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Die Archive der Seelenwächter 2 - Der geheime Akkord

Die Archive der Seelenwächter 2 - Der geheime Akkord

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Die Archive der Seelenwächter 2 - Der geheime Akkord

Bewertungen:
4/5 (1 Bewertung)
Länge:
378 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
15. Mai 2018
ISBN:
9783958343016
Format:
Buch

Beschreibung

Annas Leben steht Kopf. Die Seelenwächterin muss sich ihrem schlimmsten Dämon stellen. Um zu überleben, bleibt ihr nur eines: kämpfen. Für ihre Seele. Für ihren Körper. Und für ihre Familie. Anna gräbt sich tief in ihre Zeit als Mensch und begibt sich auf die Suche nach dem mächtigsten Musikinstrument, das je erschaffen wurde: der Harfe von König David. Wird deren Magie ausreichen, um Annas Leben die entscheidende Wende zu geben? Oder gerät sie nur noch tiefer in den Strudel ihres Verderbens?

Dies ist der 2. Roman aus der Reihe "Die Archive der Seelenwächter".

Beste Lesereihenfolge:
Die Chroniken der Seelenwächter (Bände 1-12)
Der Weg des Kriegers
Die Chroniken der Seelenwächter (Bände 13 - 24)
Der geheime Akkord
Herausgeber:
Freigegeben:
15. Mai 2018
ISBN:
9783958343016
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Die Archive der Seelenwächter 2 - Der geheime Akkord - Nicole Böhm

Table of Contents

Der geheime Akkord

Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

45. Kapitel

46. Kapitel

News zur Serie

Impressum

Aus den Archiven der Seelenwächter

2

»Der geheime Akkord«

von Nicole Böhm

Prolog

1642 n. Chr. – Carleigh, England.

Andrew Caulfield lag auf dem Bett in seinem Schlafgemach und dachte über die Zukunft nach. Das tat er häufig und gerne, denn nur wer seinen Blick nach vorne richtete, konnte in der Welt etwas bewegen. Und Andrew war dazu auserkoren worden, ganze Berge zu versetzen.

Das hatte er schon als Zehnjähriger erkannt, während er erst der Hure von einer Mutter und zwei Jahre später seinem versoffenen Vater die Kehle durchgeschnitten hatte. In dem Moment, als das Blut über seine noch unschuldigen Hände geflossen war, hatte er gewusst, dass er zu Größerem bestimmt war. Dass er sich aus sämtlichem Elend selbst befreien konnte. Er hatte die Kontrolle übernommen, die ihm von seiner Familie entrissen worden war. Er war zu seinem eigenen Herrscher auferstanden. Er allein war für sich verantwortlich geworden.

Heute – zwölf Jahre später – dachte er gerne an diese beiden Tage zurück. Seine Mutter hatte er in einer abgelegenen Hütte am Waldrand umgebracht. Dort hatte sie ihn regelmäßig mit hingenommen, um ihre Freier zu empfangen. Die Männer hatten meist mehr gezahlt, wenn ein Kind dabei war. Als der Mann gegangen war, hatte Andrew sich das Messer genommen, das seine Mutter stets bei ihren Sachen aufbewahrte, und es getan. Er wollte und konnte nicht länger ertragen, dass sie die Beine für jeden breit machte und ihn dabei zusehen ließ. Später hatte er behauptet, ein Mann hätte sie überfallen.

Der Mord an seinem Vater war ihm noch leichter von der Hand gegangen. Der Alte war viel zu betrunken gewesen und hatte es nicht mal kommen sehen. Andrew hatte zugeschaut, wie sein Körper in sich zusammensackte und alles Leben aus ihm floss. Danach hatte er das blutige Messer an seinem Hosenbein abgewischt, war aus dem Haus marschiert und nie mehr zurückgekehrt. Keiner seiner sechs Geschwister hatte ihn aufgehalten. Alle waren froh gewesen, dass das Martyrium ein Ende hatte, aber keiner hätte je den Mut gefunden, es von sich aus zu tun. Mittlerweile lebten nur noch zwei Schwestern und ein Bruder, und Andrew scherte sich einen Dreck um sie. Der einzige Mensch, der ihm wichtig war, war er selbst.

