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Wenn dir alles unter die Haut geht: Das Überlebenshandbuch für Empathen und Hochsensible

Wenn dir alles unter die Haut geht: Das Überlebenshandbuch für Empathen und Hochsensible

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Wenn dir alles unter die Haut geht: Das Überlebenshandbuch für Empathen und Hochsensible

Länge:
343 Seiten
5 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
May 25, 2018
ISBN:
9783955502836
Format:
Buch

Beschreibung

Empathie ist eine wunderbare Gabe, denn sie ermöglicht tiefe Verbindungen zu anderen Menschen. Doch was, wenn sie so stark ausgeprägt ist, dass man die Emotionen und die körperlichen Empfindungen eines anderen Menschen quasi ungefiltert in sich selbst spürt? Wenn man völlig durchlässig für alles zu sein scheint – für Freude ebenso wie für Schmerz? Judith Orloff, selbst Empathin, gibt in diesem Buch allen "Menschen ohne Haut" umfassende Hilfestellung, um sich energetisch zu schützen, Grenzen zu setzen, Stress zu reduzieren und die eigenen Stärken zu entwickeln. Empathen können ihre Eigenart endlich als das erfahren, was sie ist: ein großes Geschenk. Der Lebensbegleiter für alle hochsensiblen Menschen – mit vielen praktischen Übungen.
Herausgeber:
Freigegeben:
May 25, 2018
ISBN:
9783955502836
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Wenn dir alles unter die Haut geht - Judith Orloff

Dalai-Lama

Kapitel 1

Bist du Empathin oder Empath?

Eine Einführung in die Empathie

Ich bin Ärztin mit insgesamt vierzehnjähriger schulmedizinischer Ausbildung an der USC (University of Southern California) und der UCLA (University of California, Los Angeles). Und ich bin Empathin. In meiner über zwanzigjährigen medizinischen Praxis habe ich mich spezialisiert auf die Behandlung hochsensibler Menschen, wie ich einer bin. Das Spektrum der im Homo sapiens angelegten Sensibilität ist zwar breit, doch Empathen und Empathinnen sind emotionale Schwämme, die sowohl den Stress als auch die Freude der ganzen Welt in sich aufsaugen. Wir spüren alles, noch dazu oft in extremem Maße, und können uns kaum von anderen abgrenzen. Durch diese viel zu intensive Stimulation sind wir daher häufig überfordert und neigen zu Erschöpfung und Reizüberflutung.

Dieses Thema liegt mir sowohl beruflich als auch privat deshalb so sehr am Herzen, weil ich konkrete Strategien entwickeln musste, um mit der Herausforderung zurechtzukommen, dass ich selbst Empathin bin. Die Strategien erlauben mir, meine Sensibilität zu schützen und dadurch ihre Vorteile zu maximieren; und Empathie hat tatsächlich sehr viele Vorteile! Ich möchte dir gern vermitteln, wie du als Empath oder Empathin ausgeglichen, glücklich und in deiner Kraft sein kannst. Wenn es dir gut gehen soll, musst du lernen, wie du es vermeidest, Energie, Symptome und Stress von anderen zu übernehmen. Außerdem möchte ich dein Umfeld – Familie, Kollegen, Vorgesetzte, Eltern und Liebespartner – darüber aufklären, wie sie dich am besten unterstützen und mit dir kommunizieren können. In diesem Buch werde ich dir zeigen, wie du diese Ziele erreichen kannst.

Es ist als Ressource für verwandte sensible Seelen gedacht, damit sie in einer Welt, die sich gegenüber Sensibilität oft rau, herzlos und verächtlich verhält, Verständnis und Akzeptanz finden. Ich hinterfrage darin den Status quo und öffne einen neuen Blick auf Sensibilität, ganz gleich, an welcher Stelle des Spektrums du dich befindest. An Sensibilität ist nichts »verkehrt«. Du wirst sogar entdecken, was an dir absolut »richtig« ist.

