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Der Weg zur Wahrheit holprig und schmal

Der Weg zur Wahrheit holprig und schmal

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Der Weg zur Wahrheit holprig und schmal

Länge:
235 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Aug 13, 2018
ISBN:
9783752891362
Format:
Buch

Beschreibung

Das Philosophenpaar im Live-Dialog über Grundfragen der Philosophie:
Was ist Philosophie? Wie kann man sie abgrenzen gegenüber Wissenschaft und Religion? Kann man als Christ Philosophie betreiben? Bringt sie uns der Wahrheit wirklich näher oder handelt es nur um Spitzfindigkeiten, die das Alltagsleben belasten? Wie muss man sein Leben gestalten, welche Opfer bringen, um Erkenntnis zu erlangen? Der letzte Dialog zum Thema "Preis der Wahrheit" wurde von Radio Darmstadt aufgenommen und gesendet. Das anschließende Interview von Helmuth Müller mit dem Philosophenpaar führte ebenfalls zu einer Sendung. Beide können bei Radio Darmstadt als Podcast angehört und heruntergeladen werden.

"Ich wusste gar nicht, dass Philosophie so verständlich sein kann."
(Helmuth Müller, Radio Darmstadt, nach der Aufnahme des Dialogs im Juni 2015)
Herausgeber:
Freigegeben:
Aug 13, 2018
ISBN:
9783752891362
Format:
Buch

Über den Autor

In Ihrem aktiven Berufslleben war Thea Studienrätin in den Fächern Germanistik und Geschichte. Bruno ist Diplom-Volkswirt und hat in den Nebenfächern Philosophie und Theologie studiert. In seiner Rentenphase hat er daraus Hauptfächer gemacht. Thea und Bruno gehören seit 9 Jahren zu den Moderatoren des Café Philo in Chemnitz. In diskussionsintensiven Veranstaltungen haben sie aktuelle Themen wie Demokratie, Toleranz, Hass und Flucht behandelt. In Vorträgen haben sie sich außerdem mit Themen wie Nahtoderfahrrung, Atheismus und Gehirnforschung befasst. Bruno erhielt beim Philosophy Slam Chemnitz im Jahre 2015 den Preis der Jury für seinen Essay "Ich liebe dich, wenn ich mich liebe. Ich liebe mich, wenn ich dich liebe. Zum Verhältnis von Eigen- und Nächstenliebe."


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Buchvorschau

Der Weg zur Wahrheit holprig und schmal - Thea und Bruno Johannsson

Dieses Buch

Ist eine Einladung zum Mitdenken und Nachdenken über den Stellenwert von Philosophie, ihre Leistungsfähigkeit und ihre Grenzen. Der Leser wird ermutigt, das Motto des österreichischen Philosophen Karl R. Popper zu realisieren, das da lautet:

„Jeder Mensch ein Philosoph."

Durch die von den Autoren modifizierte sokratische Hebammenmethode kann der Leser die Geburt von Gedanken verfolgen, wie sie in einer Mischung aus logischer Disziplin und spontaner Reaktion entstehen. Er kann innehalten und seinen eigenen Eingebungen nachgehen. Hier wird er nicht mit fertigen Ergebnissen konfrontiert, sondern in einen ergebnisoffenen und verständlichen Diskurs eingebunden. Vielleicht regt das seinen Appetit an, sich auch mit klassischen Philosophen zu beschäftigen. Aber wichtiger ist uns, dass er sich seine eigene Meinung bildet. Wenn er möchte, kann er seine diesbezüglichen Gedanken mit uns teilen. Dies wäre unkompliziert über unsere Website mit dem folgenden Link möglich:

https://theaundbruno.jimdo.com/kontakt.

Prof. Dr. Heinrich Kanz gewidmet,

der Bruno in die Philosophie eingeführt hat.

Inhalt

Vorwort

Dialoge

Philosophie – eine Wissenschaft?

Christliche Philosophie – Widerspruch in sich?

Macht Philosophie alltagsuntauglich?

Gibt es eine exakte Sprache?

Die Pilatus-Frage neu gestellt: Was ist Wahrheit?

