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Böhmen, Bier und Blasmusik: Mit dem Fahrrad 1.500 Kilometer durch Tschechien

Böhmen, Bier und Blasmusik: Mit dem Fahrrad 1.500 Kilometer durch Tschechien

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Böhmen, Bier und Blasmusik: Mit dem Fahrrad 1.500 Kilometer durch Tschechien

Länge:
321 Seiten
4 Stunden
Freigegeben:
22. Mai 2018
ISBN:
9783942617482
Format:
Buch

Beschreibung

Der begeisterte Radwanderer Heiko Meyer legt innerhalb von 16 Tagesetappen insgesamt 1.500 Kilometer durch die Region Böhmen in Tschechien zurück. Diese alte Kulturlandschaft ist bekannt für deftige Küche, Bier und Blasmusik. Tagsüber entdeckt der Autor herrliche Landschaften, spricht mit gastfreundlichen Menschen, besichtigt Kulturdenkmäler. An den Abenden verkostet er etliche schmackhafte Biersorten.

Aus dem Inhalt:

Mitten im Herzen Europas liegt das ehemalige Königreich Böhmen, das neben kulinarischen Besonderheiten, Marschmusik und Polka vor allem schöne Radrouten zu bieten hat.
Heiko Meyer unternimmt eine vergnügliche Reise entlang der Täler von Eger, Elbe und Moldau. Er entdeckt unzählige Brauereien und geht dem Geheimnis des böhmischen Bieres auf den Grund.

Neben der Hauptstadt Prag und der heimlichen Biermetropole Pilsen, sind es für ihn die idyllischen Kleinstädte und malerischen Orte, welche seinen Weg bereichern. Zeugnisse der jüngeren deutsch-tschechischen Geschichte, die ebenfalls auf seiner Route zu finden sind, bescheren dem Autor aber auch sehr nachdenkliche Momente.
Sportliche Herausforderungen meistert Heiko im Moldautal sowie im Böhmerwald. Hier erfährt er die Leiden des „böhmischen Schaukelns“ und kommt in den zweifelhaften Genuss einiger Wetterkapriolen.

Heiko Meyer beweist: Große Abenteuer lassen sich auch nahe der Haustür, bei den Nachbarn Deutschlands, erleben.
Freigegeben:
22. Mai 2018
ISBN:
9783942617482
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Böhmen, Bier und Blasmusik - Heiko Meyer

Abenteuer.

Auch Wasser wird zum edlen Tropfen, mischt man es mit Malz und Hopfen.

Verfasser unbekannt

1. Etappe: Altdorf – Kallmünz,

Fahrzeit 7,5 Stunden, 88 Kilometer

„Ruhiges Frühsommerwetter, ab Mittag ist mit Schauern und Gewittern zu rechnen, siebzehn bis zweiundzwanzig Grad". So verkündet es die freundliche und verbindliche Stimme der Moderatorin von Antenne Bayern, als sich der Radiowecker um 06:00 Uhr automatisch anschaltet. Na das ist ja eine schöne Motivation, wenn man so früh aufstehen soll. Heute starte ich meine Fahrradtour nach und durch Böhmen. Tagelang habe ich auf einigermaßen beständiges Wetter gewartet, damit es endlich losgehen kann. Immer wieder waren Schauer und Gewitter angekündigt, die den Start jedes Mal verzögert haben. Und als es dann so weit war, dass die Unwetter über Franken hereinbrechen sollten, schien ungeniert die Sonne. Von Unwetter weit und breit nichts zu sehen und zu spüren. Ja will man mich denn auf den Arm nehmen? Die spinnen doch mit ihren Wettervorhersagen. Heute werde ich jeden Bericht ignorieren und mich ausschließlich auf meine eigene Erfahrung in der Natur und meinen Wetterbeobachtungen verlassen. Ein Blick aus dem Fenster zeigt mir eine bereits hoch über den Hügeln stehende Sonne an einem fast wolkenlosen Himmel. Unvorstellbar, dass es heute noch Gewitter mit Schauern geben soll. Ich bin nicht mehr zu halten, ich muss los, raus in die Natur, neue Landschaften, andere Kulturen und fremde Menschen kennenlernen.

