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2030: Wie viel Mensch verträgt die Zukunft?

2030: Wie viel Mensch verträgt die Zukunft?

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2030: Wie viel Mensch verträgt die Zukunft?

Länge:
569 Seiten
7 Stunden
Freigegeben:
Sep 18, 2018
ISBN:
9783947590056
Format:
Buch

Beschreibung

Lieben Sie Ihre Zukunft? Oder haben Sie Angst vor ihr? Nach diesem Buch werden Sie sich entscheiden können. 2030 werden einige der größten Menschheitsprobleme gelöst sein. Aber es entstehen neue Bedrohungen, die unser Menschenbild vor größte Probleme stellen.

Umwälzende Lebensveränderungen in Privat- und Berufsleben warten auf uns. Was wie Science-Fiction klingt, ist bereits dabei, Wirklichkeit zu werden! Seien Sie bereit für eine packende Zeitreise ins Jahr 2030! Neue Technologien bringen neue Jobs, für die wir heute noch nicht einmal Namen kennen. Neue Supercomputer berechnen die meisten Situationen in unserem Leben voraus: Predictive Enterprises, Predictive Cities, Predictive Life. Was werden wir in 10 Jahren essen? Werden wir noch krank? Wohin fahren wir in den Urlaub? Wieso werden unsere Autos kostenlos fahren? Warum werden schon 2030 die ersten Menschen zu Cyborgs?

So haben Sie sich Ihre Zukunft nicht vorgestellt? Vielleicht! Sie kommt trotzdem! Genau deshalb sollten Sie dieses Plädoyer für Ihre Zukunft lesen. Nichts in diesem Buch ist ausgedacht. Denn unsere Zukunft kommt nicht zufällig. Sie wird heute schon durch Forscher in Laboren entwickelt, durch Unternehmen hinter verschlossenen Türen getestet und durch Investoren in unsere Welt gedrückt.

Begleiten Sie die Familie Seedorf durch einen faszinierenden und spannenden Tag im Jahr 2030. Dieses Buch gibt Ihnen die Chance, schon heute hinter die Kulissen der Zukunftsmacher zu schauen und sich in ihre Zukunft zu verlieben.
Freigegeben:
Sep 18, 2018
ISBN:
9783947590056
Format:
Buch

Über den Autor

Sven Gábor Jánszky ist Chairman des größten Zukunftsforschungsinstituts Europas, des "2b AHEAD ThinkTank". Unter seiner Leitung entwerfen alljährlich 300 CEOs und Innovationschefs der europäischen Wirtschaft die Zukunfts-Szenarien und Strategieempfehlungen für die kommenden zehn Jahre. Mit seinem Management-Strategiebuch "Rulebreaker" wurde er zum Sprachrohr der Querdenker und disruptiven Innovatoren in der deutschen Wirtschaft. Zudem ist er Autor der Trendbücher "2020", "2025", "Das Recruiting Dilemma" und "Die Neuvermessung der Werte". www.trendforscher.eu


Ähnlich wie 2030

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Buchvorschau

2030 - Sven Gábor Jánszky

Für unsere Kinder und Enkel Benneth Gábor, Samu Peter, Simon Joscha und Tara Marga.

Ihr werdet die Zukunft bis zum Jahr 2100 gestalten, auf deren erste Dekaden wir in diesem Buch einen neugierigen Blick werfen. Wir sind gespannt, wie euer Urteil ausfällt, wenn ihr 2030 dieses Buch in die Hand nehmt.

Inhalt

Vorwort

Prolog

Ode an den Optimismus

Lieben Sie die Zukunft?

Zukunft: Technologie

Papa, ich kann nicht schlafen!

Technologien, die die Welt verändern

Zukunft: Wohnen

Kyara und die neuen Mitbewohner

Patchwork – Blockchain – Heimat

Zukunft: Mobilität

Ein Schulweg in Quietschpink

Die vier Phasen der Driverless Cars

Zukunft: Essen

Das 3%-Frühstück

Das Streben nach Körperoptimierung

Zukunft: Arbeit

Von Vollbeschäftigung und Rotlicht-Calls

Demografische Entwicklung und digitale Revolution

Zukunft: Leadership

Ein Coach für alle Fälle

Führung in einer Zeit der multioptionalen Orientierungslosigkeit

Zukunft: Lernen

Eine Schule ohne Schulfächer?

Lernen in einer Welt voller Ungewissheit

Zukunft: Kollegen

Brauchen Computer Selbstvertrauen?

Wer sind die Kollegen des Jahres 2030?

Zukunft: Liebe

Liebe auf Steroiden

Liebe und Beziehung im Jahr 2030

Zukunft: Urlaub

Ein Designerbaby als Ferienandenken

Reisen zur eigenen Identität

Zukunft: Datenschutz

Die digitale Stadt bekommt digitale Bürger

Wird der Datenschutz künftig asozial?

Zukunft: Religion und Weltanschauung

Ein Quantum Glaube

Vom Leben 1.0 zum Leben 3.0

Zukunft: Angst

Vom Gabelstapler ins ReBootCamp

Wovor haben Menschen 2030 Angst?

Zukunft: Denken

Im Hirndoping-Labor

Das komplexeste System im Universum

Zukunft: Kaufen

Das Ende des Schicksals

Wie entscheiden wir, wenn wir Handys mehr vertrauen als uns selbst?

Zukunft: Glück

Happy-Bots auf Space Travel

Menschen wollen glücklich sein

Zukunft: Alter

Neustart mit 79

Lebenserwartung im Aufwind

Zukunft: Krankheit

Ist Altern eine Krankheit?

Der Mensch als Gesundheitskonsument

Zukunft: Politik

Frischer Wind aus dem Bundeszukunftsministerium

Verschiebungen im politischen Mainstream

Zukunft: Umwelt

Was ist konservativ? Was ist progressiv?

Ökologischer Kollaps als Angstgegner

Epilog

Was 2030 die Zukunft der Zukunft sein wird

Literaturverzeichnis

Vorwort

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

wieder einmal möchten wir Sie in Ihre Zukunft einladen. Lassen Sie uns gemeinsam einen ganz normalen Tag im Leben einer deutschen Familie im Jahr 2030 miterleben. Falls Sie die Bücher »2020« und »2025« bereits gelesen haben, dann kennen Sie unsere Familie Seedorf ja schon.