Mit diesem Buch möchte ich eine Unterstützergemeinschaft schaffen, damit Empathen und Empathinnen wie du ihresgleichen finden, authentisch sein können und ihr Licht nicht mehr unter den Scheffel stellen müssen, sondern es leuchten lassen können. Ich möchte eine Bewegung von Menschen unterstützen, die ihre Sensibilität schätzen. Willkommen in einem Kreis der Liebe! Meine Botschaft an dich ist Hoffnung und Akzeptanz. Ich ermutige dich ausdrücklich dazu, deine Gabe anzunehmen und auf deiner Lebensreise als Empathin oder Empath deine ganze Kraft zu zeigen.

Was ist ein Empath?

Empathen (und mit der männlichen grammatischen Form sind im Folgenden grundsätzlich auch immer alle Frauen gemeint) haben ein extrem reaktionsfähiges neurologisches System. Wir besitzen nicht die Filter, die andere haben, um Reize abzuschirmen. Daher nehmen wir sowohl die positiven als auch die belastenden Energien aus unserer Umgebung in unseren Körper auf. Wir sind derart empfindsam, dass es ungefähr so ist, als hätten wir fünfzig Finger, wenn wir etwas in der Hand halten, und nicht nur fünf. Wir sind wahre »Super-Responder«.

Die Forschung zeigt, dass etwa 20 Prozent der Bevölkerung von Hochsensibilität betroffen sind, wobei der Grad der Sensibilität variieren kann.¹ Empathen werden oft als »überempfindlich« etikettiert, und man sagt ihnen, sie sollten sich ein »dickeres Fell« wachsen lassen. Als Kinder und Erwachsene werden wir wegen unserer Sensibilität eher beschämt als unterstützt. Möglicherweise leiden wir an chronischer Erschöpfung und wollen uns aus allem Geschehen zurückziehen, weil wir uns oft stark überfordert fühlen. Doch so, wie ich heute im Leben stehe, wollte ich meine Eigenschaft als Empathin um nichts in der Welt mehr aufgeben. Meine Empathie lässt mich die Geheimnisse des Universums erahnen und eine Leidenschaft erleben, die größer ist, als ich es in meinen kühnsten Träumen erhofft hatte. Allerdings haben sich meine empathischen Fähigkeiten für mich nicht immer so unglaublich gut angefühlt.

Als Empath aufwachsen

Wie viele andere empathische Kinder habe auch ich nie irgendwo wirklich »dazugehört«. Ja, ich kam mir immer vor wie eine Außerirdische auf Erden, die darauf wartet, dass sie endlich in ihr wahres Zuhause bei den Sternen zurückgebracht wird. Ich weiß noch, dass ich oft im Vorgarten saß, ins Universum hinaufschaute und hoffte, es würde ein Raumschiff kommen und mich abholen. Ich war Einzelkind, daher war ich viel allein. Ich hatte niemanden, mit dem ich sprechen und der meine Sensibilität verstehen konnte. Offenbar war keiner so wie ich. Meine Eltern, beide Ärzte – ich stamme aus einer Familie mit immerhin 25 Ärzten –, sagten nur: »Härte dich ab, und lass dir ein dickeres Fell wachsen, Liebes.« Aber das wollte ich nicht, ja, ich wusste noch nicht einmal, wie man das macht. Ich konnte nicht in überfüllte Einkaufszentren oder auf Partys gehen. Wenn ich ankam, ging es mir noch gut, aber bis ich ging, war ich völlig erschöpft, benommen, angespannt oder hatte allerlei Schmerzen, die ich vorher nicht gehabt hatte.

Was ich damals nicht wusste: Jeder Mensch hat um seinen Körper herum ein feinstoffliches Energiefeld, ein subtiles, strahlendes Licht, das den Körper durchdringt und mehrere Zentimeter bis zu einem Meter oder mehr um ihn herumreicht. Dieses Feld übermittelt Informationen wie etwa Gefühle und körperliches Wohlbefinden oder Leiden. An überfüllten Orten überschneidet sich unser Energiefeld mit dem anderer Menschen. Alle diese intensiven Empfindungen hatte ich mir zugezogen – ohne die geringste Ahnung zu haben, was sie waren oder wie ich sie zu deuten hatte. Menschenmengen machten mich einfach immer nur beklommen und müde. Vor allem aber wollte ich weg.

