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Die junge Garde Band 1
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eBook529 Seiten6 Stunden

Die junge Garde Band 1

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Über dieses E-Book

Die Hitler-Armeen besetzen das Donezbecken. Doch plötzlich tauchen Flugblätter gegen die Terrorherrschaft auf - von der Jungen Garde, der kommunistischen Jugendorganisation. Der Widerstand setzt ein.
Der Roman die junge Garde basiert auf der wirklichen Geschichte des bewaffneten Widerstands der sowjetischen Jugend gegen die faschistischen Besatzer in der Stadt Krasnodon, die im Donez-Becken liegt. Am 20. Juli 1942 besetzen die deutschen Faschisten die Stadt und die Gräueltaten nehmen ihren Anfang. Im August werden von den deutschen Henkern 58 Menschen lebendig im Stadtpark begraben. Die Stimmung, die unter der nicht mehr aus der Stadt entkommenen Sowjetjugend herrscht, wird durch die Worte des sechzehnjährigen Komsomolzen Oleg Koschewoi charakterisiert: "Nein, das kann man nicht länger ertragen!"
Er organisiert im September 1942 die illegale Gruppe "Junge Garde", die im Oktober schon 103 Mitglieder zählt. Wichtig ist auch, dass die Widerstandstätigkeit der "Jungen Garde" von der illegalen bolschewistischen Partei angeleitet wird. Ihnen wird von erfahrenen Kämpfern geholfen, organisiert, mit Ausdauer und Standhaftigkeit zu arbeiten, um sich in den ständig wechselnden Verhältnissen der Illegalität zurechtzufinden und bewähren zu können.Vier Monate arbeitet die "Jugend Garde". Sie tötet deutsche Soldaten und Polizisten und sammelt Waffen, um beim Herannahen der Roten Armee einen Aufstand organisieren zu können.
Die junge Garde ist ein bewegender Roman besonders für Jugendliche. Er hilft, Klarheit über den Kampf für eine bessere Zukunft zu bekommen.
SpracheDeutsch
HerausgeberVerlag Neuer Weg
Erscheinungsdatum26. Juli 2018
ISBN9783880215191
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    Buchvorschau

    Die junge Garde Band 1 - A. Fadejew

    BAND

    Dem Morgenrot entgegen,

    Ihr Kampfgenossen all! ...

    Des Kampfes sei kein Ende,

    Eh nicht im weiten Rund

    Der Arbeit freies Volk gesiegt

    Und jeder Feind am Boden liegt.

    Vorwärts, du junge Garde

    Des Proletariats!

    Lied der Jugend

    1

    „Nein, sieh doch nur, Walja, welch ein Wunder! Herrlich! Wie gemeißelt — und aus welch wundervollem Material! Nicht aus Marmor, nicht aus Alabaster, lebendig, und doch wie kalt! Was für ein feines, zartes Gebilde — Menschenhand hätte das nie fertiggebracht. Sieh nur, wie sie auf dem Wasser ruht: rein; streng, unberührt . . . Und da, ihr Spiegelbild im Wasser; schwer zu sagen, welche von beiden schöner ist. Und die Farben! Sieh nur, sieh, nicht weiß ist sie — oder doch weiß, aber wieviel Schattierungen — gelblich, rosig, himmelblau, und innen so feucht — wie eine Perle, einfach bezaubernd. Menschen kennen solche Farben nicht, sie finden nicht einmal Worte dafür!"

    Dies sprach, sich aus dem Weidengebüsch über das Flüßchen beugend, ein Mädchen mit schwarzen, dicken Zöpfen, in blendend weißer Bluse und mit herrlichen, weit geöffneten, feuchtschwarzen Augen, aus denen jäh ein starkes Leuchten flutete, daß sie selbst dieser Seerose glich, die sich da im dunklen Wasser spiegelte.

    „Eine Zeit zum Schwärmen hast du dir ausgesucht! Du bist aber wirklich komisch, Ulja! antwortete ihre Freundin Walja, die gleich darauf ihr anmutiges, jugendfrisches, gutmütiges Gesicht mit leicht hervorstehenden Backenknochen und einem Stupsnäschen über das Flüßchen beugte. Ohne nach der Seerose zu blicken, suchte ihr Auge unruhig am Ufer die Mädchen, von denen sie abgekommen waren: „Hallo-o-o! Wo seid ihr?

    „Hi-i-e-r! Hi-i-e-r! . . . ier! . . ." schallte es vielstimmig in nächster Nähe.

    „Kommt hierher! . . . Ulja hat eine Seerose gefunden", rief Walja und sah die Freundin liebevoll-spöttisch an.

    Und jetzt ertönte wie das Echo eines fernen Donners wieder das Dröhnen von Geschützfeuer — von dort, aus Nordwesten, vor Woroschilowgrad.

    „Schon wieder!"

    „Schon wieder ...", wiederholte Ulja tonlos; das Leuchten, das mit solcher Macht aus ihren Augen gestrahlt hatte, erlosch.

    „Werden sie diesmal wirklich eindringen? Großer Gott! sagte Walja. „Weißt du noch, was wir voriges Jahr durchgemacht haben? Und doch ist es damals noch gut abgegangen. Aber voriges Jahr waren sie nicht so nahe. Hör nur, wie das donnert!

    Sie schwiegen und lauschten.

    „Wenn ich das höre und den klaren Himmel sehe, die Äste der Bäume, das Gras unter den Füßen, wenn ich fühle, wie sonnenwarm es ist, wie aromatisch es duftet, dann wird mir so weh, als ob das alles für mich auf immer, immer vorbei wäre, sagte Ulja mit vor Erregung zitternder Stimme. „Das Herz scheint so verhärtet durch diesen Krieg; man hat es gelehrt, alles von sich zu weisen, was es erweichen könnte, und plötzlich bricht eine solche Liebe, ein solches Mitleid mit allem durch! . . . Du weißt ja, ich kann nur mit dir darüber sprechen.

    Ihre Gesichter waren im Laubwerk einander so nahe gekommen, daß ihr Atem sich vermischte und sie sich in die Augen blickten. Walja hatte helle, gute, weit auseinanderstehende Augen, die voll Ergebenheit und Vergötterung dem Blick der Freundin begegneten. Uljas Augen waren groß, dunkelbraun, strahlend wie Sterne, umrahmt von langen Wimpern, das Weiße in ihnen klar, die Pupillen schwarz und geheimnisvoll — aus ihrer Tiefe schien wieder dieses feuchte, starke Leuchten zu strömen.

