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Amerika - Land der Pioniere: Ein SPIEGEL E-Book
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eBook318 Seiten3 Stunden

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Über dieses E-Book

Aufbruch, Wagemut und Optimismus: Der Pioniergeist der Menschen, die ab dem frühen 17. Jahrhundert den nordamerikanischen Kontinent eroberten, prägt bis heute das Selbstverständnis der USA. Der Stolz, den ersten modernen demokratischen Staat geschaffen zu haben, beflügelte die Nation und trug dazu bei, dass die Vereinigten Staaten zu einer Weltmacht wurden. Aber auch Härte und Rücksichtslosigkeit, gegen sich und andere, kennzeichneten die Pioniere. Opfer dieser Mentalität waren und sind vor allem Afroamerikaner und Indianer.
In einer Zeit, in der die unstete US-Politik von Präsident Trump die Welt bewegt, ermöglicht es dieses E-Book, neben der Geschichte auch die heutige Lage des Landes besser zu verstehen. Der Bogen reicht von der Ankunft englischer Siedler in Jamestown und Plymouth über die Befreiung von der Kolonialherrschaft, die Landnahme im Westen bis zur globalen Machtausübung als Weltpolizist im 20. und 21. Jahrhundert.
An zahlreichen Beispielen zeigt das SPIEGEL E-Book nicht nur die großen politischen und gesellschaftlichen Linien, sondern auch technische Pioniertaten, wie sie dem Erfinder Thomas Alva Edison gelangen, oder kulturelle Innovationen, etwa die des Malers Jasper Johns oder des Rappers Tupac Shakur. Immer wieder wird deutlich, wie sehr das Selbstbild des Landes von Legenden und Überhöhungen geprägt ist, sei es in der Erzählung von der "Indianerprinzessin" Pocahontas oder in der Überlieferung des Kampfes um die befestigte Missionsstation Alamo im mexikanisch-amerikanischen Krieg.
SpracheDeutsch
HerausgeberSPIEGEL-Verlag
Erscheinungsdatum28. Juni 2018
ISBN9783877631812
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    Buchvorschau

    Amerika - Land der Pioniere - SPIEGEL-Verlag

    Inhaltsverzeichnis


    Einleitung

    Vorwort

    Amerika, hast du es besser?

    Wie der Pioniergeist das Land im Guten wie im Schlechten geprägt hat


    Eine Nation entsteht

    Die Heiligen & die Anderen

    Plymouth oder Jamestown? Zwei Städte und die Frage, wo der Geburtsort Amerikas liegt

    Prinzessin im Korsett

    Legende & Wahrheit: die Indianerin Pocahontas

    „Dem Verderben entrinnen"

    Germantown und die deutschen Auswanderer

    Die Tabakspfeife

    Aufschwung für Virginia

    Töchter des Königs

    Das französische Riesenreich in Nordamerika

    Der Groß-Administrator

    Das epische Leben des US-Gründervaters Hamilton

    Ein Musical schreibt Geschichte

    „Hamilton" am Broadway

    Der Apostel von San Diego

    Spanische Missionare setzten sich in Kalifornien fest


    Der Kontinent wird erobert

    Der kalte Tod

    Wie Pioniere zu Kannibalen wurden - die dramatische Geschichte der „Donner Party"

    Die Wasser-Hochzeit

    Der Eriekanal sorgte für ein Wirtschaftswunder

    Einfach leben

    „Walden"-Autor Henry David Thoreau, ein zeitloses Vorbild für Individualisten

    Ein Kontinent unter Kontrolle

    Die Monroe-Doktrin

    „Die große Tat der Annexion"

    Im mexikanisch-amerikanischen Krieg erweiterten die USA ihr Territorium

    Der letzte Jagdgrund

    Der vergebliche Sieg des Häuptlings Red Cloud

    Fabriken gegen Plantagen

    Im Sezessionskrieg ging es vor allem um ökonomische Fragen

    Die zweite Heimat

    Wie der deutsche Revolutionär Friedrich Hecker in den USA für die Freiheit kämpfte

    Sehnsucht nach Helden

    Legende & Wahrheit: Baseball

    General Moses

    Harriet Tubman, eine Heldin der Sklavenbefreiung

    Der Kastor hut

    Krieg um den Pelz


    Modern Times

    Der elektrische Mensch

    Die genialen Erfindungen des Thomas Alva Edison

    Made in USA

    Der Scheibenwischer und andere Geistesblitze

    „Man kann ihm nicht befehlen"

