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furor maris: Gespenstische Lissabonreise, Störtebeker-Trilogie Band 2

furor maris: Gespenstische Lissabonreise, Störtebeker-Trilogie Band 2

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furor maris: Gespenstische Lissabonreise, Störtebeker-Trilogie Band 2

Länge:
401 Seiten
5 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Jul 24, 2018
ISBN:
9783752826760
Format:
Buch

Beschreibung

Unterwegs von Norwegen nach der Ems zwingen widrige Winde den Seeräuber Goedeke Michel zu einer ihm unangenehmen Kursänderung. Er muss Helgoland östllich passieren und fürchtet, dort auf hansestädtische Piratenjäger zu stoßen. Er rettet sich auf die Jade und wird dort von Feinden umzingelt. Sie greifen und verschleppen ihn samt seiner Mannschaft zum Richtplatz nach Hamburg. Während das Richtschwert niedersaust, erscheint seinem Richter, dem Ratsherrrn Nikolaus Schoke, eine nur aus Knochen bestehende Schwurhand, die ihn verpflichtet, die Reliquien des Heiligen Vincentius nach Lissabon zurückzubringen. Diese hatte man von den Hälsen der gerichteten Vitalienbrüder abgesammelt. Bei Antritt der Reise ahnt der Richter noch nichts von den grauenvollen Begegnungen, Bedrohungen und Anschlägen, die er mit dem Reliquientransport auf sich ziehen wird. Sie bringen ihn schier um den Verstand und beinahe dahin, seine Verfolger mit einem Sprung in die Tiefe von einem der beiden Türme der Sé, der Lissaboner Kathedrale, abzuschütteln.
Herausgeber:
Freigegeben:
Jul 24, 2018
ISBN:
9783752826760
Format:
Buch

Über den Autor

Jörgen Bracker, Historiker und Archäologe aus Leidenschaft, studierte - nach dem Abitur an der Domschule Schleswig - Klassische Archäologie, Alte Geschichte sowie Vor- und Frühgeschichte in Marburg, Kiel und Münster. Er promovierte 1965 in Münster mit einer Arbeit zum Thema "Die Bildnisse Kaiser Gordians III. nach einer neuen ikonographischen Methode". Anschließend war er als Kustos und Oberkustos am Römisch-Germanischen Museum Köln als Ausgrabungsleiter und bei der Neugestaltung des 1974 eröffneten Museumsneubaus tätig, bevor er 1976 zum Direktor und Professor des Museums für Hamburgische Geschichte berufen wurde. Bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2001 strukturierte Bracker mit Hilfe einer ausgezeichneten Mitarbeiter-Crew das Museum baulich und inhaltlich erfolgreich um. Bracker publizierte ferner zahlreiche wissenschaftliche Artikel in Zeitschriften, Museumskatalogen und Sachbüchern zur Geschichte Hamburgs und der Hanse. Nach der Pensionierung schrieb er historische Romane: Zeelander, der Störtebekerroman, Die Reliquien von Lissabon, Störtebekers Vermächtnis und den historischen Kriminalroman Hinter der Nebelwand. 2015 folgte der Roman Spielmanns Fluch. 2018 erschienen die ersten beiden Bände der Roman-Trilogie zu Claus Störtebeker unter dem Titel Genannt Claus Störtebeker und Furor Maris. Gespenstische Lissabonreise. Jenseits der Nebelwand der Traum von Kabakon greift die Handlung aus Hinter der Nebelwand in überarbeiteter und um die Ergebnisse weiterer Recherchen ergänzter Form auf.


Ähnlich wie furor maris

Buchvorschau

furor maris - Jörgen Bracker

Für Tanja,

eine der unermüdlichen, stets einsatzbereiten

Schwestern des vormals katholischen

Krankenhauses MARIA HILF in Hamburg!

Der Grundidee des Hauses weiterhin verpflichtet, blieb

sie auf ihrem Posten trotz abnehmender Kräfte, und

pflegte die ihr anvertrauten Kranken,

solange die Gesundheit es ihr erlaubte.

Die Eroberer der Canaren Anno Domini 1402, Gadifer de la Salle und Jean de Béthencourt an Bord der MARIA, einer militärisch ausgerüsteten Caravelle, im Augenblick ihrer Ausreise. – Farbfoto vom Original im British Museum (Ms. ›G‹, in: Illuminated Manuscripts, BL Codex Egerton 2709, fol 2 r.Mit Dank für die freundliche Gestattung).

