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Auswahlband 3 Abenteuer zur See September 2018 – Drei Seefahrer-Romane in einem Buch
Auswahlband 3 Abenteuer zur See September 2018 – Drei Seefahrer-Romane in einem Buch
Auswahlband 3 Abenteuer zur See September 2018 – Drei Seefahrer-Romane in einem Buch
eBook551 Seiten7 Stunden

Auswahlband 3 Abenteuer zur See September 2018 – Drei Seefahrer-Romane in einem Buch

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Auswahlband 3 Abenteuer zur See September 2018 – Drei Seefahrer-Romane in einem Buch


 

Dieses Buch enthält folgende Romane:

Glenn Stirling: Die schicksalhafte Fahrt der Sweet Lady

Glenn Stirling: Das Flaggschiff des Teufels

Horst Weymar Hübner: Der Falke der Cartagena

Die beiden britischen Schiffe "Bellona" und "Triton" haben Kurs auf Jamaika genommen. An Bord befindet sich auch der einflussreiche Adlige Sir Hyde Montague mit seinem Gefolge, der eigene Pläne hat, von denen jedoch niemand etwas wissen darf. Denn nur er weiß, dass nach dem Einlaufen in den Hafen von Jamaika noch eine andere, weitaus gefährlichere Mission auf die "Bellona" wartet.

Der 1. Steuermann Jeff Bulmer ahnt, dass Montague finstere Pläne schmiedet – und als dieser das erkennt, versucht er alles, um Bulmer auszuschalten. Nur Lady Pamela, die Nichte Sir Hydes, kann Bulmer noch schützen – und sie ist bereit, alles dafür zu tun. Auch wenn am Horizont bereits die Piratenschiffe des Falken von Cartagena auf das britische Schiff lauern. Und wenn die "Bellona" in die Fänge der Piraten gerät, dann ist jeder an Bord in tödlicher Gefahr!

SpracheDeutsch
HerausgeberBEKKERpublishing
Erscheinungsdatum11. Sept. 2018
ISBN9781386055341
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    Buchvorschau

    Auswahlband 3 Abenteuer zur See September 2018 – Drei Seefahrer-Romane in einem Buch - Glenn Stirling

    Auswahlband 3 Abenteuer zur See September 2018 – Drei Seefahrer-Romane in einem Buch

    Dieses Buch enthält folgende Romane:

    Glenn Stirling: Die schicksalhafte Fahrt der Sweet Lady

    Glenn Stirling: Das Flaggschiff des Teufels

    Horst Weymar Hübner: Der Falke der Cartagena

    Die beiden britischen Schiffe „Bellona und „Triton haben Kurs auf Jamaika genommen. An Bord befindet sich auch der einflussreiche Adlige Sir Hyde Montague mit seinem Gefolge, der eigene Pläne hat, von denen jedoch niemand etwas wissen darf. Denn nur er weiß, dass nach dem Einlaufen in den Hafen von Jamaika noch eine andere, weitaus gefährlichere Mission auf die „Bellona" wartet.

    Der 1. Steuermann Jeff Bulmer ahnt, dass Montague finstere Pläne schmiedet – und als dieser das erkennt, versucht er alles, um Bulmer auszuschalten. Nur Lady Pamela, die Nichte Sir Hydes, kann Bulmer noch schützen – und sie ist bereit, alles dafür zu tun. Auch wenn am Horizont bereits die Piratenschiffe des Falken von Cartagena auf das britische Schiff lauern. Und wenn die „Bellona" in die Fänge der Piraten gerät, dann ist jeder an Bord in tödlicher Gefahr!

    COPYRIGHT

    Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

    © by Author/ Titelbild: Firuz Askin, 2016

    © dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

    www.AlfredBekker.de

    postmaster@alfredbekker.de

    Die schicksalhafte Fahrt der SWEET LADY

    Ein Roman von Glenn Stirling

    IMPRESSUM

    Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

    © by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von N.C. Wyeth, 2018

    Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

    © dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

    www.AlfredBekker.de

    postmaster@alfredbekker.de

    ES IST EIN GUT AUSGEKLÜGELTER Plan. Die SWEET LADY soll Kurs auf in Richtung Westen nehmen. Offiziell hat sie Maschinenteile an Bord – aber in Wirklichkeit ist auch eine Kiste mit Gold dabei, die für die Rebellen in Mexiko bestimmt sind. Auf offener See soll die Übergabe erfolgen – ein mexikanisches Schiff ist bereits im See gestochen.

    Kapitän der SWEET LADY ist der junge Allan Snow, es ist sein erstes Kommando überhaupt. Snow ahnt nicht, dass die komplette Besatzung und auch er selbst nur Mittel zum Zweck sind. Denn der Reeder Adam Rowes hat ganz andere Pläne – und selbst wenn dabei Menschen sterben werden, interessiert ihn das überhaupt nicht ...

    „Hau ab, du Wicht! Aus dem Weg! Oder soll ich dich verprügeln, dass du in kein Hemd mehr passt?"

    Der bullige Mann stand in der Mitte der schmalen Gasse. Seine raue Stimme hallte von den Wänden wider und übertönte den Lärm, der aus der nahe gelegenen Spelunke drang.

    Allan Snow blieb stehen. Er wirkte unsicher. Hinter seinem Rücken waren Schritte zu hören. Und weiter entfernt das ewige Plätschern der Wellen an der Kaimauer. Snow schluckte. Er hüstelte. „Du bist besoffen, Mann!"

    Ein grollendes Lachen antwortete ihm.

    „Beim heiligen Klabautermann, du hast recht, Kleiner! Besoffen bin ich wie eine Seekuh! Und du kannst von Glück sagen, dass es so ist, sonst hätt’ ich dich schon über den Haufen geschlagen! Verschwinde jetzt! Mach mir Platz!"

    Es war klüger, nachzugeben. Der breitschultrige Seemann hatte Bärenkräfte. Ein einziger Fausthieb von ihm würde genügen, Allan Snow in die Gosse torkeln und zusammenbrechen zu lassen.

    Mit dem linken Fuß trat Snow in den Rinnstein. Er stützte sich an der Hauswand ab. So hatte der Betrunkene reichlich Platz, vorüberzugehen.

