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Bibel Kirche Militär: Christentum und Soldatsein im Wandel der Zeit

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Bibel Kirche Militär: Christentum und Soldatsein im Wandel der Zeit

Länge:
1,132 Seiten
13 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Sep 28, 2018
ISBN:
9783752893137
Format:
Buch

Beschreibung

Die beiden Kernforderungen des Christentums - Tötungsverbot und Nächstenliebe - werden anhand von Aussagen der Bibel und kirchlichen Autoritäten analysiert. Dabei wird der Werdegang zahlreicher deutscher, österreichischer, französischer und britischer Priester, die in Krieg und Frieden vorbildlich wirkten, aus Soldatenfamilien stammen und jener, die zunächst eine militärische Laufbahn einschlugen, dann aber in das geistliche Metier wechselten, ebenso dargestellt wie die wechselvollen Beziehungen des Papsttums zu militärischer Macht.
Vor dem Hintergrund des sich wandelnden Kriegsbildes und der Vernichtungskraft nuklearer Kriegsmittel vollzog die Kirche einen Rollenwechsel hinsichtlich der Akzeptanz soldatischer Aufgaben; gleichwohl bleibt es eine Gratwanderung. Der christlich geprägte, im Glauben verwurzelte Soldat wird immer vor dem ethischen Dilemma stehen, denn die christliche Distanz zu seiner Berufswelt ist letztlich nicht aufzulösen. Eine Darstellung der Militärseelsorge in ausgewählten Ländern rundet die Darstellung ab.
Herausgeber:
Freigegeben:
Sep 28, 2018
ISBN:
9783752893137
Format:
Buch

Über den Autor

Dieter E. Kilian, Oberst a.D., u.a. Militärattaché in Pakistan (1980-1984) und Saudi Arabien (1991-1994), Autor einer Reihe von Sachbüchern und Biographien, darunter "Adenauers vergessener Retter - Major Fritz Schliebusch" (Miles-Verlag; 2013); "Führungseliten" ( Osning Verlag; 2015) ; "Bibel-Kirche-Militär - Christentum und Soldasein im Wandel der Zeit" (BoD; 2018)


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Buchvorschau

Bibel Kirche Militär - Dieter E. Kilian

Inhalt

Einleitung

Die Heiligen Schriften und das Soldatentum

Der Soldatenstand im Christentum

2.1 Vom frühen Christentum bis zum Ende des Mittelalters

2.2 Vom Ende des Mittelalters bis zum 20. Jahrhundert

2.3 Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts

2.4 Die Zeit des Kalten Krieges

2.5 Vom Ende des Ost-West-Konflikts bis ins 21. Jahrhundert

Zum Verhältnis von Geistlichkeit und Militär

3.1 Gemeinsamkeiten und Trennendes

3.2 Papst und Soldaten

3.3. Bischöfe und Priester beim Militär

3.3.1 Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts

3.3.2 Im Ersten Weltkrieg

3.3.2.1 Deutsche Bischöfe und Priester

3.3.2.2 Französische Bischöfe und Priester

3.3.2.3 Britische, australische & kanadische Bischöfe und Priester

3.3.2.4 Italienische Bischöfe und Priester

3.3.2.5 Österreichische Bischöfe und Priester

3.3.2.6 Amerikanische Bischöfe und Priester

3.3.3 Im Zweiten Weltkrieg und den regionalen Kriegen seit 1945

3.3.3.1 Deutsche Bischöfe und Priester

3.3.3.2 Britische, australische & kanadische Bischöfe und Priester

3.3.3.3 Französische Bischöfe und Priester

3.3.3.4 Italienische Bischöfe und Priester

3.3.3.5 Österreichische Bischöfe und Priester

3.3.3.6 Polnische Bischöfe und Priester

3.3.3.7 Amerikanische Bischöfe und Priester

3.3.4 Priester und Laien im Widerstand

3.3.5 Von der Nachkriegszeit bis heute

3.4 Soldat und Priester in Personalunion

3.5 Vom Soldaten zum Priester

3.6 Aus einer Soldatenfamilie stammend

Der Staat und die Militärseelsorge

4.1 Die Anfänge

4.2 Vom Mittelalter bis zum 21. Jahrhundert

4.3 Einzelbetrachtungen

4.3.1 Deutschland

4.3.1.1 Preußen und Deutsches Reich

4.3.1.2 Das Dritte Reich

4.3.1.3 Bundesrepublik Deutschland

4.3.1.3.1 Bundeswehr

4.3.1.3.2 Seelsorge bei Bundesgrenzschutz & Bundespolizei

4.3.1.4 Deutsche Demokratische Republik

4.3.2 Frankreich

4.3.3 Großbritannien

4.3.4 Italien

4.3.5 Österreich

4.3.6 Schweiz

4.3.7 Spanien

4.3.8 USA

Nachwort

* * *

Anhang

Danksagung

Bildnachweis

Literaturverzeichnis

Personenverzeichnis

Einleitung

Blickt der Verfasser auf seine fast 40 Jahre als Soldat der Bundeswehr überwiegend während des Kalten Krieges und die während dieser Zeit gesammelten Erfahrungen mit Militärseelsorge und Militärgeistlichen zurück, stellt er folgendes fest:

Religiöse Zugehörigkeit spielte unter den Soldaten der Bundeswehr nahezu keine Rolle. Nur wenige von ihnen engagierten sich in ihrer Dienstzeit religiös. Von Vorgesetzten, Kameraden und Untergebenen war deren religöse Bindung meist unbekannt. Der sonntägliche Gottesdienst der Rekruten, freiwillig und meist ökumenisch, sowie der Lebenskundliche Unterricht wurden nach dem Dienstplan ebenso absolviert wie jede andere Ausbildungsstunde.

Die Militärgeistlichen beider Konfessionen - organisatorisch meist eingebunden in Brigade- und Divisionsstäbe - waren in einem, oft auch geographisch, weiten Feld tätig und mussten zahlreiche Truppenteile betreuen. Dies bedeutete, dass sie nur sporadisch in den Einheiten auftraten und sich persönliche Kontakte zwischen Soldaten und Geistlichen auch wegen der hohen personellen Fluktuation durch Versetzungen eher selten entwickeln konnten.

Bisweilen entstand dadurch der Eindruck, sie wären primär für die Wehrpflichtigen da und nur am Rande für Zeit- und Berufssoldaten.

Häufige Versetzungen der Soldaten machten das „Heimischfühlen" in einer Art militärischer Kirchengemeinde schwer, zumal es, wie bereits erwähnt, für Religion weder Raum noch Bedarf gab. Der Militärpfarrer wurde von Berufs- und Zeitsoldaten privat meist nur zu besonderen familiären Anlässen, wie z.B. Taufe oder Kommunion der Kinder, in Anspruch genommen.

Die Behandlung ethisch-moralischer Fragen des Einsatzes militärischer Gewalt wurde in der Bundeswehr erster Linie auf der Grundlage des Völkerrechts, des Grundgesetzes, der Soldatengesetze und des Strafrechts, aber kaum unter religiösen Aspekten diskutiert.

Die evangelische Kirche in der Bundesrepublik Deutschland - im Banne der sog. „68-er Bewegung" - stand, anders als die römischkatholische Kirche, der Bundeswehr lange Zeit distanziert, ja sogar feindselig gegenüber. Dies erschwerte die Aufgabe ihrer Militärgeistlichen, denn diese vertraten nahezu geschlossen die ihnen anvertrauten Soldaten und nicht die Meinung ihrer Amtskirche.

Fazit ist, dass man in den ersten Jahrzehnten in der Bundeswehr auf die Existenz von Militärgeistlichen durchaus hätte verzichten können, denn sie blieben, zumindest subjektiv gefühlt, weitgehend „unsichtbar. Nur bei großen Unfällen trat der Militärgeistliche für einen kurzen Augenblick aus dem Schatten seines ansonsten unspektakulären seelsorgerischen Dienstes. Doch selbst diese schwerwiegenden Ereignisse verdeutlichen nicht das besondere Risiko und die Besonderheit des Soldatenberufes, denn gemessen am Personalumfang der Bundeswehr zeigt ihre Unfallzahl und auch die der Selbsttötungen von Soldaten keine signifikante Abweichung von der Zivilgesellschaft. In den Zeiten des Kalten Krieges trifft der Tod die kopfstarke Bundeswehr bis 1989 zwar oft, aber für den einzelnen Soldaten und die nicht berührten Truppenteile sind dies immer nur „homöopathische Dosen. Seit Gründung der Bundeswehr 1955

verlieren rund 3.200 militärische und zivile Angehörige der Bundeswehr ihr Leben bei vielfältigen Dienst- und Flugunfällen, und

mehr als 3.500 Angehörige der Bundeswehr begehen Suizid.

Über die häufigen außerdienstlichen Kfz-Unfälle der Soldaten am Wochenende auf der Fahrt nach Hause oder zum Dienst liegen keine statistischen Angaben vor.

Doch die Bedeutung der Militärseelsorge ändert sich beinahe schlagartig mit den Auslandseinsätzen. Aus dem Routinegeschäft des Friedensalltags mit Gelöbnisvorbereitung, Lebenskundlichem Unterricht und Rüstzeiten, sowie gelegentlichen Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen entwickelt sich echter Bedarf. Auf einmal ist der Geistliche vor allem als unparteiischer, kameradschaftlich-verschwiegener Gesprächspartner, aber auch als Seelsorger, unverzichtbar und integraler Bestandteil des soldatischen Lebens. Er spendet Kraft, die vielfältigen dienstlichen, aber oft auch privaten Probleme und Herausforderungen eines Auslandseinsatzes zu erfüllen und zu lösen. Unwillkürlich wird man an den aus dem englischen Sprachraum stammenden Aphorismus erinnert:

„There are no atheists in foxholes. (Im Schützengraben gibt es keine Atheisten)

Was bedeutet, dass in Extremsituationen und solchen Lagen, die beträchtlich von der Norm abweichen und tendenziell lebensgefährdend sein können, sich jeder Mensch - ob gläubig oder nicht - in irgendeiner Form an eine höhere Sinngebung seines Lebens klammert und die Frage nach dem „Was kommt danach?" stellt. Dies gilt in besonderer Weise für den Krieg. Monsignore Dr. Alois Beck (1914-1996) schreibt, er habe in sechs Kriegsjahren als katholischer Divisionspfarrer der 297. Infanteriedivision etwa 5.000 sterbende Soldaten betreut; nur zwei von ihnen hätten seinen Beistand abgelehnt.¹ Wenige Minuten bevor Generalmajor Hellmuth Stieff (1901-1944), der Chef der Operationsabteilung im Oberkommando des Heeres (OKH), wegen seiner Teilnahme am Widerstand am 8. August 1944 in Berlin-Plötzensee erhängt wird, konvertiert der konfessionslose Offizier im Beisein von Oberpfarrer Peter Buchholz (1888-1963; Prälat)² zum Katholizismus, der Religion seiner aus Schlesien stammenden Ehefrau Ili Caecilie (1902-1980; geb. Gaertner).

