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Kati Küppers und der entlaufene Filou

Kati Küppers und der entlaufene Filou

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Kati Küppers und der entlaufene Filou

Länge:
254 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Sep 3, 2018
ISBN:
9783958131538
Format:
Buch

Beschreibung

Vor der Kirche in Niederbroich läuft Kati Küppers der Jack Russell Filou zu. Er findet bei einem Waldspaziergang eine von Maden befallene Leiche, die die Polizei nicht identifizieren kann. Auch Rechtsmedizinerin Natalie stößt an ihre Grenzen. Hier kann nur ein Experte helfen: Patentante Biggi, Professorin für Entomologie und Katis beste Freundin. Zum Unmut von Kommissar Rommerskirchen steckt Kati bald tief in den Ermittlungen. Sie stellt nicht nur die richtigen Fragen, sie ist auch ständig am richtigen Ort, etwa in der Bäckerei Bongarz, wo man sich die neuesten Gerüchte zuflüstert.
Herausgeber:
Freigegeben:
Sep 3, 2018
ISBN:
9783958131538
Format:
Buch

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Kati Küppers und der entlaufene Filou - Barbara Steuten

Stein

Prolog

Seine beleidigenden Bemerkungen. Seine stolzgeschwellte Brust. Sein überheblicher Blick. Sein hämisches Lachen. Alles hätte ich ertragen. Aber ihren Namen in seinem Mund. Aus seiner Schnauze. Aus der dreckigen Fresse, die bei jedem Atemzug eine stinkende Wolke ausstieß.

Ich bin ihm nur übers Maul gefahren, ich schwöre. Und plötzlich hat er das Beil in der Hand. Fuchtelt wild damit herum. Reißt es hoch über den Kopf. Klarer Fall von Realitätsverlust. Selbstüberschätzung. Ich sehe noch den hasserfüllten Blick seiner Schweinsäuglein, höre sein Gekeuche. Es kracht und splittert und spritzt. Er liegt am Boden. Kein herablassender Blick mehr. Kein Wort mehr aus seinem Mund. Nie mehr. Endlich ist Ruhe. Himmlische Ruhe. Und ein unbeschreiblicher Frieden in meiner Brust.

1

Die Sonne blinzelte durch die Vorhänge und kitzelte Kati aus dem Schlaf. Hätte das Baugerüst nicht vor dem Fenster gestanden, wäre es viel heller im Zimmer gewesen und sie längst aus den Federn. Ein kurzer Zwischenstopp im Bad musste heute reichen. Aus der Küche duftete es bereits nach Kaffee und frischen Brötchen.

»Warum habt ihr mich nicht geweckt?« Sie schmiegte sich von hinten an Jo, der den Kaffeefilter zum wiederholten Mal in kreisenden Bewegungen mit kochendem Wasser füllte. In einem Barista-Kurs hatte er gelernt, dass sich das Aroma dadurch besser ausbreiten könne. »Reicht doch, wenn einer aufsteht und Schulbrote schmiert.«

Seitdem Jo in Rente war, hatte er zum Segen für alle die Küche für sich entdeckt. Denn Katis Kochkünste beschränkten sich auf Marmelade und Kaffee. Jedenfalls hatte sie das bis zu diesem Barista-Kurs gedacht. Jetzt war sie sich nur noch ihrer erfindungsreichen Marmeladenkreationen sicher. Das Holunder-Chili-Gelee war für Bene der Hit.

»Danke fürs Schlafenlassen.« Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und drückte ihrem Mann einen Kuss in den Nacken.

»Gern geschehen.«

»Und Brötchen hast du auch schon geholt«, bemerkte sie erfreut. Sie setzte sich an den gedeckten Tisch und goss einen Schluck Milch in ihre Tasse.

»Nein.« Jo stellte den Kaffeefilter in die Spüle und die Kanne auf den Tisch. »Bene hatte schon geduscht und Brötchen geholt, bevor ich ihn wecken konnte.«

Kati verschränkte die Arme vor der Brust.

»Bene? Interessant. Dabei jammert unsere Tochter immer, dass sie ihn morgens nicht aus dem Bett kriegt.«

Jo hob die Augenbrauen und schmunzelte. »Wir werden sehen, wie lange er das frühe Aufstehen durchhält. Vielleicht hängt es davon ab, wer in der Bäckerei hinter dem Tresen steht.«

»Ach. Weißt du mehr als ich?« Kati säbelte ihr Brötchen in zwei Hälften.