Erinnern Sie sich noch an unseren letzten gemeinsamen Tag im Jahr 2025? An Rob, den intelligenten digitalen Assistenten? An die selbstfahrenden Autos? An Jobnomaden und Vollbeschäftigung? An Roboter, die uns die Arbeit erklären? An Unternehmensgründer mit 60 und ein Rentenalter von 80?

Für einige unserer Leser war dieser Tag recht überraschend. Es wäre ihnen lieber gewesen, wenn auch in Zukunft alles so bliebe, wie es heute ist, und dass keine neuen Herausforderungen entstünden. Sogar einige Zukunftsforscher haben in den vergangenen fünf Jahren die Seiten gewechselt und bezeichnen sich nicht mehr als »Futurists«, sondern als »Now-ists.« Sie warnen vor den angeblichen großen Gefahren der Technologie und beschreiben die Zukunft als Kampf der Maschinen gegen die Menschen. Sie werben dafür, gegen all das Neue zu kämpfen, das unsere Zukunft so unberechenbar macht. Das Problem an dieser Weltanschauung ist jedoch: Diese apokalyptischen Theorien widersprechen jeder historischen Erfahrung.

Denn das Leben geht weiter! Sowohl bei den Seedorfs als auch bei Ihnen. Von unseren vor fünf Jahren für 2025 prognostizierten »Verrücktheiten« empfinden Sie schon heute einiges als vollkommen normal. Schauen Sie sich um! Die ersten digitalen Assistenten heißen nicht Rob, sondern Alexa, Siri und Cortana. Selbstfahrende Autos sind noch teuer, aber auf unseren Autobahnen bereits unterwegs. Und unsere Arbeitslosenzahl sinkt beständig auf die prognostizierte Vollbeschäftigung hin. Im Jahr 2025 werden Sie erstaunt sein, dass Sie sich zehn Jahre zuvor über diese Prognosen noch gewundert haben.

Neu ist also nicht, dass es Veränderungen gibt. Neu ist allein die ungeheure Geschwindigkeit, mit der die Veränderungen geschehen. Diese Geschwindigkeit macht einigen von uns Angst und anderen nicht. Doch was ist der Unterschied zwischen diesen und jenen? Der Unterschied liegt im Mindset. Die amerikanische Psychologin Carol Dweck hat in ihren großartigen Studien herausgefunden, dass die Erfolge der größten Topmanager, Spitzensportler und Musikgenies nicht aufgrund von besonderen Begabungen zustande kamen, sondern durch ihr Growth Mindset. Dweck spricht in ihren unbedingt lesenswerten Büchern seitdem von Fixed Mindsets und Growth Mindsets, also starren Denkweisen und Wachstumsdenkweisen. Vereinfacht gesagt: Menschen mit Fixed Mindsets streben danach, intelligent zu erscheinen und alles zu wissen. Sie vermeiden Veränderungen, geben schnell auf, halten Anstrengung für nutzlos, ignorieren Feedback und ärgern sich über den Erfolg von anderen. Dagegen haben Menschen mit Growth Mindsets ein stärkeres Streben nach Freiheit. Sie streben danach immer mehr zu lernen, freuen sich auf Veränderungen, starten nach Rückschlägen neue Versuche, halten Anstrengungen für den Weg zur Meisterschaft und fühlen sich durch Erfolge anderer Menschen inspiriert.¹

Auch in unserer Familie Seedorf gibt es Growth Mindsets und Fixed Mindsets, also Menschen, die Veränderungen vorantreiben und zu ihren Gunsten gestalten, und Menschen, die Veränderungen so lange wie möglich ablehnen und sich dann damit arrangieren müssen, von anderen »gestaltet zu werden«.

Wir Zukunftsforscher können diesen unterschiedlichen Umgang der Menschen mit ihrer Zukunft nicht verhindern! Wir wollen Ihnen auch nicht sagen, ob Sie unsere Prognosen gut oder schlecht finden sollen. Die Entscheidung, ob Sie diese Entwicklungen in Ihr Leben lassen oder nicht, werden Sie selbst treffen müssen! Wir Forscher können Ihnen diese Verantwortung nicht abnehmen. Aber wir können Sie vorbereiten und Ihnen die wahrscheinlichsten Entwicklungen der kommenden zehn Jahre prognostizieren.

Vielleicht können wir Sie durch unsere eigene Haltung auch mit Optimismus anstecken?! Wir lieben die Zukunft, denn wir haben ein unerschöpfliches Vertrauen in die Fähigkeit der Menschheit, sich an wechselnde Umgebungen anzupassen. Wir sind überzeugt, dass unser Leben im Jahr 2030 besser sein wird als heute, genauso wie unser heutiges Leben besser ist als jenes im Jahr 2010. Wir haben es unseren Eltern und Großeltern zu verdanken, dass wir besser leben können als sie, und wir betrachten es als unsere vornehmste Pflicht, ebenso eine bessere Welt für unsere Kinder und Enkel zu bauen. Der Schlüssel dazu sind Veränderungen.

Deshalb lassen Sie sich von uns erneut auf eine Zeitreise mit der Familie Seedorf einladen. Wir reisen gemeinsam ins Jahr 2030. Peter (inzwischen 62 Jahre alt), Kerstin (57) und die Kinder Max (23), Jenny (20) und Marga (9) sind wieder fünf Jahre älter geworden. Doch wir werden Ihnen keine Heile-Welt-Familie vorgaukeln. Auch bei den Seedorfs ist jemand gestorben. Auch bei den Seedorfs gab es Probleme zwischen Vater und Mutter. Mutter Kerstin hat sich entschlossen, die Familie zu verlassen. Auch Tochter Jenny lebt inzwischen im Ausland. Dafür sind Sophie und ihre Tochter Xiaoxi neu ins Haus der Seedorfs eingezogen. Sie sind jetzt also eine ziemlich typische Patchworkfamilie des Jahres 2030.

Wie schon in unseren vergangenen Büchern, so wechseln sich auch dieses Mal auf den folgenden Seiten jeweils Geschichten aus dem normalen Tagesablauf mit sachlichen Erklärungskapiteln ab. So erhalten Sie nicht nur eine wissenschaftliche Prognose, welche Veränderungen bis 2030 in Ihrem Leben zu erwarten sein werden, sondern auch ein Bild davon, wie diese vermutlich unser Alltagsleben verändern. Achten Sie bitte auch auf die Nuancen. Jene Dinge, die unsere Protagonisten in den Fiktivkapiteln wirklich tun, die erwarten wir Zukunftsforscher mit hoher Wahrscheinlichkeit in unser aller Alltagsleben. Bei jenen Dingen, über die die Protagonisten in ihrem Tagesablauf nur reden, sind wir Zukunftsforscher uns noch nicht sicher, dass diese wirklich bis 2030 Realität werden. Diese haben also eine geringere Wahrscheinlichkeit. Und in den Sachkapiteln wird schließlich ganz nüchtern erklärt, wieso wir zu diesen Prognosen kommen.

