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Westrom: Von Honorius bis Justinian

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Westrom: Von Honorius bis Justinian

Länge:
346 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Oct 4, 2018
ISBN:
9783170332188
Format:
Buch

Beschreibung

Der Westen des Imperium Romanum erlebte ab 395 n. Chr. eine Kette von dramatischen Ereignissen und Entwicklungen. 476 wurde der letzte Westkaiser abgesetzt, 554 schaffte Justinian auch den weströmischen Hof ab. Diese Vorgänge, die für Europa den Übergang von der Antike zum Mittelalter markieren, sind oft durch eine "Völkerwanderung" erklärt worden. Der vorliegende Band rückt dagegen innerrömische Konflikte ins Zentrum: Westrom wurde nicht erobert. Seine Nachfolgereiche traten erst an die Stelle der kaiserlichen Regierung, als endlose Bürgerkriege zum Kollaps der römischen Herrschaft geführt hatten. Ein systematischer Überblick über Kaisertum, Verwaltung, Armee, Wirtschaft und Religion rundet die Darstellung ab.
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Freigegeben:
Oct 4, 2018
ISBN:
9783170332188
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Westrom - Henning Börm

Sachindex

1          Einleitung

Dieses Buch hat die Geschichte des römischen Westens zwischen dem 3. und 6. Jahrhundert nach Christus zum Gegenstand, jene Phase also, in der die Welt des europäischen Mittelalters ihre Anfänge erlebte und die Zeit des antiken Imperium Romanum an ihr Ende gelangte. Wenngleich beide Aspekte untrennbar miteinander verknüpft sind, wird es auf den folgenden Seiten eher um Letzteres gehen.

Selbstverständlich kann dabei nur eine Skizze geboten werden, und da ein solches Vorhaben eine bewusste Schwerpunktsetzung unumgänglich macht, soll vor allem die politische Geschichte im Mittelpunkt der Darstellung stehen. Der kulturgeschichtliche Ansatz, der insbesondere dank der Arbeiten Peter BROWNS lange Zeit die Forschung zur Spätantike (284 bis 641) bestimmt hat und auch weiterhin nachhaltig prägt,¹ wird dagegen ebenso wie auch die Sozialgeschichte notwendig in den Hintergrund rücken müssen. Der knappe systematische Abriss, den die letzten Kapitel bieten, ist dabei vornehmlich dazu gedacht, jene Strukturen deutlicher hervorzuheben, ohne die die politische Geschichte des römischen Westens schwer verständlich bliebe. Unvermeidlich wird nicht jeder Leser mit der dem begrenzten Raum geschuldeten Auswahl einverstanden sein.

Die Forschungsliteratur hat vor allem seit den 1980er Jahren einen unmöglich zu überblickenden Umfang angenommen. Historiker, Philologen und Archäologen auf der ganzen Welt beschäftigen sich intensiv mit der Spätantike. Gerade in den letzten Jahren ist die Diskussion darüber, ob das Weströmische Reich »gefallen« oder »transformiert« worden sei, neu entbrannt, und auch über die Gewichtung innen- und außenpolitischer Faktoren herrscht keineswegs Einigkeit.² Es bleibt hier daher nur die Möglichkeit, auf solche modernen Arbeiten zu verweisen, die entweder besonders anregend gewirkt haben oder einen guten Ausgangspunkt für weitere, vertiefende Studien bilden.

Doch damit nicht genug der Hindernisse. Denn was ist eigentlich gemeint, wenn hier von »Westrom« oder vom »Weströmischen Reich« die Rede ist? Sowohl die zeitliche als auch die räumliche Eingrenzung des Gegenstandes fällt schwerer, als es zunächst den Anschein haben mag. Das ist vor allem dem Umstand geschuldet, dass die antiken Quellen in aller Regel bis zuletzt von einem einzigen Imperium Romanum ausgehen, das zwar selbstverständlich über einen Osten und einen Westen (pars Occidentis) verfügte, aber eben doch im Zweifelsfall ein ungeteiltes Ganzes darstellte. Auch wenn Identitäten, wie sich zeigen wird, mitunter schillernd und schwer bestimmbar waren, wäre es doch, soweit man sieht, keinem Zeitgenossen der Ereignisse eingefallen, sich selbst als »Weströmer« zu bezeichnen. Allenfalls sprach man den Bewohnern des Ostens mitunter ihr Römertum ab und bezeichnete sie als »Griechen«, etwas, das diesen selbst kaum in den Sinn gekommen wäre.³

Die Zeugnisse, die einer Bezeichnung wie »Weströmisches Reich« am nächsten kommen, sind selten und spät; am prominentesten ist in diesem Zusammenhang wohl der Chronist Marcellinus Comes, der um 520 in einem wirkmächtigen Satz seines Werkes vom »Ende« des Hesperium Romanae gentis imperium, also des »westlichen Reiches des römischen Volkes«, im Jahr 476 spricht.

