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Alabasterleib und schwarze Tränen: Eines schrägen Vogels Flugversuch
Alabasterleib und schwarze Tränen: Eines schrägen Vogels Flugversuch
Alabasterleib und schwarze Tränen: Eines schrägen Vogels Flugversuch
eBook199 Seiten2 Stunden

Alabasterleib und schwarze Tränen: Eines schrägen Vogels Flugversuch

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Über dieses E-Book

Peter Altenberg steht im Mittelpunkt dieses Romanprojekts. Er, der als Richard Engländer vom Judentum zum Christentum konvertierte und sich nach einem kleinen Dorf bei Wien umbenannt hat, ist eine zwiespältige Figur in Wien zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Er pflegt merkwürdige Beziehungen zu jungen Mädchen, läßt sich durch zahlreiche Freunde sein Leben finanzieren, ist stark vom Alkohol abhängig, hat seinen Lebensmittelpunkt im Café Central und wird ab und an von Depressionen befallen, so daß er in psychiatrische Anstalten eingeliefert werden muß.
Dieser Freundeskreis, um den sich alles dreht, hat es in sich: So illustre Namen wie Karl Kraus, Arnold Schönberg, Alban Berg, Gustav Mahler (und seine unvergeßliche Alma), Sigmund Freud, Arthur Schnitzler, Gustav Klimt, Egon Schiele, Otto Wagner, Adolf Loos (und seine Frauen) kurz alles, was Rang und Namen hat, gehört dazu. Und natürlich auch alle Geschichten, Episoden und Skandale, die sich um sie ranken.
SpracheDeutsch
HerausgeberBooks on Demand
Erscheinungsdatum19. Nov. 2018
ISBN9783746039930
Alabasterleib und schwarze Tränen: Eines schrägen Vogels Flugversuch
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Autor

Bruno H. Weder

Weder, Bruno H.: geb. 1947 in Berneck im St.Galler Rheintal. Studium der Germanistik, Allgemeinen Geschichte und Schweizer Geschichte an der Universität Zürich. Daneben Violin- (René Armbruster) und Kompositionsausbildung (Paul Müller) an der Musikakademie in Zürich. Promotion. Wissenschaftliche Publikationen und Lehrmittel in verschiedenen Verlagen und Lexika. Tätig gewesen als Professor für Deutsche Literatur an der Pädagogischen Hochschule sowie Lehrbeauftragter am Deutschen Seminar der Universität Zürich. Seit 2010 freischaffender Autor.

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    Buchvorschau

    Alabasterleib und schwarze Tränen - Bruno H. Weder

    Pro Daninku

    Du hast Sorgen, sei es diese, sei es jene - - - ins Kaffeehaus!

    Peter Altenberg

    Inhaltsverzeichnis

    Präludium

    Überflug 1 Was der Tag mir zuträgt

    Am Anfang stand der Tod

    Überflug 2 Wie ich es sehe

    Schaup oder Der Flitzer im Stadtpark

    Überflug 3 Die Fackel

    Des Spazierstocks neuer Kopf

    Überflug 4 Lina Loos

    Dr.A.S.

    Überflug 5 Arthur Schnitzler

    Der Spülwasser-Ausguß

    Überflug 6 Die Neutöner

    Verklärte Nacht

    Überflug 7 Pròdrŏmŏs

    Das Wort

    Überflug 8 H.N.

    Hygieia

    Überflug 9 Splitter: Smaragda

    Adolf Loos kauft Peter einen neuen Anzug

    Überflug 10 Mahler vs. Mahler

    Lou

    Überflug 11 Egon Schiele Der reiche Onkel dreht den Geldhahn zu

    Überflug 12 Albine Ruprich und Paula Schweitzer

    Café Central

    Überflug 13 Dolomiten

    Ostara

    Überflug 14 Fechsung und Nachfechsung

    Am Steinhof

    Überflug 15 Alma

    Watschenkonzert

    Überflug 16 Wally Neuzil Die Orange auf der Pritsche

    Am Lido

    Überflug 17 Mein Lebensabend Grabenhotel

    Knabbern am Kriegszwieback

    Überflug 18 Vita ipsa Grabenkiosk

    Procházka

    Überflug 19 Die Internierten

    Spanische Grippe

    Überflug 20 Der Tod

    Postludium Grabrede und Nachruf

    Biographie Peter Altenberg

    Anmerkungen

    Danksagung

    Quellenverzeichnis

    **********

    Präludium

    Ich erwartete das Glück vergeblich

    Jahre und Jahre lang.

