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Mord eines Anderen: Viertes Buch mit Sigi Siebert

Mord eines Anderen: Viertes Buch mit Sigi Siebert

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Mord eines Anderen: Viertes Buch mit Sigi Siebert

Länge:
267 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Oct 5, 2018
ISBN:
9783958131552
Format:
Buch

Beschreibung

Juli 2010. Das Ruhrgebiet fiebert zwei Großereignissen der Kulturhauptstadt RUHR.2010 entgegen, dem Still-Leben Ruhrschnellweg und der Loveparade in Duisburg.
Der Geschäftsführer einer Essener Firma wird mit durchschnittener Kehle in seinem Büro aufgefunden. Für Hauptkommissar Sigi Siebert und sein Team ist die Woche zwischen den beiden Großereignissen angefüllt mit intensiven Ermittlungen. Während Sieberts Tochter auf der Loveparade im Tunnel eingeschlossen ist und er mit seiner Frau in größter Sorge nach Duisburg aufbricht, kommt es auf dem Partygelände nebenan zu einer entscheidenden Begegnung …
Herausgeber:
Freigegeben:
Oct 5, 2018
ISBN:
9783958131552
Format:
Buch

Über den Autor


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Mord eines Anderen - Klaus Heimann

Inhaltsverzeichnis

Trauzeuge Sigi

Allerbester Laune laufe ich bei Guido auf. Er ist und bleibt mein Lieblingskneipier. Seit meiner Verletzung, damals in Namibia, bin ich das erste Mal den kompletten Weg von Zuhause auf eigenen Beinen hergekommen. Ein runder Kilometer: Das geht mittlerweile mit meinem Knie. Ein tolles Gefühl! Mein Zäpfchen schreit zur Feier des Tages nach Benetzung – allerbeste Voraussetzung für einen Abend an Guidos Tresen, zusammen mit meinem Kumpel Ecki, Eckhard Schulz, dem Schutzpolizisten.

Eine Superneuigkeit habe ich mitgebracht. Möhrchen und Erich heiraten! Gestern hat mich meine Ex-Kollegin angerufen. Ich soll ihr Trauzeuge sein! Natürlich habe ich spontan zugesagt. Sie sind mir so ans Herz gewachsen, die beiden. Jeder auf seine Art. Ich freue mich riesig für das nicht mehr ganz so taufrische Glück. Hat das gedauert! Ob Erich sich endlich die Hörner abgestoßen hat? Dass Möhrchen so lange Geduld mit ihm hatte – unfassbar! Frauen haben in Liebesdingen eindeutig einen längeren Atem als Männer.

Ecki schiebt seine Plauze durch den Eingang. Mit ausgebreiteten Armen kommt er auf mich zu. »Sei mir gegrüßt, Ruhestandsritter!«

Mein Tresenkumpel umklammert mich und drückt mich herzlich. Dabei tätschelt er meine Schultern. Ich erwidere die Begrüßung auf dieselbe Art.

»Guido, Pils und Sammet!«, bestellt Ecki. Gleich einen Samtkragen zum Bier? Der hat was vor heute Abend.

»Wat gibbet Neuet?«, fragt mein Kumpel, nachdem wir unseren Stammplatz auf den Barhockern vor dem hufeisenförmigen Tresen aus dunklem Holz bezogen haben.

Ich halte Ecki ein bisschen hin. »Da kommst du nie drauf.«

»Du verlässt Lotte!«, revanchiert er sich für meine Hinhaltetaktik mit einem Spruch unterhalb der Gürtellinie. Er weiß ganz genau, wie absurd das ist!

»Spinnst du?«

Das klingt wohl so empört, wie ich es meine, denn Eckis Lächeln verschwindet aus seinem massigen Gesicht.