    Aber der frischgebackene Käptn hatte sich verschätzt. Denn der Seemann vor ihm begnügte sich nicht damit, dass der andere ihm Platz machte. Er wollte Streit. Er wollte seine überschüssigen Kräfte loswerden. Doch das begriff Snow erst, als er die mächtige Faust des anderen auf sein Gesicht zuschießen sah.

    Geistesgegenwärtig ließ sich Allan Snow fallen. Er rutschte an der Hauswand herunter. Aber das Glück verließ ihn. Denn die Faust war schneller. Sie traf ihn mit voller Wucht an der rechten Schläfe, riss ihn zur Seite, dass sich Snow überschlug und inmitten eines Unrathaufens neben dem Rinnstein landete. Hundekot und faule Eier, einige Knochen und ein paar faulende Pflanzen dämpften die Gewalt des Aufpralls. Aber sofort stieg dem jungen Kapitän der ekelerregende Gestank in die Nase und verursachte ihm trotz seines Benommenseins entsetzliche Übelkeit.

    Und zu allem Überfluss hörte Snow, als er sich ächzend wieder aufrichtete, auch noch das höhnische Lachen des Kahlköpfigen, der mittlerweile bereits ein Stück die Gasse hinuntergegangen war.

    Allan Snow war von der körperlichen Erscheinung her genau das Gegenteil von dem, was man sich gemeinhin unter einem Seemann, einem Kapitän vorstellte. Er war schmächtig und sah eher aus wie ein schmalbrüstiger Schreiber bei Gericht.

    Obwohl es keinen Zweifel geben konnte, dass Snow dem bärenstarken Seemann weit unterlegen war, wollte der Kapitän in seiner ersten Wut hinter dem Betrunkenen herrennen, sich auf ihn stürzen und sich für das, was jener ihm angetan hatte, revanchieren.

    „Mistkerl, knurrte er aufgebracht. Er ballte die Fäuste. Dann aber hatte er sich wieder in der Gewalt. Er atmete tief durch und flüsterte heiser: „Hat ja doch keinen Sinn.

    Im trüben Licht einer Tranfunzel, die über dem Eingang zur Spelunke hing, säuberte sich Snow notdürftig. Den größten Teil des fest an der Kleidung haftenden Unrats konnte er beseitigen. Nicht aber den bestialischen Gestank um sich, der ihm beinahe den Atem verschlug.

    Allan Snow überlegte. In diesem Zustand konnte er sich nicht unter die Leute begeben. Hier im Hafenviertel störte sich zwar kaum jemand daran. Aber konnte er sich so, verdreckt und mit dieser scheußlichen Wolke von Gestank um sich, Adam Rowes vorstellen? Was für einen Eindruck sollte Rowes von ihm haben? Zumindest war es sehr zweifelhaft, ob er einem solchen. Mann das Kommando über ein Schiff anvertrauen würde.

    Snow warf einen Blick auf die Taschenuhr. Fünf Minuten blieben ihm noch. In dieser Zeit schaffte er es bestenfalls im Laufschritt bis zum Reedereibüro. Daran, umzukehren und zum Kai zu laufen, sich in der Kajüte rasch umzuziehen und dann den gleichen Weg noch einmal zurückzulegen, war überhaupt nicht zu denken.

    Der schmächtige Mann stieß einige Verwünschungen aus. Dann trottete er missmutig und verdrossen an. Den Kopf gesenkt, ging er mit raschen Schritten weiter. Er ärgerte sich maßlos, wenn er daran dachte, dass seine Chancen, das erste Kommando über ein Schiff zu bekommen, nun möglicherweise durch einen Betrunkenen zunichte gemacht worden waren.

    Als dann das Reedereibüro zu sehen war, hatte sich der junge Kapitän damit abgefunden, dass er die Entscheidung von Adam Rowes so oder so würde hinnehmen müssen. Und er nahm sich vor, seinen schlechten äußerlichen Eindruck durch ein sicheres, überzeugendes Auftreten wettzumachen.

    DER GLATZKOPF, DER Snow niedergeschlagen hatte, war weitergetorkelt. Er benötigte die ganze Breite der Gasse. Und er lallte eine Melodie vor sich hin; er grölte manchmal. Ganz entfernt erinnerte sie an einen Shanty.

    Walross war der Spitzname dieses glatzköpfigen Seemanns. Und unter diesem sehr bezeichnenden Namen kannten ihn die Seeleute, die Offiziere und die Kapitäne entlang der ganzen englischen Südküste.

    Walross. Das Aussehen dieses Mannes entsprach haargenau dem Bild jenes Tieres. Er war kahlköpfig, hatte einen massigen Körper, ein breites,. etwas flächiges Gesicht, einen imposanten Schnauzbart und eine breite, eingeschlagene Nase. Wenn man dazu auch noch das ausladende Kinn betrachtete, erschien einem dieser Mann wie der typische Raufbold. Dieser Eindruck wurde nur etwas gemildert durch den gutmütigen, fast weichen Zug um seinen Mund.

    Auch die Augen wiesen Walross eher als einen gutmütigen Riesen aus. Und so war er auch. Nüchtern allerdings. Nicht, wenn er betrunken war. Da konnte er boshaft und streitsüchtig sein wie selten ein Mann.

    Walross war ein sehr guter, zuverlässiger Matrose. Ein bärenstarker Bursche, der gut und gern zwei Männer ersetzte. Aber er hatte einen Fehler, mit dem er sich schon viele Sympathien verscherzt hatte. Er soff.

    Alkohol war für diesen Mann beinahe etwas wie ein Lebenszweck. Doch das Merkwürdige daran war, dass er nur dann Unmengen in sich hineinschüttete, wenn das Schiff vor Anker lag. Nur an Land trank er, als wollte er in diesen wenigen Tagen oder Wochen alles nachholen, was er auf See entbehren musste.

    Mit schweren Schritten näherte sich Walross dem Kai. Er blieb vor der SWEET LADY stehen, die von den Wellen leicht bewegt wurde. Die Verschanzung scharrte an der Kaimauer. Undeutlich waren die Deckswachen auszumachen.

    Walross schwankte ein wenig. Er hielt die Hände trichterförmig vor den Mund.

    „He, Kerls! Habt ihr nix zu saufen?"

    Einige Sekunden blieb es still. Dann näherte sich einer der Männer der Reling. Er lachte kurz auf.

    „Hau ab, du versoffenes Aas! Such dir ’n anderen Kahn! Vielleicht kriegst du dort was ab. Aber wenn ich dir ’n Rat geben darf, Seemann, dann sauf lieber nichts mehr! Du hast den Kanal schon längst voll!"