Der Preis der Wahrheit

Exkurs

Das Interview von Helmuth Müller mit dem Philosophenpaar zum Thema „Preis der Wahrheit" und zur Dialogmethode

Vorwort

Wir folgen dem Motto „jeder Mensch ein Philosoph", das dem österreichischen Philosophen Karl R. Popper zugeschrieben wird. Wenn wir dieser Aussage zustimmen, was ist dann Philosophie? Wie verhält sie sich zu Wissenschaft und Religion? Ist sie der beste Weg zur Erkenntnis? Welche Rolle spielt die Sprache auf dem Weg zur Wahrheit? Diesen ganz grundlegenden Fragen haben wir uns in diesem Band 2 unserer philosophischen Dialoge zugewandt.

Unser Dialogverfahren basiert auf der „Hebammenmethode des griechischen Philosophen Sokrates, die von seinem Schüler Platon überliefert wurde. Um diese Methode an unsere persönliche Situation anzupassen und für die Wahrheitsfindung noch ergiebiger zu gestalten, haben wir sie in mehrfacher Hinsicht modifiziert zu einem „gleichberechtigten, konstruktiven und zweiphasigen Dialog über eine These. Dazu findet der Leser am Ende des ersten Bandes dieser Reihe „Spielregeln der Gesellschaft" einen Essay von Bruno, der das Wie und Warum näher erläutert und begründet.¹. Im hier vorliegenden Band wird in dem Interview mit Helmuth Müller, dem Redakteur von Radio Darmstadt, ausführlich über unsere Methode diskutiert (vgl. S. 203-213.

Die Tatsache, dass es sich bei den Texten dieser Reihe um nur formal geglättete Live-Dialoge handelt, hat für den Leser einen Pferdefuß: Trotz der Beseitigung von Füllwörtern und ähnlicher Entgleisungen beim gesprochenen Wort, bleibt die sprachliche Qualität der Texte mangelhaft, wenn man eine durchschnittliche Schriftsprache zum Maßstab nimmt. Dafür bitten wir den Leser um Verständnis. Es ist der Preis für die Authentizität der Live-Dialoge, die wir erhalten wollten.

Thea Johannsson ist Studienrätin a.D. in den Fächern Deutsch und Geschichte, Bruno war als Diplomvolkswirt in Forschung und Lehre tätig und hat während seines Studiums Philosophie und Theologie als Nebenfächer belegt. Nach Renteneintritt sind daraus „Hauptfächer" geworden.

Unser Ansatz könnte es dem Leser erleichtern, unbefangen seine eigenen Ansichten den hier geäußerten gegenüber zu setzen – schließlich hat er es hier nicht mit „Fachphilosophen zu tun - und damit zu einem im Geiste Mitphilosophierenden zu werden. Nicht nur, wenn ein Leser ein Aha-Erlebnis hat und einen für ihn neuen Aspekt entdeckt, sondern auch wenn er sagt: „Das sehe ich aber ganz anders, weil … hätte dieses Buch seinen Zweck erfüllt.

Auch Helmuth Müller fühlte sich dazu angeregt, selbst in ein philosophisches Gespräch mit dem Philosophenpaar zu dem gerade behandelten Thema einzutreten. Dieses Interview war so umfangreich, dass er daraus eine zweite Sendung gestalten konnte. Helmuth Müller war überrascht, dass Philosophie so verständlich sein kann, was er von der Universitätsphilosophie nicht gewöhnt war. Wir hoffen, dass ihm zumindest ein Teil der Leser dieses Buches zustimmen wird. Über Kommentare, Stellungnahmen, Kritiken – positive und negative – aus Leserkreisen würden wir uns freuen. Sie könnten im Internet über www.theaundbruno.jimdo.com erfolgen. Solange es unsere Kapazität nicht übersteigt, würden wir auch darauf antworten.

Juli 2018 Thea und Bruno Johannss


¹ Vgl. Bruno Johannsson (2017): Die Hebammenmethode modifiziert. Essay, in: Thea und Bruno Johannsson: Spielregeln der Gesellschaft. Was uns zusammenhält und auseinandertreibt. Philosophische Dialoge Band 1 in der Edition Sokrates, BoD, Norderstedt, S. 232 ff.