Jo versuchte vergeblich, sein Grinsen zu unterdrücken. »Nö, aber ich war in letzter Zeit öfter beim Bäcker.«

Kati runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf. »Ganz billige Nummer, mir den Einkauf unterzuschieben. Aber du hast gewonnen. Das nächste Brot besorge ich.«

Jo füllte ihre Tassen mit Kaffee. »Er scheint Anschluss gefunden zu haben.«

Kati nickte und rührte Zucker in ihren Kaffee. »Das hab ich mir so sehr gewünscht. Und jetzt? Wenn die Wohnung erst renoviert und die Küche geliefert ist, bekommen wir ihn gar nicht mehr zu sehen.«

»Zum Essen wird er schon noch kommen.«

Kati seufzte. »Irgendwie hatte ich mir das alles anders vorgestellt. Erst war ich schockiert, als Christiane mit der Idee um die Ecke kam, nach Niederbroich zu ziehen. Dachte, wir hocken dann nur noch zusammen.«

Jo lachte.

»Wenn die Kinder uns auf die Pelle rücken, kriegst du Muffensausen. Und wenn sie nichts von sich hören lassen, den Flattermann.«

Kati stand auf, küsste Jo und räumte ihren Teller in die ­Spüle. »Ich bin in der Kirche. Da ist noch einiges zu tun. Wann gibt es Mittagessen?«

»Bei der Hitze? Gar nicht.«

Kati ging zum Küchenfenster und schaute hinaus. Das Baugerüst warf Schatten und ließ den Blick in den Himmel nicht zu. In der Küche war die Temperatur genau nach ihrem Geschmack. Noch.

»Hast du schon Kaffee für Michael gekocht?«

»Heute nicht. Ist doch zu heiß. Aber wenn er Kaffee will, soll er einfach klingeln.«

Kati griff nach einer Wasserflasche und verließ das Haus. Die Hitze traf sie wie ein Schlag und machte das Atmen schwer. Wer konnte, hielt sich im Schatten auf oder drinnen. Dementsprechend leer war die Straße. Kati wusste beim besten Willen nicht mehr, wann es im Mai schon einmal eine solche Hitzewelle gegeben hatte. Michael Schulze turnte mit nacktem Oberkörper auf dem Baugerüst herum und freute sich über das Wasser, das Kati ihm nach oben reichte.

Auf dem kurzen Weg über die Straße lief Kati bereits der Schweiß aus den kurz geschnittenen Haaren und über den Rücken, obwohl es erst kurz nach neun war. Heute hätte sie besser auf ihre Vorliebe für schwarze Oberteile verzichtet, auch wenn sie sich so immer richtig gekleidet fühlte, egal ob eine Beerdigung oder eine Taufe anstand. Der peppige Schal, der ihr Outfit normalerweise abrundete, war nach Jos Äußerungen am Garderobenhaken hängen geblieben.

An Tagen, an denen das Quecksilber über die Dreißiger-Marke kletterte, liebte Kati ihren Arbeitsplatz besonders. Zwar war es auch in der Sakristei stickig und warm, aber im Innern der Kirche empfing sie eine angenehme Kühle, die die Härchen auf Armen und Beinen zum Aufstellen brachte. Die Augen brauchten etwas Zeit, bis sie sich von der gleißenden Helligkeit draußen auf das gedämpfte Licht drinnen eingestellt hatten und man sehen konnte, wohin man trat. Dabei hätte die Küsterin die Kirche im Stockfinstern durchqueren können, ohne irgendwo anzustoßen. Die Dorfkirche von Niederbroich war ihr bis in den letzten Winkel vertraut.

Sie schob die pinke Ponysträhne hinters rechte Ohr und ließ den Blick durch das Gotteshaus schweifen auf der Suche nach Arbeit, die den Aufenthalt im Kühlen notwendig machte. Ihr Augenmerk blieb am Marienaltar im Seitenschiff hängen, auf dem eine Reihe Blumentöpfe mit Begonien stand. Die Pflanzen waren weiß gesprenkelt und machten einen kümmerlichen Eindruck. Kati ahnte bereits die Ursache, bevor sie den Seitenaltar erreicht hatte. Bei den letzten Schritten spürte sie etwas Klebriges unter den Sandalen. Als sie die ersten Wollläuse entdeckte, verzog sie angewidert das Gesicht. Entschlossen griff sie nach dem ersten Topf und dem dazugehörigen Untersetzer und machte sich auf den Weg nach draußen. Dabei schmatzten ihre Schuhe auf dem Steinboden. Ihr war der letzte Blattlausbefall noch gut in Erinnerung. Weil sich das klebrige Zeug, das die Läuse absonderten, wunderbar verteilt hatte, hatte sie den kompletten Gang auf Knien geschrubbt. Zu Hause hätte sie den Boden mit ihrem Wunderputzmittel eingesprüht und mit einem Wisch die Schädlingsspuren beseitigt. Doch der Kirchenboden aus Naturstein vertrug diese Art der Behandlung nicht. Schmierseife war hier das Mittel der Wahl – und zwar sowohl für den Fußboden als auch für die Pflanzen.