    Das ferne, hallende Dröhnen der Geschützsalven, das selbst hier, in der Flußniederung, das Laubwerk leicht erzittern machte, ließ jedesmal einen unruhigen Schatten über die Gesichter der Mädchen gleiten. Doch innerlich waren sie ganz erfüllt von dem, wovon sie sprachen.

    „Weißt du noch, wie schön es gestern abend in der Steppe war? Weißt du noch?" fragte mit leiser Stimme Ulja.

    „Ich weiß, flüsterte Walja. „Diese Abendröte. Weißt du noch?

    „Ja, ja . . . Niemand mag unsere Steppe, sie sagen, sie sei öde, brandrot; Hügel — nichts als Hügel; ungastlich nennt man sie — ich aber habe sie lieb. Ich weiß noch, als Mutter gesund war, arbeitete sie auf dem Melonenfeld; ich war damals noch winzig klein, lag auf dem Rücken und blickte hinauf, ganz hoch hinauf, und dachte, wie hoch ich wohl in den Himmel hineinsehen könnte, weißt du, so ganz, ganz hoch hinauf? Gestern wurde mir so weh, als wir den Sonnenuntergang sahen und dann diese triefenden Pferde, die Geschütze, den Troß, die Verwundeten . . . Die Rotarmisten marschierten so gequält, verstaubt. Da wurde mir plötzlich mit unbarmherziger Deutlichkeit klar, daß dies keine Umgruppierung ist, sondern ein furchtbarer — ja wirklich, ein furchtbarer Rückzug. Deshalb sehen sie einem auch nicht in die Augen, hast du das bemerkt?"

    Walja nickte stumm.

    „Ich sah in die Steppe hinaus, wo wir so viele Lieder gesungen haben, sah diesen Sonnenuntergang, und konnte die Tränen kaum zurückhalten. Du hast mich doch nicht oft weinen sehen, nicht wahr? — Und erinnerst du dich, als es dunkelte? ... Da marschierten sie, marschierten sie in der Dämmerung vorbei — und andauernd dieses Dröhnen, die Explosionen am Horizont und der Feuerschein, in Rowenki wahrscheinlich, und der schwere, blutrote Sonnenuntergang. Weißt du, vor nichts auf der Welt habe ich Angst, weder vor Kampf noch vor Schwierigkeiten und Qualen, aber wenn man nur wüßte, was man tun soll . . . Etwas Drohendes senkt sich auf uns herab", sagte Ulja, und ein düsterer, matter Glanz ließ ihre Augen golden schimmern.

    „Und wie gut wir es doch hatten, nicht wahr, Uljetschka?", sagte Walja, und ihre Augen füllten sich mit Tränen.

    „Wie gut könnten es alle Menschen auf Erden haben, wenn sie nur wollten, wenn sie es nur verstünden!" versetzte Ulja.

    „Aber was soll man denn machen, was denn nur?" fügte sie mit ganz verändertem, singendem Kinderstimmchen hinzu, und in ihren Augen blitzte ein mutwilliges Fünkchen auf.

    Rasch streifte sie die Schuhe von den nackten Füßen, hob mit schmaler, sonnengebräunter Hand den Saum des dunklen Rocks und ging furchtlos ins Wasser.

    „Kinder, eine Seerose! . . . rief, aus den Büschen hervorspringend, ein gertenschlankes, biegsames Mädchen mit kecken Jungenaugen. „Weg da! jauchzte sie, raffte rasch ihren Rock mit beiden Händen hoch, sprang mit ihren glänzend gebräunten nackten Beinen ins Wasser und überschüttete sich und Ulja mit einem Wirbel bernsteinheller Spritzer. „Au, hier ist’s ja tief!" rief sie lachend, als sie mit einem Fuß ins Gewirr der Wasserpflanzen geriet, und wich zurück.

    Die übrigen Mädchen — es waren ihrer sechs — kamen laut schwatzend ans Ufer. Alle, auch Ulja und Walja und die schlanke Sascha, die eben ins Wasser gesprungen war, trugen kurze Röcke und schlichte Blüschen. Die heißen Donezwinde und die sengende Sonne hatten jedem der Mädchen eine besondere Tönung gegeben, der einen Arme, Beine, Gesicht und Hals bis zu den Schulterblättern hinab vergoldet, einer anderen dunkel gebräunt und einer dritten wie von einem Feuerbad durchglüht.

    Wie überall in der Welt, wenn ihrer mehr als zwei Zusammenkommen, sprachen die Mädchen, einander nicht zuhörend, so laut, mit einem solchen Feuereifer und in so hohen, schrillen Tönen, als sei alles, was sie sagten, Ausdruck des Allerhöchsten, Allerwichtigsten, das die ganze Welt wissen und hören müsse.

    „Wie er mit dem Fallschirm runtergesaust ist, Herrgott noch einmal! So ein netter, zarter Bursch. Augen hatte er wie Knöpfchen!"

    „Nein, ich könnte nicht Krankenschwester werden, wirklich nicht, ich kann kein Blut sehen!"

    „Sie werden uns nicht zurücklassen, wie kannst du nur so etwas sagen. Das kann doch gar nicht sein!"

    „Ach, wie schön, die Seerose!"

    „Majetschka, Zigeunerin, und wenn sie uns nun doch zurücklassen?"

    „Sieh mal, die Saschka, die Saschka!"

    „Aber sich gleich zu verlieben! Na hör mal, wie kann man nur?"

    „Uljka, du Dummchen, wohin denn?"

    „Ihr werdet noch ertrinken, ihr Tollköpfe!"

    Sie sprachen in dem etwas rauhen Dialekt des Donezbeckens, einer Mischung der zentralrussischen mit der ukrainischen Mundart, dem Dialekt der Donkosaken und dem der Hafenstädte am Asowschen Meer — Mariupol, Taganrog, Rostow am Don. Aber wie die Mädchen in aller Welt auch sprechen mögen, aus ihrem Mund klingt alles lieb.

    „Uljetschka, warum mußt du sie denn nun unbedingt haben, mein Liebes?" fragte Walja und verfolgte beunruhigt mit ihren gütigen, weit auseinanderstehenden Augen, wie nicht nur die gebräunten Waden, sondern nun auch schon die weißen runden Knie der Freundin im Wasser verschwanden.