»War nicht so gemeint. Ich weiß ja, wie sehr du an deiner besseren Hälfte hängst. Jetzt raus mit der Sprache – ohne lange Fisimatenten: Was ist los in der Welt?«

»Möhrchen und Erich heiraten!«

»Nein?«

»Ja!«

»Das gibt’s doch nicht.«

»Ich soll ihr Trauzeuge werden.«

»Nein?«

»Doch!«

Ecki bemerkt, wie wenig geistreich seine Reaktion ausfällt. Derart auf den Mund gefallen ist er sonst nie. Hat ihn wirklich umgehauen, die Neuigkeit. »Wie lange kennen die sich jetzt?«

»2007 hat Möhrchen bei uns angefangen. Als wir den Haarzopf-Fall bearbeitet haben. Die unbekannte Männerleiche auf dem Friedhof.«

»Und der Erich hat seitdem nie auf Angriff geschaltet?«

»Doch. Einmal.«

Die Erinnerung an diese Episode ist mir etwas peinlich, denn ich war nicht ganz unschuldig daran gewesen. Im Grunde hatte ich Erich auf den Trichter gebracht, es bei Möhrchen zu versuchen. Mich hatte ein Anflug von Spitzbübigkeit befallen.

»Ach, ja! Ich weiß wieder. Wir haben hier mit Atze zusammen am Tresen gestanden. Damals, als du Idiot meintest, den Nordkap-Fall auf eigene Faust lösen zu müssen. Da hast du uns auf genau diesem Fleck brühwarm erzählt, dass du dem Erich eure Kollegin schmackhaft gemacht hast. Was haben wir uns beömmelt!«

An keine dieser beiden Heldentaten erinnere ich mich gerne. Weder an den Nordkap-Fall noch an meinen Verkupplungsversuch. Ich bin leicht angesäuert.

»Schön, dass du wieder im Film bist.«

»Jau. Das war eine Geschichte!«

»Jetzt scheint es jedenfalls ernst zu sein.«

»Das hätte ich nie für möglich gehalten. Wie viele Weiber hat Jungfrauentraum Erich verschlissen? Durchschnittlich zwei pro Jahr? Seit seinem vierzehnten Lebensjahr? Oder sollte ich besser fragen: Wie viele Weiber haben Erich seitdem verschlissen?«

»Einige Dutzend waren es allemal. Und eine dreistellige Anzahl an Fehlversuchen. Mindestens.«

Ecki reibt sich das Kinn.

»Verflucht, der Erich. Spaß hat er gehabt. Aber auch den miesesten Katzenjammer. Kann der überhaupt die Pfoten von anderen Röcken lassen?«

»Das will ich stark für ihn hoffen. Sonst kriegt er es mit mir zu tun!«

In meinem Tonfall liegt etwas Bedrohliches. Möhrchen hat immer unter meinem besonderen Schutz gestanden. Erich soll sich wagen, ihr wehzutun!

»Ich habe Möhrchen neulich vor dem Polizeipräsidium gesehen. Abgenommen hat sie. Bestimmt fünfzehn Kilo. Ist zwar nach wie vor nicht wirklich schlank, aber mit ihrer roten Wuschelmähne und den riesigen blauen Augen immerhin eine markante Erscheinung.«

»Als sie bei uns anfing, da hat sie soeben das höchstzulässige Gewicht für eine Kriminalpolizistin auf die Waage gebracht. Sie hat dann ziemlich schnell zugelegt. Aber ihr Herz, das ist aus Gold!«

»Na, na. Bist du etwa eifersüchtig auf den stolzen Bräutigam?«

»Ich gönne Möhrchen alles Glück im Leben. Wenn dieses Glück Erich heißt, dann soll es Erich sein.«

Mein Kumpel rechnet nach: »Der Knispel ist deutlich älter als seine Auserwählte, stimmt’s?«

»Möhrchen wird Ende dreißig sein. Erich geht langsam auf die Fünfzig zu, schätze ich.«

»Mit fünfzig solltest du wirklich anfangen, an deinen Lebensabend zu denken. Gar nicht so dumm, der Erich. Erst austoben, dann was Solides. So viel Bauernschläue hätte ich dem unterleibsgesteuerten Kerl eigentlich gar nicht zugetraut, wenn ich ehrlich bin. Hut ab!«

Jetzt muss ich lachen.