Zurzeit wurde ihm dies allerdings unnötig erschwert! Die Dinge entwickelten sich nicht zu seiner Zufriedenheit.

Er schnappte sich den Brief von Chadwick, der ihn vor drei Stunden erreicht hatte, und las ihn erneut. Chadwick war vor Kurzem in Andrews Anwesen Gast gewesen und hatte die Vorzüge von Anna – Andrews köstlicher Frau – kennenlernen dürfen. Sie hatte ihn eine ganze Nacht lang mit ihrer Schönheit und Anmut verzaubert; der Mann hätte Andrew am nächsten Morgen seine gesamten Ländereien überschrieben, wenn er darum gebeten hätte. Doch Andrew brauchte nur einen einzigen Gefallen von ihm: Chadwick sollte Andrew John Hampden vorstellen; einem einflussreichen Mann, der im Parlament zu einem der fünf Unterhäuser gehörte. Dummerweise war Hampden nun wegen Hochverrats angeklagt worden: »... mit großem Bedauern muss ich dir mitteilen, dass John nächste Woche vor den Richter treten wird. Ein Treffen wird sich nicht mehr ...«

Andrew zerriss den Brief und warf die Fetzen auf den Boden. »Stümper.« Wenn er gekonnt hätte, hätte er Chadwick einen Kopf kürzer machen lassen! Aber er brauchte den Mann noch. Chadwicks Verbindungen in London waren zu wertvoll. Andrew musste Ruhe bewahren. Wenn nicht Hampden, dann ein anderer Politiker. Andrew würde noch bekommen, was er wollte. So wie bisher auch.

Er musste nur seine Ungeduld zügeln. Wie immer. An manchen Tagen konnte er sie kaum kontrollieren, dann fühlte er dieses übermenschliche Brodeln, das sich unbedingt Bahn brechen musste. Wehe dem, der ihm dabei im Weg stand. Andrew hatte früher jedem dieser Impulse nachgegeben und sich so etliche Wege verbaut. Mittlerweile hatte er gelernt, mit der Ungeduld zu leben. Sie war nicht weg, aber er und sie hatten ein stilles Arrangement getroffen, und Andrew hatte Ventile gefunden, wie er ihr Raum geben konnte.

Er schwang sich aus dem Bett, goss ein Glas Wein ein und lief zu seinem Balkon. Sein Zimmer war nach Westen ausgelegt, sodass er die wohltuende Wärme der Abendsonne genießen konnte. Der Winter stand bevor, die Nächte wurden kühler, und vermutlich würde es in diesem Jahr viel Schnee geben. Er mochte die Kälte, sie hielt den Geist klar und frisch. Genau das, was er brauchte. Er nippte an seinem Wein und blickte über sein Anwesen. Sein Eigentum: Wolveshire Rock.

Andrew hatte nur zwei Jahre gebraucht, um Herr dieser Mauern zu werden. Eine harte Zeit, aber er hatte es geschafft. Der ehemalige Besitzer von Wolveshire Rock lag mittlerweile als ausgedörrte Leiche im Wald verscharrt. Niemand trauerte ihm nach, und wenn, hätte Andrew denjenigen sofort daneben begraben. Er hatte sämtliche Bedienstete gegen loyale Männer und Frauen ausgetauscht. Viele fürchteten Andrew, aber das kümmerte ihn nicht weiter.

Sollen sie ruhig.

Wer oben stehen wollte, hatte keine Freunde. Dank dieser Einstellung hatte Andrew sein Vermögen in den letzten zwei Jahren verfünffacht. Er hatte vor nichts zurückgeschreckt, hatte sich genommen, was er wollte, die entsprechenden Leute bestochen, Konkurrenten aus dem Weg geräumt, reiche Frauen bezirzt, um Gelder lockerzumachen. Jedem anderen hätte es sicherlich genügt, in dieser Gegend so viel Einfluss zu haben; Carleigh war eine kleine und schöne Gemeinde, Wolveshire Rock das größte Anwesen. Andrew könnte sich für den Rest seines Lebens in Frieden niederlassen, ihm würde es an nichts mangeln.