    Vorsichtig tastete Ulja mit einem Fuß das von Wasserpflanzen bedeckte Flußbett ab und schürzte ihren Rock höher, so daß der Saum ihrer schwarzen Turnhöschen sichtbar wurde. Sie machte noch einen Schritt, beugte ihren hohen, schlanken Rumpf weit vor und griff mit der freien Hand nach der Seerose. Einer ihrer dicken, schwarzen Zöpfe mit dem flaumigen, aufgegangenen Ende fiel aufs Wasser; aber in diesem Augenblick machte Ulja mit den Fingern eine letzte Anstrengung und pflückte die Rose mitsamt ihrem langen Stengel.

    „Fein hast du das gemacht, Uljka! Damit hast du dir den Titel eines Helden des Bundes redlich verdient . . . Nicht des ganzen Bundes der Sozialistischen Sowjetrepubliken, sondern — sagen wir — des Bundes freier Mädel aus der Perwomaikagrube! sagte Saschka, bis an die Waden im Wasser stehend und die Freundin mit ihren rund werdenden braunen Jungenaugen anstarrend. „Gib die Blume her! Sie klemmte den Rock zwischen die Knie und befestigte mit ihren geschickten, schlanken Fingern die Seerose in dem dunklen, sich in breiten Wellen an die Schläfen schmiegenden Haar Uljas. „Ach, wie dir das steht, einfach zum Beneiden! ... Warte mal, sagte sie plötzlich, hob den Kopf und lauschte. „Da brummt was ... Hört ihr, Mädels? Diese Schufte!

    Sascha und Ulja kamen rasch ans Ufer.

    Alle Mädchen lauschten mit erhobenem Kopf auf das ungleichmäßige, bald feine, dem Summen einer Wespe gleichende, bald tiefe, kollernde Surren und suchten in der weißglühenden Luft das Flugzeug.

    „Nicht eins, gleich drei auf einmal!"

    „Wo, wo? Ich sehe nichts . . ."

    „Ich auch nicht, ich höre sie nur . . ."

    Das Surren der Motoren verschmolz bald zu drohendem Dröhnen, bald zerfiel es in einzelne, durchdringende oder tiefe, grollende Tone. Die Flugzeuge surrten bereits irgendwo über ihren Köpfen, und obwohl sie nicht zu sehen waren, lief etwas wie der schwarze Schatten ihrer Flügel über die Gesichter der Mädchen.

    „Die fliegen wohl nach Kamensk, die Pontonbrücke bombardieren . . ."

    „Oder nach Millerowo."

    „Unsinn — nach Millerowo! Millerowo haben wir geräumt, hast du denn gestern den Heeresbericht nicht gehört?"

    „Einerlei, südlicher wird ja doch gekämpft."

    „Was sollen wir nur machen, Kinder?"

    Die Mädchen sprachen und lauschten unwillkürlich erneut dem Dröhnen des fernen Artilleriefeuers, das näher zu kommen schien.

    Wie schwer und grauenhaft der Krieg auch war, wie grausam die Verluste und Leiden der Menschen waren, die Jugend in ihrer Gesundheit und Lebenslust, in ihrem naiven, gutmütigen Egoismus, in ihrer Liebe und ihren Zukunftsträumen will und kann hinter den allgemeinen Gefahren und Nöten kein Leid, keine Gefahren für sich selbst erblicken, solange sie nicht hereingebrochen sind und ihren glücklichen Gleichschritt aus dem Takt gebracht haben.

    Ulja Gromowa, Walja Filatowa, Sascha Bondarjewa und all die andern Mädchen hatten erst in diesem Frühjahr die Mittelschule in der Siedlung der Perwomaiskgrube absolviert.

    Der Abschluß der Schulbildung ist im Leben eines jungen Menschen stets ein großes Ereignis, um wieviel mehr aber in den Kriegstagen. Den ganzen vorigen Sommer über hatten die Schüler der Oberklassen, die Mädchen und Knaben, wie sie damals noch genannt wurden, in den Kollektivwirtschaften und Sowjetgütern bei Krasnodon, in den Gruben und in der Woroschilowgrader Lokomotivfabrik gearbeitet; manche waren sogar ins Stalingrader Traktorenwerk, das jetzt Panzer herstellt, gefahren.

    Im Herbst drangen die Deutschen ins Donezbecken ein, sie besetzten Taganrog und Rostow am Don. Von der ganzen Ukraine war nur noch das Woroschilowgrader Gebiet nicht von den Deutschen besetzt, die Regierüngsämter, aus Kiew, die zusammen mit den Truppen der Roten Armee zurückwichen, siedelten nach Woroschilowgrad über, die Gebietsämter aus Woroschilowgrad und Stalino, dem ehemaligen Jusowka, nach Krasnodon.

    Bis tief in den Herbst hinein, als sich im Süden die Front herausbildete, zogen Menschen aus den von den Deutschen besetzten Bezirken des Donezbeckens durch Krasnodon, durch den rostroten Schmutz der Straßen, und es schien, als würde der Schmutz immer tiefer, als brächten die Menschen ihn an ihren Stiefeln aus der Steppe mit. Die Schulkinder wurden von der Schule aus zur Evakuierung ins Saratower Gebiet reisefertig gemacht, blieben dann aber doch da. Die Deutschen waren weit hinter Woroschilowgrad zum Stehen gebracht worden, Rostow am Don wurde ihnen entrissen, im Winter erlitten sie bei Moskau eine Niederlage, die Offensive der Roten Armee begann, und alle hofften, daß sich nun alles zum Guten wenden würde.

    Die Schulkinder hatten sich bereits daran gewöhnt, daß in ihren gemütlichen Krasnodoner Wohnungen, unter den Blechdächern der Standard- und Steinhäuser, in den Bauernhäusern der Vorwerke um die „Perwomaika, ja sogar in den Lehmhütten von „Schanghai — daß in diesen kleinen Wohnungen, die in den ersten Kriegswochen, als Väter oder Brüder an die Front gingen, so leer schienen, jetzt fremde Menschen wohnten, übernachteten, einander abwechselten — Beamte der hierher evakuierten Ämter, Rotarmisten und Kommandeure der Ortsgarnison oder der an die Front durchmarschierenden Truppenteile der Roten Armee.

    Sie hatten gelernt, die verschiedenen Waffengattungen zu unterscheiden, die Ränge und Waffenarten, die verschiedenen Marken der Motorräder, der Last- und Personenwagen, die sowjetischen und Beutewagen, sie erkannten auf den ersten Blick die Typen der Panzer — nicht erst, wenn diese irgendwo massig am Straßenrand standen und, getarnt durch die Pappeln, im Dunst der von der Panzerung ausströmenden Hitze ausruhten, sondern auch dann, wenn sie mit Gedröhn über die staubige Woroschilowgrader Chaussee rollten, wenn sie auf den herbstlich zerfließenden oder winterlich verschneiten, nach Westen führenden Rollbahnen mit schleudernden Raupenketten sich mühsam vorwärts arbeiteten.