Tauchen Sie ein in ein Leben, das Sie in zehn Jahren so oder ganz ähnlich selbst führen könnten. Sie werden häufig überrascht, oft fasziniert und manchmal verstört sein. Bitte entscheiden Sie selbst, ob sich diese Zukunft für Sie gut anfühlt oder nicht. Sie können Ihre Zukunft gestalten, Sie können sie zum Teil sogar verändern … nur ablehnen können Sie sie nicht.

Denn Ihre Zukunft hat in dieser Sekunde begonnen!

Wir wünschen Ihnen eine inspirierende Lektüre und eine große Zukunft!

Sven Gábor Jánszky und Lothar Abicht

Prolog

Ode an den Optimismus

Bevor wir direkt ins Leben der Seedorfs springen, möchten wir Ihnen eine simple Frage stellen. Diese Frage wird im Wesentlichen bestimmen, ob Sie große oder nur kleine Freude beim Lesen dieses Buches haben werden. Es sind nur vier Worte: Lieben Sie die Zukunft?

Zugegeben: Das ist keine einfache Frage, denn sie trennt Menschen und ihre Denkweisen. Die einen antworten sofort und mit Inbrunst »Ja!«, denn sie wollen die Zukunft gestalten und besser machen als die Gegenwart. Die anderen hingegen antworten mit der gleichen Inbrunst »Nein!«, denn sie denken zuerst einmal an die Risiken der Veränderungen. Anzeichen dieser beiden Denkweisen finden Sie auch bei den Autoren dieses Buches.

Sven Gábor Jánszky (Jahrgang 1973) ist der radikale Optimist. Er hat vor 16 Jahren »mit nichts als seinem Optimismus begonnen«, ein Unternehmen aufzubauen, und hat den »2b AHEAD ThinkTank« zum größten unabhängigen Zukunftsinstitut Europas gemacht. Sein Leben und seine Arbeit als Zukunftsforscher bestehen darin, anderen Unternehmen dabei zu helfen, positive Zukunftsbilder zu entwerfen und zu erreichen. Er hat drei Kinder in die Welt gesetzt, an deren großer Zukunft er täglich arbeitet.

Lothar Abicht (Jahrgang 1955) ist als Beirat des 2b AHEAD ThinkTanks der hochgebildete Hinterfrager. Seine wissenschaftliche Karriere zum zweifachen Doktor und Universitätsprofessor säumen zahlreiche Ehrungen. In voller Pracht lauten seine Titel: Prof. Dr. rer. nat. habil. Dr. h. c. Bei ihm kombinieren sich Hoffnungen und Ängste. Grundsätzlich sieht auch er viele Chancen für ein besseres Leben in der Zukunft, manche der vielversprechenden Zukunftsvisionen erwecken allerdings eher sein Misstrauen. Denn er sieht auch große Gefahren in der Zukunft, etwa den Klimawandel, das Artensterben und den Verlust von Ackerland bis hin zum demografischen Wandel und dessen Herausforderungen für die Sozialsysteme.

Obwohl wir beide von den gleichen Zukunftsstudien ausgehen, sieht unser Blick auf die Zukunft oft unterschiedlich aus. Der Grund sind nicht die unterschiedlichen wissenschaftlichen Prognosen, sondern unser Mindset, mit dem wir diese interpretieren. Bevor wir in die Zukunftsprognosen des Jahres 2030 eintauchen, möchten wir Ihnen deshalb die Chance geben, unser und Ihr Mindset zu reflektieren. Wir stellen uns dazu gegenseitig eine simple Frage:

Lieben Sie die Zukunft?

Sven Gábor Jánszky: Ja! Natürlich! Schließlich ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass wir alle ein besseres Leben führen werden in der Zukunft. Und für diese Erkenntnis brauchen wir meines Erachtens nicht einmal den Berufsoptimismus eines Zukunftsforschers, sondern es reicht ein Blick auf die letzten 100 Jahre. Nahezu alle wesentlichen Daten zur Messung des menschlichen Fortschritts in der Welt weisen ins Positive: Die Lebenserwartung der Menschen steigt jedes Jahr um etwa 20 %.² Die Wahrscheinlichkeit, dass meine Kinder weit über 100 Jahre alt werden, ist also sehr hoch.

Zugleich sinkt die Kindersterblichkeit rapide von 36,2 % (1900) über 7,6 % (2000) auf 4,2 % (2015). Die Menschen sind besser ernährt. Die tägliche Kalorienmenge steigt in allen Regionen der Welt. Selbst in Afrika haben Menschen heute im Durchschnitt täglich 2.624 Kalorien zur Verfügung. Das ist bei Weitem mehr, als der Weltdurchschnitt im Jahr 1960 betrug. Zugleich sinkt die Unterernährung weiter, zuletzt von 18,6 % (1991) auf 10,8 % (2015) der Weltbevölkerung. Während 1990 noch 1,26 Milliarden Menschen keinen Zugang zu Trinkwasser hatten, waren es 2015 nur noch 665 Millionen. Im Jahr 1900 lebten weltweit 85 % der Menschen in extremer Armut; im Jahr 2000 waren es noch 29 % und 2015 nur noch 9,6 %.³ Der Analphabetismus geht ähnlich stark zurück, von 78,6 % (1900) über 18,1 % (2000) auf 14,7 % (2015). Und auch Freiheit und Demokratie in der Welt wachsen: Im Jahr 1900 lebten noch 34,9 % der Weltbevölkerung in Kolonien, heute sind es 0 %. Dagegen leben inzwischen 55,8 % der Menschen in Demokratien (1900: 11,9 %), und sogar die Zahl der Menschen in Autokratien sank von 32,4 % (1900) auf 23,2 % (2015).⁴

Ich meine damit nicht, dass alles wunderbar ist. Fast 10 % der Weltbevölkerung in extremer Armut und mit Unterernährung sind natürlich nicht akzeptabel. Aber ich will sagen: Wenn wir es schaffen, die positive Tendenz auf all diesen Gebieten beizubehalten, dann werden viele der großen Menschheitsprobleme, die in der Generation meiner Eltern noch als angeblich unlösbar galten, in meiner Lebenszeit gelöst sein. Das ist eine Zukunft, die ich liebe.

