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Risse im Asphalt: Eine Kindheit im Sozialismus

Risse im Asphalt: Eine Kindheit im Sozialismus

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Risse im Asphalt: Eine Kindheit im Sozialismus

Länge:
229 Seiten
3 Stunden
Freigegeben:
Jul 16, 2018
ISBN:
9783957237101
Format:
Buch

Beschreibung

An einem Sommermorgen des Jahres 2017 kehrt die Autorin zum Ort ihrer Kindheit zurück, in die Plattenbausiedlung Marzahn im Ostteil Berlins. In der DDR der 80er-Jahre sozialisiert, begibt sie sich auf eine Spurensuche zurück in ihre sozialistische Kindheit. Dabei führt sie ihre Zeitreise zu verschiedenen Stationen des Wohngebietes. Gerüche, Farben und Objekte wirken wie Katalysatoren und erwecken Erinnerungen an frühkindliche Prägung, Krippe und Kindergarten, die ersten Schuljahre bis hin zum Fall der Mauer.
Ihre mit weißen Flecken übersäte Erinnerungslandkarte füllt sich nach und nach mit Bildern von Pioniernachmittagen und Ferienlagern, verschwundenen Gefährten und verdrängten Geheimnissen, die in nachdenklichen und humorvollen Geschichten aufblitzen. Unterhaltsame Details aus der Alltagsgeschichte der DDR verknüpfen sich mit einer persönlichen Entdeckungsreise zu einem vielschichtigen Panorama des Kindseins im letzten Jahrzehnt der DDR.
Freigegeben:
Jul 16, 2018
ISBN:
9783957237101
Format:
Buch

Über den Autor


Buchvorschau

Risse im Asphalt - Stefanie Röfke

Abschied

LAND IM NEBEL

Meine Heimat liegt im Ostteil Berlins, im Schatten hoher Pappeln und gleichförmig funkelnder Plattenbauten. Das Land, in dem ich aufwuchs, ist immer noch sichtbar und doch existiert es längst nicht mehr. Es zerrann lautlos in einer Novembernacht und löste sich nach und nach im Nebel auf. Die silbergraue Silhouette brannte sich tief in mein Gedächtnis, als sie verschwand. Ihre Konturen vermischten sich mit dem langen Zauber der letzten Sommerferien und ließen mich ohne Erklärung zurück. Alles, was mir vertraut war, schien plötzlich durch bessere Versionen austauschbar. An allen Ecken bröckelten Erinnerungen herunter, prallten auf harten Beton und blieben fahl und spröde liegen.

Meine Heimat ist Berlin-Marzahn. Keine Asphaltwüste, kein Randbezirk, kein trauriges Nirgendwo. Ort meiner Kindheit, lebendig und farbenfroh. Ich gehörte zur letzten Generation der Deutschen Demokratischen Republik. Als die Mauer fiel, war ich neun Jahre alt. Zu jung, um zu verstehen, doch alt genug, um zu spüren, dass die Welt, die ich kannte, nichts als ein Trugbild war. Die rauen Böden meiner Heimat, die ich für unverrückbar hielt, brachen auf und gaben allerlei Unrat frei. Über Jahrzehnte Hinweggekehrtes, Unausgesprochenes, Millionen eingezwängter Leben drangen durch jeden Spalt und zerfraßen gerade erst Gewesenes wie giftige Säure. Nichts durfte mehr sein, wie es war.

Der 9. November 1989 war ein ganz normaler Schultag. Seit den Morgenstunden prasselte Regen gegen die beschlagenen Fensterscheiben unseres Klassenzimmers, in dem wir die wichtigsten Lebensdaten Ernst Thälmanns zum x-ten Mal in unsere Heimatkundehefte kritzelten. Ab und zu warf ich einen kurzen Blick auf den leeren Stuhl neben mir, so als müsste ich mich vergewissern, dass er nach so vielen Jahren wirklich unbesetzt blieb. Henri Stillmann war eines Tages einfach nicht mehr zum Unterricht erschienen. Einfach so, ohne ein Wort des Abschieds hatte sich mein bester Freund für immer aus meinem Leben gestohlen.

