entwicklung. Eher scheint es mir, dass diese edlen Paladine in ihrem Dienst stehen, dass sie bestenfalls im Inneren des Menschenwesens zusammenarbeiten mit ihrer wartenden Braut.

Doch wenn die Liebe so schwierig zu ergründen ist, müsste dann nicht einer anderen Person Zugang verliehen werden, die geschmeidiger durchs Lattenwerk des Denkens schlüpfen kann? Einer Art Herold, der mit lauter Stimme ausruft: Welcher Voraussetzungen bedarf es, um die verschwiegene Liebe im Menschen erblühen zu lassen?

Die Liebe selbst ist erhaben über die Frage nach ihrem Sinn. Und die Frage: »Was habe ich davon, wenn ich die Liebe lebe?«, kann wohl niemand im Innersten seines Wesens ohne eine Brandspur von Selbstverleugnung aufwerfen. Denn sind wir nicht in den ewigen Gongschlägen unserer Seele, in den Fundamenten unseres Geistes, in der Wurzel unserer Taten Liebe?

»Die Rose ziert den Garten allein durch ihr Sein.« – Der Gedanke, im existenziellen wie im potenziellen Sinn Liebe zu sein, scheint heutzutage allerdings in einigen spiritualistischen Kreisen Anlass zu geben, der Versuchung einer für selbstverständlich gehaltenen Erleuchtung zu erliegen. Hier schlägt die saugende Eitelkeit zu, mit der beschämenden Illusion, dass nichts mehr verwirklicht werden müsse. Indem alles bequem und gleichermaßen zur Liebe erklärt wird, wird Frau Justitia in trunkener Anarchie und zu Unrecht verabschiedet. Ist sie doch eigentlich eine sehr freie Frau, die in der lebendigen Rede wohnt und mit gezücktem Schwert feinsinnig scheidet, was das Gute trägt und was – als das noch nicht erlöste Böse – hinter jeder Handlung sich erheben will.

Auch der Steuermann, der im Kampf die Freiheit des eigenen Handelns erworben hat, wird durch einen solchen metaphysischen Determinismus, der alles, was man tut, zur Liebe erklärt, allzu nonchalant von Bord geschickt. Und dies geschieht zu allem Überfluss im Glauben, dass die Ströme des Lebens, zu denen auch die Liebe gehört, sich ihren Weg selbst bahnen müssten.

Um eine realistischere Vorstellung von der Menschwerdung zu bekommen, muss zu der Idee, immer schon wesensmäßig Liebe zu sein, noch der Gedanke der persönlichen Freiheit hinzutreten, sodass die – faktisch nur potenzielle – Liebe im Handeln je neu verwirklicht wird. Das Wesen der Liebe braucht weder eine Erklärung, noch muss es von etwas anderem unterschieden werden, es geht vielmehr um die Sehnsucht nach ihr und um den Weg der Prüfungen zu ihr.

Dabei kann und soll gezeigt werden, dass das menschliche Streben die Voraussetzung ist für die Verwirklichung der Liebe und welche Bedeutung dieses Streben für Offenbarungen und Erlösung aus den verborgenen Tiefen des Menschseins hat.

Dann kann die Frage – noch einmal neu gestellt – zum Ausgangspunkt einer Philosophie der Liebe werden: Was sind die Voraussetzungen für die Entwicklung der Liebe und wie kann eine Philosophie des Ich darauf eine Antwort geben?

Wer das Mysterium des Ich enträtselt, der begegnet dem Wesen

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