    „Blöder Hund, brummte Walross. „He, du kannst mich mal! Der Klabautermann soll dich holen! Er soll dich fressen, du Schwachkopf!

    Langsam torkelte Walross weiter. Wieder begann er zu singen. Und als er ein Stück weiter eine Barkentine am Kai liegen sah, wiederholte er das gleiche Spiel...

    VOR DEM EINGANG ZUM Reedereibüro war Allan Snow stehengeblieben. Das Herz klopfte ihm bis zum Hals. Auf einmal war die eben noch vorhandene Selbstsicherheit wieder verschwunden. Erneut zweifelte er daran, dass er sich richtig verhielt, wenn er so ins Büro trat.

    Schon liebäugelte der junge Kapitän mit dem Gedanken, umzukehren und doch noch rasch die Kleidung zu wechseln. Er konnte sich nicht entscheiden.'

    Schon kehrte er der Tür den Rücken zu. Da wurde sie geöffnet. Licht fiel aus dem Büro. Ein hagerer Mann mit schütterem Haar stand da. Die bleiche Gesichtshaut leuchtete auf.

    „Hallo! Sir! Wollten Sie zu Mr. Rowes?"

    Allan Snow drehte sich auf dem Absatz um. Er war erschrocken. Und seine Stimme klang belegt, als er antwortete:

    „Mr. Rowes? Ja, den suche ich. Ich meine sein Reedereibüro."

    Der Hagere lächelte.

    „Bitte, kommen Sie herein, Sir! Sie sind Kapitän Snow, nehme ich an."

    Der Angesprochene nickte.

    „Ja. Ich bin mit Mr. Rowes verabredet. Es tut mir leid, wenn ich mich verspätet haben..."

    „Treten Sie ein, Sir!"

    Der Hagere ließ Snow nicht ausre den. Er winkte einladend und gab den Eingang frei.

    Allan Snow betrat das kärglich eingerichtete Büro. Auf den ersten Blick war zu erkennen, dass Adam Rowes nicht viel für eine üppige Ausstattung übrig hatte. Er war Geschäftsmann und dachte zweckmäßig. Eine einfache Barriere aus Holz trennte den Besucherraum vom Büro ab. Hinter dieser hüfthohen Barriere befanden sich drei Sekretäre und einige Schränke. Ein wuchtiger Schreibtisch befand sich in einer Ecke in einem durch eine halbhohe Bretterwand abgetrennten Raum.

    Der Hagere beobachtete Snow sehr aufmerksam. Als der Kapitän dies gewahr wurde, lächelte er verlegen. Und da meinte er, einen geringschätzigen Blick des anderen zu sehen.

    Sofort hatte er wieder den Gestank in der Nase, der nach wie vor intensiv an seiner Kleidung haftete.

    Als hätte der Hagere seine peinlichen Gedanken erraten, rümpfte er die Nase und sagte: „Es riecht merkwürdig hier. Finden Sie nicht auch, Sir?"

    Allan Snow konnte nicht vermeiden, dass er vor Verlegenheit rot anlief. Er mied den Blick des anderen und ermahnte sich selbst, wieder sicherer zu werden.

    „Finden Sie? Ich kann nichts feststellen. Vielleicht haben Sie eine sehr empfindliche Nase. Es riecht wie in jedem anderen Reedereibüro."

    Der Schreiber schluckte. Sein Hochmut hatte unter dieser Antwort gelitten. Snow konnte ihm ansehen, dass er gerne eine patzige Antwort gegeben hätte. Aber er beherrschte sich. Ob es Höflichkeit war oder ob dieses Verhalten auf eine Anweisung von Adam Rowes zurückzuführen war, ließ sich nur schwer beantworten.

    „Bitte, Sir. Mr. Rowes ist noch nicht eingetroffen. Aber er lässt Ihnen bestellen, dass es noch einige Minuten dauern kann. Er hatte eine Besprechung.  Möchten Sie etwas trinken?"

    Überrascht blickte Snow auf.

    Diese letzte Frage passte absolut nicht zur Atmosphäre und zu seinem Eindruck von diesem Büro. Anscheinend legte Rowes großen Wert darauf, dass Snow sich wohlfühlte. Und das hatte ganz sicher etwas zu bedeuten.

    Da er nicht antwortete, fragte der Hagere erneut:

    „Sherry, Sir?"

    „Hm. Ich glaube, ich könnt’ einen Schluck vertragen."

    Der Hagere zog die Brauen hoch, als missbilligte er diese Zustimmung. Er wies auf einen alten Stuhl jenseits der Barriere.

    „Wenn Sie einstweilen Platz nehmen möchten, Käptn. Ich hole rasch ein Glas."

    Snow wartete, bis der hochmütige Bursche verschwunden war. Er sah an sich herunter. Bei Licht sah er erst richtig, wie verdreckt seine Kleidung war. Suchend blickte er sich um. Wenn er nur irgendwo eine Möglichkeit gefunden hätte, den schlimmsten Schmutz mit Wasser und einem Lappen zu entfernen. Aber das schien aussichtslos. Ihm blieb nur, sich in sein Schicksal zu ergeben, wenn es ihm auch noch so schwer fallen sollte.

    Mit einem Aufseufzen öffnete er die Verriegelung, die sich hinter der Tür befand, durch die er auf die andere Seite der Barriere gelangen konnte. Er ging langsam zu dem angebotenen Stuhl und ließ sich darauf nieder.

    Wie sollte er sich verhalten, wenn nun auch Rowes auf den Gestank anspielte? Er konnte unmöglich mit der gleichen Antwort aufwarten wie bei Rowes’ Schreiber.

    Der Hagere kam zurück. Er trug ein kleines rundes Holztablett in der Rechten und balancierte darauf eine Flasche Sherry und zwei Gläser. Auf einem winzigen runden Tisch, den Snow bisher noch nicht einmal gesehen hatte, stellte der Hagere das Tablett ab. Er goss die beiden Gläser voll.

    „Bitte, Sir. Bedienen Sie sich! Ich muss Sie bitten, mich zu entschuldigen. Es gibt noch einige Arbeit, die erledigt werden muss."

    Snow nickte.

    Der Hagere entfernte sich und ging zu einem der Sekretäre. Er nahm den Gänsekiel, schnitt ihn mit dem Federmesser zu, und wenig später kratzte die Feder auf dem Papier.