In jener Herbstnacht des Jahres 1989 hatte ich ein letztes Mal an Henris Wohnungstür geklingelt und war nach einer halben Stunde sinnlosem Herumgestehe schniefend in die Obhut unserer vier Wände zurückgekehrt. Nun saß ich stumm auf unserer Wohnzimmercouch, den Blick auf den flimmernden Fernsehapparat gerichtet, eingekeilt zwischen grell geblümten Kissen und Omas guter Mollydecke, während über den Dächern unserer Hochhaussiedlung der Himmel aufklarte. In jeder anderen Nacht wäre ich eilig ans Fenster gelaufen, hätte die Gardinen beiseitegezogen und mit zusammengekniffenen Augen den Polarstern gesucht. »Der Polarstern ist der hellste und nördlichste Punkt des Himmels. Er bleibt immer an derselben Stelle, während die anderen Sterne weiterziehen. Egal, was passiert, er bleibt, wo er ist«, hatte mir Henri beigebracht. Doch all das war mir jetzt egal. In dieser Nacht verblasste der Nordstern, der so viele Lichtjahre entfernt lag, denn die Welt, in der ich lebte, erzitterte.

Mit überraschten Minen hatten meine Eltern den halb gedeckten Abendbrotstisch links liegen gelassen und waren an den Bildschirm gestürzt. Mit hektischen Handbewegungen drehte meine Mutter den Lautstärkeregler hoch, bis die Stimme des Nachrichtensprechers laut und deutlich zu vernehmen war, während mein Vater sich auf die Sesselkante sinken ließ, jede Sehne seines Körpers zum Zerreißen gespannt. Mit offenen Mündern starrten meine Eltern wie in Trance auf den Fernsehbildschirm. Ihre Augen verfolgten zahllose Frauen und Männer, die euphorisch auf eine meterhohe Mauer kletterten, hinter der das Brandenburger Tor in den Nachthimmel ragte. Eine schwarz-rot-goldene Fahne blitzte hier und da in der Menschenmenge auf. Hände griffen nach unten und zogen weitere Körper hinauf auf die graffitibesprühte Wand aus Beton, die ich nicht einordnen konnte, weil sie mir fremd war und nichts bedeutet hatte. Meine Eltern, deren angespannte Rücken mir abgewandt waren, schienen überrascht und ratlos und ich begriff: Das Hier hatte dem Dort nichts entgegenzusetzen.

Von diesem Moment an, der erst viel später in mein Bewusstsein rückte, landete Stück um Stück und Jahr um Jahr Vertrautes unter dem Richtschwert, wurde entsorgt oder bunt angepinselt, um als Souvenir oder Museumsstück in neugierig beäugten Vitrinen zu überdauern. Bedauernde Blicke überschatten meine Herkunft, urteilen mit psychologischem Sachverstand und können dennoch nicht verstehen. Aus lehrreichen Büchern purzeln mir fundierte Analysen entgegen, historische Aufarbeitungen, mit denen ich nichts anfangen kann. Ich erfahre von unmenschlichen Wohnbedingungen, Denunziation und Bespitzelung, lerne, dass ich in einem Unrechtsstaat aufwuchs, von einer undurchdringbaren, tödlichen Mauer umgeben. Meine Erinnerungen aber sind davon unberührt, bleiben politisch inkorrekt, die Bilder in meinem Kopf sind zu tanzenden Fragmenten verblasst. Alles, was in lebendigen Tönen erhalten blieb, ist der süße Duft von Papageienkuchen und ein flatterndes Pioniertuch im Wind.

Niemand lauscht unseren Erzählungen, denn in der Erinnerung glänzt vieles golden und was können wir schon berichten von einem Leben, das noch gar nicht richtig begonnen hatte. Wir sind Kuriosa der Weltgeschichte, lebendige, bestaunenswerte Attraktionen für Mauer-Touristen, die sich an Flohmarktständen über rostige Parteiabzeichen beugen. »Ach, Sie kommen tatsächlich von da? Dann erzählen Sie doch mal ‘nen Schwung. Das würde mich nämlich sehr interessieren.« Doch wie viel weiß man schon zu berichten über ein Land, in das man nur zufällig hineingeboren wurde. Erwartungsvoll geweitete Pupillen starren mir aus fremden Gesichtern entgegen, warten gebannt auf eine authentische Zeitzeugenaussage, oder zumindest ein nostalgisches Abdriften in die Vergangenheit. Doch ich muss sie enttäuschen, denn ich lebe genau wie sie im Hier und Jetzt und verscherble meine Erinnerungen nicht an den meistbietenden Schlachthof.

