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Habe ich denn allein gejubelt?: Eine Jugend im Nationalsozialismus

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Habe ich denn allein gejubelt?: Eine Jugend im Nationalsozialismus

Länge:
930 Seiten
11 Stunden
Freigegeben:
Jan 11, 2016
ISBN:
9783958900301
Format:
Buch

Beschreibung

"Ich bin nicht mitgelaufen. Ich bin begeistert mitgestürmt!"
Eva Sternheim-Peters ist 90 Jahre alt. Ihr Lebensbericht ist eine Herausforderung. Was ihn so einmalig macht, ist seine verblüffende Ehrlichkeit. Sternheim-Peters schildert ihren glühenden Eifer als 15-jährige Jungmädelführerin. Ihren Trotz, mit dem sie noch 1945 den einrückenden GIs den Hitlergruß entgegenstreckt. Habe ich denn allein gejubelt? will weder rechtfertigen noch entschuldigen. Eva Sternheim-Peters geht es um die Auseinandersetzung mit der eigenen jugendlichen Begeisterung für ein mörderisches System. Der faszinierende Erklärungsversuch einer Zeitzeugin, warum es so weit kommen konnte.
Es ist eine verstörende, unbequeme Lektüre. Eva Sternheim-Peters lässt ihr Aufwachsen in einem Umfeld lebendig werden, in dem Waffen und Militär allgegenwärtig sind und der Krieg unvermeidbar erscheint. Sie beschreibt, mit welchen Mythen, Vorbildern und Ressentiments die kleine Eva aufwächst und dabei politische Schlagworte und Feindbilder verinnerlicht, bevor sie selbst überhaupt ein Verständnis der Welt erlangt hat. Der Zeitzeugin geht es dabei weder um Apologetik noch um Revisionismus, sondern um Selbstkritik und auch Selbstironie. Sie schottet sich nicht ab mit der Einstellung: "Ihr wart nicht dabei, was wisst ihr schon?!" Im Gegenteil: Ihre Erinnerungen sind eine Einladung, im Sinne von: "Schaut, so habe ich es erlebt." Ein Buch, das erklärt, was wir bei den eigenen Eltern und Großeltern so schwer verstehen können. Ein Buch, das uns fragt, wie wir selbst wohl gehandelt hätten.
"Kaum ein anderes Buch macht Betrug und Selbstbetrug der Mehrheit der Deutschen so deutlich wie dieses." Arno Widmann, Publizist, "Taz"
Freigegeben:
Jan 11, 2016
ISBN:
9783958900301
Format:
Buch

Über den Autor


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Habe ich denn allein gejubelt? - Eva Sternheim-Peters

Der vorliegende Text ist die von der Autorin erweiterte und neu bearbeite Fassung der Ausgabe Die Zeit der großen Täuschungen, erstmals erschienen 1987 im AJZ Druck & Verlag.

Editorische Hinweise des Verlags:

Zitierte Originalpassagen wurden in der alten Rechtschreibung belassen.

Trotz sorgfältiger Recherche konnten nicht alle Beiträger von zitierten Textpassagen bzw. deren Rechtsnachfolger ausfindig gemacht werden. Sollten unberücksichtigte Rechtsansprüche bestehen, so sind diese beim Verlag geltend zu machen.

1. eBook-Ausgabe 2015

© 2015 Europa Verlag GmbH & Co. KG, Berlin · München

Umschlaggestaltung: Favoritbuero, München, unter Verwendung eines Motivs von © Ullstein Bild – Süddeutsche Zeitung Photo

Fotos Innenteil: Privatarchiv Eva Sternheim-Peters

Lektorat: Palma Müller-Scherf, Berlin

Satz: BuchHaus Robert Gigler, München

eBook-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

eBook-ISBN 978-3-95890-030-1

Das eBook einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Der Nutzer verpflichtet sich, die Urheberrechte anzuerkennen und einzuhalten.

Alle Rechte vorbehalten.

www.europa-verlag.com

»Man soll nicht vergessen und sich nicht ausreden lassen, dass der Nationalsozialismus eine enthusiastische, funkensprühende Revolution, eine deutsche Volksbewegung mit einer ungeheuren Investierung von Glauben und Begeisterung war.«

Tagebucheintrag von Thomas Mann

Pacific Palisades, 17. Juli 1944

(aus: Thomas Mann, Tagebücher 1944–1966, S. Fischer, 2003)

INHALT

Vorwort von Prof. Dr. Jürgen Reulecke

Einleitung

I. Zwischen den Kriegen

Ich hatt’ einen Kameraden (Heldengedenken)

Flandern in Not (Der Erste Weltkrieg)

Gekränkte Unschuld (Kindliches Nationalgefühl)

Das U-Boot in der Erbsensuppe (Kindliche Kompensationen)

Jahrzehntelang (Friedenspropaganda)

Wer den Frieden will, rüstet zum Krieg (Aufrüstung)

II. Volksgemeinschaft

Made in Germany (Deutsche Wertarbeit)

Sechs Millionen (Weltwirtschaftskrise)

Betteln und Hausieren verboten (Bettelunwesen)

Arbeiterrevolution (Sozialistische Anleihen)

Bürger (Verachtung des Bürgertums)

Arbeitsbeschaffungsschlacht (Abbau der Arbeitslosigkeit)

Keiner soll hungern und frieren (Winterhilfswerk und Sammelunwesen)

Bier und Spiele (Sozialpolitik)

Der vergessene Faktor (Sozialisierung der Menschen)

Die germanische Demokratie (Politische Teilhabe im Führerstaat)

Einer von uns? (Arbeiter in der Volksgemeinschaft)

»Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens« (Volksgemeinschaftsideologie)

III. Hitlerjugend

Vorspiel (Jugendbewegung)

Der Ruf (Anmeldung im Jungmädelbund)

Letzten Endes (Jungmädelzeit)

Die Auslese (Jungmädelführerinanwärterin)

Die Kunstfigur (Liebe zum Führer)

Die Pflicht (Jungmädelführerin)

Der Schein in den Hütten (Kampfgefährtinnen – Kulturträgerinnen)

Garanten der Zukunft (Jugendapotheose)

Späte Zurichtung (BDM-Werk »Glaube und Schönheit«)

Es blus ein Jäger wohl in sein Horn (Jugenderinnerungen – keine Fluchtburg)

IV. Frauen vor, während und nach dem Nationalsozialismus

»Über die Zeiten fort …« (Hundert Jahre »Frau« und »Fräulein«)

Lebenslänglich oder auf Zeit? (Standesamtliche und katholische Ehen, »Mussehen« und »Mischehen«)

Gedööns (Frauen und Familienpolitik im Nationalsozialismus)

»Dann stimmt ja alles nicht …?« (Frauen und Mütter in Filmen des Dritten Reiches)

Bedeutung von Kriegs- und Nachkriegszeit für die Emanzipation der Frauen

V. Antisemitismus

Ubi Pine, ibi patria (Eine Judenheirat in der Familie)

Die von Irmin geschützte Burg (Eine jüdische Mitschülerin)

Aasgeier (Arisierung)

Falsche Toleranz (Antisemitische Schriften von Katholiken)

Fremde im eigenen Land (Ausländergesetzgebung für Juden)

Nicht die Täter, die Opfer sind schuld (Die Judenfrage)

Aufklärung (Arische Liebe – jüdische Sexualität)

So geht es ja nun nicht (»Reichskristallnacht«)

Sterne in der Bachstraße und anderswo (Judensterne)

Umgekommen (Offizielle Vergangenheitsbewältigung)

Das große Schweigen (Vergangenheitsbewältigung?)

VI. Eugenik – Euthanasie – Rassismus

Du bist die Kette ohne Ende (Ahnenkult)

»Ich klage an!« (Humane Sterbehilfe)

»Ein vollkommener Idiot« (Der Fall Norbert)

T-4-Aktion (Euthanasie – Vernichtung unwerten Lebens)

»Armselige Kreaturen« (Lebens- und liebenswerte Zeitgenossen)

Der weiße Hochmut (Rassendiskriminierung)

VII. Terror und Widerstand

Nicht betroffen (Kommunistenverfolgung)

Lager (Arbeits- und Konzentrationslager)

Auch du, Brutus! (Röhm-Putsch)

Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser (Leben im Ausnahmezustand)

Der Maulkorb (Politische Subkultur)

Das Gerücht (Wahrheit auf der Hintertreppe)

Hemmschwellen (Widerstand gegen das eigene Volk)

Phönix aus der Asche (Widerstandskämpfer der Stunde Null)

Der missglückte Dialog (Generationskonflikt)

VIII. Freunde und Feinde

Fast eine Liebesgeschichte (Frankreich)

Reichtum aus Tränen (England)

Freundschaft mit Webfehlern (Italien)

Der gespannte Bogen (Japan)

Das Lied der Getreuen (Österreich)

Weizen verweht (Tschechoslowakei)

Harrendes Land (Polen)

Die Schlacht am Birkenbaum (Sowjetunion)

The Misfits (USA)

IX. Front und Heimatfront

Nur noch Deutsche (Schützengrabengemeinschaft)

Mädchen und Soldaten (Heldenideal)

Drill und Ehre (Militärische Grundausbildung)

Die Aussteigerin (Studium und Parteieintritt)

Karwoche (Kriegsende)

Scheuklappen (Befreiung vom Faschismus?)

Vorwort

Was brachte Anfang 1945 eine junge Frau von gerade 20 Jahren, aufgewachsen in einem bildungsbürgerlichen katholischen Elternhaus in Paderborn, dazu, beim Einmarsch der ersten amerikanischen Soldaten in ihrer Vaterstadt provozierend und trotzig den Arm zum »deutschen Gruß« zu heben? Eva Sternheim-Peters, die noch 1945 scheinbar unbelehrbare Nationalsozialistin E., lässt die Leser und Leserinnen ihres Buches an dem faszinierenden Versuch teilnehmen, durch immer wieder neue Suchgräben in ihrer Biografie plausible Antworten auf diese Frage zu finden. Wie eine Archäologin, die auch zunächst nebensächlich wirkende Kleinigkeiten sorgfältig registriert, legt sie dabei – ohne Schonung und in anrührender persönlicher Offenheit – Schichten des zeittypischen Wahrnehmens, Erlebens und Handelns vom Ende der Zwanzigerjahre bis 1945 frei, die in den vielen Darstellungen des Lebens im Dritten Reich nur äußerst selten vorkommen und in dieser Ausführlichkeit und Eindringlichkeit bisher von Zeitzeugen noch nicht beschrieben worden sind.

