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Fuchsnacht: Nimm meine Hand und sieh

Fuchsnacht: Nimm meine Hand und sieh

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Fuchsnacht: Nimm meine Hand und sieh

Länge:
435 Seiten
6 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Aug 27, 2017
ISBN:
9783959910767
Format:
Buch

Beschreibung

Emil Matthei hat es im Leben nicht leicht. Sein Haar hat die Farbe von Karottensaft, er ist Besitzer einer mageren Hühnerbrust und hat sich in der Schule mit seiner Rolle als Mobbingopfer abgefunden. Daheim kümmert er sich um seinen an einer Psychose erkrankten Vater, in der ständigen Angst, zu seinem brutalen Onkel abgeschoben zu werden. Doch alles ändert sich, als Emil nach einem Unfall in der Leichenhalle wieder erwacht: Nachts ein Mensch, tagsüber ein Fuchs, nehmen ihn drei andere Fuchsdoppel unter ihre Fittiche, damit er sich nicht einer der rivalisierenden Gangs anschließen muss. Besonders zu Timon entwickelt sich eine Verbindung, die weit über Freundschaft hinausgeht, und zum ersten Mal fühlt Emil sich dazugehörig und verstanden.
Doch als mehr und mehr ihresgleichen spurlos verschwinden, steht nicht nur Emils Leben, sondern auch die Zukunft aller Fuchsdoppel auf dem Spiel, und schon bald muss er eine Entscheidung treffen: Wird er weiterhin davonlaufen oder sich alten und neuen Herausforderungen stellen?
Herausgeber:
Freigegeben:
Aug 27, 2017
ISBN:
9783959910767
Format:
Buch

Über den Autor


Buchvorschau

Fuchsnacht - Julia Mayer

Abschied

Eins

Vom Verschwinden

Hey, Emil«, sagt er. »Fang!«

Der Ball fliegt aus seinen Händen und saust auf mich zu. Wie in Zeitlupe hebe ich meine Hände, unsicher, ob ich den Ball fangen oder abwehren soll. Ich entscheide mich dafür, mein Gesicht zu schützen.

Die raue Oberfläche schmettert gegen meine erhobenen Arme und hinterlässt ein scheußliches Brennen. Mein Körper, der für den Sportunterricht nicht geschaffen ist, wird von einer Vibration erfasst, die in mir widerhallt. Ich strauchle, sehe mich bereits mit dem Hintern auf dem Boden landen, kann mich aber gerade noch fangen. Wie eine Welle brandet Lachen um mich herum auf, das von einem Schüler zum nächsten getragen wird, während mir der Schweiß auf der Stirn steht und meine Wangen brennen.

»Es ist nur ein Ball! Gott, hast du sein Gesicht gesehen? Hast du’s gesehen? Komm, noch mal, Hühnchen. Diesmal aber richtig.«

Irgendjemand hebt den Ball auf – ich weiß nicht genau, wer – und wirft ihn Justin zu. Er hat große, feingliedrige Hände, in seinem Gesicht blitzen Hohn und Vergnügen auf. Aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein.

Im Gegensatz zu mir ist Justin von ansehnlicher Statur. Er trägt bereits diesen männlich herben Geruch mit sich herum, während ich ein verschwitzter Winzling bin, der vergeblich auf die positiven Veränderungen wartet, welche die Pubertät mit sich bringen soll. Ich habe noch immer eine Hühnerbrust, meine Haut wird von Tag zu Tag blasser und meine Sommersprossen lassen mich aussehen, als wäre ein Universum auf meiner Nase explodiert. Ich bin das perfekte Opfer und ich passe so gut in diese Rolle, dass ich mich nicht einmal über meinen niedrigen Stand in der Klasse wundere.

Es ist die siebte Schulstunde und unser Sportlehrer hat Freiarbeit angeordnet. Wir werfen Bälle hin und her, während die Mädchen auf den Bänken sitzen. Einige kauen an ihren Haarspitzen, andere feuern fiebrige Blicke auf Justin ab. Doch er schenkt ihnen keinerlei Aufmerksamkeit, denn ich bin das Nachmittagsprogramm für Justin und Konsorten. Auf gute Unterhaltung können sie sich verlassen.

Den Sportlehrer interessiert es nicht, was wir machen. Vermutlich steht er draußen und raucht eine. Aber es bringt sowieso nichts, sich zu wünschen, dass er hier wäre. Er ist nur ein Lehrer und kann den nächsten Ball nicht aufhalten, der in mein Gesicht schmettert.

Ich gehe zu Boden, als würde ich aus nichts als Gummi bestehen. Das Getrappel von Turnschuhen quietscht über den glatten Boden, aber ich kann kein einziges der hastig gewisperten Worte verstehen. In meinen Ohren rauscht das Blut. Mein Gesicht brennt und juckt, als würde es jemand von meinem Schädel reißen wollen.