Lothar Abicht: Keine Frage, die Zukunft hat faszinierende Seiten, und ich bin sehr gespannt, was wir, unsere Kinder und Enkel noch alles erleben werden. Ich bin auch ein strikter Gegner der Vorstellung, dass früher alles besser war. Im Gegenteil, der Masse der Menschen ging es noch nie so gut wie heute, und das nicht nur, weil weniger Menschen hungern, viele Krankheiten therapierbar sind und die Anzahl derjenigen, die in einigermaßen demokratischen Verhältnissen leben, trotz aller aktuellen Rückschritte längerfristig eher zu- als abnimmt.⁵ Was mich insbesondere bei langfristiger Betrachtung wirklich hoffnungsvoll stimmt, ist die klar nachweisbare Abnahme der Gewalt im Leben der Menschen. Angesichts der täglichen Meldungen über Mord und Totschlag, Kriege, Terroranschläge und Aufstände mag diese Aussage verstörend wirken, aber die Menschheit lebte noch nie so friedlich wie heute. Unser Bild von den paradiesischen Zuständen der Vergangenheit ist grundfalsch – zumindest was die Gewalt gegen Leib und Leben durch individuelle Handlungen, aber auch durch Kriege zwischen Menschengruppen, Stämmen und Staaten betrifft, hat sich die Situation stetig verbessert.

Allein der Übergang von der Gesellschaft der Jäger und Wildbeuter zu den ersten landwirtschaftlich geprägten Hochkulturen vor 5.000 Jahren hat die Anzahl der gewaltsamen Todesfälle -auf ein Fünftel zurückgehen lassen. Zwischen dem Spätmittelalter und dem 20. Jahrhundert erlebten die europäischen Staaten einen weiteren zehn- bis 50-fachen Rückgang der Mordquote. Im 17. und 18. Jahrhundert gab es erstmalig organisierte Bestrebungen zur Abschaffung sozial geächteter Formen der Gewaltherrschaft wie Sklaverei, Duelle, Folter, Tötung aus Aberglauben und sadistischen Bestrafungen. Nach dem Zweiten Weltkrieg fand eine historisch beispiellose Entwicklung statt: Die Großmächte führten keine Kriege mehr gegeneinander, was von den Historikern auch als der lange Frieden bezeichnet wird. Und – Sie werden es kaum glauben – seit dem Ende des Kalten Krieges sank die Anzahl der organisierten Konflikte nochmals drastisch.⁶ Das alles wurde nicht durch höhere Mächte erzwungen. Vielmehr haben sich die gesellschaftlichen Verhältnisse und mit ihnen die Werte und Normen so geändert, dass nackte Gewalt heute für die wenigsten Menschen als Handlungsoption tauglich ist. Die Menschheit hat also nicht nur einen wirtschaftlichen und technologischen, sondern auch einen moralischen Reifungsprozess durchlaufen. Nur im Fernsehen sieht man den nicht.

Sven Gábor Jánszky: Ich glaube, wir schauen alle zu viel TV-Nachrichten. Wir wissen bestens Bescheid über die täglichen Morde, Unfälle, Katastrophen, Skandale und Fehlentscheidungen! Wir wissen: »Die Welt ist schlecht!« Damit übernehmen wir alle den Filter der Journalisten und Medien, und dieser folgt einem Motto: »Schlechte Nachrichten verkaufen sich besser als gute!« Mit der kleinen Ausnahme von Medaillengewinnen im Sport! Mit Skandalen gewinnen die Medien einfach mehr Zuschauer und Leser. Aber natürlich besteht ein Tag in der Welt nicht nur aus den 15 Meldungen in der Tagesschau, sondern aus Abertausenden News, die aussortiert werden, weil sie die Einschaltquote senken würden. Dies gilt natürlich auch für Zeitungen und Bücher.

Auch dieses eher hoffnungsfrohe Buch über die Zukunft wird wesentlich weniger Leser haben als all jene Apokalypse-Storys über Blackouts und digitale Weltverschwörungen. Die lesen sich einfach so schön gruselig, auch wenn sie völlig unwahrscheinlich sind. Wie schön also, dass Sie hier bei uns dabei sind!

Aus diesem Grund unterscheidet sich die wissenschaftliche Methode der Zukunftsforschung ja ganz bewusst von der typischen Markt- und Medienforschung. Wir Zukunftsforscher machen unsere Prognosen nicht auf der Basis der subjektiven Meinungen von Abertausenden Menschen »draußen auf der Straße«, weil diese nämlich in der Realität nicht über die Zukunft bestimmen. Wir analysieren vielmehr die Pläne, Strategien und Roadmaps der großen Technologieunternehmen der Welt. Und wenn diese der Maßstab sind, dann sieht unsere Zukunft ganz anders aus: Dann werden wir schon während der Lebenszeit meiner Kinder Dinge tun können, die die Menschheit immer schon machen wollte, aber aufgrund ihrer Limitierung einfach nicht geschafft hat: Wasserentsalzungsanlagen bauen, damit jeder Fleck der Erde genügend Trinkwasser hat! Künstlich so viel Nahrung produzieren, dass jeder genug zu essen hat! So viel Energie produzieren, dass es Energie im Überfluss auf der Erde gibt! Und nebenbei noch durchs All fliegen, weil wir neugierig sind.

Lothar Abicht: Auch hier stimme ich weitgehend zu. Die Möglichkeiten der Menschen wachsen mit exponentieller Geschwindigkeit, und wir werden mithilfe von Wissenschaft und Technologie Problemlösungen finden, die heute unvorstellbar sind. Bei der Betrachtung der realen Möglichkeiten der nächsten zehn bis 20 Jahre verlasse ich mich aber eher auf klassische wissenschaftliche Methoden. Wofür haben wir heute schon ausreichende theoretische Modelle? Sind die Lösungen finanzierbar? Sind sie im Widerstreit unterschiedlicher Interessen umsetzbar? Und vor allen: Werden diese Lösungen rechtzeitig praktizierbar, um weitgehend unumkehrbaren Prozessen zuvorzukommen?