Aber das war nicht er. Es war seine Bestimmung, eines Tages auf einem Thron zu sitzen. Er fühlte es in seinem Blut und in seinem Herzen. Andrew war dafür geboren worden, zu herrschen. Und nichts zwischen Himmel und Hölle konnte ihn stoppen.

Er lehnte sich auf das Balkongeländer und überblickte den Innenhof. Eine Mauer zog sich rings um das Gelände und hielt jeden Eindringling fern. Sollte dennoch jemand versuchen einzubrechen, stieß er auf eine der zahlreichen Wachen, die ständig patrouillierten. Andrew sorgte für die Sicherheit in seinen eigenen vier Wänden. Jeder, der hier weilte, durfte sich dessen gewiss sein, aber natürlich hatte diese Sicherheit auch seinen Preis.

Ein heiteres Lachen erhellte den Innenhof.

Er lehnte sich nach vorne und sah Anna, die mit dem Bäckerssohn Brion plauderte. Er überreichte einer Magd einen Korb mit Brot, und Anna bezahlte ihn dafür. Als Bonus hatte er ihr ein Gebäck geschenkt, das sie lächelnd entgegengenommen hatte. Sie wirkte losgelöst und frei. Ihr Gesicht strahlte mit einer Unbeschwertheit, die Andrew schon lange nicht mehr an ihr erlebt hatte, denn in seiner Nähe kuschte sie ständig.

Bei Brion hingegen wirkte sie locker und offen.

Was fällt dem ein?

Der Bursche war nicht viel älter als Anna, gut gebaut, sehnig, trainiert von der Arbeit in der Mühle. Andrew kannte die Familie, es waren gute Leute, die fleißig ihr Werk verrichteten und nicht auffielen. Der Junge würde sicherlich die Mühle erben. Er – oder einer seiner beiden jüngeren Brüder.

»Gareth«, rief Andrew.

Es dauerte nur einen Augenblick, bis der Diener eintrat. »Ja, Herr?«

»Der junge Brion verlässt gleich unseren Hof. Vermutlich ist er auf dem Weg nach Hause.«

»Er hat die Brotlieferung für die Woche gebracht.«

»Sorge dafür, dass es seine letzte war. Und lass es wie einen Unfall aussehen.«

»Sehr wohl, Herr.«

Gareth wandte sich zum Gehen.

»Warte.« Andrew musste nicht hinsehen, um zu wissen, wo Gareth stand: An der Tür, bereit, seine Befehle zu empfangen. »Sag ihm Grüße von mir und dass er sich besser eine andere Frau zum Anschmachten ausgesucht hätte.«

»Natürlich.«

Die Tür klickte hinter ihm. Andrew lächelte und nippte an seinem Wein. Oh ja, er liebte es, Macht zu haben. Er stellte sich vor, wie Gareth Brion irgendwo zwischen hier und der Mühle abfangen würde. Er würde ihn von der Straße locken, vielleicht einen Unfall fingieren, bei dem er Hilfe brauchte. Und dann, wenn Brion es nicht erwartete, würde Gareth ihm den Schädel einschlagen. Er würde ihm das Geld stehlen, die Kleidung, alles Wertvolle; und dann würde er es so aussehen lassen, als hätten Diebe dieses Werk verrichtet.

Andrew sollte ihm noch sagen, dass Gareth alles behalten konnte und sich einen schönen Abend damit machen sollte. Gareth hatte seine Belohnung verdient. Der Mann war mehr wert als zwanzig seiner Soldaten. Und das Beste: Er tat es nicht wegen des Geldes, sondern aus purer Loyalität. Gareth hatte erkannt, dass er selbst nie den Biss haben würde, sich nach oben zu arbeiten, aber er wusste, an wen er sich halten musste, um sich in der Wärme der Macht zu sonnen. Seite an Seite mit Andrew. Als rechte Hand des Teufels.

