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SKULL 1: Zu neuer Würde

SKULL 1: Zu neuer Würde

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SKULL 1: Zu neuer Würde

Länge:
551 Seiten
6 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Jun 27, 2018
ISBN:
9783864026119
Format:
Buch

Beschreibung

Das Vereinigte Koloniale Königreich führt im Jahre 2625 einen erbitterten Bürgerkrieg gegen einen abtrünnigen Planetenverbund.
Während der Belagerung der Rebellenwelt Tessa kommt es zu einem folgenschweren Zwischenfall. Commodore Dexter Blackburn, Befehlshaber eines Einsatzgeschwaders der Colonial Royal Navy, bombardiert versehentlich die Stellungen eigener Truppen auf der Oberfläche des Planeten. Mehrere Marines verlieren ihr Leben.
Mit Schimpf und Schande unehrenhaft entlassen und zur Zwangsarbeit verurteilt, steht er plötzlich vor dem Nichts.
Siebzehn Jahre später fristet Dexter Blackburn ein erbärmliches Leben auf der Erde. Der Trunkenheit verfallen, schlägt er sich mehr schlecht denn recht als Tagelöhner durch. Da unterbreitet ihm ein alter Freund das lukrative Angebot, sich der neuen Söldnereinheit SKULL anzuschließen.
Als er das Angebot nach kurzem Zögern annimmt, ahnt er noch nicht, dass sich sein Leben von Grund auf ändern wird. Denn er und seine Kameraden von SKULL sind lediglich Figuren in einem perfiden Spiel um die Macht. Sie stehen einem Widersacher gegenüber, der für die Erfüllung seiner Ziele über Leichen geht. Und dieser hat keine Skrupel, die SKULLs notfalls auszulöschen …
Herausgeber:
Freigegeben:
Jun 27, 2018
ISBN:
9783864026119
Format:
Buch

Über den Autor


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SKULL 1 - Stefan Burban

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Prolog

Der Anfang vom Ende

17. April 2625

Die meisten Menschen hatten völlig falsche Vorstellungen vom Krieg. Dies galt vor allem für die jüngeren Exemplare der Gattung. Wenn sie an den Militärdienst dachten, kamen ihnen zuallererst Begriffe wie Ruhm, Ehre und Orden in den Sinn.

Sie ließen außer Acht, dass viele arme Schweine sterben müssen, damit ein paar Lamettaträger sich ein paar glänzende Abzeichen an die Brust heften konnten.

Jedes Jahr meldeten sich Zehntausende hoffnungsvolle Jugendliche zu den Waffen, um dem König zu dienen. Sie alle träumten von Beförderungen, der Glorie eines ruhmreichen Gefechts und davon, ihre Familien stolz zu machen. Sie marschierten mit geschwellter Brust hocherhobenen Hauptes in die Schlacht. Doch dann flogen die ersten Granaten – und die meisten schissen sich ein.

Krieg war nicht Glanz. Er war nicht Glorie.

Krieg war Schmutz.

Krieg war Blut.

Und Krieg war Gestank.

Captain Lennox Christian von den Colonial Royal Marines des Vereinigten Kolonialen Königreichs rümpfte angeekelt die Nase. Ihm stieg unangenehm die Mischung aus menschlichen Ausdünstungen, ungewaschenen Leibern sowie dem unverwechselbaren Geruch tausendfach abgefeuerter Waffen in die Nase. Daran gewöhnte man sich nie. Völlig egal, wie viele Schlachten man miterlebte.

Er zog seinen Kopf zwischen die Schulterblätter und duckte sich tief in den Schützengraben. Die Artilleriegeschosse der Rebellen schlugen rings um seine Position ein und schleuderten Dreckfontänen auf. Ohne den Helm, der die Geräusche merklich dämpfte, wäre er taub geworden.

Nur wenige Meter entfernt schlug eine Granate direkt in den Graben ein und zerriss vor seinen Augen zwei Marines. Ihre blutigen Überreste verteilten sich über den halben Abschnitt. Ein Teil der Schanzung brach ein und begrub das, was von den armen Kerlen übrig war, unter einem Berg aus Geröll und Schlamm.

Einige der jüngeren Soldaten übergaben sich lautstark. Lennox klopfte einem von ihnen aufmunternd auf den Rücken, obwohl er eigentlich keine Gefühlsregung bei dem Anblick verspürte. Die zwei Männer hatten nicht zu seiner Einheit gehört, sondern zu Cantlepures Kompanie. Trotzdem hätte er doch etwas spüren müssen, und sei es nur Betroffenheit. Doch da war nichts – jedenfalls nicht viel. Lennox zuckte die Achseln. Vermutlich hatten ihn die Jahre seines Dienstes abstumpfen lassen. Das war nicht ungewöhnlich für einen Frontoffizier.

Ein Marine schlenderte auf ihn zu. Der Unteroffizier schien dabei nicht mehr Unbehagen zu empfinden, als würde er durch einen Sommerregen spazieren. Gegen seinen Willen schmunzelte Lennox. Der Mann war ein Unikum.

Weitere Granaten schlugen ein und überschütteten Gunnery Sergeant Alejandro Barrera mit einem Schauer aus Dreck und Erdklumpen. Barrera schüttelte sich kurz, um all den Schmutz halbwegs loszuwerden. Als würde sich hier irgendjemand darum kümmern, wie der Mann aussah.

»Captain«, grüßte er seinen Vorgesetzten mit grimmiger Miene.

»Neuigkeiten, Gunny?«, wollte Lennox wissen, während er den Rand des Schützengrabens sorgfältig im Auge behielt. Es war durchaus vorstellbar, dass das Artilleriebombardement nur der Auftakt einer Großoffensive bildete und im nächsten Moment Tausende von Rebellensoldaten über die Kante strömten. Unbewusst hielt er den Atem an. Doch nichts dergleichen geschah. Er stieß den angehaltenen Atem in einem Schwall aus.