Philosophie – eine Wissenschaft?

Thea (T): Meine These lautet:

Philosophie ist, streng genommen, keine Wissenschaft.

Bruno (B): Ich darf gleich die erste Frage stellen: Was verstehst du unter Philosophie?

T: Oh, ich dachte, du würdest jetzt fragen: Was verstehst du unter Wissenschaft? (lacht). Unter Philosophie verstehe ich den Versuch, sich der Erkenntnis alles dessen, was ist, alleine mit Hilfe der Vernunft und der Auswertung eigener Erfahrungen zu nähern.

B: Verstehe ich das richtig, dass du mit „Erfahrungen" die ganz persönlichen Erfahrungen meinst ohne Einsatz von wissenschaftlichen Messinstrumenten?

T: Gesammelte Erfahrungen, ganz egal wie man sie sammelt, auch mit Messinstrumenten, gehören durchaus dazu. Das systematische Suchen von bestimmten Erfahrungen, die etwa eine Frage beantworten könnten, das gehört in meinen Augen zur Wissenschaft. Andererseits kann natürlich die Philosophie dann auf die Ergebnisse der Wissenschaft zurückgreifen.

B: Es gibt sicherlich Unterschiede zwischen Philosophie und Wissenschaft. Habe ich richtig verstanden, dass Du doch einen gemeinsamen Bereich von Philosophie und Wissenschaft darin siehst, dass die Philosophie die Erfahrungen der Wissenschaft mit verarbeitet?

T: Richtig. Ich würde sagen, sie verarbeitet sie nicht nur, sie gibt auch der Wissenschaft Impulse. Das heißt, in der Philosophie werden Fragen entwickelt, mit denen sich unter Umständen später wissenschaftliche Untersuchungen befassen, wenn diese Fragen einer solchen Untersuchung zugänglich sind.

B: Hast Du dafür eventuell ein Beispiel?

T: Ich denke, alle Wissenschaft entwickelt sich aus der Neugier und dem Wissensdurst des Menschen. Erst einmal werden Fragen aufgeworfen, Hypothesen aufgestellt. In dem Moment, wo man anfängt zu sagen: „Ja, um das wirklich rauszukriegen müsste man doch mal das und das und das machen" und dann nicht nur auf das zurückgreift, was man sowieso gerade weiß, sondern Wissen systematisch sammelt, um eine bestimmte Frage klären zu können, in dem Moment geht man in den Bereich der Wissenschaft hinein.

B: Bis jetzt ist mir deutlich geworden, dass zwar Philosophie keine Wissenschaft im eigentlichen Sinne ist, deiner Meinung nach, dass sie aber mit den Wissenschaften zusammenarbeitet, dass sie Ergebnisse der Wissenschaft verwendet, und dass sie sogar Impulse an die Wissenschaft gibt, dass somit eine Wechselbeziehung besteht. Meine Frage geht dahin: Wie könnte man denn oder wie möchtest Du diesen Unterschied zwischen Philosophie und Wissenschaft verdeutlichen, nachdem wir bisher mehr über die Berührungspunkte und die Gemeinsamkeiten gesprochen haben. Wo siehst du den entscheidenden Unterschied?

T: In der Umfassendheit des Sachgebiets. Während die Philosophie sich, wie gesagt, grundsätzlich mit allem, was ist, beschäftigt, ist es gerade Kennzeichen der Wissenschaft, dass man sagt: „Na, ja, aber um eine Sache zweifelsfrei zu klären, muss ich mich bescheiden, muss ich mir Gedanken machen, wie ich Fakten sammeln kann. Und es gibt dann eben Fragen, die kann man auf diese Weise nicht mehr klären, und da muss die Wissenschaft, wenn sie ehrlich ist, sagen: „Also hier müssen wir die Segel streichen, hier können wir keinen Beitrag mehr leisten. Aber die Philosophie und das menschliche Fragebedürfnis werden sich an solche Grenzen, die die Bedingungen der Menschlichkeit setzen, nicht halten. Die Fragen gehen immer über das hinaus, was auf diese Weise so hundertprozentig und gesichert klärbar ist. Sozusagen: die Wissenschaft spezialisiert sich, während die Philosophie grenzenlos und umfassend ist und dafür weniger gesicherte Antworten zu bieten hat.