Ausdrücklich geht es der Autorin nicht um Schuldbekenntnisse oder um ein nachträgliches Werben um Verständnis für eine fehlgeleitete Generation, sondern von der ersten bis zur letzten Seite spiegelt das Buch das bohrende Bemühen um Aufklärung darüber wider, was ganz konkret bei E. und wohl auch vielen anderen jungen Menschen der Hitlerjugendgeneration jene »große Täuschung« bewirkt hat. Dabei wehrt sie sich vehement gegen jede Deutung, die platt darauf hinausläuft, das deutsche Volk sei eigentlich unwillentlich in sein Verhängnis »hineingeraten« oder – durch den Terror einer verbrecherischen Clique gelähmt – zum Mitmachen gezwungen worden. Eva Sternheim-Peters geht stattdessen den eigenen aktiven Zutaten zum Funktionieren des von ihr damals fast uneingeschränkt bejahten und unterstützten Regimes nach, und sie stellt sich – nicht ohne bittere Selbstironie – angesichts der vielen entlastenden Selbstdeutungen ihrer Altersgenossen und -genossinnen die rhetorische Frage, ob sie denn wohl damals »ganz allein gejubelt (habe)«. Ihr Buch ist deshalb nicht nur ein mit persönlichen Farben versehenes, aber doch exemplarisches Mosaik individuell erlebter Normalität im nationalsozialistischen Deutschland, sondern zugleich eine deutliche Kritik an den vielen »allzu blühenden Widerstandsgeschichten« und »Lebenslügen«, mit denen sich viele Menschen ihrer Generation in die Zukunft mogelten. Sie spart bei ihrer Kritik aber auch die nachgeborenen Historiker und Historikerinnen nicht aus: Auf einem »Logenplatz« der Weltgeschichte sitzend, erklärten sie aus der sicheren Rückschau, »warum alles so kommen musste, wie es gekommen ist«; die Sehnsüchte und Hoffnungen, Gewissheiten und Ängste der Menschen in jener Zeit hätten sie dagegen weitgehend unterschlagen oder als bedeutsame historische Fakten nicht ernst genommen. Daran ist viel Wahres: Nach einem fast völligen Verdrängen beziehungsweise dem Fehlen einer historisch-kritischen Aufarbeitung des »alltäglichen« Nationalsozialismus bis in die Sechzigerjahre, dann einer stark schwarz-weiß konturierten Beschäftigung mit den führenden Nationalsozialisten, den NS-Institutionen, den Terrormaßnahmen und dem Widerstand begann sich erst in den Achtzigerjahren eine differenziertere Sicht auf die Lebensbedingungen im Dritten Reich durchzusetzen. Historisierung lautete das neue Schlagwort, und nicht zuletzt war damit auch der Versuch gemeint, Mentalitäten, Wahrnehmungsweisen und Erfahrungen aufzuspüren und zu analysieren, die dazu beigetragen haben, dass nach 1933 »die Reihen« zwar nicht »fest«, aber doch fast geschlossen waren.

Für diesen Kontext bieten nun die Aufzeichnungen Eva Sternheim-Peters’ ein bislang wohl einmaliges Hilfsmittel, entsprechenden Antworten auf die Spur zu kommen. Vor allem die Tatsache, dass hier eine Frau ihrer damaligen Bereitschaft intensiv nachgeht, sich einem Regime auszuliefern, das von männlich-aggressivem Auftreten und von krass übersteigerten männlichen Vorstellungen geprägt war, macht das Buch so wertvoll und reizvoll. Dies übrigens nicht zuletzt deshalb, weil die Autorin ständig die Darstellung des Allgemeinen und Zeittypischen mit dem persönlichen Erleben in unaufdringlicher Weise verknüpft. Allerdings erfordert die Lektüre von den Lesern und Leserinnen durchaus mehr an gedanklicher Leistung und eigener Stellungnahme als andere Darstellungen des Nationalsozialismus; das Buch macht es ihnen nicht leicht, weil es sie herausfordert und in ihren Selbstgewissheiten erschüttern kann. Auch Missverständnisse sind möglich.

Dennoch und gerade deshalb: Dies ist ein notwendiges Buch! Wenn es frühzeitig mehr solcher ehrlichen Aufzeichnungen gegeben hätte, wären viele der von Eva Sternheim-Peters beklagten missglückten Dialoge zwischen den Generationen über die Zeit des Nationalsozialismus vielleicht nicht nötig gewesen.

Prof. Dr. Jürgen Reulecke

Professor (Emeritus) für Zeitgeschichte

an der Justus-Liebig-Universität Gießen

Einleitung

Nach dem Untergang des Dritten Reiches meldete sich »das andere Deutschland« zu Wort, das zwölf Jahre hindurch hatte schweigen müssen: verfemte Dichter, »entartete« Künstler, verfolgte Widerstandskämpfer, Überlebende der Konzentrationslager. Je lückenloser die Aufklärung über die Verbrechen des NS-Regimes, desto unverständlicher für nachgeborene Jahrgänge, warum Eltern und Großeltern ihm bis zum bitteren Ende die Treue hielten, denn – obwohl das heute niemand mehr wahrhaben will – »das andere Deutschland« war eine Minderheit.

Die Identifizierung jüngerer Zeitgenossen mit dem Widerstand – die Überzeugung, »so was hätte uns nicht passieren können« – trägt wenig zum Verständnis der Vergangenheit bei, gilt es doch herauszufinden, warum dem Widerstand im Dritten Reich die Massenbasis fehlte.

Ralph Giordano klagt in seinem Buch Die zweite Schuld das »riesige Kollektiv der ehemaligen Hitler-Anhänger an«, weil es »die einmalige Chance« verpasst habe, »zum eigenen, aber auch zum Wohle der Nachkommen, Herkunft und Beschaffenheit der deutschen Anfälligkeit für den Nationalsozialismus zu ergründen«.

Habe ich denn allein gejubelt? ist kein Bericht aus dem »anderen«, sondern aus dem »einen« Deutschland der Jahre 1930 bis 1950. Er mutet Lesern und Leserinnen zu, sich auf die Perspektive jener einzulassen, die mit gutem Gewissen keinen Widerstand leisteten und von denen viele »dran glauben mussten«, weil sie »dran geglaubt hatten«. Ihre Situation beschrieb Ernst Friedländer im April 1947 in dem Artikel »Renazifizierung?« in der ZEIT:

»Im Bewusstsein der meisten Deutschen war die Gefolgsmasse eine Volksgemeinschaft, die Tyrannei ein volksverbundener Staat, der Aufstieg aus der Krise von 1932 ein Führungswunder, die große Weltpolitik eine Weltverschwörung gegen Deutschland, der ›Weltjude‹ der Einpeitscher ›der Plutokratien und des Bolschewismus‹, der willkürliche Angriff Notwehr, die Neuordnung Europas eine Deutschland aufgezwungene Mission. Die Nazis haben es fertiggebracht, mit den Vorgängen auch die Erlebnisse der Menschen zu fälschen. Und sie waren gerissen genug, die Geschehnisse von Auschwitz und Lidice und zahllose andere nicht in die deutsche Öffentlichkeit dringen zu lassen. Das alles muss man zunächst einmal nüchtern registrieren, und zwar, was den Massendeutschen anbelangt, ohne jede Tendenz der Beschuldigung oder der Entschuldigung. Dann kommt man nämlich zu dem Ergebnis, dass dieser Massendeutsche der Jahre 1933 bis 1945 alles andere gewesen ist als ein Nazi … Der Massendeutsche will das Recht und den Frieden, aber der Nazi verfälschte ihm die tatsächliche Macht und den tatsächlichen Angriffskrieg in ein Scheingeschehen, das dann als Recht und als Verteidigung erlebt wurde … Die These von der Kollektivschuld hat weit mehr verbittert als geholfen … Ein Übermaß des Vorwurfs erzeugt Trotz und nicht Reue. Das gilt auch für den fast chronischen Fehler, die Massendeutschen – Pgs oder Nicht-Pgs – einfach mit den Nazis zusammenzuwerfen und also dort zu strafen und leider auch zu rächen, wo in Wahrheit Illusionen zu zerstreuen waren. Die Nachrichten über die Nazigräuel wurden dem deutschen Publikum viel zu unvermittelt und viel zu zusammenhanglos vorgesetzt. Das hat nicht wenige Menschen skeptisch und stutzig gemacht, statt sie zu belehren. In diesem Falle war das Wahre so unwahrscheinlich, dass es erst innerhalb eines Gesamtbildes glaubhaft werden konnte. Dieses Gesamtbild fehlt. Es läßt sich nicht durch Schimpfworte ersetzen …«

Habe ich denn allein gejubelt? ist keine Autobiografie, sondern ein subjektives Geschichtsbuch, in dem zwei Jahrzehnte deutscher Innen- und Außenpolitik mit Erinnerungen, Erlebnissen, Gedanken und Gefühlen eines Kindes, einer Heranwachsenden und ihrer Umwelt belegt, politische und menschliche Verhaltensweisen damaliger Zeitgenossen weder gerechtfertigt noch entschuldigt, sondern nachvollziehbar dargestellt werden. Die persönlichen Erinnerungen wurden unter dem Aspekt des politisch Bedeutsamen ausgewählt und den jeweiligen Bereichen zugeordnet. Sie sind Beispiele für Aufnahme, Wirkung und Verarbeitung von Gesetzen und Verordnungen, »Volksaufklärung und Propaganda«, ökonomischen und territorialen Veränderungen, militärischen Aktionen, Tendenzen im Kunst- und Kulturleben, zeitgenössischen Filmen, Liedern und Gedichten. Andere, im Erleben des Kindes, der Jugendlichen ebenso wichtige, oft wichtigere Gedächtnisinhalte blieben unberücksichtigt. Zwar weitete sich der Begriff des politisch Bedeutsamen im Prozess des Schreibens mehr und mehr auf Kosten des rein Privaten aus – was ist schon unpolitisch? –, dafür stellten sich Proportionsverschiebungen ein, die die damalige Wahrnehmung und Verarbeitung des Zeitgeschehens verzerren. Seinerzeit für belanglos erachtete Erlebnisse wurden erst unter dem Eindruck von Nachkriegsinformationen zu Schlüsselerlebnissen, flüchtige Gedanken, vage Gefühle erhielten erst nachträglich eine politische Bedeutung. Wieweit sich – im Besitz der ganzen schrecklichen Wahrheit über das Dritte Reich – kindliche Vorurteile, jugendliche Zukunftsträume als Hinweise, Vorboten und Weichenstellungen einer Entwicklung entlarven, die in Auschwitz endete, möge der Leser beurteilen.