    Nicht nur an den Umrissen, sondern auch am Surren erkannten sie die eigenen und die deutschen Flugzeuge, unterschieden sie sie am sonnenflammenden und staubroten, am tiefschwarzen, gestirnten, wie von Höllenasche überwirbelten Donezhimmel.

    „Das sind unsere ,Lags’ oder ,Migs’ oder ,Jaks’*, sagten sie seelenruhig.

    „Da kommen Messerschmitt-Maschinen! . . ."

    „Da fliegen Ju-87er nach Rostow", sagten sie lässig.

    Sie waren an die Nachtwachen der Ossoaviachim ** gewöhnt, an die Nachtwachen mit der Gasmaske über der Schulter, in der Grube, auf den Dächern von Schulen und Krankenhäusern, und ihre Herzen bebten nicht mehr, wenn die Luft von fernen Bombeneinschlägen vibrierte und die Strahlen der Scheinwerfer sich wie Radspeichen am Nachthimmel über Woroschilowgrad kreuzten, wenn am Horizont bald hier, bald da Feuerschein aufflammte, wenn feindliche Stukas plötzlich am hellichten Tag aus der Tiefe des Himmels hervortauchten und mit Geheul Sprengbomben auf die unendlichen Kraftwagenkolonnen in der Steppe abwarfen und dann noch lange aus Geschützen und Maschinengewehren die Chaussee beschossen, auf der zu beiden Seiten Soldaten und Pferde wie Kielwasser auseinanderstoben.

    Sie hatten sie liebgewonnen, die weiten Wege in die Kollektivwirtschaftsfelder, die Lieder, die sie vom Lastauto mit voller Kehle dem Wind entgegen in die Steppe hinausschmetterten, die sommerliche Erntezeit auf unendlichen, unter der Körnerlast schwankenden Weizenfeldern, die vertraulichen Gespräche und ein plötzliches Lachen in nächtlicher Stille, irgendwo im Haferstroh; die langen schlaflosen Nächte auf dem Dach, wenn die heiße Hand des Mädchens ohne zu beben eine, zwei, drei Stunden lang in der rauhen Hand des Burschen ruht, wenn die Morgenröte über blassen Hügeln aufsteigt und der Tau auf graurosa Blechdächern und roten Tomaten blinkt, von den eingerollten, mimosengelben Herbstblättchen der Akazien in das Vorgärtchen hinabtropft und es nach den im feuchten Erdreich modernden Wurzeln der welken Blumen, nach dem Rauch der fernen Brände riecht, und der Hahn kräht, als wäre alles unverändert . . .

    In diesem Frühjahr hatten sie die Schule verlassen, von ihren Lehrern und Organisationen Abschied genommen, und der Krieg blickte ihnen nun, als habe er auf sie gewartet, fest in die Augen.

    Am dreiundzwanzigsten Juni wichen die Truppen im Raum von Charkow zurück; am zweiten Juli begannen Kämpfe, der Gegner ging im Raum von Belgorod und Woltschansk zum Angriff über. Am dritten Juli kam wie ein Blitz aus heiterem Himmel die Rundfunkmeldung, daß die Truppen nach achtmonatiger Verteidigung Sewastopol geräumt hatten.

    Stary Oskol, Rossosch, Kantemirowka, Kämpfe westlich von Woronesh, im unmittelbaren Vorgelände von Woronesh, am zwölften Juli Lissitschansk, und plötzlich strömten durch Krasnodon unsere zurückweichenden Truppenteile.

    Lissitschansk — das war schon in allernächster Nähe. Lissitschansk — das hieß: hierher konnten, hierher würden sie kommen, die Deutschen! Morgen nach Woroschilowgrad, und übermorgen nach Krasnodon und in die Siedlung Perwomaisk, in die bis zum letzten Stein vertrauten Gäßchen mit den staubigen, über die Zäune der Vorgärten quellenden Jasminund Fliederbüschen, in Großvaters Garten mit den Apfelbäumen und in die kühle Hütte mit den vor der Sonne geschlossenen Fensterläden, wo rechts neben der Tür noch Vaters Grubenkittel hing, wie er ihn, von der Arbeit kommend, hingehängt hatte, bevor er ins Kriegskommissariat ging —, in die Hütte, wo Mutters warme geäderte Hände jede Diele blank gescheuert, die chinesische Rose auf dem Fensterbrett begossen und das geblümte, frisch duftende Rohleinentuch über den Tisch gebreitet hatten.

    Während einer Ruhepause an der Front hatten sich in der Stadt äußerst energische, besonnene, stets über alles genau informierte, glattrasierte Verpflegungsoffiziere — durchweg Majore — wie für alle Ewigkeit niedergelassen; unter lustigen Scherzen spielten sie mit den Wirtsleuten Karten, kauften auf dem Markt gesalzene Wassermelonen, gaben bereitwillig über die Lage an den Fronten Auskunft und spendeten sogar manchmal Konserven für den Borschtsch der Hausfrau. Im Gorki-Klub der Grube I-Bis und im. Leninklub im Stadtpark wimmelte es von Leutnants; sie waren tanzlustig, fröhlich, gesellig — oder sollte man sie keck nennen? Bald tauchten sie in der Stadt auf, bald verschwanden sie, es kamen aber immer wieder neue nach, und die Mädchen hatten sich so an ihre ständig wechselnden sonnengebräunten, männlichen Gesichter gewöhnt, daß sie ihnen alle gleich vertraut vorkamen.

    Und plötzlich waren sie alle wie fortgeweht.

    Auf der Bahnstation Werchneduwannaja, dieser friedlichen Zwischenstation, wo, von einer Dienstreise oder einem Besuch zurückkehrend oder nach einem Jahr Hochschulstudium auf Sommerferien kommend, jeder Krasnodoner sich schon zu Hause fühlte, hier in Werchneduwannaja und auf allen anderen kleinen Stationen der Strecke Lichaja—Morosowskaja—Stalingrad wurden Werkbänke, Menschen, Geschosse, Maschinen, Getreide verladen.