»Wir sehen jetzt

wie durch einen Spiegel

ein dunkles Bild...«

(Erster Brief des Paulus an die Korinther 13, 12)

Freund – Feind - Spukgestalt

DIE STÖRTEBEKER-TRILOGIE, BAND II

Hamburg

2018

INHALT:

EINS

Das Vermächtnis des Goedeke Michels

ZWEI

In geheimer Mission

DREI

Die Reise ins Ungewisse

VIER

Der Fehlschlag

FÜNF

Zu den Inseln der Glückseligen

SECHS

Das Ziel der Reise

SIEBEN

Daheim – und dann bei Gott?

NACHWORT

Wahr oder wahrscheinlich?

Weiterführende Literatur

Glossar

Handelnde Personen

Über den Autor

PROLOG

Nicht für Gold oder Silber noch Edelstein waren derart hohe Preise zu erzielen wie für Knöchelchen aus Gräbern der Heiligen, die so genannten »Reliquien«, ob gefälscht oder echt. Kaiser und Könige, Erzbischöfe, Kirchenmänner und Klostergründer gierten nach den kostbaren Knöchelchen, weil diese Gebeine den Gläubigen auch nach Verwesung der Leiber zu Hilfe kamen. Um die heilsame Ausstrahlung des Heiligen Severin in der ihm geweihten Kirche zu Köln den Priestern sowie der Gemeinde zugute kommen zu lassen, begrub man ihn hinter dem Hauptaltar und sparte in der Trennwand zum Kirchenraum zwei kleine Fensterchen (»fenestellae«), aus, welche die Emanation der Gebeine zum Altar hin und hinein in den Kirchenraum strömen ließen.

Von der Wirkungsmacht der Gebeine restlos überzeugt, kaufte Kaiser Karl IV. (1355 – 1378) den Reliquienmarkt in seinem Reich leer und baute die kostbaren Knöchel in die Wände der Prager Wenzelskathedrale und seiner Burg Karlstein ein, um seiner Weltherrschaft noch die Himmelsmacht der für ihn tätigen Heiligen hinzuzufügen. Umso häufiger kam es zu Überfällen auf Reliquientransporte. Der Roman beschreibt die zwingend vorgeschriebene, jedoch von magischen Mächten bedrohte Rückführung von Reliquien nach Lissabon durch den Hamburger Ratsherrn Nicolaus Schoke im Jahre 1402, da ihm, dem für die Enthauptung aller Vitalienbrüder auf dem Grasbrook im Vorjahr zuständigen Richter, Halsbänder mit Reliquienkapseln in die Hände gefallen waren. Die darin gehüteten Knöchelchen, die offenbar vor Hinrichtung nicht schützten, gehörten zum Skelett des portugiesischen Nationalheiligen Vincentius, dessen Reste in einem goldenen Schrein der ‚Sé‘, der Kathedrale zu Lissabon, verwahrt wurden und werden.

EINS

Das Vermächtnis des Goedeke Michels

Aus Norwegen zurück

Seegebiet, nördlich von Helgoland,

Sonnabend, 20. August 1401

Ein schläfriger Nordwest füllte das Schatten spendende Rahsegel und ließ die Holk über die sanft hügelige See hin der Sonne entgegen dümpeln. Dem leichten Rollen und Krängen des Schiffes folgend, schrieben die beiden Mastspitzen Schleifen in den Himmel. Das Ruder lag beim buckligen Christern in besten Händen. Sein jungenhaftes, von blonden Strähnen eingerahmtes Gesicht bewies, es war nicht das Alter, das ihm den Rücken gekrümmt! Er kauerte auf der Ruderbank, schickte hin und wieder einen unruhigen Blick hinauf zum Segel und hielt das Schiff vor halbem Wind. Wenn es einmal bis zur Bö auffrischte, gab er die Pinne frei, und das luvgierige Schiff zog nach Steuerbord. Flaute es ab, holte er das Ruder wieder mehr mittschiffs zu sich heran. Der Großmast ächzte zäh im Rhythmus des sich in den Wellen wiegenden Schiffes. Christern grübelte in sich hinein, erwägend und doch schon wissend, welch böses Schicksal ihnen, den Vitaliensern drohte, sobald man sie überwältigte. Es arbeitete in ihm. Da drüben lag der Goedeke und räkelte sich wohlig der Länge nach auf den Decksplanken, die in der Sonne nach Holzteer dunsteten.

Helgoland-Hafenzufahrt, Karte. Joh. Meyer 1648. Die enge Zufahrt ist mit grauen Strichen markiert. Sie wird an Backbord durch die Südspitze der Felseninsel und das lang gestreckte Süderriff (gepunktet), nach Steuerbord hin durch ein großflächiges steiniges Sandflach (gepunktet) begrenzt. Schiffe aus Hamburg mussten genauen Südwestkurs halten, um in der Rinne den Hafen zu erreichen. Bei Südostenwind konnte kein Schiff auslaufen und einem Überfall entkommen. So gelang es den Hamburger Englandfahrern, die Flotte der Vitalienbrüder im Jahr 1400 mit einem Schlag Matt zu setzen.