Barrera reichte ihm einen Datenstick. »Depesche«, erwiderte er kurz angebunden. Den Unteroffizier schien im Moment nichts weniger zu beschäftigen als die Worte eines Sesselfurzers, der weit entfernt in Sicherheit weilte. Solche Kerle schickten ein paar Befehle auf den Weg, um sich anschließend wieder ihrer Partie Bridge mit den Offizierskollegen vom Stab zu widmen. Dass diese Befehle jungen Männern und Frauen das Leben kosteten, kümmerte sie meistens wenig.

Ehrlich gesagt hatte Lennox nicht die geringste Ahnung, ob dies beim Stab wirklich so ablief. Doch unter den Frontschweinen hielten sich hartnäckig derartige Gerüchte. Er vermutete, dies war nur natürlich unter Soldaten, die täglich dem Tod ins Auge sahen. Es lenkte von der eigenen Angst ab, jemandem die Schuld geben zu können.

Lennox wog den Datenstick abwägend in der Hand. Was immer dort draufstand, konnte über Tod oder Leben seiner Einheit entscheiden. Mit einem letzten Seufzer steckte er den Datenstick in die dafür vorgesehene Öffnung seines Helms. Augenblicklich bauten sich vor seinem Auge mehrere geometrische Formen auf. Sie nahmen eine umfassende Vermessung seines Retinaabdrucks vor und verglichen sie mit den Daten seiner Militärakte. Erst dann liefen Datenkolonnen gefolgt von einem kurzen Text vor seinen Augen ab. Die Botschaft wurde direkt auf seine Netzhaut projiziert, damit niemand mitlesen konnte. Nachdem die Nachricht beendet war, seufzte er erneut und nahm den Stick wieder aus dem Helm. Er sah das Ding missmutiger an als zuvor.

Barrera lachte grunzend. »Und?«, meinte er sarkastisch. »Gute Neuigkeiten?«

Lennox sah mit gerunzelter Stirn auf, was Barrera veranlasste, sich das Lachen vom Gesicht zu wischen. Trotzdem überkam Lennox das unangenehme Gefühl, der Gunnery Sergeant amüsiere sich noch immer. Der Mann hatte manchmal einen verdammt makabren Sinn für Humor.

»Die Aufklärung hat auf der anderen Seite der Anhöhe Rebellentruppen ausgemacht. Sie scheinen eine vorgeschobene Artilleriestellung aufzubauen – mit mindestens drei fetten Batterien. Wenn die das Zeug installieren, liegt unter anderem unser Nachschub in ihrer Reichweite. Wir sollen sie ausschalten.«

»Warum ausgerechnet wir?«

»Weil wir am nächsten dran sind.« Lennox steckte den Datenstick ein und deutete auf die Mitglieder seiner Kompanie, von denen sich der überwiegende Teil ausruhte, indem sich die Marines mit dem Rücken an die Wände des Schützengrabens lehnten. »Bringen Sie die Leute auf Trab, Gunny.«

Barrera zuckte die Achseln und wandte sich den Marines zu. »Ihr habt den Captain gehört. Hoch mit euch! Es gibt Arbeit.«

 

Commodore Dexter Blackburn stand breitbeinig auf der Flaggbrücke Seiner Majestät Schlachtkreuzers HMS Horatio Nelson. In Gedanken versunken schüttelte er den Kopf und betrachtete die sich fast stündlich verändernde Lage auf dem Planeten. Der Holotank vor ihm flackerte leicht, was auf ein Problem der Energieversorgung hindeutete.

Verdammte Rebellen!

Vor gut einem halben Jahr hatten sich mehrere Systeme vom Vereinigten Kolonialen Königreich losgesagt und ihre Unabhängigkeit erklärt. Dexter hatte nie so ganz verstanden, was sie sich davon versprachen. Krieg war die logische Konsequenz ihres Handelns. Die Rebellen waren in der Minderheit, schlecht ausgerüstet und größtenteils ohne militärische Erfahrung. Die meisten Mitglieder der Admiralität waren davon ausgegangen, der Krieg würde höchsten ein paar Wochen andauern. Doch die Rebellen erwiesen sich als unerwartet harte Nuss.

Die Colonial Royal Navy – oder kurz CRN – war gezwungen, sich den Weg durch jeden Sektor blutig zu erkämpfen. Nun hatte sich auch noch vor gut zwei Monaten die unter der Horatio Nelson ihre Kreise ziehende Welt Tessa den Rebellen angeschlossen und diente seither als deren Hauptquartier in diesem Sektor.

Dexter schnaubte. Die CRN belagerte den Planeten nun seit sechs Wochen. Und trotz erbitterten Widerstands der Rebellen stand Tessa endlich kurz vor dem Fall. Damit wäre das Ende des Aufstands in diesem Sektor beendet und die Navy konnte sich den Kämpfen in anderen Sektoren zuwenden. Dafür wurde es auch höchste Zeit.

Er schüttelte erneut den Kopf. Wenn die Rebellen nur nicht so stur wären und ihre Niederlage endlich einsehen würden.

Miriam Lebrowski – sein Flagglieutenant – trat zu ihm und deutete auf eine Ecke des Holotanks.

»Eine Übertragung, Sir.«

Dexter nickte angespannt. »Einspeisen.«

Augenblicklich lief ein langer Text von gut und gerne fünfzig Zeilen über das Hologramm, das der Tank erzeugte. Dexter schüttelte erneut den Kopf. Das war seltsam. Das war sogar überaus seltsam. Laut dieser Nachricht bekam die Horatio Nelson den Befehl, eine Position auf der Planetenoberfläche zu bombardieren. Jeder Befehl wurde mit einer digitalen Signatur versehen, um zu verhindern, dass Befehle oder Nachrichten vom Feind gefälscht werden konnten. Diese Signaturen konnten weder manipuliert noch sonst wie bearbeitet werden. Doch dieser Befehl war mit einer Signatur versehen, die er noch nie gesehen hatte. Es handelte sich um das Unendlichkeitssymbol – eine auf der Seite liegende Acht – inmitten eines Kreises. Durch die Mitte des Unendlichkeitssymbols ging ein Schwert mit nach unten gerichteter Spitze.