Andrew grinste, trank einen weiteren Schluck und sah sich noch mal nach seiner Frau um, die allerdings ins Haus gegangen war. Sollte er ihr später einen Besuch abstatten? Heute war Mittwoch. Der Tag, an dem er sie besonders motivieren musste, weil sie oft ab der Hälfte der Woche träge wurde und ihre Pflichten vernachlässigte. Er könnte seine neue Peitsche ausprobieren, die gestern eingetroffen war. Feinstes geflochtenes Pergament aus Brasilien. Es hatte Andrew ein halbes Vermögen gekostet, um das Stück zu erwerben, aber für seine Frau war ihm nichts zu teuer. Schon beim Gedanken daran, wie sie sich unter den Riemen wand, lief ihm das Wasser im Mund zusammen.

Das würde ihn definitiv für den Ärger dieses Tages entschädigen, so viel war klar.

Er ging zurück ins Zimmer, wollte sich ein zweites Mal nachgießen, als er die Unruhe im Hof hörte. Seine Männer waren laut geworden. Andrew war sofort alarmiert. Nicht, weil die Soldaten sich offenkundig mit jemandem stritten, das kam schon mal vor. Sondern wegen der Anspannung in ihren Stimmen. Andrew war erfahren genug, um herauszuhören, wann es ernst wurde.

Er stellte das Weinglas weg, schnappte sich seine Lederjacke und band sein Schwert um. Die Schwere des Metalls an seiner Hüfte erfüllte ihn mit Selbstsicherheit und Stärke. Er liebte Waffen aller Art, seine Kammer war randvoll mit Bögen, Schwertern, Messern, Schlagstöcken, Gewehren und Pistolen aus aller Herren Länder.

Andrew zurrte den Gürtel fester und eilte hinaus auf den Flur.

Talbot kam ihm entgegen.

»Was ist los?«, fragte Andrew.

Der junge Mann war seit einem Jahr bei Andrew angestellt und hatte sich als äußerst tüchtig erwiesen, obwohl er erst sechzehn war.

»Eine junge Frau sorgt für Unruhe, Herr. Sie ist vor dem Tor und möchte mit Euch sprechen.«

»Eine Frau?«

»Ja. Sie ist ...« Talbot stand der Schweiß auf der Stirn, und er war ziemlich blass um die Nase. »Sie hat drei Männer getötet.« Talbot schluckte trocken und wurde immer käsiger im Gesicht.

»Deshalb zitterst du wie ein Weib?«

»Nein, Herr, aber sie hat den Männern die Herzen herausgerissen. Mit bloßen Händen, und dann hat sie ...« Er musste durchatmen, würgte.

»Wenn du dich übergibst, werde ich dir die Zunge herausschneiden.«

»Sehr wohl, Herr.« Talbot straffte die Schultern, riss sich zusammen. »Sie hat die Herzen gegessen. Roh.«

»Was?«

Talbot nickte.

Andrew schüttelte ungläubig den Kopf. Er wusste, dass manche Naturvölker abstrusen Riten folgten, aber von Menschen, die Herzen aßen, hatte er noch nie gehört. Andrew schob sich an Talbot vorbei und eilte durch sein Anwesen. Die Bediensteten sprangen ihm aus dem Weg, verneigten sich, als er sie passierte und gingen sogleich wieder ihren Beschäftigungen nach. Andrew kam an die Steintreppe, rannte nach unten und steuerte auf den Ausgang zu. Die Tore wurden ihm geöffnet, noch ehe er sie erreichte.

Er trat hinaus in den Hof. Es war ruhig geworden, die Soldaten schickten alle Bediensteten hinein. Andrew winkte Gerome heran. Er war der Hauptmann der Wachen und gerade dabei, seine Leute zusammenzurufen.

»Hast du sie gesehen?«, fragte Andrew und ging weiter. Gerome setzte sich sofort an seine Seite, vier Soldaten folgten.

»Sie ist kaum dem Mädchenalter entwachsen.«

»Hat sie wirklich drei der Männer getötet?«

»Und fünf weitere bewusstlos geschlagen. Wir haben sie attackiert, aber sie ... Sie ist weder zu fassen noch zu verletzen. Alles prallt an ihr ab. Sie ist der Teufel.« Er bekreuzigte sich hastig. Andrew rollte mit den Augen und wünschte, der Mann risse sich zusammen.

