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Die Horbachs: Erinnerungen für die Zukunft
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eBook361 Seiten4 Stunden

Die Horbachs: Erinnerungen für die Zukunft

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Über dieses E-Book

"Die Horbachs" - das ist die Geschichte einer Hattingen Arbeiterfamilie, die sich durch Kaiserreich und Weimarer Republik hindurch, über Faschismus und II.Weltkrieg hinweg und auch im Nachkriegsdeutschland der Besatzungsmächte die Perspektive auf ein besseres Leben für alle Werktätigen kämpferisch bewahrt hat.

Aus ihrem persönlichen Erleben heraus gestaltet Luise Dickhut, geboren 1910, vor dem Hintergrund der ersten Hälfte unserers Jahrhunderts die Erringerungen einer werktätigen Frau für die Zukunft ihrer Klasse.
SpracheDeutsch
HerausgeberVerlag Neuer Weg
Erscheinungsdatum7. Sept. 2018
ISBN9783880215245
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    Buchvorschau

    Die Horbachs - Luise Dickhut

    Nachwort

    Meine Eltern, Kinder des Volkes

    Meine Mutter: Von einer Christin zur Sozialdemokratin

    Ich muß zuerst von meiner Mutter sprechen. Emma Rödelbronn war ein lebensfroher Mensch. Schon als Kind hatte sie sich hohe Ziele gesteckt.

    Mit Vorliebe erzählte sie, wie gern sie im Freien spielte, wenn der Wind so recht aus vollen Backen blies. Dann ging sie auf den kleinen Hügel hinter dem Haus, band ihre Kittelschürze verkehrt herum um, faßte beide unteren Enden der Schürze und wartete auf den richtigen Windstoß. Sobald der ihre Schürze blähte, ging es in hohen Sprüngen abwärts, die Kraft des Windes nutzend. Wenn ihre Mutter sie fragte: »Was machst du da?«, antwortete sie: »Mama, ich will fliegen.«

    Ein fröhliches Arbeiterkind

    Trotzdem stand sie immer mit beiden Beinen fest auf der Erde. Dafür sorgten schon die täglichen Sorgen, die im Hause herrschten und die die Kinder mittragen mußten. Die sieben Geschwister hatten schon früh für den Lebensunterhalt mit zu sorgen.

    Bevor Emma in die Schule ging, ging sie zu einem Schreibwarenhändler und wusch das Geschirr ab. In der großen Schulpause, wenn die anderen Kinder spielten, rannte sie wieder dorthin und erledigte irgendeine andere Arbeit. Dafür bekam sie ihr Frühstücksbrot und die Schulhefte.

    Ihre Schwestern, meine Tanten Anna und Berta, hatten auf ähnliche Weise für ihr Frühstück zu sorgen. Der ältere Bruder, mein Onkel Gustav, belieferte die Zweigläden des Apothekers in den Nachbarorten. Der Knirps trug zu diesem Zweck eine Kiepe auf dem Rücken. Dafür durfte er unter anderem die abgeschnittenen Brotkrusten der Apothekerfamilie essen. »Gustav ist unser Krustenfresser«, so wurde er einmal von der Dame des Hauses ihrem Kaffeekränzchen vorgestellt.

    Auf dem Dorfe wurde früher nur Plattdeutsch gesprochen. Das brachte in der Schule oft Probleme mit sich, denn dort wurde Hochdeutsch verlangt. So geschah eines Tages in der Gesangsstunde folgendes: Weil Mutter ein fröhliches Kind war, hat sie auch immer aus voller Brust gesungen. Der Lehrer spielte auf der Geige, und die Kinder sangen dazu.

    Plötzlich hieb ihre Platznachbarin ihr einen kräftigen Stoß mit dem Ellbogen in die Seite. Die Reaktion der Mutter blieb nicht aus. Sie schlug zurück. Und schon kam der Lehrer mit erhobener Hand wütend auf die beiden zu. Mutter, ihren Kopf mit den Händen schützend, sagte: »Die Lehmann, die stoßte mir.« Und die andere sagte: »Die Rödelbronn, die sung so laut.« Der Lehrer ließ auf der Stelle seinen Arm sinken und kopfschüttelnd wiederholte er: »Stoßte mir ... sung so laut ..., Kinder, Kinder, was für ein Deutsch!« Er war entmachtet und strafte nicht.

