Genießen Sie diesen Titel jetzt und Millionen mehr, in einer kostenlosen Testversion

Nur $9.99/Monat nach der Testversion. Jederzeit kündbar.

Sturmvögel: Rote Matrosen 1918/19, Ereignisse Tatsachen Zusammenhänge

Sturmvögel: Rote Matrosen 1918/19, Ereignisse Tatsachen Zusammenhänge

Vorschau lesen

Sturmvögel: Rote Matrosen 1918/19, Ereignisse Tatsachen Zusammenhänge

Länge:
304 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Sep 20, 2018
ISBN:
9783880215047
Format:
Buch

Beschreibung

Im vorliegenden Tatsachenbericht schildert der Autor eindrucksvoll die Aktionen der roten Matrosen der deutschen Hochseeflotte im Herbst 1918. Sie weigerten sich, noch in letzter Minute für die Interessen von Monarchie und Kapitalisten als Kanonenfutter sinnlos verheizt zu werden. Damit gaben sie das Signal zur Novemberrevolution. Mit ihr bereiteten die Arbeiter und Soldaten dem Morden und Hungern des I. Weltkriegs ein Ende.

Freyer läßt diese ereignisreichen Wochen lebendig werden. Er beschreibt den Mut und die Opferbereitschaft der Revolutionäre und veranschaulicht die volksfeindlichen Machenschaften der Herrschenden.

Aber er verschweigt auch nicht die Ursachen, die dazu führte, dass es den Revolutionären nicht gelang, ihr Ziel einer sozialistischen Republik auf deutschen Boden aufzubauen. Es fehlte die Führung einer erfahrenen revolutionären Massenpartei.
Herausgeber:
Freigegeben:
Sep 20, 2018
ISBN:
9783880215047
Format:
Buch

Über den Autor


Ähnlich wie Sturmvögel

Ähnliche Bücher

Ähnliche Artikel

Verwandte Kategorien

Buchvorschau

Sturmvögel - Paul Herbert Freyer

(Griesbaum-HH@web.de)

SCHILLIG-REEDE

Nebelfetzen und Regenschauer jagen über das bleigraue Wasser des Jadebusens. Gespenstig verschwinden die dunklen Silhouetten der Schlachtkreuzer und Linienschiffe hinter den Nebelvorhängen und tauchen unversehens wieder auf. Für die letzten Tage des Oktober 1918 ist das rauhe Wetter an der deutschen Nordseeküste typisch. Immer wieder schiebt sich zwischen die mächtigen Schiffsleiber in vorsichtiger Fahrt ein neuangekommener Koloß, um Anker zu werfen. Allmählich sind alle schweren Einheiten der kaiserlichen deutschen Hochseeflotte auf Schillig-Reede versammelt. Kohlenprähme, von qualmenden Schleppern gezogen, werden sogleich von kohlebunkernden Matrosen und Heizern bevölkert. Dampfpinassen flitzen zwischen den Schiffen kreuz und quer, sie machen an ausgebrachten Spieren und Fallreeps fest oder streben dem Land zu. Der Anblick der kanonenbewehrten Armada vor Wilhelmshaven hat etwas Drohendes an sich. Doch sind die Schlünde der sich in Ruhestellung befindlichen Turm- und Kasemattgeschütze mit einer Mündungskappe verschlossen, und das Jadewasser wäscht spielerisch an den Bordwänden.

Auf den Schiffen herrscht die übliche Betriebsamkeit. Und dennoch ist es anders als sonst. Gerüchte, Spekulationen, Hoffnungen, gar Zorn und Verbissenheit geben in diesen Tagen dem Dienstablauf eine bisher nicht gekannte Spannung: Warum sind die schweren Schiffe der Hochseeflotte hier unter Dampf versammelt, jetzt, wo der Krieg doch nur noch Tage, vielleicht nur noch Stunden dauern kann?