»Bringt Anna nach unten«, sagte Andrew. Er würde nie eine Gefahr unterschätzen, egal, wie unmöglich sie klang. »Bereite alles für eine rasche Abreise vor. Falls nötig, verschwindet ihr sofort aus dem Schloss.«

Früher hielten die Herren dieses Anwesens Wölfe und ließen sie durch die Gänge hinaus in die Wälder, damit sie jagen konnten. Die Gänge gab es noch immer, Andrew hatte sie sichern lassen. Niemand von außen konnte sie einsehen, weil sie geschickt verborgen in die Schlossmauern eingebaut waren. Es war ein heimlicher Fluchtweg, den er sich für Notfälle offenhielt.

Gerome bellte seinen Männern Befehle zu, zwei lösten sich von dem Trupp, wurden aber sofort von zwei neuen ersetzt, sodass Andrew volle Rückendeckung hatte. Er war zufrieden. Aber er zahlte ja auch genug dafür.

Die große Pforte war üblicherweise mit einer massiven Eisentür verschlossen, die über fünf Riegel gesichert war. Entweder konnte man das gesamte Tor öffnen, sodass Kutschen hindurchpassten, oder eine kleine Tür, die rechts eingebaut war. Andrew deutete mit einem Kopfnicken auf diese, und sofort ließ ihn einer seiner Männer hindurch.

Die Sonne stand tief und strahlte ihm ins Gesicht, als er hinaustrat. Um diese Jahreszeit hielt sie diese ungünstige Position, und Andrew hatte sich sogar überlegt, die Eingangspforte verlegen zu lassen. Aber das Schauspiel dauerte nur wenige Minuten und kam auch nur in den Herbstmonaten vor. Die Kosten für einen Umbau waren ihm im Moment zu hoch.

Jetzt bereute er, dass er es nicht längst hatte machen lassen. Das Mädchen hatte die perfekte Zeit abgewartet, um mit ihm zu sprechen.

Er trat durch die Tür, hielt den Blick leicht gesenkt, um nicht zu sehr von der Sonne geblendet zu werden, und sah sich um.

Das Mädchen stand inmitten der drei Leichen und leckte sich die Finger sauber. Tatsächlich waren die Brustkörbe der Männer aufgerissen, ein halbes Herz lag auf dem Boden. Überall war Blut, ein reines Massaker.

Das Mädchen hatte lange schwarze Haare und trug ein hellbeiges Kleid, das über und über besudelt war. Ihr selbstgefälliger Gesichtsausdruck verriet allerdings, dass es sie nicht störte.

»Ah, da ist ja der große Herr und Meister.« Sie hörte auf, ihren Finger abzulutschen und verneigte sich äußerst elegant vor ihm. »Ich grüße dich, Andrew Caulfield.«

Andrew war bekannt in der Gegend. Es war ein Leichtes für sie, seinen Namen herauszufinden. »Was willst du?«

»Mein Name ist Coco, und ich bin gekommen, um dir ein Angebot zu machen.«

Andrew trat näher, behielt die Kleine im Visier. Ihre Pupillen waren fast schwarz, ihre Haut war so ebenmäßig und weiß, als bestünde sie aus Porzellan. Auf den ersten Blick mochte dieses Mädchen harmlos wirken. Doch Andrew spürte ihre Verschlagenheit, er erkannte das Böse in ihren Augen, denn es war dasselbe Funkeln, das ihm morgens im Spiegel entgegenblickte. Sie beide waren aus dem gleichen Holz geschnitzt. Eine ebenbürtige Gegnerin. Die traf er selten.

»Welches Angebot?«

»Das werde ich nur unter vier Augen mit dir besprechen.«

»Nein.«

Sie seufzte genervt. »Ich kann auch gerne all deine Männer töten und jeden, der hier lebt. Bis auf deine wundervolle Frau natürlich. Die kostbare Perle ist tabu.«

Ah, sie war also an Anna interessiert. Nicht die Erste.

Langsam umrundete er Coco. Sie blieb ruhig stehen, fühlte sich nicht im Geringsten von ihm bedroht.