    Wie der Mississippi das Land geprägt hat

    Angriff aufs Big Business

    John D. Rockefeller und die Antitrust-Gesetze

    Dreck fressen

    Im Westen waren „Black Cowboys" keine Seltenheit

    Die Jeans

    Gold und Nieten

    Ungeliebter Meister

    D. W. Griffith war der erste Kaiser von Hollywood

    Vater des Völkerbunds

    Traum und Wirklichkeit des Präsidenten Woodrow Wilson

    Das Werk der „Madam Secretary"

    Wie Francis Perkins, die erste Frau in einem Ministeramt, den „New Deal" verwirklichte

    Drei von sechs

    Legende & Wahrheit: Iwo Jima


    The American Way of Life

    Gutes Amerika, böses Amerika

    Der Aufstieg zur Weltmacht nach 1945

    Die Computermaus

    Technik zum Begreifen

    Oh say, can you see

    Das Flaggenbild von Jasper Johns

    Zwei gegen die Welt

    Die Geschichte von Afeni und Tupac Shakur

    Engel der Zerstörung

    Die Ideen einer Bankerin führten zur Finanzkrise

    Auf dem Ozean zu Hause

    Der Surf-Pionier Kelly Slater

    Am falschen Ort

    Legende & Wahrheit: Woodstock

    Obamas Vermächtnis

    Was bleibt vom 44. Präsidenten?

    „Du bist gefeuert"

    Donald Trump, der bisher schrillste Präsident in der US-Geschichte

    „Weltreiche kommen und gehen"

    Die amerikanische Schriftstellerin Siri Hustvedt im Interview


    Anhang

    Buchempfehlungen

    Impressum

    Einleitung

    Vorwort

    Aufbruch, Wagemut und Optimismus: Der Pioniergeist der Menschen, die ab dem frühen 17. Jahrhundert den nordamerikanischen Kontinent eroberten, prägt bis heute das Selbstverständnis der USA. Der Stolz, den ersten modernen demokratischen Staat geschaffen zu haben, beflügelte die Nation und trug dazu bei, dass die Vereinigten Staaten zu einer Weltmacht wurden. Aber auch Härte und Rücksichtslosigkeit, gegen sich und andere, kennzeichneten die Pioniere. Opfer dieser Mentalität waren und sind vor allem Afroamerikaner und Indianer. 

    In einer Zeit, in der die unstete US-Politik von Präsident Trump die Welt bewegt, ermöglicht es dieses E-Book, neben der Geschichte auch die heutige Lage des Landes besser zu verstehen. Der Bogen reicht von der Ankunft englischer Siedler in Jamestown und Plymouth über die Befreiung von der Kolonialherrschaft, die Landnahme im Westen bis zur globalen Machtausübung als Weltpolizist im 20. und 21. Jahrhundert.

    An zahlreichen Beispielen zeigt das SPIEGEL E-Book nicht nur die großen politischen und gesellschaftlichen Linien, sondern auch technische Pioniertaten, wie sie dem Erfinder Thomas Alva Edison gelangen, oder kulturelle Innovationen, etwa die des Malers Jasper Johns oder des Rappers Tupac Shakur. Immer wieder wird deutlich, wie sehr das Selbstbild des Landes von Legenden und Überhöhungen geprägt ist, sei es in der Erzählung von der »Indianerprinzessin« Pocahontas oder in der Überlieferung des Kampfes um die befestigte Missionsstation Alamo im mexikanisch-amerikanischen Krieg. In einem ausführlichen Gespräch analysiert die Schriftstellerin Siri Hustvedt das charakteristische Sendungsbewusstsein der USA und beschreibt auch die Schattenseiten ihrer Nation. Aber noch immer, sagt Hustvedt, gebe es viel Verbindendes: »Das Land ist gegründet auf den Menschenrechten und den Prinzipien der Aufklärung. Das Gefühl, gemeinsam etwas Neues begonnen zu haben, bestimmt das Selbstverständnis, quer durch alle Schichten.« 

    Anke Dürr

    Einleitung • Essay

    Amerika, hast du es besser?