Der Frontsoldat ist in den großen konventionellen Kriegen des 20. Jahrhunderts permanent umgeben vom Kampf ums Überleben und vom Tod - dem eigenen, dem des Feindes und dem von Kameraden, der allgegenwärtig wie ein unsichtbares Damokles-Schwert über allem schwebt. Es drohen Verwundung, Verstümmelung, Gefangenschaft und Hunger. Dies wird überlagert durch die unterschwellige Sorge um das Wohlergehen der Familie, die auch in der Heimat in Bombennächten um ihr Leben fürchtet. Diese Ungewissheit zehrt, denn es gibt nur die Briefverbindung mit langer Laufzeit. Der Zeitraum des Einsatzes ist unbegrenzt, daher ist auch die Heimkehr ungewiss. Heimaturlaub wird nur einmal im Jahr gewährt. Hier nun mutiert der Militärgeistliche zum einen für den Soldaten übergangslos zum Kameraden, eine Aufgabe, die vergleichsweise leicht zu erfüllen ist. Schwer hingegen ist der zweite Auftrag, die seelsorgerische Betreuung im Kampf für Verwundete und Sterbende als Mittler und Bindeglied zu Gott und einer höheren Macht. Nun gerät der Geistliche beinahe automatisch in die Rolle eines Vorbildes, was ihm, der in erster Linie ein Mann des Wortes und weniger des aktiven Handelns ist, eine immense persönliche Anstrengung abfordert, die nur jemand stemmen kann, der fest im Glauben verankert ist und aus diesem seine Kraft schöpft. Das Buch schildert viele Beispiele, in denen Militärgeistliche aller Nationen und Bekenntnisse an der Front durch selbstloses Handeln zu „Übersoldaten werden. Gerade dieser integrale Bestandteil seelsorgerischen Handelns der Militärgeistlichen wird von - meist militärfernen - Kritikern häufig und allzu oberflächlich als unzulässige geistige Unterstützung bei der Ausübung staatlicher Gewalt, als eine „unheilige Allianz von Kirche und Militär, charakterisiert und daher abgelehnt. Betrachtet man diesen Einsatz im Laufe der Geschichte aber genau, ist festzustellen, dass sich besonders hierin - obwohl es solche Ansätze durchaus gibt - der Schwerpunkt ihres, auf den einzelnen Soldaten als Individuum gerichteten Agierens manifestiert. Kritiker der Militärseelsorge werfen ihr vor, sie sei nur ein Instrument des Staates zur Erhöhung der Kampfmoral der Soldaten. Dies kann bei oberflächlicher Betrachtung so gesehen werden. Nach dieser These müssten aber besonders gläubige Soldaten sich auch durch hervorragende Tapferkeit auszeichnen - was jedoch nicht belegt ist und diese Annahme daher sehr zweifelhaft erscheinen lässt. Da überdies die Gegenseite dieses „Instrument" ebenfalls einsetzt, hebt sich die Wirkung zudem weitgehend auf.

Entscheidend hingegen sind zwei Aspekte:

Die seelsorgerische Betreuung des Soldaten und

dessen berufsethische Erziehung.

Letztere trägt als Korrektiv dazu bei, dass Grenzen der Gewaltausübung nicht überschritten werden, d.h. dass ein in den Normen seines Glaubens und vor seinem Gewissen handelnder Soldat auch in Lagen extremer Anspannung seine menschlichen Werte selbst gegenüber einem wehrlosen Feind nicht vergisst und auf sittlich Unerlaubtes auch dann verzichtet, wenn er vor Kontrolle sicher sein kann. Von daher ergänzt christlich Denken das Konzept der Inneren Führung der Bundeswehr.

Eine Armee in Friedenszeiten steht nicht vor solchen Ausnahmesituationen, und auch bei den meisten Auslandseinsätzen der Bundeswehr trifft dies - bislang zumindest - nur sehr begrenzt und vor allem nicht in dem Umfang zu, wie dies in den vergangenen Kriegen des 20. Jahrhunderts der Fall war.

Zwischen 1992 und 2017 sterben

insgesamt 108 Soldaten; von diesen

fallen 37 Soldaten durch Fremdeinwirkung und

71 kommen durch sonstige Umstände ums Leben.³

Im Zweiten Weltkrieg hingegen verliert die Wehrmacht an der Ostfront selbst in kampfärmsten Zeiträumen pro Monat durchschnittlich 36.000 Mann, d.h. etwa drei vollständige Divisionen. Im September 1944 fallen allein im Osten, einschließlich der Balkanfront, fast 440.000 Soldaten - das Zweieinhalbfache der heutigen Gesamtstärke der Bundeswehr. Sofern heimgekehrt fragt diese Soldaten niemand, weder der Staat, noch irgendein Psychologe, nach der daraus resultierenden seelischen Belastung - Posttraumatisches Belastungssyndron (PTBS)? Fehlanzeige! Dies macht jeder irgendwie im Inneren mit sich selbst aus, und auch die aus dem Krieg heimkehrenden Militärgeistlichen müssen damit allein zurechtkommen.

Das volle Risiko, im Kampf getötet zu werden oder selbst zu töten, trifft bei einem Auslandseinsatz der Bundeswehr also nur die wenigen Soldaten, die bei Patrouillen, die übrigens nicht von Militärpfarrern begleitet werden, im Einsatz sind. Jene hingegen, die im Basiscamp Dienst tun, sind eher selten davon betroffen, wie die vier Soldaten der Bundeswehr, die am 7. Juni 2003 in Afghanistan am Ende ihres Einsatzes bei einem Bustransport zum Flughafen von einem Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt wurden. Die Trennung von der Familie ist zwar für alle, Soldaten und Familien, eine Belastung, wird aber - anders als früher - zum Teil abgefedert durch häufige Verbindung per Telefon und Skype. Auch die Verweildauer im Einsatzgebiet ist heute genau begrenzt.

In seiner Dienszeit ist der Verfasser vielen Militärpfarrern beider Religionen begegnet - es waren nahezu ohne Ausnahme vorbildhafte, in sich gefestigte Persönlichkeiten. Im Jahre 1962 beeindruckte Bischof Dr. Johannes (Hanns) Ernst Richard Lilje (1899-1977),⁴ der Bischof der Evangelisch-lutherischen Landeskirche von Hannover und Stellvertretende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), an der Heeresoffizierschule (HOS) I in Hannover die Fahnenjunker des 15. Offizierjahrgangs des Heeres. Lilje hatte im Ersten Weltkrieg als Soldat gekämpft. Kraft seiner Persönlichkeit vertrat er damals noch eine pro-soldatische Haltung seiner Kirche, die leider durch die Nachfolger an der Spitze der EKD bald ins Gegenteil verändert wurde.

Früher gab es einen wertenden Spruch unter den Soldaten, mit dem diese die Führungsqualitäten ihrer Vorgesetzten salopp charakterisierten:

„Mit dem würde ich in den Krieg ziehen!"

Auf die weit überwiegende Anzahl der Militärgeistlichen der Bundeswehr trifft diese Aussage mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit zu, was für deren sorgfältige Auswahl durch die Kirchen spricht.

Das Buch soll auch die Erinnerung an das Opfer zahlreicher Militärgeistlicher aus dem Vergessensein zurückholen. Aus der großen Zahl konnte allerdings nur eine überaus begrenzte Auswahl getroffen werden. Dies bedeutet, dass viele zwar erwähnt, die meisten dennoch aber ungenannt bleiben. Unter diesen ist sicher auch mancher, der es wegen seiner Haltung und Leistungen verdient hätte, aus der Anonymität gehoben zu werden. Die Alliierten haben das Andenken ihrer Feldgeistlichen in oft vorbildlicher Weise bewahrt. „Les heroes oublies, als vergessene Helden, bezeichnen die Franzosen ihre Militärgeistlichen. Deutschlands beide große Kirchen hingegen schämen sich ihrer, gibt es doch - sieht man vom herausragenden „Biographischen Lexikon der Katholischen Militärseelsorge Deutschlands 1848 bis 1945 des Katholischen Militärbischofsamtes ab - keine Darstellung, welche die Leistungen deutscher Militärpfarrer in Krieg und Frieden auch nur annähernd würdigt. In den Reden am Volkstrauertag bleiben sie unerwähnt, und es gibt auch kein Denkmal, das ihrer als eigenständiger Gruppe unter den Soldaten gedenkt. Oft werden sie von den heutigen selbstherrlichen Angehörigen einer politischen Inquisitionsmaschinerie als „Waffensegner" diffamiert, geschmäht und verurteilt, wie z.B. der Militärpfarrer Georg Lipp (1904-1983).⁵ In einer Dissertation von wird 2015⁶ sogar die abstruse, an selbstherrlicher Arroganz nicht zu überbietende Forderung erhoben, die Wehrmachtspfarrer wären verpfichtet gewesen, den Kriegsdienst zu verweigern und „Märtyrer" zu werden. Dabei stehen die Militärgeistlichen den Taten der Soldaten bezüglich Haltung, Tapferkeit, Selbstlosigkeit und Kameradschaft in nichts nach. Die Katholische Militärseelsorge hat 2009 erstmals ein Verzeichnis der Verstorbenen der Katholischen Militärseelsorge der Bundeswehr (Necrologium) erstellt, das den Militärgeistlichen seit 1956 ein kleines Andenken bewahrt.

Die folgende Darstellung soll keinesfalls die schier unübersehbare Flut ethischer, moraltheologischer und philosophischer, Abhandlungen zu diesem Thema erweitern, sondern anhand persönlicher Lebensläufe das Spannungsfeld zwischen zwei der zentralen christlichen Werte „Du sollst nicht töten! und „Liebet Eure Feinde!, sowie dem Kernauftrag des Soldaten, den Feind möglichst nachhaltig unschädlich zu machen, d.h. letztlich ihn zu töten, beleuchten. Ein Ansatz war dabei, die Lebensläufe einiger europäischer und amerikanischer Priester hinsichtlich deren Verbindungen zum Militär zu skizzieren. Allerdings werden z.B. bei den Werdegängen von Bischöfen - sowohl die durch die Bistümer selbst, als auch jene in Internetforen, wie z.B. bei Wikipedia, veröffentlichten - verständlicherweise nur in wenigen Fällen familiäre Details, wie Lebenslauf des Vaters oder der Werdegang beim Militär erwähnt, da diese für die geistliche Laufbahn weitgehend ohne Bedeutung, wenn bisweilen nicht sogar kontraproduktiv sind. Aus diesem Grund erhebt die Darstellung keinerlei Anpruch auf Vollständigkeit, denn „Kirchliche Quellen für militärische Detailfragen auszuwerten, ist in der Regel ein nicht sehr ertragreiches Unternehmen", stellt Archivdirektorin i.K. Dr. Monica Sinderhauf, die Leiterin des Bistumsarchivs Trier, mit Recht fest.