    (Peter Altenberg: Fackel Nr.372-373, 28)

    Ganz sanft erklang in lauer Sommernacht ein süßer Streicherklang. Er schien fast überirdisch, Engelsstimmen gleich. Peter Altenberg hielt inne und lauschte. Er wollte eruieren, woher der Klang kam, und hielt sich am Laternenpfahl am Josefsplatz fest, um nicht durch sein leichtes Schwanken die Himmelsbotschaft zu unterbrechen. Jetzt wurde der satte Bratschenton durch ein Pizzicato abgelöst. Peter war hin- und hergerissen. Sollte er die Quelle suchen gehen? Aber da würde er nur stören. Die Leute in ihren eleganten Roben hätten kaum Verständnis, wenn ein Mann mit Mondgesicht und Seehundschnauz, dazu mit bloßen Füßen in Sandalen, das härene Hemd vorne und seitlich links über den Knickerbockers hängend, plötzlich in einem Spiegelsaal auftauchen würde. Und erst die Musiker! Oder war es gar die holde Weiblichkeit, die die immer rasender werdenden Konfigurationen und Koloraturen den Streichinstrumenten zu entlocken vermochte? Vielleicht sogar seine Natalie? Dann wäre auch Gustav Mahler wohl in ihrer Nähe und würde diesen vorzüglichen Enharmonien lauschen.

    Die Klänge stammten eindeutig aus dem Palais Pallavicini. Er wagte sich ans offene Fenster rechts vom Karyatidenportal. Er hatte sich nicht getäuscht; alles schien sich wie ein offenes Rennen zu entwickeln. Die Streicher umgarnten sich, verhedderten sich in einen Knäuel und lösten sich doch wieder gradlinig auf, wenn die Primvioline ungeahnte Höhen erklomm. Sein Seehundschnauz begann zu vibrieren, ein Zeichen höchster Erregung, und in seine Augen mischten sich etliche Tränen, die ihm über die Backen kullerten. Er stützte sich mit beiden Händen auf den Sims und drückte sein Gesicht gegen die Scheiben, um mehr wahrzunehmen; doch die Scheiben waren blind. Die Läufe trieben jetzt wahre Pirouetten, aufwärts und abwärts. Welche Könner waren an den Instrumenten tätig!

    Er überwand die innere Scheu und beschloß, nach innen zu gehen, um die illustre Gesellschaft zu beobachten. Jetzt redete er sich ein, die würden wohl nichts dagegen haben, wenn er von weitem ein wenig zuschaute und zuhörte. Er ging leise zum Portal, um die Türe, die lediglich angelehnt war, zu öffnen. Schnell schlüpfte er durch den Spalt und schloß das Tor lautlos, indem er sich etwas unsicher gegen den Schließmechanismus stemmte. Er war fasziniert vom lichtstahlblauen Stiegengeländer und dem in Carrara Marmor gehaltenen Boden. Was er allerdings noch nie gesehen hatte, waren die japanischen Vasen, die ein weißes Licht verbreiteten, das das ganze Treppenhaus in eine märchenhafte Atmosphäre verwandelte, was zu den jetzt lauter werdenden Klängen aus dem Obergeschoß nicht so recht passen wollte. Er setzte sich auf die Treppenstufen und ließ sich zu einer Notiz inspirieren. Er zerrte deshalb ein kleines Büchlein aus der Gesäßtasche und kribbelte etwas in seiner Bastardschrift hinein.

    Noch richtiger aber ist es, daß alle diese überirdischen, rätselvollen, undurchdringlichen, genialen Spielereien eines einzelnen besonders Begnadeten unsere an Tag und Stunde und das ewig unenträtselte Leben gebundene Gehirne und Seelen schwächen, ja in unnötige Melancholien und vergebliches Nachdenken über uns selbst und unsere armselige undurchdringliche Bestimmung, von Geist und Seele aus (mit dem Leib kann man sich noch eine Zeitlang wenigstens mit den richtigen Erkenntnissen der Hygiene und Diätetik gegen die tägliche, stündliche Vergiftung unserer Lebens-Elastizitäten wehren) schwächen, stören, ja, zerstören!

    Jäh wurde Altenberg aufgeschreckt. Aus dem oberen Stockwerk drang jetzt verhaltener Applaus. Er hatte gar nicht bemerkt, daß das aufgeregte Stück zu Ende war. Er wollte sich erheben, war aber zu unsicher, so daß er wieder auf die Stufe zurückglitt. Oben schien eine Türe aufgegangen zu sein; denn ein Stimmengewirr drang an sein Ohr. Er nestelte sein Notizbuch schnell wieder zurück, dann versuchte er erneut aufzustehen, was ihm aber mißlang. Bereits kamen die ersten Besucher, die ihn aber nicht kannten, die Treppe herunter, ihn scheel ansehend.