    Immer vorwärts: Mit Mut, Optimismus und Härte gegen sich und andere eroberten Einwanderer aus aller Welt den nordamerikanischen Kontinent. Bis heute ist der Pioniergeist in den USA ein lebendiger Mythos. Von Willi Winkler

    All the past we leave behind, /

    We debouch upon a newer mightier world, varied world, /

    Fresh and strong the world we seize, world of labor and the march, /

    Pioneers! O pioneers!

    Walt Whitman, 1865

    Das Ende kam 1979. Lange Schlangen bildeten sich an den Tankstellen, die nicht mehr genügend Nachschub bieten konnten. Die Abhängigkeit vom arabischen Öl rächte sich. Der Preis für eine Gallone Benzin übersprang die Marke von einem Dollar. Der Treibstoff wurde so knapp, dass einige Autofahrer anfingen, beim Warten aufeinander zu schießen. Harry Angstrom, der Held in John Updikes Roman „Bessere Verhältnisse (1981), beobachtet, was nicht mehr zu übersehen ist: „dass die große amerikanische Autofahrt zu Ende geht.

    Das Auto war nur das letzte Symbol für die gottesfürchtige Landnahme, die aus einer bescheidenen Siedlung frommer, aus Europa geflohener Ketzer einen Staatenbund werden ließ, der sich unaufhaltsam über Flüsse und Berge, über Wüsten und Prärien ausdehnte und schließlich – „from sea to shining sea" – bis an den Pazifik reichte. Eine Nation nicht nur, sondern das mächtigste Land der Erde, und mit einem Mal versackt in tiefster Depression.

    Trapper und Pelzhändler, Rinderzüchter und Viehdiebe, Soldaten, Marketender und Huren, Missionare und Wirtschaftsflüchtlinge, Goldgräber und ganz gewöhnliche Glücksritter waren die Pioniere, die das weite Land erobert hatten. Dass unterwegs fast alle Indianer umgebracht werden mussten, um den Siedlern, die Weideland brauchten, eine neue Heimat zu verschaffen, verzeichnet das Legendenbuch von der großen Wanderung westwärts bestenfalls als Kollateralschaden.

    So wurde ein Mann wie Daniel Boone zum Helden der amerikanischen Folklore, weil er 1778 nicht bloß eine Zeit lang in der Wildnis lebte und sogar von Indianern adoptiert wurde, ehe er ihnen doch entkam und wieder Krieg gegen sie führte. In der Sage war Boone bald nicht mehr zu unterscheiden von dem „Lederstrumpf", den James Fenimore Cooper einige Jahrzehnte später als ewigen Jäger in die Wälder schickte. Buffalo Bill war dafür keine Erfindung, sondern ein echter Schlächter: Der Scout William Cody bekam seinen Beinamen nicht umsonst, er hatte dafür Tausende Büffel abgeknallt, nur so zum Spaß, aus Rekordsucht, und weil aus dem Osten immer neue Siedler herandrängten, die den Weidegrund für sich beanspruchten. Noch erfolgreicher wurde Cody als Zirkusattraktion. Mit seiner Wildwestshow begeisterte er nicht nur seine Landsleute, sondern am Ende des 19. Jahrhunderts auch ganz Europa. Der Papst sogar empfing ihn, er trat vor Kaiser und Königen auf und prägte für immer das Bild des schießfreudigen Westerners – der Archetyp des Pioniers, der es mit den Indianern aufgenommen, die Wildnis urbar gemacht und dem Land die Zivilisation beigebracht hatte.

    Bis heute liefert der Pionier als Wald- und Wiesenläufer das amerikanische Ideal. Wie lebendig der Mythos ist, zeigte sich noch 2004, als Präsident George W. Bush jene großherzigen Spender, die für seine Wiederwahlkampagne jeweils mindestens 100 000 Dollar einsammeln konnten, zu „Pionieren" ernannte.

    Der Pionier gehört zu Amerika, weil er die ewige Jugend verkörpert. Goethe kam natürlich nie bis Amerika, aber wie alle Europäer, die ehemaligen englischen Kolonialherren begreiflicherweise ausgenommen, bewunderte er das Neuland wegen dessen Jugendfrische. „Amerika, du hast es besser / Als unser Kontinent, das alte, / Hast keine verfallene Schlösser / Und keine Basalte". Ein sagenhafter Reim. Auch der Dichter Walt Whitman wollte mit dem Alten, mit der ganzen Vergangenheit aufräumen, als er die Pioniere marschieren ließ.