Habe ich denn allein gejubelt? ist ein Zeugnis des Jahrgangs 1925, der die Weltwirtschaftskrise mit sechs, die »Machtergreifung« mit acht, den Kriegsbeginn mit 14 und die Kapitulation mit 20 Jahren erlebte. Für diesen Jahrgang und für wenige benachbarte Jahrgänge waren die zwölf Jahre des »Tausendjährigen Reiches« besonders lang, da sie erlebnisstarke Kindheits- und Jugendeindrücke prägten, die sich nicht ohne Identitätsverlust von der Person abtrennen und auf den Müllhaufen der Geschichte werfen lassen. Gleichaltrige mit anderem familiären, klassenspezifischen, religiösen und lokalen Hintergrund mögen jene Zeit anders erlebt haben, sich mit der geschilderten Gefühls- und Gedankenwelt kaum oder nur partiell identifizieren können, obwohl Übereinstimmungen des Zeitgeistes auch in Zeugnissen aus dem Widerstand Spuren hinterlassen haben. Jedes Kapitel fängt ganz von vorn, das heißt bei frühen Kindheitserinnerungen, an, Kindheit und Jugend werden immer wieder neu unter wechselnden Schwerpunkten durchforstet. Zeitsprünge, Überschneidungen und Wiederholungen ließen sich nicht vermeiden, da jedes Kapitel für sich verständlich sein sollte, also auch separat gelesen werden kann. Die Aufeinanderfolge von historischen Daten und Fakten, Genrebildchen aus dem bürgerlichen Heldenleben, Gesetzestexten und Zitaten, politischen Beurteilungen und Einschätzungen, nüchternen Zustandsbeschreibungen und emotionalen Stimmungsberichten, das Nebeneinander von Idylle und Abgrund setzt den Leser einem ständigen Wechselbad der Gefühle aus, das jedoch vom Thema her berechtigt erscheint.

Der vorliegende Bericht aus dem »einen« Deutschland beschreibt – so absurd das klingen mag – die letzte deutsche Generation, die eine Kindheit und Jugend ohne Auschwitz erlebte, obwohl sich der Massenmord am europäischen Judentum zeitgleich ereignete. Damit dieser Zusammenhang gegenwärtig bleibt, wurde dem Buch ein Text aus Ernst Schnabel, Anne Frank – Spur eines Kindes vorangestellt.

Die vorliegende Ausgabe wurde überarbeitet, aktualisiert und um die beiden Kapitel »Frauen vor, während und nach dem Nationalsozialismus« und »Eugenik – Euthanasie – Rassismus« ergänzt, die erst im Jahre 2015 für die Neuausgabe geschrieben wurden.

Eva Sternheim-Peters

im September 2015

Aussage der Holländerin Frau de Wiek, die die 15-jährige Anne 1944 in Auschwitz/Birkenau wiedertraf.

»… Anne hatte noch ihr Gesicht, bis zuletzt. Und eigentlich kam sie mir in Birkenau noch schöner vor als in Westerbork, obwohl sie ja nun ihr langes Haar nicht mehr hatte, denn wir waren gleich bei der Ankunft kahl geschoren worden, weil sie die Frauenhaare brauchten, für Treibriemen und Rohrdichtungen in den U-Booten, glaube ich. Aber jetzt sah man, dass ihre Schönheit ganz in den Augen gelegen hatte, nur im Blick, der immer größer schien, je magerer sie wurde. Ihre Lustigkeit war verschwunden, aber sie war noch immer lebhaft und lieb …

Und sie war es auch, die bis zuletzt sah, was ringsum vorging. Wir sahen schon längst nichts mehr.

Dass aus den Krematorien des Nachts die Flammen zum Himmel schlugen, wer schaute noch hin? Und wenn es im Nachbarblock plötzlich ›Blocksperre‹ hieß und wir wussten, jetzt werden sie selektiert und vergast – es kümmerte uns kaum. Irgendetwas behütete uns, es zu sehen.

Aber Anne war ohne Schutz, bis zuletzt. Ich sehe sie noch an der Tür stehen und auf die Lagerstraße schauen, als sie eine Herde nackter Zigeunermädchen vorbeitrieben, und Anne sah ihnen nach und weinte. Und sie weinte auch, als wir an den ungarischen Kindern vorbeimarschierten, die schon einen halben Tag nackt im Regen vor den Gaskammern warteten, weil sie noch nicht an der Reihe waren. Und Anne stieß mich an und sagte: ›Sieh doch, die Augen …‹ Sie weinte. Und Sie können nicht wissen, wie früh die meisten von uns mit ihren Tränen am Ende waren …«

(aus: Ernst Schnabel, Anne Frank – Spur eines Kindes, S. Fischer, 2004)

I

Zwischen den Kriegen

Ich hatt’ einen Kameraden (Heldengedenken)

»Zogen einst fünf junge Burschen

stolz und kühn zum Kampf hinaus.

Sing, sing, was geschah?

Keiner kehrt nach Haus.

Wuchsen einst fünf junge Mädchen

schlank und schön am Memelstrand.

Sing, sing, was geschah?

Keins den Brautkranz wand.«

(»Zogen einst fünf wilde Schwäne« Volkslied aus Ostpreußen)

Es gibt eine Art von Raupen, die heißen Prozessionsspinner. Sie kriechen in langen Reihen, immer eine hinter der anderen, weil der Instinkt es so befiehlt. Wenn man sich einen Spaß erlaubt und Ende und Anfang der Prozession in Verbindung bringt, dann kriechen die Spinner geduldig im Kreis herum. Wenn man ihnen nicht mehr heraushilft, dann kriechen sie bis zur totalen Erschöpfung – dann sterben sie, wie der Instinkt es befiehlt.

Es gibt einen Heldengedenkstein in Hamburg. Da marschieren graue Soldaten um einen grauen Quaderstein. Sie marschieren in feldmarschmäßiger Ausrüstung, mit Stahlhelm und Gewehren, Tornister und Feldflasche, weil das Gesetz es befahl. Der Bildhauer hat zwischen Ende und Anfang der Kolonne nur eine Schrittlänge Raum gegeben, und so marschieren sie seit mehr als 50 Jahren geduldig um den Block herum – die toten Soldaten des Ersten Weltkriegs – in Hamburg am Dammtorbahnhof, und keiner gibt das Kommando: »Ganze Kompanie … Stillgestanden! Rührt euch! Weggetreten!«

Auf dem Heldengedenkstein ist auch eine Inschrift: »Deutschland muss leben, und wenn wir sterben müssen!« An welches Deutschland mag er gedacht haben, der Kesselschmied und Arbeiterdichter Heinrich Lersch, dessen Soldatenabschied aus dem Jahre 1914 mit dieser Zeile schließt? Und Karl Bröger, der im gleichen Jahr das lesebuchberühmte Bekenntnis eines Arbeiters schrieb und sich – damals jedenfalls noch – als sozialer Klassenkämpfer verstand?

»Immer schon haben wir eine Liebe zu Dir gekannt, bloß wir haben sie nie mit einem Namen genannt, als man uns rief, da zogen wir schweigend fort, auf den Lippen nicht, aber im Herzen das Wort: Deutschland!«

Sie gehörten doch beide nicht zu jenen, die auf der Schule Schiller und Hölderlin gelesen und das »Dulce et decorum est pro patria mori« aus dem Lateinischen übersetzt hatten: »Süß und ehrenvoll ist es, fürs Vaterland zu sterben.«

Es gab in den Siebzigerjahren eine Gruppe junger Leute in Hamburg in der Intergalerie, die machten sich Gedanken über das Heldengedenken, und sie beschlossen, das Heldengedenken abzuschaffen. Am besten wäre es, so meinten sie, den Heldengedenkstein am Dammtorbahnhof in die Luft zu sprengen – aber dazu fehlte es ihnen an Unbedenklichkeit gegenüber der möglichen Gefährdung Unbeteiligter und auch am Dynamit. Aber man wollte ein Fanal setzen und das Heldengedenken und den Heldengedenkstein lächerlich machen – mit Farbe oder anderen Zutaten. Und weil man an der vorweggenommenen »Verletzung heiliger Gefühle« schon so viel Spaß hatte, unterblieb die Ausführung.

Es gab in diesem Kreis eine Frau, die war schon älter und auch mehr zufällig anwesend, der wurde es schwer ums Herz bei den respektlosen Sprüchen. Sie wollte etwas sagen, aber sie fürchtete sich vor dem gnadenlosen Spott derer, zu denen sie sprechen wollte, und auch vor den aufsteigenden Tränen in der Kehle, aber sie konnte das Gedenken nicht einfach abschaffen, weil sie einer Generation angehörte, für die die Toten des letzten Krieges Väter, Ehemänner, Brüder, Geliebte, Verlobte, Freunde, Kameraden, Kollegen, Verwandte, Bekannte, Spielgefährten und Nachbarskinder gewesen waren.

Es gibt noch immer Schritte, die nicht ganz verhallt sind, Worte, Lachen, Lieder, die noch leise klingen, Walzer, die nie zu Ende getanzt wurden, Briefe, in denen von Glück und Liebe, Sehnsucht und Verlangen steht.

Es gibt auch Küsse, die noch immer auf den Lippen brennen, weil sie schon damals nach Blut und Tränen und Nicht-mehr-Wiedersehen schmeckten, Schatten von Umarmungen an der Laterne vor der Kaserne oder im Wald und auf der Heide – manchmal ist es auch nur ein Geruch nach Schweiß und Leder – ein Geräusch, wie das Klicken des Koppelschlosses beim Abschied, eine Schlagermelodie, Fliederduft, Vogelstimmen.

Eine ganze Generation von Lehrerinnen, Büroangestellten, Ärztinnen, Unternehmerinnen, Schneiderinnen, Arbeiterinnen, Krankenschwestern, Küchenhilfen, viele von ihnen hießen offiziell »Fräulein« und inoffiziell »alte Jungfer«. Wenn sie tüchtig waren, so haben sie »ihren Mann gestanden«, wenn sie zu tüchtig waren, so, »weil sie keinen mitgekriegt hatten«, und zu dem Schaden kam der Spott. Manche haben eine bescheidene Karriere gemacht, manche haben sich »emanzipiert«, obwohl ihre Träume ganz andere waren – damals –, denn irgendwo in ihren Schubladen bewahren sie verblasste Fotos auf von jungen Männern, deren Gebeine am Eismeer oder an der Atlantikküste, in Afrikas Wüstensand oder in den Sümpfen Russlands vermodert sind und die heute längst ihre Enkel sein könnten.