Es handelte sich weder um die Signatur des Geheimdienstes noch der Admiralität, obwohl sie über der dem Royal Intelligence Service vorbehaltenen Frequenz eingetroffen war. Die Nachricht wurde als streng geheim klassifiziert und verfügte über die derzeit gültigen Codes. Die digitale Signatur sowie der Schiffscomputer bestätigten die Authentizität. Die digitalen Signaturen regelten den militärischen Kommunikationsverkehr und sorgten dafür, dass weder Flotte noch Bodentruppen mit Falschinformationen gefüttert werden konnten. Die Nachricht war ohne Zweifel rechtmäßig. Der Vorgang an sich war dennoch seltsam. Dexter zuckte die Achseln.

»Eine Verbindung zu Captain MacAvoy.«

Lebrowski nickte dem Kommunikationsoffizier zu, der in der Ecke Dienst tat. Diese betätigte einige Regler und keine fünf Sekunden später baute sich das kantige Gesicht eines anderen Offiziers vor Dexter auf.

Douglas MacAvoy, Captain der HMS Horatio Nelson, nickte Dexter freundlich zu und erwartete dessen Anweisungen.

»Captain? Wir müssen die Position wechseln. Wir haben soeben den Befehl erhalten, eine Bombardierung durchzuführen. Ist es derzeit sicher?«

Das Antlitz des Captains verschwand für einen Moment, während er sich die entsprechenden Informationen geben ließ. Die Unterbrechung währte jedoch nur kurz.

»Wir haben grünes Licht, Commodore. Die Rebellen führen zurzeit mehrere Militäroperationen auf der Rückseite des dritten Planeten und auf zweien seiner Monde durch. Der Weltraum um Tessa selbst ist derzeit sicher.«

Dexter nickte. »Ich schicke Ihnen die Koordinaten. Führen Sie einen umfassenden Scan des betreffenden Bereiches durch! Sobald Sie in Position sind, geben Sie Bescheid! Dann bestätige ich Ihnen noch einmal den Feuerbefehl und wir radieren die Kerle da unten aus.«

MacAvoy lächelte grimmig. »Aye, aye, Sir!«

Das Abbild des Captains verschwand. Dexter dachte über den erhaltenen Befehl ausgiebig nach. Diese unbekannte Signatur ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Doch es ließ sich kaum etwas dagegen sagen. Befehl war immerhin Befehl.

»Miriam? Befehl an das Geschwader: Die Schiffe sollen ausschwärmen und uns Deckung geben! Nur zur Sicherheit.«

 

Captain Lennox Christian führte seine Kompanie im Zickzackkurs über das Schlachtfeld. Die Reste des letzten Schlagabtauschs zwischen regierungstreuen Truppen und Rebellen waren noch allgegenwärtig: zerschossene Wracks von Fahrzeugen und Panzern, unzählige leere Geschosshülsen und die Überreste gefallener Soldaten beider Seiten. Lennox zwang sich, all das zu ignorieren.

Der Vorstoß wurde von Lennox’ Kompanie sowie einem halben Dutzend anderer Kompanien aus drei Richtungen geführt. Die eine Hälfte der Truppen sollte Deckung geben, die andere den eigentlichen Angriff führen. So viel zur Theorie. Wenn ihn militärische Planungen jedoch eines gelehrt hatten, dann, dass Theorie und Praxis während eines Gefechts nur selten konform gingen.

Gewehrfeuer schlug ihnen plötzlich entgegen. Zwei Marines aus Lennox’ Einheit wurden getroffen. Zahlreiche Einschläge rissen die beiden von den Beinen. Die verborgenen Schützen verwendeten panzerbrechende Munition. Die Soldaten hatten trotz Panzerweste nicht den Hauch einer Chance.

»Feindbeschuss!«, schrie Barrera und warf sich im selben Atemzug auf den Boden.

Lennox ging hinter dem noch qualmenden Wrack eines T-17-Fireball-Panzers in Deckung. Zu welcher Seite der Panzer gehört hatte, war nicht mehr erkennbar. Der Typ wurde jedenfalls von beiden Kriegsparteien eingesetzt.

Er riss sein G-12-Infanteriegaußgewehr in die Höhe und zielte sorgfältig. Diese Waffe verschoss Projektile aus Aluminium mit einer Wolframspitze. Jedes Magazin umfasste tausend dieser kleinen tödlichen Geschosse. Im Dauerfeuermodus war die Waffe in der Lage, ein Magazin in knapp zwanzig Sekunden zu leeren.

Lennox’ rechter Daumen zuckte kurz nach oben und stellte den Kippschalter von vollautomatisch auf Salvenfeuer. Bei dieser etwas sparsameren Einstellung würden sich jedes Mal, wenn er den Abzug mit seinem Zeigefinger streichelte, drei Schuss aus der Hochgeschwindigkeitswaffe lösen.

Er spähte durch die Zieloptik. Direkt voraus machte er einen feindlichen Bunker aus. Der Stahl der Konstruktion war von Bombenangriffen bereits mehrfach getroffen worden. Das Dach des Bunkers war aufgerissen, was übrig war, schwarz versengt. Der Bunker war vermutlich von den königlichen Pionieren angelegt und in den erbitterten Kämpfen von den Rebellen besetzt worden. Das spielte in Lennox’ Erwägungen jedoch nicht wirklich eine Rolle.