»Der Erich soll eine Vernunftsehe eingehen? Niemals! Auch wenn ich mich mit der Vorstellung schwertue: Es wird Liebe sein.«

»Nach über zehn Jahren, die er Möhrchen jetzt kennt? Bei dir piept’s wohl!«

»Insgeheim war Möhrchen immer in Erich verknallt. Aber die kleine Rote ist ein Verstandesmensch. Sie wusste die ganzen Jahre über, dass ihre Zeit kommen würde. Treu wie sie ist, hat sie wahrscheinlich nichts anderes zwischendurch angefangen. Jedenfalls hat sie nie etwas davon erzählt.«

Ecki schüttelt den Kopf, dass sein Doppelkinn ins Zittern gerät. Er sieht mir heute irgendwie so aus, also ob er Möhrchens fünfzehn Kilo übernommen hat.

»Wie kann man sich selbst so kasteien? Zehn Jahre für einen Typen aufsparen? Für einen wie Erich? Unfassbar!«

»Verstehe einer die Weiber!«

»Da haste recht. Verstehe einer die Weiber!«

Das Einvernehmen bezüglich ausgesprochener Wahrheiten schreit nach Schnaps und Bier. Da kommt es gerade recht, dass Guido die erste Rutsche des Abends vor uns auf den Tresen stellt.

Der Boonekamp schwimmt wie eine Ebenholzscheibe auf dem eiskalten Korn. Ein Könner, der Guido, wie er den Samtkragen einschenkt. Ich greife zum Schnaps und sehe Ecki in die Augen. »Prost, mein Freund!«

Mein Kumpel spiegelt meine Geste. »Prost. Hau wech, ehe kleine Kinder drangehen.«

In einem Zug wandern die beiden Aperitifs ihrem Bestimmungszweck entgegen. Ihnen folgen die Longdrinks. Wir wischen uns synchron die Münder ab und Guido steht unaufgefordert sofort wieder am Zapfhahn.

»Im Job hat er ja eher mäßigen Erfolg gehabt, der Erich«, erinnert sich mein Kumpel. Das hatte sich offensichtlich bis zur Schutzpolizei herumgesprochen.

»Stimmt. Eine ausgesprochene Spürnase besaß er nie. Aber willig und fleißig ist er. Da will ich ihm nichts Schlechtes nachsagen.«

»Wenn dem der Sinn nicht immer nur nach Weibern gestanden hätte, wäre vielleicht etwas aus ihm geworden. Kann ja jetzt was werden. Der Erich wird solide. Ich fasse es immer noch nicht.«

Meine Gedanken schweifen zurück in meine aktive Zeit bei der Mordkommission im Polizeipräsidium Essen. Wir waren ein gutes Team. Hautkommissar Siegfried Siebert, von den meisten kurz Sigi gerufen, das Recherche-As Theodora Schmittkowski, Spitzname Möhrchen, und mein junger Kollege, Erich Terschüren. Ich denke an die Fälle, die wir bearbeitet und aufgeklärt haben. Und plötzlich fällt mir der Mord in Essen-Stoppenberg wieder ein.

»Einmal ist uns Erichs Affinität zum schönen Geschlecht immerhin nützlich gewesen.«

Ecki überlegt. Sodann klart seine Miene auf. »Ach ja. Weiß wieder. Ein unverschämtes Glück hat der Knabe bei diesem Fall aber auch gehabt.«

»Immerhin hat er spontan geschaltet.«

»War das nicht – warte – 2010? Als die Kulturhauptstadt lief?«

»Richtig. RUHR.2010. Es war Sommer. Am Freitag vor dem Wochenende, an dem sie die A40 gesperrt haben, wurden wir zum Tatort gerufen.« Mein Sportkamerad beim Tresenturnen erinnert sich.