Meine Haare hängen mir ins Gesicht. Als Erstes streiche ich mir die roten, wieder etwas zu langen Strähnen hinters Ohr und spüre, dass alle Blicke auf mir ruhen. Niemand hilft mir auf, aber ich bin schon froh, dass die Jungs aufgehört haben, weiter mit ihren Bällen auf mich einzudreschen. Sobald ich etwas besser sehen kann, erkenne ich auch den Grund dafür: Herr Wolwack kommt breitbeinig zur Tür rein.

»Na, wieder ’nen Ball eingefangen?«, lacht er und flammende Hitze schießt in meine Wangen. Er entlässt die Schüler aus der Sporthalle, nur mich ruft er noch einmal zu sich. Herr Wolwack hat ein rotes Gesicht und einen dicken, aber ziemlich strammen Bauch, den er mit einem Polohemd so weit wie ein Zelt zu verdecken versucht. Wie alle Sportlehrer, die wir jemals hatten, hat er irgendwann kräftig zugelegt, aber seine Gewinner-Mentalität hat er nicht abgelegt.

Er legt mir seine Hand auf die Schulter und blickt mich gönnerhaft an.

»Matthei«, spricht er mich mit meinem Nachnamen an und ich weiß nicht, ob ich ihm in die wässrigen Augen schauen oder den Blick senken soll. Letztendlich starre ich hilflos zwischen seinem Haaransatz und seinem Ohrläppchen in die Luft. »Du musst dir echt abgewöhnen, so ein verdammtes Opfer zu sein. Niemand mag ’nen Komplettversager. So kriegst du nie ’n Mädchen ab. Du bist doch ein Mann, oder?«

Ich weiß, er wartet darauf, dass ich nicke, aber ich tue ihm den Gefallen nicht. Ich habe mich dazu entschlossen, beschämt auf meine Schuhe zu starren und die kleine Predigt, die er mir anscheinend halten will, über mich ergehen zu lassen.

»Wenn du ein Mann sein willst, dann benimm dich auch wie einer und nicht wie eine Memme. Und du brauchst auch gar nicht zu heulen wegen so ’nem Kram, das ist doch lächerlich.« Er tätschelt freundschaftlich meine Schulter.

»Ich weine nicht«, raune ich und werde noch röter, als meine Stimme auf und ab kiekst. Immer wenn man es am wenigsten gebrauchen kann, kommt der Stimmbruch zum Vorschein. Ich bin der Einzige in meiner Klasse, der noch damit zu kämpfen hat. Und sie lassen es mich ebenso spüren wie Herr Wolwack, der lacht und mich in Richtung Garderoben begleitet.

Ich trete als Nachzügler an die frische Luft und Herr Wolwack schließt hinter mir ab. Eigentlich bin ich ganz froh darüber, dass ich mich nicht mit den anderen Jungs umziehen musste. Mein blasser Körper ist im Gegensatz zu denen der anderen wie ein ewiges Vorher-Bild auf einer Bodybuilding-Webseite, wer will sich so schon zeigen.

Ich verabschiede mich von meinem Sportlehrer mit einem flüchtigen Winken, schwinge mich auf das klapprige Fahrrad meines Vaters und mache mich auf den Weg nach Hause. Radfahren ist der einzige Sport, der mir gut gefällt. Obwohl ich normalerweise etwas träge oder, mit den Worten meines Onkels, »lahmarschig« bin, stelle ich mich auf dem Rad gar nicht so übel an. Ich fahre schnell, aber vorsichtig, um nicht in einen Unfall zu geraten. Zudem kann ich nicht genug davon bekommen, wenn mir jemand ausweicht. Manchmal provoziere ich es regelrecht und fordere einen Zusammenprall mit einem Fußgänger heraus. Aber sie weichen immer früh genug aus, oder ich flitze in letzter Sekunde um sie herum.

Einzig und allein mein Fahrradhelm ist mir wichtig. Das sorgt bei meinen Mitschülern oftmals für Lacher, weil er ziemlich alt ist und sonst niemand Wert auf seine Sicherheit legt. Ich aber schon.

Als ich neun war, haben Papa und ich gesehen, wie ein Mädchen angefahren worden ist. Mein Vater hat seitdem auf den Helm bestanden und so habe ich es auch den anderen Schülern erklärt. Aber wenn ich ehrlich sein soll, bin ich froh, eine Ausrede zu haben, um ihn zu tragen. Ich fühle mich sicherer mit ihm auf dem Kopf und obwohl er alt, seine Farbe bereits abgeplatzt ist und der Kunststoff darunter zum Vorschein kommt, ist er eines meiner Heiligtümer.

Mein Vater und ich leben zu zweit in einer Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung in der Platte. Es gibt ein Schlafzimmer für jeden von uns und eine kleine Wohnküche. Die niedrigen Decken fühlen sich vor allem im Winter, wenn die Tage kürzer werden, an, als würden sie auf mich niederdrücken. Seit ich denken kann, waren immer nur mein Papa und ich hier. Er und ich, niemand sonst.