    Und dann folgte der ganze Club: Arthur Schnitzler, sein Freund, Arzt und selbst Schriftsteller; Sigmund Freud, der Seelenarzt; Karl Kraus, sein Freund, Förderer, Autor von Die letzten Tage der Menschheit und Herausgeber der Fackel; Gustav Mahler, Operndirektor und Komponist, noch ohne seine Alma; Adolf Loos, der kompromißlose Architekt, Freund und Förderer mit Lina; Gustav Klimt, der vielgepriesene Kunstmaler, Gründer der Secession und Förderer von Egon Schiele; Otto Wagner, der geniale Architekt und Schöpfer der Stadtbahn; und, mitten drin, Arnold Schönberg mit seiner Frau Mathilde, der Komponist der Neuen Wiener Schule und des eben gehörten Stücks, von allen begeistert umschwärmt. Etwas betreten blieben alle auf dem oberen Treppenabsatz stehen, als sie des ungebetenen Gasts, dem das ungeplante Treffen sichtlich peinlich war, gewahr wurden.

    Schnitzler hatte sich als erster gefaßt. Er löste sich aus dem Arm seiner charmanten Begleiterin, der Schauspielerin Olga Gußmann, und ging die zwei Stufen zu Altenberg hinunter. Er bemühte sich, seinem Freund auf die Beine zu helfen. Dieser wehrte sich vehement dagegen und sträubte sich aufzustehen. Nachdem Arthur auf seine Frage, was er hier denn mache, keine Antwort bekommen hatte, zog er ihn fast gewaltsam hoch, ungeachtet dessen Gegenwehr.

    Nun bewegte sich auch der übrige Clan, noch berauscht von den Klängen jener Sommernacht; jeder einzelne klopfte Peter freundschaftlich auf die Schultern, und alle waren bemüht, freundlich zu sein und sich nichts anmerken zu lassen. Sie begannen, genüßlich ablenkend, auf Schönberg einzureden, voll des Lobes über dessen Komposition, während der stützende Arzt auf den besäuselten Poeten einwirkte, sich von ihm nach Hause (das war im Moment ein kleines Zimmerchen im Hotel London) bringen zu lassen. Der Komponist, dessen im Dezember 1899 vollendetes Werk Verklärte Nacht über ein Gedicht von Richard Dehmel erstmals in dieser geschlossenen Gesellschaft aufgeführt worden war, fühlte sich dabei unwohl; denn er war es nicht gewohnt, von Seiten dieser Clique in seinem musikalischen Bemühen derart bestätigt zu werden, zumal das Werk vorerst vom Musikverein abgelehnt worden war. Vielmehr faßte er es so auf, daß es sich dabei um Abwehrmanöver handelte, um von der peinlichen Situation mit dem Eindringling abzulenken, was nicht ganz von der Hand zu weisen war. Karl Kraus, dies schon eher gewohnt, Gustav Mahler, bereits die Opernprobe im Kopf, und Gustav Klimt, ohne Mili (gleich Emilie Flöge vom Haute-Couture-Salon Schwestern Flöge), waren zu dieser Zeit bereits verschwunden, Otto Wagner murmelte etwas von Arbeit im Steinhof, und Sigmund Freud zündete umständlich seine Zigarre an, begleitet von einem bösen Blick von Seiten Linas, die deswegen ihren späteren Gatten zu überreden versuchte, Schnitzlers Bemühungen zu unterstützen. So hatten alle offenbar ihre Aufgaben gefunden, nur der gefeierte Komponist blieb etwas betreten auf der Palais - Treppe zurück. Einzelne nachrückende Gäste vermochten ihn auch mit Komplimenten nicht auf den Boden der Realität zurückzubringen, so daß er, als die Gästeschar verrauscht war, in die Dunkelheit der lauen Sommernacht entschwand.