¹ Beck, Alois bis Stalingrad (1941-1943), S. 309

² Bei Königswinter geboren, wurde er 1911 zum Priester geweiht. Im Ersten Weltkrieg diente er als Feldgeistlicher im Reserve- Infanterieregiment 257 an der West- und Ostfront und wurde mit den EK II und I ausgezeichnet. Ab 1943 war er Oberpfarrer am Zuchthaus Berlin-Plötzensee.

³ Quelle: Presse und Informationsstab BMVg - Stand: Juli 2017

⁴ Nach dem Abitur in Hannover wurde er im September 1917 eingezogen und zum Lauenburgischen Fußartillerie-Regiment 20 versetzt, das an der Westfront kämpfte. Lilje wurde verwundet und mit dem EK II ausgezeichnet. „Er geht in seinen Ämtern auf, wie man es sonst nur von katholischen Bischöfen kennt", schrieb der Der SPIEGEL (Heft 44/1967).

⁵ Der Sohn eines oberbayerischen Bauern wird 1932 zum Priester geweiht und 1938 Wehrmachtspfarrer in Rosenheim bei der 1. Gebirgsdivision. Im Krieg, u.a. in Russland und auf dem Balkan, zählt er zu jenen, die stets in den vorderen Linien zu finden sind. Er wird mit den EK I und II, der Medaille „Winterschlacht im Osten 1941/42 und dem KVK I.Klasse mit Schwertern ausgezeichnet. Die Pfarrstelle in Rosenheim, um die er sich nach dem Krieg bewirbt, erhält er nicht - möglicherweise wegen seiner „liberalen Lebenshaltung und seiner „ökumenischen Weite". Lipp wechselt in den Schuldienst und engagiert sich politisch; von 1954 bis 1958 ist er CSU-Abgeordneter im Bayerischen Landtag. Bis zu seinem Tod hält der gesellige Lipp die Verbindung zu seiner Gebirgstruppe.

⁶ Faulkner Rossi, Lauren „Wehrmacht Priests"

1. Die Heiligen Schriften und das Soldatentum

Christentum und Gewalt, Priester und Soldat - diese Begriffe klingen auf den ersten Blick wie Feuer und Wasser, denn das fünfte Gebot lautet:

„Du sollst nicht töten!" (2. Mose 20, 13),

und in der Bergpredigt wird eindeutig gefordert:

„Liebet eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen!"

Diese Friedensbotschaft ist dem Kriegerischen diametral entgegengesetzt und bedeutet: Jede Form von Gewalt, auch militärische, wird abgelehnt. Der Feind soll geliebt, nicht bekämpft werden. Die schwierige Frage, welcher Feind⁸ gemeint ist, soll hier nicht weiter vertieft werden; in vielen Sprachen gibt es Differenzierungen zwischen dem persönlichen, privaten Gegner und dem Feind. Selbst das Recht auf Notwehr wird verneint:

„Ihr wisst, dass es heißt: >Auge um Auge, Zahn um Zahn.< Ich aber sage euch: Verzichtet auf Gegenwehr, wenn euch jemand Böses antut! Mehr noch: Wenn dich jemand auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die linke hin."

Demut und Geduld werden als erstrebenswerte Tugenden betont, und „die Sanftmütigen werden das Erdreich besitzen",¹⁰ wird verkündet. Diese Gewaltfreiheit Jesu bezeichnet Papst Benedikt XVI. als „Magna Charta der christlichen Gewaltlosigkeit", welche die Kette der Gewalt durchbricht.¹¹ Doch die Aussagen zur Gewalt sind janusköpfig - im Alten Testament ebenso wie im Neuen. So warnen einerseits die großen Propheten Israels vor Kampf und Krieg:

„Der Herr wird für euch streiten, und ihr werdet stille sein."¹²

In zahlreichen Beispielen beschreibt das Alte Testament das Leid all jener, die unter Krieg und Gewalt leiden, wie z.B. im 2. Buch Mose (Exodus), welches die Knechtschaft der Israeliten unter pharaonischer Herrschaft und den Auszug aus Ägypten vor Augen führt, oder in den Klageliedern des Jeremias, in denen der anonyme Autor die Zerstörung Jerusalems und des Tempels im Jahre 586 v. Chr. beklagt. Bei Jesaja - und ähnlich im Buch Micha (4,3-4) - heißt es:

„Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk gegen das andere ein Schwert aufheben, und werden hinfort nicht mehr kriegen lernen."¹³

Andererseits ist das fünfte Gebot im Alten Testament ein Schutzgebot, das den Gebrauch der Waffe nicht generell untersagt, sondern ihren Einsatz auf ein positives Ziel, das Erhalten einer lebensfähigen Ordnung, lenkt.¹⁴ So heißt es in Psalm 144, 1:

„Gelobt sei der Herr, der mein Fels ist. Der meine Hände den Kampf gelehrt hat, meine Finger den Krieg."

Die Tötung eines Menschen kann aber auch durch unterlassene Hilfeleistung oder durch den aktiven Einsatz für das Leben anderer geschehen. Der Schutz des Lebens ist Sache des einzelnen und der Gemeinschaft, die Entscheidung über Leben und Tod hingegen ist staatlicher Autorität zugeordnet und - entgegen dem Gesetz der Blutrache - der Verfügung des einzelnen entzogen. Gewalt wird an zahlreichen Stellen des Alten Testaments verherrlicht und erfolgreiche Heerführer und Kämpfer als Vorbild dargestellt, wie z.B. Phichol, der Heerführer von Abimelech, dem Philisterkönig von Gerar (1. Mose 21, 22), der Kampf Davids gegen Goliath, die Eroberungsfeldzüge von Josua, dem Nachfolger Moses als Heerführer oder die tapfere, aber gleichwohl heimtückische Ermordung des assyrischen Feldherrn Holofernes durch die Witwe Judit.

Die Bewertung des Kampfes im Alten Testament hängt davon ab, ob dieser mit oder gegen den Willen Gottes geschieht. Im ersten Fall ist der Feldzug erfolgreich, im anderen führt er unweigerlich zur Niederlage. So wird z.B. der Kampf gegen das assyrische Heer unter König Sanherid durch Hiskia, dem König von Juda, der von 726 v.Chr. bis 697 v. Chr. regierte, gewonnen:

„Und es geschah in derselben Nacht, da ging der Engel des Herrn aus und erschlug im Lager der Assyrer 185.000 Mann."¹⁵

Wendet sich das Volk Israel jedoch von Gott ab, wie im Feldzug gegen die Ortschaft Ai, werden sie vernichtend geschlagen:

„Darum können die Kinder vor ihren Feinden nicht bestehen, …. . Ich werde künftig nicht mit euch sein, … ."¹⁶

Militärische Niederlage wird zur Strafe Gottes für sündiges Verhalten. Auch einige der Sätze Jesu klingen durchaus kriegerisch, wie z.B. „Ich bin nicht gekommen Frieden zu senden, sondern das Schwert"¹⁷ und jene Aufforderung beim letzten Abendmahl, „man solle seinen Mantel verkaufen und ein Schwert kaufen.¹⁸ Auch in der Offenbarung des Johannes finden sich Begriffe aus der militärischen Sprache und Szenen, die von Gewalt berichten.¹⁹ Allerdings erzählen die Evangelien nur von wenigen persönlichen Begegnungen Jesu mit Soldaten. Die römische Besatzungsmacht duldet aus naheliegenden Gründen keine eigenständigen nationalen Truppen in ihrem Herrschaftsbereich. Nur die zahlenmäßig kleine Tempelpolizei in Jerusalem wird als einzige bewaffnete jüdische Truppe von den Römern toleriert, und mit dieser gerät Jesus hin und wieder aneinander. Der erste römische Soldat, den Jesus trifft, ist ein Offizier der verhassten Besatzungsmacht, der „Hauptmann von Kafarnaum, dessen Diener er heilt. Dieser Bericht findet sich in drei Evangelien.²⁰ Das kleine Fischerdorf im Norden Israels am Nordufer des Sees Genezareth ist seinerzeit offenbar eine kleine römische Garnisonsstadt. Der Dienstgrad „Hauptmann" - im Urtext ἑκατόνταρχος (hekatontarchos) genannt - wird in der lateinischen Übersetzung als centurio bezeichnet. Es handelt sich also um einen Offizier, der etwa einhundert Mann, d.h. eine Kompanie, führt. Als Römer sind er, aber auch sein Haus für den gläubigen Juden rituell unrein (tame). Jesu lässt sich davon aber nicht abhalten und betritt dessen Heim. Ungewöhnlich ist es auch deshalb, weil der Hass auf die römischen Besatzer besonders ausgeprägt ist, nehmen diese doch keine Rücksicht auf die religiösen Gepflogenheiten der Juden.

Und so sind Unruhen ebenso an der Tagesordnung wie blutige Vergeltungsaktionen.²¹ Jene in Kafarnaum bleibt die einzige positive Begegnung. Erst bei seiner Verhaftung trifft Jesus wieder mit Soldaten zusammen. Nach dem letzten Abendmahl in Jerusalem begeben sich Jesus und seine Jünger zum Ölberg²² und verweilen an einem Ort namens Gethsemane.²³ Angeführt von Judas tauchen plötzlich bewaffnete Männer auf. Diese Begebenheit wird in zahlreichen Darstellungen der abendländischen bildenden Künste - so z.B. in der im Jahre 1509 vollendeten Holzschnittreihe von Lukas Cranach (1472-1553) mit 14 Blättern zur Passion Christi oder Albrecht Dürers (1471-1528) Holzschnitten der Großen Passion 1511 - wiedergegeben. Die Berichte der Evangelisten zum Ablauf der Ereignisse in jener Nacht sind allerdings nicht eindeutig: Zum Beispiel ist es nach Markus (14,43) und Matthäus (26,47) eine mit Schwertern und Knüppeln bewaffnete Schar, die von den führenden Priestern und Ratsältesten geschickt wird, nach Johannes (18,3) hingegen sind es römische Soldaten, die von Tempelwächtern begleitet werden. Bisweilen wird kolportiert, es hätte sich um dabei eine Kohorte unter Führung eines Tribuns gehandelt; diese Angabe ist weit übertrieben. Es marschieren keine 400 bis 600 römischen Soldaten auf, um einen einzigen Mann zu verhaften. Wahrscheinlich handelt es sich um eine Gruppe (Contubernium) von acht bis zehn Mann unter Führung eines Decanus.