Damit meine ich nicht die vielfältigen Meldungen über die Erschöpfung von Rohstoffen oder Ähnliches. Was mir Sorgen macht, ist die Zerstörung unserer Umwelt. Durch den Klimawandel⁷, den Verlust von Ackerland, die Versauerung der Meere⁸, das Artensterben, den Anstieg des Meeresspiegels⁹ oder die trotz gegenteiliger Zwischenmeldungen fortschreitende Zerstörung der Ozonschicht in den mittleren Breiten¹⁰ könnten die Lebensbedingungen auf der Erde so kompliziert werden, dass aller technologischer Fortschritt nicht ausreicht, um einen Ausgleich schaffen zu können. Als Anhänger der Theorie deterministischer chaotischer Systeme, der Chaostheorie,¹¹ fürchte ich, dass wir uns gegenwärtig in einem extrem labilen Systemzustand befinden. Setzen bestimmte durch innere Rückkopplungen beschleunigte Entwicklungen erst mal ein, sind sie nur noch schwer zu bremsen. Wir werden also viel Kraft und Intelligenz benötigen, um dem entgegenzuwirken.

Aufbringen können wir diese Kraft allerdings nur mit einem Mindset, das im ersten Schritt wissenschaftlich eindeutig belegte Tatsachen nicht einfach leugnet und im zweiten Schritt offen ist für Wissenschaft und Forschung sowie für die Veränderung lieb gewordener Zustände. In diesem Sinne erscheint mir ein Growth Mindset schlichtweg überlebensnotwendig. Werden diese Fragen gelöst, eröffnen sich auch ganz neue Perspektiven für die Weiterentwicklung der Menschen selbst als physische und psychische Individuen – Perspektiven, die langfristig ein neues Kapitel im Buch der Evolution aufschlagen könnten. Im Augenblick sind wir davon aber noch einige Jahrzehnte entfernt.

Sven Gábor Jánszky: Lassen Sie uns über Fixed und Growth Mindsets bitte nicht abstrakt wissenschaftlich sprechen. Es ist meines Erachtens viel simpler: Die einen halten unser heutiges Leben, den heutigen Menschen in seiner heutigen Umgebung für den Idealzustand, also sozusagen den finalen Gipfel und Endpunkt der Evolution. Wer dieser Überzeugung ist, wird natürlich jede Veränderung ablehnen, weil es vom Gipfel ja nur noch nach unten gehen kann.

Die anderen dagegen, zu denen ich mich auch zähle, halten diesen angeblichen Endpunkt der Evolution für sehr unwahrscheinlich. Ich glaube, dass wir gerade auf einer evolutionären Zwischenetappe sind. Ich halte den heutigen Menschen für unvollkommen. Sein Körper lebt zu kurz, wir sind zu oft krank und verlieren zu schnell unsere jugendliche Straffheit. Unsere Sinne könnten durchaus ein Update gebrauchen: Wir sollten besser sehen, hören und fühlen können. Und auch das menschliche Bewusstsein und seine Moral sollten verbessert werden. Wenn wir diese Evolution weiter vorantreiben, dann werden unser Kinder freier, gesünder, länger, selbstbestimmter und friedlicher leben. Deshalb freue ich mich also auf die Veränderungen, weil ich uns eben nicht auf dem Gipfel, sondern am Fuße des Berges wähne. Und jeder Schritt bergauf führt zu Verbesserungen für uns.

Lothar Abicht: Der oben beschriebene Rückgang der Gewalt zeigt, dass wir als Menschheit durchaus in der Lage sind, moralische Lernschleifen zu durchlaufen, und das nicht, weil gutwillige oder moralisch hochstehende Menschen uns die entsprechenden Ziele vorgeben und dann noch als Volkspädagogen das unwissende Volk anleiten und dirigieren. Dieser Traum, der gegenwärtig als »Political Correctness« gleichermaßen unsere Lebenswirklichkeit determiniert und viele Menschen mit dem politischen System aktueller Bauart hadern lässt, scheint mir immer weniger zu funktionieren.¹² Im Gegenteil, er begünstigt Spaltungsprozesse, wie wir sie seit Ende des kalten Krieges nicht mehr gekannt haben.

Aber die Geschichte lehrt uns, dass komplexe gesellschaftliche Systeme auf Dauer ohne ein Mindestmaß an gegenseitiger Akzeptanz und Achtung der Integrität anderer Menschen nur schwerlich funktionieren. Hinzu kommt die Natur des Menschen, dessen Handeln keineswegs allein durch die darwinsche Evolutionstheorie geprägt ist. Als soziale Wesen besitzen Menschen Eigenschaften wie Empathie, Vertrauen, Aufopferungsbereitschaft sowie die Fähigkeit und das Bedürfnis zu lieben.¹³ Das alles kann die Menschheit in die Waagschale der zukünftigen Entwicklung werfen.

Sven Gábor Jánszky: Der Schlüssel zur Zukunftsliebe liegt meiner Meinung nach in unserem Menschenbild. Glauben wir, dass die Menschheit sich weiter so positiv entwickelt wie bisher? Glauben wir, dass wir es schaffen, unseren Kindern und Enkeln eine bessere Welt zu hinterlassen, so wie es unsere Eltern und Großeltern auch gemacht haben? Ich glaube: ja! Und Technologie hat uns noch nie so stark dabei geholfen, wie es in den kommenden Jahrzehnten der Fall sein wird. Der wesentliche Punkt dabei ist Intelligenz: Unsere Welt wird rasant intelligenter werden. Wir reden heute viel und zu Recht von künstlicher Intelligenz, und nicht selten verbinden wir diesen Gedanken sogleich wieder mit der Angst, dass die menschliche Intelligenz auf der Strecke bleiben könnte.

Aus meiner Sicht wird genau das Gegenteil passieren. Wir werden in den kommenden Jahrzehnten einen massiven Anstieg von menschlicher Intelligenz sehen. Zum einen, weil wir uns die Intelligenz der Computer zunutze machen und unsere eigene Intelligenz mit ihnen verbinden. Zum anderen aber, weil wir weltweit eine massive Bildungswelle sehen werden, die in Asien bereits begonnen hat. Die Prognosen zeigen das Bild, dass im Jahr 2000 weltweit 850 Millionen Menschen gar keine Bildung hatten, etwa 1,1 Milliarden Menschen auf Grundschulniveau. Dies sind ca. 50% der Gesamtbevölkerung unter oder auf Grundschulniveau. Für das Jahr 2100 prognostiziert das »most likely scenario« der UNO nur noch 82 Millionen ohne Bildung, 550 Millionen auf Grundschulniveau und 7,08 Milliarden auf höherem Level.¹⁴ Dies sind 8,6% unter Grundschulniveau und 91,4% drüber. Oder um es anders zu sagen: Mehr als 3 Milliarden Menschen werden im Jahr 2100 weltweit ein Hochschulstudium absolvieren. Zum Vergleich: Wenn jeder Mensch in den Industriestaaten heute einen Hochschulabschluss machen würde, wären es nur 1,2 Milliarden.