    Aus den Häuschen im Schatten der Akazien, jungen Ahorne und Pappeln tönte das Weinen von Kindern und Frauen. Hier machte eine Mutter ihr Kind reisefertig, das mit dem Kinderheim oder der Schule wegfuhr, dort nahm man von einer Tochter, einem Sohn Abschied, da sagte eine Familie dem Gatten und Vater Lebewohl, der die Stadt mit seinem Betrieb verließ. Auf manchen Häusern mit fest verschlossenen Fensterläden lastete Stille, eine Stille, die noch furchtbarer war als das Weinen einer Mutter — solch ein Haus war wohl völlig verwaist, oder eine Greisin saß, nachdem sie die ganze Familie hatte ziehen lassen, wie erstarrt im Zimmer, die geschwärzten Hände im Schoß, kraftlos, das Auge tränenleer, ein ehernes Leid im Herzen.

    Die Mädchen erwachten morgens von fernen Geschützsalven und stritten mit ihren Eltern — sie wollten die Eltern überreden, unverzüglich abzureisen und sie allein dazulassen. Die Eltern wiederum sagten, ihr Leben gehe zu Ende, sie, die Komsomolzinnen aber müßten vor Sünde und Unheil bewahrt bleiben. Die Mädchen frühstückten hastig und rannten zu den Freundinnen, um nach Neuigkeiten zu fragen. Sie hatten sich zu einem Schwarm zusammengeschart; wie Vogel, erschlafft vor Hitze und Ratlosigkeit, saßen sie stundenlang im halbdunklen Stübchen bei einer der Freundinnen, oder unterm Apfelbaum im Garten, oder sie liefen in die schattige Waldschlucht zum Fluß, im geheimen Vorgefühl eines Unglücks, das sie weder mit ihrem Herzen noch mit ihrem Denken zu fassen vermochten.

    Und da brach es nun herein.

    „Woroschilowgrad ist sicher schon geräumt, man verheimlicht es uns nur!" sagte mit scharfer Stimme ein kleines, breitgesichtiges Mädchen mit spitzer Nase, glänzendem, glattem, wie angeklebt am Kopf liegendem Haar und zwei kurzen, keck abstehenden Zöpfchen.

    Das Mädchen hieß Wyrikowa, Sina Wyrikowa, aber von klein auf hatte sie in der Schule niemand beim Vornamen genannt, immer nur: Wyrikowa, Wyrikowa . . .

    „Wie kannst du nur so daherreden, Wyrikowa? Man sagt uns nichts, also hat man’s noch nicht geräumt", antwortete Maja Pegliwanowa, ein schönes, schwarzäugiges Mädchen mit dunklem Teint, wie eine Zigeunerin. Sie verzog hochmütig die eigensinnige, volle Unterlippe.

    In der Schule war Maja bis zur Entlassung im Frühjahr Sekretärin der Komsomolorganisation gewesen, sie war daran gewöhnt, alle zurechtzuweisen und zu erziehen, und wünschte überhaupt, daß immer alles seine Ordnung haben sollte.

    „Was du uns zu sagen hast, wissen wir alle schon längst: ,Mädels, ihr versteht nichts von Dialektik!’ sagte Wyrikowa und ahmte Maja so täuschend nach, daß alle Mädchen lachen mußten. „Man wird uns schon die Wahrheit sagen, macht nur hübsch weit eure Ohren auf. Wir haben geglaubt, immer geglaubt, aber jetzt hat aller Glauben ein Ende! Wyrikowa funkelte mit ihren dicht beieinanderstehenden Augen und spreizte kriegerisch ihre abstehenden spitzen Zöpfchen wie ein Käfer seine Fühler. „Sicher haben sie Rostow auch wieder geräumt — jetzt gibt es keinen Ort mehr, wohin wir uns wenden könnten. Aber sie selbst fliehen natürlich! sagte Wyrikowa und wiederholte damit sichtlich, was sie schon oft gehört hatte. „Schönes Zeug redest du da, Wyrikowa, sagte Maja, bemüht, ihren Ärger nicht merken zu lassen. „Wie kannst du nur so etwas sagen? Du bist doch Komsomolzin, du warst doch Pionierleiterin!"

    „Gib dich doch nicht mit ihr ab", sagte leise Schura Dubrowina, ein schweigsames Mädchen, das älter war als die anderen. Ihr Haar war kurzgestutzt, sie hatte keine Augenbrauen und scheue, helle Augen, die ihrem Gesicht einen seltsamen Ausdruck verliehen.

    Schura Dubrowina war eine Studentin der Charkower Universität; im vorigen Jahr war sie vor der Besetzung Charkows durch die Deutschen zu ihrem Vater, einem Schuhmacher und Sattler, nach Krasnodon geflohen. Sie war vier Jahre älter als die andern Mädchen, suchte aber immer deren Gesellschaft: sie war nämlich insgeheim, auf Mädchenart, in Maja Pegliwanowa verliebt und lief ihr immer und überall hin nach — „wie der Faden seiner Nadel", scherzten die Mädchen.

    „Gib dich nicht mit ihr ab. Hat sie sich einmal diese Kappe ausgesucht, dann kannst du ihr keine andere aufstülpen", sagte Schura Dubrowina zu Maja.

    „Den ganzen Sommer haben sie uns zum Bau von Schützengräben gejagt, wieviel Kraft ist dabei vergeudet worden, einen ganzen Monat lang war ich krank, und wer sitzt jetzt in diesen Schützengräben? fragte die kleine Wyrikowa, ohne auf Maja zu hören. „Gras wächst in den Schützengräben! Ist’s nicht so?

    Die schmale Sascha hob in gespieltem Erstaunen die eckigen Schultern, sah Wyrikowa mit runden Augen an und antwortete mit einem langgezogenen Pfiff.

    Aber anscheinend waren es nicht Wyrikowas Worte, sondern die ganze Ungewißheit, die die Mädchen in schmerzlicher Aufmerksamkeit zuhören ließ.

    „Nein, wirklich, die Lage ist doch einfach schrecklich?" sagte scheu — bald Wyrikowa, bald Maja ansehend — Tonja Iwanichina, das jüngste der Mädchen, groß, langbeinig, fast noch ein Kind, mit großer Nase und dichtem, hinter die großen Ohren gestrichenem kastanienbraunem Haar. In ihren Augen blinkten Tränen auf.

    Seitdem in den Kämpfen vor Charkow ihre geliebte ältere Schwester Lilja verschollen war, die sich gleich bei Kriegsausbruch als Sanitäter an die Front gemeldet hatte, schien es Tonja Iwanichina, als wäre alles, alles auf der Welt unwiederbringlich verloren, und ihre trübselig dreinblickenden Augen wurden bei jeder Gelegenheit feucht.