B: Wenn ich das mit den Fachausdrücken der Erkenntnistheorie und der Wissenschaftstheorie darstellen soll, dann machst Du den Unterschied zwischen Philosophie und Wissenschaft fest am Gegenstand.

T: Ja.

B: Der Gegenstand einer Wissenschaft ist spezieller als der Gegenstand der Philosophie. Dann bietet sich jetzt die Frage an, ob es auch methodische Unterschiede gibt zwischen Philosophie und Wissenschaft.

T: Durchaus. Wie gesagt, das Kennzeichen der Wissenschaft ist das Sammeln von Fakten. Gut, es ist vielleicht sogar noch ein Grenzgebiet zwischen Wissenschaft und Philosophie, dass man sagt: Wenn ich das und das wissen möchte oder hier eine Theorie untermauern möchte, was muss ich erst einmal tun, welche Ergebnisse muss ich sichten oder überhaupt erst schaffen, um etwas Qualifiziertes, Gesichertes sagen zu können? Dafür ist die Wissenschaft zuständig. Das ist sozusagen diese kleine Kärrnerarbeit, um dann vielleicht eine Sache rauszukriegen. Und wenn man sieht, es gibt eigentlich keine Methode, um die Sache so abzusichern, dann muss die Wissenschaft, wenn sie ehrlich ist, sagen: „Tut uns leid, nicht unser Gebiet, können wir nicht." Die Philosophie kann dann immer noch zur Spekulation greifen, aber in dem Moment wo die Wissenschaft zur Spekulation greift, verlässt sie, nach meiner Definition, ihr eigentliches Gebiet.

B: Also sind wir jetzt bei der Spekulation angekommen, und ich vermute, Du meinst nicht die Spekulation an der Börse.

T: (Lacht) Vielleicht haben die beiden Spekulationen sogar etwas miteinander zu tun, aber jedenfalls wollte ich mich auf die keineswegs beschränken.

B: Dann wäre die Frage: Was verstehst du unter Spekulation? Die Frage ist insofern bedeutsam, als Du daran methodisch den Unterschied zwischen Philosophie und Wissenschaft festgemacht hast.

T: Gut. Gehen wir zurück zur Börse. Wer da spekuliert, der macht sich bestimmte Vorstellungen von der Zukunft, und auf Grund dieser Vorstellungen von meinetwegen den zukünftigen Ergebnissen einer Firma, handelt er, setzt er sein eigenes Kapital ein, um Aktien dieser Firma zu kaufen oder lieber nicht oder besser abzustoßen. Seine Vorstellungen von der Zukunft haben natürlich gewisse Anhaltspunkte in Daten, die ihm schon in der Gegenwart zur Verfügung stehen, es sind aber keinesfalls ausreichende Daten, um nun die Zukunft mit Sicherheit und präzise prognostizieren zu können. So kommen persönliche Erwartungen und Lebenseinstellungen und was auch immer mit ins Spiel. Im Extremfall könnte man sogar sagen: „Ach, ich riskiere es einfach mal. Der Name gefällt mir so gut". Also man kann mit extrem wenig Daten an der Börse spekulieren. Wie erfolgreich das wäre, ist dann eine andere Sache.

B: War das jetzt schon die Antwort auf meine Frage?

T: Zusammenfassend: ich verstehe unter Spekulation, dass man auf Grund eines geringen und, wie man selbst sehr wohl weiß, unzureichenden Datensatzes versucht, Antworten auf Fragen zu geben, weil man es nicht schafft, für sich selbst diese Fragen offen stehen zu lassen.

B: Hat Spekulation etwas mit Vernunft zu tun?

T: Im weitesten Sinne ja, weil ja auch das Stellen von Fragen schon ein Akt der Vernunft ist. Daher muss der Versuch, eine Antwort auf Fragen zu geben, auch etwas mit Vernunft zu tun haben. Aber umgekehrt würde die Vernunft an einem Punkt sagen: „Kann ich nicht wissen. Aus. Und der menschliche Drang und Wunsch etwas zu wissen – und der ist nun wieder nicht von der Vernunft gespeist, sondern aus anderen Quellen – versucht immer wieder, sich aufzuschwingen, trotzdem noch etwas dazu zu sagen oder anzunehmen unter dem Vorbehalt „ungesichert. Dieser Drang nach Wissen lässt kein Bild unausgemalt. Man sagt dann eben günstigstenfalls: „Das ist zwar eine Spekulation, aber es ist meine Ansicht."