Lothar Abicht: Ja, es gibt viele gute Gründe, um optimistisch in die Zukunft zu blicken. Ganz abgesehen davon, dass eine pessimistische Sicht der Dinge letztlich zu Passivität und Niedergang führt. Diese optimistische Grundhaltung darf sich allerdings nicht in Wunschträume versteigen. Den Menschen zu transzendieren, ihn mit der Technik zusammenzuführen und als völlig neues Wesen zu gestalten ist eine realistische und irgendwann kommende Perspektive. Bis dahin kommt es darauf an, die Welt mit den gewaltigen Möglichkeiten der Wissenschaften sowie mit den Gefühlen und Leidenschaften von Millionen Menschen trotz der teilweise atemberaubenden Geschwindigkeit der Entwicklung schrittweise und kontrolliert zu gestalten. Ein Selbstlauf ist hier ebenso wenig angebracht wie der Versuch, in engen Grenzen zu steuern. Wir brauchen eine optimistische Grundhaltung, die durch Gefühl, Leidenschaft und Wissenschaft bestimmt ist.

Und nun lassen Sie uns die Zukunft endlich beginnen. Wir sind auf dem Weg ins Jahr 2030. Wir treffen eine ganz normale Familie: die Seedorfs. Und wir treffen sie an einem ganz normalen Donnerstag. Lassen Sie sich faszinieren, lassen Sie sich inspirieren!

Herzlich willkommen in Ihrer Zukunft.

Zukunft: Technologie

Donnerstag, 16. Mai 2030, 4:12 Uhr

Papa, ich kann nicht schlafen!

»Wieso ist denn da dieses Schmatzen?« Peter spürt, wie langsam die Gedanken wieder von seinem Hirn Besitz ergreifen. Unwillig versucht er sie zurückzuschieben und wieder hineinzufallen in diesen Dämmerzustand, der so warm und leicht war. Doch da ist es wieder. Es ist kein Mund, der schmatzt. Schon eher ein Gummirand, der von einem Einweckglas abgezogen wird. Oder …? Von diesem Moment der Erkenntnis ist Peter schon immer fasziniert gewesen. Jener Augenblick, in dem die präzise Klarheit in den eigenen Verstand zurückkehrt, nachdem dieser noch Sekunden zuvor alles in seinem Dämmerzustand vor sich hin wabern ließ. Diese Geräusche, die hier nicht hingehören. Nicht in sein völlig abgedunkeltes Wohnzimmer. Nicht zu dieser Uhrzeit. 4:12 Uhr.

Da! Schon wieder! Kaum hörbar zwar, aber in der gedankensaugenden Schwärze der Nacht dröhnt es fast in seinem Ohr. Plötzlich ist Peter hellwach. Er stemmt seinen Oberkörper nach oben und hält den Atem an. Während er in die Stille lauscht, durchkämmt er hektisch seine Erinnerungen, ob er dieses Geräusch schon von irgendwoher kennt. Ja, vielleicht, das könnte … die Klarheit kommt wie immer urplötzlich: Es war ein Fuß. Ein nackter Fuß. Auf dem Parkettfußboden. Ein Einbrecher? Ein Einbrecher ohne Schuhe?

»Marga?! Komm her, meine Liebe!«, ruft Peter zärtlich ins Dunkel hinein. Ein breites Grinsen huscht über sein Gesicht. Gut, dass niemand sehen kann, wie sehr er sich freut, seine Tochter in den Arm zu nehmen. Sogar mitten in der Nacht, obwohl sie jetzt natürlich schlafen müsste. Genau genommen müsste er auch schlafen. Doch er sagt: »Komm, setz dich zu mir.«

Eine zierliche Silhouette schiebt sich hinter dem Wandvorsprung hervor. Mit einem Satz ist sie auf der Couch gelandet und kuschelt sich an ihren Vater. »Hast du dich versteckt?«, fragt Peter. Marga schaut ihm in die Augen und nickt. ›Bitte schimpfe nicht. Ich weiß, dass ich im Bett sein müsste‹, sagt ihr Blick. Und zugleich spürt Peter, wie froh sie ist, sich nicht mehr im Dunkeln hinter der Ecke verstecken zu müssen.

»Papa …?!« Margas Stimme klingt halb neugierig, halb ängstlich. »Was ist denn?«, versucht Peter sie zu ermuntern. »Ich kann nicht schlafen! Ich habe da so etwas gehört.« »Ach, was denn? Hat dich ein Geräusch aufgeweckt? In deinem Zimmer?« »Neeeeeeeein.« Marga dehnt das Wort, so als könnte sie damit verhindern, weiterreden zu müssen. »Es war hier im Wohnzimmer. Bei dir.« Peter schließt die Augen. Für den Bruchteil einer Sekunde ist er versucht, sich wieder dem Dämmerzustand hinzugeben. Aber dann strafft sich sein Körper. Er sollte jetzt bei klarem Verstand sein, denn von diesem Augenblick an würden viele Dinge nicht mehr so sein wie bisher. »Und weißt du was?«, sagt Marga, von seinem Schweigen ermuntert. »Das klang, als ob Opa hier wäre.«

Marga hatte ihren Opa Horst abgöttisch geliebt. Mit ihm hatte sie Fahrradfahren gelernt und ihre erste Radtour gemacht. Er hatte mit ihr Buden gebaut und ihr Schniefi, das Meerschweinchen, geschenkt. Manchmal hatte Opa Horst sie als Mittagskind vom Kindergarten abgeholt. Diese Marga-Opa-Tage waren ihre glücklichsten Tage. Doch dann war Opa krank geworden. Vor fünf Jahren war das gewesen, Marga war damals vier. Zuerst war Opa so krank, dass er nicht mehr zu Besuch kommen konnte. Marga hatte ihre Eltern seitdem jedes Wochenende angebettelt, ob sie zum Opa fahren könnte. Eines Tages hatte es Peter dann nicht mehr übers Herz gebracht, ihr wieder und wieder zu erklären, warum das nicht ginge, war mit Marga in Jennys verwaistes Zimmer gegangen, hatte deren alte Alexa-Box abgebaut und war damit zu Horst gefahren. Mit glänzenden Augen hatte Marga ihrem Großvater die Box überreicht, als wäre es der größte Schatz. »Ab jetzt können wir immer miteinander sprechen, Opa. Ich habe auch die Alexa in meinem Kinderzimmer. Du musst nur sagen: ›Alexa! Rufe Marga an!‹ Und schon können wir reden.« Seitdem verging kein Morgen ohne den Guten-Morgen-Anruf und kein Nachmittag, ohne dass Marga ihrem Opa Horst von jedem Spiel, jedem Essen und jeder ihrer Ideen berichtet hätte.