Vor der Kirche stellte Kati den Topf in den letzten ­schattigen Streifen, den das Gotteshaus warf, und eilte zurück in die angenehme Kühle. Wenige Minuten später duckten sich acht Begonientöpfe in den Schatten der Kirchenmauer.

Kati betrat die Sakristei und suchte im hintersten Schrank nach der Schmierseife und einem Putzeimer.

»Tja, heiliger Magnus«, wandte sie sich an den Schutzheiligen gegen Ungeziefer und Würmer, »du hättest mir die Arbeit schnell abgenommen. Ein Wink mit deinem Bischofsstab und schwups …«

Sie rührte die Schmierseife in das lauwarme Wasser, bis sie sich aufgelöst hatte, und kramte die Sprühflasche aus der Schrankecke. Dann befüllte sie die Flasche mit der Seifenlauge und verließ die Kirche. Während sie sorgfältig eine Pflanze nach der anderen einsprühte, summte sie vergnügt vor sich hin. Katis Bluse klebte am Rücken, und der Nacken hatte bereits ordentlich Sonne abbekommen. Sie besprühte gerade die vierte Begonie, als die Sprühflasche ihre letzten Tröpfchen spuckte. Ein guter Zeitpunkt, sie aufzufüllen und aus der Sonne zu kommen. Selbst die stickige Sakristei empfand sie jetzt als angenehm kühl. Als sie kurz darauf wieder in die Hitze trat, entdeckte sie den kleinen Hund. Er schleckte das Seifenwasser auf, das sich im Topfuntersetzer gesammelt hatte und wich ein Stück zurück, als Kati auf ihn zutrat. Sein weißes kurzes Fell war staubig, die schwarzen Flecken auf dem Rücken struppig. Er war wohl schon einige Zeit allein unterwegs. Das helle Braun um die wachen, dunklen Augen herum ging zwischen den Ohren in Schwarz über, in dem erste graue Härchen schimmerten. Der Jüngste war er wohl nicht mehr.

»Ach, du Armer. Bist du so verdurstet, dass du die olle Seifenlauge säufst?« Auch wenn Kati sich mit Hunden nicht auskannte, war ihr klar, dass der kleine Kerl ihre Hilfe brauchte. »Ich hol dir frisches Wasser.« Der Hund beobachtete jede ihrer Bewegung und blieb auf Distanz.

Kati konnte ihm nicht einfach einen der Topfuntersetzer vor die Schnauze stellen. Selbst wenn sich keine Wollläuse darauf tummelten, hatten sie zumindest ihre klebrigen Rückstände hinterlassen. Sie musste einen sauberen Untersetzer holen, und die standen im Kirchenkeller.

»Bleib von dem Seifenwasser weg. Du kriegst Bauchweh«, ermahnte sie den kleinen Vierbeiner. Dann eilte sie zurück in die Kirche. Als sie die Tür zum Kirchenkeller öffnete, stand ihr plötzlich das Bild von Kaplan Overath vor Augen. Gekrümmt hatte er am Ende der Treppe gelegen. Vergiftet, wie sich bald herausgestellt hatte. Und prompt hatte sie selbst unter Mordverdacht gestanden. Sie schüttelte den Kopf, um die Erinnerungen an die schrecklichen Ereignisse zu verscheuchen, die noch nicht einmal verjährt waren, und stieg mit Bedacht die Stufen der steilen Treppe hinunter.

Die wenigen Minuten, die sie gebraucht hatte, um den Untersetzer zu holen und mit frischem Wasser zu füllen, hatte der Hund genutzt, sich wieder über die Seifenlauge herzumachen.

»Du dummes Tier«, tadelte Kati ihn. »Komm her, das hier ist viel besser.« Sie schob die Blumentöpfe ein Stück zur Seite, damit sich der Hund in den Schatten hocken konnte, und stellte ihm den Topfuntersetzer mit frischem Wasser vor die Nase. »Trink ruhig weiter, während ich hier die letzten Läuse vertreibe.« Ein paar Minuten später trat sie mit gefüllter Sprühflasche aus der Kirche und wurde mit Schwanzwedeln und einem kurzen Bellen begrüßt.