Aus zweien der Schießscharten schlug seiner Einheit mit unverminderter Härte Gewalt entgegen und er würde das unterbinden.

Lennox wartete, bis der Gegner erneut feuerte, berechnete im Kopf den ungefähren Standort der zwei feindlichen Soldaten in Relation zur Schießscharte – und strich zweimal über den Abzug.

Die Geschosse lösten sich jedes Mal mit kurzem Zischen, das sich fast nach tierischem Fauchen anhörte.

Die Aluminiumprojektile perforierten den Bunker an den angepeilten Punkten. Der feindliche Beschuss endete abrupt.

Barrera führte einen Stoßtrupp nach vorn. Zwei Marines sicherten die Flanken, zwei den Rücken des Trupps und zwei – einer von ihnen Barrera selbst – gingen nach vorn.

Barrera zog eine Granate ab und warf sie, ohne zu zögern, durch eine Schießscharte. Die Marines zogen den Kopf ein. Aus allen Schießscharten und dem zerstörten Dach des Bunkers bahnten sich Stichflammen nach außen. Lennox war zweihundert Meter weit weg und sie waren sogar auf diese Entfernung noch zu spüren.

Das Innere des Bunkers füllte sich mit Flammen. Dort konnte nichts und niemand überlebt haben – falls nicht schon Lennox’ Beschuss dafür gesorgt hatte. Barrera hob die rechte Hand mit erhobenem Daumen.

Lennox seufzte. Ein Problem weniger – noch ungefähr eine Million übrig. Er erhob sich geschmeidig.

In diesem Augenblick stieß ein kohärenter Energiestrahl aus dem wolkenverhangenen Himmel zur Oberfläche hinab, kaum einen Kilometer von ihrer Position entfernt. Der Strahl endete so abrupt, wie er aufgeflammt war. Vor Lennox’ Augen tanzten jedoch weiterhin bunte Flecken und schienen gar nicht zur Ruhe kommen zu wollen.

Ein weiterer Strahl brannte sich zur Oberfläche hinab – diesmal bedeutend näher. Lennox und Gunnery Sergeant Barrera tauschten einen verwirrten Blick. Was zum Teufel ging hier vor?

Weitere Energiestrahlen und Geschosse aus Laserbatterien, großkalibrigen Schiffsgaußwaffen und Railguns gingen nun auf die Oberfläche nieder. Der Boden erzitterte unter seinen Füßen. Er konnte sich kaum aufrecht halten. Lennox gab Barrera einen kurzen Wink.

Der erfahrene Unteroffizier verstand augenblicklich. Die Einheit musste in Sicherheit gebracht werden. Der Sergeant scheuchte die Marines vor sich her, um möglichst viel Abstand zwischen sich und den orbitalen Beschuss zu bringen. Lennox schloss sich ihnen an und achtete darauf, dass niemand zurückblieb. Sie hätten es beinahe geschafft.

Nur wenige Meter neben der Einheit schlug das Projektil einer Railgun ein. Die Wucht des Aufpralls schleuderte die Marines wie Stoffpuppen durch die Luft.

Wie lange der unfreiwillige Flug dauerte, vermochte Lennox nicht einmal ansatzweise zu schätzen. Es kam ihm wie Minuten vor, doch es konnte sich nur um Sekunden handeln.

Der Aufprall presste ihm alle Luft aus den Lungen und er japste angestrengt. Neben ihm kam etwas schwer zum Liegen. Lennox sah auf – und starrte in die toten Augen eines seiner Männer. Alles unterhalb der Hüfte fehlte. Das Blut des Marines mischte sich mit dem Morast des Schlachtfelds.

Der Schmerz brach sich endlich Bahn und ein gequältes Stöhnen drang aus Lennox’ Luftröhre. Zu einem anderen Laut war er nicht fähig. Er versuchte sich aufzurichten. Während er dies tat, sah er auf und musste hilflos mit ansehen, wie die Schiffsgeschütze seine Einheit abschlachteten.

 

»Feuer einstellen!«, befahl Dexter mit gehetzt klingender Stimme. »Feuer sofort einstellen!« Die Worte, die man ihnen gerade mittels Interkom – dem Kommunikationssystem zwischen Großkampfschiffen – übermittelt hatte, drangen immer wieder schmerzhaft durch seinen Verstand.

Feuer einstellen! Feuer einstellen! Ihr beschießt eigene Truppen! Seid ihr verrückt geworden?

Er sah auf. »Miriam? Was ist da eben passiert?«

Sein Flagglieutenant schüttelte fassungslos den Kopf. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Die Koordinaten, die man uns gegeben hat. Wir haben gerade eine Einheit Marines beschossen.«

Er schluckte. »Geben Sie mir den Admiral! Wir müssen unbedingt herausfinden, wie das passieren konnte.«

Ein plötzlicher Ruck ging durch das Schiff. Die Flaggbrücke befand sich tief in den Eingeweiden des Schlachtkreuzers. Normalerweise hätte man so tief im Schiff nichts spüren dürfen von einem im All tobenden Gefecht. Aufgrund der Trägheitsdämpfer sowieso nicht. Ein weiterer Ruck ging durch das Schiff. Jetzt war Dexter völlig klar, dass etwas ganz gehörig schieflief.

Er wollte schon die Brücke rufen, als sich MacAvoys Hologramm vor ihm aufbaute. »Wir werden torpediert! Wir werden torpediert!«, schrie der Mann immer wieder wie von Sinnen.

»Ich dachte, unsere Position wäre sicher?«

»Ich habe mich geirrt. Sie haben ihre Annäherung durch einen Kurs über den Nordpol verschleiert.«

Ein weiterer Schlag ging durch das Schiff. Mit einem Mal dröhnte der Dekompressionsalarm über die Flaggbrücke. Alle anwesenden Offiziere legten augenblicklich die Sauerstoffmaske an, die jeder Navyangehörige zu jedem Zeitpunkt seines Dienstes im Weltraum bei sich tragen musste. Der Vorrat hielt jedoch nur eine Stunde und war ausschließlich für Notfälle gedacht.