    Dieser Schulkameradin hat Mutter öfter an freien Nachmittagen geholfen, die Zeitung der gewerkschaftlich organisierten Bergarbeiter auszutragen. Mit ihr zusammen hat sie am Wegesrand sitzend die Forderungen der streikenden Bergarbeiter buchstabiert.

    Die Bergarbeiter streikten unter anderem für die Errichtung einer Waschkaue auf der Zeche »Alte Hase« in Sprockhövel. Beide Kinder fanden, daß es eine gute Forderung war.

    Damals kamen die Bergarbeiter nämlich noch alle so schwarz, wie sie aus der Grube kamen, nach Hause. Zu Hause mußten sie den Kohlenstaub von ihren Körpern waschen. Das war eine große Belastung für die ganze Familie. Das Wasser mußte meistens vom Brunnen oder von der Pumpe geholt, auf dem Ofen erhitzt und in eine große Bütt gegossen werden. In die einzige, geheizte Stube wurde diese Bütt gestellt. Die Kinder mußten die Stube verlassen, auch im Winter, damit der Vater sich waschen konnte. Darum streikten die Bergarbeiter für eine Waschkaue in der Zeche. Die Kinder erkannten sofort, daß so ein Streik eine gute Sache ist.

    Wenn sich heute die jungen Menschen in den Betrieben nach Feierabend duschen, dann denken sie wahrscheinlich nicht daran, daß ihre Urgroßväter die sanitären Anlagen im Streik erkämpft haben.

    Der Weg ins harte Leben

    Als Mutter aus der Schule entlassen wurde, kam sie zu einem Bauern in Dienst. Schnell lernte sie, als 14jährige, die sechs Kühe zu melken — vor dem Frühstück, versteht sich. Dann kam sie zu einem Bäcker, wo sie vor Morgengrauen aus dem Bett und in die Backstube mußte.

    Schließlich wollte sie auch den feinen Haushalt kennenlernen. Sie trat bei einer Elberfelder Adelsfamilie in Dienst. Hier bekam sie wenig zu essen und eine so minderwertige Nahrung, daß die Gnädige nach einer gewissen Dienstzeit den Arzt kommen und Mutter untersuchen ließ. Während die Herrin den Verdacht auf Schwangerschaft äußerte, stellte der Arzt eine hochgradige Blutarmut fest. Den Rat, viel Milch zu trinken, gab die Herrin an ihre Magd weiter, ohne die Milch zur Verfügung zu stellen.

    Eines Morgens trug Mutter den Kaffee für die Herrschaft ins Speisezimmer. Die Fenster des Zimmers waren weit geöffnet. Draußen weideten einige Kühe. Das Muhen der Kühe scholl ins Zimmer herein. Da sagte Herr von Bechem zu ihr: »Emma, Ihre Schwester hat Sie gerufen«, worauf sie schlagfertig sagte: »Nein, Herr von Bechem, das war Ihr Bruder, der Ochse.«

    Als nach einiger Zeit eine Schimpfkanonade über sie hereinbrach wegen einiger Äpfel, die sie gekauft hatte, die aber dem Geschmack der Herrin nicht entsprachen, knallte Mutter ihr die Äpfel einen nach dem anderen vor die Füße, packte ihre Siebensachen und verließ das Haus. Sie hatte genug von den »feinen Leuten«.

    Das hatte allerdings einen Haken: Damals war die Gesindeordnung noch in Kraft, die erst 1918 durch die Revolution aufgehoben wurde. Sie regelte gesetzlich die Pflichten der unverheirateten Dienstpersonen und besagte unter anderem, daß eine vierteljährliche Kündigungsfrist einzuhalten sei und dieselbe immer nur am Ende eines Dienstjahres ausgesprochen werden konnte. Hatte man diesen Zeitpunkt versäumt, war man für ein weiteres Jahr gebunden. Verstöße gegen die Gesindeordnung wurden gesetzlich geahndet. Mutter hätte durch polizeiliche Gewalt zurückgebracht werden können.