Die Verhaftung nehmen Römer und Tempelwächter gemeinsam vor (Joh 18,12). Wer sie alarmiert hat, ist unbekannt. Vermutlich sind es jüdische Behörden (Großer oder Kleiner Sanhedrin),²⁴ jedoch in enger Abstimmung mit den Römern.²⁵ Ebenso unklar ist der dubiose Zeitpunkt der Verhaftung des Nachts an einem abgelegenen Ort und noch dazu vor einem hohen Festtag, denn Jesus ist römischen und jüdischen Behörden durch seine öffentlichen Auftritte hinreichend bekannt.²⁶ Er hat sich wiederholt mit jüdischen Autoritäten angelegt, so z.B. bei der Tempelreinigung und als er am Sabbat Kranke heilt. Vor allem die Pharisäer²⁷ gelten als seine Hauptfeinde. Daher gab es in der Vergangenheit wiederholt durchaus Möglichkeiten und Anlässe polizeilichen Eingreifens. Möglicherweise aber ist eine Verhaftung des beliebten Predigers, der wenige Tage zuvor noch mit Begeisterung bei seinem Einzug in Jerusalem gefeiert wurde, in aller Öffentlichkeit zu riskant.²⁸ Unklar ist auch der Grund der Verhaftung, denn ein triftiger Haftgrund wird zunächst nicht genannt. Seltsam erscheint überdies, dass die heftige Gegenwehr eines Jüngers, der einem der Soldaten, „einem Knecht des Hohenpriesters, d.h. einem Mann der Tempelpolizei, ein Ohr abschlägt,²⁹ ohne Folgen bleibt. Wäre ein römischer Soldat auf diese Weise angegriffen und verletzt worden, wäre der Täter zweifelsohne durch die Besatzungsbehörden sofort verhaftet worden. Überdies unterbindet Jesus die Gegenwehr sofort: „Wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen, heißt es bei Matthäus (26,52), denn sonst wäre die Lage schnell außer Kontrolle geraten. Und so verzichtet Christus bei seiner Gefangennahme auch darauf, seinen Vater um jene „zwölf Legionen Engel" zu bitten, die ihm zweifelsohne hätten helfen können. In der nächtlichen Befragung Jesu durch den Hohenpriester geht es nur um dessen mögliche Vergehen gegen jüdisches, nicht aber gegen römisches Recht, denn die Gotteslästerung, die ihm von Kaiphas vorgeworfen wird, ist kein Straftatbestand nach römischem Recht.

Die Vermutung, Jesus sei im Privathaus des Hohenpriesters Kaiphas wegen „Gotteslästerung" nach jüdischem Recht zu Tode verurteilt worden, steht allerdings im Widerspruch zur damaligen Prozessordnung des jüdischen Rechts.³⁰ Erst am nächsten Morgen, d.h. nach der Befragung durch den Hohenpriester Kaiphas³¹ (Mt 26,57), wird Jesus den römischen Behörden überstellt und vom Statthalter Pontius Pilatus persönlich verhört, der dieses Amt seit etwa acht Jahren, seit dem Jahre 25, innehat. Allerdings sind auch die dort vorgebrachten Vorwürfe, wie z.B. er habe die Leute aufgestachelt (Lk 23,5) und sich zum König erhoben (Joh 19,12), wenig substantiell und kaum gerichtsverwertbar. Überdies werden keine Zeugen durch den Hohenpriester gehört. Die vermeintliche Anklage basiert allein auf der Feststellung des Beschuldigten, Jesus selbst, der auf Vorhalt zugibt, dass die erhobene Anschuldigung zuträfe. Offenbar, um den leidigen Fall loszuwerden, schickt Pilatus Jesus zum Tetrarchen von Galiläa, Herodes Antipas (20 v.Chr.-39 n.Chr.), „welcher in den Tagen auch zu Jerusalem war. Doch dieser freut sich über den „Besuch Jesu und betrachtet die Überstellung eher als eine Art Meinungsaustausch, „denn er hätte ihn längst gern gesehen, denn er hatte viel von ihm gehört, und hoffte, er würde ein Zeichen von ihm sehen."³² Die Begegnung mit dem schweigenden Jesus verläuft allerdings enttäuschend für Herodes, und so schlägt die Stimmung um: Die Hofschranzen verspotten Jesus und schließlich schickt Herodes ihn zurück zu Pilatus.

Dass dann der oberste Statthalter Roms in Judäa den im Hof herumlungernden Pöbel persönlich befragt, wie er denn entscheiden soll, erscheint mehr als fraglich, denn dies entspricht nicht römischer Besatzungsmentalität und untergrübe zudem seine Autorität massiv. Dass er überdies ausgerechnet den Mob darüber entscheiden lässt, ob Jesus oder Barabbas, ein wegen erwiesenen Mordes und Teilnahme an einem Aufstand gegen die Besatzungsmacht Verurteilter, das Leben geschenkt werden solle, ist ebenso unwahrscheinlich. Lediglich der Anspruch, König der Juden³³ zu sein, verstößt gegen römisches Recht, ist Hochverrat, denn die Ernennung eines Königs liegt ausschließlich beim Kaiser in Rom. Und so zieht allein dieser Anklagepunkt das Todesurteil nach sich und wird als Hinrichtungsgrund (INRI = Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum) dann auf jene Tafel geschrieben, die am Kreuzende fixiert wird.

Dann folgt der absolute Tiefpunkt aller Begegnungen zwischen Jesus und dem Militär: Die römischen Soldaten geißeln ihn, pressen eine Dornenkrone auf sein Haupt, drücken ihm ein Rohr in seine rechte Hand, beugen die Knie vor ihm, verspotten und töten ihn schließlich. Zuvor wird der Verurteilte zur Abschreckung durch die Straßen zur Hinrichtungsstätte getrieben. Die Todesart für Nicht-Römer, die Kreuzigung, erfolgt nach römischem Brauch und Recht. Die blutrünstige Vollstreckung wird von einem Centurio befehligt; das apokryphe Nikodemus-Evangelium nennt ihn Longinus. Er öffnet mit einem Speer, der Heiligen Lanze, Jesus nach dessen Tod die Seite und bezeugt dessen Gottessohnschaft mit den Worten: „Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn."³⁴ Angesichts des Kreuzestodes Christi erkennt er sein Fehlverhalten und wird zum Gläubigen. Er darf - trotz aller gerade eben verübten und befohlenen Grausamkeiten - auf Vergebung hoffen.³⁵ Die wenigen Habseligkeiten der Delinquenten verlosen die Soldaten unter sich, gleichsam als Lohn für ihren Einsatz.

Im Neuen Testament nimmt Jesus auch zur Frage der Rechtmäßigkeit staatlicher Hoheits- und Gewaltausübung Stellung³⁶ und bejaht die Gehorsamspflicht der Gläubigen, z.B. im Hinblick auf das Befolgen der Gesetze und das Zahlen von Steuern, weil diese staatliche Macht von Gott verliehen sei, verknüpft mit der Absicht, „die Guten zu loben und die Bösen zu bestrafen,³⁷ trägt doch die Obrigkeit als „Dienerin Gottes das Schwert nicht umsonst. Diese Aussage lässt sich im Grundsatz auch auf staatliche Sicherheitspolitik und Wehrgesetzgebung übertragen.

Als Johannes der Täufer, etwa in den Jahren 26 bis 29 n.Chr., im Heiligen Land predigt, kommen nach dem Evangelisten Lukas nicht näher beschriebene „Kriegsleute zu ihm und fragen, was sie denn tun sollen? Die Antwort ist: „Tut niemand Gewalt, noch Unrecht, und laßt euch genügen an eurem Solde. Letzteres bedeutet, dass sie auf das damals übliche Plündern und Rauben zwecks Aufstockung ihres Soldes verzichten sollen.

Die Apostelgeschichte berichtet von einem römischen Centurio (Hauptmann) Kornelius aus Caesarea,³⁸ „gottselig und gottesfürchtig samt seinem ganzen Hause", den Petrus als ersten unbeschnittenen und für die Juden damit unreinen Mann tauft. Dies deutet darauf hin, dass den ersten christlichen Gemeinden offenbar bereits auch einige Soldaten angehören. An anderer Stelle wird berichtet, dass Paulus und Silas in Philippi an den Pranger gestellt und dort geschlagen („gestäupt), kurzzeitig verhaftet und ins Gefängnis geworfen werden. Doch der Kerkermeister, ein Vertreter der Staatsmacht, wird bekehrt, lässt sich taufen und die beiden frei.


⁷ Mt 5,43-44

⁸ Der persönliche, private Gegner: (z.B.: lateinisch: inimicus; griechisch: εχθρός (echtros); englisch: foe, opponent. Der politische Feind und Widersacher: (z.B.: lateinisch: hostium; griechisch: πολέμιος (polemios); englisch: enemy.

⁹ Mt 5,38

¹⁰ Mt 5,5

¹¹ Bei seiner Ansprache nach dem Angelus-Gebet am 18.2.2007.

¹² 2. Buch Moses 14, 14

¹³ Jes 2,4

¹⁴ Vergehen gegen Leib und Leben - 2. Mose 21,12 ff.

¹⁵ 2. Buch der Könige, 19,35

¹⁶ Jos 7, 11-12

¹⁷ Mt 10,34

¹⁸ Lk 22,36

¹⁹ Siehe u.a.: Off 1,6; 2,10; 9,15 und 12,7

²⁰ Mt (8,5-13), Lk (7,1-10) und Joh (4,46-54)

²¹ Varus, der Staathalter Syriens, der Jahre später in Germanien scheiterte, ließ z.B. viele hundert jüdische Aufrührer kreuzigen, die sich am Aufstand gegen Rom nach dem Tod von König Herodes dem Großen (73-4 v.Chr.) beteiligt hatten.