Nicht zu übersehen, dass dem die Entspannung wohltat! Wie der das nur brachte, sich so aufreizend unbekümmert hinzuflegeln, das Gesicht zur Seite auf die heißen Planken gedrückt, als gingen ihn die Aufregungen der Welt ringsum nichts an! Aber ihn jetzt aus einer Traumwelt in den Tag zurückholen? Wie denn!

All seine Hoffnung setzte der Bucklige auf eine dumme, dumme Fliege, die skrupellos an der Nase des dösend hingebreiteten Goedeke vorbei krabbelte. Oh nein! Endlich schien sie ihre Mission zu begreifen! Sie lupf die Flügel, stürzte sich – nein! Leider nicht auf Goedekes Nase, sondern auf des Buckligen Arm. Wütend schlug er nach ihr.

»Was ist denn hier los?«, beschwerte sich Goedeke, dessen schlaftrunkenes Ohr durch das klatschende Geräusch beleidigt worden war.

»Möchtest wohl wissen, was ich entdeckt habe«, brummte der Bucklige, sein Ziel fest im Auge.

»Möcht ich nicht; Christern«, gähnte Goedeke, »meinetwegen bräuchtest du überhaupt nichts zu entdecken, wenn ich nur immer so liegen bleiben dürfte! Auf See vergisst sich’s schnell, was da an Land vor sich geht. Der Wechsel von Wind und Wellen, mal ruhig bei Flaute, mal quirlig bei frischer Brise, dann wieder Trommelwirbel und Paukenschlag im Gewittersturm – das ist unser Rhythmus. Der hält uns Tag und Nacht im Griff, stimuliert unser Handeln, der feit uns ganz anders gegen tückische Überraschungen als die armen Leute an Land. Unseren Tagelauf bestimmen die wechselnden Tiden, Ebbe und Flut. Dem geben wir uns hin, ganz und gar, wachend oder ...«

Die letzten Worte versiegten in Murmeln und Säuseln.

Christern konnte sich nicht verkneifen, noch einen Vorwurf abzusondern, der den sanft Entrückten schon nicht mehr erreichte:

»Philosophische Betrachtungen helfen mir nicht weiter. Entscheidungen sind gefragt!«

Langsam – aber dann doch! – kam Goedeke auf die Beine, schaufelte sich das ergrauende Gestrüpp aus der Stirn und plierte trübe um sich. Christern wusste, wie er ihn zu nehmen hatte: »Nun pul dir erst einmal den Schlaf aus den verklebten Augenwinkeln und richte die Sehschlitze auf den Horizont! Ja, Goedeke, du bist gemeint! Da – recht voraus!«

Demonstrativ wies Christern in Fahrtrichtung.

Goedeke gab sich unwillig, tat Christern aber doch den Gefallen.

»Die Sonne blendet.«

Und wie beiläufig ließ er fallen: »Ach Gott - klar doch, Helgoland! Der rote Strich da am Horizont? Habe ich längst gesehen. Sag mal, Christern, kannst du unseren Kurs wirklich halten?«

»Genau darum geht es mir. Daraus wird wohl nichts werden, Goedeke ...«

»…muss es aber!«

»Warum? Unbedingt?«

»Wenn wir schnurstracks zur Ems hinüberwollen, Christern – und das möchte ich –, dann müssen wir die Insel ziemlich weit an Backbordseite liegen lassen. Hol also die Rah noch weiter mittschiffs und setz die Vorkante des Segels genau über dem Bug mit der Schot noch härter durch! Das achtere Segel am Treibermast trimmst du genauso. Dann packen wir es vielleicht, so eben und all scharf rechts an den Riffs vor Helgoland vorbei zu rutschen«, fantasierte sich Goedeke die eingeschränkten Möglichkeiten wunschgemäß zurecht.

»Das bringt doch nichts«, murmelte Christern, »aber, wenn du das ernst meinst! Du hast das Sagen. Nur – an den Segeln und Leinen herum zu zupfen, bis alles wieder richtig steht, all das musst du in diesem Augenblick höchstselbst besorgen. Ich kann vom Ruder nicht weg. Schau dich um! Wir sind allein hier oben. Der Rest der Mannschaft schnarcht im Chor unter Deck. Also, nun bequem dich schon mal nach vorn! Ich werde derweil mein Ruder ganz vorsichtig streicheln, damit es unsere Holk weiter nach Westen rüberbringt.«

Widerwillig machte sich Goedeke Michel an die ihm längst nicht mehr gewohnte Arbeit. Unheimlich, welche Autorität der junge Bucklige ausstrahlte, wie er da so über dem Ruder hing und unentwegt, wie es schien, die nach Westen vorspringenden Klippen von Helgoland anpeilte! Just in diesem Moment kam Otto von Tyne, der Engländer, den Niedergang herauf und erschien an Deck.