Die geographische Eingrenzung wird dadurch noch weiter erschwert, dass die Gefahr besteht, die Bedeutung sichtbarer, oft militärisch überwachter Grenzen (limites) zu überschätzen. Bekanntlich waren viele Römer der Ansicht, ihnen sei ein imperium sine fine verliehen worden;⁵ und auch wenn man zwischen diesem Anspruch und der Realität in aller Regel sehr wohl zu unterscheiden wusste, bleibt es dennoch richtig, dass die Grenzen römischen Einflusses und kaiserlicher Macht oft viel schwerer bestimmbar waren, als man angesichts historischer Atlanten oder der Ruinen spätantiker Grenzkastelle meinen könnte. Dies gilt auch für die Zuschreibung ethnischer Identitäten, wenngleich im Folgenden die entsprechenden Bezeichnungen, die sich in den Quellen finden, bis zu einem gewissen Grad übernommen werden sollen. Wie problematisch Begriffe wie »Römer«, »Barbar«, »Gote« oder »Vandale« sind, hat die Forschung der letzten Jahrzehnte klar herausgestellt.⁶

Als Grundlage für die folgenden Ausführungen sei der geographische Rahmen dennoch wie folgt bestimmt: Westrom umfasste Britannien bis zum Hadrianswall, Gallien einschließlich der beiden »germanischen« Provinzen, Hispanien mit den Balearen, die Provinzen an der Oberen Donau, also insbesondere Raetia, Noricum und Pannonia, sowie das westliche Nordafrika und natürlich Italien mit Korsika, Sardinien und Sizilien. Das Illyricum war zwischen Ost und West, zumindest anfänglich, umstritten. Man könnte allerdings auch einen anderen Ansatz wählen, der die Fluktuation und Flüchtigkeit der Verhältnisse vor allem im 5. Jahrhundert stärker betont: Zu Westrom gehörten demnach jene Gebiete, die der tatsächlichen, wirksamen Kontrolle des in Italien residierenden Hofes unterstanden.

Kaum weniger problematisch ist die Bestimmung des zeitlichen Rahmens. Traditionell wählt man zwei Daten als Epochengrenzen, nämlich zum einen das Jahr 395, als nach dem Tod des Kaisers Theodosius I. sein junger Sohn Honorius die Herrschaft über den römischen Westen übernahm, und zum anderen das Jahr 476, als der Heerführer Odoaker den Romulus Augustulus absetzte. Dieser gilt gemeinhin als der letzte weströmische Kaiser, denn Odoaker verzichtete demonstrativ darauf, für ihn einen Nachfolger zu bestimmen. Vielmehr schickte er den kaiserlichen Ornat nach Konstantinopel, unterstellte sich dem dortigen Augustus und scheint zudem erklärt zu haben, der Westen benötige keinen eigenen Kaiser mehr.⁷ Dessen Position sollte damit also abgeschafft werden.⁸

Beide Daten, sowohl 395 als auch 476, sind als mögliche Epochengrenzen durchaus diskussionswürdig, und gegen beide kann man auch gewichtige Einwände vorbringen. Wenn im Folgenden die Zeit zwischen Honorius und Justinian, der 554 einen Schlussstrich unter der weströmischen Geschichte zog, in den Mittelpunkt gestellt wird, obwohl der Darstellung ein Überblick über die Vorgeschichte des Jahres 395 vorangestellt werden soll, so ist dies letztlich vor allem dem roten Faden geschuldet, der sich durch die Darstellung ziehen soll.