Sie liegen an Straßenrändern und Feldrainen, an Bahnstrecken und Flussufern, unter wanderndem Sand der Kirgisensteppe und unter den Dünen der libyschen Wüste. Sie liegen in schwerer, fruchtbarer Schwarzerde der Ukraine, unter Moos und Flechten im frostharten Boden Kareliens, unter Palmen und Olivenbäumen, Pinien und Zypressen in Italien, Jugoslawien und Griechenland. Sie liegen in hellen Birkenhainen und dunklen Fichtenwäldern der Taiga, im Fjord von Narvik und an der Mole von Kirkenes, unter blühenden Wiesen und reifenden Kornfeldern vor Moskau und Leningrad. Sie liegen in Kurland und auf Kreta, in der Tucheler Heide, in den Ardennen, in der Toskana und am Ilmensee, in Tälern und Schluchten des Kaukasus, der Karpaten und des Pirin-Gebirges, bei Kursk, Demiansk, Charkow und auf der Krim, vor Tobruk und EI Alamein, bei Staraja Russa und in Stalingrad. Sie liegen bei Cherbourg und Caen, La Rochelle und Arnheim, an Wolga, Don, Dnjepr und Bug, Weichsel und Oder, im Hürtgenwald, an der Rheinbrücke bei Remagen und an den Pichelsdorfer Brücken über die Havel zwischen Spandau und Berlin.

Herbstregen und Schneestürme, Eiswind, Steppenwind, Tauwind, Frühlingswind haben ihre Spuren verweht.

Nach dem Ende des »Großen Vaterländischen Krieges« bildete sich in der Sowjetunion eine Tradition heraus: Junge Ehepaare bringen am Hochzeitstag Blumen auf einen Heldenfriedhof oder legen sie vor einem der zahlreichen Ehrenmale für die Gefallenen nieder. Sie gedenken der zehn Millionen sowjetischer Soldaten, die ihr Leben für die Freiheit der Heimat und für Leben und Glück der Nachgeborenen gaben. Auch in Deutschland gibt es Ehrenmale für die Gefallenen, amtliche Kranzniederlegungen und Gedenkreden an Volkstrauertagen. Da wird von Heimatliebe, Opferbereitschaft, treuer Pflichterfüllung, Mut, Tapferkeit und Kameradschaft gesprochen – große Worte, mit einem Moderdunst nach Blut und Tränen, Tod und Verderben.

In den Niederungen des Alltags, der Zivilcourage, der Solidarität, der praktischen Vernunft haben sie nichts verloren, da sie für die Verteidigung der Heimat, der Freiheit, der Demokratie, der Kultur, des Christentums, des Abendlandes und anderer edler Werte reserviert bleiben müssen. Nicht auszudenken, wenn sie zum Ungehorsam gegen Gesetze, zur Verweigerung von Befehlen, für Tapferkeit vor dem Freund, zur Kameradschaft mit den Nachbarn missbraucht würden. Es gilt sie zu schützen vor der Beschränktheit der Frauen – der Uneinsichtigkeit der Mütter – dem Überlebenswillen der Kinder, denn: Krieg ist Männersache!

Die jungen deutschen Soldaten des Zweiten Weltkrieges zogen keineswegs kriegslüstern, aber tapfer und entschlossen mit der Formel »Deutschland muss leben, und wenn wir sterben müssen« in einen sinnlosen, blutigen, mörderischen Krieg. Sie starben nicht für Führer, Volk und Vaterland, wie es in den Todesanzeigen der Heimatblätter hieß, und nicht für die Freiheit und das Glück der Nachgeborenen.

Sie starben:

für größenwahnsinnige Eroberungspläne des Generalstabs, für brutale Ausbeutungs- und Versklavungsziele der Großindustrie,

für Herrenrassedünkel wild gewordener Kleinbürger

im Reichssicherheitshauptamt,

für unchristliche Kreuzzugsideen der Kirche.

Wie soll man ihrer gedenken, die doch mit ihrem Blut den Makel millionenfachen Massenmordes im Namen Deutschlands nicht zu löschen vermögen? Soll man ihrer gedenken?

»Kein Dank des Vaterlandes war ihnen gewiß.

Nicht den Toten und nicht den Überlebenden.

Kein Dank der Nachgeborenen, nicht einmal Respekt.

Sie sagen: »Na und, selber schuld!«

Auch junge Soldaten von heute müssen an »ewige Werte« glauben, wenn sie – wann und wo auch immer – zum »Einsatz« kommen. Sie müssen dran glauben, denn ohne gläubige Soldaten können die Herren Generäle einpacken. Und damit die ewigen Werte ganz oben bleiben, erklingt am Schluss der Gedenkreden an Volkstrauertagen die Weise vom guten Kameraden, die nichts erklärt, nichts beantwortet, nichts infrage stellt:

»Ich hatt’ einen Kameraden,

Einen bess’ren findst du nit.

Die Trommel schlug zum Streite,

Er ging an meiner Seite In gleichem Schritt und Tritt,

In gleichem Schritt und Tritt.«

Flandern in Not (Der Erste Weltkrieg)

E. ist zwischen den Kriegen geboren – sieben Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, in dem ihre Eltern geheiratet haben, und vierzehn Jahre vor Beginn des Zweiten, in dem ihre Brüder gefallen sind. Damals hieß der letzte, verloren gegangene noch »der« Weltkrieg und war ein »Nie-wieder-Krieg« gewesen.

Die Menschheit hatte endgültig begriffen, dass Kriege nicht mehr in unsere Zeit passten. So wurde es dem Kind von Eltern, Verwandten, Bekannten, Lehrerinnen und Dienstmädchen vermittelt. Nicht einmal Pathos war dabei, das schien allen selbstverständlich. Aber die ganze Menschheit war das nicht, und begriffen hatten nur wenige, dass man Kriege nicht mit gutem Willen verhindern kann. Die Erwachsenen aus der Umwelt des Kindes gehörten nicht dazu. Sie vertrauten arglos den Sonntagsblättern, der nunmehr auf Friedensproduktion umgeschalteten Schwerindustrie und der altbewährten Ordnung in Wirtschaft und Militär, Polizei und Justiz, auch wenn sie jetzt Republik hieß. Sie machten die Rechnung ohne den Wirt, denn »der Kaiser ging, die Generäle blieben«.

Der Erste Weltkrieg ist E. noch auf eine ganz private, familiäre Weise überliefert worden – in Schubladen und Schrankfächern, Büchern, Kästen und Kästchen, durch die ganze Wohnung verstreut. Feldpostkarten und zusammengebündelte Briefe »von der Front«, Fotos von Soldaten, auf denen das Kind nur mühsam den Vater oder einen Onkel erkannte; Ansichten aus Belgien, Frankreich, Russland; Zeitungsausschnitte mit Gedichten, Heeresberichten und Todesanzeigen; Orden und Ehrenzeichen, Flottenkalender, Liederblätter, Landkarten, Zeichnungen. Auch ein Kriegsbilderbuch für Kinder war dabei, das hatte die Kronprinzessin schon im Jahre 1914 herausgegeben. Zu diesem »Familienarchiv« gehörten die Worte Schützengraben, Unterstand, Trommelfeuer und Ortsbezeichnungen: Tannenberg, Skagerrak, Marne, Somme, Verdun, immer wieder Verdun. Manchmal tauchten fremde Männer auf, die keine richtigen Onkel waren, sondern »alte Kriegskameraden«. Der Vater duzte sich mit ihnen, weil sie zusammen in irgendwelchem Dreck gelegen hatten, der von großer Bedeutung gewesen sein musste.

Die Mobilmachung im August 1914 war für das Kind kein historisches Ereignis, sondern verbunden mit privaten Überlieferungen, wann, wo und in welcher Weise diese Nachricht in das geruhsame Leben der Familien Peters in Gelsenkirchen und Determeyer in Ibbenbüren eingebrochen war – damals, in der »guten alten Zeit« vor dem Ersten Weltkrieg. Im August 1914, als »der Kaiser rief, und alle, alle kamen«, als es »keine Parteien mehr gab, sondern nur noch Deutsche«, kamen acht Brüder der Mutter vom Deteringhof im Münsterland. Sie hatten »einjährig-freiwillig« gedient und sich lange vor dem Krieg scherz-ernsthaft Ort, Zeit und Stunde des »Einrückens« abgefragt, für einen Tag, der »Mobilmachung« hieß, weil das in ihren Entlassungspapieren verzeichnet stand: in Münster, in Osnabrück, in Rheine – morgens um sechs Uhr vor dem Krieg.

Onkel Valentin, der älteste, wurde zum »Landsturm« eingezogen und in polnisch-russischen Wäldern als »Waldhüter« eingesetzt. Da ging er vier Jahre lang mit dem Bruder von Hermann Löns auf die Jagd, wie schon vor dem Krieg und noch viele Jahre danach. Onkel Job, der jüngste, meldete sich freiwillig zu den Jagdfliegern, war mit 20 Jahren Leutnant und ein »Held der Nation«. Später, nach dem Krieg, als er die Uniform ausziehen musste, »hat er nicht mehr so richtig Fuß fassen können in einem ordentlichen Beruf«, hieß es in der Familie. E.s Vater wurde mit 33 Jahren als einfacher Rekrut eingezogen. Seine Frau konnte es zeitlebens nicht verwinden, dass er vor ihrem jüngsten Bruder (dem »dummen Jungen«) strammstehen musste. Als der Fliegerleutnant in der Kaserne erschien, in der der Studienrat gnadenlos für den Fronteinsatz zurechtgeschliffen wurde, fiel ein Schein seines Glanzes auf den Musketier Peters: »Aber selbstverständlich, Herr Leutnant, bekommen ›der Herr Schwager‹ heute Nachmittag Ausgang!« Keiner von ihnen hatte eine Partei zwischen sich und dem Vaterland, denn mit den »Sozis« hatten sie nichts im Sinn, weil sie keine Arbeiter waren, sondern immer schon »nur Deutsche«. Aber auch die Sozialdemokraten ertrugen es nicht länger, als »vaterlandslose Gesellen« zu gelten, jetzt, wo das Vaterland in Gefahr war, und bewilligten die Kriegskredite. Die Dichter schrieben Gedichte voller Säbelrasseln und Hurrapatriotismus, derer sich manche später, als es zu spät war, schämten. Die Männerchöre sangen Lieder, in die Millionen mit »heiliger Begeisterung« einstimmten:

»Oh Deutschland hoch in Ehren, du heil’ges Land der Treu«,

»Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte«,

»Es braust ein Ruf wie Donnerhall«.

In den Küchen und Waschküchen wurden die Lieder von »siebzig/ einundsiebzig« gesungen, weil der neue Krieg noch keine Lieder hatte:

»Die Sonne sank im Westen bei Sedan in der Schlacht«,

»Morgenro-ot, Morgenro-ot, leuchtest mir zum frühen To-od.«

Die vaterländischen Gesänge und Küchenlieder wurden dem Kind »vom Volk« überliefert. Das Volk hieß Unser-Lieschen und war langjähriges Dienstmädchen im Hause der Eltern. Dazu gehörte ihr ebenso langjähriger – weil arbeitsloser – Bräutigam. Die Lieder standen in drei schwarzen, linierten Wachstuchheften, und die vielen Strophen waren sorgfältig bis zum letzten Lalala und Hollahi ausgeschrieben. Von Unser-Lieschen lernte das Kind viele traurigschöne Lieder über den Heldentod. Da war Zeit für edle Worte und Grüße an die Lieben, und man wurde anständig zu Grabe getragen:

»Ach Mutter, liebste Mutter, nur fest auf Gott gebaut!