»Ach Otto, du bist unsere Rettung! Übernimm du bitte gleich den Treibermast am Heck!«, rief Goedeke ihm zu.

Der packte sofort mit an, und so waren die notwendigen Handgriffe schnell erledigt.

»Ist ja doch eine starke Erfindung, so ein Treiber! Kleines Segel, große Wirkung!«, murmelte Otto anerkennend.

»Besonders dann, wenn ich am Ruder das Schiff sehr geschwind auf neuen Kurs bringen muss!«, ergänzte Christern. »Sobald du die Segelstellung nur ein bisschen änderst, bläst der Wind in das Tuch und drückt das Heck kräftig herum.«

»Weiß ich all lang«, prahlte von Tyne. Hab das schon mal im Hafen von Newcastle bewundert, wie sie die neue Technik vorführten. Darum steht der kurze Mast eben möglichst weit hinten, weil er je nach Einstellung des Segels das Heck des Schiffes bald nach Backbord, bald nach Steuerbord herumtreibt und damit das ganze Schiff schneller, als das Ruder es vermöchte, auf einen neuen Kurs ausrichtet.«

Und es gelang! Das Schiff luvte an und nahm einen westlicheren Kurs. »Siehst du?«, triumphierte Goedeke. »Jetzt werden wir bequem am roten Felsen vorbeizwitschern.«

»Hoffentlich!«, brummte Christern wenig überzeugt. Unvermittelt ging er zum Angriff über, um seinen Unmut loszuwerden:

»Aber sag mal, Goedeke, was redest du jetzt von der Ems? Gestern noch hieß es, wir wollten nach Oldenburg. Wenn wirklich Oldenburg unser Ziel wäre, müssten wir direkt Kurs auf die Wesermündung nehmen, in die Weser hinein segeln und dann in die Hunte abbiegen.«

»Du tust wieder mal so, Christern, als hätte ich nicht die geringste Ahnung«, erwiderte Goedeke ungehalten, und der Blonde darauf: »Ich will mir nur Klarheit über deine Absichten verschaffen: Wieso hungern wir uns hier mühselig an dem seitlich einfallenden Westenwind entlang, wenn wir weit bequemer Helgoland an Steuerbord liegen lassen und total vor dem Wind mit vollen Segeln auf die Wesermündung zuhalten könnten.«

»Weil’s besser ist«, hielt Goedeke unbelehrbar, beinahe schroff dagegen. »Außerdem hungert es sich doch noch ganz nett auf diesem Kurs. Wir sollten uns lieber nicht in die Watten vor Elbe, Weser und Jade hineinwagen. Dort wimmelt es nur so von Spähern. Und die erzählen es der ganzen Küste, wenn die uns sehen. Außerdem – ich weiß nicht, warum – ich habe so ein Kribbeln in der Nase, als ob wir dort von irgendjemandem erwartet würden.«

Otto von Tyne, der da glaubte, auch seine Meinung sei gefragt, mischte sich in das Gespräch ein:

»Sag mal, Goedeke, warum laufen wir nicht gleich den Helgoländer Hafen an? Da lägen wir ausreichend geschützt. Unsere Freunde sollen, wie du weißt, unter Störtebekers Führung die Hamburger zurückgeschlagen und Helgoland als Stützpunkt gehalten haben. Übrigens, man erzählt sich, ihr Sieg sei auf die Wirkung dieser Dinger, die sie am Halse getragen hätten, zurückzuführen gewesen. Steht doch alles drin in dem Brief, der uns auf Marstrand zugespielt wurde«.

Goedeke wiegte bedenklich das Haupt: »Du sagst es, Otto, ›zugespielt‹! Für sich genommen, eine wunderbare Nachricht! Ob sie aber auch stimmt? Ich trau dem Braten nicht. Er stinkt doch! Am Ende möchte man uns in den Helgoländer Hafen hineinlocken. Und wären wir erst einmal drin, bräuchten sie nur die enge Einfahrt dichtzumachen. Eine Mausefalle! Ich sag’s Euch. Wer weiß schon, durch wessen Hände dieser Brief gegangen und wie weit er verändert oder sogar ausgetauscht worden ist, bevor er uns erreichte. Ich gebe ja zu, dass die Freude über den Sieg der Vitalienser für mich ein Signal war, nach Ostfriesland zurückzukehren. Aber als ich mehr darüber nachdachte, wurde mir klar, dass wir uns sehr vorsichtig bewegen müssten.«