    Die Gesindeordnung wurde am 8. November 1870 von der Monarchie für sämtliche preußischen Provinzen erlassen. Besonders schwer lastete sie auf den Landarbeitern und Hausangestellten, den »Knechten und Mägden«, wie man sie damals nannte. Sie besaßen kein Koalitionsrecht, konnten sich also nicht organisieren, um für Verbesserungen ihrer Arbeitsbedingungen zu kämpfen. So lebten sie in Verhältnissen, die der Leibeigenschaft gleichkamen. Ihr Arbeitstag begann am frühen Morgen und endete spät in der Nacht. Schon das »Erfurter Programm« der SPD von 1891 forderte die rechtliche Gleichstellung dieses Personenkreises mit den gewerblichen Arbeitern.

    Ein weiterer Nachteil für Dienstboten bestand in der Tatsache, daß das Weihnachtsgeschenk, meistens ein Kleidungsstück, Bestandteil des Jahreslohnes war. Da Mutter kurz nach Weihnachten die Stelle verlassen hatte, holte ein Polizist das Weihnachtsgeschenk, ein Kleid, wieder bei ihr ab. Auf weitere Maßnahmen verzichtete die Gnädige großzügig. Immerhin war Mutter um einen nicht unbedeutenden Teil ihres Jahreslohnes betrogen worden, denn das Geschenk galt für das vergangene Jahr, für schon geleistete Arbeit.

    Dann ging Mutter als Dienstmagd in eine Gastwirtschaft. Oft hat sie uns erklärt, warum das nächste Haus an der Zeche eine Gastwirtschaft war. Viele Bergarbeiter kehrten da ein, um den Kohlenstaub, der ihnen im Halse steckte, hinunterzuspülen. Ein großer Teil ihres Lohnes blieb in der Gastwirtschaft, und viele Kumpel waren tief verschuldet.

    Die nächste Stelle, die Mutter antrat, war im Haushalt eines Lebensmittelgroßhändlers in Blankenstein. Ab da nahm ihr Leben eine Wende: durch die Bekanntschaft mit Karl Horbach, ihrem späteren Ehemann.

    Mein Vater — ein klassenbewußter Arbeiter

    Unser Vater war. schon in ganz jungen Jahren in die Gewerkschaft und in die SPD eingetreten. Als 14jähriger hatte er seine Mutter verloren. Unter ihm waren noch vier Geschwister, davon ein Säugling. Sein Vater war dem Leben nicht gewachsen und nur glücklich und umgänglich, wenn er betrunken war. Das ganze Gottvertrauen, in dem Vater erzogen worden war, brach unter diesen Umständen schnell in sich zusammen. Wie verlogen war doch das Wort: »Wo die Not am größten, ist Gottes Hilfe am nächsten.«

    Mit 16 Jahren verließ unser Vater das Elternhaus für immer und wurde alsbald in der Arbeiterbewegung aktiv. Oft hat er uns erzählt, was er als junger Aktivist erlebt hat. Zum Beispiel beim Flugblattverteilen für die Freie Gewerkschaft und die SPD.

    Zu jener Zeit gab es noch keine Briefkästen an den Häusern. Man trug das Flugblatt in die Wohnungen und gab es persönlich ab. In der ersten Zeit gab Vater das Flugblatt zuerst beim Parterrebewohner ab und stieg dann die Treppen hinauf. Da passierte es öfter, wenn er wieder herunterkam, daß auf den unteren Etagen ein rückständiger, verhetzter Arbeiter stand und ihn mit einem Knüppel oder einem Topf Wasser empfing. Deshalb änderte Vater seine Taktik und gab das Material zuerst oben ab.

    Schlimmer war es am Arbeitsplatz. Die Freien Gewerkschafter waren alle bekannt, weil sie für ihre Gewerkschaft agitierten, Mitglieder warben und die Mitgliedschaft in der christlichen Gewerkschaft ablehnten. Das brachte Nachteile bei der Arbeit. So wurde Vater immer die schwerste Arbeit, die dazu noch am schlechtesten bezahlt wurde, zugeteilt. Jedenfalls hatte Vater, als er Mutter kennenlernte, schon seine Erfahrungen im Klassenkampf gesammelt.

    In jene Zeit fiel auch eine Reichstagswahl. Die SPD hatte den Bergarbeiterführer Otto Hue als Kandidat aufgestellt.