Als Teenager in Los Angeles ließ ich mich intensiv auf Drogen ein, um meine Sensibilität abzublocken. (Das rate ich dir nicht!) Wenn sie betäubt war, kam ich zurecht. Ich konnte Partys besuchen und in Einkaufzentren abhängen wie meine Freunde auch, und es ging mir gut dabei. Was für eine Erleichterung! In meiner Autobiografie Jenseits der Angst habe ich beschrieben, wie es kam, dass ich zu Drogen griff, um meine Intuition und meine empathischen Fähigkeiten auszuschalten. Doch nach einem Verkehrsunfall um drei Uhr nachts mit einem Austin Mini Cooper im Topanga Canyon, der um ein Haar tragisch ausgegangen wäre, erschraken meine Eltern zu Tode und schickten mich zu einem Psychiater.

Natürlich wehrte ich mich nach Kräften gegen seine Behandlung. Tatsächlich jedoch war dieser Engel in Menschengestalt der Erste, der mir klargemacht hat, dass ich nur dann ein ganzer Mensch werden kann, wenn ich meine Sensibilität annehme und nicht vor ihr davonlaufe. Dies war der Beginn meiner Heilung und Selbstakzeptanz als Empathin. Da mich meine empathischen und intuitiven Erlebnisse in der Kindheit zutiefst erschreckt hatten, gehörte nun zu meiner Entwicklung als Ärztin und Frau auch, dass ich lernte, diese Fähigkeiten anzunehmen. Sie sind kostbar und haben es verdient, gehegt und gepflegt zu werden. Deshalb habe ich mich in meiner psychiatrischen Praxis und in meinen Workshops darauf spezialisiert, Empathinnen und Empathen zu helfen.

Ja, wir können wirklich Großes leisten: Empathie ist die Medizin, die die Welt braucht!

WENN DU DAS GEFÜHL HAST, DASS DU NICHT IN DIESE WELT PASST, DANN LIEGT DAS DARAN, DASS DU HIER BIST, UM EINE BESSERE ZU ERSCHAFFEN.

Anonym

Empath sein – wie ist das?

Schauen wir uns einmal genauer an, wie es ist, Empathin oder Empath zu sein. Spüre nach, ob du einen persönlichen Bezug dazu hast oder ob in deiner Familie beziehungsweise unter Freunden oder Kollegen Empathen sein könnten.

Beginnen wir mit der Frage, worin der Unterschied liegt, ob man in normalem Umfang Mitgefühl empfindet und Einfühlungsvermögen hat oder Empath ist? »Normales« Feingefühl für andere bedeutet, dass wir mit einem Menschen mitfühlen können, der gerade eine schwere Zeit durchmacht. Es bedeutet auch, dass wir uns mit anderen freuen können, wenn sie froh sind. Als Empathen hingegen spüren wir die Gefühle, Energien und körperlichen Symptome von anderen in unserem Körper – ohne die Filter, die die meisten Menschen haben. Wir erleben Freud und Leid anderer buchstäblich mit. Wir haben superfeine Antennen für den Klang ihrer Stimme und für ihre Körperbewegungen. Wir hören, was sie nicht mit Worten sagen, aber nonverbal und durch ihr Schweigen kommunizieren. Empathen fühlen zuerst und denken dann, also genau umgekehrt wie die meisten Menschen in unserer überintellektualisierten Gesellschaft. Zwischen uns und der Welt gibt es keine Membran. Dies unterscheidet uns grundlegend von anderen Menschen, deren innere Abwehrkräfte praktisch schon vom Moment ihrer Geburt an voll ausgebildet sind.

Empathen weisen einen Teil oder alle der Charakterzüge auf, die die Psychologin Elaine Aron für Hochsensible nennt. Dazu gehören eine niedrige Reizschwelle, das Bedürfnis, allein zu sein, Licht-, Geräusch- und Geruchsempfindlichkeit sowie eine Abneigung gegen große Gruppen. Außerdem brauchen hochsensible Menschen länger, bis sie nach einem stressigen Tag abschalten können, weil ihr System langsamer von einem stark angeregten Zustand auf Ruhe und Erholung umschaltet. Mit Hochsensiblen haben Empathen außerdem die Liebe zur Natur und zu einer ruhigen Umgebung gemein.