»Wieso das denn, Goedeke!«, mengte sich nun auch Magister Wigbold ein. »Uns kann doch eigentlich gar nichts anfechten. Wozu sonst, als zum Schutz unserer Unversehrtheit tragen wir doch auch diese ›komischen Dinger‹, wie ihr sie nennt, am Halse! Es handelt sich übrigens um Amulette! Sie sind umgehängt worden, damit wir sie wie unsere Augäpfel bewahren und verteidigen. So werden sie uns gegen jeden Gegner wirkungsvoll schützen. Wer könnte uns nun noch etwas anhaben!«

Der Engländer sah sich bestätigt: »Ganz, ganz wichtig, Wigbold, dass du uns nochmals darauf hinweist! Da wären also einmal die Amu... die Umla... oder wie sie heißen – und dann ist da noch dieser Brief, den ich ganz anders ...«

Christern unterbrach ihn: »Der Brief! Der Brief! Hör mir auf mit diesem Brief! Eine aalglatte Fälschung, so Ihr mich fragt! Goedekes Nase wird Recht behalten! Ich durfte das Schreiben ja auch in die Hand nehmen und einmal daran riechen. Irgendwie hat es nach Teufelsdreck gestunken.«

»Du nun wieder, Christern, mit deiner ewigen Unkerei!«, winkte Otto von Tyne verdrießlich ab. Sie schwiegen.

»Wenn alle Seewege derart unsicher erscheinen, Goedeke – wohin anders könnten wir uns wenden? Irgendwo müssen wir ja bleiben, sobald diese Reise zu Ende geht«, nahm Christern den Faden wieder auf.

Goedeke erklärte: »Ich habe Graf Konrad von Oldenburg wissen lassen, wir würden den Weg über die Jade und ein Stück Landweg bis nach Oldenburg in Kauf nehmen. Er rechnet mit uns. Am bequemsten wäre es wohl gewesen, über Weser und Hunte geradewegs in den Oldenburger Hafen einzulaufen. Aber dann hätten die Bremer allzu leichtes Spiel mit uns. Ich habe noch einmal alle Möglichkeiten durchdacht und dabei Folgendes ausgebrütet: Lasst uns erst einmal die Ems aufwärts segeln. Den Grafen können wir auch noch später überraschen. Der läuft uns ja nicht weg. Ich weiß sogar einen ziemlich verschlungenen Landweg von der Ems nach Oldenburg hinüber. Zwar ein weiter Fußmarsch in schwierigem Gelände, unwegsam, aber sicher.«

»Und warum so umständlich, Goedeke?«

»Von der Ems her bekämen wir jede Unterstützung. Die ostfriesischen Häuptlinge waren letztes Jahr von den hansestädtischen Besatzern genötigt worden, alle Vitalienbrüder, die sie zuvor zum Schutz ihrer Burgen eingeladen hatten, über Land wegzuschicken. Kaum hatten die Invasionstruppen Ostfriesland den Rücken gekehrt, waren unsere Leute wieder da. Also bewegten wir uns dort auf sicherem Terrain.«

Christern beugte sich sachte vornüber, schüttelte unwillig den Kopf. Den rechten Fuß auf dem linken Knie, fummelte er unentschlossen an den Zehennägeln herum. Die langen blonden Strähnen verhüllten sein Gesicht wie ein Vorhang. Goedeke beobachtete ihn mit steigender Ungeduld, wie er so in sich selbst versunken dasaß, als sei er ganz allein auf der Welt.

»Zufrieden, Christern? Nein? Ich merke schon, irgendetwas stimmt nicht mit dir«, ging er ihn an. »Woran denkst du? Heraus damit!«

Der Zehenspieler ließ sich viel Zeit, ehe er unerwartet schroff mit einer Gegenfrage antwortete:

»Was willst du überhaupt so tief im Land, Goedeke? Was sollen wir bei den Bauern auf der Ems? Was bei dem Grafen von Oldenburg? Glaubst du etwa, die freuen sich über unseren Besuch? Die meisten von uns wären lieber in Marstrand am Sund geblieben, mal richtig ausruhen nach all den Kämpfen.«

»Und dort wolltet ihr eure Tage beschließen, dem Ende entgegendämmern auf dieser elenden Insel Marstrand? Ist ja großartig! Hatten wir nicht höher gesteckte Ziele? Wenn du so denkst, dann kann dir diese Reise natürlich nicht schmecken.«