Als ich noch ein kleiner Junge war, hat meine Mutter uns verlassen. Sie ist einfach gegangen, hat ihre Vorhänge und Fotoalben mitgenommen. Papa sagt, dass nur noch ihre Tasse mit Kaffeesatz auf dem Küchentisch stand. Er konnte sie drei Monate lang nicht wegräumen und kam schließlich in eine Klinik für psychotische und depressive Störungen. Ich musste derweil bei meiner Tante und meinem Onkel leben. Wenn ich daran zurückdenke, verkrampft sich mein Magen.

Mittlerweile bezieht mein Vater seine Invalidenrente und geht regelmäßig zur Therapie. Aber er ist trotzdem nicht auf dem Damm. Bei seiner Psychose ist es unwahrscheinlich, dass er es jemals wieder sein wird. Vermutlich ist es deshalb nicht verwunderlich, dass ich früh gelernt habe, Verantwortung zu übernehmen.

Ich wollte niemals wieder bei meiner Tante und meinem Onkel, dem jüngeren Bruder meines Vaters, leben. Sie sind vermutlich keine schlechten Menschen, aber sie sind auch nicht das, was ich als meine Familie bezeichnen würde. Obwohl sie das gern für mich wären. Sie meinen es sicher gut, aber was mein Vater und ich brauchen, ist nicht das, was sie für uns im Sinn haben.

Mein Vater braucht mich, denn er kann nicht in der Realität leben. Es gibt eine Welt, die nur ihm zugänglich ist, in der meine Mutter ihn nicht verlassen hat und er nicht allein, vermutlich nicht einmal ein Mensch ist. Mittlerweile weiß ich genug über seine Krankheit, um einiges zu verstehen, wenn auch noch lange nicht alles.

Mir fehlen ab und an die Nerven, um ihm so geduldig und verständnisvoll entgegenzutreten, wie er es verdient. Immerhin hat er mich aufgezogen und mich zu dem gemacht, der ich bin. Das mag nicht der beliebteste aller Jungen sein, aber immerhin weiß ich Recht von Unrecht zu unterscheiden und in meinem Herzen ist keine Wut, sondern nur Hoffnung. Hoffnung auf mehr. Nur in dunklen Stunden fürchte ich, dass die Krankheit meines Vaters eine tickende Zeitbombe ist, die auch in meinem Kopf sitzt und darauf wartet, ausgelöst zu werden.

Ich stelle mein Fahrrad in dem kleinen, schimmligen Keller ab und steige die gemusterten Stufen in die fünfte Etage des Plattenbaus hinauf, in dem wir uns die Miete gerade so leisten können. Die Wohnung ist mit einem braunen Teppich ausgelegt und die Wände habe ich letzten Sommer in einem sonnigen Gelb gestrichen, um dem mickrigen Mobiliar die Trostlosigkeit zu nehmen. Ich glaube nicht, dass mein Vater es schon bemerkt hat.

Wir besitzen nicht besonders viel, aber es ist mir wichtig, diesen Ort so sauber wie möglich zu halten. Besonders die Pflanzen, um die ich mich jeden Tag kümmere, liegen mir am Herzen. Ein Korallenbäumchen und drei Affenbrotbäume. Sie machen mir Freude, selbst wenn es mir schlecht geht. Und ich bilde mir ein, dass sie auch meinem Vater ein karges Lächeln abringen.

Als ich die Wohnung betrete, sind die Gardinen zugezogen und es herrscht stickige Dunkelheit in den Räumen. Ich schiebe die Stoffbahnen beiseite, öffne die Fenster und lasse frische Luft und Licht herein. Papa liegt noch immer in seinem Bett. Auf dem Nachttisch steht unberührt ein Glas Orangensaft, genau dort, wo ich es am Morgen abgestellt habe. Er hat die Decke bis an sein Kinn gezogen, sein grauer Schopf ist alles, was wie der flaumige Schädel eines Vogelbabys unter der Decke hervorlugt.

»Du schläfst ja noch«, murmle ich und lasse mich auf der Bettkante nieder. Papa ist in den letzten Jahren im Zeitraffer gealtert. Bis auf seine verträumten blauen Augen habe ich kaum etwas von ihm geerbt. Ganz zu meinem Verdruss. Meine Haare sind die meiner Mutter, meine Sommersprossen sind wie von ihrer Nase geklaubt und in mein Gesicht gesetzt, und wir besitzen die gleichen androgynen Züge. Ich bin eine wandelnde Erinnerung an ihr Verschwinden.

Kein Wunder, dass Papa sich in seine Traumwelt flüchtet.

Er reagiert nicht auf meine Worte und auch nicht auf meine Hand, als ich ihm über die Schulter streichle. Apathisch lässt er es geschehen, dass ich ihn im Bett aufsetze und seine Kissen und die Decke aufschüttle. Ich schalte den Fernseher ein, den ich extra in sein Schlafzimmer gestellt habe, als sich sein Zustand vor vier Wochen verschlechtert hat. Dann bereite ich eine Schüssel warmes Seifenwasser vor, tauche einen Waschlappen hinein und beginne, ihn zu waschen.