    An der Südspitze Manhattans, mitten im Börsenviertel der Wall Street, steht ein Denkmal für den Verleger Horace Greeley, der den amerikanischen Imperativ „Go West, young man!" populär gemacht hat. Millionen sind dieser Aufforderung gefolgt, Millionen Einwanderer aus Europa, die ihr Heil im „Gelobten Land" suchten, später weitere Millionen, die innerhalb des Landes weiterzogen, jeder einzelne ein Pionier.

    Greeley meinte seinen Appell allerdings pädagogisch, zumal der bald um die Forderung ergänzt wurde „and grow up with the country". Reifen sollte der junge Mann und wie das Land endlich erwachsen werden. Dass die beiden es geschafft hätten, der junge Mann und das Land, ist schon durch den Erfolg des entschlossen unreifen Donald Trump widerlegt. Dabei folgt auch Trump der amerikanischen Ideologie, die Herman Melville bereits 1850 formuliert hat. Der Schriftsteller wusste, dass Amerika seine Zukunft noch vor sich hatte und deshalb der „Nachwelt als Lehrer dienen und nicht Schüler vergangener Generationen sein sollte. Von Melville, der in „Moby Dick den epischen Kampf nicht mit einem weißen Wal, sondern mit dem Bösen persönlich schilderte, stammt auch die deutlichste Umschreibung des amerikanischen Exzeptionalismus: „Wir sind die Pioniere der Welt; die Vorhut, ausgesendet in die Wildnis, unversuchter Dinge, um einen neuen Pfad in die Neue Welt zu schlagen, die die unsere ist."

    1893, als die Eroberung des Kontinents abgeschlossen war, veröffentlichte der Historiker Frederick Jackson Turner seinen ersten Aufsatz über die frontier, die ebenso reale wie mythisch aufgeladene Grenze. In den folgenden Jahren entwickelte er daraus eine wirkmächtige Theorie, wonach Amerika als Nation und Kultur erst durch die Ausdehnung nach Westen entsteht und von dort aus, von der Wildnis, den bereits stabilisierten Osten neu formt. Diese Theorie ist vielfach bestätigt und noch öfter bezweifelt worden, aber Turner hat damit den Begriff gefunden, der das amerikanische Selbstverständnis bestimmt und verhindert, dass diese Nation altert. Die frontier muss dann, wie die Filme von John Ford beweisen, irgendwo vor dem Prospekt des Monument Valley gelegen sein, am besten ein weit vorgeschobenes Fort, draußen die Indianer, drinnen eine drohende Meuterei, Frauen, die vor einer schweren Geburt stehen, Männer, die versagen, andere, die über sich hinauswachsen und sich zu einem der Helden entwickeln, die das Land braucht.

    Nicht erst Hollywood machte Kalifornien zum Fluchtpunkt aller Sehnsucht, auch die Okies, die Farmer im Mittleren Westen, die als Opfer von Misswirtschaft und Dürre in den Dreißigern nach Westen aufbrachen. Das Auto erhob jeden zum Pionier, der sich, inzwischen ohne Lebensgefahr, ins Unbekannte aufmachen konnte. Mehr als der unberechenbare Indianer, der einen jederzeit skalpieren konnte, war doch die unendliche Weite des Landes zu fürchten.

    Noch bedrohlicher ist die Stagnation, von der die Nation in unregelmäßigen Abständen befallen wird. In den Fünfzigerjahren schien aus dem beständigen Unterwegssein plötzlich ein rasender Stillstand geworden zu sein, das Land drohte zu altern. Die Vereinigten Staaten hatten Hitler besiegt und den Krieg gewonnen, Großbritannien und Frankreich hatten ihr Kolonialreich aufgeben müssen, aber es waren weiter die alten Männer, die über die freie Welt regierten. Das Fernsehen kam auf und förderte die Familie, die Häuslichkeit, die Sesshaftigkeit. Doch so bleiern die Eisenhower-Jahre auch waren, die Sehnsucht nach einem Aufbruch war so wenig vergessen wie der Appell Greeleys, sich nach Westen aufzumachen.