Dieses Leitthema, das den Stoff ordnen und eine Interpretation der oft chaotisch anmutenden Ereignisse ermöglichen soll, ist das letztlich vergebliche Ringen der weströmischen Reichszentrale um Handlungsspielräume und um die Kontrolle des Imperiums. Es ist eine Geschichte davon, wie dem Zentrum im Zuge von endlosen internen Machtkämpfen und Bürgerkriegen⁹ die Herrschaft über die Peripherie entglitt, und wie schließlich andere Mächte an seine Stelle traten. Auch die Geschichte der »barbarischen« gentes bzw. Verbände wird in diesen Kontext eingeordnet werden. Denn dass äußerer Druck auf das Reich eine erhebliche, wenngleich erstaunlich schwer bestimmbare und wohl oft überschätzte Rolle spielte, soll nicht bestritten werden. Leider wird es sich nicht vermeiden lassen, dabei recht viele handelnde Personen einzuführen, denn die Zahl derer, die prominent an den Ereignissen beteiligt waren, ist groß.

Jeder Historiker erzählt seine Geschichte bis zu einem gewissen Grad notwendig stets vom Ende her und konstruiert Kausalitäten. Was folgt, ist dennoch keine Dekadenzerzählung, keine Geschichte vom unausweichlichen Niedergang des Römischen Reiches. Vielmehr sollten zwei Fragen im Hintergrund stets mitgedacht werden: Welche Mechanismen und Strukturen lassen sich als die Entwicklung mitprägende Faktoren benennen, die ihrerseits überhaupt erst die Voraussetzung dafür bildeten, dass zufällige Ereignisse weitreichende Folgen haben konnten? Und ab welchem Zeitpunkt war der Machtverlust der kaiserlichen Zentrale des Westens wirklich irreversibel geworden?

Die Annahme, dass dieser langwierige Prozess im 4. Jahrhundert einsetzte – wobei entscheidende Voraussetzungen bereits zuvor geschaffen worden waren – und erst um die Mitte des 6. Jahrhunderts endgültig unumkehrbar geworden war, bestimmt den Rahmen der folgenden Darstellung.

1     Verwiesen sei hier nur auf die grundlegende Arbeit Brown 2003 sowie zuletzt Brown 2012.

2     Vgl. Rutenburg/Eckstein 2007; Ando 2009.

3     Die Bewohner auch des griechischen Ostens nannten sich selbst stets »Römer« (Ῥωμαῖοι). Als »Hellenen« (Ἕλληνες) bezeichnete man in der Spätantike die Anhänger der alten, nichtchristlichen Religion. »Byzantiner« und im Grunde auch »Rhomäer« sind moderne Begriffe.

4     Marc. Com. ad ann. 476.

5     Verg. Aen. 1,278 f.

6     Vgl. Geary 2002; von Rummel 2013; Moorhead 2013: 14–27. Vgl. zum antiken Barbarenbegriff Brather 2004: 117–138; Gillett 2009.

7     Malch. Frg. 14 (Blockley).

8     Vgl. Börm 2008a: 48–52.

9     Es ist der Forschung bislang nicht gelungen, sich auf eine Definition von »Bürgerkrieg« zu verständigen; vgl. Kalyvas 2007.

2          Die Quellen

Überblickt man die Quellenlage zur weströmischen Geschichte, so macht sich rasch Ernüchterung breit.¹⁰ Gerade für das 5. Jahrhundert, in dem sich entscheidende Entwicklungen im Imperium vollzogen haben müssen, ist die literarische Überlieferung mehr als lückenhaft. Dieser Umstand erschwert insbesondere die Rekonstruktion der politischen Geschichte erheblich. Zwar verfassten damals Autoren wie Sulpicius Alexander oder Renatus Profuturus Frigeridus lateinische Geschichtswerke in der Tradition der Klassiker dieses Genres, doch während das bedeutende, gegen 400 verfasste Werk des Ammianus Marcellinus aufgrund glücklicher Zufälle immerhin zur Hälfte erhalten geblieben ist, sind die Werke der westlichen Historiographen des 5. Jahrhunderts fast spurlos verloren gegangen. Spätere Generationen interessierten sich offenbar nicht mehr für sie. Allerdings scheinen sie Gregor von Tours noch vorgelegen zu haben, der im späten 6. Jahrhundert seine Historien verfasste, die teils höchst wertvolle Informationen liefern, und der aus diesen Werken zitiert.¹¹

Erhalten geblieben sind immerhin die Historiae adversum paganos, die »Geschichten wider die Heiden« des Orosius, die von der Intention bestimmt sind, die naheliegende Vermutung, seit der Abkehr von den alten Kulten sei es mit dem Römischen Reich abwärts gegangen, zu entkräften: Zum einen sei Rom bereits vor der Hinwendung zum Christentum vielfach von Katastrophen heimgesucht worden, zum anderen seien die unerfreulichen Ereignisse, die das Imperium nach der Konstantinischen Wende 312 ereilt hätten, in Wahrheit halb so schlimm gewesen. Ungeachtet dieser durchsichtigen Wirkabsicht, die bei der Übernahme seiner Angaben zur steten Vorsicht mahnt, enthält das Werk des Orosius wichtige Informationen.¹² Nur reicht es leider lediglich bis zum Jahr 417.