Allerdings erleben Empathen noch eine Steigerung der Empfindungen Hochsensibler. Wir spüren feinstoffliche Energie, die in den östlichen Heiltraditionen als »Shakti« oder »Prana« bezeichnet wird, und nehmen diese in unseren Körper auf. Hochsensible tun dies normalerweise nicht. Durch diese Fähigkeit erleben wir die Energien in unserer Umgebung in extrem tief greifender Form. Da alles aus feinstofflicher Energie besteht, auch Gefühle und körperliche Empfindungen, nehmen wir Gefühle, Schmerz und verschiedene körperliche Empfindungen anderer energetisch in uns auf. Oft können wir deren Beschwerden kaum von unseren eigenen unterscheiden. Darüber hinaus haben manche Empathen tief greifende spirituelle und intuitive Erlebnisse, was mit Hochsensibilität üblicherweise nicht einhergeht. Einige Empathen können sogar mit Tieren, der Natur und ihrem inneren Führer kommunizieren. Hochsensibel und Empath zu sein schließt sich aber nicht gegenseitig aus: Du kannst beides zugleich sein.

Wenn du feststellen möchtest, ob du Empathin oder Empath bist, überprüfe, ob du dich in einem oder mehreren der folgenden Typen wiederfindest.

Allgemeine Typologie der Empathen

Körperliche Empathen: Du bist besonders auf die physischen Symptome anderer Menschen eingestellt und neigst dazu, sie in deinen Körper aufzunehmen. Umgekehrt kann auch das Wohlbefinden anderer dir Energie geben.

Emotionale Empathen: Du übernimmst hauptsächlich die Emotionen anderer und kannst ihre Gefühle, die glücklichen wie die traurigen, geradezu wie ein Schwamm aufsaugen.

Intuitive Empathen: Du erlebst außergewöhnliche Wahrnehmungen, etwa verstärkte Intuition, Telepathie, Traumbotschaften, Tier- und Pflanzenkommunikation sowie Kontakte mit dem Jenseits. Im Folgenden gebe ich dir eine kurze Beschreibung dieser unterschiedlichen Typen und was sie ausmacht (mehr dazu in Kapitel 8):

•Telepathische Empathen erhalten intuitive Informationen über andere, die gegenwartsbezogen sind.

•Präkognitive Empathen erleben im Wach- oder Traumzustand Vorahnungen über die Zukunft.

•Traumempathen sind passionierte Träumer und können in Träumen intuitive Informationen erhalten, die anderen helfen oder ihnen selbst im Leben Orientierung geben.

•Medial begabte Empathen haben Zugang zum Jenseits.

•Pflanzenempathen können die Bedürfnisse von Pflanzen spüren und sich mit ihrem Wesen verbinden.

•Erdempathen haben ein feines Gespür für Veränderungen auf unserem Planeten, im Sonnensystem und beim Wetter.

•Tierempathen können sich auf Tiere einstellen und mit ihnen kommunizieren.

Empathen haben ganz unterschiedliche und wunderbar nuancierte Ausprägungen der Sensibilität. Du kannst einem oder mehreren der oben beschriebenen Typen zuzuordnen sein. In späteren Kapiteln werde ich auch auf bestimmte Unterarten körperlicher und emotionaler Empathen eingehen, zum Beispiel Nahrungsmittelempathen (die auf die Energie von Lebensmitteln eingestellt sind) sowie Beziehungs- und sexuelle Empathen (die auf Stimmungen, Sinnlichkeit und körperliche Gesundheit ihrer Partner und Freunde eingestellt sind). Wenn du lernst, deine besonderen Talente zu erkennen, wirst du feststellen, dass sie nicht nur dein eigenes Leben bereichern, sondern auch zum Wohl anderer eingesetzt werden können.