All das ist Routine. Ich habe mir den Umgang mit Papa von seiner ehemaligen Pflegerin abgeguckt, die ich vor etwa einem Jahr abgelöst habe, weil Papa mit niemandem sonst mehr auskommen wollte. Nur mit mir. In seinen schlechten Phasen wird er bei allen anderen Personen grantig und maulig, fängt grundlos an zu schreien und zu zittern, wenn sie ihn berühren. Oder er wirft ihnen in anscheinend ›klaren‹ Momenten Dinge an den Kopf, die sie bis in die Grundfesten erschüttern. Es ist einfacher, wenn ich mich allein um ihn kümmere. Manchmal fühlt es sich wie eine Pflicht an, aber meist macht es mir nichts aus.

Während mein Vater in seinem Bett sitzt und der Fernseher läuft, koche ich uns Nudeln mit Jagdwurst und Streukäse. Manchmal schaffe ich es, dass Papa sich mit mir an den Tisch setzt, aber nicht immer habe ich den Nerv, ihn dazu zu überreden. Weder er noch ich legen großen Wert darauf und gehen somit einem möglichen Streit aus dem Weg.

Heute setze ich mich einfach zu ihm aufs Bett. Schweigend isst er seine Spaghetti, ohne aufzublicken, während ich mir eine Zeichentrickserie reinziehe. Danach stelle ich ihm etwas Musik an und schließe die Tür.

Papa ist gern allein. Es ist einfacher für ihn und es geht ihm besser, wenn nicht andauernd jemand neben ihm herumhockt. Nicht jeden Tag ist er so schweigsam wie heute und er ist auch nicht immer bettlägerig. Er hat einfach seine Phasen. Wenn ich ihn nicht daran erinnere, nimmt er nicht seine Medikamente und schafft es nicht, zu seinem Therapeuten zu gehen. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann wir das letzte Mal gemeinsam einkaufen oder überhaupt draußen gewesen sind.

Keiner meiner Mitschüler weiß von meinem Vater. Ich rede nicht über ihn oder seine Krankheit; vermutlich könnte ich es nicht einmal erklären. Meine Lehrer wissen Bescheid, aber zum Glück haben sie bisher immer ihren Mund gehalten. Zu Elternabenden gehe ich selbst oder Papa telefoniert mit meinem Klassenlehrer, wenn es ihm gut genug geht.

Ab und an frage ich mich, ob die Gesundheit meines Vaters einer der Gründe dafür ist, dass ich in der Schule nicht gut mit meinen Mitschülern auskomme. Eigentlich bin ich ihnen egal und irgendwie sind sie es mir auch. Abgesehen von Justin und seinen Freunden hänselt mich kaum jemand, aber es legt auch niemand darauf an, mich kennenzulernen. Bis auf Theodor, der ebenso wie ich nach dem Unterricht im Computerkabinett als Administrator aushilft, unterhält sich keiner mit mir. Manchmal macht mich das traurig, aber meistens kann ich auch damit ganz gut umgehen.

Ich mache meine Hausaufgaben, bis die Zahlen vor meinen Augen verschwimmen. Danach gucke ich die neueste Folge meiner Lieblings-Science-Fiction-Serie, bevor ich meinem Vater und mir Käsebrote schmiere. Wir sitzen gerade auf seinem Bett und kauen still vor uns hin, als es an der Tür klingelt.

Fragend werfe ich meinem Vater, der auf sein Brot starrt und langsam kaut, einen Blick zu und stehe auf. Im gleichen Moment legt er sein Essen auf dem Nachttisch ab und schiebt die Füße von der Matratze, um mir zu folgen. Er bewegt sich unbeholfen, als würde ihm sein Körper nicht mehr passen.

»Das sind bestimmt Sabine und Marko«, murmelt er und Besorgnis zeichnet sein Gesicht.

Ich verberge meine Überraschung über seine plötzliche Reaktion. Sollten tatsächlich meine Tante und mein Onkel vor der Tür stehen, dürfen Papa und ich uns wieder einiges anhören. Vermutlich schlüpft er deshalb aus seinem Bademantel und in seine Hose. Dabei fängt er an zu schwitzen, wird fahrig und nervös.

Mir dreht sich fast der Magen um, als ich an die Tür gehe und tatsächlich meine Verwandten vor mir stehen.

»Hallo, Junge. Ist dein Papa da?« Onkel Marko lacht, als habe er einen originellen Witz gemacht. »Blöde Frage. Natürlich ist er das. Lässt du uns rein, oder müssen wir uns hier aufm Flur den Arsch abfrieren, hm?« Onkel Marko drängt sich vorbei und klopft mir auf den Rücken. Meine rundliche Tante Sabine zieht mich derweil in eine ungewollte Umarmung, die mich mit Unbehagen erfüllt. Sobald sie mich wieder aus ihrer Umklammerung lässt, schließe ich hinter den beiden die Tür.

»Es ist doch noch gar nicht eure Besuchszeit?«, hake ich nach.