Böhmen ist nicht gerade als Fahrradparadies bekannt. Ich habe mehrere Radführer studiert, immer wieder wird vor den unzähligen Steigungen gewarnt. Ausdauer ist gefragt, und ein wenig Abenteuerlust. Bange machen gilt aber nicht, ich plane wie immer, in den Flusstälern zu fahren, da kann es erfahrungsgemäß nicht so schlimm werden. Über die Kleinstadt Cheb möchte ich nach Tschechien einreisen, dann weiter an der Eger entlang rollen und bis zu deren Mündung in die Elbe fahren. Dort will ich weiter bis zur Moldaumündung bei Mělník fahren, um dann an der Moldau entlang in die Hauptstadt nach Prag zu reisen. Von dort geht es weiter entlang des Flusses bis hinein in den Böhmerwald. So lautet zumindest der grobe Plan. Das hört sich doch ganz einfach an. Natürlich habe ich gehörigen Respekt vor den unbekannten Anforderungen des Böhmerwaldes, wo es über tausend Meter hoch gehen wird. Ich hoffe jedoch, mir bis dahin genügend Kondition angeeignet zu haben, um diese Strapazen bewältigen zu können.

Mit Böhmen verbinde ich gutes, deftiges Essen, einfache Unterkünfte, günstige Preise und natürlich leckeres Bier. Die Vorfreude steigt ins Unermessliche, wenn ich mir dampfende Knödel, würziges Gulasch und kühle, durstlöschende Biere vorstelle, die ich natürlich von böhmischen Schönheiten in landestypischen Trachten gekleidet, serviert bekomme. Wenn ich mir vorstelle, wie die eiskalten Tropfen am kühlen Bierglas abperlen, eine weiße Schaumkrone das Bierglas ziert, bevor ich es an die Lippen ansetze und das köstliche Gebräu die Kehle hinunter rinnen lasse, kann ich es kaum erwarten.

Doch vor dem Lohn steht wie immer der Schweiß. Ich starte die Tour in Mittelfranken. Um nach Tschechien zu gelangen muss ich erst einmal Bayern verlassen. Das ist gar nicht so einfach. Bayern ist rundherum von Gebirgen umschlossen. Als wollten die Bayern niemanden ins Land hinein- oder hinauslassen. Klar, mit dem Auto ist das kein Problem, aber ich werde den Ausbruch mit dem Fahrrad versuchen. Im Süden des Freistaates liegen die Alpen, zu hoch! Im Westen begrenzen der Schwarzwald, die Frankenhöhe und der Odenwald das Bundesland – falsche Richtung. Im Norden sind Spessart, Rhön und Thüringer Wald im Wege – zu großer Umweg. Und im Osten schützen sich die Bayern durch Fichtelberg, Oberpfälzer Wald, Böhmerwald und Bayerischer Wald. Ich habe mich für die Variante durch den Oberpfälzer Wald entschieden und versuche die Flucht über den Grenzübergang nach Cheb/Eger. Dazu soll mich meine Route durch das Tal der Schwarzen Laber in Richtung Südosten, und später durch das Naabtal Richtung Nordosten führen – so lautet jedenfalls mein bescheidener Plan.

Um kurz nach neun Uhr sind die Fahrradtaschen gepackt, alles Überlebensnotwendige befindet sich in der griffbereiten Lenker-Tasche. Nur der Schlüssel für mein Fahrradschloss ist nicht auffindbar. Was soll das jetzt? Wieso habe ich mich nicht vorher darum gekümmert, ich bereite mich doch sonst so akribisch auf alles vor? Alles Suchen hilft nichts, ich werde mir wohl oder übel unterwegs ein neues Schloss kaufen müssen. Damit gibt es die erste ungeplante Abweichung von der Tagesroutine. Dann ist endlich der Moment gekommen. Mit Schwung geht es in den Sattel und bei mäßig warmem Wetter und zwischenzeitlich leicht bewölktem Himmel geht es endlich auf die große Tour.

Von meiner Frau habe ich mich bereits am frühen Morgen verabschiedet. Sie bleibt im Lande, hat sie doch erst vor wenigen Tagen einen neuen Job begonnen. Da ist noch kein Urlaub drin. Ich habe ohnehin genügend Bammel vor den Hügellandschaften in Tschechien und bin froh, alleine unterwegs zu sein. So kann ich mich ganz auf mein persönliches Befinden, meine Kondition, meine Gedanken und meine Tagträume einlassen, ohne Rücksicht auf einen ansonsten liebgewonnenen Begleiter.