Auf dem Linienschiff »Thüringen« geht der Bootsmannsmaat der Wache durch die Wohndecks und pfeift zum abendlichen Backen und Banken. Das braucht schon seine Zeit. Die »Thüringen« mit nahezu 170 Metern Länge und rund 23 000 Tonnen Wasserverdrängung gehört zu den vier Schiffen der Helgolandklasse und ist ein modernes Kampfschiff mit je gut 1100 Mann Besatzung. Sie wurde 1911 in Dienst gestellt. Überall, wo der Bootsmannsmaat erscheint, wird er erwartungsvoll angestarrt. Man erhofft von ihm als Wachhabenden Aufklärung, was die Versammlung der Hochseeflotte hier auf Schillig-Reede zu bedeuten habe. Doch jedesmal, wenn er den Routinebefehl ausgesungen hat, zieht er die Schultern hoch und geht weiter. Enttäuscht nehmen die Matrosen die eisernen Bakken und Bänke aus den Verlaschungen und stellen sie auf. Ein Heizer knurrt hinter dem Davongehenden her: »Der Scheißer weiß auch nicht mehr als wir.«

Die Backschafter machen sich mit ihren Schüsseln und den Kannen für die Zichorienbrühe auf den Weg. Vor der Proviantausgabe herrscht Gedränge. Über den verabreichten Fraß regt sich schon längst keiner mehr auf, der Zorn darüber ist permanent. Außerdem werden die Gemüter jetzt von anderem bewegt.

Im Wohndeck der III. seemännischen Division stellt der Backschafter die Abendmahlzeit auf die Back: für jeden einen bescheidenen Kanten dunkles Brot, ein Häufchen Magermilchquark, einen Klecks Margarine und eine dünne Scheibe billige Blutwurst. Zu seiner Backschaft gehören Männer der 30,5-cm-Geschützturmbesatzung »Cäsar« und der 15-cm-Steuerbordkasemattgeschütze. Unter ihnen ist der Obermatrose Alfred Meurer, ein Metallarbeiter aus dem Ruhrgebiet. In den Mannschaftswohndecks wird er »Admiral« genannt. Ursache dieses Beinamens ist wohl nicht so sehr die Tatsache, daß es einen wirklichen Admiral dieses Namens gibt, sondern das Ansehen, das er unter den Mannschaften der »Thüringen« genießt. Er gilt als »Roter«, als »Linker«, der aus seiner Meinung kein Hehl macht. Ursprünglich hatte er sich aus Protest zur SPD-Führung, die diesen Krieg unterstützte, zu den Oppositionellen in der Partei bekannt. Später sympathisierte er mit der Spartakusgruppe unter Führung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Ungeachtet des Befehls, der jede Parteimitgliedschaft während der Dienstzeit in der Marine untersagte, hielt Alfred Meurer Kontakt zu Gleichgesinnten und vertrat die Interessen der Mannschaften, wann und wo immer er konnte. Deshalb war er auch auf der »Thüringen« zum Vorsitzenden der Menagekommission gewählt worden.

Diese Kommissionen überwachten scheinbar nur die Verpflegung. Aber bald gingen sie auch gegen ungerechtfertigte Strafen und andere Willkürmaßnahmen der verhaßten Offiziere vor. Nach russischem Muster schufen die Matrosen und Heizer ihre illegale Mannschaftsorganisation.

Die Menagekommissionen existierten seit etwa einem Jahr. Nach dem Aufstand der Matrosen und Heizer von 1917 — damals waren Max Reichpietsch und Albin Köbis von der Militärjustiz ermordet worden — hatte man den Mannschaften die Menagekommissionen zugestehen müssen.

Die Offiziere der »Thüringen« fürchteten den »Admiral«, und sie hätten ihn längst kurzerhand zu einem Minensuchkommando abkommandiert, wenn er nicht in seiner Funktion eine Art Immunität besessen hätte.

»Wieder Schlimmeaugenwurst!« Mit hängender Unterlippe deutet ein Matrose auf die schäbige Blutwurstscheibe.