Beziehungsstile: introvertierte und extravertierte Empathen

Körperliche, emotionale und intuitive Empathen können völlig unterschiedliche Formen des Umgangs mit ihren Mitmenschen und des Austauschs mit der Welt haben. Die meisten Empathen sind introvertiert, einige aber auch extravertiert. Wieder andere sind beides. Introvertierte Empathen wie ich haben eine sehr geringe Toleranz gegenüber Geselligkeit und Smalltalk. Bei Zusammenkünften sind sie eher still und gehen am liebsten früh wieder nach Hause. Oft kommen sie mit dem eigenen Auto, damit sie sich nicht gebunden fühlen oder davon abhängig sind, dass jemand sie mitnimmt.

Ich liebe meinen kleinen Kreis guter Freunde und halte mich von großen Partys oder Versammlungen fern. Außerdem mag ich auch kein oberflächliches Geplauder und habe nie gelernt, mich in diesem Sinne unverbindlich zu unterhalten, was beim introvertierten Typ häufig vorkommt. Normalerweise kann ich zwei bis drei Stunden mit einer Gruppe zusammen sein, dann fühle ich mich überreizt. Alle meine Freunde wissen das und nehmen es nicht persönlich, wenn ich mich früh entschuldige. Extravertierte Empathen sind im Gegensatz dazu in Gesellschaft redseliger und interaktiver und haben mehr Freude am Geplänkel mit anderen als introvertierte Empathen. Sie können auch länger in Gesellschaft bleiben, ohne sich ausgelaugt oder überreizt zu fühlen.

VIELE EMPATHEN MÖGEN KEINEN SMALLTALK. ER LAUGT SIE AUS.

Wie wird man zum Empathen?

Viele Faktoren können dazu beitragen, dass man Empath wird. Manche Kinder kommen mit mehr Sensibilität auf die Welt als andere – es ist dann eine angeborene Veranlagung. Man kann es tatsächlich bereits sehen, wenn sie aus dem Mutterleib kommen. Sie reagieren viel stärker auf Licht, Gerüche, Berührung, Bewegung, Temperatur und Geräusche. Außerdem konnte ich bei meinen Patienten und Workshop-Teilnehmern auch beobachten, dass einige Aspekte der Sensibilität möglicherweise genetisch übertragen werden. Hochsensible Kinder können von Eltern abstammen, die diese Eigenschaft ebenfalls besitzen. Darüber hinaus spielt die Erziehung eine Rolle. Vernachlässigung oder Missbrauch in der Kindheit kann sich auf den Grad der Sensibilität bei Erwachsenen auswirken. Ein Teil der Empathen, die ich behandelte, haben frühe Traumata wie emotionalen oder körperlichen Missbrauch erlebt oder sind bei Alkoholikern, depressiven oder narzisstischen Eltern aufgewachsen. Dies könnte möglicherweise die übliche gesunde Abwehr aufreiben, die ein Kind mit fürsorglichen Eltern entwickelt. Aufgrund ihrer Erziehung fühlen sich diese Kinder von ihrer Familie meist nicht »gesehen« und kommen sich dann auch in der größeren Welt, die Sensibilität nicht schätzt, unsichtbar vor. In allen Fällen jedoch haben Empathen nicht gelernt, Stress so abzuwehren wie andere. In dieser Hinsicht sind wir anders. Ein schädlicher Reiz wie ein wütender Mensch, Menschenmengen, Lärm oder helles Licht kann uns aufwühlen, weil unsere Reizschwelle extrem niedrig ist.

Die Wissenschaft der Empathie

Zur Erklärung empathischen Erlebens gibt es eine Reihe wissenschaftlicher Erkenntnisse, die ich faszinierend finde. Einige davon werden im Folgenden angesprochen.

Das Spiegelneuronensystem

Forscher haben eine spezialisierte Gruppe von Hirnzellen entdeckt, die für das Mitgefühl zuständig sind. Aufgrund dieser Zellen kann jeder Mensch Emotionen spiegeln sowie Schmerz, Angst oder Freude eines anderen nachempfinden. Weil Empathen vermutlich überreaktive Spiegelneuronen haben, schwingen wir sehr stark mit den Gefühlen anderer mit. Wie kommt es dazu?