²² (Mk 14, 26; Mt 26, 30 und Lk 22, 39

²³ Mk 14, 32 und Mt 26, 36

²⁴ Der Große Sanhedrin (Großer Rat) der Einundsiebzig war im Wesentlichen eine gesetzgebende Körperschaft, welche zivile und strafrechtliche Gerichtsbarkeit nur in seltenen Fällen ausübt. In ihm saßen Vertreter der Pharisäer und Sadduzäer, sowie Priester und Leviten (Tempeldiener). Vorsitzender war der Hohepriester Kaiphas, der Schwiegersohn des Hannas, der dieses Amt vor ihm inne hatte. Die allgemeine strafrechtliche Autorität hingegen lag beim Kleinen Sanhedrin mit 23 Richtern, der diese aber nur mit Blick auf Verstöße gegen das jüdische Recht (z.B. bei Entweihung des Sabbats) wahrnahm. In diesen Fällen aber konnte er in alleiniger Verantwortung Urteile bis hin zur Todesstrafe verhängen und vollstrecken lassen.

²⁵ Die Rechtsprechung im damaligen Israel war geteilt: Bei Verstößen gegen jüdisches Recht (z.B. Tempelschändung) lag die strafrechtliche Autorität beim Kleinen Sanhedrin (23 Richter). In diesen Fällen konnte er in alleiniger Verantwortung Urteile bis hin zur Todesstrafe verhängen und vollstrecken lassen. Andere Straftaten hingegen, wie z.B. die Aufwiegelung gegen die öffentliche Ordnung, lagen in den Händen der Römer. Bei Konfliktfällen - Raub und Mord waren sowohl nach jüdischem als auch nach römischen Recht Kapitalverbrechen - gab es Absprachen.

²⁶ Ich bin täglich bei euch im Tempel gewesen, und ihr habt nicht Hand an mich gelegt" (Lk 22, 52 f.).

²⁷ Während die der Oberschicht angehörenden Sadduzäer nur die schriftlichen Gebote der Tora als bindend ansahen, galten für die im Volk populären Pharisäer, die Anhänger der politisch-religiösen Oppositionspartei, auch die mündlichen Gesetzesüberlieferungen, die Mischna, als verbindliches Recht. So forderten sie z.B. eine Ausweitung der ursprünglich nur für den Priesterdienst am Tempel geltenden Reinheits- und Speisegebote auf das Alltagsleben. Die Pharisäer unterschieden sich ferner von den Sadduzäern darin, dass sie an eine Auferstehung der Toten glaubten. Paulus schreibt im Brief an die Philipper (Phil 3,5), auch er wäre dem Gesetz nach vormals ein Pharisäer gewesen.

²⁸ Siehe: Lk 22,6

²⁹ Mt 26,51

³⁰ Der Sanhedrin durfte außerhalb des Tempelbezirks keine Kriminalfälle und schon gar nicht des Nachts, ohne Zeugen und am Vorabend eines hohen Festes behandeln. Dass es also ein förmliches jüdisches Urteil gab, erscheint mehr als fraglich, auch wenn Matthäus schreibt, sie (die Juden) hätten Jesus des Todes für schuldig gehalten (u.a. Mt 26,66). Allerdings bedeutet „für schuldig halten nicht zugleich „schuldig gesprochen.

³¹ Der Hohepriester, das Symbol der damaligen jüdischen Identität, wurde nach jüdischem Recht auf Lebenszeit ernannt. Doch die Römer änderten diese Sitte. Und so wurde der Hohepriester Kaiphas noch von Pilatus Vorgänger Valerius Gratius im Jahre 18 ernannt. Er regierte achtzehn Jahre bis zum Jahre 36.

³² Luk 23,7-8

³³ u.a. Mt 27,11

³⁴ Lk 15,39

³⁵ Der Überlieferung nach soll die Wundflüssigkeit Longinus' Augenleiden geheilt haben, woraufhin er das mit Erde vermischte Blut gesammelt hat und sich taufen ließ. Er verließ Palästina, verkündete in Mantua das Evangelium und reiste dann, um einer Verfolgung zu entgehen, nach Caesarea in der heutigen Türkei, wo er den Märtyrertod erlitten haben soll.

³⁶ Mt 22, 17-21

³⁷ Röm 13,1-7

³⁸ Apg 10. Der späteren Überlieferung zufolge wurde Kornelius Bischof in Caesarea und erlitt den Märtyrertod; er wird als Heiliger verehrt. Die „Cornelius-Vereinigung - Christen in der Bundeswehr" ist nach ihm benannt.

2. Der Soldatenstand im Christentum

2.1 Vom frühen Christentum bis zum Ende des Mittelalters

In der Urkirche werden die Christen verfolgt, sind Opfer staatlicher Gewalt und stehen daher dem Soldaten, der diese ausübt, mit Mißtrauen und sogar Feindschaft gegenüber. Und so ist es nur folgerichtig, dass Militärdienst im römischen Reich als unvereinbar mit dem Glauben betrachtet wird. Nur wenn ein Soldat seinen Beruf aufgibt, wird er in die Gemeinschaft aufgenommen.

Die Kirchenväter, sowie die christlichen Theologen und Schriftsteller dieser Zeit - von Justin dem Märtyrer (um 100-165), über Tertullian (ca. 150-220; eigentlich Quintus Septimius Florens), Clemens von Alexandria (um 150-215; Titus Flavius Clemens) bis hin zum Kirchenvater Origenes (185-254) - lehnen jegliches Töten von Menschen, selbst im Falle von Notwehr strikt ab. Gewalt und sogar legitime Verteidigung sind Sünde, die göttlicher Vergebung bedürfen, denn die Aufforderung der Bergpredigt, auch die Feinde zu lieben, bedeutet den Verzicht auf jegliche Waffen- und Gewaltanwendung. Daher würde die Ausbreitung des Christentums zwangsläufig auch zur Abschaffung aller Kriege und des Soldatenberufes führen.³⁹ Justin bezieht sich in seiner Ersten Rechtfertigungsschrift (Apologie) auf den Propheten Micha und dessen Weissagung, die Menschen würden ihre Waffen zu Werkzeugen umfunktionieren und danach das Kriegführen gänzlich verlernen.

Nach der Kirchenordnung der frühchristlichen Gemeinde, der „Traditio Apostolica aus dem 2./3. Jahrhundert, und dem sog. „Canon des Hyppolytus - vermutlich in Ägypten entstanden und zeitlich nicht exakt einzuordnen -, in denen u.a. die Bedingungen für einen Übertritt zum Christentum beschrieben sind, zählt der Soldat zu den Ausschlussberufen.⁴⁰

„Ein Soldat, …, soll keinen Menschen töten. Erhält er dazu den Befehl, soll er diesen nicht ausführen, auch darf er keinen Eid leisten. Ist er dazu nicht bereit, soll er abgewiesen werden."⁴¹

An gleicher Stelle heißt es:

„Wenn jemand militärische Befehlsgewalt (= auctoritas gladiorum, die „Verfügung über Schwerter) ausübt, … soll er dieses Amt aufgeben oder er wird (als Taufbewerber) zurückgewiesen, denn er hat Gott verachtet."

Eine klare Anweisung - Christ oder Soldat lautet damals die eindeutige Devise. Beides ist nicht möglich, wahrscheinlich auch aus praktischen Gründen, denn die Verpflichtungsdauer im römischen Berufsheer liegt durchschnittlich bei 25, oft aber zwischen 30 und 40 Jahren. Ein aktives religiöses Leben in der Gemeinde ist auch wegen der Kasernierung nahezu unmöglich. Nur im Falle zwangsweiser Rekrutierung darf ein konvertierter Soldat in der Gemeinschaft der Gläubigen bleiben. Der freiwillige Dienst beim Militär scheidet somit aus. Der Grund für die Ablehnung liegt vor allem darin, dass Soldaten im Kampf gegen das 5. Gebot verstoßen. Die Pflicht zur Nächstenliebe - Liebe selbst deine Feinde⁴² - gebietet den Verzicht auf jegliche Gewalt. Ähnliches gilt auch für zivile Ämter, in deren Befugnis die Verhängung von Todesstrafen liegt. Hinzukommt die enge Bindung zwischen Armee und dem sakralen Kaiserkult Roms mit seiner semi-göttlichen Aura - Christus und zugleich dem Kaiser Treue schwören, ist daher unmöglich.

Der römische Offizierssohn, Jurist und Theologe Tertullian nennt es Götzendienst (idolatria) und stellt fest:

„Eine Seele kann nicht zwei Schuldnern dienen, Gott und dem Kaiser."⁴³

Einige Kirchenväter, wie Cyprian (ca. 200-258), Justin oder Lactantius (ca. 250-320), lehnen Soldaten und deren Handeln strikt ab.⁴⁴ Tertullian erwähnt in seiner Aufzählung der Berufe, die dem Götzendienst frönen, auch das Militär. Christus habe den Christen verboten, ein Schwert zu tragen.

„Wie wird er dennoch kämpfen, wird er tatsächlich im Frieden ohne das Schwert kämpfen, das der Herr weggenommen hat?"⁴⁵

Im Widerspruch zu dieser eindeutigen Ablehnung des Soldatenberufes durch die Urchristen steht aber, dass bereits in vorchristlicher Zeit die Beziehung des Menschen zu Gott als eine Art Soldatsein, allerdings auf einer höheren Ebene, beschrieben wird. So behauptet das Buch Hiob des Alten Testaments (7/1):

„Kriegsdienst ist des Menschen Leben auf Erden."

Eine ähnliche Haltung vertritt der Athener Philosoph Sokrates (469 v.Chr. -399 v. Chr.), der sich Gott gegenüber in einem militärischen Dienstverhältnis sieht, wie er in seiner berühmten Verteidigungsrede während des Prozesses gegen ihn in Athen ausführt. Militärische Tugenden? Ja, aber nur, wenn diese im Dienste Gottes zur Geltung kommen. Andererseits weist z.B. die Aufnahmeliturgie bei der Taufe Ähnlichkeiten mit der Eidesleistung beim Militär auf. Nicht von ungefähr bedeutet das Wort „sacramentum" in der Antike auch Fahneneid und hat eine rechtliche und eine religiöse Bindung. Der Täufling ist mit dem Rekruten zu vergleichen, der sich freiwillig für den Dienst Christus verpflichtet, damit in die Gemeinschaft der Gläubigen (bzw. Soldaten) aufgenommen wird und bereit ist, selbst mit seinem Leben für den Glauben einzutreten. Daher entspricht das Taufgelöbnis mit seiner Absage an das Böse und dem Versprechen des Glaubens an den dreifaltigen Gott im Kern dem militärischen Gelöbnis der Bundeswehr:

„Ich schwöre, der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen (= d.h. keiner anderen Macht zu dienen) und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen (= für den Glauben einzutreten, notfalls mit dem eigenen Leben)."