    Unsere Mutter ging des Sonntags morgens in die Kirche. Hauptsächlich, um als Dienstmädchen die Freistunde zu genießen; aber sie war auch gläubig. Da hörte sie zu ihrem Erstaunen den Pfarrer von der Kanzel heruntersagen: »Und nun, meine liebe Gemeinde, ein Wort zur Wahl. Wählen Sie nur einen christlichen Vertreter des Volkes und keinen von den roten Volksverführern, die in der einen Tasche den Revolver und in der anderen die Schnapsflasche haben und den roten Schlips um den Hals tragen. Sie sind Deutschlands Untergang.«

    Wie ein Blitz schoß es ihr durch den Kopf: Du hast gelogen! Mein Karl ist kein Trinker, und einen Revolver trägt er auch nicht mit sich herum. Und auch keinen roten Schlips! Alle drei Merkmale passen nicht auf meinen Karl. Ihr Vater war Trinker und Vaters Vater ebenso. So richtete sie ihre Wachsamkeit bei der Partnerwahl genau darauf, daß dieser kein Trinker sei. Man kann sich denken, daß der Gesprächsstoff für diesen Sonntag nachmittag gesichert war.

    Immer wieder gab die heuchlerische Gesellschaft selber dem Vater die Argumente in die Hand. So löste er Mutter Schritt für Schritt in überzeugender Weise von den Ängsten, die die Kirche und die Polizei in ihr erzeugten. Doch bis zur überzeugten Sozialistin beziehungsweise Kommunistin und ihrem aktiven Einsatz für ihre Ideale war noch ein weiter Weg über bitterste Lebenserfahrungen zu gehen.

    Mutters Glaube wird erschüttert

    Als die beiden am 14. Juni 1907 heirateten, waren sie immer noch Mitglieder der evangelischen Kirche, wobei der Vater längst nicht mehr gläubig war. Ihr zuliebe willigte er in die kirchliche Trauung ein, versäumte aber aus Unwissenheit, die notwendigen Formalitäten zu erledigen.

    So kamen sie am Hochzeitstag vor die verschlossene Kirchentür. Jemand lief zum Küster und fragte nach dem Pfarrer. Der war im Garten bei der Arbeit. Daß er trotzdem kam und sich nach einigem Hin und Her entschloß, die Trauung dennoch zu vollziehen, muß man ihm hoch anrechnen.

    Die feierlichen Gefühle der Braut erhielten zu dem ersten Dämpfer, der verschlossenen Kirchentür, gleich noch einen zweiten: An den Schuhen des Pfarrers hingen dicke Klumpen Gartendreck, die der Talar nicht verdeckte. Das dämpfte die feierliche Stimmung der Braut ganz beträchtlich.

    Nach vollzogener Trauung, als das Brautpaar vom Altar zur Kirchentür schritt, bemerkte Mutter, daß der Pfarrer hinter ihnen herging. Bescheiden, wie sie war, und ans Dienen gewöhnt, trat sie zur Seite und wollte dem Pfarrer den Vortritt lassen. Der aber hob ungeduldig beide Hände über seinen Kopf und fuchtelte in Richtung Kirchentür: »Gehen Sie! Gehen Sie!« sagte er mit grimmigem Blick zu ihr.

    So fühlte sie sich an ihrem Hochzeitstag aus der Kirche geworfen. Aber das war nicht der entscheidende Anlaß für ihren Austritt aus der Kirche.

    Nun waren sie verheiratet, und getreu der kirchlichen Verpflichtung »Seid fruchtbar und mehret euch« kamen nach einem guten Jahr Zwillinge — meine Geschwister Else und Karl — an. Nach knapp einem weiteren Jahr kam das dritte Kind, meine Schwester Grete. Und noch einmal verging ein Jahr, und das vierte Kind war da. Das war ich.

    Die Lebensbedingungen waren miserabel. Der Vater hatte eine schlechte, schwere Arbeit auf der Zeche, die wenig einbrachte. Er stand bis über die Knie im Wasser, Bronchialkatarrh und stets entzündete Augen waren die Folge. Nachbarn und Kollegen bearbeiteten ihn, er solle aus der Freien Gewerkschaft austreten und in die christliche eintreten, um eine erträglichere und besser bezahlte Arbeit zu bekommen. Aber sich verkaufen, seine Gesinnung aufgeben — nein! Das wollten meine Eltern nicht. Es kam so weit, daß die Milch für die kleinen Kinder abbestellt werden mußte.