B: Wenn ich den Stand unserer Diskussion kurz zusammenfassen darf: Du hast bis jetzt Philosophie und Wissenschaft unterschieden nach dem Gegenstand und jetzt im letzten Teil auch nach der Methode, wobei sich die Spekulation als eine spezielle philosophische Methode herauskristallisiert hat.

T: Sagen wir als eine mögliche Methode, als eine Methode, die der Philosophie offen steht, der Wissenschaft aber nicht.

B: Inzwischen sind fast zwei Wochen seit unserem letzten Gespräch vergangen, so dass es sinnvoll war, dass wir uns das Protokoll dazu noch einmal durchgelesen haben, um jetzt auch gut anknüpfen zu können. Bei der Überlegung, wann denn dieses erste Gespräch stattgefunden hat, bin ich auf den 31.10.2004 gestoßen, also den Reformationstag. Deshalb stelle ich jetzt die Frage: War Luther ein Philosoph?

T: Ein Theologe ja. Ein Philosoph? Als solchen würde ich Luther nicht bezeichnen.

B: Deine Antwort ist eindeutig: Theologe ja, Philosoph nein?

T: Nach dem, was ich bisher von Luther gelesen habe, ja.

B: Wenn ich deine bisherigen Ausführungen betrachte, zumal was die Methode anbelangt, meinst du, dass Luther in keiner Weise spekuliert hat?

T: Moment! Ich hab ja vorhin gesagt, dass Spekulation zwar eine Methode ist, die der Philosophie offen steht, die aber überhaupt dem Menschen offen steht. Ich will nicht ausschließen, dass Luther spekuliert hat. Aber er hat sich nicht auf seine Vernunft berufen, sondern auf die Heilige Schrift, und die war für ihn ziemlich unhinterfragt gültig. Hätte er sie hinterfragt, hätte er vielleicht darauf kommen müssen, dass es ja die frühe katholische Kirche war, die den Text der Heiligen Schrift als solchen zusammengestellt und beglaubigt hat.

B: Mit anderen Worten: Was die Methode der Spekulation anbelangt, haben wir bei Luther eine Überschneidung zwischen Theologie und Philosophie, so wie du es verstehst. Kannst du gerade noch mal wiederholen, wie du den Gegenstand der Philosophie abgegrenzt hattest. Ich habe das nicht mehr ganz vor Augen.

T: Im Grunde hat die Philosophie keinen spezifischen Gegenstand. Sie kann sich mit allen Fragen des Menschen beschäftigen. Normalerweise wird sie sich nicht mit so praktischen Fragen beschäftigen, wie: „Was koche ich morgen?

B: Gut. Wobei wir uns aber einig waren, dass der Gegenstand der Philosophie eher allgemeiner und der Gegenstand der Wissenschaft spezieller Natur ist.

T: Richtig.

B: Da habe ich aber doch den Eindruck, dass die Fragen, die ein Theologe wie Luther behandelt, sich auch inhaltlich mit den Fragen eines Philosophen überschneiden müssten.

T: Religion und Philosophie haben darin, mit welchen Fragen sie sich befassen, sehr, sehr viele Gemeinsamkeiten, nur dass sich die Religion nicht in dem Maße auf die Vernunft stützt wie die Philosophie.

B: Aber ich habe doch den Eindruck, wir haben sowohl methodisch als auch inhaltlich eine Überschneidung von Philosophie und Theologie festgestellt.

T: Genauso verhält es sich.

B: Da wir Luther nicht teilen können, da er nur eine Person ist, die du ja in die Klasse der Theologen eingeordnet hast, folgt daraus schon fast zwingend, dass er auch Philosoph gewesen sein muss, weil sich ja die Theologie so stark mit der Philosophie überschneidet. Oder siehst du jetzt noch eine Möglichkeit, ihn auszugrenzen und zu sagen: „Nein, Luther war nur Theologe und in keiner Weise Philosoph".

