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Sternenscherben

Sternenscherben

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Sternenscherben

Länge:
346 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Oct 12, 2017
ISBN:
9783959911559
Format:
Buch

Beschreibung

Mein Name ist Nora Stars und ich gehöre zur Elite des perfekten Systems. Unter meiner Haut sitzt ein Chip, der verhindert, dass ich eine der letzten Städte der Erde verlasse, denn außerhalb leben die Outsider. Wertlose Menschen, die ohne den Schutz der Stadt wahnsinnig wurden.
Ausgebildet zur Kämpferin, werde ich alles für das System tun. Aber ich bin anders, denn mein Haar ist nicht blond wie das der meisten Privilegierten, es ist pechschwarz. Und obwohl alle meine Erinnerungen vor meinem 18. Lebensjahr gelöscht wurden, erscheinen in meinen Träumen Bilder aus einem längst vergangenen Leben – einem Leben außerhalb der Stadt.
"Bist du ein Wertloser, Darian?", versuche ich ein letztes Mal, eine Antwort aus ihm herauszubekommen.
"Das entscheidet nicht das System, das entscheidest ganz alleine du, ob ich dir etwas wert bin."
Herausgeber:
Freigegeben:
Oct 12, 2017
ISBN:
9783959911559
Format:
Buch

Über den Autor


Buchvorschau

Sternenscherben - Teresa Kuba

sein.

1

Nora

Schwer atmend klammere ich mich am Waschbecken fest.

Da war wieder diese Frau. Immer wieder diese Frau.

Als wollte ich die Bilder des Traums verscheuchen, schüttle ich meine langen schwarzen Haare und hebe den Kopf.

Dort, wo normalerweise ein Spiegel hängen sollte, sehe ich nur perfekte weiße Fliesen.

Ein Jahr.

Ein ganzes Jahr, ohne dass irgendjemand hier sein eigenes Gesicht gesehen hat, denn das würde uns von der Mission ablenken. Davon, dass wir alles daransetzen, den Feind zu bekämpfen, der uns bedroht.

Mein ganzes Leben widme ich dem System. Ich kann mich glücklich schätzen, zu den Privilegierten des Staates zu gehören, denn ich leiste einen wertvollen Beitrag für die Gesellschaft, die mich mit allem versorgt, was ich zum Leben brauche. Ein perfektes, friedliches System, in dem ich nicht einmal Entscheidungen treffen muss. Welch ein Segen!

Ich sollte nicht mehr träumen können. Das ist unmöglich. Vielleicht stimmt etwas mit meinem Gehirnscan nicht.

Meine Gedanken werden unterbrochen, als ich ein Knarren aus dem Schlafraum höre, aber Milay und Ruby liegen schlummernd in ihren Betten.

Als würde ich doch noch auf mein Spiegelbild warten, starre ich verbissen das perfekte Weiß vor mir an. Braun. Meine Augen waren dunkelbraun. Sind braun. Meine Nase ist spitz und ein bisschen zu lang. Meine Lippen …? Ich fahre mit der Zunge über meine Unterlippe. Ich weiß es nicht mehr. Ruby sagt mir manchmal, dass ich schön sei. Doch was ist Schönheit? Eine spezielle Anordnung von Mund, Nase und Augen, geometrischen Regeln folgend, die allgemein als ansprechend wahrgenommen werden. Schönheit ist nur eine Illusion, genauso wie Liebe.

Ich blicke zur Decke und stelle mir die vielen Schichten über mir vor. Ein Jahr fast ohne Tageslicht, weit unter der Erde. Ein Jahr lebe ich jetzt ohne Erinnerungen. Denn alles, was vor meinem achtzehnten Geburtstag passiert ist, wurde aus meinem Kopf gelöscht.

»Was ist denn da oben?«, fragt Ruby, die auf einmal in der Tür steht.

Ich zucke zusammen. Ruby und ich sind wie alle dieser Generation auf den Tag genau gleich alt, aber da sie so klein ist und mit ihren großen blauen Augen und ihren roten Wuschellocken einer Puppe ähnelt, hält man sie ständig für jünger.

»Du hast ein unfassbares Talent, dich anzuschleichen und aus dem Nichts aufzutauchen«, wispere ich.