»War vonseiten der Organisatoren eine Glanzleistung. Samstagnacht wurde die A40 gesperrt. 20.000 Tische und 40.000 Bänke haben sie entlang von 60 Kilometern Autobahn aufgebaut. Diese Zahlen werde ich nie vergessen. Ein logistisches Meisterstück mit tausenden Helfern. Am Sonntag ist das halbe Ruhrgebiet über die gesperrte Autobahn flaniert. Es war gigantisch. Früh am Montag war der Spuk wieder vorbei. Alles zurück auf null. Der Berufsverkehr am Montagmorgen lief wie gewohnt.«

Ich sehe es noch vor mir. »Überall auf der Welt, sogar in China, wurden Bilder von dieser Veranstaltung gesendet. Eine richtig euphorische Stimmung herrschte danach. Da hat das Ruhrgebiet ein fettes Ausrufezeichen gesetzt!«

»Vorher hatten sie dieses andere Projekt. Na, wie hieß das gleich? Wo sie die gelben Ballons über den stillgelegten Kohleschächten gehisst haben?«

»Ich glaube, ‚Schachtzeichen‘ hieß das. Je nachdem, wo man stand, sah der ganze Pott aus wie mit riesigen Stecknadeln gespickt.«

Ecki wird nachdenklich. »Eine Woche nach dem Still-Leben auf der A40 passierte jedoch das Unglück bei der Loveparade in Duisburg. Ich hatte an beiden Tagen Dienst. Erst diese friedlichen Bilder von glücklichen Menschen auf der Autobahn und am Samstag danach das blanke Entsetzen. Wenn du da einen lieben Menschen verloren hast, kriegt dein Leben einen Knick. Schrecklich.«

In jedem Jahr sollte die Loveparade, eine Technoparade mit hunderttausenden Besuchern, in einer anderen Stadt des Ruhrgebiets stattfinden. Nach Essen und Dortmund, wo sie einigermaßen reibungslos verlief, wäre Bochum an der Reihe gewesen. Die Stadt hatte die Veranstaltung abgeblasen, weil sie nicht die Verantwortung für eine Horde Raver in den engen Straßen des Zentrums tragen wollte. Das hatte den Bochumer Entscheidern einiges an Häme eingebracht. Als nächster Austragungsort war Duisburg vorgesehen. Im Jahr der Kulturhauptstadt.

Der Erwartungsdruck, der auf den Duisburgern lastete, war deshalb enorm. Die Loveparade sollte schließlich eine der großen Nummern im Kulturhauptstadtjahr werden. Letztlich war es meiner Einschätzung nach dieser Druck, der zur späteren Katastrophe führte. Über zwanzig Tote und hunderte Verletzte waren das Ergebnis einer Fehlplanung, die den Platzbedarf der anströmenden Besuchermassen falsch bewertet hatte. Viele Teilnehmer litten noch heute unter den Folgen der traumatischen Erlebnisse.

»Jetzt haben sie endlich einen Prozess auf die Beine gestellt. Soll der größte in der bundesdeutschen Justizgeschichte sein. Eigens dafür haben sie Räumlichkeiten der Düsseldorfer Messe angemietet.«

Ecki schaut mich aus skeptischen Augen an. »Meinst du, da kommt was bei heraus?«

»Da sind eine Menge Fehler begangen worden. Im Grunde hat wohl jeder in der Kette der Beteiligten ein bisschen dem politischen Druck nachgegeben. Ob der nun tatsächlich bestand oder von den Akteuren nur empfunden wurde – egal. Duisburg wollte glänzen.«

Veranstalter und Stadtspitze hatten seinerzeit keine Verantwortung für die tragischen Vorfälle übernommen. Ein unwürdiges Gezerre entstand. Die Menschen wünschten sich eine Gallionsfigur, die als Hauptverantwortlicher herhalten sollte. Der Duisburger Oberbürgermeister wurde später aufgrund seines Verhaltens im Nachgang der Loveparade durch ein Bürgerbegehren abgewählt. Im Prozess war er nicht als Angeklagter, sondern als Zeuge vorgeladen worden. Auf der Anklagebank saßen Angestellte der Stadt und Mitarbeiter des Veranstalters.

»Ich verstehe die Betroffenen. Es kann einfach nicht sein, dass niemand für diese tragischen Vorfälle bestraft wird. Das entspricht einfach nicht unserem Empfinden von Recht und Ordnung«, sinniere ich.