»Ach, papperlapapp. Besuchszeit? Brauchen wir einen Grund, um euch zu sehen?« Tante Sabine hüstelt affektiert, bevor sie und Onkel Marko sich meinem Vater zuwenden, der sich an den Tisch gesetzt hat und sogar ein Lächeln zustande bringt. Die Vene an seiner Schläfe pulsiert, als müsse er sich enorm anstrengen. So beunruhigend diese Situation auch sein mag, wirkt sie auf mich regelrecht lächerlich. Mein Vater, der vor wenigen Sekunden noch apathisch im Bett gelegen hat, sitzt plötzlich am Tisch, als hätte er schon seit Stunden auf seinen Bruder und dessen Frau gewartet. Seine Augen glänzen ungesund, aber wem soll das schon auffallen außer mir?

»Schön, dass ihr da seid«, behauptet Papa. Aber seine Augen können mich nicht täuschen. Er hat Angst. So wie immer, wenn etwas Ungeplantes geschieht. Er würde lieber allein sein und in seinem eigenen Kopf verschwinden. Aber er fürchtet, dass sie ihn für verrückt halten.

Deswegen gibt es normalerweise nur alle vier Wochen einen Tag, an dem uns die beiden besuchen kommen. Ich finde es bedauerlich, dass es nicht seltener geht, aber dafür müssten wir vermutlich auf ihre finanzielle Unterstützung verzichten. Wenn ich könnte, würde ich ihr Geld ablehnen, aber auch das ist mir nicht möglich. Egal wie wenig ich meinen Onkel ausstehen kann. Er ist ein Trinker, ein Pöbler und ein Besserwisser. Er schlägt zu, wenn ihm die Worte fehlen, was eigentlich immer der Fall ist. Und meine Tante ist auch nicht besser, obwohl sie noch nie zuvor die Hand gegen mich erhoben hat. Dafür keift sie und plappert ihrem Mann alles nach wie ein Papagei. Ich weiß nicht, ob Papa die beiden überhaupt mag, aber vermutlich ist er zu höflich oder zu ängstlich, um sie darauf hinzuweisen, dass es nicht gut für ihn ist, wenn sie den Besuchstermin nicht einhalten.

Mein Vater ist jemand, der sich leicht verunsichern lässt. Je mehr Menschen etwas von ihm wollen, desto öfter flieht er in seine Fantasiewelt. Als würde die intensive Auseinandersetzung mit der Realität einen Schock für sein System darstellen. Bis er nur noch auf Sparflamme läuft, nicht mehr ansprechbar ist und ich ihn nicht einmal mehr dazu bewegen kann, sich von einer Seite auf die andere zu drehen, als würde sein Körper nicht mehr ihm gehören.

In diesem Augenblick erkenne ich meinen Vater kaum wieder. Es ist, als wäre er aus einem langen Schlaf erwacht. Seine Augen sind unheimlich weit geöffnet und er wirkt so aufmerksam wie schon lange nicht mehr – wenn auch nicht auf eine gute Art und Weise. Sein Bruder setzt sich an den Tisch und lamentiert darüber, ob die Nationalmannschaft die nächste Europameisterschaft gewinnen oder verlieren wird.

Meine Tante wirft währenddessen einen Blick auf das dreckige Geschirr im Spülbecken, verzieht die Lippen und macht sich an den Abwasch. Ich setze mich zu Papa und bleibe stumm. Ich kann ihn nicht allein lassen. Nicht mit den Menschen, die seine Situation nicht verstehen und dazu neigen, ihn hinter seinem Rücken als einen »faulen Sack« zu beschimpfen. Sobald mein Onkel ein Bier intus hat, nimmt er kaum noch ein Blatt vor den Mund. Das macht es noch schwerer, ihn zu mögen. Anscheinend hat er nicht bedacht, dass ich es mit meinen fünfzehn Jahren durchaus bemerke, wenn er in seinem typischen Lallen über jemanden herzieht, der sich gerade im Nebenraum befindet.

»Was führt euch denn her?«, frage ich und richte mich auf meinem Stuhl auf. Papa würde diese Frage niemals stellen, aber ich störe mich nicht daran, mich bei den beiden unbeliebt zu machen.

»Wir wollten nur mal hören, wie’s euch so geht«, knurrt Onkel Marko und wirft mir einen grollenden Blick zu. »Ist doch nicht verboten, oder?«

»Ich wundere mich nur, weil ihr doch erst vor zwei Wochen hier wart.« Ich fühle mich unwohl, halte aber dem Blick meines Onkels stand.

Meine Tante stellt ein kühles Bier, das noch von ihrem letzten Besuch in unserem Kühlschrank vor sich hin gammelt, vor ihrem Mann ab und mustert mich ebenfalls, als wäre ich ein Insekt, das sie am liebsten zertreten würde. Als wäre ich gar nicht anwesend, wendet sich Onkel Marko an sie.