»Goedeke – nicht doch! Ich bin auch einmal müde – die ewige Unsicherheit, in immer neue Abenteuer verwickelt zu werden, unter vollen Segeln in jedes Kampfgetümmel hineinrauschen und nur dann erleichtert aufatmen zu dürfen, wenn’s mal wieder haarscharf gut gegangen ist. Wenigstens hättest du uns diesmal den Grund für die Reise verraten sollen. Der Brief, dem du misstraust, war es ja wohl nicht. Aber was denn sonst? Warum machst du ein Geheimnis daraus? Ich möchte schließlich wissen, warum wir uns ohne Not unter die Wölfe begeben.«

Goedeke schaute sich prüfend um. Dann fixierte er den Buckligen: »Nun gut – ich sag dir den Grund, obwohl ich fürchten muss, damit deinen Zorn zu erregen. Es gibt nicht einen.«

»Wie! Es gibt keinen? Keinen Grund für unsere Reise? Was redest du da!« Christern war außer sich.

»Nein, Christern, im Ernst! Es gibt nicht nur eine, es gibt tatsächlich mannigfache Begründungen. Diesmal bin ich einem inneren Drang gefolgt, den ich in Worten kaum auszudrücken vermag. Es darf uns nicht einfach alles zwischen den Händen zerrinnen, wofür wir Mühen und Qualen auf uns genommen haben. So wollen wir nicht auseinanderlaufen. Am Ende muss etwas Großes geschehen, das uns verbindet und das alles Alltägliche und Widerwärtige vergessen macht. Was das sein könnte - ich ahne es nicht einmal, aber es sollte mit unseren Grundsätzen in Einklang stehen. Auch wenn Ihr’s vergessen haben solltet: Wir hatten mal Ideale.

Wisst Ihr noch, wie das vor zwölf Jahren begann? Die eiskalte Winternacht in Wismar! Und wie wir in St. Georgen einzogen! All die Freunde waren gekommen, Arnd Stuke, Henneke Grubendal, Claus Sheld, der mit dem Hühnerhals, und Claus Störtebeker. Wir saßen auf den hinteren Bänken, aber vorn die Herren Bürgermeister von Wismar und Rostock sowie die Mitglieder des Herzoghauses. Und dann trat er auf, Herzog Johann von Mecklenburg-Stargard, er holte uns nach vorn. Ich seh ihn noch vor mir, wie er, gestützt auf ein riesiges Beidhänderschwert, uns beschwor, mit unseren Schiffen den Belagerungsring von Stockholm zu durchbrechen und die von der Dänenkönigin dem Hungertod preisgegebene Bevölkerung mit Viktualien zu versorgen.

Ich war spontan dafür, hier helfend einzugreifen, denn ich war zusammen mit einigen Freunden, die heute nicht mehr leben, schon einmal – das war anno 1384! – in die Pflicht genommen worden, den Belagerungsring um eine große Stadt im Süden zu durchbrechen und den vom Hungertod bedrohten Einwohnern Nahrungsmittel zu bringen. Das hat mich geprägt und meinen Lebensweg, den eines Vitalienbruders, vorgezeichnet. Nun wisst Ihrs.

Wir alle, wie wir da waren, nannten uns danach die ›Vitalienbrüder‹. Das war einmal ein Ehrentitel – war einmal! Leider erinnern sich manche von uns nicht mehr daran.

Unsere Ideen stießen bei Königen und Fürsten auf Begeisterung. Wir haben Seite an Seite mit den Engländern und Portugiesen gegen die Kastilier, mit den Mecklenburgern gegen die Dänen gefochten, mal für die Ostfriesen gegen die Holländer, dann wieder mit den Holländern gegen die Hamburger gekämpft, mit ihren Anführern gelacht, getafelt und um die Wette getrunken. Wir haben uns wie der große Beowulf gefühlt, haben Heldentaten vollbracht, wie die Barden sie uns aus uralten Sagas gesungen haben.«

»Wann ist Claus Störtebeker dir zum ersten Mal begegnet?«, wollte Christern wissen.

»Das waren herrliche Tage! Die Stadt Wismar hatte alle Freibeutergruppen, die sich in Nord- und Ostsee herumtummelten, eingeladen, sich in den Schutz ihres Hafens zu begeben, um dann im Auftrage des Herzogs von Mecklenburg die dänische Königin zu bekämpfen. Als Emissär der Stadt Wismar fungierte damals Claus Störtebeker, der uns die tolle Nachricht überbracht. Das passte den anderen Hansestädten, die ja eigentlich mit Wismar verbündet waren, überhaupt nicht. Sie schickten zwei Schläger nach Wismar, die ihn in einer Nacht – ich weiß es noch genau, weil wir ihn auch bei uns erwarteten – es war die Nacht vom 9. auf den 10. August 1380 – fast totgeschlagen hatten. Weil er ja im Auftrag der Stadt mit uns verhandelte, haben sie die beiden Verbrecher mit Verfestung bestraft. Später ist die Stadt Wismar an ihn herangetreten, ob er nicht ganz zu unserer Freibeutergruppe übertreten wolle, um dann ständig mit der Administration im Hafen Kontakt zu halten. Claus war mit diesem Wechsel mehr als einverstanden und ist dann sehr gern bei uns geblieben.