Alfred Meurer hat den Vorwurf herausgehört, er war ja auf ihn gemünzt. Er antwortet nicht. Was auch sollte er seinem Kameraden erwidern? Alle seine Auseinandersetzungen mit dem Verwaltungsoffizier über die Verbesserung der Mannschaftsverpflegung waren erfolglos. Die Offiziers- und Mannschaftsküchen blieben nach wie vor getrennt. Er war sehr bald dahintergekommen, daß die Menagekommission von den Offizieren mehr und mehr dazu benutzt wurde, die Mannschaften zu beschwichtigen. Das bedeutete, er, Meurer, mußte versuchen, den Kommissionsmitgliedern bestimmte politische Zusammenhänge zu erklären, damit sie sich nicht vor den falschen Karren spannen ließen. Es war natürlich gar nicht so einfach, die Matrosen und Heizer beharrlich über die Ursachen des Weltkrieges und die Ziele des kaiserlichen Deutschlands aufzuklären.

»Du müßtest wieder mal auf die Pauke hauen, ›Admiral‹, klar?« Der Matrose läßt nicht locker, als man sich endlich zum Essen niedergesetzt hat.

Alfred Meurer winkt ab.

Doch das bringt den Matrosen erst recht auf. Einige nicken ihm sogleich aufmunternd zu.

»Du hast doch von der Schweinerei auf der ›Nürnberg‹ gehört. Hat das Krachschlagen Erfolg gehabt oder nicht?«

Auf dem in Kiel neu in Dienst gestellten kleinen Kreuzer »Nürnberg« hatten es vor Monaten die Offiziere zu weit getrieben. Von der Offiziersküche zur Offiziersmesse führte der Weg durch ein Mannschaftswohndeck. Die Matrosen mußten mit ansehen, wie Braten, Wurstplatten und andere Delikatessen in die Messe gebracht wurden, während man ihre Rationen auf das erbärmlichste reduzierte. Diese Zustände sprachen sich in der Marine alsbald herum, und das Flottenkommando sah sich gezwungen, eine Untersuchung einzuleiten. Damit wurde zwar die Prasserei einigermaßen eingedämmt, aber eine prinzipielle Veränderung der unterschiedlichen Verpflegungszuteilung für Mannschaft und Offiziere trat nicht ein.

So setzt denn Alfred Meurers Antwort gleich den richtigen Akzent. »In der Messe haben sie es ganz gern, wenn wir uns mal wieder über die Fresserei streiten.«

Die Mehrzahl der Matrosen um die Back herum stimmt ihm zu.

Eine ganze Zeit lang kaut nun jeder schweigend an seinem Brotkanten. Alle hängen ihren Gedanken nach. Endlich bricht Hannes, ein stiller, meist zurückhaltender Obermatrose, der schon zu Beginn des Krieges zur Ableistung seiner Dienstpflicht an Bord war und deshalb von allen »Aktiver« genannt wird, das Schweigen: »Irgendetwas Hinterhältiges braut sich zusammen.«

Das trifft den Kern ihrer Gedanken. Die gesamte Backschaft hat den Krieg satt, das Inbereitschaftliegen, das Hungern, das Schikanieren durch die Offiziere. Ihr ganzes Sinnen und Trachten ist darauf gerichtet, endlich nach Hause zu können. Doch was soll das Zusammenziehen der Flotte? Das Heimlichgetue der Offiziere? Sind etwa die Friedensverhandlungen nur Bluff? Was geht eigentlich vor?

Aller Augen sind auf Alfred Meurer gerichtet.

»Wir müssen es herausfinden«, sagt er ruhig und bestimmt. Er steht auf, und mit gedämpfter Stimme wendet er sich an Hannes: »Geh doch mal ‘rum, und trommle die Kommission zusammen. Aber vorsichtig, daß nicht gleich der Leutnant der Wache oder einer der Deckoffiziere Wind kriegt. Wir treffen uns am Steuerbordkasemattgeschütz sieben.«

Der »Aktive« nimmt seine Mütze vom Blechspind und trollt sich davon.