Erst einmal langsam anfangen und mich eingewöhnen, denke ich mir. Bereits nach wenigen Kilometern bilde ich mit meinem Rad eine Einheit, ich registriere: wir vertragen uns. Bald befinde ich mich im gewohnten Radtour-Modus. Alles rollt, nichts quietscht. Das Gepäck ist bestens befestigt und ich fühle mich sauwohl hoch oben auf meinem Stahlross. Wie aus einem Winterschlaf befreit gleitet mein Bike über die Piste. Und gleich überquere ich die erste imaginäre Grenze von Mittelfranken in die Oberpfalz, ich rolle nach Gnadenberg hinauf. Von der Klosterruine hoch oben im Dorf bekomme ich nichts mit, da der Radweg unterhalb des Dorfes und des Hanges an der Ruine vorbeiführt.

Das einstige Birgittenkloster stammt aus dem fünfzehnten Jahrhundert und war somit das erste Kloster des Erlöserordens in Süddeutschland. Die Blütezeit des Klosters ist lange vorbei, es bestand nur wenig mehr als hundert Jahre, bis die Reformation in Franken und der Oberpfalz Einzug hielt. Mit der Reformation verlor das Kloster an Bedeutung, der Betrieb wurde nach und nach eingestellt. Im Dreißigjährigen Krieg wurde das Gotteshaus von den schwedischen Truppen niedergebrannt. Seit dieser Zeit stehen nur noch die hohen Mauern des Erdgeschosses mit ihren gotischen Spitzbogenfenstern als Mahnmal. Heute ist das ganze Areal ein wunderschöner Klostergarten, der frei besichtigt werden kann. Ob hier wohl bereits im Mittelalter Bier gebraut wurde? Waren es doch die Mönche, die das Bierbrauen zu dieser Zeit beherrscht haben.

Die erste kleine Steigung führt mich hinauf an den alten Main-Donau-Kanal, an dem ich jetzt entlang bis Neumarkt in der Oberpfalz. rolle. Unvermittelt befinde ich mich in einer anderen Welt inmitten der Natur. Trotz der vielen Regenfälle der vergangenen Wochen führt der Kanal kein Hochwasser. Die Entengrütze bedeckt fast die gesamte Oberfläche des Kanals. An nicht bewachsenen Kanalabschnitten kann ich Hechte, Welse, Karpfen, Goldfedern und viele andere Fische beobachten, wie sie sich knapp unter der Wasseroberfläche sonnen. Mitten im Kanal hat ein Paar Blesshühner ihr Nest auf einer Schwimminsel aus Gras gebaut. Die kleinen Küken haben noch einen leichten Flaum und sehen aus wie Halbstarke. Bei den Tieren ist es auch nicht anders als bei den Menschen. Ein Mittelspecht fliegt dicht über der Wasseroberfläche neben mir her, sein roter Schopf ist deutlich zu erkennen. Das Naturparadies endet abrupt, als ich in Neumarkt den Kanal verlasse und in Richtung Pilsach abbiege. Ich umfahre die Stadt genauso wie alle anderen Fahrzeuge über die Umgehungsstraße. Im einschlägigen Fahrradhandel besorge ich mir im nächsten Fahrradladen zähneknirschend das noch fehlende Fahrradschloss.

Das Örtchen Pilsach wurde bekannt durch seine Burg mit dem sogenannten Kaspar-Hauser-Loch. Angeblich soll hier das Findelkind Kaspar Hauser gefangen gehalten worden sein. Gerüchten zu Folge soll Kaspar Hauser ein badischer Erbprinz gewesen sein, der von der Erbfolge ausgeschlossen werden sollte. Dazu hat man ihn unter schlimmsten Umständen an unterschiedlichen Orten des Landes gefangen gehalten. Einer dieser Orte soll eben das „Hauser-Loch im Wasserschloss Pilsach gewesen sein. Man weiß nur zweifelsfrei, dass er als circa sechzehnjähriger in Nürnberg auftauchte und dort als Findelkind für Aufsehen sorgte. Genauso, wie seine Herkunft im Dunkeln blieb, ranken sich um seinen Tod Legenden. Fünf Jahre nach seinem Auffinden starb er im Jahre 1833 an einer Stichwunde, die ihm in Ansbach in Mittelfranken zugefügt wurde. Sein Grab ist noch heute auf dem Ansbacher Friedhof zu finden. Auf seinem Grabstein steht in lateinischer Schrift übersetzt folgender Spruch: „Hier liegt Kaspar Hauser, Rätsel seiner Zeit, unbekannt die Herkunft, geheimnisvoll der Tod 1833. Bis zum aktuellen Tag ranken zahlreiche Legenden um Herkunft, Leben und Tod des geheimnisvollen Halbwilden.