    Nicht enden wollende Diskussionen über Gottes Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und die Notwendigkeit, ein gerechteres Leben erkämpfen zu müssen, brachten die Mutter Schritt für Schritt zur sozialistischen Weltanschauung.

    Wenn es einer Mutter trotz ehrlicher, harter Arbeit am Notwendigsten für ihre Kinder mangelt, sie nicht gerade mit Dummheit geschlagen ist und auch noch einen proletarischen Klassenkämpfer an ihrer Seite hat, dann lernt sie das richtige Denken schnell.

    Die Eltern waren drei Jahre verheiratet, da starb meine Großmutter mütterlicherseits. Sie hinterließ noch vier unversorgte Söhne. Eine Tante nahm zwei von ihnen zu sich und meine Mutter die beiden Älteren. Nun mußte sie zur Mittagszeit an drei verschiedene Betriebe den Henkelmann bringen. Aber nicht lange.

    Der I. Weltkrieg bricht los

    1914 brach der I. Weltkrieg aus. Schon seit Jahren hatten die deutschen Imperialisten eine aggressive Außenpolitik betrieben, von Eroberungsdrang gekennzeichnet. Die fünf Milliarden Goldfranken, die Bismarck 1871 aus dem besiegten Frankreich herausgepreßt hatte, hatten zu einem großen wirtschaftlichen Aufschwung in Deutschland geführt. Zur Ruhrkohle war das Erz Lothringens gekommen; damit war die Grundlage für die Vergrößerung der Schwerindustrie geschaffen. Mit Hilfe des französischen Geldes wurden Fabriken, Hüttenwerke, Bergwerke, hauptsächlich Großbetriebe, errichtet.

    Von 1870 bis 1879 wurden neue Eisenbahnlinien von insgesamt 15 305 km Länge in Deutschland gebaut. Die Kohleförderung stieg in wenigen Jahren um das Vierfache, die Stahlgewinnung um das Achtfache.

    Der Vorsprung der englischen und französischen Wirtschaft wurde eingeholt, zum Teil überholt. Eine so stark entwickelte Industrie brauchte Absatzmärkte, billige Rohstoffquellen und billige Ausbeutungsobjekte.

    »Doch ach, das deutsche Bürgertum erschien am kapitalistischen Speisetisch, als alle Plätze besetzt waren«, schreibt Lenin. Die Erde war bereits aufgeteilt und in festem Besitz anderer nationaler Kapitalistengruppen; Kolonialmächte hatten sich längst gebildet. So forderten die Deutschen die Neuverteilung der Kolonien und rüsteten gewaltig auf, um sich einen größeren Anteil an der Welt zu erobern. Klar und unmißverständlich sprachen die kapitalistischen Politiker ihr Ziel aus. So 1897 der Staatssekretär des Auswärtigen, von Bülow, im Reichstag: »Deutschland hat lange genug zugesehen, wie andere Mächte die Welt unter sich aufteilen. Es muß sich nun auch einen Platz an der Sonne sichern.«

    Als 1897 in China, wo Krupp bereits eine Niederlassung hatte, deutsche Missionare ermordet worden waren, frohlockte Kaiser Wilhelm II.: »Endlich haben uns die Chinesen den so lange ersehnten Grund und Zwischenfall geboten. Hunderte von Kaufleuten werden aufjauchzen in dem Bewußtsein, daß endlich das deutsche Reich festen Fuß in Asien gewonnen hat.«

    Deutsche Truppen landeten in diesem Gebiet, verübten grausame Gewalttaten und erzwangen von der chinesischen Regierung einen Pachtvertrag für 99 Jahre über das Gebiet von Kiautschou. Von hier aus hofften sie, einen größeren Brocken chinesischen Landes zu erobern.