    Das Geräusch klang aufdringlich laut in der Stille.

    Allan Snow beobachtete den schreibenden Mann. Er bemerkte, dass der Hagere immer wieder die Nase rümpfte und Anstalten machte, seinen Arbeitsplatz zu verlassen, um ein Fenster zu öffnen.

    Dieses auffällige Verhalten aber war so provozierend, dass sich der Kapitän dadurch nicht mehr aus der Ruhe bringen ließ.

    „JA, MR. ROWES, ES ist zwar bedauerlich, aber ich habe schon alle Hebel in Bewegung gesetzt. Zwecklos. Wir können Ihnen nicht weiter entgegenkommen. Es ist aussichtslos. Warum drängen Sie mich? Sie wissen doch selbst sehr genau, wie es um Ihre finanzielle Lage beschaffen ist. Ich fürchte, Sie werden einen Teil Ihrer Schiffe abstoßen müssen, um das Schlimmste abzuwenden."

    Der Mann, der dies in ruhigem, ja sogar mitfühlendem Ton sagte, war Elmer Mergentheim. Ein dunkel gekleideter Mann um die Sechzig. Er hatte graues Haar und einen bis zur Brust reichenden schlohweißen Bart. Er wirkte seriös, und sein Gebaren ließ sofort den Bankier erkennen.

    In der Rechten hielt Mergentheim eine Havanna, deren lange Asche jeden Augenblick abzubrechen drohte. Mit einer ruhigen, überlegten Bewegung streifte er sie über einem Glasascher ab.

    Adam Rowes rückte unruhig auf dem Sessel hin und her. Sein Gesicht war hochrot. Die Schläfenadern waren geschwollen. Gehetzt ließ er seine Augen ununterbrochen hin und her wandern. Er verstrahlte Nervosität. Und nur mühsam blieb er beherrscht

    „Mann Gottes, Sie wissen nicht, was Sie sagen! Unsere Reederei ist seit Generationen Kunde bei Ihrer Bank, Mr. Mergentheim. Seit Generationen! Und wir sind Ihnen nie einen Penny schuldig geblieben! Sie haben gute Geschäfte mit uns gemacht. Und ich kann mich nicht an einen einzigen Fall erinnern, dass die Geschäftsbeziehungen getrübt worden wären, weil Ihre Bank sich geweigert hätte, uns eine Notlage überbrücken zu helfen."

    Eimer Mergentheim drehte die Handflächen nach außen.

    „Ich wollte auch nicht sagen, dass wir nicht bereit wären und gewesen wären, Ihnen jede erdenkliche Unterstützung angedeihen zu lassen, Mr. Rowes. Aber schließlich haben wir als Bank auch gewisse Rücksichten zu nehmen. Rücksichten auf das Geld, das unsere Kunden uns zu treuen Händen anvertrauen. Wir könnten uns keinen Verlust von mehr als hunderttausend Pfund Sterling leisten. Die Zeiten sind nicht nur für Reedereien schwer."

    „So kann man eine Absage auch ausdrücken. Adam Rowes rutschte auf dem Sessel nach vorn. „Aber ich kann nicht verstehen, warum Sie sich mit allen Mitteln dagegen wehren, einzusehen, was ich gesagt habe! Schauen Sie, Mr. Mergentheim: Wenn ich die Unterstützung Ihrer Bank nicht mehr habe, kann ich kein Schiff mehr ausrüsten. Das bedeutet, dass ich keine Fracht mehr befördern kann. Die Schiffe liegen im Hafen. Die Liegegebühren fressen mich auf. Dann bin ich ruiniert.

    Mit einem bedauernden Schulterzucken nahm Mergentheim diese Worte zur Kenntnis. Er ließ einige Rauchkringel aufsteigen.

    „Was glauben Sie denn, was wir noch für Sie tun sollten? Gewiss, Ihre Firma und unser Haus haben seit fast hundert Jahren gut zusammengearbeitet. Aber leider hat sich in den letzten Jahren vieles so entwickelt, wie es keiner von uns wollte. Ich zweifle daran, dass es viel Sinn hat, immer wieder neue Fremdgelder in Ihre Firma hineinzupumpen. Bald würden es die Zinsen sein, die Sie auffressen würden, Mr. Rowes. Sie sollten versuchen, das einmal von dieser Seite zu betrachten. Ich glaube, wir würden Ihnen durch das Vermitteln weiterer Darlehen keinen Gefallen erweisen. Eher ist das Gegenteil der Fall."

    Rowes ächzte wütend und enttäuscht.

    „Es ist zwar sehr nett, dass Sie sich so sehr um unser Wohl und Wehe einsetzen, Mr. Mergentheim. Aber dennoch ist es mir unverständlich, wieso Sie uns nicht helfen wollen. Schließlich würden Sie uns eine große Chance geben. Alles, was ich brauche, sind zweitausend Pfund. Nicht mehr. Und das ist doch nun wirklich nicht zu viel verlangt, meine ich. Zwei Schiffe, die schon beladen sind, müssen auslaufen. So schnell wie möglich. Wir müssen sie ausrüsten, verproviantieren und Heuergelder bereitstellen. Sobald die Schiffe zurückkommen, kann ich Ihnen nicht nur den neuen Kredit zurückzahlen, sondern darüber hinaus auch noch einen weiteren großen Teil meiner Schulden."

    Mit lauernder Aufmerksamkeit beobachtete Rowes das Gesicht des anderen, während er sprach. Er meinte, in Mergentheims Zügen ein Zeichen der Bereitschaft zum Einlenken zu erkennen. Und das verschaffte ihm einige Genugtuung.

    Tatsächlich schien Mergentheim Einsicht mit der akuten Notlage seines Gegenübers zu haben. Er atmete tief durch.

    „Ich weiß nicht, ob es richtig ist, was ich jetzt tun will, Mr. Rowes. Ich weiß es wirklich nicht. Aber wenn es falsch war, dann ist es um Ihre und meine Zukunft schlecht bestellt. Sehr schlecht, fürchte ich."

    „Zweitausend Pfund, Mergentheim. Das ist für Ihre Bank eine unbedeutende Summe. Eine wirklich unbedeutende Summe."

    Flehend hörte sich an, was Rowes sagte.