MacAvoys Gesicht verschwand für eine Sekunde, nur um noch gehetzter zurückzukehren. »Wir haben drei Lecks in der Außenhülle. Eines davon auf Ihrem Deck. Ich weiß nicht, ob wir das Schiff retten können. Die Lage ist wirklich übel.«

»Was ist mit den anderen Schiffen? Wie konnten die Angreifer überhaupt so nah an uns herankommen?«

»Keine Ahnung. Der Rest des Geschwaders hat gerade seine eigenen Probleme. Sie können uns nicht unterstützen.«

Dexter wollte etwas erwidern, doch da explodierte der Korridor neben der Flaggbrücke mit solcher Wucht, dass deren gepanzerte Hülle aufbrach und sich die Detonationswelle in ihr Inneres fortsetzte.

Dexter wurde gegen die nächste Wand geschleudert. Er kämpfte verzweifelt darum, bei Bewusstsein zu bleiben. Auf der Flaggbrücke brach blankes Chaos aus. Menschen rannten dem Anschein nach blindlings umher. Dexters Sichtfeld wurde immer kleiner und er nahm seine Kameraden inzwischen nur noch als undeutliche Schemen wahr. Und schließlich übermannte ihn Schwärze.

 

22. Mai 2625

Dexter erwachte schweißgebadet. Seine Kleidung klebte an seinem Körper und das Herz schlug ihm bis zum Hals. Eine der Wachen stürmte herein, die Waffe im Anschlag.

»Alles in Ordnung, Sir?«

Dexter nickte abgehackt, beinahe mechanisch. »Ja. Wieso?«

»Sie haben geschrien.«

»Tatsächlich? Habe ich das?«

Der Mann nickte und nahm eine entspannte Haltung ein. Dexter fiel jedoch auf, dass er seine Waffe weder schulterte noch sicherte.

»Wie spät ist es?«, fragte Dexter, um das Thema zu wechseln.

»Halb sechs«, erwiderte der Posten. »In drei Stunden müssen wir los. Sie sollten noch etwas schlafen. Der Tag wird sehr anstrengend für Sie.«

Dexter nickte und legte sich wieder hin, während der Mann das Zimmer verließ, jedoch nicht ohne noch einen wachsamen Blick in alle Ecken des Raumes zu werfen.

Dexter blieb auf seinem Bett rücklings liegen. Schlaf. Der Mann hatte gut reden. Wie sollte jemand in seiner Situation auch nur daran denken, Schlaf zu finden?

 

Commodore Dexter Blackburn wurde von zwei bewaffneten Posten in den Gerichtssaal geführt. Die Sitzbänke waren gerammelt voll. Kaum hatte er den Saal betreten, schlug das Blitzlichtgewitter der Presse erneut über ihm zusammen. So war es schon an jedem verdammten Tag der Woche gewesen. Wurden diese Aasgeier denn nie müde, Bilder von ihm zu schießen? Man sollte annehmen, es würden inzwischen genügend davon kursieren – von der Bestie von Tessa. Dexter verzog seine Miene zu einer Grimasse des Abscheus. Diesen Namen hatte man ihm nach dem katastrophalen Gefecht gegeben, das ihn Kommando, Besatzung und Schiff gekostet hatte.

Die beiden Wachen führten ihn zu seinem Platz, wo sein Anwalt bereits wartete. Der Mann stellte eine verdrießliche Miene zur Schau. Dexter konnte es ihm nicht verdenken. Sein Pflichtverteidiger verlor nicht gern. Auf welchen Anwalt traf das schon zu?

Dexters Augen zuckten kurz in Richtung Galerie. Er suchte den Blick seines Vaters, von dem er wusste, er stand dort oben. Sein alter Herr nickte ihm aufmunternd zu. Sein Vater hatte die ganze Zeit zu ihm gehalten, doch ihm waren die Strapazen der letzten Wochen anzumerken. Die seelischen mehr als die körperlichen.

Die Richter betraten den Saal. Alle Anwesenden erhoben sich und setzten sich erst wieder, als die Richter ihren Platz eingenommen hatten. Sie waren zu dritt, doch im Endeffekt kam es nur auf einen an: Großadmiral Okundu Nobutu. Der vom afrikanisch geprägten Planeten Neu Mombasa stammende Navyoffizier war von hohem Einfluss. Offiziell mussten zwei der drei Richter zustimmen, um ihn schuldig zu sprechen. In der Realität jedoch war es Nobutu, der den Ton angab. Wenn er von der Schuld eines Angeklagten überzeugt war, dann war es vorbei. Kein anderer Richter würde es wagen, gegen dessen Votum zu stimmen. Das wäre politischer Selbstmord gewesen.

Nobutu räusperte sich und maß Dexter mit strengem Blick. Auf dem Tisch vor dem Richter lag Dexters zeremonieller Säbel, der unverzichtbare Bestandteil eines Offiziers der königlich kolonialen Marine. Noch lag die Klinge quer auf Nobutus Tisch. Würde der Großadmiral sie mit der Spitze zu Dexter ausrichten, hieße das schuldig, mit dem Griff voran, nicht schuldig. Dexter seufzte. Warum machten sie dieser Farce nicht endlich ein Ende? Sowohl Öffentlichkeit als auch sämtliche Offizierskollegen hatten doch schon längst über seine Schuld entschieden. In der Presse wurde er täglich zerrissen. Warum dann also dieses Elend noch künstlich in die Länge ziehen? Sollten sie es doch endlich hinter sich bringen.