Zurück von den Sagen umworbenen Legenden in die Realität. Es steht die erste richtige Herausforderung an. Mehr als hundert Meter Höhenunterschied muss ich überwinden, um ins Dörfchen Laaber zur Quelle der Schwarzen Laber zu gelangen. Erstmals rinnt der Schweiß an diesem Tag. An einem Rastplatz kurz vor der Höhe benötige ich die erste Pause, um wieder zu Kräften zu kommen. Der Ort ist nach dem Quellfluss benannt und schreibt sich seltsamerweise mit zwei A, während der Fluss sich mit einem Vokal begnügen muss. Die deutsche Sprache ist manchmal seltsam!

Die Quelle liegt mitten im Ort, schön in alten Backsteinmauern eingefasst. Ich hoffe, dass der Radweg ab hier im Labertal entlang führt, möglichst ohne viele Steigungen. Tut er auch, aber gerade zu Beginn, als der Fluss noch ein kleines Rinnsal ist, geht es immer wieder berg auf und bergab. Die nächsten Sehenswürdigkeiten sind die Doggerfelsen in Niederhofen. Hierbei handelt es sich um eine Felswand aus Juragestein. In der Felswand befinden sich hinein getriebene Felsenkeller und Flöze. Früher wurde hier Eisenerz abgetragen. Später dienten sie zum Einlagern und Kühlen von Bier ... Na bitte, geht doch!

An der Quelle der Schwarzen Laber

Zur Mittagszeit erreiche ich Lengenfeld. Mitten im Ort liegt die Privatbrauerei Winkler. Der Brauereigasthof geht auf das Jahr 1428 zurück, lese ich an der Frontseite das Gasthauses, welches mich zum Mittagsmahl einlädt. Mir ist diese Gaststätte etwas zu vornehm und zu mondän. Ich bevorzuge heute eher die einfache und preiswerte bayerische Küche. Schlemmermäuler und Gourmets kommen in diesem Brauerei-Tempel schon eher auf ihre Kosten, insofern die Kosten des Mittagsmahls das veranschlagte Budget nicht übersteigen.

Ab Lengenfeld wird der Fluss breiter und das Tal enger. Jetzt endlich führt der Weg wild romantisch direkt neben der Schwarzen Laber entlang. Die ist aber gar nicht schwarz, sondern schimmert grünlich bis türkisgrün. Die vielen Steigungen an diesem ersten Tag schlauchen mich. Ich bekomme Hunger, doch der Radweg führt beständig an den größeren Ortschaften vorbei, anstatt durch sie hindurch. Ich muss aber dringend meinem Körper Energie zuführen. Das Städtchen Beratzhausen, welches direkt am Radweg liegt, nährt meine aktuelle Hoffnung. Doch bis dahin sind es noch mehr als zehn Kilometer. Und mein Energie-Akku geht gegen null, ich fahre bald auf Reserve. Erfahrungsgemäß ist der erste Tag einer Radtour immer der schwierigste, der Körper muss sich erst an die ungewohnten Belastungen gewöhnen. Der Energieverlust vollzieht sich ungewöhnlich schnell an diesem ersten Radlertag.