Vor allem zwei Quellengruppen sind es, die diese Lücke – in unvollkommener Weise – schließen helfen. Zunächst sind dies lateinische Chroniken, die zumeist von Klerikern verfasst wurden.¹³ Diese bemühten sich im Unterschied zu den Geschichtsschreibern in der Regel nicht um eine kunstvolle Gestaltung des Stoffes oder um eine Erkundung der Hintergründe und kausalen Zusammenhänge, sondern listeten Einzelereignisse mit der zugehörigen Jahreszahl auf. Diese Datierung ist allerdings häufig ungenau oder unzuverlässig. Erst in jüngerer Zeit hat die Forschung stärker betont, dass die Autoren ihr Material oft dennoch durchaus bewusst auswählten und anordneten. Unter den zeitgenössischen Chronisten des römischen Westens ragen im 5. Jahrhundert vor allem Prosper Tiro, ein Mitarbeiter des Bischofs von Rom, und Hydatius von Aquae Flaviae (Chaves), selbst Bischof einer entlegenen civitas im Nordwesten der Iberischen Halbinsel, hervor. Ihre Angaben und Wertungen weichen teils erheblich voneinander ab.¹⁴ Hinzu kommen zwei anonyme gallische Chroniken sowie der bereits erwähnte oströmische Hofbeamte Marcellinus Comes, der um 520 ein Werk verfasste, das Ereignisse ab 379 aufzählte und später bis 548 fortgesetzt wurde.

Überhaupt ist es die Überlieferung aus dem Osten des Imperium Romanum, die für die Rekonstruktion der weströmischen Geschichte eine oftmals zentrale Rolle spielt. An erster Stelle sind hier die Werke der griechischen Profanhistoriker zu nennen. Sie stellen die zweite wichtige Quellengruppe zur politischen Geschichte Westroms dar. Die Verfasser dieser Werke waren oftmals ehemalige kaiserliche Amtsträger, die sich nach dem Ende ihrer Laufbahn von der Abfassung zeitgeschichtlicher Darstellungen in der Tradition der großen Vorbilder – namentlich Thukydides und Polybios – offensichtlich einen Zugewinn an Sozialprestige versprachen. Ihre Texte waren der formalen Nachahmung der Klassiker so sehr verpflichtet, dass sie oft sogar jede Anspielung auf das Christentum vermieden, ohne dass ihre Verfasser deshalb notwendig Nichtchristen gewesen sein müssen. Die Werke von Geschichtsschreibern wie Eunapius, Olympiodor, Priscus, Malchus, Eustathius und Candidus erreichen vielfach ein hohes Niveau;¹⁵ leider sind sie nur in Fragmenten, also Zusammenfassungen und Zitaten bei späteren Autoren, erhalten.¹⁶ Nicht immer ist ersichtlich, ob diese den Inhalt ihrer Vorlagen richtig verstanden und korrekt wiedergegeben haben. All diesen Geschichtsschreibern scheint aber eine gewisse kritische Distanz zum Kaisertum (oder zumindest eine entsprechende Pose) gemein gewesen zu sein. Zu bedenken ist zudem, dass sie, auch wenn sie oft dem römischen Imperium gedient hatten, den lateinischen Westen letztlich mit griechischen Augen betrachteten.