»Ob man am Ende mit dem Urteil zufrieden sein wird? Es muss diesen Prozess geben, das sehe ich ein. Der Opfer wegen. Dass man ihnen zeigt, dass man wenigstens versucht, Schuld festzustellen und sie Personen zuzuordnen. Ehe die ganze Chose verjährt. Ob die Sache damit zur Ruhe kommt – da hege ich meine Zweifel. Duisburg wird diese Narbe noch lange mit sich herumschleppen.«

Meine Gedanken schweifen ab. »Fürchterliche Geschichte.«

»Ja. Grausam, diese Loveparade.«

»Die meine ich jetzt nicht. Ich muss gerade an den Stoppenberg-Fall denken.«

Guido stellt frisches Pils vor uns hin. Ich komme ins Erzählen.

Aufgescheucht

Das Diensthandy riss mich aus einem Traum. Ich war vor einem bewaffneten Schurken geflüchtet und hing zappelnd an einer Fensterbrüstung – wie ein Stummfilmstar. In dem Moment, in dem mich meine Kraft verließ und ich loslassen musste, retteten mich die Akkorde von »Lady in Black«, die Erich mir als Klingelton aufgespielt hatte.

Dem Absturz knapp entronnen, wälzte ich mich im Halbschlaf zum Nachttisch und nahm das Gespräch an. »Siebert.«

Die Einsatzzentrale meldete sich am anderen Ende.

»Ein Toter in Stoppenberg. In einem Büro. Die Kollegen sind bereits unterwegs …«

Die geschäftige Stimme gab mir die Adresse durch.

Lotte knipste ihre Nachttischlampe an.

»Wie spät ist es?«

»Kurz vor fünf. Schlaf weiter.«

»Du hast gut reden. Was ist denn los?«

»Was meinst du denn, was los ist, wenn um diese Zeit das Diensthandy rappelt?«

»Wieder ein Toter?«

»Wie meistens, Schatz.«

»Du hast einen scheiß Job, weißt du das?«

»Einer muss ihn tun. Schlaf jetzt weiter.«

Lotte schaltete ihre Nachttischlampe wieder aus. Im Dunkeln schnappte ich mir das Handy, schälte mich aus der Bettdecke und tappte, mich mit einer Hand an der Wand vortastend, möglichst geräuschlos in den Flur. Erst dort bemerke ich, dass ich etwas Wesentliches übersehen hatte. Meine Klamotten hingen am Schlafzimmerschrank, Unterwäsche und Socken lagen darin. Mist. Kommando zurück.

Ich bin nicht unbedingt sattelfest, was die Einsortierung meiner Wäsche angeht. Sie im Dunkeln aus dem Schrank zu fischen, wäre zum Scheitern verurteilt. Da machte ich lieber gleich Licht.

Lotte stöhnte auf und zog sich die Bettdecke über den Kopf.

»Wenn du die Elefantenherde im Zoo abgeliefert hast, sag Bescheid.«

Mit leicht schlechtem Gewissen, nahm ich mir das, was ich brauchte, und verließ schnellstmöglich unser eheliches Schlafzimmer. Als ich die Tür hinter mir schließen wollte, hörte ich ein hysterisches: »Licht aus!« Ein verflixt mieser Start in den Morgen!

Ein wenig trug Lotte selbst die Schuld. Warum bestand sie hartnäckig darauf, dass die Jalousien immer komplett heruntergelassen waren? Durch kleine Schlitze wäre um diese Stunde im Juli genug Helligkeit eingedrungen, um mich zu orientieren. So wie im Wohnzimmer, wo ich ohne irgendwelche Morgentoilette in meine Beutestücke schlüpfte, bevor ich Erich alarmierte.

»Terschüren.«

Oh, Mann. Den hatte ich auch aus den Träumen geholt.

»Morgen Erich. Wir müssen nach Stoppenberg. Ein Toter.«

»Scheiß Bullenjob. Komme.«

Ich gönnte mir wenigstens einen Kaffee. Für etwas zu beißen war es mir definitiv zu früh.

Eine halbe Stunde später stand Erich mit seinem Wagen vor dem Haus. Ich hatte das Fahren vor Jahren drangegeben. Erklären kann ich das nicht. Jedenfalls war es mir recht, dass der geduldige Erich den Part des Chauffeurs übernahm. Für mich war es praktisch so und mein jüngerer Kollege war einverstanden mit dieser Aufgabenteilung.