    „Unbedeutend? Sie irren, Mr. Rowes. Keine Summe ist für eine Bank unbedeutend. Und wenn sie noch so klein ist."

    „So war es nicht gemeint. Ich wollte nur sagen, dass es doch viel leichter ist, bei einer solchen Summe zuzustimmen als bei einem Betrag von zehntausend Pfund."

    Mergentheim sparte sich die Antwort. Er öffnete eine Schreibtischlade und nahm Papier heraus.

    „Ich überschreite meine Kompetenzen. Das sollen Sie wissen. Und ich kann nur auf das Glück vertrauen. Wenn ich Ihnen die Summe jetzt zur Verfügung stelle, dann vor allen Dingen deshalb, weil ich ein persönliches Interesse an einer soliden Geschäftslage Ihrer Firma habe, Mr. Rowes. Kommen Sie morgen in die Bank, und dann können Sie über die Summe auch gleich verfügen."

    Rowes hatte das Bedürfnis, aufzuatmen. Er unterdrückte es jedoch und lächelte verzerrt. Mit gierigen Blicken verfolgte er, wie der weißhäuptige Mergentheim schrieb. Für Rowes war es wie eine Schlacht, die er aus einer aussichtslosen Situation begonnen und gewonnen hatte.

    Mergentheim legte das Schreibzeug beiseite. Er stand auf und faltete das Papier zusammen, nachdem er den Streusand in einen Becher geleert hatte.

    „Hier, Mr. Rowes. Ich wünsche uns beiden Glück."

    Die Männer reichten sich die Hand.

    „Sie werden sehen, dass diese Entscheidung richtig gewesen ist, Mr. Mergentheim. Sie werden nicht enttäuscht sein."

    Der Angesprochene lächelte müde. Er kannte die Menschen. Er kannte sie alle, die zu ihm kamen, ihn anflehten, ihn bestürmten und drängten. Er erlebte jeden Tag, wie sie ihm das Blaue vom Himmel versprachen, um ihn zu überzeugen. Und er hatte in langen Jahren als erster Mann der Bank erfahren, wie rasch alle Schwüre und Versprechen vergessen waren, sobald die Bittsteller erhalten hatten, was sie begehrten.

    Elmer Mergentheim wusste sehr gut, dass Rowes nicht darauf aus war, ihn zu betrügen. Er war überzeugt, der Reeder würde alles tun, um seine Zusagen einzuhalten. Aber ebenso gut wusste er, dass es keineswegs leicht war für einen Mann in dieser wirtschaftlichen Notlage, seine Verpflichtungen zu erfüllen.

    Adam Rowes steckte das Papier in die Innentasche seines Rocks. Er ging zur Tür und nahm seine Melone und den Umhang vom Kleiderhaken. Einige Sekunden später stand er auf der Straße. Und da atmete er auf. Er war zufrieden mit sich und dem, was er erreicht hatte. Zumal der sonst clevere Mergentheim nicht einmal bemerkt hatte, dass Rowes eine ganz andere Absicht verfolgte, als er vorgegeben hatte.

    „Du dummer alter Mann", sagte er leise, als er losging. Ihm fiel die Verabredung mit Kapitän Snow ein. Es war schon eine halbe Stunde über die Zeit.

    Ja, dieser Allan Snow, den er bis jetzt nur dem Namen nach kannte, sollte auch auf ihn hereinfallen. Aber bei diesem Mann befürchtete Adam Rowes nicht einen Bruchteil der Schwierigkeiten wie bei Mergentheim. Denn erstens war dieser junge Kapitän sicherlich ehrgeizig und brannte darauf, ein erstes Kommando zu bekommen. Und zum zweiten würde er bei weitem nicht die Erfahrung besitzen wie ein Elmer Mergentheim.

    ROWES LÄCHELTE, ALS er mit großen Schritten die Straße hinunterhastete. Er hatte sich seinen Plan genau zurechtgelegt.

    Unten am Kai lag die SWEET LADY. Sie war tatsächlich beladen. Den Papieren nach mit wertvollen Maschinen, die nach Brasilien geliefert werden sollten. Die schweren Kisten waren vor zwei Wochen bereits im Laderaum verstaut worden.

    Die SWEET LADY war ein altes Schiff. Doch niemand hätte sie als seeuntüchtig bezeichnen können. Sie war - rein äußerlich betrachtet - ein gutmütiger Segler. Eine Dreimastbark, die bereits schwersten Brechern und wütenden Orkanen getrotzt hatte.

    Adam Rowes verscheuchte seine Gedanken an das Schiff. Er konzentrierte sich auf die bevorstehende Unterhaltung mit Snow.

    Aber noch war seine Aufmerksamkeit abgelenkt von einem anderen Problem. Er dachte an den morgigen Tag. Gleich nach dem Frühstück würde er die SWEET LADY hoch versichern. So hoch, dass die Versicherungssumme bei einem möglichen Unglück den Wert der Ladung und des Schiffes decken würde. Drei Viertel der von Mergentheim zugesagten Summe sollten dafür ausreichen.

    Gut gelaunt erreichte Rowes sein Büro. Er öffnete und trat ein. Sofort drang ihm ein strenger Gestank in die Nase. Er blieb in der Tür stehen. Der hagere Schreiber am Sekretär wandte sich um. Und einige Meter weiter links erhob sich ein schmächtiger, blasser junger Mann von einem Stuhl und blickte ihn prüfend an.

    „Hier stinkt’s! Pfui Teufel, hier stinkt’s bestialisch!"

    Adam Rowes war es gewohnt, ganz unverblümt zu sagen, was er sich dachte. Dass er Snow auf diese Weise in erhebliche Bedrängnis brachte, fiel ihm erst auf, als dieser einen hochroten Kopf bekam.

    Der hagere Schreiber zuckte bedauernd die Schultern. So, als wollte er sich entschuldigen, dass er gegen diese üble Geruchsnote nichts hatte unternehmen können.

    „Sie sind also Snow?"

    Der junge Kapitän nickte. Er trat auf Rowes zu und blieb vor der Barriere stehen. Dann streckte er dem Reeder die Hand zum Gruß hin.

    Adam Rowes musterte den Kapitän von Kopf bis Fuß.

    „Mensch, Snow, was ist Ihnen geschehen? Hat einer Sie in eine Jauchegrube gestoßen? Oder hat man Sie mit faulen Eiern beworfen?"