»Ruhig«, ermahnte Kati den Hund und sprühte die restlichen Wollläuse von den Pflanzen. Dann prüfte sie den Sonnenstand. Der Schattenstreifen vor der Kirche wurde zusehends schmaler. Das würden die Blumentöpfe nicht lange aushalten.

Topf für Topf stellte Kati die Begonien an den Fuß des Marienaltars zurück und achtete jedes Mal penibel darauf, dass der Hund ihr nicht in die Kirche folgte. Dann räumte sie die klebrige Altardecke ab und ersetzte sie durch eine frische.

Kati brachte die leere Sprühflasche zurück in die Sakristei und verstaute die Schmierseife im Schrank. Dann klemmte sie sich die klebrige Altardecke unter den Arm und schloss hinter sich die Tür zur Kirche ab.

Sofort war der Hund an ihrer Seite. Sie blieb stehen. Der Hund tat es ihr gleich. Katis Blick suchte die Straße in beide Richtungen nach Autos oder Radfahrern ab, doch heute Morgen war Niederbroich wie ausgestorben. Michael Schulze stand oben auf dem Gerüst und klebte die Fensterrahmen der obersten Etage mit Kreppband ab. Als sie die Fahrbahn überquerte, setzte sich auch der Hund wieder in Bewegung und schloss schnell zu ihr auf. »Was willst du? Hast du kein Zuhause? Geh.« Doch der Hund schaute sie nur mit schiefgelegtem Kopf an und blieb an ihrer Seite.

Noch bevor Kati den Schlüssel ins Schloss stecken konnte, öffnete sich die Tür, und ein hochaufgeschossener junger Mann trat heraus. Als er die Küsterin sah, lächelte er und hielt ihr die Tür auf.

»Guten Morgen Frau Küppers. Oh.« Sein Blick fiel auf den Hund. »Sie werden verfolgt.«

»Gut erkannt, Herr Rommerskirchen«, entgegnete Kati. »Sie könnten doch bestimmt den Hund freundlicher –«

»Stopp! Stopp! Stopp!« Der junge Mann hob abwehrend die Hände. »Sie wissen doch, was man macht, wenn man etwas verliert? Das sollten Sie auch tun, wenn Sie etwas finden oder Ihnen etwas zuläuft.«

»Zum heiligen Antonius beten?« Kati zuckte die Schultern. »Bei zugelaufenen Tieren hätte ich jetzt eher Franz von Assisi bemüht.«

Rommerskirchen lachte. »Frau Küppers, Sie sind wunderbar! Ich sprach vom Fundbüro. Dort sollten Sie sich melden. Die sind nämlich für alles zuständig, was abhandenkommen kann.«

»Wirklich?« Kati betrachtete den kleinen Vierbeiner, der ihr Gespräch interessiert zu verfolgen schien. »Das ist ein Hund. Und kein vergessener Regenschirm.«

»Für die Zuständigkeit ist das unerheblich«, erwiderte Rommerskirchen. »Sie können das Vieh auch im Tierheim abgeben. Dann machen die Meldung ans Fundbüro.«

Die abfällige Art, mit der der Nachbar über den anhänglichen kleinen Kerl neben ihr sprach, ärgerte Kati. War ihr das Tier eben noch lästig, so hatte es jetzt in Kati eine entschlossene Verbündete gefunden.

Rommerskirchen trat einen Schritt zur Seite und musterte den Terrier, danach Kati. Schließlich reckte er den Kopf, als ob er durchs Treppenhaus bis zu seiner Wohnung im Dachgeschoss schauen wollte. Dann beugte er sich zu Kati vor und raunte: »Hauptsache Sie lassen den Köter verschwinden, bevor Rike ihn entdeckt.«

Auf Katis Stirn bildete sich eine steile Falte. Es war ihr egal, welche Geheimnisse der Kommissar verbergen wollte, doch ehe sie etwas erwidern konnte, legte Rommerskirchen nach:

»Laut Mietvertrag sind Haustiere untersagt. Das habe ich drei Mal nachgeprüft, bevor ich unterschrieben habe.«

Kati hob die Augenbrauen. So hatte sie Philip Rommerskirchen bisher nicht gekannt. Seinem beherzten Eingreifen verdankte sie ihr Leben, und jetzt fürchtete sich der Kriminalkommissar vor einem kleinen Hund? Natürlich kannte man sich nicht gut, nur weil man seit einem halben Jahr im gleichen Haus wohnte. Wenn das schöne Wetter anhielt, könnte Jo den Grill anschmeißen. Bei einem kühlen Bier erfuhren sie dann vielleicht die Hintergründe der Hundephobie. Oder mochte seine Freundin keine Tiere?