»Glaubst du, was der Bengel zu sagen hat? Der spinnt wohl. Seit wann brauchen wir einen Grund, um meinen Bruder zu besuchen?« Er lacht rau und lehnt sich auf dem Stuhl zurück. Doch ich sehe genau, dass ihm der Schweiß auf der Stirn ausbricht. »Sag doch auch mal was, Sören«, wendet er sich an meinen Vater. »Findest das etwa in Ordnung, wie dein Bengel uns behandelt, hm? Der hält sich ja wohl für was Besonderes, so als Gymnasiast und alles. Hm, kann der uns so behandeln? Brauch’ wohl mal eine ordentliche Tracht Prügel.«

Papa lächelt gequält, während Wut in mir hochsteigt. Mein Onkel hat leider das gleiche Gen, das auch ich tief in mir trage und hasse: Er fühlt sich permanent ungerecht behandelt. Doch wir unterscheiden uns darin, wie wir mit diesem Gefühl umgehen. Während er sich in Tiraden verliert, sind mein Vater und ich eher diejenigen, die sich gegen sich selbst wenden. Vielleicht ist das nicht gerade gesund, aber wenigstens sind wir dadurch nicht einmal halb so jähzornig wie Onkel Marko.

Sie versuchen noch eine Weile, ein Wort aus Papa herauszubekommen und ihn in ein Gespräch über seine Krankheit zu verwickeln, aber er weicht immer und immer wieder aus. Unzufrieden verabschieden sich die beiden schließlich. An der Tür höre ich Tante Sabine zu meinem Onkel sagen: »Was für eine Geldverschwendung. Und der arme Junge, wie kann Sören denn noch für den sorgen, hm? Wir sollten ihn mit zu uns nehmen. Und dein Bruder sollte sich Hilfe holen, in eine Klinik gehen und dann … ja, dann ins betreute Wohnen oder so, wo sie Spinnern wie ihm helfen können. Da gibt’s doch genug Möglichkeiten, oder etwa nicht? So geht das doch nicht weiter!«

Dann zieht Onkel Marko die Tür hinter sich zu und ihre Schritte und Stimmen verklingen.

Ich bin wie gelähmt. Mein Vater hat sich Mühe gegeben, so wie immer, wenn sie vor der Tür stehen. Er hat sich zusammengerissen und sich selbst aus seinem Trott gezogen, um auf sie so normal wie möglich zu wirken. Ich weiß, wie viel ihn das kostet. Und wie zahlen sie es ihm zurück? Indem sie behaupten, dass er nicht einmal das Recht oder die Fähigkeiten hat, mich aufzuziehen?

Langsam kehre ich in die Küche zurück. Papa stellt gerade Onkel Markos leere Bierflasche in unsere Pfandflaschen-Kiste, als sich unsere Blicke begegnen.

»Wie geht es dir?«, frage ich. Er schüttelt mit dem Kopf.

»Es geht schon. Ich bin bloß müde. Ich denke, ich gehe jetzt zu Bett.«

»In Ordnung. Soll ich dir eine Wärmflasche machen?« 

Er nickt, bevor er sich mit schweren Augenlidern abwendet und in seinem Schlafzimmer verschwindet. Sein Gang wirkt wie der eines Mannes, der kurz davorsteht, unter seinem eigenen Gewicht zusammenzubrechen. All das Dynamische, was ihn normalerweise ausmacht, ist aus ihm herausgesogen worden. Jetzt ist er wieder der Vater, den ich kenne und um den ich mich Tag für Tag kümmere. Er spielt mir nichts vor, was mir meinen Alltag sogar erleichtert.

Ich finde nicht, dass er mich ungenügend versorgt. Er kann eben nun mal nicht immer so sein, wie ich es gern hätte, und ich rege mich nicht mehr darüber auf. Mittlerweile verstehe ich ihn besser als mich selbst. Oft genug wünsche ich mir, ebenfalls nicht in dieser Welt zu leben.

Mit ruhigen Handbewegungen bereite ich Papas Wärmflasche zu und danach mache auch ich mich bettfertig. Es ist kurz vor einundzwanzig Uhr und ich muss morgen wieder früh aufstehen. Ein bisschen lese ich noch in den vergilbten Seiten meines Peter-Pan-Buches, bevor ich wegdämmere und in die Traumwelt sinke, in der Menschen wie Justin, meine Tante und mein Onkel nicht existieren.

Zwei

Ein Gramm Verzweiflung

Das einzige Schulfach, in dem ich mich eigentlich nicht anstrengen muss, ist Informatik. Ich interessiere mich sehr für Computer und Technik. Nicht umsonst bin ich als einer der Administratoren im Computerkabinett tätig. Zweimal die Woche, dienstags und donnerstags, betreue ich nachmittags eine Handvoll Schüler, die das Computerkabinett für ihre Hausaufgaben oder sonstige Aktivitäten besuchen wollen. Die meisten von ihnen haben zwar auch zu Hause Internet, nutzen aber gern die Zeit in der Schule dafür, in Ruhe ein paar Sachen zu erledigen. Einige machen Hausaufgaben, aber die meisten treiben sich in Chats oder Foren herum.