    Nur Ulja nahm an dem Gespräch der Mädchen keinen Anteil und schien von ihrer Erregung frei zu sein. Sie löste das naß gewordene Ende ihres langen schwarzen Zopfes, drückte das Wasser aus, flocht den Zopf wieder, streckte dann bald das eine, bald das andere nasse Bein in die Sonne und stand so eine Weile, den Kopf mit der weißen Seerose, die so gut zu ihren schwarzen Augen und Haaren paßte, zur Seite geneigt, als lausche sie in sich selbst hinein. Als die Beine trocken waren, wischte Ulja über die Sohlen ihrer bis zum hohen, etwas mageren Spann gebräunten Füße, die unten wie von einem hellen Reif umgeben waren, wischte Hacken und Zehen ab, und schlüpfte mit gewohnter behender Bewegung in die Schuhe.

    „Ach, bin ich dumm, eine richtige Gans, warum bin ich nicht in die Sonderschule gegangen, als man es mir vorgeschlagen hat? seufzte die schmale Sascha. „Man hat mir angetragen, in die Sonderschule des Volkskommissariats für Innere Angelegenheiten zu gehen, erläuterte sie naiv und blickte alle knabenhaft unbekümmert an, „dann ließe man mich hier im Hinterland der Deutschen zurück, und ihr wüßtet es nicht einmal. Ihr würdet euch hier herumzanken, und mir wäre das alles ganz egal. ,Warum die Saschka wohl so ruhig bleibt?’ würdet ihr fragen. Ich aber bliebe im Auftrag des Volkskommissariats für Innere Angelegenheiten hier! Ich würde mit diesen Deutschen, prustete sie plötzlich los und blickte mit schlauem Hohnlächeln zur Wyrikowa hinüber, „ich würde mit diesen Deutschen umspringen, wie mir’s paßt!

    Ulja hob den Kopf und schaute ernst und aufmerksam Sascha an, und irgend etwas zuckte in ihrem Gesicht, die Lippen, oder die zarten, rosig durchscheinenden, eigenartig geschnittenen Nasenflügel.

    „Ich bleib auch ohne dein Volkskommissariat hier, daß ihr’s nur wißt! versetzte Wyrikowa böse, mit gespreizten Fühlerzöpfchen. „Wenn ich niemanden etwas angehe, dann bleibe ich einfach hier und werde weiterleben, wie ich bisher gelebt habe. Warum auch nicht? Ich bin ein Schulmädchen, für deutsche Begriffe gewissermaßen eine Gymnasiastin. Sie sind doch immerhin wohlerzogene, gebildete Leute, die Deutschen, was werden sie mir schon tun?

    „Gewissermaßen eine Gymnasiastin?!" rief Maja aus.

    „Frisch gebacken aus dem Gymnasium; prosit, die Herrschaften."

    Und Sascha ahmte Wyrikowa so gut nach, daß die Mädchen wieder hell auflachten.

    In diesem Augenblick betäubte sie ein furchtbarer Schlag, der Erde und Luft erzittern ließ. Von den Bäumen regnete es welke Blätter, Zweige; Holzstaub rieselte von der Rinde, und sogar der Wasserspiegel kräuselte sich.

    Die Mädchen erbleichten und sahen sich einige Sekunden lang schweigend an.

    „Ob sie wohl etwas abgeworfen haben?" fragte Maja.

    „Die sind doch schon längst vorbei, und neue haben wir nicht gehört!" sagte mit geweiteten Augen Tonja Iwanichina, die ein Unglück immer als erste vorausahnte.

    In diesem Augenblick erfolgten zwei weitere Detonationen, die fast miteinander verschmolzen — die eine in nächster Nähe, die andere kurz darauf etwas weiter fort. Sie erschütterten die ganze Gegend.

    Wie auf Verabredung, ohne einen Laut, liefen die Mädchen auf die Siedlung zu. Man sah nur noch einmal ihre gebräunten Waden in den Büschen aufblitzen.

    * Sowjetische Flugzeugmarken.

    ** Gesellschaft zur Förderung des Flugwesens und der Chemie in der UdSSR.

    2

    Die Mädchen liefen über die sonnengedörrte Donezsteppe, die von Schafen und Ziegen so zerstampft war, daß Staub unter ihren Füßen aufwirbelte. Hatte sie wirklich noch eben frisches Waldesgrün umrauscht? Die Schlucht, in der der Fluß zwischen schmalen Waldstreifen dahinströmte, war so tief, daß sie drei-, vierhundert Schritte weiter fort weder Schlucht noch Fluß noch Wald sehen konnten — die Steppe hatte alles verschlungen.

    Das war keine flache Steppe wie die Astrachaner oder Salsker, sie war voller Hügel und Schluchten und stieg im Süden und Norden wallartig gegen den Horizont an. Dort erhoben sich die Ausläufer einer gewaltigen Gesteinssenkung, zwischen denen ,wie in einer blauen Schale die bis zur Weißglut erhitzte Luft schwamm.

    Hie und da auf dem zerfurchten Antlitz dieser ausgedörrten blauen Steppe, auf Hügeln und in Tälern lagen Bergarbeitersiedlungen, Dörfer inmitten gelber und hell- und dunkelgrüner Rechtecke der Weizen-, Mais-, Sonnenblumen- und Rübenfelder, einsame Fördertürme und daneben, sie überragend, die tiefblauen Kegel des aus den Gruben fortgeräumten Nebengesteins.

    Auf allen Wegen zwischen Siedlungen und Gruben zogen Gruppen von Flüchtlingen dahin, die der Landstraße nach Lamensk und Lichaja zustrebten.

    Der Widerhall einer fernen erbitterten Schlacht, oder vielmehr vieler großer und kleiner Schlachten im Westen und Nordwesten und irgendwo, schon ganz weit im Norden, war hier in der offenen Steppe deutlich zu hören. Der Rauch ferner Brände stieg langsam zum Himmel auf oder lagerte in einzelnen Wolkenballen da und dort am Horizont.

    Als die Mädchen die Waldschlucht verließen, bemerkten sie sogleich drei neue Rauchherde — zwei in der Nähe und einen weiter fort, schon direkt vor der Stadt, die selbst noch hinter den Hügeln verborgen lag. Es waren graue, schwache Rauchwölkchen, die sich in der weißglühenden Luft langsam zerstreuten, und die Mädchen hätten sie vielleicht gar nicht beachtet, wenn nicht die Explosionen gewesen wären und ein Schwefelgeruch in der Luft, der immer stärker wurde, je mehr sie sich der Stadt näherten.