    In dieser Verlangweiligung der Verhältnisse feiert Jack Kerouac (der selber gar nicht Auto fahren konnte) in seinem eruptiven Buch „On The Road/Unterwegs (1957) den Rausch des Fahrens als Selbstzweck. Bobby Troups Hymne auf die Route 66 (1946) besteht fast nur in einer Aufzählung der Orte entlang dieser Straße, die von Chicago nach Los Angeles führt. Selbst der Lüstling Humbert Humbert in Vladimir Nabokovs Roman „Lolita (1958) muss den Blick von seiner Nymphe wenden, wenn er auf der Reise durch die Vereinigten Staaten die Merkwürdigkeiten entlang der Landstraße anstaunt.

    Keiner hat diese Sehnsucht besser verstanden als John F. Kennedy, der millionenschwer geborene Nachfahre blutig armer irischer Einwanderer. Kennedy beschwört bei seiner Nominierung als Präsidentschaftskandidat der Demokraten eine „new frontier" und erneuert damit das amerikanische Glaubensbekenntnis zum Pioniergeist. Mit dem Slogan „Let's get America moving again" zieht Kennedy in den Wahlkampf. An der Schwelle der Sechzigerjahre schwärmt er (oder vielmehr sein genialer Redenschreiber Ted Sorensen) von den „unbekannten Möglichkeiten und Gefahren, die die Pioniere in diesem Neu- und Grenzland erwarteten. Nicht von Alaska spricht er, das erst im Jahr zuvor als Bundesstaat in die Union aufgenommen worden ist, er meint die Zukunft. Kennedy fordert einen neuen Aufbruch, nicht nach Westen diesmal, sondern nach vorn, ins Ungewisse, ein Unternehmen, das an neue Grenzen führen muss. „Viel leichter wäre es, vor dieser Grenze zurückzuschrecken und sich mit der sicheren Mittelmäßigkeit der Vergangenheit zufriedenzugeben, aber genau das soll das wieder erwachende Amerika nicht.

    Amerika befindet sich im Kalten Krieg mit der Sowjetunion, und so vergisst Kennedy auch nicht, mit der Bedrohung durch den Kommunismus zu operieren. Aber noch besser ist er, wenn er mit biblischem Pathos und ciceronischer Rhetorik an den Pioniergeist seiner Landsleute appelliert. Ihren Stolz wolle er erreichen und nicht ihren Geldbeutel, sagt er, und dass sie eher Opfer bringen müssten, als dass sie einen Profit davon erwarten könnten. Vor allem wendet er sich gegen die Trägheit, den Stillstand, das vorzeitige Altern des amerikanischen Traums.

    Kennedy wird 1960 als bis dahin jüngster Präsident ins Amt gewählt und verkündet sein berühmtes patriotisches Credo: Nicht nach Betreuung durch den Staat sollten die Amerikaner fragen, sondern danach, was sie selber für ihr Land tun könnten, „ask what you can do for your country".

    Dass in der Folge für dieses Land und für diese Idee fast sechzigtausend Männer sterben würden, konnte er nicht wissen, es war in diesem idealistischen Aufbruch nicht vorgesehen. Die Erweiterung der Grenze nach Südostasien, die Verlagerung der frontier in den vietnamesischen Dschungel, ist Amerika nicht gut bekommen, sowenig wie die späteren Kriege in Afghanistan und im Irak.

    Als umso erfolgreicher erwies sich der Vorstoß in eine völlig andere Dimension, in den Weltraum. Nur wenige Monate nach seinem Amtsantritt erschien Kennedy im Kongress und forderte Geld für ein Vorhaben, das „schwieriger und teurer als alles bisher Gewohnte sein würde. „Ich bin der Meinung, verkündete er, „dass diese Nation sich zu einem Unternehmen verpflichten sollte, mit dem noch vor Ende des Jahrzehnts ein Mensch auf den Mond befördert und sicher wieder zurückgebracht" würde. Unwahrscheinlicherweise gelang es. Es gelang nicht nur, die Russen einzuholen, die bereits 1957 den ersten Satelliten ins All gejagt und Amerika damit tief gedemütigt hatten. Im Juli 1969 landeten Neil Armstrong und Buzz Aldrin auf dem Mond, hissten für das Farbfernsehen zu Hause das Sternenbanner und kehrten unbeschadet wieder zur Erde zurück.