    **********

    Überflug 1

    Was der Tag mir zuträgt

    Hübscher, schlanker Mann, mit gewöhnlichem Kopfe, gewöhnlichen Augen, gewöhnlicher Stirn, gewöhnlichen Manieren. Daß er seinen starken Schnurrbart melancholisch herunterhängen läßt, stets in einer schottischen Reisemütze herumstolziert und ohne langen Überzieher nicht mehr gedacht werden kann, das liegt vielleicht in der literarischen Richtung, die er repräsentiert. Das ist das einzige Auffallende an seinem Äußern. Dem Menschen thut man häufig unrecht, wenn man ihn nicht gesprochen hat. Wer nämlich Altenberg gelesen hat und mit ihm dann spricht, der glaubt, daß der Dichter seine Werke von anderen schreiben läßt. (Extrapost, Wien, 27. November 1899, S.1)

    Auf die Frage Wo? Steht in Wien das Kaffeehaus. Wo spreche ich Dich? – Im Kaffeehause! – Wo werden wir heut nach Tische sein? – Im Kaffeehause! – Wo hole ich Sie mit dem Fiaker ab? - Im Kaffeehause! (Adolf Glaßbrenner; Bilder und Träume aus Wien).

    Peter Altenberg stand erst gegen Mittag auf am andern Tag (wie es bei ihm üblich war) und ging zielstrebig ins Café Museum. Er hoffte, dort Adolf Loos oder Karl Kraus zu treffen, und war erstaunt, Arnold Schönberg vorzufinden, in eine seiner Partituren vertieft. Also machte er kehrt, ohne vom Komponisten der zwölf Töne gesehen zu werden, was den exzentrischen Telegrammstil-Literaten erleichterte. Er ging deshalb, eine Wagnermelodie summend, ins Café Casa Piccola, das am äußeren Rand des Glacis’ lag.

    Dort saß Egon Friedmann (später, 1916, ließ er seinen jüdisch klingenden Namen offiziell ändern in Friedell; denn er konvertierte bereits als Schüler zum evangelischen Glauben), der sich lebhaft mit dem Cafetier Carl Obertimpfler unterhielt, der hinter dem Tresen hantierte.

    «So früh schon auf?» wunderte sich der sitzende Gast.

    «So früh schon im Café? Keine Vorlesung an der Alma Mater?» entgegnete Altenberg.

    «Man soll nie eine Frage mit einer Gegenfrage beantworten.»

    «Und wieso soll man net a Gegenfrage stellen dürfen?»

    Alle drei lachten lauthals, und Friedmann erklärte, daß er einen Vortrag für ein Seminar vorbereite, was ihm bei einem Verlängerten halt leichter falle.

    **********

    Am Anfang stand der Tod

    »Nein, die Frauenseele ist doch nicht so,

    wie ich sie sehe!«

    (Peter Altenberg: Fackel Nr.372-373, 29)

    Alicen’s Kasten. Dies hatte er

    selbst vor wenigen Minuten auf die Karte gekritzelt. Und darüber war der Kasten mit den geöffneten gestemmten Türen. Nicht so sehr der Inhalt des Kastens war der Grund der Betrübnis, sondern die Tatsache, daß er, Peter Altenberg, diese Photo von der Familie Popper erhalten hatte, die er gleich mit dem Schriftzug mit dem sächsischen Genitiv versehen hatte. Als ob der Kasten gestorben wäre. Er rutschte unruhig auf der Bettkante hin und her, ließ das Kinn in die linke Hand gleiten und grochste leicht.

    Die Erinnerungen kamen hoch: Frau Dr. P. hatte ihn im Café abgeholt, und eine Stunde lang durfte er mit den beiden Mädchen, Alice und Gusti, Hand in Hand spazieren gehen. Wann war dies gewesen? Er wußte es nicht mehr. Aber es kam ihm in den Sinn, daß er einen Brief geschrieben hatte, einen Liebesbrief an Ännie Holitscher, worin er die Schwärmerei für kleine Mädchen thematisierte (am 7. November 1893 hieß es Hand in Hand mit den beiden lieben Mäderln). Aber noch am 11. Oktober hatte er seinem Bruder Georg Engländer geschrieben, daß er Ännie vielleicht hätte heiraten sollen. Dabei hatte er sich, wie so oft, nur lustig gemacht, hatte ihr noch vom Hotel Kammer am Attersee einen Brief geschrieben, worin er von ihr zu träumen gedachte.

    Ich übernachte jetzt in Kammer im Hôtel Kammer und wenn ich diesem Brief d. Unterschrift u. dem Couvert die Überschrift gegeben haben werde, wird keine Viertelstunde vergangen sein, daß ich von meinem lieben süßen Mädchen träumen werde.

    Doch schon am andern Tag hatte er dies widerrufen, hatte sich darüber lustig gemacht.

    Mein liebes Aennchen: Ich habe nicht von Ihnen geträumt;

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