Noch tut die Fahne schwe-e-ben,

die mir auf Tod und Le-e-ben mein Kaiser anvertraut« – »Gestern noch auf stolzen Ro-o-ssen, heute durch die Brust gescho-o-ssen, morgen in das kühle Gra-ab.«

Der Bräutigam war mehr für männlich-heroische Imponiergesänge zuständig. Er war zwar kein Soldat gewesen (wurde es auch im Zweiten Weltkrieg wegen hochgradiger Kurzsichtigkeit nicht), aber an vaterländischer Gesinnung ließ er sich von keinem übertreffen. Mit ihm beruhigte das Kind so manches Mal laut schallend in der Küche das Vaterland:

»Haltet aus! Haltet aus! Lasset hoch das Banner wehn!

Zeigt’s dem Feind, zeigt’s der Welt, dass wir treu zusammenstehn!« – »Lieb Vaterland, magst ruhig sein, lieb Vaterland, magst ruhig sein!

Fest steht und treu die Wacht, die Wacht am Rhein!«

Von ihren Brüdern ließ E. sich viele Male die Texte aus dem Kriegsbilderbuch vorlesen und erweiterte ihren militärischen Wortschatz um die Begriffe: Infanterie, Kavallerie, Artillerie, Patrouille, Granate, Schrapnell. Weil das Buch bereits wenige Wochen nach dem Kriegsausbruch erschienen war, kamen Tanks, Gasmasken, Stacheldrahtverhau und auch Stahlhelme noch nicht darin vor. Dafür blitzte und krachte es auf vielen Seiten, und meist flogen irgendwelche Trümmer durch die Luft. Tote gab es nicht einmal auf der Feindseite, höchstens Verwundete. Nur auf einem Bild war ein Leutnant mit einem Glas im Auge, der seine Männer, die ihn begleiten wollen, mit herrischer Gebärde zurückweist und auf einem einsamen Patrouillenritt den Heldentod findet. Aber den sieht man nicht, das berichtet nur der Text. Auch Franzosen kommen vor. Die fliehen vor den vorwärtsstürmenden, »hurra« rufenden Pickelhaubenkriegern und sehen von hinten mit ihren roten Pluderhosen lächerlich aus. Auf einem Bild war General Hindenburg zu sehen, an dem die Reste der bei Tannenberg vernichtend geschlagenen russischen Truppen in die Gefangenschaft vorbeiziehen. Merkwürdige Gestalten mit Pelzmützen, langen Mänteln, Filzstiefeln, gewickelten Fußlappen und stumpfsinnigen Gesichtern, die im Text »Kosaken, Kalmücken, Tataren« hießen.

Die Verwundeten werden von Sanitätern behutsam gestützt oder auf einer Bahre weggetragen. Im Lazarett kümmern sich Rote-Kreuz-Schwestern liebevoll um sie. Frisch gewaschen, frisch rasiert, frisch verbunden, liegen sie in frisch bezogenen Betten, und die »kleinen Prinzen« in Matrosenanzügen kommen zu Besuch und bringen ihnen Blumen und Schokolade, worüber sie sehr erfreut zu sein scheinen.

E. ist in einer Garnisonstadt aufgewachsen, in der es auch zur Zeit des »Hunderttausend-Mann-Heeres« zwischen 1918 und 1935 Soldaten gab. Der Garten des Hauses, in dem ihre Eltern eine geräumige Wohnung gemietet hatten, grenzte an die Infanteriekaserne. Wachablösungen, klingendes Spiel von Militärkapellen, singende Marschkolonnen und das Hornsignal des abendlichen Zapfenstreiches gehören zu ihren frühesten Kindheitseindrücken.

Die Soldaten der Weimarer Republik sangen noch immer die Lieder des großen Krieges. Frankreich war der »Erbfeind«, den es zu besiegen galt, weil man es das letzte Mal nicht ganz geschafft hatte: »Siegreich wolln wir Frankreich schlagen, sterben als ein tapfrer He-e-e-eld«, oder »Frankreich unser Er-be-feind läßt uns keine Ru-u-uh, morgen marschieren wir dem Rheine zu«. In belebteren Straßen der Innenstadt sangen sie manchmal das Lied »Wenn die Soldaten durch die Stadt marschieren, öffnen die Mädchen die Fenster und die Türen«.

»Im August 1914 sind wir winkend und lachend ein Stück mit den marschierenden Soldaten gelaufen«, erzählte E.s Mutter. »Einige ganz Kecke haben sogar Blumen in die Gewehrläufe der ausziehenden Truppen gesteckt. Das war kein Protest gegen den Krieg, das war bloß wegen dem Tschingderassabum. Ich war viel zu schüchtern, aber Tante Käthe, die war natürlich immer vorne weg. Kannste dir ja denken.«

Tante Adolphine und Onkel Ernst spendeten 1914 ihre goldenen Eheringe »auf dem Altar des Vaterlandes« und erhielten dafür einen schwarzen Reif mit der Aufschrift »Gold gab ich zur Wehr, Eisen erhielt ich zur Ehr«. Den trug die Tante bis an ihr Lebensende, obwohl sie 1933 mit ihrem jüdischen Ehemann aus dem Vaterland fliehen musste. Patenonkel Hubert ließ seinen Zweitgeborenen, der 1914, am »Tag, an dem Maubeuge fiel«, zur Welt kam, mit den Vornamen »Walter Maubeuge« in das Geburtsregister eintragen.

Zwei Brüder des Vaters fanden ihre Ehefrauen weit im Westen, hinter dem Rhein. Onkel Fritz kam zu Beginn des Krieges schwer verwundet in französische Gefangenschaft, verliebte sich in eine französische Klavierlehrerin und blieb nach dem Krieg gleich in Frankreich, wenn auch nicht für lange. Onkel Hermann heiratete »vom Fleck weg« eine schöne junge Buchhändlerin aus Lothringen, die war einen ganzen Kopf größer als er und dazu noch evangelisch. Weil er Künstler war und Künstler eben »freier« sind, hielt er die bürgerlichen Regeln nicht ein, die eine Verlobungszeit mit gegenseitigen Familienbesuchen auch der Eltern erforderten, ehe die Hochzeit in festlichem Rahmen von den Brauteltern ausgerichtet wurde. Er kündigte im Elternhaus sein Kommen mit der ihm bereits angetrauten Ehefrau an, und E.s Großvater, der Musikdirektor Johann Heinrich Peters, telegrafierte empört zurück: »Bringe mir die Person nicht ins Haus, bis ich Näheres über sie erfahren habe.«

Die Vöglein im Walde, die sangen, sangen, sangen so wunderwunderschön, als die Soldaten mit ihren Pickelhauben nach Frankreich wohl über den Rhein zogen, und Weihnachten wollten sie wieder bei Muttern sein. Die Mütter von 1914, die Großmütter von E.s Generation, waren sie stolz auf ihre Söhne in den schmucken Uniformen? Verdrängten sie die dumpfe Angst? Trösteten sie sich damit, dass nicht jede Kugel trifft? Gaben sie in ihren Gedanken den Tod – wenn er schon sein musste – rücksichtslos allen anderen Söhnen, wenn nur die eigenen nicht dabei waren? Von ihrer Großmutter aus Ibbenbüren weiß E. nur, dass sie es schwer verwinden konnte, ihre Söhne in »preußischen« Uniformen zu sehen. Sie stammte nämlich aus dem Hannoverschen und verzieh es den Preußen bis an ihr Lebensende nicht, dass sie den letzten Herrscher von Hannover, den blinden König Georg V., vertrieben und ins Exil gezwungen hatten.

Bei Kriegsbeginn meldeten sich viele Tausende freiwillig, die noch gar nicht »dran« waren, Studenten und Schüler, Wandervögel und Lehrlinge. Sie fielen beim Sturm auf Lüttich oder vor Langemarck. E. entsinnt sich dunkel einer alten Dame mit einem merkwürdig langen Namen. Wenn von ihr gesprochen wurde, hieß es: »Das ist die Frau Oberst Delius, deren drei Söhne beim Sturm auf Lüttich gefallen sind.«

Den Heeresbericht vom 11. November 1914 lernte Günter, E. s ältester Bruder (der seinen Namen später, als er sich freiwillig zur Waffen-SS meldete, mit germanischem »th« schrieb), schon vor 1933 in der Scharnhorst-Jugend: »Westlich Langemarck brachen junge Regimenter mit dem Gesang ›Deutschland, Deutschland über alles‹ gegen die erste Linie der feindlichen Stellungen vor und nahmen sie.« Diese Meldung war so unwahrscheinlich, dass manche sie später bezweifelt haben. Wie denn singen? Beim Sturmangriff? Schießend? Fallend? Sterbend? Im Todeskampf? Aber der Bericht von den singend stürmenden und sterbenden Kindern von Langemarck wurde vom Feind überliefert, weil kaum einer den Sturm auf Langemarck überlebt hat. Die Kriegsfreiwilligenregimenter, die am 11. November 1914 aufrecht schreitend und singend im feindlichen Kugelhagel zusammenbrachen, waren 17- bis 18-jährige Schüler, Lehrlinge und Studenten. Und wenn er nicht wahr wäre, so hätte man ihn erfinden müssen, denn der Mythos von Langemarck hat E.s Brüder geprägt. Und weil sie ein humanistisches Gymnasium besuchten, lag für sie Langemarck direkt hinter den Thermopylen, die Leonidas im Jahre 480 v. Chr. mit 300 Spartanern im Kampf gegen die Perser »bis zum letzten Mann« verteidigte: »Wanderer, kommst du nach Sparta, so verkündige dorten, du habest uns hier liegen gesehen, wie das Gesetz es befahl.« Es meldeten sich im August 1914 auch Männer, die eigentlich nicht mehr »dran« waren. Hermann Löns zum Beispiel, der in seinem Lied vom Lindenbaum gesungen hatte: »Oh grüner Klee, o weißer Schnee, o schöner Soldatentod«. Er zog im Alter von fast 50 Jahren aus der Lüneburger Heide, aus dem wunderschönen Land, nach Frankreich und fiel dort schon im September des Jahres. Darüber lernte E. ein schönes Gedicht in der Schule, in dem Markwart der Häher den anderen Waldtieren den Tod des Dichters und Jägers verkündete.