»Es liegt an dir, wie schnell wir das hinter uns bringen, weißt du?« Coco pulte an ihrem Fingernagel herum und kratzte das getrocknete Blut herunter. »Deine Leute können mir nichts anhaben, haben sie dir das nicht erzählt?«

»Doch.«

»Aber du willst erst noch das Bein heben und die Grenzen abstecken; mir zeigen, was für ein toller Mann du bist. Nur zu. Spiel dich auf, droh mir, du kannst auch gerne deinen besten Mann auf mich hetzen. Ich bin für alles offen.«

Das Weib gefiel ihm, das musste er zugeben. Er witterte nicht die geringste Angst an ihr.

»Wenn du genug gespielt hast, sag Bescheid, dann können wir über die wichtigen Themen plaudern.«

Andrew blickte auf die Leichen seiner Männer. Sie sahen aus, als hätte ein Raubtier seine Klauen in ihnen versenkt. Die halbe Brust war aufgerissen. »Ich bin neugierig, das muss ich zugeben.«

»Sehr gut.« Coco klatschte in die Hände und drehte sich zu ihm. »Dann lass uns reingehen, ein Glas Wein trinken und übers Geschäft plaudern. Kochen musst du nichts, ich bin satt.«

»Ich werde dich nicht in meine vier Wände einladen, wenn ich nicht weiß, wer du bist.« Andrew würde nicht das Böse in sein Haus lassen. Er gab zwar einen Scheiß auf Gott oder seine Gesetze. Er glaubte weder an die Hölle noch an den Himmel. Aber er wusste, dass es Dinge auf dieser Erde gab, die nicht mit dem normalen Verstand zu begreifen waren.

»Ach, das ist doch albern.« Coco stieg über die drei Männer hinweg und lief Richtung Schloss. Sofort bauten sich Andrews Soldaten vor dem Tor auf, bereit, es jederzeit zu verteidigen. Coco blickte über ihre Schulter zu Andrew. »Brauchst du die noch?«

Ehe er antworten konnte, fuhr sie herum und riss dem ersten Mann den Kopf ab.

Andrew zuckte zusammen. Noch nie hatte er jemanden gesehen, der derart übermenschliche Kräfte besaß! Die Soldaten attackierten sie umgehend, aber Coco tanzte regelrecht zwischen ihnen hindurch, schlug dem nächsten so fest gegen das Bein, dass sein Knie nach hinten wegbrach, einen weiteren Mann zerrte sie an sich und biss ihm die Kehle heraus. Sie lachte, freute sich über das Chaos, das sie verbreitete.

Schon bald waren die Männer tot und Coco in Blut getaucht. Sie wischte sich über den Mund, verschmierte es nur noch mehr und drehte sich wieder zu Andrew herum. Dann trat sie rückwärts über die Schwelle seines Anwesens und breitete die Arme aus.

Sie brauchte keine Einladung. Sie konnte sich nehmen, was sie wollte. Und sie würde nicht eher gehen, bis sie es besaß.

»Und?«, rief sie. »Kommst du rein, oder muss ich ohne dich feiern? Das fände ich sehr bedauerlich.«

Andrew knurrte und setzte sich in Bewegung. Das Mädchen führte ihn vor. Sie machte sich über ihn lustig, und er konnte rein gar nichts dagegen tun.

Womöglich konnte dieser Besuch doch unangenehmer werden, als er glaubte ...

Eine Stunde später saßen er und Coco an der langen Tafel im Speisesaal. Andrew hatte seinen besten Wein auftischen lassen, an dem Coco genüsslich nippte. Er hatte ihr sogar ein frisches Kleid angeboten, doch sie hatte abgelehnt und sich nur das Gesicht mit Wasser gewaschen. Andrew hatte das Gefühl, dass sie das nur seinetwegen getan hatte, in Wirklichkeit störte sie es nicht im Ansatz, das Blut ihrer Feinde auf der Haut zu tragen. Ganz im Gegenteil.

»Also?«, fragte er. »Was willst du mir für ein Angebot machen?«

»Wie bibelfest bist du?«

Andrew hatte früher mit seinem Vater zum Gottesdienst gemusst und es abgrundtief gehasst. Der Mann hatte nach außen hin den rechtschaffenen Bürger gemimt und sobald sie zu Hause waren Schläge verteilt. »Ich denke, ich kenne mich genügend aus«, gab er zurück.