Wenig später haben sich alle Mitglieder der Menagekommission — Matrosen, Heizer, ein Signalgast und ein Torpedomechaniker — in dem engen Raum vor dem 15-cm-Geschütz eingefunden. Am vorderen und am achteren Schott sichtet je ein Mann, um vor unliebsamem Besuch zu warnen, denn offizielle Sitzungen der Kommission sind beim I. Offizier anzumelden. Es ist nicht das erste Mal, daß sie hier illegal zusammenkommen. Man muß sich kurzfassen. So beginnt Alfred Meurer auch gleich ohne Umschweife. »Kameraden! Wir müssen herausfinden, warum die Flotte hier auf Schillig-Reede zusammengezogen wurde. Hat einer vielleicht schon etwas Genaueres feststellen können?«

Ein Matrose meldet sich. »Auf ›König‹ ist die Artilleriemunition ergänzt worden. Ich habe das vom Schlepperführer, der gestern den Kohlenprahm längsseits bugsierte.«

»Winksprüche an Schiff oder Land dürfen nur noch mit Genehmigung des Offiziers der Wache abgesetzt werden«, ergänzt der Signalgast.

Ein Heizer, Maschinist auf der Dampfpinasse, antwortet: »Die verheirateten Offiziere fahren kaum noch an Land. Sie bleiben über Nacht an Bord.«

»Also gut«, kürzt der »Admiral« ab, »keiner weiß Genaues, wenn auch alles dafür spricht, daß eine verdammte Schweinerei geplant ist. Vielleicht passen den Offizieren die Friedensverhandlungen nicht, und sie träumen immer noch von einem Sieg. Vielleicht müssen wir sie zum Frieden zwingen.«

Die Umstehenden nicken. Nur einer hat Bedenken. »Hauptsache, die Mannschaft ist dazu bereit. Die meisten haben nichts weiter im Kopf, als nach Hause.«

»Na und? Dazu ist doch erst recht Frieden notwendig!«, antwortet der »Admiral«.

»Zwei Schock handfester Genossen an Bord wäre besser.«

Was soll Alfred Meurer darauf erwidern? Er weiß es doch selbst nur zu gut: Mit Hurra auf den Lippen waren die meisten Soldaten 1914 in den Krieg gezogen, und die SPD-Mitglieder hatten treu und brav in den Parteibüros ihr Parteibuch abgegeben. Jede Versammlungstätigkeit war von den Behörden untersagt. Die Volksmassen waren einer widerlichen chauvinistischen Hetze ausgeliefert. Die sozialdemokratische Presse beschränkte sich auf Kriegsberichterstattung. Die bekannten sozialdemokratischen Führer schwiegen. Offen blieb, wie die Arbeiter den Kampf gegen den Krieg nach seinem Ausbruch weiter führen sollten. War es ein Wunder, daß sie jetzt den schönen Worten der rechten sozialdemokratischen Prediger vom baldigen Verständigungsfrieden und der Aussöhnung der Klassen auf den Leim gingen? Viele zehrten von diesen Illusionen. In ihren Köpfen trieben die revolutionären Phrasen vom Sozialismus die eigenartigsten Blüten. Die Folge war Unentschlossenheit, Schwanken. Und es waren auch in der Flotte nicht allzu viele, die mit ihrem Dokument nicht auch ihren klaren Blick verloren hatten.

»Ich wäre schon mit zwei Dutzend zufrieden«, entgegnet Meurer lächelnd, und ernst werdend, fährt er fort: »Ich habe versucht, mit meinem Freund, dem Obermatrosen Karl Baier in Cuxhaven, Verbindung aufzunehmen. Über einen Werftarbeiter, der vor einigen Tagen mit einer Arbeitsgruppe an Bord war. Aber ich bin nicht sicher, ob es klappen wird.«

»Und ein Brief? Verschlüsselt, meine ich«, wirft einer ein.