Ich blicke zurück auf eine halb fertige Kindheit, die entweder auf dem Jahrmarkt feilgeboten werden kann oder nur im Flüsterton erzählbar scheint, und stelle mir tausend Fragen, auf die es keine Antwort mehr gibt. Es fühlt sich an, als wäre ein Teil meiner Persönlichkeit unvollständig geblieben. Wie einst meine Heimat, so bin auch ich in der Mitte entzweit, pulsiere rastlos zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Ich kann mich frei und unbeschwert in der Welt bewegen und mich dennoch nicht entscheiden, wo ich hingehöre.

HEIMKEHR

Der graue Koloss ragt stumm und mächtig mitten hinein in das kühle Blau des Vormittagshimmels. Gelbwarmes Sommerlicht spiegelt sich in seinen Fenstern, kitzelt seinen stählernen Körper und bringt ihn zum Blinzeln. Ich lächle schüchtern zurück und frage mich, ob es Orte gibt, die ein Gedächtnis haben. Wie lange bin ich nicht mehr hier gewesen? Es fühlt sich an, als wären nicht Jahrzehnte, sondern Jahrhunderte vergangen. Anders kann ich mir nicht erklären, dass einst Vertrautes beinahe spurlos verschwunden ist, als wäre es nie von Belang gewesen. Doch war es das wirklich? Seltsamerweise fühle ich mich kein bisschen fremd in Gegenwart des Riesen, der staunend zu mir herabzwinkert, als überlege er angestrengt, woher wir uns kennen. Gestern erst habe ich mich dazu entschlossen, unseren alten Wohnblock am Rand Ostberlins noch einmal aufzusuchen, um meine über Jahre achtlos verstreuten Erinnerungen aufzusammeln und sie sorgsam in meinem Herzen zu verstauen. Ich will diesen Teil meines Lebens mit mir nehmen, denn morgen verlasse ich meine Heimat auf unbestimmte Zeit.

In den einst wachen Augen des steinernen Giganten hat sich etwas verändert, das an der Oberfläche aufblitzt und in der Tiefe nicht mehr wichtig scheint. Statt bunter Fensterbilder klebt ein trüber, milchiger Schlierfilm über den Glasscheiben. Jemand hat meinen alten Freund mit reichlich Farbe übergossen. Ein verwaschener Mix aus Grün, Blau und Rot täuscht Gegenwart vor, übertüncht Vergangenes halbherzig und ohne jeden Sinn. Ich bedaure das neue Antlitz meines einstigen Gefährten, das ganz und gar nicht zu ihm passen will. Mir gefiel sein grau-schattiertes Kleid um vieles besser. Meine Augen malten es bunt mit Millionen von Farben, wie ein Prisma, in dem sich das Leben spiegeln und brechen konnte.

Ich nähere mich langsam von der Seite, lege meine Hand zur Begrüßung an die kühle Außenwand und streichle sanft über seine raue, kratzige Haut. Hier und da bröckeln Krumen aus dem Gemäuer und landen hüpfend auf sandigem Boden. Meine Finger, die jede Unebenheit mit meinen Erinnerungen abgleichen, finden auf der Stelle Vertrautes wieder. Behutsam fahre ich mit den Händen über den lieblos bepinselten Leib und beginne, daran zu kratzen. Meine Fingernägel krallen sich trotzig darin fest, Lacksplitter flattern zu Boden. Ich schabe eine murmelgroße Vertiefung hinein. Dann erkenne ich alles wieder: glitzernde Kieselsteinchen, die im Sonnenlicht funkeln, glasige, mit dunklen Perlen versetzte Diamanten meiner Kindheit. Ich schließe meine Augen und schlüpfe in den unscheinbaren Spalt, der sich vor mir auftut. Mein Blick streift an der Zone zum Gestrigen kreuz und quer an der Fassade entlang. Zwischen den Furchen und Ritzen bahnt sich die Natur ihren Weg. Namenloses Kraut überwuchert die mit Graffiti besprühte Häuserwand wie ein dünnes Mäntelchen.

Ich suche den Eingang und finde schließlich eine mit blättrigem Rost überzogene Tür. An ihrem Griff klebt eine schleimige Masse, die es mir unmöglich macht, daran zu rütteln. Mit dem Unterärmel meiner Jacke wische ich ein kopfgroßes Guckloch in das zugestaubte Sichtfenster, lege meine Hände blendenförmig an die Scheibe und blicke neugierig in das Innere.