Ich möchte aber auch an Augenblicke des Scheiterns erinnern, an all unser vergebliches Bemühen, den schwedischen König, Herzog Albrecht von Mecklenburg, aus den Fängen der mächtigen Königin Margrete von Dänemark, zu befreien. Später haben wir uns häufiger in kleinliche Nachbarschaftskämpfe hineinziehen lassen, wenn Fürsten untereinander in Streit lagen. In Ermangelung höherer Aufgaben haben wir uns schließlich zur Durchführung reiner Raubzüge hinreißen lassen, um für den eigenen Unterhalt zu sorgen – leider!

Und so wendete sich das Blatt. Es kam dahin, dass nicht allein die Fürsten und Könige, sondern Hansestädte wie Rostock und Wismar, ehedem unsere Auftraggeber, ja sogar Hamburg und Bremen, wo wir einmal Markt halten durften, uns durch ihre Propaganda zu gottlosen Monstren eingefärbt haben. Sie begannen, uns in Bausch und Bogen als Verbrecher zu brandmarken, um unsere Ausrottung mit einem Schein des Rechts zu bemänteln. Heute gehört es zum guten Ton, sich bösartig über uns zu äußern und Jagd auf uns zu machen. Ich bin es so leid, nicht mehr für bedeutende Aufgaben, sondern nur noch für den täglichen Unterhalt zu kämpfen. Wir haben nirgendwo mehr Freunde. Alle sind zu Feinden geworden. Nur einer ist übriggeblieben: Graf Konrad von Oldenburg.«

»Konrad hat immer zu uns gehalten, wohl wahr, in guten wie in schlechten Tagen «, ergänzte Otto von Tyne. »Was haben wir für herzhafte Späße in seiner Residenz ausgekostet! Ich sehe dich noch, wie du mit dem Grafen Arm in Arm singend, trinkend und tanzend durch Oldenburg gezogen bist. Im Beisein Konrads haben wir – ich erinnere mich, als sei es gestern geschehen – gemeinsam köstlichen Wein aus einem reich verzierten, güldenen Horn getrunken! Auf Konrads Burg waren wir stets willkommen und haben uns gut aufgehoben gefühlt. Ich jedenfalls würde nicht widersprechen, sollte die Oldenburg zu unserem nächsten Reiseziel erkoren werden.«

»Da hört Ihr’s! Bei Graf Konrad wärt Ihr weit besser aufgehoben als auf Marstrand – wenigstens standesgemäß«, unterstrich Goedeke. »Allerdings – wäre unsere Lage ein wenig komfortabler als die heutige: In Oldenburg, da sind wir wieder Wer. Wir haben seit Jahren vorgesorgt. Erinnert Euch: Wenn es Beute zu verteilen galt, wurden Münzen, Schmuck und Handelswaren sofort an Euch übergeben. Aber alles andere, goldene Becher und Kannen, Trinkhörner und Geschmeide, haben Claus Störtebeker und ich für Euch aufgehoben und Konrad von Oldenburg zur Aufbewahrung anvertraut. Was glaubt Ihr, was das einbringt, wenn wir die Zimelien zu Geld machen! Otto von Tyne hat alles nach Oldenburg gebracht und dem Grafen persönlich übergeben.«

Otto nickte: »Es ist so, wie Goedeke sagt. Der Graf und ich, wir sind nach jeder Lieferung an der Hunte entlang nach dem Oseberch geritten und haben all die Kostbarkeiten in einer schwer zugänglichen Höhle, die außer uns beiden niemand kennt, eingelagert. Wir haben einen riesigen Schatz angehäuft, der dort auf uns wartet.«

Christern hob erstaunt das Gesicht, dass die langen Strähnen in den Nacken fielen und gab zu Bedenken, ob ihm die Aufzählung der angehäuften Schätze zu diesem Zeitpunkt wirklich notwendig erschiene, um den Zusammenhalt der Freunde noch zu festigen.

Goedeke fuhr unbeirrt fort. Seine Stimme wurde immer leiser und eindringlicher:

»Wir Kaperfahrer leben gefährlich. Deswegen habe ich vor fünf Jahren mit Claus Störtebeker alles Wichtige für den Fall besprochen, dass nur einer den anderen überlebt. Wir haben uns das Recht eingeräumt, dass der Überlebende zugunsten unserer Vitalienbrüder über den gemeinsamen Schatz verfügen darf. So lautet das gegenseitige Vermächtnis.