Aber auch in der jüdischen Tradition sind Bezüge zum Militär vorhanden, wenn z.B. in den 24 Büchern des TanachHeerscharen)⁴⁸ hinzugefügt ist, wie es bis heute in dem schönen, von dem Priester Ignaz Franz (1719-1790) gedichteten Kirchenlied „Großer Gott, wir loben Dich" gesungen wird:

„Heilig! Herr Gott Sabaoth! Heilig! Herr der Himmelsheere!"

Auch die neutestamentlichen Briefe nutzen bisweilen militärische Metaphorik - Waffen oder die Ausrüstung wie Schild, Rüstung und Helm - wie die folgenden Beispiele zeigen:

„In dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, mit den Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken (2. Kor. 6,7).„Denn die Waffen unsres Kampfes sind nicht fleischlich, sondern mächtig im Dienste Gottes, Festungen zu zerstören. (2. Kor. 10,4).

Das Leben des Menschen wird als Kriegsdienst dargestellt, und Christus ist König und Heerführer. Paulus benutzt wiederholt militärische Begriffe, so z.B. in seinem Römerbrief:

„Auch gebt nicht der Sünde eure Glieder hin als Waffen der Ungerechtigkeit, sondern gebt euch selbst Gott hin als solche, die tot waren und nun lebendig sind, und eure Glieder Gott als Waffen der Gerechtigkeit. (Röm 6, 13) „Die Nacht ist vorgerückt, aber der Tag ist gekommen. Lasst uns also ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts. (Röm 13,12):

Im 1. Brief an die christliche Gemeinde in Thessaloniki heißt es:

„Wir wollen Glauben und Liebe als Panzer anlegen und die Hoffnung auf Rettung als Helm." (1. Thess 5/8),

und im Epheserbrief schreibt er:

„Zieht die Rüstung Gottes an, damit ihr den listigen Anschlägen des Teufels widerstehen könnt. (Eph 6/11) „Darum legt die Rüstung Gottes an, damit ihr am Tag des Unheils standhalten, alles vollbringen und den Kampf bestehen könnt. (Eph 6/13).

Im ersten Brief des Klemens an die Korinther bezeichnet dieser alle Christen als Streiter Christi:

„1. Lasset uns also kämpfen, Männer, Brüder, mit aller Ausdauer unter seinen untadeligen Gesetzen. 2. Schauen wollen wir auf die, die unter unseren Führern kämpfen, wie sie wohlgeordnet, geziemend und gehorsam die Befehle vollziehen. 3. Nicht alle sind Generale (legatus legionis), Oberst (tribunus militum), Hauptleute (centurio), oder Führer von Abteilungen usw., sondern jeder erfüllt auf dem ihm zugewiesenen Posten die Befehle des Königs und der Heerführer."⁴⁹

Anhand von Militärmetaphern versucht er die Vorteile einer hierarchischen Ordnung auch innerhalb der Gemeinde hervorzuheben und zu verdeutlichen, dass nicht alle Befehlshaber sein können. Die strenge hierarchische Ordnung des römischen Heeres⁵⁰ dient ihm als Vorbild für eine funktionierende christliche Gemeinde.

In dem kurzen Brief an Philemon redet Paulus seine Adressaten - Philemon, Appia und Archippus - mit „commilitoni an. Heute wird „commilito zwar meist „zivil (z.B. mit „Streitgenossen oder „Mitstreiter) übersetzt, doch ursprünglich bedeutet dies „Kriegskamerad, abgeleitet von „commilitium, (= Kriegskameradschaft). Auch Papst Clemens I. (ca. 50.-ca. 97) benutzt in seinem - undatierten, vermutlich aber Ende des 1. Jahrhunderts verfassten - ersten Brief (Clemensbrief) an die Gemeinde in Korinth militärische Terminologie, wenn er z.B. davor warnt, „fahnenflüchtig („signa deserere) zu werden in Bezug auf den Willen Gottes."

Die Militärmetaphorik taucht auch in der philosophischen Denkschule der Stoa⁵¹ während der römischen Kaiserzeit auf, in dem das Leben des Weisen - wie weiland bei Hiob - bisweilen als Kriegsdienst beschrieben wird. So sagt Seneca (ca. 1-65) z.B. lapidar: „Vivere, Lucili, est militare. (Sen. Ep. 96,5) „Leben, Lucilius, heißt Soldat sein. Weise und Christen stehen als Soldaten im permanenten Kampf gegen die Unwissenheit, das Böse und gegen die Verfolgung und Versuchung durch den Teufel. In der Schrift „Ad donatum⁵² des heiligen Bischofs Cyprian von Karthago (200/210-258) bedeuten die lateinischen Worte, „ad militia accedere und „nomen militiae dare, dem Christentum beitreten. Verständlich, ging es doch im Urchristentum ums tägliche Überleben in einer den Christen feindlichen Umwelt (= malitia). Die christliche Existenz muss permanent im Kampf gegen die Widersacher des Glaubens ausgefochten werden, und die Märtyrer vergießen - wie die Soldaten - ihr Blut im Kampf gegen ihre Feinde. Da liegt es nahe, dass christliche Asketen für den Kirchenvater Origenes „Soldaten Christi sind.

In den römischen Armeen des dritten Jahrhunderts dienen der Legende nach auch christliche Soldaten, die jedoch bisweilen im Konflikt stehen zwischen Fahneneid und Glaubenstreue. Nach der Kirchenordnung „Traditio Apostolica" (Apostolische Überlieferung), die dem Kirchenvater und Heiligen Hippolyt von Rom (+ 235) zugeschrieben wird, soll sich ein Christ nicht freiwillig zum Militärdienst melden. Ist er aber bereits Soldat und möchte Christ werden, so darf er es bleiben, allerdings unter der Voraussetzung, dass der alle heidnischen Handlungen, wie das Götter- oder Kaiseropfer im römischen Heer, meidet und keine Menschen tötet. Gerade letztere Bedingung kann - Stichwort Notwehr und Beistandspflicht gegenüber seinen Kameraden - bei Kämpfen nicht befolgt werden; sie wird Zug um Zug aufgegeben, je größer der Anteil der Christen unter den Soldaten wächst. Dieses Umdenken ist auch eine Folge der schrittweisen Annäherung der wachsenden christlichen Gemeinde an das römische Staatswesen.

Einer von ihnen, dessen Andenken bis heute bewahrt und verehrt wird, ist der um 290 n.Chr. im heutigen Ägypten geborene Heilige Mauritius (deutsch: Moritz; französisch: Maurice). Er soll der Legende des Eucherius nach Kommandeur der sogenannte Thebäischen Legion, nach anderen Quellen Hauptmann einer Abteilung dieser Legion gewesen sein, die in Ägypten unter der Herrschaft der römischen Kaiser Diokletian und dessen Mitkaiser Maximian Ende des dritten Jahrhunderts vorwiegend aus Christen rekrutiert wird.⁵³ Nach späterer Überlieferung soll er im Besitz der Heiligen Lanze⁵⁴ gewesen sein. Candidus und Exuperius dienen als christliche Offiziere unter Mauritius. Als Kaiser Maximian, der den Westteil des römischen Reiches befehligt, die Legion in einem Feldzug gegen die Alemannen führt, kommt es im Jahre 302/303 bei der Überquerung der Alpen bei Agaunum, dem heutigen St. Maurice (VS) im Schweizer Kanton Wallis, zu einer Meuterei unter den etwa 6.000 Soldaten der Thebäischen Legion, die sich der Legende nach weigern, gegen Christen zu kämpfen. Maximian befiehlt daraufhin, jeden zehnten Soldaten hinzurichten. Als diese drakonische Massnahme erfolglos bleibt, lässt er den gesamten Verband auslöschen. Die Soldaten sterben als Märtyrer des Glaubens; unter ihnen sind auch Candidus und Exuperius. Um welche Glaubensbrüder, gegen die die Legion kämpft, es sich handelt, bleibt im Dunkel, denn die Ausbreitung des Christentums nach Norden ist zu dieser Zeit noch nicht sehr weit fortgeschritten. Der ursprünglich keltische Ort Acauno - südostwärts des Genfer Sees - heißt gegen Ende des 4. Jahrhunderts Agaune. Im 9. Jahrhundert fügt man den Namen von Mauritius hinzu, und so nennt sich der Ort von da an Saint-Maurice d’Agaune. Wegen seiner strategischen Lage am Eingang zum oberen Rhônetal an einer der grossen Handelsstrassen, die von Italien nach Germanien und Gallien führt, zieht er schnell die Aufmerksamkeit der Römer auf sich, die dort zunächst einen Militärposten und eine Zollstation einrichten; später sind zahlreiche Legionen dort stationiert. Die sterblichen Überreste von Mauritius und seinen Gefährten werden von Bischof Theodor (auch: Theodul), dem ersten Bischof des Wallis, in ein Heiligtum an der Basis des Felsens beim heutigen Ort St. Maurice überführt. Im Jahre 515 wird ein Kloster errichtet, das damit eines der ältesten der Schweiz ist. Seit dem 4. Jahrhundert als Heiliger verehrt, wird Mauritius zum Schutzheiligen des Heeres, der Infanterie, der Messer- und Waffenschmiede und wird vor Kämpfen, Gefechten und Schlachten um Hilfe angerufen. Im Jahre 1832 erwähnt Papst Gregor XVI. (1765-1846) in seiner Enzyklika „Mirari vos" den Märtyrer Mauritius und schreibt:

„Der heilige Augustinus sagt, daß christliche Soldaten dem heidnischen Kaiser gedient haben. Sobald es jedoch darum ging, die Sache Christi zu verteidigen, erkannten sie als Herrn nur Denjenigen an, Der im Himmel ist. Sie waren genau darauf bedacht, den ewigen Herrn vom zeitlichen zu unterscheiden. Um jedoch dem ewigen Herrn ihren Gehorsam zu bezeugen, waren sie auch dem zeitlichen untertan. … Nach dem Bericht des heiligen Eucherius gab er dem Kaiser folgende Antwort: Kaiser, Deine Soldaten sind wir. … Wir wollen lieber sterben als töten."