Es war eine harte Zeit für Peter. Er musste mit ansehen, wie die Krankheit seinen Vater schwächer und schwächer werden ließ. Und er machte sich Vorwürfe – jeden Tag! Peter fühlte sich schuldig. War er nicht einer derjenigen im Land, die an der vordersten Front der Technologieentwicklung arbeiteten? Trug er selbst nicht schon seit dem Jahr 2020 einen Chip im Arm, der seine Körperdaten in Echtzeit messen und jegliche Krankheitsanzeichen melden konnte, lange bevor er irgendwelche Symptome spürte? Warum hatte er seinen Vater nicht gezwungen, sich auch diese »Health-Implant«-Spitze setzen zu lassen? Doch der hatte ja immer nur gesagt: »Was nutzt es mir zu wissen, dass ich sterben muss? Ich kann es ja doch nicht verhindern.« Woche für Woche hatte Peter erneut versucht, seinen Vater zu überreden, hatte ihm erklärt, dass es neue Behandlungsmethoden gäbe, mit denen man selbst Krebs und andere Genkrankheiten heilen könne. Zwar seien die noch nicht hundertprozentig ausgereift, aber dank seiner Kontakte würde Peter seinen Vater sicher in einem der Pilotprogramme unterbekommen. ›Alles ist doch besser, als zu sterben‹, hatte Peter gedacht. Aber Horst wollte lieber den starken Vater spielen. Bis es zu spät war.

Doch Peter war noch nie derjenige gewesen, der sich dem Schicksal ergeben hätte. Bei seinem alten Arbeitgeber »NextGen« war er als Innovationsvorstand dafür bekannt gewesen, stets mehrere Zukünfte vorauszudenken. Dies ermöglichte es ihm, immer dann auf eine zweite Strategie umzuschwenken, wenn die erste nicht funktionierte. Hauptsache, er hatte die Zukunft selbst in der Hand. Er gestaltete, während sich andere gestalten ließen.

So war es auch bei seinem Vater. Als Peter merkte, dass er Horst wohl nie würde umstimmen können, hatte er auch hier einen Plan B. Eines Abends, als die beiden allein waren, zeigte er seinem Vater einen dieser neumodischen intelligenten Bots, die gerade in Mode kamen. Das waren intelligente Softwareassistenten, mit denen man sich intelligent unterhalten konnte, so wie mit einem Menschen. Und noch besser: Damals waren gerade jene Bots herausgekommen, die einen Menschen beobachteten, seine Gedanken und Gefühle erlernten und so nach einigem Training quasi zum Doppelgänger dieses Menschen wurden. Eines Abends sagte Peter nach einer neuerlichen Diskussion zu seinem Vater: »Wenn du schon sterben und Marga ihren echten Opa wegnehmen willst, dann hinterlasse ihr wenigstens deine Stimme und deine Gedanken!« Horst hatte Tränen in den Augen und einen Kloß im Hals. Er konnte nicht antworten. Aber er nickte. Seit diesem Abend gibt es den »Opa-Bot«. Für Marga!

Horst versprach seinem Sohn, den Doppelgänger an allen Tagen, die ihm noch blieben, zu trainieren. Und das ging einfacher als gedacht, denn Opa-Bot beobachtete am Anfang nur und hörte zu. Später führte er dann kleine Gespräche mit Horst, was dem sogar die langen Nachmittage allein im Krankenbett etwas unterhaltsamer gestaltete. Manchmal sah Horst im Fernsehen, wie Wissenschaftler über die Zukunft sprachen. Von Brain-Uploads war da die Rede. Angeblich werde es in Zukunft möglich sein, das ganze Wissen und Fühlen eines Menschen in einen Computer hochzuladen. ›Das wär’s!‹, dachte sich Horst. ›Dann müsste ich mit meinem Opa-Bot-Training nicht auf halber Strecke aufhören.‹ Doch dann kam der Tag, an dem das Training zu Ende war. Opa Horst starb an einem Dienstag im Februar 2026.

Auf die Nachricht von seinem Tod waren damals alle vorbereitet gewesen. Es gab kein Drama. Im Gegenteil. Die Tage bis zur Beerdigung liefen fast schon routiniert ab, selbst Marga war erstaunlich gefasst. Peter selbst fieberte seit Horsts Tod auf dessen »Wiederauferstehung« hin. Er hatte sich vorgenommen, sich am Abend nach der Beerdigung mit seiner Tochter im Kinderzimmer einzuschließen und ihr die Dinge zu erklären: einerseits, dass Opa niemals wieder vor ihr stehen würde, andererseits aber, dass sie jeden Tag mit Opa sprechen könne. Dann wollte er ihr Opas letztes Geschenk geben. Und sie würde merken, dass Opa-Bot genau mit Opas Stimme redet, Opas typische Sätze sagt und auch sonst all jene Kommentare abgibt, die Opa wahrscheinlich gesagt hätte. Natürlich würde es einige kleine Ungenauigkeiten geben, aber daran würde Marga sich schon gewöhnen.

Das war der Plan. Doch dann kam der Abend vor der Beerdigung. Peter und Marga hatten Kerstin vom Flughafen abgeholt, seine Ehefrau und Margas Mutter. Zu jener Zeit war Peter ja der Sesshafte der beiden und Kerstin eine dieser Jobnomaden, die aller drei Jahre ihre Arbeitsstelle wechselten. Sie arbeitete damals für ein internationales Agentur-Network in einem der aufstrebendsten Länder der Erde, in Uganda, als Director Africa Development bei »Sunrise Brands«. Sie liebte den Job, auch wenn sie deswegen ihre Familie nur alle zwei Wochen sehen konnte. Nach Horsts Tod war sie natürlich sofort in den Flieger gestiegen.