»Für das Protokoll«, begann Nobutu. »Heute ist der 22. Mai 2625. Wir befinden uns am obersten militärischen Gerichtshof des Vereinigten Kolonialen Königreichs auf Castor Prime in der Hauptstadt Pollux. Es geht um die Vorgänge vom 17. April 2625. Der Vorwurf lautet wie folgt: Während eines Gefechts in der Nähe der rebellischen Kolonie Tessa wurde Seiner Majestät Schlachtkreuzer Horatio Nelson von einem Schiffsverband der rebellischen Randwelten, die sich selbst als Koalition der Randwelten bezeichnen, angegriffen und zerstört.«

Die Augen des Großadmirals verengten sich, bevor er weitersprach. »Die Horatio Nelson erwiderte das Feuer und schlug den Angriff zunächst zurück. Während des Gefechts entschloss sich Commodore Dexter Blackburn aus unbekannten Gründen, das Feuer auf eine feindliche Stellung auf der Oberfläche zu eröffnen. Hierzu lag ihm keinerlei Befehl oder Vollmacht vor. Durch dieses eigenständige und nicht nachvollziehbare Verhalten wurden dreiunddreißig Mitglieder der Colonial Royal Marines während einer laufenden Bodenoperation getötet.« Der Großadmiral holte Luft, um mit seiner Rede fortzufahren. »Die Horatio Nelson wurde kurze Zeit später erneut torpediert und zerstört. Commodore Blackburn hatte das Schiff zu diesem Zeitpunkt bereits mit einer Rettungskapsel verlassen. Er war einer von nur drei Überlebenden des Schlachtkreuzers.«

Dexter schwieg. Was hätte er auch daraufhin sagen können? In den vergangenen Tagen war jeder Versuch von seiner Seite, sich angemessen zu verteidigen, sowohl vom Gericht als auch dem Vertreter der Anklage gnadenlos abgeschmettert worden. Die Befehle, die er erhalten hatte, waren zusammen mit der Horatio Nelson zerstört worden. Kopien oder Nachweise irgendeiner Art waren seltsamerweise nicht auffindbar. Somit blieb nur sein Wort als Offizier, dass seine Version auch tatsächlich der Wahrheit entsprach – und sein Wort stand seit dem Vorfall nicht besonders hoch im Kurs.

Bevor Dexter den Feuerbefehl erteilte, hatte MacAvoy das Gebiet gescannt und ihm die Anwesenheit ausschließlich feindlicher Kräfte bestätigt. Sonst hätte er nie das Feuer eröffnen lassen. Doch auch dafür ließ sich kein Beleg zu seinen Gunsten finden. Also was war da schiefgelaufen?

Leider wusste er auch nicht, wie er an Bord der Rettungskapsel gekommen war. Als Dexter erwachte, hatte er in die erschöpften, abgekämpften Gesichter von zwei einfachen Matrosen der Nelson geblickt. Von denen hatte keiner Antworten auf seine zahlreichen Fragen gehabt. Weder Lebrowski noch MacAvoy hatten das Gefecht überlebt, um zumindest einen Teil seiner Angaben zu bestätigen.

Dexter ließ niedergeschlagen den Kopf sinken. Nein, er würde mit Sicherheit verurteilt. Die Frage war nur, wie hoch die Strafe ausfallen würde.

Ein Raunen ging durch die Menge, als die getöteten Marines zur Sprache kamen. Dexter fragte sich zum wiederholten Male, warum. Die Anklageschrift war an jedem einzelnen Tag zu Protokoll gegeben worden. Jeder wusste, was man ihm vorwarf. Die Menge reagierte jedoch jedes Mal, als wäre es eine völlig neue Information, die man erst einmal verdauen musste.

Nobutus fester Blick fixierte ihn. »Hat der Angeklagte etwas zu sagen?«

Dexter hob stolz den Kopf und straffte seine Gestalt. »Nur das, was ich schon die ganze Zeit gesagt habe«, erwiderte er und versuchte verzweifelt, das Zittern seiner Stimme zu unterdrücken. Wenn er schon in Schimpf und Schande ins Gefängnis gehen sollte, dann wenigstens hocherhobenen Hauptes.

»Sie sind also immer noch entschlossen, an diesem Blödsinn festzuhalten?«, fiel Nobutu ihm grob ins Wort. »Sie verteidigen sich mit dieser ominösen Nachricht, für die sich auch nicht der kleinste Beleg finden lässt? Und praktischerweise wurde jeder getötet, der zu Ihren Gunsten hätte aussagen können. Ist das Ihr Ernst?«

»Ja, aber …«

»Bevor Sie weiterreden. Die Ereignisse wurden rekonstruiert mittels der Gefechtsaufzeichnungen, die man aus den Trümmern der Horatio Nelson bergen konnte. Die Aufzeichnungen wurden als Beweis zu den Akten genommen – wie Sie sehr wohl wissen. Daraus ergibt sich lückenlos Ihre Pflichtvergessenheit sowie Ihre Fahrlässigkeit, die zum Tod von aufrechten königlichen Soldaten geführt hat. Es gibt keinerlei Hinweis auf etwas anderes als Ihr Versagen.«

»Sir, ich bitte Sie …«, wagte er einen letzten Vorstoß.

»Nein, ich habe genug gehört.« Nobutu sah abwechselnd zu seinen beiden beisitzenden Richtern. Beide nickten. Es war entschieden.

Nobutu und seine Beisitzer erhoben sich. Der Großadmiral hob den Säbel auf und legte ihn vor sich auf den Tisch. Die Spitze deutete auf Dexter. Diese Geste besiegelte sein Schicksal.