Wir könnten uns jetzt gemeinsam zur Ruhe setzen, wir alle, im Schatten eines Kirchleins ein Bürgerspital gründen, und Magister Wigbold bliebe uns als geistlicher Beistand erhalten. Denkt Euch: Die Zustimmung des längst verstorbenen Papstes Clemens V. wäre uns gewiss. Er war der erste seiner Zunft, der vorausschauend erkannt hat, dass die Bürger in den Städten ihr Elend selber erkennen und für Abhilfe sorgen sollten, statt sich auf die Mutter Kirche zu verlassen, und zur Versorgung ihrer Mitbürger im Alter, aber auch als Unterkunft für Durchreisende nur zum Übernachten die neuen Bürgerhospize errichten könnten. Alles spräche dafür, ein Seefahrerhospiz zu errichten! Dann wäre man von jeglicher Beaufsichtigung durch den örtlichen Bischof frei. Und darum schlage ich Euch vor, genau das jetzt anzugehen, weil das Geld da ist, einen solchen Schritt zu wagen!«

»Aber wo sollte das möglich sein? Gotland, das unsere neue Heimat zu werden versprach, ist uns vor drei Jahren vom Deutschen Ritterorden weggenommen worden«, warf Christern ein, »und unsere frommen Stiftungen in Stockholmer Kirchen waren für die Katz!«

»Richtig! Von irgendwelchen sonstigen Vitaliensergruppen könnte sich keine einzige mehr zu unseren Gunsten verwenden. Die sind längst in alle vier Winde zerstoben«, erklärte Goedeke.

»Die meisten haben sich von unseren Prinzipien losgesagt. Da wird es Zeit, dass wir an uns selber denken, das heißt, an eine kleine Lösung für uns. Ein Stück Land besitze ich schon, um einen Bau darauf zu errichten. Ein König, der sich mir seit siebenundzwanzig Jahren aus gutem Grund immer noch besonders verpflichtet weiß, hat es mir überlassen. Wollt Ihr wissen, wer so freundlich war und wo das Grundstück liegt? Das darf ich jetzt noch nicht verraten. Nur eines sollt Ihr wissen: Dafür müssten wir viele Tage nach Süden segeln.«

»Hört sich verlockend an«, knurrte Christern beifällig.

»Dann nur zu! Auf nach … Ach, sieh einer an, wer da drüben die Nase aus dem Niedergang steckt und uns zuhört!«

»Der kleine Zeelander! Unser Josef«, murmelte Magister Wigbold. »Musste sich mal richtig ausschlafen. Hat viel durchgemacht. Erst wurde er von der Schule geschmissen, dann der Sodomie bezichtigt, deswegen vom Vater, dem Schiffbaumeister Zeelander, beinahe zu Tode geprügelt und aus dem Haus gejagt und dann noch seines einzigen geliebten Freundes, eines Klassenkameraden, beraubt.«

»Sodomie? Kenn ich nicht, was soll das sein?«, wollte Otto von Tyne wissen.

»Das ist ... na ja, wenn zwei Männer sich lieben und wie Mann und Frau mit einander schlafen«, erläuterte Wiechmann. »Kommt heutzutage häufig genug vor – besonders unter Seeleuten. Aber auch arme Handwerkergesellen, die keine Frau abkriegen, weil sie den Meisterbrief nicht schaffen, die bleiben oft ein Leben lang mit einem ihrer Leidensgenossen zusammen. Darf nur keiner merken, doch wer will das schon genauer wissen – schon gar nicht die von ähnlicher Not Betroffenen. Aber leise jetzt! Schluss mit dem Thema! Josef steigt gerade aus der Luke und wird sich bestimmt zu uns gesellen.«

Aber Josef kam nicht. Er ließ sich neben dem Niedergang auf einem der Lukendeckel nieder, schloss die Hände um die Knie, legte den Kopf in den Nacken und schaute blinzelnd in die Sonne, als wolle er für sich sein. Er wirkte konzentriert und nickte mehrfach wie jemand, der in Gedanken einen Text memoriert und bestimmte Stellen durch Unterstreichungen hervorheben möchte. Goedeke bemerkte es und hätte nur zu gerne gewusst, was in dem Jungen vorging. Er schob zu ihm hinüber, blieb vor ihm stehen und fragte:

»Na Josef, geht es dir schon wieder etwas besser?«

»Aber ja doch, nur … entschuldige, Goedeke! Ich quäle mich gerade mit einigen Gedanken herum, wie ich irgendwann einmal dem Ratsmann Nikolaus Schoke einen Denkzettel verpassen kann. Denn er war es gewesen, der mich hatte brennen sehen wollen. Weit wichtiger wäre es allerdings,

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