Ich nutze die paar Stunden, um meine Aufgaben zu beenden und vielleicht ein wenig an einem Blog herumzubasteln, den ich für einen Kumpel aus dem Internet co-administriere. Er schreibt Rezensionen über Computerspiele, hat aber wenig Zeit und auch wenig Ahnung von der Pflege und Wartung einer guten Webseite. Also helfe ich ihm. Im Gegenzug dafür bekomme ich ab und an einen Gutschein für den Onlinehandel. Ich hätte es aber auch ohne Bezahlung getan.

Die jüngeren Schüler zeigen mir gegenüber Respekt, aber die älteren wissen, dass ich von Justin und seinen Freunden gemobbt werde und denken, dass sie mir deswegen auch auf der Nase herumtanzen dürfen.

Diesen Dienstag ist es im Computerkabinett außergewöhnlich ruhig. Ab und an hustet jemand, aber meist durchbricht nur das Tippen auf den Tastaturen die Stille. Mal abgesehen davon, dass die unzähligen Rechner im Raum ein leises Summen und extrem stickige Luft generieren. Kurz vor siebzehn Uhr packe ich meine Sachen zusammen und schließe das leere Kabinett hinter mir ab. Die kühlen, einsamen Schulflure liegen vor mir. Lisa und Hanni, zwei Schülerinnen aus der achten Klasse, laufen vor mir die Treppe hinab. Ich lasse mich etwas zurückfallen, ihr Lachen verklingt in den leeren Hallen.

Wenn alle Schüler das Gebäude verlassen haben und ich glaube, dass ich der Einzige bin, der noch durch die von blauem Linoleum durchzogenen Gänge wandert, kommt mir dieser Ort beinahe freundlich vor. Als wäre der Schrecken zusammen mit den anderen Jugendlichen hinaus in die Welt verschwunden. Plötzlich kann ich die Schule als das sehen, was sie ohne die anderen ist: Ein Ort, der voller Stille das Wissen von Generationen einatmet. Ein Ort, an dem sich Worte und Gedanken ansammeln wie Muscheln am Strand.

Ich atme tief ein, werde ruhiger und jeglicher Stress fällt von mir ab. Meist verharre ich noch ein paar Minuten, auch wenn ich weiß, dass in Kürze der Hausmeister kommt und das Gebäude abschließt. Dann trete ich hinaus an die frische Luft und mache mich auf den Weg zu meinem Fahrrad, das auf dem Parkplatz angekettet steht.

Schon von Weitem kann ich Justins sportliche Gestalt ausmachen. Meine Schritte stocken, Schweiß sammelt sich in meinen Handflächen. Das große Unbehagen schlägt in meinem Magen Purzelbäume. Er ist nicht allein. An seiner Seite befinden sich die üblichen Verdächtigen: Jonah und Tillmann, seine zwei Kumpel aus der Parallelklasse. Alle drei feixen mir bereits entgegen. Sie stehen direkt neben meinem Fahrrad und rauchen. Eigentlich dürfen sie das hier auf dem Schulgelände nicht, aber um diese Uhrzeit ist die Wahrscheinlichkeit, noch von einem Lehrer entdeckt und zurechtgewiesen zu werden, sehr gering.

Ich blicke mich um, aber die beiden Mädchen an der Bushaltestelle sehen in die andere Richtung. Sie könnten mir vermutlich sowieso nicht helfen. Schluckend gehe ich weiter auf mein Rad zu – und somit auch auf die drei Missetäter. Schau einfach geradeaus, sage ich mir. Sie können dir nichts anhaben.

Es ist nicht so, als wäre dies eine neue Situation. Ich bin schon öfter von den dreien abgefangen worden, weshalb ich Strategien entwickelt habe, um den Orten, an denen sie rumhängen, aus dem Weg zu gehen. Ich fahre nicht länger Bus, damit sie mich nicht bespucken und mit Sachen bewerfen oder in meinen Rücken treten können. Ich gehe nicht in das Pomodorino, die beste Pizzeria der ganzen Stadt, weil Jonah dort seinem Vater, dem Besitzer, an der Kasse aushilft. Ich meide den Park auf der Westseite von Hedingen und das Kino. Zudem achte ich immer darauf, dass ich entweder viel früher oder viel später als Justin den Klassenraum verlasse, damit er mich nicht irgendwo in eine Ecke drängen kann. Aber dass sie bis nach siebzehn Uhr warten, um mich nach meinem Admin-Dienst abzufangen, ist ein neuer Rekord an Bösartigkeit.

Sie halten mich nicht davon ab, mich meinem Rad zu nähern. Auch wenn mir Justin gefährlich nahe kommt und Beleidigungen raunt.