Dann verlässt der Radweg das Tal und führt wieder hoch in die Hügel in den Wald hinein. Die Steigung auf dem Waldweg hat es in sich – ich muss schieben. Die Gefahr, einen Hungerast aufgrund der Unterzuckerung zu erleiden, ist einfach zu hoch. Wer diese Situation einmal erlebt hat, hat größten Respekt vor einer Wiederholung dieser Qual. Der plötzliche Leistungseinbruch aufgrund des Kohlenhydratmangels wird auch als „Mann mit dem Hammer bezeichnet. Passend dazu lässt Thor in wenigen Minuten seine Donnerkeile vom Firmament auf die Erde sausen. Es grummelt hinter mir, ein Gewitter naht. Vor lauter verzweifelter Suche nach einer Ortschaft mit Supermarkt habe ich das Wetter außer Acht gelassen. Eine tiefschwarze Wand nähert sich unaufhaltsam von hinten, und ich befinde mich mitten im Wald in einer Steilpassage – mit Energiemodus auf Reserve. Das Donnern wird lauter, das Unwetter kommt näher, das flaue Gefühl im Magen nimmt zu. Ein lebenswichtiges Organ im Brustbereich rutscht langsam aber sicher immer tiefer in Richtung kurzer Beinbekleidung. Ein Gewitter mitten im Wald ohne Unterstellmöglichkeit ist keineswegs angenehm und steht auf meiner Wunschliste der ungeahnten Abenteuer nicht besonders weit oben. Dann erblicke ich oberhalb der Kuppe über den Baumwipfeln ein rotes Ziegeldach, vielleicht noch fünfhundert Meter entfernt. Das könnte meine Rettung sein, nein, das muss meine Rettung sein! Und tatsächlich nähere ich mich einem kleinen Weiler. Gleich am ersten Hof entdecke ich eine offene Stallung. Ich schiebe mein Fahrrad hinein und begutachte den alten Gutshof. Der Wind pfeift hier zwar durch alle Ritzen, aber das Dach wird uns, also mein Rad und mich, schützen. Noch herrscht absolute Windstille, nach der gespenstischen Ruhe bricht unvermittelt der Sturm aus. Heftige Böen wehen durch den Unterstand und wirbeln allerlei Staub und Dreck auf. Anschließend beginnt der Platzregen, heftige Blitze zucken am Himmel, der Donner lässt nicht lange auf sich warten. Nur gut, dass ich rechtzeitig den Unterstand gefunden habe. Ich nutze die Zwangspause und verzehre gleich einige Schoko-und Müsliriegel aus meinem Vorratsdepot. Wie hieß es heute früh in den Nachrichten: „Nachmittags ist mit Schauern und Gewittern zu rechnen. Immer wenn man es nicht braucht, stimmt ausnahmsweise mal der Wetterbericht. Dummerweise ist heute auch noch Donnerstag, benannt nach dem heidnischen Donnergott.

Nach fünfundzwanzig Minuten ist der ganze Spuk vorbei. Die schwarzen Wolken sind weitergezogen. Am Himmel präsentiert sich eine strahlende Sonne ohne überflüssige Wolken und tut so unschuldig, als wäre nichts gewesen. Die Straßen dampfen vor Feuchtigkeit und ich begebe mich auf die langgezogene Abfahrt nach Beratzhausen hinunter. Da war noch was mit dem leeren Akku. Und bevor der Reservetank restlos aufgebraucht ist, muss ich mir unbedingt dringend benötigte Kalorien zufügen. Auf der Straße schimmern noch die Pfützen vom Gewitterschauer, meine Waden und Schienbeine erhalten ungewollt feuchte Erfrischungen, wenn ich durch diese Pfützen hindurch brausen muss.

Beratzhausen ist ein kleines verschlafenes Nest mit einigen Kneipen, Restaurants, Bäcker, Post et cetera. Die Bäckerei im ortsansässigen Supermarkt erhält Besuch von einem ausgehungerten Radler mit dicken Waden und knurrendem Magen. Sie muss diverse zuckerhaltige Leckereien rausrücken, natürlich nur im Austausch gegen ein paar nicht ganz wertlose Münzen.