Wir fuhren zu der Adresse, die mir von der Zentrale durchgegeben worden war. Gesprochen wurde nicht viel. Ein Mord und wir fuhren zum Tatort. Alles wie üblich.

Um diese Zeit herrschte noch wenig Verkehr und so erreichten wir bald den Parkplatz vor dem nichtssagenden, überschaubaren Bürokomplex. Er bestand aus zwei Baukörpern. Zur Straße hin lag ein schmales, zehngeschossiges Hochhaus mit einer dunklen Fassade. An eine seiner Ecken war rechtwinkelig nach hinten raus ein viergeschossiger Anbau angeklebt. Seine Wände trugen einen nach dem Prinzip der Maximierung von Langweiligkeit ausgewählten, beigefarbigen Anstrich zur Schau. Beide Gebäude verband auf allen Etagen des niedrigeren Hauses ein vollverglaster Übergang.

Drei Autos parkten auf der geräumigen Fläche vor dem Anbau: Ein ausgesprochen prollig aufgemotzter Mercedes Brabus, ein klappriger Twingo und ein Polizeifahrzeug. Erich stellte seinen BMW neben dem Einsatzwagen ab. Ein blutroter Sonnenball kletterte in diesem Moment seitlich des Gebäudes über den Horizont, durchdrang die das Gelände begrenzende Birkenreihe und tauchte den Asphalt des Parkplatzes in warmes Morgenlicht. Eigentlich eine viel zu anheimelnde Stimmung, um einer Leiche gegenüberzutreten.

Die beiden Kollegen aus dem Einsatzwagen drückten sich am Eingang des Anbaus herum.

Der unangenehmen Pflicht gehorchend, stiegen wir aus und liefen zu ihnen hinüber. Ein paar Waschbetonstufen führten vom Parkplatzniveau zum Portal hinunter. Da mir die Uniformierten nicht bekannt vorkamen, wies ich mich ihnen gegenüber aus.

»Wir kommen nicht rein«, informierte mich der Ältere.

»Was heißt das?«

»Jemand hat uns von drinnen angebimmelt. Das hat die Anruferin jedenfalls behauptet; dass sie in diesem Gebäude ist. Hat einen Toten in den Räumlichkeiten der Firma, die ihren Sitz hier hat, gemeldet. kerdet-IT heißt der Laden. Jetzt macht keiner auf. Die Tür ist elektronisch gesichert. Da brauchen wir Hilfe.«

»kerdet-IT? Nie gehört.«

»Sehen Sie: dort oben!«

Ich folgte dem Blick des Mannes. Richtig: Knapp unterhalb des flachen Dachs war ein entsprechender Schriftzug aus Leuchtbuchstaben angebracht.

Ich deutete auf die in der Glasfront mittig eingebaute Tür. »Die ist elektronisch gesichert?«

»Nein. Die ist offen und führt in eine Art Vorraum. Schauen Sie, dort drinnen, die Drehtür. Da kommen wir nicht rein. Nebendran steht ein Kartenleser auf einer Säule.«

»Was meinen Sie: Ist die Frau, die uns alarmiert hat, wirklich da drin?«

»So hat es uns die Zentrale mitgeteilt.«

»Ihr habt bestimmt ein Megafon im Auto«, meldete sich Erich zu Wort. In technischen Dingen ist er mir im Denken immer eine Nasenlänge voraus. Aber meistens nur in technischen Dingen.

»Klar.« Der jüngere Polizist setzte sich in Bewegung.

»Wie lange steht ihr hier schon?«, fragte ich den Verbliebenen.

»Maximal eine halbe Stunde. Wir haben es auf der gegenüberliegenden Seite probiert. Da gibt es einen weiteren Zugang. Das scheint eine Art Notausgang zu sein. Ist verrammelt. Im Hochhaus vorne sitzt eine andere Firma. Dort ist keiner. Also sind wir hierher zurück.«

»Wissen Sie mehr darüber, was uns hier erwartet?«

»Nur, dass es diesen Anruf bei der Zentrale gab. Eine Frauenstimme,

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