    „Ich... entschuldigen Sie, bitte, Mr. Rowes. Ich hatte einen Zusammenstoß mit einem Betrunkenen. Er wollte Streit, und ich hab’ es zu spät bemerkt. Er hat mich zusammengeschlagen... und Sie kennen ja die dreckigen Gassen im Hafengebiet."

    Rowes lachte dröhnend.

    „Die kenne ich, Kapitän! Und ob ich die kenne. Schließlich bin ich schon in fast jedem Hafen dieser lumpigen Welt gewesen. Und in keinem Hafen sehen die Gassen anders aus. Überall Dreck und Gestank.  Aber lassen wir das, Snow. Kommen Sie mit zu meinem Schreibtisch! Wir wollen uns über Ihre Zukunft unterhalten. Ich denke, das wird nicht sehr lange dauern."

    Rowes ging voraus. Snow folgte ihm. Während sich der Reeder auf den großen Schreibtischstuhl setzte, blieb Snow stehen. Er knetete seine Hände und bemerkte selbst, wie verlegen er plötzlich wieder war.

    Die Unsicherheit des Kapitäns amüsierte Rowes. Er grinste spöttisch.

    „Setzen Sie sich doch, Snow! Erzählen Sie etwas! Einen kleinen Schwank aus Ihrer Jugendzeit vielleicht. Ich kann nicht mit ansehen, wenn jemand vor mir steht, als hätte er die Hosen voll."

    Dieser Adam Rowes war ein ganz anderer Mann als jener, der vor einer guten halben Stunde noch bittend vor dem Schreibtisch von Elmer Mergentheim gestanden hatte. Nichts mehr war von seinem höflichen, beinahe unterwürfigen Tom zu vernehmen. Nichts mehr von seiner gewählten. Ausdrucksweise zu hören. Jetzt war er der Adam Rowes, der er wirklich war.

    Snow runzelte die Stirn. Er fühlte sich noch unsicherer angesichts der unglaublichen Selbstsicherheit von Rowes.

    „Ich verstehe nicht ganz, Sir. Wie meinen Sie das?"

    Rowes lachte wieder.

    „Ach, was soll’s? Kommen wir zur Sache, Snow! Sie wollen also ein Kommando haben? Wie lange sind Sie schon Kapitän? Wie lange haben Sie schon das Patent?"

    „Seit ein paar Tagen erst, Sir. Aber ich bin schon auf allen möglichen Schiffen als Offizier gefahren. Ich kenne so ziemlich alles, was einem auf offener See zustoßen kann. Wenn Sie mir ein Kommando geben, werden Sie das nicht bereuen."

    „Hohoho, Sie sind ja ganz schön von sich selbst eingenommen, junger Mann. Ich hab’ ein halbes Menschenalter auf See zugebracht. Es gibt keinen Segler, auf dem ich noch nicht gefahren bin. Aber ich würde mich verdammt davor hüten, so was zu sagen. Mann, wenn Sie tausend Jahre alt werden und nicht einen einzigen Tag davon an Land verbringen, sondern durch alle Meere fahren, die es gibt, sogar dann kennen Sie die See und ihre Tücken noch nicht. Teufel auch, Snow! Die See wird für uns Menschen immer ein Geheimnis bleiben. Genauso wie die Frau für einen Mann immer ein Geheimnis sein wird."

    Snow ließ sich zögernd auf einem Stuhl nieder.

    „Ich wollte nicht großsprecherisch wirken, Sir. Verzeihen Sie, wenn das so geklungen haben sollte. Ich wollte nur sagen, dass ich kein blutiger Anfänger bin."

    „Ist ja auch schlecht möglich, wenn Sie das Patent haben, Snow. Sie würden sonst die ganze Zunft blamieren.  Schön. Ich habe schon ein Schiff für Sie. Eine Dreimastbark. Die SWEET LADY. Ein gutmütiges Schiff, das Ihnen keine Schwierigkeiten machen wird. Aber ich mache Sie darauf aufmerksam, dass sie eine sehr wertvolle Ladung an Bord hat. Maschinen. Nach Brasilien. Nach Rio de Janeiro. Trauen Sie sich zu, die SWEET LADY sicher dorthin zu bringen?"

    Snow nickte eifrig.

    „Aber natürlich, Sir. Auf dieser Route bin ich schon öfter gefahren. Wann sollen wir auslaufen?"

    „Langsam, Snow! Unsere Reederei ist zwar dafür bekannt, dass wir alles fix erledigen. Aber so schnell geht es nun auch wieder nicht."

    Auf einen Wink des Reeders brachte der Schreiber einige Blätter, die einseitig beschrieben waren. Rowes legte sie vor sich auf den Schreibtisch.

    „Das sind die Papiere. Sie sind fertig. Heute Nacht wird die SWEET LADY verproviantiert. Und schon morgen Nachmittag können Sie mit der Flut auslaufen. Bis dahin wird die Crew auch vollzählig sein."

    „Ist sie... ist denn noch keine Mannschaft an Bord?"

    Rowes wischte diese Frage mit einer unwilligen Bewegung zur Seite.

    „Warum soll ich eine ganze Mannschaft an Bord lassen, wenn ich das Schiff ohnehin erst morgen auslaufen lassen will? Bei uns ist es Brauch, dass die Leute erst dann an Bord gehen, wenn sie gebraucht werden. Warum soll ich einen Haufen Geld zum Fenster hinauswerfen?"

    „Verstehe, Sir. Aber wer sucht die Mannschaft aus?"

    „Ach, darum kümmern Sie sich am besten gar nicht, Snow! Ich habe einen tüchtigen Heuerbaas damit beauftragt. Sie können gewiss sein, dass er Ihnen eine gute Crew aussucht Er betreibt sein Handwerk schon seit Jahren. Und er weiß, welcher Mann brauchbar ist und wer nicht?"

    Snow nickte. Er nahm die Papiere entgegen, die ihm der Reeder aushändigte. Und er begann auch gleich, sie zu studieren.

    Dass während dieser Zeit der misstrauische Blick von Rowes auf ihn gerichtet war, bemerkte der Kapitän nicht..

    „In Ordnung?" fragte Rowes, als der andere aufblickte.

    „Selbstverständlich, Sir. Alles in Ordnung. Ich werde mich selbst noch gewissenhaft davon überzeugen, dass die Ladung auch richtig gestaut ist."