Im lichtlosen Treppenhaus türmen sich Schutt und Unrat zu einer postsozialistischen Retrospektive. In den achtlos weggeworfenen Alltagsrelikten entdecke ich Bekanntes wieder: Das zerschundene Seitenschränkchen einer Wohnwand in Nussbaumimitat liegt bäuchlings im Zentrum, darunter klemmt ein orangefarbenes Einkaufsnetz mit zerschlissenen Lederriemchen. Ein umgestülptes Bonbonschälchen erweckt auf meiner Zunge den klebrig-süßen Geschmack von Himbeerbonbons und Sahnebaiser. Darüber hat jemand ein kornblumenblaues Stofftüchlein drapiert. Meine Gedanken haken sich daran fest, spulen zurück und rasen in atemberaubender Geschwindigkeit an den Beginn einer längst verblichenen Zeit.

Hallendes Gelächter schallte durch das Treppenhaus, auf Hochglanz polierte Halbschuhe plumpsten im Gleichtakt vorwärts. Kornblumenblaue Halstücher, fest verknotet unter geröteten Kindergesichtern. Die Hemden und Blusen geweißt und gestärkt. Nur in den Haarfarben leuchtete – gelb, braun, rot – ein Hauch von Persönlichkeit. Wir strahlten sorglos einem neuen Lebensabschnitt entgegen, auf den Lippen die Hymne der Jungpioniere, die für uns nur ein Lied war von vielen:

»Unsre Heimat, das sind nicht nur die Städte und

Dörfer,

unsre Heimat sind auch all die Bäume im Wald.

Unsre Heimat ist das Gras auf der Wiese,

das Korn auf dem Feld und die Vögel in der Luft

und die Tiere der Erde

und die Fische im Fluß sind die Heimat.

Und wir lieben die Heimat, die schöne

und wir schützen sie,

weil sie dem Volke gehört,

weil sie unserem Volke gehört.«

An jenem Tag wurden wir in Berlins größtem Freizeitpark offiziell als Jungpioniere vereidigt, nachdem wir auf einer Bühne gelobten, für Frieden und Sozialismus einzutreten und das blaue Halstuch mit Stolz zu tragen. Wir hatten keinen blassen Schimmer, worum es dabei ging, verfluchten die steife, kratzige Uniform und den festen Knoten, der viel zu straff am Kehlkopf anlag. Dennoch grub sich das Ereignis in unsere Seelen, gerade weil es für uns unergründlich war. Wir verstanden noch nicht viel von politischen Zusammenhängen und dennoch geschahen Dinge um uns herum, die uns nicht verborgen blieben. Auch wenn wir ihre Tragweite längst nicht begreifen konnten, so spürten wir das wachsende Unbehagen in den Blicken unserer Eltern und Großeltern, bemerkten das heimliche Flüstern der Nachbarn im Hausflur, die ratlosen Ausflüchte und das bedauernde Streicheln unserer Köpfe. Noch überwog das Vertrauen in die Vernunft der Erwachsenen, das uns Sicherheit verlieh, mit der wir uns fürs Erste begnügen konnten.

Sobald ich versuche, die Bilder aus der Vergangenheit deutlicher heranzuzoomen, um sie zu Geschichten zu verweben, zu logischen Abfolgen zu verknüpfen, die sich nachvollziehbar erzählen lassen, entgleiten sie mir und rauschen hinab in einen unersättlichen Schlund.

Mit zugeschnürter Kehle kehre ich zurück in die Gegenwart. Mein Blick wandert weiter über Stofffetzen, die einst Kleidung gewesen sein könnten, über ausgefranste Kabel und zerbrochenes Glas. An der Kellertreppe hat sich ein Fernsehgerät der Marke »Combivision« aufgebaut und lässt niemanden passieren. Auf den Stufen, die in den ersten Stock führen, haftet der braungeblümte PVC-Belag nur noch lose am Boden und ist an manchen Stellen ganz herausgerissen. Düstere Parolen ziehen sich wie ausgefranste Geburtstagsgirlanden an den Wänden entlang, von denen in einem Fort verblichene Farbe und Putz herunterblättern. »Stasiknast« steht dort und »Nie mehr Sozialismus!« Unwillkürlich verkrampft sich etwas in mir. Ein Gefühl von beklemmender Empathie befällt mich. Dieses bis ins Mark vertraute Konstrukt aus Fertigteilen, dieses aus unzähligen Platten zusammengeschweißte Haus, das einst das Prestigeprojekt einer ganzen Ära war – hier wurde es seiner Würde beraubt. Ich trete zurück. Das Bild des Zerfalls brennt sich tief in mein Gedächtnis. Hier hatte jemand meine Heimat in ein anderes, von Zorn erfülltes Licht gerückt. Mir wird zum ersten Mal eindrücklich bewusst, dass sich auch meine Erinnerungen an jene Zeit so sehr vermengt haben mit fremden Sichtweisen, dass ich nicht mehr weiß, welcher Teil davon mir gehört und welcher nachträglich hinzugefügt wurde. Mein Gedächtnis lässt sich nicht mehr trennen von der Gegenwart und geht mal mehr, mal weniger konform mit diesem oder jenem Urteil. Doch ich will mich nicht für die eine oder andere Wahrheit entscheiden müssen, auf keiner Seite der Geschichte stehen, sondern aus vielen Versionen wählen können. Ich will mal hierhin und mal dahin schweifen und einen bunten Flickenteppich knüpfen mit verworrenen Mustern, aus dem keine zurechtgestutzten Bilder erstehen.