Alfred Meurer winkt ab. Seit Sommer 1917 wurde die Postzensur in der Marine offiziell eingeführt. Alle vom Schiff abgehenden Sendungen werden kontrolliert und mit einem Stempel versehen. Versuche, verschlüsselte Nachrichten hinauszuschmuggeln, haben die erfahrenen Schnüffler nur noch eingefuchster werden lassen.

Die Anwesenden wissen, wer Karl Baier ist. Der »Admiral« war vor zwei Jahren mit ihm in Wilhelmshaven auf einer illegalen Versammlung zusammengetroffen. In heftigen Debatten ging es um den revolutionären Ausweg aus dem Krieg. Karl Baier glaubte an die Kampfbereitschaft der Massen. Mit seinen politischen Freunden, den Bremer Linken, plädierte er für Aktionen gegen die Machtzentren der Bourgeoisie. Es schien, als ob einige unter ihnen mit dem Kopf durch die Wand rennen wollten. Ungeduld und radikaler Trotz sprachen aus ihnen, aber auch eine gewisse Unerfahrenheit und mangelnde politische Reife. Aber sie redeten die aufrichtige, ehrliche Sprache klassenbewußter Arbeiter. Alfred und Karl empfanden sofort Sympathie füreinander, vor allem wohl, weil sie spürten, daß ihre politischen Ansichten weitgehend übereinstimmten.

Karl Baier spielte in seiner Minensuchdivision in Cuxhaven eine ähnliche Rolle wie der »Admiral« auf der »Thüringen«.

»Machen wir es kurz«, nimmt Meurer den Faden des Gesprächs wieder auf. Er wendet sich an den Oberheizer. »Du gibst Obacht, welche Offiziere mit der Pinasse an Land oder an Bord fahren. Habe ein Ohr auf das, was sie sagen!«

»Topp«, sagt der Oberheizer und hebt den rechten Daumen nach oben. Und zum Signalgast sagt Meurer: »Du schreibst alle Wink- und Morsesprüche mit, auch die von anderen Schiffen.«

Ein Matrose bekommt die Anweisung, Verbindung mit den Fallreepsmatrosen zu halten, um genau festzustellen, was um den Wachoffizier vorgeht.

Rundum verteilt der »Admiral« seine Aufträge. Schließlich fragt er: »Wer hat Verbindung zur Offiziersmesse?«

»Ich«, antwortet ein Matrose. »Ein Kumpel von mir ist Messegast. Er ist aus meiner Heimatstadt. Aus Zwickau. Zuverlässig.«

»Gut. Rede mit ihm! Es kommt darauf an zu erfahren, worüber sich die Offiziere unterhalten.« Ein wenig nebenbei fügt er hinzu: »In den letzten Tagen geht es dort ohnehin hoch her.«

»Mach ich. Da kannste dich drauf verlassen, ›Admiral‹, einwandfrei«, stimmt er in selbstbewußtem Sächsisch zu.

»Also, dann los!« Meurer beschließt die illegale Zusammenkunft der Menagekommission. Während die Männer auseinandergehen, fügt er noch rasch hinzu: »Jede Wahrnehmung sofort zu mir, auch in der Nacht!«

Bald ist der Raum des 2. Steuerkasemattgeschützes wieder leer. Nur das Klatschen des Wassers ist gedämpft zu hören, wenn es draußen an die Bordwand schlägt.

Der Pfiff »Klar bei Hängematten« ist im Schiff längst verhallt. In den Wohndecks der Mannschaften herrscht Ruhe. Nur die Lüfter summen leise. Dennoch ist die Luft beißend und stickig. Die Durchgangsschotten bleiben im sicheren Heimatgewässer ständig geöffnet. Ölschmierdunst aus den Maschinenräumen dringt ein und zieht durch die Mannschaftswohndecks. Die Ausdünstungen der auf engem Raum Zusammengepferchten tut das übrige. Zwei, drei Matten hängen übereinander. Ab und an schnarcht einer oder stöhnt im Traum. Die spärliche Nachtbeleuchtung erhellt nur unzureichend den Laufweg. Immer wieder stolpert eine der sich ständig ablösenden Ankerwachen über irgendeinen Schraubenverschluß im Eisendeck oder rennt mit dem Kopf gegen das Segeltuch einer Hängematte. Doch den ins Schwanken geratenen Schläfer regt das nicht weiter auf, er kennt diese Störungen zur Genüge, und in einigen Sekunden ist er wieder in tiefem Schlaf versunken. Das Klappern der Seestiefel auf den eisernen Planken verliert sich in der Ferne.