Auch der Heilige Sebastian (+ um 288) ist in diesem Zusammenhang zu nennen: Als der Elitesoldat, der als Hauptmann der römischen Prätorianergarde für die Sicherheit von Kaiser Diokletian zuständig ist, bekennt, dass er Christ ist, lässt Diokletian ihn von Bogenschützen hinrichten. Doch Sebastian überlebt und wird daraufhin mit Keulen erschlagen. Laut Bischof Eucherius von Lyon (vor 410-450) finden die Ereignisse dagegen erst mit Beginn der Großen Christenverfolgung im Jahre 303 statt. In seinem zwischen 430 und 440 verfassten Werk „Passio Agaunensium martyrum" beschreibt er den Opfergang der Thebäischen Legion wie folgt: Nachdem Kaiser Maximian sein Lager in Octodurum, dem heutigen Martigny, aufgeschlägt, fordert er seine Untergebenen vor Kampfbeginn zu einem Opfer für die römischen Götter auf. Doch Mauritius und seine Legion weigern sich und desertieren nach Agaunum. Als sie den Befehl zur Rückkehr ignorieren, wird die gesamte Legion zweimal dezimiert. Eucherius nennt als Grund der kollektiven Bestrafung deren Weigerung, gegen christliche Glaubensbrüder zu kämpfen. Er berichtet auch, dass die Legionäre keinen Widerstand leisten und geradezu nach dem Martyrium trachten. So lässt Maximian schließlich den Befehl zur Ermordung der gesamten Legion geben. Die Leichen werden geplündert. Zwei Legionäre - ein Kohortenführer namens Victor (von Xanten) und Ursus (von Solothurn) entkommen nach Solothurn in der Schweiz und werden dort hingerichtet.

Andere Bischöfe greifen später diese ursprünglich auf das heutige Schweizer Wallis beschränkte Legende von Eucherius auf und erweitern sie. So sollen Teile der Legion der anonymen „Passio Sanctorum Gereonis" zufolge bereits vorab zur Niederschlagung eines Aufstandes in das heutige Rheinland verlegt worden sein, wo diese unter anderem in Bonn (St. Cassius und St. Florentius), Köln (St. Gereon mit 318 Gefährten) und Xanten (St. Viktor mit 330 Gefährten und St. Mallosus) aufgegriffen und gleichfalls hingerichtet worden sein sollen. Nach regionaler Legende in Trier wird die Legion hingegen im Norden der damaligen Stadt hingerichtet. Zahlreiche Schädel und Knochen, die den Märtyrern zugeschrieben werden, werden bis heute in der Trierer Kirche St. Paulin aufbewahrt, die auf einem römischen Gräberfeld errichtet ist.

Die ursprüngliche pazifistische Orientierung der Christen erfährt erst unter Kaiser Konstantin I. (ca. 270-337) zu Beginn des vierten Jahrhunderts eine radikale Wende um nahezu 180 Grad: Mit der Traumvision des Kaisers - In hoc signo vinces (auch: In hoc signo victor eris - In diesem Zeichen wirst du Sieger sein) - vor der Schlacht bei der Milvischen Brücke in Rom Ende Oktober 312 gegen seinen Rivalen Maxentius (ca. 278-312) wird das Kreuz zum Feldzeichen. Nun müssen sich die Christen bei ihrer Religionsausübung nicht länger im Untergrund verstecken. Da es überdies Soldaten seines Vaters Constantius Chlorus (250-306) sind, die Konstantin zum Herrscher (Augustus) ausrufen, kann man feststellen, dass durch diesen Einsatz indirekt auch die fast dreihundert Jahre alte Verfolgung der Christen ihr Ende findet und somit der Aufstieg zur Weltreligion erst möglich wird. Bereits zwei Jahre später, 314, verbietet die Regionalsynode von Arles allen christlichen Soldaten die Fahnenflucht aus dem Heer des Kaisers - Desertion wird quasi zu einem kirchrechtlichen Straftatbestand. Aus diesem Grunde wird auch dem Antrag des Martinus (ca. 316-397), des späteren Heiligen Martin von Tours, auf vorzeitige Entlassung aus dem Militärdienst nicht entsprochen. Dieser Martinus, Sohn eines römischen Offiziers, schlägt ebenfalls - wenngleich offenbar auf Drängen des Vaters - die Militärlaufbahn ein, bittet aber später als Offizier vor einer Schlacht gegen die Germanen um seine Entlassung, weil er nicht länger ein „miles Caesaris, ein Soldat des Kaisers, sein, sondern ein „miles Christi" werden will. Doch erst im Jahre 356, d.h. nach voller Ableistung seiner 25-jährigen Dienstzeit wird dem Antrag stattgegeben. 372 wird er zum Bischof von Tours gesalbt.

Mit der Erhebung des Christentums zur Staatsreligion steigt das Ansehen des Soldaten; so werden nach einem Edikt des oströmischen Kaisers Theodosius II. (401-450) - damals gerade 15 Jahre alt - beispielsweise von nun an nur noch Christen in die Armee aufgenommen. Flankiert wird dieser Trend durch die Lehre vom „Gerechten Krieg",⁵⁵ mit welcher der Kirchenvater Augustinus von Hippo (354-430) - und achteinhalb Jahrhunderte später Thomas von Aquin ((1224-1274) - den Waffendienst unter bestimmten Voraussetzungen als gerechtfertigt begründen. Augustinus⁵⁶ z.B. bezeichnet Frieden als „tranquillitas ordinis (Ruhe der Ordnung). Allerdings unterscheidet er zwischen irdischem und himmlischem Frieden. Krieg ist für ihn ein Werk des Teufels und Kriegführen damit Sünde. Die Frage nach dem „gerechten Krieg macht er von der Zielsetzung, d.h. der Absicht, und folgenden Bedingungen abhängig:

Friede als Ziel des Kampfes,

begangenes Unrecht soll wiedergutgemacht werden,

Krieg muss von einer legitimen Autorität geführt werden, und

der Krieg darf sich nicht gegen den Willen Gottes richten.

Im Kern sind dessen Gedanken als ethische Grundlage bis heute gültig. Das Monopol des Kriegführens liegt dabei ausschließlich in der Hand des Herrschers. Ziele der Kampfhandlungen sind das Allgemeinwohl, Gerechtigkeit und Friede, aber auch Strafe für schuldhafte Verbrechen. Gewalt muss jedoch äußerste Notwendigkeit bleiben.

Der Soldat, der den Feind tötet, ist schlechthin der Diener des Gesetzes; es ist ihm daher ein Leichtes, seinen Dienst sachlich (= ohne Lust/ Willkür) auszuüben.⁵⁷

Ein Soldat, der Leben nimmt, vollzieht nach dieser Interpretation im Grunde nur den Willen Gottes. Deshalb könne man den Krieg auch nicht als besonders verwerflich verurteilen, weil der Mensch ohnehin sterblich sei. Überdies sei der Kampf gegen den Unglauben Pflicht und damit quasi göttliches Gebot. Thomas von Aquin weicht lediglich hinsichtlich einer gewaltsamen Bekehrung von Ungläubigen (Heiden) von dieser Auffassung ab: Dieses Mittel scheide aus, da der Glaube eine Sache des freien Willens sei.

Gänzlich „salonfähig" - sprich: für die christliche Gemeinde akzeptabel - wird der Soldatenberuf erst, als er zum Beschützer des Glaubens, zu dessen Träger und Vorreiter wird. Damit beginnt eine neue, positive Phase in den wechselseitigen Beziehungen, die viele Jahrhunderte lang währt. Das Hochmittelalter - 10. und 11. Jahrhundert - bringt die Kongruenz zwischen dem Streiter Gottes und dem weltlichen Soldaten, sie verschmelzen vor allem im Rittertum und in gewisser Weise - wenngleich mit Einschränkungen - auch im Mönchstum zu einer Einheit. Nach Benedikts allegorischer Beschreibung leistet der Mönch Kriegsdienst für Christus, wird zum Krieger Gottes und trägt von daher auch eine Uniform. Arma spiritualia und armatura visibiles - geistige Waffen und die sichtbare Bewaffnung - schließen sich nicht länger aus, sondern ergänzen sich. Adalbero (ca. 947-1030), Bischof der nordfranzösischen Stadt Laon, entwickelt seinen dreistufigen Aufbau⁵⁸ der Gesellschaft in

Betende (oratores),

Kriegführende (bellatores) und

Arbeitende (laboratores).

Das Schwert wird zum Instrument der Verbreitung des Glaubens, das Militär zum Garanten des Glaubens, denn es setzt zugleich auch die weltlichen Ansprüche der Kirche durch. Als ein Beispiel mag der kastilische Ritter El Cid (ca. 1043-1099) dienen, der in Spanien gegen die muslimischen Mauren kämpft. In Jules Massenets gleichnamiger Oper heißt es im Gebet⁵⁹ des Titelhelden Rodrigue, genannt Le Cid:

„O gnäd´ ger Gott, mein Richter! Mein Vater! Dein Streiter für gerechte Sachen wart´ ohne Furcht auf Dein Gebot!"

Dies kulminiert letztlich im flammenden Kreuzzugsaufruf von Papst Urban II. (ca. 1035-1099), als dieser auf der zweiten Synode von Clermont am 27. November 1095 den Soldaten den Ehrentitel „milites Christi" verleiht, nachdem sich die Machtverhältnisse im Nahen Osten mit dem Vordringen der neuen Religion des Islams zu Ungunsten der Christen verschoben haben. Die Kreuzzüge zwischen und dem 13. Jahrhundert, nur oberflächlich religiös motiviert und daher meist eher bewaffnete Raubzüge als Pilgerfahrt, sowie die in dieser Zeit entstandenen Ritterorden⁶⁰ - z.B. Deutscher Orden, Johanniter, Malteser, Orden vom Heiligen Grab, Templer - fördern diese Idee, schützen sie doch Pilger und fungieren als Bollwerk gegen die Ungläubigen, die Muslime. In dieser Zeit der Kreuzzüge sind bisweilen die Schlachtrufe „Deus vult! (Gott will es!), „Adjuva Deus! (Hilf Gott!) oder „Maria hilf!"zu hören, und das Kreuz als Feldzeichen (signum) zum Erkennen des Standortes des Feldherrn und der einzelnen Truppenteile setzt sich durch. Bernhard von Clairvaux (1090-1153) schafft die theologische Legitimation für diese Vereinigung von Kriegertum und Mönchtum.

„Ein Ritter Christi tötet mit gutem Gewissen; noch ruhiger stirbt er. Wenn er stirbt, nützt er sich selber; wenn er tötet, nützt er Christus."