Ich vermisse das Glitzern des Schnees auf laternenbeschienenen Asphaltwegen, aber ich will ihn nie wieder unter den Füßen spüren. Ich sehne mich nach der Beschaulichkeit zwischen Plastikgeschirr und Velourtapeten, aber ich will nie wieder dort sesshaft werden. Mir fehlen so viele Dinge, aber sie gehören zu einem anderen Leben, für das kein Platz mehr ist. Ihre geisterhafte Existenz beschwert mich und ich will sie einsammeln, bevor sie sich für immer auflösen, meine Fundstücke zu einer Wunderkammer anfüllen und von ihnen erzählen, frei und unbeschwert, als wäre es das Leichteste auf der Welt.

Mit dem Finger fahre ich die vergilbten Klingelschilder entlang, ohne sie zu berühren. Nur noch auf wenigen lese ich unbekannte Namen. Ich stutze. Wohnt hier tatsächlich noch jemand? Unter den letzten beiden Namensschildern klebt eine eilig dahingekritzelte Nachricht:

Betreff: Abriss des Hauses Nummer 21 in der Lilienstraße

Sehr geehrte Mieter/-innen,

Ihre Hausverwaltung teilt Ihnen mit, dass dieses Wohnhaus am 18. April 2017 vorschriftsgemäß zum Abriss freigegeben wird. Bitte beachten Sie die Einhaltung der Räumungsfrist bis zum 01. April 2017.

Wir bedanken uns für Ihr Vertrauen und wünschen Ihnen für die Zukunft alles Gute!

Ihre Hausverwaltung

Ungläubig starre ich auf die fleckige Sterbeurkunde des Betontriesen, dessen vertraute Wände ich vor Jahren verlassen hatte, weil mich die Enge in seinen niedrigen Räumen bedrückte. Eine eigentümliche Melancholie befällt mich und lässt mich nachdenklich werden. Wie würde sich meine Geschichte verändern, wenn der Ort endgültig verschwunden wäre, der so viele Jahre mein Zuhause gewesen war? Die einzige Manifestation meiner Erinnerungen – durch Abrissbirnen zu Fall gebracht, von Baggern davongetragen. Ich habe diesem steinernen Riesen zu entfliehen versucht, als er nichts mehr barg als trostlose Rückblicke, und dennoch war er einst mein Refugium gewesen, der Ort, der mich für das Leben gewappnet hatte. Sollte ich mich nicht schützend vor ihn stellen, den Abriss um jeden Preis verhindern oder wenigstens den Umriss markieren, um später an sein Grab zu pilgern? Doch anstatt mich für einen zermürbenden Kleinkrieg mit einer emotional unbeteiligten Baufirma zu rüsten, stehe ich nur ratlos in der Gegend herum, scharre mit den Füßen im Kies. Zwei Wochen Schonfrist und es gäbe keinen sichtbaren Beweis mehr für meine Herkunft.

Wehmütig denke ich an die erhitzten Wangen meiner Großeltern, wenn sie von ihrer Heimat erzählten, von mystischen Wäldern, glitzernden Flüssen, idyllischer Dorfkindheit, von Häusern, in denen inzwischen fremde Familien wohnten, die eine andere Sprache sprechen. Orte, die weit genug entfernt lagen, um sie mit einer Aura der Märchenhaftigkeit zu umgeben, um fest daran glauben zu können, dass sie immer noch dieselben waren. Diese Orte sind Refugien der Erinnerung, von denen sich an dunklen Wintertagen träumen lässt, die die Phantasie beflügeln und mit sich forttragen können. Was aber würde ich meinen Enkeln erzählen? Durch meine Kindheit zogen keine feengleichen Wesen, rauschte kein Wind durch blühende Apfelbäume und trug den Duft von frischem Heu

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