Aber von dem im November 1914 gefallenen Kriegsfreiwilligen und Reichstagsabgeordneten Ludwig Frank, der auch nicht mehr der Jüngste war und ein jüdischer Sozialdemokrat dazu, erfuhr sie nichts und auch nicht, dass die deutschen Juden, die zum ersten Mal in der deutschen Geschichte Soldaten sein durften, ihre Liebe zu Deutschland mit 12000 Gefallenen ebenso blutig bezahlten wie ihre nichtjüdischen Soldaten-Kameraden. Es hat ihnen nichts genützt, denn knapp 20 Jahre später sangen andere: »Soldaten-Kameraden, hängt die Juden, stellt die Bonzen an die Wand.« Nur Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg, Carl von Ossietzky und einige andere behielten damals den Kopf oben, aber nicht lange, denn das »Deutschland muss leben, und wenn wir sterben müssen« ist unerbittlich. Der sozialdemokratische Rechtsanwalt Dr. Karl Liebknecht, der 1914 gegen die Kriegskredite stimmte, und die sozialistische Politikerin Dr. Rosa Luxemburg, die zusammen mit Liebknecht im Jahre 1918 den Kampfbund »Spartakus« und die Kommunistische Partei Deutschlands gründete, blieben für E. bis in die späten Vierzigerjahre – 30 Jahre nach ihrer Ermordung durch Reichswehroffiziere – schlimme Verbrecher. Liebknecht – ein bolschewistischer Vaterlandsverräter – und Luxemburg – ein widerliches jüdisches Flintenweib. Und sie verkörperten doch die Hoffnung Deutschlands auf einen demokratischen Sozialismus.

Der Vater erzählte niemals Fronterlebnisse. Abenteuerliche Geschichten aus dem Krieg galten unter Frontsoldaten als Beweis dafür, dass die Betreffenden gar nicht »richtig vorne im Dreck« gelegen hatten. Nur Onkel Hubert, Reserveoffizier, EK 1 und 2, machte mal im Beisein der Kinder mit Augenzwinkern eine Bemerkung über den englischen Gegner: »Die Engländer, die konnten laufen … laufen konnten die … und wir immer vorneweg.« Konnte ja sein. Schließlich hatten wir den Krieg am Ende verloren. Aber so was erzählt man doch nicht, dachte E.

Um das Jahr 1930 herum wurde in der Familie viel über ein Buch gesprochen, das Im Westen nichts Neues hieß. In diesem Buch sei »die Ehre des deutschen Soldaten in den Schmutz gezogen worden«, sagte der Vater, als er es – 1935 noch – im Bücherschrank von Onkel Anton entdeckte. Der Schwager, Reserveoffizier, EK 1 und 2, verteidigte sich und das Buch: »Es war aber so!« Wie war es denn?

In den Jahren, die man heute Vorkriegsjahre nennt, und in den ersten Kriegsjahren las E. viele Bücher über den (Ersten) Weltkrieg: von Ernst Jünger, Walter Flex, Edwin Erich Dwinger, Joseph Magnus Wehner, Ehrhardt Wittek, Bruno Brehm, Thor Goote, Franz Schauwecker, Werner Beumelburg, Paul Alverdes, Karl Benno von Mechow, Hans Carossa und Paul Cölestin Ettighofer, der ein Kriegskamerad und Freund ihres Onkels Franz war. Wanderer zwischen beiden Welten, Sperrfeuer um Deutschland, Gespenster am Toten Mann, Douaumont, Sieben vor Verdun, In Stahlgewittern, Wir fahren den Tod, Die Armee hinter Stacheldraht, Durchbruch Anno Achtzehn, so hießen die Titel. Es waren Bücher, denen man heute Verherrlichung des Krieges vorwirft. Das trifft vielleicht für die allzu positiv geschilderte Frontkameradschaft zu, für das allzu konfliktfrei dargestellte Verhältnis zwischen Soldaten und Offizieren, für die oft verzweifelten Versuche der Verfasser, dem Inferno des modernen Krieges einen Sinn abzugewinnen oder doch wenigstens deutsche Innerlichkeit und Gemüt durch grauenhafte, unmenschliche Zeiten hindurch zu retten – das Kampfgeschehen wurde auch in diesen Büchern nicht romantisch verklärt. Mit Vorstellungen vom frisch-fröhlichen Heldenleben und edlem Heldentod räumten auch sie gnadenlos auf.

Als die Soldaten ihre bunten Uniformen mit dem »Feldgrau« und ihre Pickelhauben mit dem Stahlhelm vertauscht hatten, vor Verdun, im Argonnerwald, an Somme und Marne, da zeigte es sich, wie wirkungsvoll die Rüstungsindustrie und die Chemiekonzerne den Krieg vorbereitet hatten. Da musste der Krieg Farbe bekennen, und diese Farbe war ein schmutziges, blutiges Rot. Da fing das große Morden an und das schreckliche Gemetzel, das man später »Materialschlacht« nannte. Der Heeresbericht meldete viele Monate hindurch »Im Westen nichts Neues«, weil der grauenhafte Stellungskrieg um wenige Meter tausendfach umgewühlter, schlammiger Erde, in der selbst die Toten keine Ruhe fanden, sich weder strategisch noch in Siegesmeldungen auszahlte. Es gab neue Lieder, die waren schon deutlicher, aber immer noch nicht deutlich genug:

»Wildgänse rauschen durch die Nacht

mit schrillem Schrei nach Norden.

Unstete Fahrt. Habt acht! Habt acht!

Die Welt ist voller Morden.« –

»Sie waren kaum verladen, da nahm sie schon der Tod,

Offizier, Musketier, wer die Namen alle nennt,

es war ein ganzes Regiment.

Lauter gute Kameraden lagen stumm im Morgenrot!«

Der Tod trat seine Herrschaft an, und es war der Tod aus dem mittelalterlichen Totentanz, der keinen Unterschied machte, für den es keine Fronten gab und keine Sieger und Besiegte:

»Der Tod reit’ auf einem kohlschwarzen Rappen,

er hat einen undurchsichtigen Kappen.

Er trommelt laut, er trommelt fein:

Gestorben, gestorben, gestorben muss sein! Flandern in Not.

In Flandern reitet der Tod!

In Flandern reitet der Tod!«

Der Tod war nicht romantisch, nicht einmal mehr ästhetisch. Er hatte heraushängendes Gedärm, ein verspritztes Gehirn und eine ausgekotzte Lunge. Es war keine Zeit mehr für edle Abschiedsworte, sondern nur noch für den Urschrei: »Mutter!« Das schrien sogar die, die ihre Mutter gar nicht gekannt hatten – so wird berichtet.

Aber die Mütter hatten sie verraten. Sie hatten ihnen die Milch heiß gemacht und die Brote gestrichen, das Fieber gemessen und bei den Schularbeiten geholfen, aber sie hatten sich nicht in den Krieg eingemischt. Sie hatten die Orden auf den Generalsbrüsten bewundert, für die ihre Söhne mit dem Leben bezahlen mussten. Sie hatten das Gehampel der Parademärsche nicht lächerlich gefunden. Sie hatten sich nicht auf die Schienen gesetzt, als die Truppen zur Front rollten, denn: Krieg ist Männersache.

Als das große Abschlachten nach vier Jahren zu Ende ging, da gab es für Millionen »in der Heimat, in der Heimat« kein Wiedersehen mehr. Als das Lied von Langemarck zur Nationalhymne wurde, da waren die Grenzen »von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt« längst überholt. Als E.s Vater als einfacher Soldat, ohne Orden, nur mit dem Verwundetenabzeichen, aus dem großen Krieg nach Hause kam, da hatte der Tod auch in der Heimat zugeschlagen. Hunderttausende schlecht ernährter Kinder und hungernder Erwachsener waren an einer Grippe gestorben, die man »Lungenpest« nannte, darunter auch sein ältester Sohn, geboren im »Steckrübenwinter« 1916/17.

Hans Hermann Peters starb mit eineinhalb Jahren, am 9. November 1918, dem Tag, an dem der große Krieg zu Ende ging. Später, viel später, wenn E. ihre Mutter nach den Augusttagen des Jahres 1914 fragte, schüttelte diese mit versteinertem Gesicht den Kopf: »Ach Kind – was wussten wir denn vom Krieg!«

Gekränkte Unschuld (Kindliches Nationalgefühl)

Im Juni 1929 vermerkt die Stadtchronik von Paderborn eine »Große Protestkundgebung gegen die Kriegsschuldlüge auf dem Rathausplatz«. Sie richtete sich gegen den Artikel 231 des Versailler Vertrages, der das nationale Selbstbewusstsein des deutschen Volkes bis ins Mark getroffen hatte. Im Gegensatz zu allen anderen Artikeln enthielt er keine direkten materiellen Konsequenzen, sondern Deutschlands Kriegsschuldbekenntnis und diente zur moralischen Rechtfertigung aller übrigen Bestimmungen des Friedensvertrages.

Der Versailler Vertrag wurde nicht nur in bürgerlich-nationalen Kreisen als schreiendes Unrecht angesehen, sondern auch von der SPD als »Gefahrenquelle neuer blutiger Konflikte« und von der KPD als »Ausdruck imperialistischer Machtpolitik der Siegermächte« scharf verurteilt. Der britische Ökonom und Politiker John Maynard Keynes, der als Mitglied der britischen Delegation bei den Versailler Vertragsverhandlungen zugegen war, bezeichnete diese als Katastrophe und sozialen Sprengstoff für die Zukunft Europas.

Der Zentrumspolitiker Erzberger »rechtfertigte« die Unterzeichnung der Friedensbedingungen wie folgt:

»Wenn man mit Gewalt zur Unterzeichnung des Friedens gezwungen wird, so begeht man keine Unwahrhaftigkeit. Man muss nur offen sagen, dass man der Gewalt weiche. Wenn jemand von mir bei gefesselten Armen und unter Vorhaltung des Revolvers auf die Brust die Unterzeichnung eines Stücks Papier fordert, wonach ich mich verpflichten muss, in achtundvierzig Stunden auf den Mond zu klettern, so wird jeder denkende Mensch – um sein Leben zu retten – dies unterzeichnen, aber offen sagen, dass er diese Forderung nicht erfüllen kann.«

Maßgebliche Politiker der Weimarer Republik stellten immer wieder, wenn auch vergeblich, die Forderung nach einem internationalen, unparteiischen Gerichtshof, der die Ursachen des Weltkrieges untersuchen sollte; viele der nach Artikel 227 auszuliefernden »Hauptschuldigen am Ersten Weltkrieg« erklärten ihre Bereitschaft, sich einem solchen Gericht zu stellen.