    Sie erstiegen laufend einen runden Hügel vor Perwomaisk; zu ihren Füßen lag die ganze über Höhen und Tiefen verstreute Siedlung, und die Woroschilowgrader Chaussee, die hier auf dem Kamm eines langgestreckten, zwischen Perwomaisk und Krasnodon aufragenden Hügels verlief. Auf dem ganzen sichtbaren Teil der Chaussee zog eine dichte Masse von Truppenteilen und Flüchtlingen dahin, die von wütend hupenden Kraftwagen überholt wurden — von gewöhnlichen Zivilwagen und grün getarnten, verbeulten, staubigen Militär-, Last-, Personen- und Sanitätswagen. Und der brandrote Staub, von diesen unzähligen Füßen und Rädern aufgewirbelt, stand wie ein kompakter Wall über der Chaussee.

    Und da geschah das Unglaubliche, Unfaßbare: der Förderturm der Grube Nummer I-Bis, dessen mächtiger Eisenbetonrumpf als einziges von allen Krasnodoner Gebäuden jenseits der Chaussee sichtbar war, begann plötzlich zu wanken. Ein dichter Fächer hochgeschleuderten Gesteins verbarg ihn einen Augenblick, und ein neuer, furchtbarer unterirdischer Stoß, der in der Luft und unter den Füßen dröhnte, ließ die Mädchen erbeben. Als dann alles vorüber war, stand der Förderturm nicht mehr. Der riesige, dunkle, in der Sonne flimmernde Gesteinskegel stand unverändert da, an Stelle des Förderturms aber stiegen Wolken schmutzigen, gelbgrauen Rauches auf. Über der Chaussee aber, über der aufgerüttelten Siedlung Perwomaisk und der von hier aus unsichtbaren Stadt, über der ganzen Gegend ringsum hing ein lang anhaltender Ton wie ein Stöhnen, in dem hie und da ferne Menschenstimmen aufklangen — irgend jemand weinte, fluchte oder stöhnte gequält.

    All dies — die Chaussee mit den fliehenden Menschen und Kraftwagen, die Explosion, die Himmel und Erde erzittern machte, das Verschwinden des Förderturms und das Stöhnen der Menschen — drang jäh, herzzerreißend und grauenhaft auf die Mädchen ein. Und alle Gefühle, die ihnen das Herz zusammenschnürten, wurden jetzt plötzlich von einem unaussprechlichen, tieferen und stärkeren Gefühl verdrängt als die Angst um das eigene Ich; vom Gefühl eines vor ihnen klaffenden Abgrunds, der nun alles zu verschlingen drohte.

    „Man sprengt die Gruben! . . ."

    Wer hatte da geschrien? Wohl Ton ja Iwanichina. Aber dieser Schrei schien sich aus ihrer aller Seelen losgerungen zu haben: „Die Gruben sprengt man! . . ."

    Weiter sagten sie nichts, hatten kein Verlangen mehr, zu sprechen, hatten einander nichts mehr zu sagen. Die Gruppe zerstreute sich von selbst: die meisten Mädchen liefen in die Siedlung, nach Hause, Maja, Ulja und Sascha aber rannten einen nahen, die Landstraße überschneidenden Fußpfad entlang in die Stadt, ins Bezirkskomitee des Komsomols.

    Als sie sich aber wie auf Verabredung in zwei Gruppenteilten, faßte Walja Filatowa die Freundin plötzlich bei der Hand: „Uljetschka! sagte sie in schüchternem, unterwürfig bittendem Ton. „Uljetschka! Wohin? Komm doch nach Hause . . . Sie brach kurz ab. Dann: „Es kann dir noch etwas passieren! ..."

    Ulja drehte sich brüsk zu ihr um und sah sie schweigend an — doch nein, sie sah sie nicht, durch sie hindurch blickte sie, in die weite, weite Feme, und in ihren schwarzen Augen lag ein so ungestümer Blick, als schwebe sie — so müssen die Augen eines fliegenden Vogels dreinschauen.

    „Warte doch, Uljetschka . . .", sagte Walja in flehendem Ton und zog sie mit der einen Hand näher heran, mit der anderen, freien Hand aber nahm sie ihr rasch die Seerose aus dem schwarzen, welligen Haar und warf sie zu Boden.

    Das war blitzschnell geschehen. Ulja fand keine Zeit zum Überlegen, warum Walja das tat, ja, sie bemerkte es kaum. Und so liefen sie denn, ohne darüber nachzudenken, zum erstenmal, seit sie sich vor Jahren befreundet hatten, in verschiedener Richtung davon.

    Ja, es war schwer zu glauben, daß das alles Wirklichkeit war; als aber die drei Mädchen, Maja Pegliwanowa voran, die Landstraße überquerten, überzeugten sie sich mit eigenen Augen: neben dem gigantischen Gesteinskegel der Grube Nummer I-Bis stand nicht mehr der schlanke, schöne Förderturm mit all seinen mächtigen Fördermaschinen, nur gelblichgrauer Rauch stieg in Schwaden zum Himmel auf und erfüllte die Gegend mit unerträglichem Schwefelgestank.

    Neue Explosionen, bald näher, bald weiter, erschütterten Erde und Himmel.

    Über alle Stadtviertel um Grube I-Bis, vom Stadtzentrum durch eine tiefe Schlucht getrennt, durch die ein schmutziger, von Sumpfgräsern überwucherter Bach floß und die mit dicht aneinanderklebenden Lehmhäuschen bebaut war, über alle diese Stadtviertel hinweg fegte wie ein Wirbelwind die Panik. Dieser Bezirk am Rande der Schlucht bestand wie das Stadtzentrum aus ebenerdigen Steinhäuschen für zwei bis drei Familien. Die Häuser hatten Ziegel- oder Blechdächer, jedes hatte ein Vorgärtchen mit Gemüse- oder Blumenbeeten. Manche Hausbewohner hatten bereits Kirschbäume und Flieder- oder Jasminbüsche gezogen, andere hatten am sauber gestrichenen Zaun eine Reihe junger Akazien oder Ahornbäume angepflanzt. In diesen Straßen nun, zwischen diesen anmutigen Häuschen und Vorgärtchen spielte sich etwas ab, was die Herzen der Mädchen mit lähmender Bestürzung erfüllte.