Spiegelneuronen werden durch äußere Ereignisse getriggert. Wenn zum Beispiel unser Ehepartner verletzt wird, fühlen auch wir uns verletzt. Wenn unser Kind weint, sind wir auch selbst traurig; und wenn unsere Freundin glücklich ist, sind wir es ebenso. Im Gegensatz dazu nimmt man an, dass Psychopathen, Soziopathen und Narzissten eine »Empathiedefizitstörung« haben, wie man wissenschaftlich sagt (siehe Kapitel 5). Dies bedeutet, ihnen fehlt die Fähigkeit, Empathie zu empfinden wie andere Menschen, was durch ein hypoaktives Spiegelneuronensystem verursacht sein könnte. Wir müssen uns vor diesen Menschen hüten, denn sie sind unfähig zu bedingungsloser Liebe.²

Elektromagnetische Felder

Die zweite Erkenntnis beruht auf der Tatsache, dass sowohl das Gehirn als auch das Herz elektromagnetische Felder erzeugen. Nach Angaben des kalifornischen HeartMath Institute übermitteln diese Felder Informationen über die Gedanken und Gefühle des Menschen. Empathen sind möglicherweise für den Input besonders empfänglich und tendenziell damit überfordert. Ähnlich reagieren wir oft auch körperlich und emotional stärker auf Veränderungen im elektromagnetischen Feld der Erde und der Sonne. Empathen wissen sehr gut, dass das, was mit der Erde und der Sonne geschieht, sich auf unsere Gemütsverfassung und unsere Energie auswirkt.³

Emotionale Ansteckung

Die dritte Erkenntnis, die unser Wissen über Empathen erweitert, ist das Phänomen der emotionalen Ansteckung. Die Forschung hat gezeigt, dass viele unserer Artgenossen die Gefühle der Menschen in ihrem unmittelbaren Umfeld adaptieren. Das beginnt schon im frühesten Kindesalter. So löst zum Beispiel ein weinender Säugling auf einer Kinderstation im Krankenhaus eine ganze Welle weinender Babys aus. Auch wenn jemand am Arbeitsplatz laut Ängste äußert, können sich diese auf seine Kollegen übertragen. In Gruppen schnappen Menschen üblicherweise die Gefühle anderer auf. In einem neueren Artikel in der New York Times hieß es, diese Fähigkeit, seine Stimmung mit anderen zu synchronisieren, sei ausschlaggebend für gute Beziehungen.

Was lernen Empathen daraus? Dass wir uns mit positiven Menschen umgeben sollten, damit Negativität uns nicht »herunterzieht«. Und wenn ein Freund oder eine Freundin eine schwere Zeit durchmacht, müssen wir besondere Maßnahmen ergreifen, um uns zu erden und in unserer Mitte zu bleiben. Dies sind wichtige Strategien, über die du in diesem Buch einiges erfahren wirst.

Erhöhte Dopaminsensibilität

Die vierte Erkenntnis betrifft das Dopamin, einen Neurotransmitter, der die Aktivität der Neuronen erhöht und mit unserem körpereigenen Belohnungssystem zusammenhängt. Die Forschung hat gezeigt, dass introvertierte Empathen tendenziell empfindlicher auf Dopamin reagieren als extravertierte. Grundsätzlich brauchen in sich gekehrte Empathen weniger Dopamin, um glücklich zu sein. Dies könnte erklären, warum sie zufriedener sind, wenn sie genügend Zeit für sich allein haben, meditieren und lesen – und weniger äußere Anregung durch Partys und große gesellschaftliche Veranstaltungen brauchen. Im Gegensatz dazu sehnen sich Extravertierte nach dem Dopaminrausch, den ihnen Ereignisse mit viel Trubel bescheren. Oft können sie sogar nicht genug davon bekommen.