In den späten Zwanziger- und frühen Dreißigerjahren schwelte das Gefühl nationaler Schmach und Schande noch immer unter der Oberfläche des Alltags und bestimmte das nationale Klima. E.s politische Sozialisation wurde in dieser Zeit entscheidend von ihren beiden älteren Brüdern geprägt, die der kleinen Schwester nicht nur Grundkenntnisse des Lesens und Rechnens vor Schulbeginn beibrachten, sondern sie auch großzügig an ihrem jeweiligen Erkenntnisstand über Deutschland, das deutsche Schicksal und den deutschen Volkscharakter – im Gegensatz zu dem anderer Völker – teilnehmen ließen. Lange bevor E. konkrete Vorstellungen über Gebietsabtretungen, Reparationszahlungen, Auslieferung von Kriegsmaterial, Reduzierung der Streitkräfte, entmilitarisierte Zonen und andere Bestimmungen des Versailler Vertrages erwarb, war ihr der Begriff »Kriegsschuldlüge« bekannt. Er bedeutete, dass »wir« ganz allein am Krieg schuld gewesen sein sollten – »was ganz gemein gelogen war« –, und außerdem, dass die deutsche Regierung diese Lüge auch noch hatte unterschreiben müssen – »was noch viel gemeiner war«.

Im Oktober des Jahres 1929 initiierte die radikale Rechte (DNVP, Stahlhelm und NSDAP) ein »Volksbegehren gegen Kriegsschuldlüge und Young-Plan« und veröffentlichte gleichzeitig den Entwurf eines »Gesetzes gegen die Versklavung des deutschen Volkes«, nach dem Bevollmächtigte des Deutschen Reiches, die den Young-Plan unterzeichneten, wegen Landesverrates mit Zuchthaus bestraft werden sollten. Im Young-Plan des Jahres 1929 wurde der Gesamtbetrag der von Deutschland zu leistenden Reparationszahlungen erstmalig festgelegt (116 Milliarden), die jährlichen Raten von bislang drei Milliarden auf zwei Milliarden gesenkt.

Diese Reduzierung bedeutete eine augenblickliche Erleichterung der durch Kredite und Anleihen zerrütteten Staatsfinanzen. So wurde er von allen Parteien (außer der DNVP, der NSDAP und der KPD) trotz schwerer Bedenken angenommen und vom Reichspräsidenten Hindenburg unterzeichnet, zumal mit seiner Annahme das Versprechen des Abzugs der Besatzungstruppen aus dem Rheinland verbunden worden war.

In den frühen Dreißigerjahren rechneten sich die drei Kinder eines Studienrates im westfälischen Paderborn ihr Alter im sagenhaften Jahr 2000 aus und gelobten feierlich ein gemeinsames Treffen – ganz gleich, wohin das Schicksal den dann 80-jährigen Günther, den 77-jährigen Erwin und die 75-jährige Eva verschlagen haben würde. Bei dieser Gelegenheit erfuhr die Schulanfängerin, dass Deutschland bis zu diesem unvorstellbar fernen Datum für den verlorenen Krieg »Strafe« zahlen müsse. Das war nur wenig übertrieben, denn die Laufzeit des Young-Planes betrug 59 Jahre, die letzte Rate war im Jahr 1989 fällig.

Nach dem 30. Januar 1933 wurde der Friedensvertrag auch offiziell nur noch als »Schanddiktat« (oder kurz und schneidend als »Versailles«) bezeichnet und unaufhörlich als ungeheuerliche Demütigung und Erniedrigung des deutschen Volkes angeprangert. Die langsam verheilende Wunde wurde ständig aufgerissen, die nationale Empörung systematisch am Kochen gehalten. Hitler beschimpfte die Politiker der Weimarer Republik, die mit geduldigen Verhandlungen und vorsichtigen diplomatischen Schritten versucht hatten, die harten Bestimmungen des Versailler Vertrages abzumildern, unablässig und pauschal als »ehrlose Vaterlandsverräter, feige Novemberverbrecher, Ausverkäufer nationaler Interessen« und so weiter. Im Juni 1934 stellte die Deutsche Reichsbank sämtliche Rückzahlungen der Daves- und Young-Plan-Anleihen ein. England reagierte mit restriktiven Außenhandelsmaßnahmen, die übrigen Siegerstaaten beschränkten sich auf formelle Proteste.

Als Schulkind bezog E. den Lehrstoff ihrer Brüder mit. Sie lernte das griechische Alphabet – nicht nur zum Vokabelabhören, sondern auch als Geheimschrift für den eigenen Gebrauch – und kannte sich in ihren Lesebüchern und Lehrbüchern für Geschichte und Erdkunde aus. Mit Vergnügen ließ sie sich zur Ausmalung und Beschriftung von Kartenzeichnungen anstellen, die als Hausaufgaben zu machen waren, und vertiefte sich stundenlang in Dierckes Schulatlas.

So waren ihr Namen, Gestalt und Grenzen, Hauptstädte, Flüsse und Gebirge europäischer Staaten und ferner Kontinente vertraut, als in der eigenen Schulklasse die Heimatkunde Westfalens auf dem Lehrplan stand. Die Umrisse von Ländern und Erdteilen prägte sie sich in einem Alter ein, in dem Gegenstände des täglichen Gebrauchs, Buchstaben und sogar Zahlen ihren kindlichen Ausdrucksgehalt noch nicht verloren hatten. Die 8 war gemütlich, die 4 ordentlich, die 5 leichtsinnig, die 1 soldatisch – Autos und Straßenbahnen hatten grämliche, freche oder pfiffige Gesichter, Staatsgrenzen zeigten aufgerissene Mäuler, ausgreifende Gliedmaßen, harmlos abgerundete oder gefährlich zerlappte Körper, Länder und Kontinente lagen auf der Lauer, waren zum Sprung bereit oder buckelten sich selbstzufrieden von ihren Nachbarn ab.

Das Land, das im Atlas »Deutsches Reich« hieß, erschien dem Kind als schmerzliche Verkörperung von Leiden, Verletzungen und Amputationen, weil »Reich« in einer blauen Insel stand, die Ostpreußen hieß und durch einen »Korridor« – den polnischen – von der großen blauen Fläche mit dem unvollständigen Namen »Deutsches« abgetrennt war. Die lange Zunge Schlesiens erstreckte sich im Tal der Oder beunruhigend schmal zwischen Polen und der Tschechoslowakei. Die mit einem helleren, verwaschenen Blau und einer Perlenschnurgrenze eingezeichneten Grenzprovinzen schienen in grausamen und unmenschlichen Operationen abgerissen.

Sie konnte diese Gebiete benennen, lange bevor die Bestimmungen des Versailler Vertrages im Unterricht der eigenen Klasse behandelt wurden: Elsass-Lothringen, Eupen-Malmedy und das Saarland im Westen, Nordschleswig im Norden, Memelland, Danzig, Posen-Westpreußen, Oberschlesien und das Hultschiner Ländchen im Osten.

Auch die noch immer blau eingezeichneten deutschen Kolonien, die jetzt »Mandatsgebiete« hießen, kannte E. schon im Grundschulalter: Deutsch-Südwest (Namibia), Deutsch-Ost (Tansania), Togo und Kamerun in Afrika, die Halbinsel Kiautschou mit Tsingtau im Fernen Osten, der Bismarck-Archipel in der Südsee und das Kaiser-Wilhelm-Land auf Neuguinea.

Ihr kindliches Nationalgefühl verknüpfte sich früh mit dem Namen »Werßaije« und dem Gefühl der gekränkten Unschuld. Diesem Gefühl entsprach ein ganzer Katalog von Begriffen und Vorstellungen über Deutschland und das deutsche Volk, die das Kind zwar kaum oder nur sehr vage hätte formulieren können, die aber das kindliche Weltbild und das Hineinwachsen der Jugendlichen in politische Prozesse entscheidend prägten:

gedemütigt, geknechtet, geschändet,

erniedrigt, beleidigt, versklavt,

verleumdet, verraten, verfemt,

entwürdigt, entwaffnet, entehrt,

wehrloses Opfer von niedrigstem Haß und gemeinster Rache,

gnadenlos ausgepreßt von habgierigen Feinden,

grausam verstümmelt durch leidvoll aufgerissene blutende Grenzen,

gehaßt wegen seiner Tugenden, beneidet wegen seiner Vorzüge,

und doch:

ein Fels in schmutziger Brandung,

eine Trutzburg der Ehre und Treue,

ein Hort der Gerechtigkeit,

Ursprung und Quelle tiefster Gedanken und

höchster Kultur,

stolz, mutig, ungebrochen,

ehrlich, fleißig, friedliebend,

pflichtbewußt, selbstbewußt, rechtschaffen,

genügsam, bescheiden,

edel, hilfreich und gut.

Das beste Land, das beste Volk der Erde.

Das »Leiden am deutschen Schicksal« war schmerzlich und erhebend zugleich. Es glich dem Genuss jener walzenförmigen Bonbons, die damals beim Einkaufen aus großen Gläsern auf der Ladentheke »zugegeben« wurden. Zunächst musste eine weißliche, bittersaure, den Mund schmerzhaft zusammenziehende Hülle tapfer durchgelutscht werden, ehe jenes schon im Querschnitt verheißungsvoll sichtbare zerbrechlich-bunte Gebilde erreicht wurde, dessen köstliche Süße ohne die vorherige Bitternis kaum erträglich gewesen wäre.

Das Gefühl der gekränkten Unschuld ließ erstaunlich wenig Raum für Hass und Rachegelüste gegenüber den Urhebern des »Schanddiktats von Versailles«. Nicht mit Waffengewalt, sondern mit der Kraft der moralischen Überlegenheit gedachte das Kind die Feinde zu beschämen und identifizierte sich mit der edlen germanischen Fürstin Thusnelda, die im Jahre 15 nach Christi Geburt den Römern in die Hände gefallen war. Als Rache für die Niederlage im Teutoburger Wald durch ihren Ehemann, den Cheruskerfürsten Hermann, war sie in Rom den gaffenden Massen zur Schau gestellt worden. E. rechnete fest damit, dass die ehemaligen Kriegsgegner eines Tages ihr Unrecht einsehen würden, da niemand auf Dauer mit einem sooo schlechten Gewissen leben konnte.

Je erfreulicher sich die Lage Deutschlands in den sechs Friedensjahren des Dritten Reiches zu entwickeln schien – »als sich das deutsche Volk Schritt für Schritt aus den Fesseln von Versailles befreite« –, desto mehr blieb die Rolle der edlen Dulderin auf der Strecke. Manchmal bedauerte E. es, nicht zu jener Generation zu gehören, die »den Kelch der Schmach und Schande« bis zur Neige hatte austrinken müssen. Heimabende über das »Schanddiktat« und auch über andere »leidvolle« Kapitel der deutschen Geschichte konnte die JM-Führerin fast ohne Vorbereitung aus dem Ärmel schütteln und befriedigte damit eine geheime Sehnsucht nach düsteren, tragischen Gefühlen von antiker Größe.