Der Krieg wird zum „Heiligen Krieg, die Vergebung von Sünden zur Belohnung der Beteiligung am Kampf gegen die Ungläubigen. In seinem Buch „Liber ad milites templi de laude novae militiae (Buch für die Tempelritter zum Lobe des neuen Rittertums) unterscheidet er zwischen „militia saecularis und „militia Christi und kritisiert dabei weltliche Ritter wegen Dekadenz, Eitelkeit und Grausamkeit und lobt im Gegensatz dazu die heilige und furchtlose Haltung der Tempelritter. Folgerichtig werden auch neue Rituale wie die kirchliche Segnung der Waffen (Schwertsegen- und -leite) eingeführt, die bis dahin undenkbar sind. Soldaten steigen sogar zur Ehre der Altäre auf und werden als Heilige verehrt, wie z.B. der erwähnte St. Martin von Tours, St. Georg, der Schutzpatron der Soldaten, dessen historischer Hintergrund allerdings verschwommen ist⁶¹ und Jeanne d´Arc (1412-1431), die Jungfrau von Orleans. Dennoch kommt bisweilen noch die alte Animosität gegen Militär und Waffen zum Ausdruck, so z.B. als auf dem II. Lateran-Konzil im Jahre 1139 in Rom den Christen die Benutzung der Armbrust - zumindest im Kampf untereinander - untersagt und die Waffe selbst geächtet wird. Diese war in Europa erstmals im 10. Jahrhundert bei den Normannen eingesetzt worden, und gilt wegen ihrer Treffsicherheit vielen als barbarisch und unritterlich. Im Jahre 1234 wiederholt Papst Gregor IX. (ca. 1167-1241) die Ächtung der Armbrust. Die Wirkung des Verbotes hält sich allerdings in Grenzen, denn mit den Kreuzzügen verbreitet sich diese wirksame Waffe schnell. Auch die Regel des 1221 gegründeten Dritten Ordens der Franziskaner enthält ein striktes Waffenverbot:

„Tödliche Waffen dürfen sie gegen niemanden empfangen, noch mit sich tragen."

Der heilige Thomas von Aquin entwickelt das skizzierte Augustinische Konzept weiter. Im ersten Artikel seines Werkes „Summa theologicae stellt er - wie Augustinus - zwar fest, dass jeder Krieg sündhaft ist („bellare semper sit peccatum), räumt aber differenzierend ein, dass ein Krieg auch gerecht sein kann (bellum iustum), wenn drei Voraussetzungen erfüllt sind:

Rechtmäßige Autorität dessen, der den Krieg führt (auctoritas principis),

gerechter Grund (causa iusta) und

rechte Absicht (recta intentio).⁶²

Mit Erlaubnis der Bischöfe können Kleriker - so Thomas von Aquin in Artikel 2 - an Kriegen zwar teilnehmen, aber nicht um selbst zu kämpfen, sondern „um den Kämpfenden geistigerweise zu helfen." Verwunderung hingegen mag heute die Bestimmung hervorrufen, dass man ohne Not an Sonn- und Festtagen keine Kampfhandlungen begehen soll (Artikel 4). Nur christliche Randgruppen wie die - von Rom als Häretiker verfolgten - Katharer (Albingenser), Bogumilen und Waldenser lehnen den Militärdienst grundsätzlich ab. In der Folgezeit verringert sich das im Mittelalter hohe Ansehen des Soldaten Schritt für Schritt, als die Euphorie während der Kreuzzüge in Ernüchterung umschlägt.

Abb. 1

Die Ritterorden verringern ihre militärischen Aufgaben und verlegen den Schwerpunkt ihrer Arbeit auf den karitativen Bereich. So pegelt sich das Ansehen des Soldaten in der christlichen Lehre nach dem Tiefpunkt im Urchristentum, der Hochphase vom beginnenden vierten Jahrhundert bis zum Mittelalter und dem neuzeitlichen „Image-Keller" in den Folgejahrhunderten schließlich auf ein durchschnittliches Niveau ein. Die - cum grano salis - Unvereinbarkeit zwischen dem fünften Gebot und der kirchlichen Lehre von der Nächstenliebe ist mit soldatischem Auftrag und Handeln eben nur schwer in Deckung zu bringen.

2.2 Vom Ende des Mittelalters bis zum 20. Jahrhundert

Diese Jahrhunderte sind geprägt vom

Ende der muslimischen Herrschaft auf der Iberischen Halbinsel,

der Entdeckung und Eroberung der Neuen Welt durch südeuropäische,katholische Monarchien,

der Reformation und

den Religionskriegen in Europa danach,

dem Unabhängigkeitskrieg in Amerika, sowie

dem Aufstieg der Nationalstaaten und

der Kolonisation Afrikas und Teilen Amerikas und Asiens durch europäische Mächte.

Im 16. Jahrhundert entwickeln Theologen - wie der Dominikanerpater und Moraltheologe Francisco de Vitoria, OP (ca. 1483-1546) und die beiden Jesuitenpatres Francisco Suárez, SJ, (1548-1617) und Luis de Molina, SJ, (1535-1600) - an der Schule der nordwest-spanischen Stadt Salamanca die Vorstellungen im Hinblick auf den Umgang mit heidnischen Völkern weiter und weichen damit von der Idee der Zwangsmissionierung der frühen Jahre nach der Entdeckung Amerikas ab. Die Tatsache, dass ein Volk nicht an Christus glaubt, darf nicht als Grund genommen werden, dieses mit Waffengewalt zu bekehren. Nur, wenn Missionare an ihrer Tätigkeit gewaltsam gehindert werden, oder um Menschenopfer zu verhindern, ist der Kampf gegen die Heiden erlaubt.

Die lutherischen Reichsstände - u.a. die Vertreter der Freien Städte und Reichsstädte - nehmen am 25. Juni 1530 auf dem Reichstag zu Augsburg vor Kaiser Karl V. in der „Confessio Augustana" zum Soldatentum Stellung. Im Artikel XVI. („De rebus civilibus - Von der Polizei und weltlichem Regiment) wird festgeschrieben, dass eine legitim eingesetzte öffentliche Regierung zur guten Ordnung Gottes gehört. Christen ist es daher gestattet, öffentliche Ämter auszuüben, wie das Richteramt und den Soldatenberuf. Ebenso ist der Staat berechtigt, sogenannte gerechte Kriege zu führen.

James Laynez, SJ, (1512-1565), der erste Nachfolger des Heiligen Ignatius von Loyola als Ordensgenerals der Jesuiten, ist zugleich der erste Jesuit, der als Feldgeistlicher dient. Im Jahre 1550 wird er von Juan de Vega y Enríquez (1507-1558), dem Vizekönig von Sizilien und Bewunderer und Unterstützer der Jesuiten, gebeten, ihn und seine Flotte unter dem Kommando des betagten genuesischen Admirals Andrea Doria (1466-1560) auf einer Strafexpedition gegen nordafrikanische Piraten im heutigen Tunesien zu begleiten.

Die Ausübung militärischer Gewalt - auch als Mittel zur Durchsetzung religiöser oder pseudo-religiöser Ziele - ist in dieser Zeit als mit der christlichen Lehre weitgehend vereinbar anerkannt. Stehen sich christliche Heere - wie in den Religionskriegen gegenüber - so wird die jeweils andere Seite als nicht-christlich verteufelt.

2.3 Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts

In der Rückschau richtet das Christentum mit dem beginnenden 20. Jahrhundert seine ethische Justierung eher an der Haltung der Urchristen denn an jener des frühen Mittelalters aus. Grund dafür sind der Einsatz von Maschinenwaffen im Ersten und vor allem die Nuklearwaffen im Zweiten Weltkrieg in Verbindung mit den extrem hohen Opfern unter der Zivilbevölkerung. Diese Erkenntnis reift aber erst am Ende des Ersten Weltkriegs. An dessen Anfang hingegen sieht es noch anders aus, denn die Auffassung Roms und jene der europäischen Nationalkirchen zum Einsatz militärischer Macht klaffen weit auseinander. Die Kirchenführer der kriegführenden europäischen Mächte sind überwiegend für einen Waffengang. Papst Benedikt XV. (1854-1922) ⁶³ hingegen wendet sich zwar erst 1917 am dritten Jahrestag des Kriegsbeginns in einem Apostolischen Schreiben ⁶⁴ mit einem Friedensappell an die Staatsoberhäupter der kriegführenden Völker und will die Wehrpflicht - als „eigentliche Ursache vieler Übel - weltweit abgeschafft wissen. Doch bereits unmittelbar nach seiner Wahl 1914 hatte er in seiner Enzyklika „Ad beatissimi Apostolorum principis vergeblich das „Gemetzel (caedis modus) ⁶⁵ angeprangert. Zusätzlich verhandelt der Apostolische Nuntius in Bayern, Eugenio Pacelli (1876-1958), der spätere Papst Pius XII., im Auftrag Roms mit Reichkanzler Theobald von Bethmann Hollweg (1856-1921) und wird auch von Kaiser Wilhelm II. (1859-1941) zu einer kurzen Audienz empfangen, doch sein Gebet „Da pacem, Domine, in diebus nostris! (Gib Frieden, Herr, unseren Tagen!) bleibt ohne Erfolg. Dennoch unbeirrt fordert der Papst u.a. die Absenkung der militärischen Rüstung auf ein Niveau, das nur defensive Optionen zulässt, den Verzicht auf territoriale Eroberung, einen Völkerbund auf christlicher Grundlage, die Wiederversöhnung der Völker, sowie langfristig die völlige Abschaffung des Krieges als Mittel der Politik; letzteres wird vom II. Vatikanischen Konzil bestätigt. ⁶⁶ Kardinalstaatssekretär Pietro Gasparri (1852-1934) ist der skeptischen, wenngleich weitsichtigen Auffassung, der Vertrag von Versailles werde zu einem neuen Krieg führen, und auch Papst Benedikt XV. warnt in seiner 1920 herausgegebenen Enzyklika „Pacem, Dei munus pulcherrimum (Frieden, das schönste Geschenk Gottes) davor, der geschlossene Friede werde nicht von Dauer sein. Diese insgesamt distanzierte Haltung zum Soldaten und dessen Einsatzbereich, der staatlichen Gewaltausübung, spiegelt sich auch im 1917 geschaffenen und 1983 überarbeiteten Codex Juris Canonici (CIC) ⁶⁷ wider; so heißt es im Canon 276 (§ 1):

„In ihrer Lebensführung sind die Kleriker in besonderer Weise zum Streben nach Heiligkeit verpflichtet, da sie, durch den Empfang der Weihe in neuer Weise Gott geweiht, Verwalter der Geheimnisse Gottes zum Dienst an seinem Volke sind."

Und die §§ 1 und 2 des Canon 285 ergänzen:

„Die Kleriker haben sich … von allem, was sich für ihren Stand nicht geziemt, völlig fernzuhalten. Was dem klerikalen Stand fremd ist, haben die Kleriker zu meiden, auch wenn es nicht ungeziemend ist."

Canon 289 (§ 1) konkretisiert:

„Weil der Militärdienst dem klerikalen Stand weniger angemessen ist, dürfen sich die Kleriker und ebenso die Kandidaten für die heiligen Weihen nur mit Erlaubnis ihres Ordinarius freiwillig zum Militärdienst melden."⁶⁸

Canon 383 (2) des Codex Canonum Eccelesiarum Orientalium (CCEO) der

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