Zur selben Zeit ist die Offiziersmesse hell erleuchtet. Der Messevorstand, der von den zweiundvierzig Offizieren der »Thüringen« gewählte I. AO — der Erste Artillerieoffizier —, ein Korvettenkapitän, hatte für Hafen- und Reedeliegzeiten 01.00 Uhr als Messeschluß bestimmt. Daran hält man sich jedoch seit Tagen nicht mehr. Der Nachturlaub für die Offiziere wurde vom Kommandanten weitgehend eingeschränkt. Kaum einer der Offiziere hat Lust, die Abende und Nächte in den Kammern zu verbringen. Lieber findet man sich in der gut eingerichteten Messe zusammen.

Aber es ist nicht nur der Drang nach Geselligkeit, der die Offiziere die Nächte gemeinsam verbringen läßt. Man führt eifrig politische Debatten, äußert Ansichten und Vermutungen über den Fortgang des Krieges, denn aus verschiedenen Stäben der Flotte ist so manches durchgesickert. Die älteren Offiziere, offensichtlich mehr wissend als die jüngeren, suchen immer wieder die hochgehenden Wogen zu dämpfen, vor allem dann, wenn einer der Messegäste den Raum betritt, um abermals die leeren Flaschen in den Eiskübeln mit vollen zu vertauschen oder um eine Sandwichplatte herumzureichen.

Leutnant zur See von Penkwitz ist einer der jüngsten Offiziere auf der »Thüringen«, nicht nur an Lebensjahren, sondern auch an Dienstalter. Er ist gerade zwanzig geworden und hat erst vor wenigen Wochen den Ärmelstreifen erhalten. In der Marine herrscht Offiziersmangel, der Verschleiß war besonders in den letzten Kriegsjahren groß. Dennoch verhinderte das Offizierskorps, daß in der Marine — ähnlich wie im Heer — der »Feldwebelleutnant« eingeführt wurde, von ein paar Ausnahmen abgesehen. Die Dünkelhaftigkeit der Seeoffiziere geht teilweise sogar so weit, daß sie nicht einmal die technischen Offiziere als gleichberechtigt betrachten. Sie nehmen lieber den Mangel an Ausbildung und Lebenserfahrung in Kauf, nur um nicht auf die Söhne der Junker und renommierten Familien im Seeoffizierskorps zu verzichten. Man will um jeden Preis sein Image als »erster Stand« im deutschen Kaiserreich erhalten.

Der blasierte junge Herr von Penkwitz befindet sich in diesen Tagen in Hochstimmung. Das bewirkten gewisse Andeutungen über ein Vorhaben der Seekriegsleitung, die bis zu ihm durchgesickert sind. Da er es nicht versteht, seine Gefühle im Zaum zu halten, spricht er dem Alkohol mehr zu, als er vertragen kann. Auch heute Nacht ist es wieder so. Schwankend strebt er dem Messeausgang zu, um sich zu übergeben.

Der sächsische Messegast Gubich schnappt den torkelnden Leutnant im Gang vor der Pantry. Gubich war Kellner im Hotel Wagner in Zwickau, deshalb wurde er zum Messedienst abkommandiert. Er kennt diesen Zustand zur Genüge. Fängt der Kerl hier an zu kotzen, muß er es aufwischen. Also hinaus mit ihm an Deck, zur Reling.