T: So gesehen, ist das richtig. Philosophieren ist in meinen Augen etwas sehr spezifisch Menschliches. Und wie du sagst, gerade Religion und Philosophie sind eigentlich nur zwei Arten, mit solchen Fragen umzugehen. Religion war schließlich schon lange vor der Philosophie da. Das Spezifische an der Philosophie ist, dass es mit den Griechen aufgekommen ist, zu sagen: „Wir wollen diese Dinge mit Hilfe der Vernunft klären, nicht mit Rückgriff auf die Tradition. Wir wollen auch nicht das Gefühl schon als Beglaubigung anerkennen, sondern wir wollen, dass die Antworten vor der Vernunft Bestand haben." Das bedeutet nicht, dass die Leute nicht vorher in der Religion auch ihre Vernunft herangezogen hätten, aber sie haben sie nie derartig aufs Podest gehoben.

B: Eine kleine Zwischenfrage: Würdest du die Theologie als Wissenschaft bezeichnen?

T: Genau so wenig, wie die Philosophie. Mit Ausnahme einiger Unterdisziplinen, wie zum Beispiel die Bibelexegese. Da geht es ja um die richtige Auslegung von Texten. Ob man das nun mit der Bibel macht oder mit anderen Texten, da sind die Methoden sehr ähnlich, da gibt es greifbare gegenständliche Grundlagen und die Ergebnisse sind auch intersubjektiv vermittelbar.

B: Gehen wir zurück zu dem Zusammenhang von Philosophie und Wissenschaft, nachdem die Theologie ähnlich wie die Philosophie eine Stellung außerhalb dessen hat, was du als Wissenschaft bezeichnest. Es gibt in den meisten Einzelwissenschaften zwei Ansätze, nämlich den theoretischen und den empirischen. Nehmen wir das Beispiel der Ökonomie, das ich ja nun etwas näher kenne. Wir haben eine theoretische Ökonomie, in der – ausgehend von Axiomen übrigens – bestimmte Theorien aufgebaut werden, mathematisch ausgeprägt oder nicht mathematisch ausgeprägt, jedenfalls ist das ein reiner Akt der Vernunft, der zunächst einmal ohne Empirie auskommt. Daneben gibt es die empirische Wirtschaftswissenschaft, die ganz bestimmte Fragen stellt und versucht, statistisch untermauerte Antworten zu finden. Das Ganze sind aber Bereiche dieser einen Wissenschaft Ökonomie oder Wirtschaftswissenschaft. So viel ich weiß, ist es in der Physik ganz ähnlich, auch in der Chemie, auch in der Soziologie, auch in der Psychologie….

T: und sogar in der Mathematik.

B: Das ist ein interessanter Einwurf. Da fühle ich mich nicht ganz so kompetent. Das wäre ein Thema für sich, sich das etwas näher anzuschauen. Sind wir uns einig, dass eine Wissenschaft, so wie du sie verstehst in deiner These, in den meisten Fällen zumindest einen theoretischen und einen empirischen Teil hat, die natürlich auch miteinander verzahnt sein können. Sind wir uns so weit einig?

T: Ja. Wobei der rein theoretische Teil doch seine Herkunft aus der Philosophie sehr deutlich zeigt, denn es ist ja interessant, dass der Mensch mit seiner Vernunft eigentlich überhaupt nichts anfangen kann, wenn er nicht als Startbrett irgendwo Axiome hat. Das gilt selbst für eine Wissenschaft wie die Mathematik, die vielleicht die am meisten vom Menschen her konstruierte ist. Dann aber erweist sie sich erstaunlicherweise als geeignetes Werkzeug, um sinnvolle Beobachtungen zu machen oder um die Beobachtungen irgendwie zu ordnen. Das ist wirklich ein .Phänomen, das mich sehr fasziniert.

B: Bleiben wir beim Thema Mathematik, da du es erneut aufgreifst. Wo liegt der Unterschied zwischen Mathematik und Philosophie?

T: Da wird’s wirklich schwer. Das muss ich zugeben. Wie gesagt, die Mathematik ist

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