    Als 1911 der Sultan von Marokko von Aufständischen in Fez eingeschlossen war, schickte Kaiser Wilhelm II. das Kanonenboot »Panther« nach Agadir an der Küste Marokkos. Frankreich hatte Marokko annektiert, und es drohte ein Krieg mit Frankreich. Deutschland mußte ein Jahr später das französische Protektorat anerkennen.

    Die Arbeiterbewegung im Kampf gegen die Kriegsgefahr und der Verrat der SPD-Führer

    Mutter nahm nun an den Versammlungen der SPD und an allen Diskussionen teil. Sie erkannte die Kriegsgefahr, vertraute andererseits auf die Kraft der erstarkten Arbeiterbewegung, auf die II. Internationale. Auf dem Kongreß der II. Internationale 1907 in Stuttgart wurde eine Entschließung angenommen, in der es heißt: »Wenn der Krieg nicht verhindert werden kann, verpflichten sich die sozialdemokratischen Parteien, jede in ihrem Lande, mit allen Mitteln auf die rasche Beendigung des Krieges und auf den Sturz der kapitalistischen Regierungen hinzuarbeiten.«

    Auf den internationalen Kongressen 1910 in Kopenhagen und 1912 in Basel wurde dieser Beschluß zum feierlichen Gelöbnis erhoben. Die sozialistische internationale Bewegung war so stark, und es schien bis zum Vorabend des I. Weltkrieges, als würde die SPD ihre internationalen Verpflichtungen einhalten.

    Noch am 25. Juli 1914 erschien im »Vorwärts« ein Aufruf des Parteivorstandes: »Wir wollen keinen Krieg. Nieder mit dem Krieg! Hoch die internationale Völkerverbrüderung!« Drei Tage später, am 28. Juli 1914, demonstrierten die Berliner Arbeiter gegen den Krieg.

    Doch wiederum drei Tage später, am 31. Juli, einen Tag vor der Kriegserklärung an Rußland, überraschte das Zentralorgan der SPD seine Leser mit der Feststellung: »In der Stunde der Gefahr lassen wir das Vaterland nicht im Stich!« und rief zur Vaterlandsverteidigung auf. Das war offener Verrat der rechten Führer der SPD an den internationalen Beschlüssen. Die SPD-Parlamentsfraktion bewilligte die Kriegskredite am 4. August, und Kaiser Wilhelm II. sagte in Richtung Sozialdemokratie: »Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche.«

    Nicht nur für Mutter brach eine Welt zusammen. Obwohl sie die SPD-Zeitung für den ganzen Monat schon bezahlt hatte, lehnte sie die weitere Annahme dieser Zeitung ab. »Raus, raus, raus damit!« war vorerst das einzige, was sie dazu sagen konnte.

    Abschied vom Vater

    Unvergeßlich blieb für Mutter der Abschied von unserem Vater und ihren Brüdern. Alle drei wurden sofort einberufen. Sie waren alle aktive Mitglieder des Arbeitergesangvereins, in dem fast ausschließlich sozialdemokratische Arbeiter sangen.

    Als die ersten Mitglieder zum Kriegsdienst einberufen wurden, machte man vor dem Vereinslokal eine Gruppenaufnahme. Lange hat das Bild an unserer Wand gehangen — vergrößert und eingerahmt, versteht sich. Da standen sie nun, die fröhlichen Sänger. Die Soldaten der ersten Stunde in der vordersten Reihe, den Persilkarton mit den wenigen Habseligkeiten darin vor sich auf der Erde. Die Vereinsfahne mit der aufgestickten Freiheitsgöttin in der letzten Reihe.

    Anschließend ging es mit Musik zum Bahnhof. Mutter protestierte, daß die Fahne mit der Freiheitsgöttin mitgenommen werden sollte. Handelte es sich doch keinesfalls um einen Krieg für die Freiheit des Volkes, sondern um einen imperialistischen Raubkrieg um die Neuaufteilung der Welt, um Rohstoffquellen, Absatz- und Siedlungsgebiete. Als sie verhindern wollte, daß die Fahne mitgenommen wird, wurde ihr entgegengehalten, daß die sozialdemokratische Reichstagsfraktion doch die Kriegskredite bewilligt habe.