    „Das ist unnötig. Oder glauben Sie vielleicht, ich würde das Stauen so wertvoller Geräte Leuten überlassen, die keine Ahnung davon haben? Ich weiß, was ich tun muss und wem ich trauen kann, Snow. Kümmern Sie sich lieber darum, dass die Verproviantierung klappt. Und bleiben Sie an Deck! Die Deckswachen wissen Bescheid. Sie werden morgen abgelöst, sobald Ihre Mannschaft an Bord geht."

    Snow erhob sich, als Rowes aufstand. Sie verabschiedeten sich per Handschlag.

    Kapitän Allan Snow blieb vor der Tür stehen. Erst jetzt fiel ihm auf, dass sein Hemd vor Aufregung schweißfeucht geworden war. Ein Stein war ihm vom Herzen gefallen. Jetzt hatte er das Kommando erhalten. Er hatte erreicht, was er seit Jahren erträumte. Und sein erstes Kommando war eine außerordentlich verantwortungsvolle Aufgabe, wie sie selten einem so jungen Kapitän anvertraut wurde. Das war für Allan Snow ein Beweis für das große Vertrauen, welches Rowes ihm auf Anhieb entgegenbrachte. Und der junge Schiffskommandant war überzeugt, dass die Zusammenarbeit zwischen ihm und dem Reeder recht gut werden würde. Die Voraussetzungen waren denkbar günstig.

    WALROSS HATTE IN JENER Nacht noch einige barmherzige Seelen gefunden.

    Und einen alten Kumpel dazu. Nämlich Narben-Ted, mit dem er jahrelang auf dem gleichen Kahn gefahren war. Narben-Ted war ein guter Seemann, aber ein schlechter Kamerad. Allerdings Walross gegenüber hatte er sich immer sehr zurückhaltend gegeben und sich davor gehütet, einen Streit vom Zaun zu brechen.

    Die beiden Seemänner hatten sich in die Gelbe Oase zurückgezogen, in ein kleines Lokal in einem Keller nahe dem Kai. Dort hockten die beiden in der rauchgeschwängerten Luft bis zum Morgengrauen und betranken sich, dass sie kaum noch gerade sitzen konnten.

    Bevor der dicke Chinese, dem die Kneipe gehörte, die Tür absperrte, um sich zu seinen letzten beiden Gästen an den Tisch zu setzen, kam noch ein guter Bekannter von Walross herein. Das war Blueman. Ein spindeldürrer, vollkommen dem Alkohol verfallener Bursche. Ein Wrack, das nur noch wenig Kräfte hatte, dafür aber einen Ruf als ausgesprochen cleverer Bruder. Wenn es darum ging, etwas zu organisieren, dann brauchte man sich nur an Blueman zu wenden. Dann konnte man sicher sein, dass man bekam, was man wollte.

    Blueman war aufgeregt. Er stieß einen Pfiff aus, als er die beiden Betrunkenen erblickte.

    Walross winkte mit einer unbeholfenen Geste ab.

    „Wenn du kommst, weil du umsonst saufen willst, dann kannste gleich wieder umkehren und verduften, Blueman! Wir haben selber nix mehr in den Hosentaschen außer Löcher."

    Aber Blueman ließ sich nicht beirren. Er setzte sich an den Tisch und schielte verlangend nach den Gläsern.

    Narben-Ted beobachtete ihn mit glasigen Augen. Er hatte die Rechte zur Faust geballt. Offenbar wartete er darauf, dass Blueman die Hand ausstrecken würde, um eines der Gläser an sich zu nehmen.

    „Wie wär’s mit einem Schluck? Einem einzigen nur?"

    Bluemans Stimme hörte sich so rau an, als würde er Sandpapier an Stelle der Stimmbänder haben.

    „Nicht einen einzigen Schluck kriegst du Penner! Hau ab! Wir sind nicht bei einem Wohltätigkeitsverein für armgesoffene Seeleute!"

    Blueman regte sich nicht über diese herbe Absage auf. Er starrte zuerst ins Leere. Dann räusperte er sich.

    „Ich weiß was, Walross. Wenn du mich saufen lässt, kannst es erfahren."

    „Glaub ihm kein Wort, Mann! Der Lump lügt, weil er was zu saufen haben will. Kein Wort kannst ihm glauben!"

    „Ich rede mit Walross und nicht mit dir, Narben-Ted. Ich hab’ eine verdammt gute Geschichte. Hab’ sie vom alten Ben. Wenn wir drei zusammen was anfangen würden, dann könnt’s klappen."

    Wie Blueman das sagte, hörte es sich außerordentlich interessant an. Aber noch hatte er Narben-Ted nicht überzeugt. Denn dieser hatte so gut wie alle Stationen im Leben Bluemans schon erlebt. Und ihn konnte selbst der raffinierteste Trick dieses zwielichtigen Burschen nicht mehr überraschen.

    „Du kannst mir den Buckel runterrutschen, Blueman! Ich kenn’ deine lausigen Tricks. Aber bei uns kommst du damit nicht an. Musst dir ein paar Dumme suchen. Vielleicht klappt’s bei denen."

    „Mensch, du dummes Stück! Ich hab’ wirklich eine heiße Geschichte! Wenn wir drei... und noch ein paar Kerle vielleicht, dann ..."

    Walross schnaubte. Sein Alkoholpegel hatte bereits einen Grad erreicht, bei dem jede Streitsucht vergessen war. Jetzt war er wieder der gutmütige Riese, der er sein konnte, wenn er nüchtern war. Und er hatte ein wenig Mitleid mit dem spindeldürren Blueman. Denn er wusste selbst, wie einem zumute war, wenn die Kehle brannte, die Hände zitterten, weil der Körper nach Alkohol verlangte. Oh, er wusste es gut. Zu gut. Und an den fahrigen Bewegungen Bluemans sah er, dass jener in genau dieser Lage war.

    „Meinetwegen, Mensch. Sauf und dann erzähl uns deine Geschichte! Aber sauf mir nicht alles weg, klar?"

    Blueman reagierte mit einer Geschwindigkeit, die es ihm nicht einmal erlaubte zu antworten. Alles, was er noch zuwege brachte, war ein kurzes Nicken. Und schon hatte er den Krug an den Lippen und trank in großen, durstigen Zügen den Fusel, den der Chinese mit Pferdeschweiß vermischt zu haben schien.