Nach einer ausgiebigen Pause starte ich in den nächsten Abschnitt der Tour hinein. Ich verlasse hier im Ort das Tal der Schwarzen Laber, um über die Anhöhe zum benachbarten Naabtal zu gelangen. Die Strecke ist mit einer Länge von fünfzehn Kilometern ausgeschildert, es geht über gut befahrbare Landstraßen. Der Höhenunterschied, den ich überwinden muss, ist leider nicht auf meiner Straßenkarte zu entnehmen, ich lasse mich überraschen. Wie nicht anders zu erwarten, geht es steil bergauf, und danach weiter bergauf und immer noch bergauf, ja endet denn diese langgezogene Kuppe nie? Ich bin verwundert, wie schnell der Pegel meiner Energieanzeige wieder gestiegen ist, denn die Steigung bewältige ich ohne große Probleme. Vor der Kalorienaufnahme, eine Käsesemmel, eine Tasse Kaffee und ein koffeinhaltiges Erfrischungsgetränk sowie zur Belohnung ein kalorienreiches Leckerli, hätte ich den Anstieg niemals geschafft. Am Ende sind es einhundertzwanzig Höhenmeter, die ich absolviere. Die Ausdauerleistung wird mit der grandiosen Abfahrt ins Naabtal hinunter belohnt. Mein Tacho zeigt sechzig Kilometer pro Stunde an, und Autos überholen mich schon lange nicht mehr. Mein Fahrrad rollt ganz ruhig und mein Vorderrad läuft wie auf Schienen. Trotzdem ziehe ich es vor, ab und zu am Bremshebel zu ziehen, um am Ende der Straße nicht ungebremst in die quer zur Straße verlaufene Naab hinein zu purzeln. Hierbei ist es wichtig, beide Bremshebel gleichzeitig zu betätigen. In so einem Falle sollte man niemals die Vorderradbremse einseitig bevorzugen, die Gefahr eines Saltos über den Lenker hinweg ist nicht von der Hand zu weisen, wie ich selber in leidvoller Erfahrung spüren musste. Es ist mittlerweile fast fünfzehn Jahre her, da habe ich mit einem guten Freund die Alpen mit dem Mountain-bike überquert. Wir fuhren von Oberstdorf an den Gardasee. Nach sechs ereignisreichen Biker-Tagen erreichten wir überglücklich und euphorisiert Riva am Gardasee. Unsere Ankunft wurde mit einem überteuerten Weizenbier gefeiert. Es können auch zwei gewesen sein. Da es noch früh am Vormittag war, ging es nach der kleinen Feierstunde weiter ostwärts am See entlang. Vier italienische Radrennfahrer überholten uns in ihrer kleinen Kolonne. Natürlich wollten wir mit denen mithalten, schließlich lag die erfolgreiche Alpenüberquerung gerade unmittelbar hinter uns. Wer sollte uns da noch aufhalten können. Wir hängten uns hinten dran als Nummer fünf und sechs des Konvois. Das Tempo überließen wir den Südländern, wir blieben am Ende der Kolonne. Und wir waren nicht abzuschütteln. Mountainbike gegen Rennrad, Deutsche gegen Italiener, leicht alkoholisierte Freizeitbiker gegen durchtrainierte Sportler. Das konnte natürlich nicht gut gehen. Nachdem die „Spaghetti" bemerkten, dass wir uns einfach hinten angehängt hatten, variierten sie das Tempo. Ich war auf das plötzliche Bremsmanöver meines Vordermannes nicht vorbereitet. Daher betätigte ich die Vorderbremse meines Mountainbikes deutlich zu heftig. Das Vorderrad blockierte, und ehe ich mich versah, machte ich einen luftigen Abgang über den Lenker und lag auf der Straße. Ich hatte Glück im Unglück. Außer ein paar Schürfwunden war mir nichts passiert. Den größten Aufprall konnte ich dank meines Rucksacks abfangen. Bei der Schadensanalyse stellte ich fest, dass mein Helm einmal in Längsrichtung gerissen war. Nicht auszudenken, was passiert wäre, hätte ich keinen Helm getragen. Seit der Zeit gibt es für mich zwei unerschütterliche Verhaltensregeln. Erstens: keinen Alkohol beim Radfahren. Zweitens: keine Radtour ohne Helm!

Die Landstraße mündet nach der furiosen Abfahrt in einer Kreuzung zur Fernverkehrsstraße, hinter der sich direkt der Fluss Naab befindet. Dieser schimmert – im Gegensatz zur Schwarzen Laber – tatsächlich schwarz.

Nach achtundachtzig Tageskilometern, gefühlt unendlich vielen Steigungen, wunderschönen Abfahrten durch wildromantische Landschaften, erreiche ich am späten Nachmittag den kleinen Ort Kallmünz, deren Burgruine hoch oberhalb auf dem Jurafelsen die Besucher schon von weitem begrüßt. Die Pension „Im Malerwinkel gewährt mir Obdach. Das Zimmer ist groß, geräumig, bequem und teuer, ist aber den Preis von sechzig Euro inklusive Frühstück wert. Noch mehr wert ist die kostenlose Empfehlung des Hausherrn zur anstehenden Einnahme des Abendessens. Die Zoiglwirtschaft „Zum Bürstenbinder sei sehr zu empfehlen, lässt er sich entlocken.