»Seht euch nur das Hühnchen an, wie das Hühnchen schwuchteln kann …«

»Hühnerbrust«, »Karottengesicht«, »wandelnde Leiche«, »Hosenscheißer«, »Babyface«. Ich kenne seine Beleidigungen alle schon. Manchmal frage ich mich, ob er sich gezielt neue Spottnamen heraussucht und aufschreibt, um sie nicht zu vergessen. Ob er sie wohl vor dem Spiegel übt? Wenn ja, verschwendet er seine Zeit, denn ich höre nichts, was ich nicht schon kenne. Aber anstatt mich zu wehren, senke ich den Blick und öffne mit Schweiß im Nacken mein Fahrradschloss. Dann schwinge ich mich aufs Rad, aber Justin packt meinen Lenker und reißt ihn herum, sodass ich mich kaum auf meinem Sattel halten kann. Mein rechtes Knie zittert gefährlich.

»Bist du eigentlich behindert, oder warum wehrst du dich nicht?«, knurrt er und kommt mit seinem Gesicht ganz nahe an meines. Mir schießt das Blut in die Wangen, aber ich schweige weiterhin.

Angst kocht in meinen Venen. Ich wünschte, ich hätte den Mumm, ihm ins Gesicht zu schlagen oder ihn zu treten, aber ich fühle mich kraftlos wie eine Marionette, die ohne ihren Puppenspieler bewegungslos im Schrank hängt.

Justin wird durch mein Schweigen noch aggressiver. Er spuckt mir ins Gesicht, sein Speichel tropft von meiner Wange. Tillmann und Jonah zerren mich vom Rad, stoßen mich zu Boden. Ich bin knochenlos und spüre den Aufprall auf dem Boden kaum. In meinem Kopf wird alles weiß und federleicht. Ich glaube, sie treten mich, schmecke Blut auf meinen Lippen. Der Himmel zieht über meinen Kopf hinweg. Das Dach der Schule ist ein spitzer, ferner Keil in meinem Blickfeld, an den ich mich kralle.

»Scheißschwuchtel«, knurrt Justin schließlich und bespuckt mich ein weiteres Mal. Johlend machen Jonah und Tillmann es ihm nach, ihre Gesichter so hell erleuchtet vor Befriedigung, als wären sie Sterne, die ein letztes Mal aufleuchten, bevor sie vergehen.

Sie entfernen sich lachend, düsen in Richtung Bus. Auf dem Boden bleibe nur ich zurück, mit schmerzenden Rippen und einem metallischen Geschmack im Mund. Als ich mir sicher bin, dass sie verschwunden sind, richte ich mich auf, wische die Spucke aus meinem Gesicht und von meiner Kleidung.

Tränen kitzeln in meinen Augenwinkeln, aber ich kämpfe sie nieder und versuche, mein verbogenes Lenkrad wieder zu richten. Mein Körper brennt, als wäre ich tausend Meilen gerannt. Ich fahre, komme gefühllos daheim an und trage das Rad in den Keller. Scham und Enttäuschung vollführen in mir einen holprigen Tanz. Aber da ich in wenigen Minuten meinem Vater gegenüberstehen werde und ihn nicht beunruhigen möchte, ringe ich um Fassung. Ich darf gestresst aussehen, das ist nicht ungewöhnlich genug, als dass es ihm auffallen würde. Aber wenn er sieht, dass ich geweint habe, wird er sich Sorgen machen. Und wenn es etwas gibt, das ich nicht will und nicht verkrafte, dann das.

Ich bin etwas spät dran. Eigentlich hätte ich bereits vor zwanzig Minuten zu Hause sein müssen. Mein Vater ist sehr empfindlich, was spontane Änderungen angeht – ich habe deshalb einen strikten Zeitplan, um uns den Alltag zu erleichtern. Schwitzend hetze ich die Treppen hoch und schließe die Tür auf. Es ist ruhig in der Wohnung, kein Lüftchen regt sich.

»Papa? Bist du da?« Blöde Frage, stelle ich fest und lächle mild. »Worauf hast du denn heute Appetit? Wieder Nudeln?« Ich hänge die Schlüssel ans Brett, pelle mich aus meiner Jacke und streife die Schuhe ab. Dann begebe ich mich in die Wohnküche, aber Papa ist nirgends zu sehen.

Langsam öffne ich die Tür zu seinem Schlafzimmer, in dem ich ihn vermute, aber sein Bett ist leer. Erst nach ein paar Sekunden wird mir klar, dass es nicht nur einfach leer, sondern sogar gemacht worden ist. Die Decke ist fein säuberlich zusammengelegt und das Kissen aufgeschüttelt. Zudem hat er das Fenster gekippt. Das letzte Mal, dass ich das erlebt habe, ist etwas mehr als ein Jahr her. Das war an meinem Geburtstag, an dem er sich richtig Mühe gegeben hat. Er ist sogar mit mir draußen gewesen – wenn auch nur für fünfzehn Minuten.

»Papa?«

Ich schließe die Tür und schaue stattdessen im Bad und schließlich in meinem Zimmer nach – aber er ist nirgendwo zu finden. Hastig eile ich zurück in den Flur und bemerke, dass seine Schuhe fehlen. Ich hetze zu seinem Kleiderschrank. Auch seine Jacke ist verschwunden.

Ist er etwa allein rausgegangen? Ich bin alarmiert und beunruhigt, auch wenn

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