Synästhesie

Die fünfte Erkenntnis, die ich besonders überzeugend finde, ist der außergewöhnliche Zustand der sogenannten »Mirror Touch Synesthesia«, des sensorischen Nachempfindens beobachteter Berührungen. Synästhesie ist ein neurologischer Zustand, bei dem zwei verschiedene Sinne im Gehirn miteinander gekoppelt werden. Dann sieht man zum Beispiel Farben, wenn man Musik hört, oder man »schmeckt« Worte. Berühmte Synästheten sind beziehungsweise waren etwa der Naturforscher Isaac Newton, der Sänger Billy Joel und Itzhak Perlman, der zu den bedeutendsten Violinisten zählte. Bei der Mirror-Touch-Synästhesie jedoch spüren die Betroffenen tatsächlich die Gefühle und Empfindungen anderer in ihrem Körper, als wären diese Gefühle ihre eigenen. Dies ist eine wunderbare neurologische Erklärung für das Erleben von Empathen.

Welche Lebensbereiche betrifft die Empathie?

Empathie kann in den folgenden Lebensbereichen eine mehr oder weniger wesentliche Rolle spielen:

•Gesundheit: Viele Empathen, die als Patienten zu mir kommen oder an meinen Workshops teilnehmen, fühlen sich überfordert, müde und regelrecht erschöpft, bis sie praktische Kompetenzen erlernen, die ihnen helfen, mit ihrer Sensibilität zurechtzukommen. Oft wurden bei ihnen Agoraphobie (Platzangst, die Angst, über »freie Plätze« zu gehen), chronische Erschöpfung, Fibromyalgie, Migräne, chronische Schmerzen, Allergien und eine Nebennierenschwäche infolge chronischer Erschöpfung (eine Form des Burn-outs) diagnostiziert. Auf der emotionalen Ebene können Ängste, Depressionen oder Panikattacken auftreten. In Kapitel 2 werden wir auf alle diese Punkte näher eingehen.

•Süchte: In dem Versuch, ihre Sensibilität zu betäuben, entwickeln manche Empathen eine Sucht nach Alkohol, Drogen, Essen, Sex, Kaufen oder anderen Verhaltensformen. Übermäßiges Essen kommt häufig vor, da manche Empathen Nahrung unbewusst dazu nutzen, sich zu erden. Sie können leicht übergewichtig werden, weil die zusätzlichen Polster Schutz vor negativer Energie bieten. In Kapitel 3 werfen wir einen Blick auf gesündere Bewältigungsmechanismen.

•Beziehungen, Liebe und Sex: Empathen können sich unwissentlich auf Partner einlassen, die das reinste Gift für sie sind, und dadurch Ängste, Depressionen oder Krankheiten entwickeln. Sie verschenken ihr Herz nur allzu leicht an Narzissten und andere emotional unzugängliche Menschen. Empathen sind liebevoll und gehen davon aus, dass auch andere so sind, was aber nicht immer zutrifft. Außerdem absorbieren sie den Stress und die Gefühle ihres Partners, etwa Wut oder Depression. Dies geschieht einfach beim ganz normalen Umgang miteinander, aber auch bei der körperlichen Liebe – einem Moment, in dem man besonders verletzlich ist. In den Kapiteln 4 und 5 lernst du, eine gesunde Beziehung zu führen, die dich nicht überfordert, sowie solchen Menschen, die schädlich für dich sind, klare Grenzen zu setzen.

•Elternschaft: Empathische Eltern fühlen sich durch die hohen Anforderungen der Kindererziehung oft besonders überfordert und erschöpft, weil sie dazu neigen, die Gefühle und den Kummer ihrer Kinder in sich aufzunehmen. In Kapitel 6 erlernst du Fähigkeiten, mit denen du dies verhindern kannst. Darüber hinaus können sich auch empathische Kinder von ihrer Sensibilität überfordert fühlen. Ihre Eltern brauchen eine besondere Schulung, damit sie diesen Kindern helfen können, ihre Gabe zu pflegen und aufblühen zu lassen.

•Arbeit: Empathen können sich durch Energievampire am Arbeitsplatz ausgelaugt fühlen, zugleich aber völlig ratlos sein,

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