Die beiden für Westrom wichtigsten unter diesen Autoren sind zweifellos Olympiodor von Theben und Priscus von Panion. Ersterer verfasste sein Werk irgendwann zwischen 425, dem Jahr, mit dem sein Bericht geendet zu haben scheint, und 450, dem Jahr, in dem der Ostkaiser Theodosius II. starb. Olympiodor stammte aus Ägypten und scheint in kaiserlichen Diensten als Gesandter tätig gewesen zu sein. Obwohl sich unter den Fragmenten seiner Historien auch Berichte über Reisen nach Thrakien und Afrika finden, beschäftigten sich die meisten erhaltenen Abschnitte mit dem Westen des Imperiums. Olympiodor beherrschte offenkundig Latein und scheint zumindest Italien auch selbst bereist zu haben.¹⁷

Der wohl begabteste griechische Geschichtsschreiber des 5. Jahrhunderts war Priscus, der um 475 ein umfangreiches Werk verfasste, das sich nach Ausweis der Fragmente vornehmlich mit den Kontakten zwischen den »Hunnen« und den beiden Hälften des Imperium Romanum beschäftigt zu haben scheint. Fortgesetzt wurde das Werk mutmaßlich von Malchus von Philadelphia, der insbesondere über die Beziehungen zwischen dem Ostkaiser und den Goten berichtet. Zusätzliche Nachrichten zur Geschichte Westroms lassen sich daneben auch den drei griechischen Kirchenhistorikern Sozomenos, Sokrates und Theodoret entnehmen, deren Werke vollständig überliefert sind.¹⁸

Die Reihe der klassizistischen griechischen Profanhistoriker setzte sich auch im 6. Jahrhundert fort. Anders als im Fall seiner Vorgänger blieb dabei die zu Beginn des Jahrhunderts verfasste »Neue Geschichte« des Zosimus zum großen Teil erhalten; sie schildert die Ereignisse bis 410 aus dezidiert nichtchristlicher Perspektive und enthält neben wichtigen Informationen auch zahlreiche Irrtümer und Verzerrungen.¹⁹ Zur Gänze erhalten ist sodann das Werk des wohl bedeutendsten griechischen Geschichtsschreibers der Spätantike, Prokop von Caesarea.²⁰ Seine um 550 entstandenen Historien schildern in acht Büchern die Kriege Kaiser Justinians in Ost und West und enthalten auch einige – oft anekdotisch gehaltene – Nachrichten über die Geschichte des 5. Jahrhunderts. Etwa um dieselbe Zeit verfasste Jordanes in Konstantinopel seine lateinische »Gotengeschichte«, die Getica; wohl etwas früher entstand in Italien der als Anonymus Valesianus II bekannte kurze Text über die Zeit Odoakers und Theoderichs. Fortgesetzt wurden Prokops Historien von Agathias (um 580); an diesen schloss um 600 wiederum wahrscheinlich Menander Protektor an. Zu einem unklaren Zeitpunkt im 6. oder frühen 7. Jahrhundert entstand zudem das Werk des Johannes von Antiochia,²¹ und als letzter antiker Geschichtsschreiber gilt schließlich gemeinhin Theophylakt, der um 630 ein Werk über die Herrschaft des Kaisers Mauricius (582–602) verfasste.

Neben die lückenhafte und vielfach unzuverlässige historiographische Überlieferung treten literarische Zeugnisse mit explizit christlicher Wirkabsicht. Zu nennen sind hier Autoren wie der römische Bischof Leo »der Große«, Augustinus von Hippo oder Hieronymus. Wichtig sind zudem auch lateinische Heiligenviten, die nicht selten relevante historische Informationen enthalten. Ergänzt werden diese Quellen durch ebenfalls dezidiert christlich geprägte Werke ganz unterschiedlichen Charakters aus der Feder von Männern wie Paulinus von Pella, Salvian von Marseille, Victor von Vita oder Orientius.²² Etwas aus dieser Reihe fällt der gallorömische Senator Sidonius Apollinaris, der höchste Ämter im weströmischen Staat bekleidete, bevor er sein Leben als Bischof von Clermont-Ferrand beschloss. Insbesondere seine in stilbewusstem Latein verfassten Briefe, aber auch seine carmina bieten Informationen von teils unschätzbarem Wert.²³ Zwei Generationen älter war Paulinus von Nola, der ebenfalls ein Bischof mit senatorischem Hintergrund war.²⁴

Eine wichtige Quelle für die spätantike Herrscherideologie ist überdies die Panegyrik. Hier sind vor allem Claudian, der am Hof des Honorius wirkte, Ennodius, der den Ostgoten Theoderich pries, sowie Priscian, Prokop von Gaza und Coripp zu nennen, deren Lobreden allerdings oströmischen Kaisern gelten. All diesen Texten ist gemein, dass sie kein historisches Narrativ bieten, sondern überwiegend ergänzende Informationen, die allerdings vielfach Rückschlüsse auf die Zeitumstände erlauben.