»Dann weißt du sicher auch von David und Saul.«

»Dazu gehört nicht viel.« Der große David, der den Riesen Goliath bezwang.

»Weißt du auch, dass Saul unter Depressionen litt und David eine einzigartige Gabe besaß, diese zu heilen?«

»Das ist mir scheißegal. Komm zum Punkt.«

Coco grinste, tat seinen Einwand aber mit einem Schulterzucken ab.

Sie macht sich über mich lustig!

Er ballte die Hand zur Faust. Sein Arm streifte das Schwert, das er nach wie vor trug.

Coco bemerkte seine Bewegung und beugte sich über den Tisch. »Ich dachte, wir hätten unsere Grenzen gezogen: Du kannst mich nicht töten! Du kannst es versuchen, aber das wäre eine Verschwendung von deiner und meiner Zeit. Also schlucke besser deinen männlichen Stolz hinunter und hör dir an, was ich dir zu erzählen habe.«

Andrews Oberlippe zuckte. Ein Zeichen, dass er kurz davor stand, die Beherrschung zu verlieren.

Coco gab ihm eine Minute, in der sie ihn nur anstarrte. Ohne Provokation. Nur wartend.

»Weiter«, stieß er durch zusammengepresste Zähne heraus.

Sie lehnte sich wieder zurück. »David nutzte für die Heilung von Saul eine Harfe. Immer wenn er spielte, ging es dem König besser, und die bösen Geister ließen von seiner Seele ab. Doch auf Dauer war das nicht genug. David bemerkte, dass er mit gewöhnlichen Melodien nicht in Sauls Kopf vordringen konnte, und so komponierte er eines Tages ein Lied für ihn. Er erschuf ein einzigartiges Werk, das einen geheimen Akkord enthielt. Kein Mensch hatte diese Noten je zuvor gehört oder gespielt, und keiner hat es nach ihm wieder getan.«

Andrew nestelte am Kragen seines Hemdes. Am liebsten wäre er über den Tisch gesprungen, hätte diesem Weib den Kopf auf die Platte gedonnert und ihr gezeigt, was er von dieser Geschichte hielt.

»Deine Ungeduld wird dich eines Tages ins Grab bringen, weißt du?«, sagte Coco, doch sie fuhr fort: »David konnte diesen geheimen Akkord nur spielen, weil er aus einer ungewöhnlichen Blutlinie abstammt. Alle paar Generationen zeigt sich eine Gabe, die diesen Menschen ein einzigartiges Gefühl für Musik verleiht. Der Ursprung dieser Blutlinie geht auf einen weiblichen Engel zurück, der menschlich wurde. Ihr Name war Sophia. Sie hatte vor vielen tausend Jahren ihre Engelsnatur aufgegeben, um diese Blutlinie zu erschaffen.«

»Warum?«

»Das spielt keine Rolle für dich. Für uns ist im Moment nur eines wichtig: Wir benötigen die Harfe und das Lied, das David für Saul komponiert hat. Außerdem brauchen wir einen Nachfahren – so wie David einer war –, der all diese Dinge vereinen kann.«

»Und dann? Willst du alle Menschen von Depressionen heilen?«

Coco warf den Kopf in den Nacken und lachte schallend. »Nein. Ich will jemanden befreien, der unrechtmäßig eingesperrt wurde. Ihr Name ist Lilija. Sie wurde von ihresgleichen verraten und betrogen, und mit deiner Hilfe werde ich sie zurückholen. Die Harfe allein ist ein mächtiges Instrument. Aber wenn das Lied gespielt wird, entfacht das Mächte, die jenseits dieser Welt existieren.«

»Ich weiß allerdings noch nicht, warum du mich benötigst.« Doch er hatte eine Ahnung: ›Die kostbare Perle ist tabu.‹« Anna musste eine der Nachfahren sein. Es machte durchaus Sinn. An dem Tag, als sie sich kennenlernten, hatte sie ihn völlig mit ihrem Gesang verzaubert, und auch heute besaß sie eine unvergleichbare Eleganz und Anmut. Wenn jemand von einem Engel abstammte, dann sie.