    Die Leute liefen nach der Grube. Der Zugang schien aber von Miliz gesperrt, und so wälzte sich ihnen ein anderer Menschenstrom von der Grube her entgegen, zu dem, vom Markt kommend, Menschen und Fuhren stießen, in panischem Schrecken auseinanderlaufende Kollektivbäuerinnen, Greise, Jugendliche mit Körben und Karren voll Grünzeug und Lebensmitteln, mit Pferden und Ochsen bespannte Fuhrwerke voll Getreide und Gemüse, Hausfrauen mit Einkaufskörben und taschen, für die müßige Köpfe die Bezeichnung „Immerbei-der-Hand-Taschen" erdacht haben.

    Alle Einwohner waren aus ihren Hütten in die Vorgärten und auf die Straße geströmt — die einen nur aus Neugier, die anderen mit Kind und Kegel, mit Schubkarren voll Hausrat, auf denen zwischen Bündeln kleine Kinder saßen. Manche Frauen trugen Säuglinge auf dem Arm. Diese nach Osten wandernden Familien bildeten den dritten Strom, der sich auf die Chaussee nach Kamensk und Lichaja durchzuzwängen suchte.

    All das schrie, schimpfte, weinte, ratterte, klirrte. Sich durch das Gewühl von Menschen und Wagen einen Weg bahnend, fuhren im Schneckentempo Lastkraftwagen voll Heeresgut oder Familienhabe, mit fauchenden Motoren und ohrenbetäubendem Hupen. Fußgänger versuchten sich auf die Lastkraftwagen zu schwingen, man stieß sie hinunter. All das brachte den eigentümlichen, anhaltenden Laut hervor, der den Mädchen von fern wie Stöhnen geklungen hatte.

    Eine Frau aus der Menge ergriff Majas Hand, auch Sascha Bondarewa blieb bei ihnen stehen, während Ulja, ohne sich nach den Freundinnen umzusehen, weiterlief, da sie möglichst schnell ins Bezirkskomitee wollte.

    Ein grüner Lastkraftwagen, der aus der Schlucht mit Geheul um die Ecke kam, drängte Ulja mit der Menge an den Gartenzaun eines der Standardhäuser, und wäre nicht die Gartentür gewesen, so hätte Ulja ein nicht sehr großes, blondes, zierlich gebautes Mädchen mit Stupsnäschen und zusammengekniffenen Blauaugen umgerannt, das zwischen zwei herabhängenden staubigen Fliederzweigen dicht an der Gartentür stand.

    Wie sonderbar das in einem solchen Moment auch war, Ulja sah, als sie gegen die Gartentür rannte und das Mädchen fast umriß, das gleiche Mädchen einen Augenblick lang sich im Walzer wiegend vor Augen. Selbst die Klänge des von einem Blasorchester gespielten Walzers glaubte Ulja zu hören, und diese Vision durchzog plötzlich Uljas Herz weh und süß wie ein Traum vom Glück.

    Das Mädchen drehte sich auf der Bühne und sang, sie drehte sich im Saal und sang, sie drehte sich bis in den Morgen hinein, mit allen ohne Ausnahme, war unermüdlich und versagte niemandem, sich mit ihr im Tanz zu drehen. Ihre Augen — waren sie himmel- oder veilchenblau? — und ihre regelmäßigen kleinen Zähne blitzten vor Glück. Wann war das doch? Wohl noch vor dem Kriege, in jenem Leben, im Traum.

    Ulja wußte nicht, wie das Mädchen hieß, alle nannten sie Luba und noch häufiger Lubka. Ja, das war Lubka. Die „Schauspielerlubka", wie die Buben sie manchmal riefen.

    Das erstaunlichste war, daß Lubka in diesem Hexensabbat hinter ihrer Gartenpforte zwischen den Fliederbüschen stand — ganz ruhig und im Feststaat, als habe sie vor, in den Klub zu gehen. Ihr rosiges Gesichtchen, das sie stets vor der Sonne schützte, das säuberlich gekräuselte und in einer Rolle aufgesteckte Goldhaar, die kleinen, wie aus Elfenbein gemeißelten Hände mit den glänzenden Fingernägeln, die eben erst manikürt zu sein schienen, und die kleinen, vollen Füßchen in leichten beigefarbenen Schuhen mit hohen Absätzen — all das sah aus, als wollte Lubka jeden Moment die Bühne betreten und vor diesen schwitzenden, furchtentstellten Menschen tanzen und singen.

    Noch mehr aber wunderte Ulja der überaus spöttische und doch so treuherzige und kluge Ausdruck ihres rosigen Gesichts mit dem leicht aufgestülpten Näschen, den für dieses Gesicht etwas zu großen, vollen roten Lippen, und vor allem den ungewöhnlich lebhaften Blauaugen.

    Daß Ulja die Gartentür fast aus den Angeln gerissen hätte, nahm sie als selbstverständlich hin. Ohne Ulja anzusehen, beobachtete sie ruhig und keck alles, was auf der Straße vorging, und schrie, was ihr gerade in den Kopf kam: „Dummkopf! Was drängst du denn so? . . . Man sieht gleich, bei dir ist eine Schraube locker, sonst würdest du die Leute vorbeilassen und die Kinder nicht so quetschen! Halt! Wohin da? . . . Ach, du Schlafmütze, bist wohl vom Mond gefallen?" schrie sie, ihr Näschen hoch in der Luft, mit blitzenden, von dichten Wimpern umrahmten Augen. Die Worte waren an den Fahrer eines Lastkraftwagens gerichtet, der wohl seinen Wagen absichtlich gegenüber der Gartentür angehalten hatte, um zu warten, bis sich die Menge ein wenig verlief.

    Der Wagen war hochbeladen mit Milizinventar und voll von Milizionären, die viel zahlreicher waren, als zur Bewachung des Inventars notwendig gewesen wäre.

    „Sieh mal einer an, wie viele von euch da raufgeklettert sind, ihr Hüter der öffentlichen Ordnung! rief Lubka, anscheinend erfreut über diesen neuen Anlaß. „Statt die Leute zu beruhigen, macht ihr euch selbst davon, husch, auf und davon ! . . ., und sie machte eine unnachahmliche Bewegung mit ihrer kleinen Hand und pfiff wie ein Straßenjunge. „Schöne Mondgesichter habt ihr euch angefressen! . . ."

    „Was die dumme Gans da zusammenschnattert!" schimpfte ein Milizsergeant auf dem Wagen.

    Da hatte er sich aber etwas Schönes eingebrockt.

    ,,Ah, Genosse Drückeberger!" begrüßte Lubka ihn höhnisch. „Wo bist du denn hergekommen, mein schöner Ritter? Dich hat doch die Sowjetmacht beauftragt, für Ordnung zu sorgen, du aber bist nun auf den Wagen geklettert und schreist wie

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