Eine bedeutende Quellengruppe zur spätrömischen Geschichte sind zudem die kaiserlichen Gesetze; eine Auswahl von ihnen hat sich in Novellensammlungen sowie insbesondere im Codex Theodosianus von 438 und im Codex Iustinianus von 534 erhalten. Neben dem Umstand, dass nur ein Teil der kaiserlichen Erlasse überliefert ist, erschwert auch die Neigung der Kompilatoren, die Gesetzestexte ohne den ursprünglichen Kontext aufzunehmen, die historische Auswertung. Unklar ist zum Beispiel oft, von wem die entsprechenden Initiativen (suggestiones) ausgingen.²⁵ Erwähnung verdienen an dieser Stelle schließlich auch noch die Notitia Dignitatum, eine Art »Staatshandbuch«, das für den Westen zuletzt um 420 aktualisiert wurde, sowie die Variae Cassiodors, der den ostgotischen reges in Italien diente.²⁶

Inschriften gehören zu den wichtigsten Quellen der Alten Geschichte. Doch ausgerechnet im späten 4. Jahrhundert nehmen Zahl und Qualität der weltliche Dinge betreffenden lateinischen Inschriften schlagartig ab; aus letztlich unklaren Gründen, denn im Osten wurde die antike epigraphische Tradition bis in justinianische Zeit fortgeführt. Grundsätzlich gilt dabei, dass die erhaltenen Inschriften stets nur einen zufälligen Ausschnitt darstellen. Obwohl ihre Bedeutung für die weströmische Geschichte des 5. und 6. Jahrhunderts vergleichsweise gering ist, gibt es nicht zuletzt aus Italien und Africa einige durchaus wichtige epigraphische Quellen.²⁷

Auch der numismatische Befund ist für das 5. und 6. Jahrhundert weniger aussagekräftig als für die vorangegangene Zeit. Die Qualität der römischen Münzen verringerte sich alles in allem stark, ihr Bildprogramm nahm jetzt anders als zuvor kaum noch Bezug auf konkrete Ereignisse. Dennoch lassen sich ihnen einige interessante Informationen entnehmen, gerade was die Reichweite der Zentralgewalt betrifft: Wer das Bild eines Kaisers auf seine Münzen, vor allem auf die Goldmünzen (solidi), setzte, der ordnete sich zumindest äußerlich seiner Autorität unter. Überdies sind Hortfunde interessant, da sie oftmals ungefähr datierbare Hinweise auf unruhige Zeiten zulassen, in denen Menschen es für geraten hielten, ihr Vermögen zu verstecken. Und mitunter lassen Schatzfunde, etwa als Grabbeigaben, sogar Rückschlüsse auf politische Beziehungen zu – wenn sich etwa im Grab eines Militärführers in Gallien auffallend viele frischgeprägte oströmische Goldmünzen finden, kann das ein Hinweis auf Subsidienzahlungen durch den Kaiser sein, und mithin auf ein entsprechendes Abkommen (foedus).

Die Schatzfunde schließlich bilden eine gute Überleitung zur letzten wichtigen Quellengruppe: Nicht zuletzt aufgrund der zahlreichen Probleme, die mit der schriftlichen Überlieferung zu Westrom verbunden sind, ist in den letzten Jahren die Bedeutung der Archäologie für die Erforschung der Spätantike außerordentlich stark gestiegen.²⁸ Gerade für die Wirtschaftsgeschichte, aber auch für viele andere Bereiche hat sie wichtige Erkenntnisgewinne ermöglicht und das Bild, das die schriftlichen Quellen vermitteln, in wesentlichen Punkten ergänzt, korrigiert oder zumindest in Frage gestellt.²⁹ Dabei ist allerdings stets zu bedenken, dass nicht nur Texte, sondern auch materielle Hinterlassenschaften nicht etwa für sich selbst sprechen, sondern zwingend der Interpretation bedürfen. Gerade in Hinblick auf das, was man traditionell als die »Völkerwanderung« oder die »barbarischen Invasionen« bezeichnet,³⁰ herrscht vielfach durchaus Uneinigkeit darüber, welcher Zugang methodisch zulässig ist.³¹ Insgesamt gilt, dass es bislang nur unvollkommen gelungen ist, das Bild, das die literarischen Quellen vermitteln, mit dem archäologischen Befund in Einklang zu bringen. Es ist aber zu hoffen, dass die Forschung der nächsten Jahre hier wesentliche Fortschritte erzielen wird.³²

10  Gute allgemeine Überblicke zu den Quellen zur Spätantike bieten Demandt 2007: 1–43 und Mitchell 2015: 15–50. Vgl. zur Geschichtsschreibung auch Whitby 2011.