Kati zog die Mundwinkel nach unten. »Er ist mir an der Kirche zugelaufen und war halb verdurstet. Jetzt weicht er nicht mehr von meiner Seite. Aber ich hab’s kapiert. Ich werde mit dem Tier nicht zu Ihnen auf die Polizeiwache kommen.«

Die Einladung zum Grillen musste sie sich noch einmal durch den Kopf gehen lassen.

»Schönen Tag noch«, hörte sie Rommerskirchen wünschen, dann fiel die Tür hinter ihm zu.

2

»Mama!« Natalie Hamacher verdrehte die Augen und lehnte sich gegen den Seziertisch. Sie hasste es, wenn ihre Mutter auf der Arbeit anrief. Auch dieses Mal hätten sie das Gespräch nach Feierabend führen können. Die Bedeutung von Feierabend kannte ihre Mutter natürlich nicht. Hedwig Hamacher war rund um die Uhr beschäftigt.

»Ich habe ja nur gefragt«, hörte Natalie sie jetzt sagen und wusste, dass sie dabei eine Schnute zog. Tat sie das eigentlich nur bei ihr? In Gesellschaft hatte sie das noch nie beobachtet.

»Darüber haben wir schon so oft gesprochen.«

»Hätte ja sein können, dass du es dir anders überlegt hast.«

»Habe ich aber nicht. Und ich wüsste auch nicht, warum.«

»Jetzt sei doch nicht gleich eingeschnappt.«

Natalie atmete tief durch. Blöd, wenn ihre Mutter auch noch recht hatte.

»Warum vermietet ihr das Häuschen nicht einfach?«

»Vermieten? An wen? Wer will denn ein kleines Häuschen im Garten? Und das auch noch in Niederbroich?«

»Du bist doch diejenige, die mir immer erzählt, was das Dorf alles zu bieten hat.«

»Aber doch nicht für Touristen.«

»Wieso nicht? Nordrhein-Westfalen wird gerade von den Touris entdeckt. Und von Niederbroich aus kann man sogar Tagesausflüge zu mehreren Städten machen, wenn man nicht gerade die Ruhe auf dem Land sucht.«

»Du meinst das ernst.«

»Ja, todernst.«

»Natalie!«

»Entschuldige, Mama. Aber so sagt man nun mal. Und es hat rein gar nichts mit meiner Vorliebe zu tun, an Toten herumzuschnippeln.«

Ihre Mutter war so stolz gewesen, als sie ihr Medizinstudium geschafft hatte. Jetzt lag auch die Facharztausbildung hinter ihr. Dass sie sich aber täglich mit Toten beschäftigte, fand ihre Mutter schrecklich. Noch schrecklicher als die Tatsache, dass Natalie nicht ins Gartenhäuschen ziehen wollte. Vor Nachbarn und Freunden hätte sie das natürlich nie zugegeben. Da wurde Natalie nur noch »Frau Professor Boerne« genannt. Ein weiterer Grund, nicht auf Dauer nach Niederbroich zurückzukehren. Dabei liebte sie das Dorf und seine Bewohner. Sie liebte es, beim Bäcker samstags Brötchen zu holen und mit Frau Bongarz zu frotzeln. Sie liebte die Karnevalsveranstaltungen der Katholischen Frauen Deutschlands, kurz kfd, über deren Kreativität sie jedes Jahr staunte, und keine Sitzung verpasste. Sie liebte es, unter der Birke im Garten zu sitzen, den Rücken an den Stamm gelehnt, und zu wissen, dass alles im Leben seinen Sinn hatte.

»Ich komme am Wochenende nach Hause und schreibe euch eine Miet-Anzeige fürs Internet. Wie wäre das?«

»Erst mal muss ich mit Papi darüber reden. Das kann ich ja nicht über seinen Kopf hinweg entscheiden.«

Natalie verkniff sich ein Lachen. Wenn ihre Mutter von einer Idee überzeugt war, verstand sie es, diese anderen so unterzuschieben, dass sie dachten, es wäre ihre eigene gewesen. Diese Fähigkeit hatte Natalie von ihr geerbt. Und sie schien die Einzige zu sein, die die Taktik ihrer Mutter nicht nur erkannte, sondern

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