    Aber Blueman störte der Geschmack nicht Er setzte den Krug mit dem Rest ab und atmete tief ein. Seine Augen glänzten vor Dankbarkeit, als er Walross anblickte.

    „Bist ’n ganzer Kerl, Walross. Wahrhaftig, du bist ein echter Kamerad. Solche Burschen wie du sind nicht mit Gold zu bezahlen."

    Obwohl er wusste, dass dies genauso eine Phrase war wie vieles andere, was Blueman von sich gab, fühlte sich Walross geschmeichelt. Er registrierte den giftigen Blick von Narben-Ted, und irgendwie freute er sich, weil jener sich offensichtlich ärgerte.

    Nach außen hin zeigte der Glatzkopf natürlich nichts von einer Gefühlsregung. Er tat gelangweilt, hob die Hand und winkte ab.

    „Fang schon an, du dummer Teufel! Los, was hast du für eine Geschichte, die du uns vorhin nicht verraten wolltest?"

    Blueman brachte sich in Position. Das geschah so, dass er den Brustkorb aufblähte, ein weiteres Mal tief Luft holte, eine bedeutungsvolle Pause eintreten ließ und beide Fäuste in die Hüften stemmte.

    „Ein Schiff, sagte er dann mit schweren Worten, „ein Schiff von Rowes liegt am Kai. Die SWEET LADY. Und Rowes sucht eine Crew für den Kahn.

    Walross schüttelte den Kopf.

    „Is’ das alles, Blueman? Is’ das alles, was du uns sagen willst? Da bläst sich diese lumpige Kröte auf, wie wenn er den Weltuntergang verkünden will, und dann kommt er mit solchem Geschwätz! Du hast wohl Luft im Kopf, du Stinker!?"

    Blueman hatte sich ein wenig geduckt, als er diese grollende Stimme vernahm. Jetzt richtete er sich wieder auf und schüttelte heftig den Kopf.

    „Das is’ nich’ alles. Noch lange nicht, Walross. Es kommt noch. Das kommt erst noch, was wichtig ist." Narben-Ted beugte sich über die Tischfläche. Er wischte mit dem Ellbogen einige Flecken ab.

    „Und was is’ das, wenn man neugierig sein darf?"

    „Die SWEET LADY läuft morgen aus. Mit der Flut. Am Nachmittag. Und sie soll nach Brasilien. Nach Rio. Maschinen und so. Aber in einer Kiste, die im Schiffsbauch verstaut ist, sollen Goldbarren sein."

    Narben-Ted schnappte nach Luft. Und Walross starrte den Sprecher an, als wollten seine Augen aus den Höhlen quellen.

    „Gold ... barren, sagst du?", schnaubte er schließlich.

    Blueman legte den Zeigefinger vor die Lippen und bedeutete den zweien, nicht so laut zu sprechen.

    „Ja, Goldbarren. Ich hab’s von einem Kerl, der genau Bescheid weiß. Er hat’s vom alten Ben. Und ich weiß ganz sicher, das stimmt, was der alte Ben unter die Leute bringt. Die transportieren in einer der Kisten Gold nach Brasilien."

    „Blödsinn. Schwachsinn is’ das. Warum sollen die Gold nach Brasilien bringen? Das machen die Schiffe der Marine. Die machen das. Jawohl. Und die bewachen das Zeug, dass du nicht mal einen Fingernagel voll von dem Zeug wegschaffen kannst."

    Blueman schüttelte wieder den Kopf.

    „Hab’ ich auch gedacht. Darum hab’ ich mich umgehört. Und weißt du, was ich erfahren hab’, Mann? Das Gold soll auf See von einem mexikanischen Schiff übernommen werden. Es stammt aus Mexiko und ist bei uns in England nur eingeschmolzen worden."

    Walross schüttelte verständnislos den Kopf.

    „Begreif’ ich nicht, Blueman. Kann ich nich’ begreifen. Warum sollen die von Mexiko Gold herüberschicken, nur damit sie es einschmelzen können? In Mexiko gibt’s doch genug Schmelzöfen."

    Blueman grinste. Er zeigte die Miene des Wissenden.

    „Du kapierst nicht so schnell, was? Warum machen die so ein Geheimnis daraus? Warum lassen sie das Zeug nicht von der Marine transportieren, sondern von einem ganz normalen Handelsschiff, das Kurs auf Brasilien hat? Warum wohl?"

    „Weil was nicht stimmt", ließ sich Narben-Ted vernehmen.

    Blueman brummte zustimmend. „Genau. Weil was nicht stimmt. Und ich weiß auch, was es ist. Das Gold gehört nicht der Regierung von Mexiko, sondern es soll Aufständischen geliefert werden. Das is’ das Geheimnis."

    Narben-Ted und Walross blickten sich an Das hatten sie zwar verstanden. Aber sie hatten nicht einmal eine blasse Ahnung, welche Idee Blueman in diesem Zusammenhang gekommen sein mochte.

    „Schön, wir haben kapiert, dass Gold transportiert werden soll, ließ sich Narben-Ted nach einer Weile vernehmen. „Das haben wir schon im Schädel. Aber was hat das mit uns zu tun?

    Blueman presste die Lippen zusammen und blähte die Nasenflügel.

    „Mensch, wie kann man nur so dumm fragen. He, hört mal zu! Wenn das Gold praktisch keinem gehört, dann gehört es doch gleichzeitig auch jedem, nicht wahr?"

    Walross zuckte die Schultern. „Kann sein", gab er kleinlaut zu. Solche Überlegungen hatte er in seinem ganzen Leben noch nicht angestellt. Warum auch? Wenn etwas keinem gehört, dann gehörte es eben keinem. Aber dass man diesen nicht vorhandenen Besitzer gleichzeitig mit jedermann gleichsetzen konnte, war völlig neu für ihn. Dennoch erschien ihm dieser Gedanke plausibel und zugleich bestechend.

    „Und was jedem gehört, davon darf sich jeder was nehmen, wie?" Blueman ließ wieder eine kleine Pause folgen.

    „Das mein’ ich auch, stimmte Narben-Ted zu. „Das .is’ richtig, Blueman. Wenn mir was gehört, kann ich mir das jederzeit nehmen.

    „Eben. Also denke ich, dass diese Goldbarren, die da versteckt nach Mexiko reisen sollen, viel zu schade für einen Haufen Rebellen sind. Die brauchen das Zeug, damit sie sich Waffen kaufen können. Damit schießen und stechen

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