Respektlos packt Gubich den Leutnant am Kragen und zerrt ihn den Gang entlang. »Wieder vollgetankt?«

»Jawoll«, lallt der Leutnant, »wie’n Sprittleichter.«

»Und warum?«, fragt er harmlos.

»Ver ... stehst du nicht ..., du Kuli.«

Das Gangschott fliegt auf. Kalter Nachtwind bläst dem Leutnant ins Gesicht. Er will zusammensacken. Doch Gubich zerrt ihn an Deck und reißt ihn hoch.

»Was verstehe ich nicht, he? Das wollen wir erst mal sehen!«

Ganz dicht zieht er den Leutnant an sich heran. Ihre Gesichter sind kaum einen Zoll voneinander entfernt. Gedämpfter Lichtschein fällt aus dem Gang an Deck hinaus.

»Also?« Gubich schüttelt ihn unsanft.

»Wir laufen aus.«

»Wohin?«

»Gegen den Tom ... Tommy«, beginnt von Penkwitz zu lallen, den Bruchteil einer Sekunde lang kämpft er um Nüchternheit. Doch die Faust hält eisern fest.

»Wann?«

»Noch diesen Monat.«

Schon packt Gubich den Leutnant im Genick und beugt ihn über die Reling. Während der Leutnant sich entleert, steigt nun doch Erregung in dem Matrosen auf, von den Knien bis zum Hals. Kurzerhand bugsiert er den Leutnant durch den Gang in die Messe zurück. Willenlos und erschöpft läßt es der Betrunkene geschehen.

Einige Augenblicke lang steht Gubich allein vor der Pantry. Er zieht seine Taschenuhr. Sie zeigt kurz nach 02.00 Uhr. Entschlossen dreht er sich um, stürmt hinaus an Deck, hastet davon, läßt sich Niedergänge hinunterfallen, bis er das Wohndeck der III. seemännischen Division erreicht hat. Den ersten Besten, den er in einer Hängematte erwischt, rüttelt er hoch.

»Wach auf, Mensch!«

»Laß mich!«

»Sabbel nicht. Wo schläft der ›Admiral‹?«

»Da«, weist er die Richtung, dreht sich um, daß die Hängematte heftig ins Schaukeln gerät.

Gubich stolpert weiter. Noch zweimal muß er fragen, bis er im Halbdunkel den Obermatrosen findet.

»He, ›Admiral‹!«

Alfred Meurer ist sofort hellwach, obwohl er bereits zweimal diese Nacht geweckt wurde. Einmal vom Signalgasten, der ihm über die letzten Morsesprüche berichtete, und ein andermal meldete ihm ein Heizer, daß der Leitende Ingenieur befohlen habe, am kommenden Tag alle hölzernen, also brennbaren Gegenstände von Bord zu schaffen.

»Was gibt’s?«

»Gubich, Messegast.«

»Weiß Bescheid.«

Der Matrose senkt die Stimme zu kaum hörbarem Flüstern: »Ich habe eben von einem besoffenen Leutnant erfahren, daß die Flotte noch im Oktober auslaufen soll. Gegen die Engländer.«

Meurer richtet sich ruckartig in seiner Hängematte auf.

HINTERHÄLTIGES SPIEL

Das Linienschiff »Kaiser Wilhelm II.« mit 11 150 Tonnen Wasserverdrängung ist ein alter Kasten. Schon bald nach seiner Indienststellung im Jahre 1900 stellte sich heraus, daß es mit seinen vier 24-cm-Doppelturmgeschützen und 17,5 Knoten Höchstgeschwindigkeit den Anforderungen eines modernen Kriegsschiffes — wie alle fünf

Sie haben das Ende dieser Vorschau erreicht. Registrieren Sie sich, um mehr zu lesen!
Seite 1 von 1

Rezensionen

Was die anderen über Sturmvögel denken

0
0 Bewertungen / 0 Rezensionen
Wie hat es Ihnen gefallen?
Bewertung: 0 von 5 Sternen

Leser-Rezensionen