Zum Standardrepertoire »Versailles« gehörten Auszüge aus der Rede des Grafen Brockdorff-Rantzau am 7. Mai 1919 im Spiegelsaal zu Versailles, nachdem der französische Ministerpräsident Clemenceau die »Stunde der Abrechnung« angekündigt und der deutsche Außenminister die Friedensbedingungen mit langsam und demonstrativ übergestreiften weißen Handschuhen in Empfang genommen hatte, um sich die Hände nicht zu beschmutzen:

»Wir wissen, dass die Gewalt der deutschen Waffen gebrochen ist. Wir kennen die Macht des Hasses, die uns hier entgegentritt, und wir haben die leidenschaftliche Forderung gehört, dass die Sieger uns zugleich als Überwundene zahlen lassen und als Schuldige bestrafen wollen … Es wird von uns verlangt, dass wir uns als die allein Schuldigen am Kriege bekennen; ein solches Bekenntnis wäre in meinem Munde eine Lüge.

Wir sind fern davon, jede Verantwortung dafür, dass es zu diesem Weltkrieg kam und dass er so geführt wurde, von Deutschland abzuwälzen … aber wir bestreiten nachdrücklich, dass Deutschland, dessen Volk überzeugt war, einen Verteidigungskrieg zu führen, allein mit der Schuld belastet wird … Auch in der Art der Kriegsführung hat nicht Deutschland allein gefehlt. Jede europäische Nation kennt Taten und Personen, deren sich die besten Volksgenossen ungern erinnern … Die Hunderttausende von Nichtkämpfern, die seit dem 11. November an der Blockade zugrunde gingen, wurden mit kalter Überlegung getötet, nachdem für unsere Gegner der Sieg errungen und verbürgt war. Daran denken Sie, wenn Sie von Schuld und Sühne sprechen.«

Wenn E. diese Passagen zitierte, dachte sie an das Foto eines auf zusammengeschobenen Sesseln des Herrenzimmers aufgebahrten Kindes mit verwelkenden Blumen zwischen den blassen, auf der spitzenbesetzten Bettdecke zusammengelegten Händchen. Es war das einzige Bild ihres ältesten Bruders Hans Hermann. Er starb an einer infektiösen Enzephalitis, die bis zur Aufhebung der Hungerblockade im Jahre 1920 Hunderttausende von Opfern forderte.

Das von der Regierung der Weimarer Republik anlässlich der völkerrechtswidrigen Besetzung des Ruhrgebietes ausgegebene Fichte-Wort »Nicht die Gewalt der Waffen, sondern die Kraft des Gemütes ist es, welche Siege erkämpft!« wurde von der Jungmädelführerin auch noch weitergegeben, als Siege mit der Kraft des Gemütes längst durch solche mit der Gewalt der Waffen abgelöst waren. Sie sah darin keinen Widerspruch, denn erstens war »uns« die Gewalt der Waffen »aufgezwungen« worden, und zweitens würde die Kraft des (deutschen) Gemütes sich erweisen und beweisen in den großmütigen, die nationale Ehre und Selbstachtung militärisch bezwungener Völker achtenden und darum dauerhaften Friedensbedingungen, mit denen das siegreiche Deutschland diesen letzten, unvermeidbaren Krieg beenden würde, denn in der Propaganda der letzten Kriegsjahre ging es um eine neue, endgültige, gerechte Weltordnung unter der weisen und gütigen Führung Großdeutschlands.

Das U-Boot in der Erbsensuppe (Kindliche Kompensationen)

Im kindlichen Spiel der frühen Dreißigerjahre wurde das erschütterte deutsche Selbstbewusstsein weniger edel kompensiert. Beim »Länderklauen«, »Schiffe versenken« und dem Ball-Abtreff-Spiel »Ich habe die Wut, ich habe die Wut auf das verflixte Land …« (England) wurden die Mitspieler zu Vertretern verschiedener Völker. Wer als Erster eines dieser Spiele vorschlug, machte sich selbst natürlich zum Deutschen. Franzosen, Engländer, Amerikaner oder Russen waren allerdings nicht bereit, dem eigentlichen Vaterland zuliebe auf militärischen Ruhm zu verzichten, und kämpften auch unter fremder Flagge um den Sieg. In politischen Kinderwitzen jener Zeit waren die Deutschen hingegen immer Sieger. Hier nahmen sie den ihnen gebührenden ersten Platz in der Weltgeschichte ein und übertrumpften andere Völker durch Schlagfertigkeit und technische Überlegenheit.

Im November 1928 verzeichnet die Paderborner Stadtchronik: »Ein kommunistisches Volksbegehren gegen den Panzerkreuzerbau erhielt in Paderborn nur 79 Unterschriften.« Bei diesem Volksbegehren wurden die zum Stopp erforderlichen vier Millionen Gegenstimmen nicht einmal zur Hälfte erreicht. So konnte im Mai 1931 Hindenburg in Kiel die »Deutschland« taufen, von der E.s Brüder Bilder sammelten und Wunderdinge zu berichten wussten. Das (rechte) »Volksvermögen« bemächtigte sich dieses Ereignisses mit folgendem Witz: Bei einem Streit um die Größe von Panzerkreuzern behauptet der Franzose: »Unsere Panzerkreuzer sind so groß, da muss der Kapitän mit einem Fahrrad auf Deck rumfahren, wenn er seine Befehle an den Mann bringen will.« Der Engländer übertrumpft ihn mit einem Auto fahrenden, der Amerikaner mit einem fliegenden Kapitän, während der Deutsche den Koch der »Deutschland« in der Mannschaftsküche mit einem Unterseeboot durch die Erbsensuppe kreuzen lässt, um ein Anbrennen zu verhindern.

In der Chirurgie beziehungsweise Prothesenherstellung lagen die Deutschen an der Spitze der internationalen Medizin: Der Franzose berichtet von einem Armamputierten, der sich nach Anpassung eines Holzarmes zum besten Boxer Frankreichs entwickelt habe, der Engländer von einem Beinamputierten, der trotz eines Holzbeines der schnellste Läufer Englands geworden sei, der Deutsche behauptet, in Berlin habe es ein Kriegsversehrter ohne Kopf mit einem dafür aufgesetzten Holzkopf zum Bürgermeister gebracht. Während in diesem Witz deutsche Großmannssucht ironisiert und Kritik an einem Berliner Bürgermeister jener Jahre geübt wurde, kann für folgende, bei Bruder Erwin besonders beliebte Geschichte kein direkter politischer Bezug ausgemacht werden:

Der Franzose erzählt einen Traum, in dem er die »Weltkugel« mit einer darüber schwebenden Trikolore gesehen haben will. Im Traum des Amerikaners schwebt noch über der französischen Flagge der amerikanische Zylinder. Der Engländer fügt dem gleichen Arrangement die englischen Raben hinzu. Der Reichsadler des deutschen Träumers begnügt sich indes nicht damit, über diesen nationalen Symbolen majestätisch zu schweben, sondern frisst die Raben, kackt in den Zylinder und putzt sich mit der Trikolore den Hintern ab.

In einer von der Mutter überlieferten Anekdote aus dem Ersten Weltkrieg erweist sich ein bayerischer Landsturmmann, wiewohl der französischen Sprache unkundig, dennoch der geistigen Auseinandersetzung mit dem militärischen Gegner gewachsen. Ein von ihm gefangen genommener französischer Soldat murmelt auf dem Weg zur Sammelstelle wütend: »Revanche en marche!« (Die Rache wird kommen!) Der Bayer missversteht die Drohung als französische Version des Götz-Zitates und erwidert gleichmütig: »Du mi a!«

In Abenteuer-, Entdecker- und Zukunftsromanen von Max Eyth, Hans Dominik, Friedrich Gerstäcker, Sophie Wörishöffer, Karl May und auch in vielen deutschen Filmen arbeiteten deutsche Techniker, Ingenieure, Forscher, Entdecker, Trapper oder Farmer häufig mit Kollegen aus anderen europäischen Nationen – meist Engländern und Franzosen – zusammen. Die fachliche und moralische Überlegenheit der deutschen Teilnehmer war in diesen Büchern unbestritten, nicht aber in denen von Jules Vernes, dem berühmten französischen Verfasser utopisch-technischer Romane.

An einen seiner Romane erinnert E. sich noch heute. Zwar hat sie Titel und Handlung vergessen, nicht aber, dass darin Charaktereigenschaften und Intelligenz dreier Forschungsreisender – eines Deutschen, eines Engländers und eines Franzosen – auf befremdliche Weise verteilt waren. Rangordnung und Eigenschaften des Engländers blieben unangetastet. »Tom« ist sportlich und fair. Er quengelt nicht rum, wenn etwas schiefgeht, sondern bemüht sich mit Erfolg um praktikable Teilleistungen, wofür ihm der zweite Platz im Team sicher ist, während der erste und dritte Platz miteinander vertauscht waren, sodass der Deutsche das Schlusslicht bildete. »Herr Fridolin« ist eigensinnig, querköpfig, pedantisch, unkameradschaftlich und humorlos – ein richtiges Ekel. Die Franzosen in deutschen Romanen waren zwar fachlich weniger kompetent, glichen ihre Schwächen aber durch Charme, gute Laune, Verhandlungsfähigkeit sowie leichtsinnige – in der Stunde der Gefahr jedoch manchmal überraschend nützliche – Liebesabenteuer aus. In diesem Buch wäre die Expedition ohne den französischen Ingenieur Pierre kaum mit dem Leben davongekommen. Er findet auch in schwierigsten Situationen mit Intelligenz, Fantasie und beachtlichem Mut einen Ausweg und überdies noch Zeit und Energie für Charme und gute Laune. »Das kommt daher, weil das Buch von einem Franzosen geschrieben wurde«, erklärte Bruder Günther und fügte hinzu: »Wenn es ein Engländer geschrieben hätte, wäre der natürlich der Erste!«

Das war ein Angriff auf E.s kindlichen Ethnozentrismus, über den sie lange nachdachte. So fand sie sich denn auch bereit, Leistungen anderer Völker in Technik und Naturwissenschaften, Literatur und Musik anzuerkennen. Die »deutsche Innerlichkeit« und das »deutsche Gemüt«, die »Tiefe« der deutschen Kunst und die »Gründlichkeit« deutscher Gedanken machte »uns« jedoch keiner nach.

Jahrzehntelang (Friedenspropaganda)

Der Schatten des Zweiten

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