»Dexter Blackburn, Sie werden der Pflichtvergessenheit, der Feigheit vor dem Feind sowie der fahrlässigen Tötung in mehreren Fällen für schuldig befunden. Ihnen wird mit sofortiger Wirkung Ihr Rang aberkannt und sämtliche Privilegien sowie Rechte, die damit einhergehen. Sie werden auf das Gefängnisschiff Asylum verbracht, wo sie fünfzehn Jahre lang verbleiben werden. Sie erhalten keine Möglichkeit der Bewährung oder Haftverkürzung. Auf der Asylum werden Sie für Ihre Verbrechen dem Königreich Abbitte leisten, in dem sie beim Rohstoffabbau in Asteroidenfeldern helfen werden. Wachen, führen Sie den Angeklagten hinaus!«

Jedes von Nobutus Worten raubte mehr von Dexters Empfinden. Das Urteil lautete auf fünfzehn Jahre Zwangsarbeit. Von der Asylum hatte er schon gehört. Sie war berühmt-berüchtigt. Man sagte, ein Jahr auf der Asylum entspreche fünf Jahren in Freiheit. Viele erlebten ihre Freilassung nicht.

Er spürte kaum noch, als die beiden Soldaten, die ihn flankierten, nach seinen Armen griffen und ihn aus dem Saal führten. Sein Blick zuckte erneut nach oben zur Galerie. Sein Vater weinte ungehemmt.

Teil I

Wenn Mächtige fallen

  1  

2. Juli 2642

Das Feuerwerk erhellte den Himmel über ganz Chicago, doch Dexter schlenderte verloren durch die Straßen, als würde ihn das alles nichts angehen.

Warum sollte es auch? Der Krieg war die letzten siebzehn Jahre lang an ihm vorbeigegangen. Warum also sollte ihn sein Ende kümmern? Es war sowieso lächerlich, was sich hier abspielte. Die Solare Republik, die lediglich aus dem Solsystem bestand, hatte mit dem Krieg im Vereinigten Kolonialen Königreich nichts zu schaffen gehabt. Und trotzdem feierten die Menschen, als ob sie jetzt irgendetwas Besonderes geleistet hatten. Einfach lachhaft.

Dexter seufzte. Nun gut, der Bürgerkrieg im Königreich hatte den ganzen Quadranten destabilisiert. Alle Sternennationen hatten mitgefiebert, wer denn nun die Oberhand erringen würde, die Regierungstruppen oder die Rebellen. Einige dieser offiziell neutralen Nationen hatten kräftig am Krieg mitverdient, indem sie die Rebellen mit Waffen versorgt oder das Königreich mit Krediten finanziert hatten. Aber mit der endgültigen Niederlage der Rebellen war das süße Leben der Kriegsgewinnler nun ebenfalls vorbei.

Fast achtzehn Jahre hatte es gedauert, bis das Königreich die Rebellion hatte niederschlagen können. Achtzehn Jahre Blutvergießen. Und was hatte er davon? Mit Schimpf und Schande hatte man ihn davongejagt.

Seine Schritte führten ihn ins Rotlichtviertel der Stadt. Es war der Erste des Monats. Zahltag. Er verdingte sich als Gelegenheitsarbeiter auf dem Raumhafen. Be- und Entladen von Schiffen war nun das Einzige, zu dem er anscheinend überhaupt noch etwas taugte. Er verdiente sich dabei nicht gerade eine goldene Nase. Doch es reichte, um sich über Wasser zu halten und nicht nüchterner als unbedingt nötig zu werden.

Apropos … dabei fiel ihm etwas ein. Er fischte seinen Flachmann aus der Tasche und gönnte sich einen großen Schluck. Als er die Flasche absetzte, erkannte Dexter missmutig, wie leer sie schon wieder war. Dabei hatte er sie doch erst aufgefüllt.

Seine Schritte trugen ihn zu einem unscheinbaren Gebäude. Im Gegensatz zu den anderen Etablissements in der Gegend forderte es Menschen beiderlei Geschlechts nicht mit aufdringlicher Neonreklame zum Eintreten auf. Genau das mochte Dexter an diesem Laden. Er war nicht allzu schmuddelig und war nur Eingeweihten bekannt. Er genoss diese Anonymität.

Er fluchte. Selbst auf der Arbeit begegneten ihm immer wieder Menschen, die mit dem Finger auf ihn deuteten und hinter vorgehaltener Hand »Die Bestie von Tessa« flüsterten. Sie erkannten ihn immer noch. Seit damals hatte er sich maßgeblich verändert. Von dem adretten jungen Offizier war nicht mehr viel erkennbar. Und doch erkannten sie in ihm immer noch das Monster, das man verurteilt und weggesperrt hatte. Er konnte ihre Verachtung deutlich spüren, bemerkte ihre Blicke und wie sie tuschelten. Warum sollten sie auch nicht? Er verachtete sich mittlerweile selbst.

Aufgrund seines bereits recht hohen Alkoholspiegels im Blut, erklomm er unsicher die Stufen. Zeitweise stützte er sich an der Wand ab, ansonsten wäre er auf dem Hosenboden gelandet.

Im Gebäude selbst ignorierte er die Angebote der leicht bekleideten Damen, die ihm alle die Nacht seines Lebens versprachen, wenn er nur zu ihnen käme. Sie interessierten ihn nicht. Er wollte eine ganze Bestimmte.

Ihr Zimmer befand sich fast am Ende des Korridors. Die Tür war geschlossen. Sie hatte einen Kunden. Unbändiger Zorn ergriff von ihm Besitz, dabei wusste er gar nicht so recht, warum. Immerhin war das ihr erwählter Beruf. Da war es nicht weiter überraschend, dass sie noch andere Männer außer ihm bediente – und trotzdem machte es ihn stinksauer.

Er hämmerte gegen die Tür. Als nichts geschah, begann er noch zusätzlich, dagegen zu treten. Endlich ging sie auf. Eine junge Frau Ende zwanzig mit einer braunen Lockenmähne, die ihr bis auf die Schultern fiel, stand vor ihm. Ihrer Mimik nach zu urteilen, war sie nicht erfreut, ihn zu sehen. Die Frau band sich den Bademantel zu, während sie ihn wütend anfunkelte.