»Du hast Anna«, sagte Coco, die begriffen hatte, dass Andrew alles kombinierte. »Hol mir die Harfe. Ich werde mich um die Noten kümmern.«

»Und dann? Befreist du deine Freundin und freust dich deines Lebens. Was habe ich davon?«

»Ich werde dich nicht umbringen.«

Andrew grinste. »Das wirst du sowieso nicht, denn sonst hättest du es schon getan. Du hättest hier reinmarschieren und dir Anna einfach nehmen können, aber nein: Du brauchst mich. Warum willst du, dass ich die Harfe beschaffe? Warum machst du es nicht selbst?«

Cocos Blick wurde dunkler, aber auch weicher. Zum ersten Mal zeigte sie eine leichte Furcht. »Ich habe Feinde. Sehr mächtige Feinde. Ich muss mich versteckt halten.«

»Wer sind sie?«

Coco schürzte die Lippen.

»Wenn ich dir helfen soll, will ich wissen, mit wem oder was ich es zu tun habe.«

»Seelenwächter.« Coco spuckte das Wort förmlich heraus. »Und die Sapier. Das ist ein Geheimbund, der sich geschworen hat, alle Nachfahren Sophias zu schützen.«

»Noch nie gehört.« Weder das eine noch das andere.

»Sie halten sich im Verborgenen und schützen die Menschen vor den Dämonen des Schattens. Ihre Fähigkeiten ziehen sie aus den vier Elementen: Feuer, Erde, Wasser, Luft. Aber sie sind selbstgefällig und engstirnig. Sie waren es, die Lilija eingesperrt haben.«

»Sie ist auch eine Seelenwächterin.«

»So ist es.«

»Und deine Geliebte?«

Coco lachte hell und beißend. »Mach dich nicht lächerlich. Es gibt so viel mehr auf Erden als fleischliche Genüsse.«

Das sagten nur Menschen, die keine Ahnung hatten.

»Lilija ist seit Jahrtausenden eingesperrt. Ich habe geschworen, sie zu befreien, und die Harfe Davids wird mir dabei helfen. Genau wie deine wundervolle Frau.«

»Ich verstehe nach wie vor nicht, warum du es nicht selbst machst. Ich habe eher das Gefühl, dass du mich ins offene Messer laufen lassen willst.«

»Na schön. Ich sehe, dass ich dir etwas geben sollte, ehe du einwilligst«, sagte sie. »Es passierte vor etwa tausend Jahren. Da wurde die letzte mir bekannte Nachfahrin mit der Gabe geboren: Ihr Name war Rasha. Ich hatte sie in meiner Gewalt, doch die Seelenwächter funkten mir dazwischen. Allen voran: Ilai. Er ist einer der mächtigsten Seelenwächter dieser Erde. Wir kämpften mit allen Mitteln, es war ein einziges Inferno, das ich fast gewonnen hätte, doch die verdammten Sapier rotteten sich zusammen und bündelten ihre Macht. Sie nutzten die Kraft Sophias und raubten mir damit fast den Verstand. Das war nicht unser erster Kampf, auch bei David am Hofe damals war ich sehr nah an meinem Ziel, aber die Sapier drängten mich zurück. Nur mit allerletzter Kraft konnte ich fliehen und brauchte fast dreihundert Jahre, ehe ich mich vollständig regenerierte. Gegen eine Partei zu kämpfen, ist schwer genug, aber wenn sich die beiden zusammentun, habe ich kaum eine Chance. Ehe ich mich ein drittes Mal mit ihnen anlege und womöglich endgültig unterliege, werde ich mir Hilfe holen. Nur Narren denken, sie können alles alleine bewältigen.«

»Was sollte ich gegen sie ausrichten können, wenn nicht mal du es schaffst?«

»Weil du ein Mensch bist. Die Seelenwächter selbst können keine Menschen töten, das verbietet ihnen ihre Moralsperre.«

»Aber die Sapier schon.«

»Ja, doch sie sind schwach zurzeit.«

»Warum? Wo liegt das Problem?« Andrew musste alles wissen, wenn er

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