Nun saßen sie sich gegenüber, und Peter ahnte, dass das, was jetzt kommen würde, viele Jahre in seinem Leben nachklingen würde. Anfangs gelangt es ihm noch, seine konkrete Frage von allen Seiten zu umschiffen. Er wusste: Es würde nicht leicht werden, Kerstin zu überzeugen, dass Marga nach der Beerdigung den Opa-Bot erhalten sollte. Deshalb begann Peter auch nicht mit ›ob‹, sondern mit ›wie‹. Er erklärte, wie Horst den Bot in seinen letzten Monaten trainiert hatte, und fragte dann, ob Kerstin bei der Übergabe dabei sein wolle. In diesem Augenblick versteinerte sich ihr Gesicht. »Ich verbiete dir, meiner Tochter diesen technischen Unsinn zu geben. Du wirst damit ihr Leben zerstören. Das lasse ich nicht zu!«

Ihr Gespräch dauerte noch Stunden – obwohl es in Peters heutiger Erinnerung wohl eher ein Monolog war. Kerstins Monolog. Sie warf ihm vor, selbst seinen kindlichen Spieldrang nicht abgelegt zu haben, mit seinen immer neuen technologischen Verrücktheiten die Menschlichkeit zu opfern und alle Menschen in Gefahr zu bringen, nur noch den Maschinen hörig zu sein.

Peter erinnerte sich, dass sie ein solches Gespräch schon einmal vor einigen Jahren geführt hatten. Es muss 2018 gewesen sein – damals, als er sich einen der ersten Körperchips in die Hand implantieren ließ, um den Nutzen dieser Technologie am eigenen Leib zu erforschen. Auch damals hatte sie gezetert, doch letztlich konnte sie ihn nicht davon abhalten, denn es ging ja um seinen eigenen Körper.

Doch diesmal, am Vorabend der Beerdigung seines Vaters, würde das Gespräch anders verlaufen. Das hatte Peter schnell gemerkt. Kerstin fing an, von Afrika zu erzählen, von den Menschen und der Menschlichkeit, die sie dort erlebte. Sie beendete ihren Monolog mit der Aussage, dass sie im Kampf zwischen Mensch und Maschine ihre Seite gewählt habe. Sie nannte es: das »Team Humanity«. Und dazu gehörte auch ihre jüngste Tochter. »Punkt.«

Peter hatte ihr an jenem Abend nicht widersprochen. Im Gegenteil. Er hatte Kerstin versprochen, Marga den Opa-Bot nie zu zeigen. Tags darauf hatte er seinen Vater beerdigt und den Opa-Bot in einem der hinteren Verzeichnisse seines alten Festplattenrechners mit dem Ordnernamen »Lebensarchiv« versteckt.

»Papa?!« Peter fühlt, wie die Umklammerung der Kinderarme um seine Brust enger wird, und schaut zu seiner Tochter hinunter. »Weinst du?« Peter versucht gar nicht erst, sich seine Tränen aus dem Gesicht zu wischen. Hier auf der Couch, inmitten der schwarz leuchtenden Stille. Denn er weiß, dass es noch nicht die letzten sind.

In den vier Jahren seit dem Tod seines Vaters, hatte sich sein Leben ziemlich auf den Kopf gestellt. In den Monaten nach ihrem Streit kam Kerstin nicht mehr so oft aus Afrika zurück. Aus dem Zweiwochenrhythmus wurden zunächst drei Wochen und dann fünf. Und dann, ein Dreivierteljahr später, suchte Kerstin eines Abends das Gespräch. Ihre Botschaft war eindeutig: Sie hatte sich in Afrika verliebt und wollte in Uganda ein neues Leben anfangen. Dort, in der Hauptstadt Kampala, blühe gerade die Wirtschaft auf. Die Hälfte der Menschen ist jünger als 25 Jahre, und diese jungen Menschen packen ihre Zukunft an und bauen ein Unternehmen nach dem anderen auf. Es sei großartig dabei zu sein. Und außerdem sind da die schneebedeckten Berggipfel, der riesige Victoriasee, die Schimpansen, die Nilpferde und so weiter. Jetzt, da ihr Sohn Max mit 20 Jahren zu studieren angefangen hatte und Jenny mit 17 demnächst Abitur machen und dann für ein Jahr in die Welt entschwinden würde, wäre wohl auch der richtige Zeitpunkt dafür. Und dann war sie weg. Das war vor drei Jahren.

Für Peter und Marga war das Leben zunächst weitergegangen wie bisher, denn auch zuvor war Kerstin ja kaum zu Hause gewesen. Bis Peter bei NextGen Xiaoxi kennenlernte, die als neue Praktikantin aus China in Peters Team kam. Er war sofort fasziniert von ihren Visionen, die Welt durch Technologie menschlicher zu machen. Und bei einem Teamausflug lernte Peter dann Sophie kennen, Xiaoxis Mutter. Eigentlich heißt sie ja Li Yang Xu, aber sie selbst nannte sich Sophie. Sie war damals zwar mit 51 Jahren ganze 30 Jahre älter als ihre Tochter, aber äußerlich gab es kaum einen Unterschied zwischen den beiden. Es dauerte nur wenige Wochen, bis Peter und Sophie zusammen waren, und nur wenige Monate, bis bei Peter, Max und Marga im Haus chinesisch gekocht wurde. Sophie und Xiaoxi hatten die freien Zimmer von Kerstin und Jenny bezogen. Und um den Neuanfang perfekt zu machen, hatte Peter dann auch noch bei NextGen gekündigt. Er war mit seinen Ideen im Vorstand inzwischen zu oft auf Ablehnung gestoßen. Also hat er auch beruflich nochmals von vorn angefangen. Er hatte ein StartUp gegründet. Das ist es jetzt ein Jahr alt.

Peter schaut Marga an: »Ja, ich habe ein bisschen geweint. Aber es ist nichts Schlimmes, es ist eher etwas Schönes.« »Etwas Schönes? Für mich? Etwa eine Überraschung?«, fragt Marga zurück. Peter nickt. Gleich würde er etwas tun, das Margas Leben für immer verändern sollte – so wie es vor wenigen Tagen sein eigenes Leben verändert hatte.

Peter hatte in den letzten Monaten nachts oft wach gelegen. Zumeist konnte er abends noch recht gut einschlafen, erschöpft von den Anstrengungen des Tages. Doch nachts gegen 3:30 Uhr war es dann mit dem Schlaf vorbei. »Dann springt mein Kopf an. Da sind so viele Gedanken. Ich kann dann einfach nicht mehr schlafen«, versucht Peter seine Bettflucht Sophie zu erklären. Aber ist es denn auch ein Wunder, bei dieser Achterbahnfahrt des Lebens keine Orientierung mehr zu haben? Keinen inneren Kompass? Nicht zu wissen, wo »vorn« ist?

Seitdem findet sich Peter nachts zwischen drei und vier vornehmlich auf der Couch im Wohnzimmer wieder. Und

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