»Verdammt, Dex, ich arbeite! Du kannst doch nicht einfach …«

Ohne sie ausreden zu lassen, drängte er an ihr vorbei. Auf dem Bett lag ein feister Kerl in den Fünfzigern. Vom Bild her der typische Bankdirektor. Er trug nur noch Boxershorts und wartete offenbar darauf, beglückt zu werden.

»Verpiss dich!«, lallte Dexter ein wenig undeutlich.

»Dex, das geht jetzt …«, wollte sich die Frau einmischen, doch Dexter gebot ihr mit erhobener Hand zu schweigen.

»Verschwinden Sie!«, brüllte der Kerl auf dem Bett Dexter nun auch an.

»Ich zähle bis drei«, erklärte Dexter völlig ruhig. »Wenn du dann nicht verschwunden bist, musst du deiner Frau eine gebrochene Nase erklären.«

Das saß. Der Kerl raffte seine wenigen Habseligkeiten zusammen und machte sich, so schnell ihn seine kurzen Beine trugen, davon.

Die Frau seufzte. »Toll, Dex, wirklich ganz toll! Die Zeiten sind ohnehin schon hart und du vergraulst mir auch noch meinen besten Kunden. Denkst du, ich mache den Job zum Spaß? Ich habe ein Kind, um das ich mich kümmern muss.«

Dexter setzte sich aufs Bett und leerte das, was in seinem Flachmann noch an Alkohol vorhanden war. Es war erschreckend wenig. Als er ihren ungehaltenen Gesichtsausdruck bemerkte, warf er ihr seinen traurigsten Dackelblick zu. »Tut mir leid, Mirella.«

Sie sah ihn einen Augenblick leicht fassungslos an und brach schließlich in Gelächter aus. »Verdammt, Dex, was hast du nur an dir? Ich kann dir einfach nicht böse sein.«

»Das muss an meinem Charme liegen.« Er schmunzelte.

Sie zog hingegen eine Augenbraue hoch. »Na schön, nennen wir es einfach mal Charme – in Ermangelung besserer Worte.«

Er zwinkerte ihr anzüglich zu. »Komm her.«

Sie reckte ihr Kinn. »Hast du Geld? Du weißt, Kredit gibt es keinen. Wir alle müssen unsere Rechnungen zahlen.«

Er kramte in seinen Taschen und förderte einen Teil seines Gehalts zutage. Bei dem Anblick grinste Mirella leicht. »Viel ist es ja nicht.«

»Du weißt doch, ich bin ein armer Schlucker.«

»Ja, und bemitleidest dich am liebsten selbst.«

»Wenn es sonst niemand tut …« Dexter ließ den Satz vielsagend ausklingen. Er grinste erneut.

Sie seufzte. »Dasselbe wie immer?«

Er nickte und legte sich mit dem Rücken auf das Bett. Mirella öffnete den Bademantel und ließ ihn zu Boden gleiten. Dexter bewunderte die sanften Rundungen ihres Körpers. Ihre Haut war trotz der durchgestandenen Schwangerschaft immer noch straff, die Brüste fest. Er schloss die Augen, während sie vor ihm auf die Knie ging und seine Hose öffnete.

 

Dexter war sich nicht sicher, wie er nach Hause gekommen war. Der Alkohol zerfraß wohl langsam das bisschen Verstand, das er sich mühsam bewahrt hatte.

Tatsache war allerdings, dass er nun vor der Absteige stand, in der er ein kleines Appartement gemietet hatte. Vielleicht hatte Mirella ihm nach vollbrachter Erfüllung ein Taxi gerufen. Zuzutrauen war ihr das. Andere hätten ihn wohl in seinem betrunkenen Zustand abgezockt, nicht aber Mirella. Sie mochte ihn. Oder vielleicht hatte sie auch Mitleid mit ihm. Wenn er es recht bedachte, vermutlich Letzteres. Er zuckte die Achseln. Es war ihm gleich. Es gab ohnehin nicht viel dieser Tage, für das er sich noch interessierte. Mühsam stieg er die Treppe hoch.

Das Gebäude war nicht gerade ein Dreckloch, aber dicht dran. Zumindest war die Miete für seine Verhältnisse erschwinglich.

Sein Magen rebellierte und er übergab sich lautstark auf seine Schuhe. Die Welt schien sich um ihn zu drehen. Er verlor das Gleichgewicht und stürzte. In seinem Dämmerzustand bemerkte er nicht einmal, wie hilfreiche Hände ihn gerade noch rechtzeitig auffingen.

  2  

Hämmernde Kopfschmerzen weckten ihn. Dexter rührte sich nicht, in der Hoffnung, sie würden von alleine wieder verschwinden. Wenn überhaupt, wurden sie eher noch stärker. Ein ungewohnter Duft drang ihm unvermittelt in die Nase. Ein Duft, wie er in seiner Wohnung schon lange nicht mehr vorgekommen war. Er schlug die Augen auf. Kaffee?

Er setzte sich ruckartig auf. Eine ganz blöde Idee. Seine Kopfschmerzen meldeten sich wieder zu Wort und zwangen ihn zurück auf das Sofa. Durch die halb geschlossenen Fensterläden drang strahlendes Sonnenlicht herein.

Sonnenlicht? Dexter sprang wie von der Tarantel gestochen auf. Sein Blick zuckte zur Uhr über der Tür. Es war fast halb drei mittags. Er hätte seit fünf Stunden bei der Arbeit sein müssen. Sein Vorarbeiter würde ihm die Hölle heißmachen. Falls er überhaupt noch einen Job hatte. Wenn er Mist baute, gab es bereits hundert andere, die nur darauf warteten, seinen Platz einzunehmen. Die Wirtschaft

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