    Das Versprechen Kennedys war erfüllt, wenn auch mit der schrecklichen Pointe, dass es Richard Nixon war, sein bei der Wahl 1960 unterlegener Gegner, der die neuen Helden der neuesten frontier begrüßen durfte. Denn Kennedy war der unerfreulichsten Erscheinung des amerikanischen Exzeptionalismus zum Opfer gefallen, dem Recht, jederzeit zu schießen. Wer sich draußen in der Wildnis befindet, im unerforschten Grenzland, muss selbstverständlich der Gefahren gewärtig sein, die ihm von blutrünstigen Indianern und wilden Tieren drohen könnten. Die Waffe erst macht den Mann zum Pionier, er ist wieder in der Prärie und verteidigt die Zivilisation gegen die Barbaren. Darum kann sich bis heute jeder Eigenheimbesitzer, der einen herumstrolchenden Austauschschüler für einen Einbrecher hält und ihn deshalb erschießt, auf das Second Amendment berufen, den zweiten Verfassungszusatz, der nicht das Schießen untersagt, sondern jede Einschränkung des „Rechts der Menschen, Waffen zu haben und zu tragen".

    Der Aufbruch in den Weltraum bestätigte Melvilles Forderung, und wie von ihm erhofft, sollte das Unternehmen der ganzen Menschheit dienen. Doch binnen wenigen Jahren war das jugendliche Feuer der Sechziger auch schon wieder erloschen. Wieder einmal folgte der Euphorie die Depression. Die Raumfahrt war nicht mehr bezahlbar. Der mörderische Krieg in Vietnam hatte die Finanzen erschöpft, mit Watergate und dem Ölpreisschock der Siebziger setzte eine nationale Stagnation ein, in der nicht nur die amerikanische Autofahrt zu Ende ging, sondern der ganze jugendliche Elan vorbei war, der Amerika immer weiter vorangetrieben hatte. Die alten Industrieanlagen wurden abgewrackt, die Fabriken wanderten erst in den energiesparsamen Süden, dann ganz nach Übersee. Dort, wo sich einst der Urwald dehnte, in dem sich der „Lederstrumpf" herumtrieb, verkam das amerikanische Herzland zu einer riesigen Brache.

    Noch vor wenigen Jahren, als der norwegische Autor Karl Ove Knausgård „unter dem grau-weißen Himmel, an heruntergekommenen Gebäuden, die sich abwechseln mit Gruppen farbloser Bäume in farblosen Feldern, vorbeifuhr, beschlich ihn das deutliche Gefühl, „dass hier etwas vorbei war, dass etwas ausgeleert worden war und niemals wieder zurückkommen würde. Dafür entstand wiederum etwas Neues, denn der Pioniergeist ist ungebrochen. Aus der Wirtschafts-, die auch eine Bewusstseinskrise war, wie sie Updike geschildert hatte, erstand ein neu geborener Optimismus. Verspätet kam Ende der Siebziger die Nationalhymne der Hippies heraus, „Don't Stop" von Fleetwood Mac. Das Gestern ist für immer vorbei, und nie, nie, nie, forderte Christine McVie mit ihrer kratzigen Altstimme, sollten sie aufhören, an morgen zu denken. Bill Clinton zog mit diesem Wahlkampfschlager 1993 ins Weiße Haus ein. Bill Gates und Steve Jobs hießen die neuen Pioniere, die im Geist Melvilles und Kennedys in die Wildnis der unerforschten Dinge vordrangen, das Internet und der Cyberspace wurden die neue frontier.

    Und siehe da, für ihr Geld können diese Pioniere sogar wieder Raketen bauen, die ein weiteres Mal den Weltraum erobern sollen. Für Jeff Bezos und Elon Musk darf der Himmel kein Hindernis sein, das Abenteuer geht weiter. Auch die Ausgabe des Magazins „Wired", die der scheidende Präsident Barack Obama betreut hat, widmet sich der frontier, die nach dem Willen des Gastredakteurs von den Bürgerrechten bis zur Weltraumfahrt reichen soll.

    Und selbst ein Ungut wie Donald Trump, der zum Anwalt des aufgegebenen Herzlandes geworden ist, kann noch vom Pioniermythos profitieren, wenn er fordert: „Make America great again". Auch er beruft sich auf eine glorreiche Vergangenheit, die wieder Gegenwart und Zukunft werden soll. Trump hat Hotels und Spielkasinos aus dem Boden gestampft, und alles gewissermaßen mit seiner

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