11  Vgl. Becher 2011: 14–21.

12  Vgl. zu Orosius Rohrbacher 2002: 135–149 (mit weiterer Literatur); Cobet 2009; van Nuffelen 2012 (grundlegend).

13  Vgl. Burgess/Kulikowski 2013.

14  Vgl. Muhlberger 1990; Börm 2014.

15  Einen informativen, aber eigenwilligen Überblick zu diesen Geschichtsschreibern bietet Treadgold 2007: 79–107. Vgl. daneben Rohrbacher 2002: 64–92.

16  Nicht in allen Punkten unumstritten, aber nach wie vor grundlegend ist die Sammlung, Edition und englische Übersetzung dieser Autoren durch Roger Blockley: The Fragmentary Classicising Historians of the Later Roman Empire, Leeds 1981/83.

17  Vgl. Matthews 1970.

18  Vgl. Leppin 2003b.

19  Vgl. Paschoud 2006 (grundlegend).

20  Vgl. Cameron 1985. Eine lesenswerte, aber teils sehr problematische Analyse bietet Kaldellis 2004.

21  Eine Entstehung im 6. Jahrhundert gilt heute als wahrscheinlicher; vgl. Mariev 2006. Abgeschlossen ist die Diskussion jedoch nicht.

22  Vgl. Fuhrmann 1998: 282–291.

23  Vgl. zu Sidonius Harries 1994.

24  Vgl. Frend 1969.

25  Einen guten Überblick über die (umfangreiche) neuere Forschung zum Codex Theodosianus verschafft Aubert 2009; erhellend ist auch Matthews 2000. Zum Codex Iustinianus vgl. Leppin 2006.

26  Vgl. Brennan 1998; Kakridi 2005.

27  Vgl. Trout 2009.

28  Vgl. speziell für den römischen Westen Cleary 2013.

29  Vgl. Swift 2000; Christie 2011.

30  Vgl. Kulikowski 2013.

31  Sehr gegensätzliche Positionen vertreten Brather 2000 und Bierbrauer 2004.

32  Vgl. Brather 2004; Brandt 2009; Wickham 2009: 232–251.

3          Voraussetzungen: Der römische Westen bis 395

In der Mitte des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts hatte das Imperium Romanum im Westen unter Kaiser Antoninus Pius (138–161) seine größte territoriale Ausdehnung erreicht. Ungeachtet mancher struktureller Schwächen waren die Provinzen in Gallien, Hispanien und Britannien, weitgehend ungestört durch kriegerische Ereignisse, damals so wohlhabend wie nie zuvor. Latein hatte sich hier, anders als im griechisch geprägten Osten des Reiches, längst als die unbestrittene lingua franca durchgesetzt, auch wenn andere, zumal keltische, Sprachen vielerorts fortbestanden. Kaiser Caracalla verlieh 212 der großen Mehrheit der freien Reichsbevölkerung das römische Bürgerrecht. Zahlreiche Elemente mediterraner Lebensweise hatten weite Verbreitung gefunden. Man trank Wein, setzte Inschriften, errichtete Basiliken, Foren, Bäder, Aquädukte und Theater.³³

Bereits unter Marcus Aurelius (161–180) wurden allerdings innen- und außenpolitische Probleme sichtbar, die sich in der Zeit der severischen Kaiser (193–235) spürbar verschärften.³⁴ An den Reichsgrenzen an Rhein und Donau baute sich angesichts sich neu formierender »germanischer Großstämme« erheblicher Druck auf, dem Rom zunächst nur eingeschränkt gewachsen war, während es zugleich seit 226 im Orient in Gestalt der persischen Sasaniden mit einem neuen, gefährlichen Gegner konfrontiert war.³⁵ Dabei scheinen die außenpolitischen Probleme zumindest teilweise eine Folge der gewachsenen innenpolitischen Instabilität gewesen zu sein: Seit Septimius Severus (193–211), der die Macht in einem blutigen Bürgerkrieg erlangt und sich dabei offensichtlicher als seine Vorgänger von seinen Legionen abhängig

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