Zum Bürstenbinder

Beim „Bürstenbinder" handelt es sich um meine erste Zoiglwirtschaft, die ich je besucht habe. Als Zoigl bezeichnet man ein untergäriges Bier, welches von Kommunbrauern zum privaten Gebrauch gebraut wird. Ähnlich einem Heurigen in der Weinregion schenken die Zoiglbrauer nach festen Terminen auf ihren Höfen ihr flüssiges Gold aus. Das Zoigl-Braurecht ist älter als das Reinheitsgebot und ist an Hof und Brauer gebunden, wird also seit Jahrhunderten über die Generationen weitervererbt. Um eine Zoiglstube zu erkennen, meist dienen die Wohnstuben der Brauer als Gastraum, bringt der Wirt einen Stern ähnlich dem Judenstern an der Giebelwand seines Hauses an. Der Stern besteht aus zwei gleichschenkligen Dreiecken, eine Spitze zeigt nach oben, eine nach unten. Die sechs Ecken symbolisieren die Zutaten des Bieres: zum einen die Elemente Feuer, Erde und Luft, zum anderen die Inhaltsstoffe Wasser, Hopfen und Malz. Das Hexagramm hat definitiv keinen Bezug zum Davidstern der Juden, wie häufig vermutet wird.

Der Zoiglstern an der Fassade des „Bürstenbinders ist selbst für mich nicht zu übersehen. Ich verweile draußen auf dem Bürgersteig. Dort stehen Biergarnituren, durch das geöffnete Fenster der Stube wird das Bier gereicht. Die Speisekarte ist handgeschrieben. Als Brotzeit werden „Bauchstechala in verschiedensten Variationen angeboten. Ein Blick auf die Teller der übrigen Gäste verrät mir, dass es sich um eine Nudelvariation handeln müsse – also genau das, was man sich nach einem langen Radeltag so wünscht.

Das Bier schmeckt einfach oberlecker und erinnert mich an das mir bestens bekannte Kellerbier aus Oberfranken. Ich bestelle die besagten Bauchnagelknöpfle mit Schinken und Zwiebeln, ohne zu wissen, um was es sich wirklich handelt. Einfach nachfragen bringt auch nichts, denn man spricht hier eine mir völlig unbekannte Sprache. Sächsisch, Fränkisch, Plattdeutsch, Rheinländisch, Schwäbisch, Hessisch et cetera sind Dialekte, die schon persifliert wurden und mir meist bestens vertraut sind. Das Oberpfälzische kommt hierbei jedoch niemals vor, denn dieser geheimnisvolle Dialekt ist außerhalb der Region völlig unbekannt und kein Außenstehender versteht ihn. Man benötigt in der Oberpfalz eigentlich einen Simultandolmetscher. Es handelt sich um eine Geheimsprache der Eingeborenen, vermute ich. Eine Unterhaltung mit den Banknachbarn ist somit leider ausgeschlossen. So sehr ich auch horche und versuche, etwas aufzuschnappen, es gelingt mir nicht. Da kann ich mich schon mal auf das vorbereiten, was mir bevorsteht. Denn auch die tschechische Sprache wird mir auf ewig ein Rätsel sein.

Der letzte Spruch auf der in Hochdeutsch verfassten Brotzeitkarte mit den geheimnisvollen Gerichten gefällt mir besonders gut: „Wir ,vom Bürstenbinder‘ wünschen Ihnen heitere Stunden und angenehme Gesellschaft, viel lachen und besonders großen Durst." Mit letzterem kann ich gut dienen. Jedenfalls sind die Bauchnagelknöpfle, also die Schupfnudeln, genau das Richtige, was ein ausgehungerter Radfahrer am Abend so benötigt. Und mit genügend Zoiglbier lassen sie sich bestens hinunterspülen. So kann es gerne in den kommenden Tagen weitergehen.

Nach dem Abendessen schlendere ich durch den alten Ortskern, der sehr liebevoll hergerichtet worden ist. Ein Pfad führt hinauf auf den Burgfelsen, von hier oben hat man einen tollen Blick über die Kleinstadt am Fluss. Kallmünz war im vergangenen Jahrhundert Treffpunkt unzähliger Künstler, die sich von der romantischen Juralandschaft inspirieren ließen. Am berühmtesten ist sicherlich Wassily Kandinsky, der sich hier häufig aufgehalten haben soll.

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