    Ja, man ging so weit zu sagen, selbst August Bebel habe gesagt, wenn es gegen den russischen Zaren gehe, würde er selber noch den Tornister auf den Rücken schnallen und mitmachen. Das hatte er wirklich gesagt, doch nicht, weil er für Kaiser Wilhelm II. den Zarenthron erobern wollte. Er wollte die russische Knute nicht gegen den preußischen Soldatenstiefel für die Arbeiter und Bauern Rußlands eintauschen. Vielmehr hatte er an den Befreiungskampf der geknechteten, unterdrückten Proletarier, der Arbeiter und Bauern vom zaristischen Joch gedacht.

    So wurde die Fahne mitgenommen auf den Weg in vier blutige, leiderfüllte Kriegsjahre.

    Onkel Robert ist nicht zurückgekehrt. Er starb nach Ende des Krieges in englischer Gefangenschaft. Onkel Hugo schrieb aus dem Krieg, daß alle am Feldgottesdienst teilgenommen hatten. Der Geistliche habe am Ende der Predigt unter anderem gesagt: »Und nun das Herz zu Gott und das Auge auf den Feind, auf daß jede Kugel treffe«, denn am anderen Tag ging es in die Schlacht.

    Solche Mitteilungen waren bestens geeignet, meine Mutter von ihren religiösen Gefühlen und den damit verbundenen Angstvorstellungen, die sie immer noch hatte, zu heilen. Sie schrieb dem Vater in den Krieg: »Wenn du zurückkommst, soll unser erster Weg uns zum Amtsgericht führen, damit wir den Kirchenaustritt vollziehen können.« Das haben sie auch getan.

    1915 erwartete sie ihr fünftes Kind. Sie wünschte ihren Mann auf Urlaub zu Hause zu haben und fragte in diesem Sinn schriftlich an. Er antwortete auf einer Postkarte: »Wenn du Goldstücke hast, dann schicke mir die, für meinen Vorgesetzten — dann bekomme ich Urlaub, sonst nicht.« Er mußte wohl selber gemerkt haben, daß es gefährlich für ihn war, so etwas auf einer offenen Karte zu schreiben, denn es folgte der Vermerk: »Teile mir sofort mit, wenn die Karte angekommen ist.«

    So brachte sie ihr fünftes Kind, einen Jungen, allein zur Welt. Sie schwor dabei einen Eid, alle Kraft dafür einzusetzen, daß dies der letzte imperialistische Krieg sei. Doch im II. Weltkrieg, 1941, am vierten Tag des faschistischen Überfalls auf die Sowjetunion, wurde dieser Sohn von einer Granate zerrissen.

    Zusammenbruch der II. Internationale

    Wie hatte es nur geschehen können, daß die starke sozialistische Bewegung so zusammenbrach und 1914 zum Büttel von Kaiser und Imperialismus wurde? August Bebel war 1913 gestorben. Er war ein unerschrockener Kämpfer für den Sozialismus, aber leider auch ein Versöhnler gewesen und hatte die SPD trotz der gegensätzlichen, politischen Strömungen, die in ihr herrschten, zusammengehalten.

    Für das Proletariat, für den Frieden wäre es besser gewesen, die Opportunisten und Revisionisten wären aus der SPD ausgeschlossen worden, um die Partei revolutionär und kämpferisch zu erhalten. Schon 1913 hatte die entartete Partei auf dem Jenaer Parteitag die Anwendung von Massenstreiks sowie anderer außerparlamentarischer Kampfmittel abgelehnt.

    Die Parteiführer hatten Burgfrieden geschlossen mit den Feinden der Arbeiterklasse und leisteten ihnen Schützenhilfe. Das bedeutete in diesem konkreten Fall die widerstandslose Unterordnung des Proletariats unter die Befehlsgewalt der zum Kriege treibenden Imperialisten.

    Die Gewerkschaftsleitung erklärte, während des Krieges würden weder Streiks für höhere Löhne noch für irgendwelche Verbesserungen der Lage der Arbeiter durchgeführt. Das bedeutete doch, alle Kraft des Volkes für den Raubkrieg der Imperialisten einzusetzen. Das war purer Verrat an den sozialistischen Zielen.

    Die verratenen Kämpfer, auch meine Mutter, lebten in dumpfer Verzweiflung dahin. Sie hatten keine Kampforganisation mehr und mußten

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