»Warum schläfst du nicht?«, fragt sie und mustert mich mit schräg gelegtem Kopf. »Angst vor morgen?«

»Wieso sollte ich?«

Sie kneift die Augen ein Stück zusammen. »Hattest du einen Traum?«, flüstert sie und kommt ein Stück näher.

Ich klappe den Mund auf, um ihr etwas zu entgegnen, doch sie fährt fort: »Ich hätte so gern mal einen Traum.« Sie lässt sich seufzend auf den geschlossenen Toilettendeckel fallen. Ich schließe die Tür und spritze mir kaltes Wasser ins Gesicht, während sie weiterredet. »Wusstest du, dass früher jeder Mensch geträumt hat? Jeder, Nora!«, überlegt sie und steckt sich eine Haarsträhne in den Mund, die nach kurzer Zeit wieder zurückspringt.

»Unsere Erinnerungen wurden bei unserer Ankunft im zweiten Ring gelöscht, um Rivalitäten auszumerzen. Nach dem Hirnscan ist es unmöglich, zu träumen. Das weißt du doch! Also warum solltest du dir darüber Gedanken machen?«

Sie nickt und starrt nachdenklich ins Leere. Hoffentlich ist das Thema damit gegessen.

Wie eine Fünfjährige lässt sie ihre Beine vor und zurück baumeln. »Wenn du aber mal träumst, dann sagst du es mir, ja?«, flüstert sie auf einmal wieder.

Ich sehe diese Frau vor mir, wie sie flehend ihre Hand nach mir ausstreckt. Sie ist zu schwach, zu krank, weshalb sich ihre rauen Lippen nur lautlos bewegen, als sie versucht, meinen Namen zu sagen. Ihre Augen sind blutunterlaufen und leer.

Ich schlucke. Ich sollte es melden, dass ich nachts Bilder sehe. Das sollte ich wirklich. Aber ich tue es nicht.

2

Nora

Je höher uns der Aufzug bringt, desto mehr spüre ich die vibrierende Präsenz des elektronischen Netzes, das sich weit über unseren Köpfen erstreckt. Es soll jeden Bewohner der drei ringförmigen Gebäude und der angrenzenden Arbeitssektoren vor der lebensbedrohlichen Hitze und Strahlung schützen, die uns wegen der zerstörten Erdatmosphäre umbringen würde.

Als wir ins Freie treten, bilde ich mir ein, es surren zu hören.

Kleine, kaum wahrnehmbare Lichtblitze jagen in dem wabenartigen Himmelsgeflecht über uns hin und her und erinnern mich an die Hirndarstellungen aus der Anatomiekunde. Ohne das Netz würden wir verstrahlt werden, bis sich unsere Haut ablöst und unsere Gehirnzellen mutieren. Ich bin dem System unendlich dankbar, dass es mich davor schützt, ein Monster zu werden.

Ruby zappelt aufgeregt neben mir her, während Milay gefasst wirkt. Ihre blonden Haare hat sie sich heute zu einem strengen Dutt gebunden.

Schemenhaft spiegeln wir uns im Vorbeigehen in der gläsernen Außenfront des Rings hinter uns. Ein Mädchen mit kurzen hellen Haaren steht dicht davor und versucht, sein Gesicht in der Scheibe zu erkennen. Das ist uns nie direkt verboten worden, aber wir wissen, dass es nicht gut ist, unser Gesicht zu kennen.

Obwohl das Aussehen von mir und meinen Zimmergenossen unterschiedlicher nicht sein könnte, macht uns die Farbe, die wir tragen, alle gleich.

Gleich und unbedeutend. Grau.

Weite Hosen, weite Shirts – unsere Klamotten sind zweckmäßig.

Mit fünf Jahren zieht jedes Kind ins Zentrum der Stadt und erhält im ersten Ring eine Grundausbildung. Diejenigen, die dort mit achtzehn Jahren die Abschlussprüfung bestehen, rücken einen Ring weiter, dort werden die Erinnerungen an früher gelöscht. Wer in der ersten Ringprüfung zu schlecht abschneidet, ist minderwertig und wird zum Arbeiten in einen der vier Außensektoren geschickt. Wer durchfällt, muss die Stadt verlassen.

Während wir weitergehen, ziehen die wenigen Erinnerungen an das letzte Jahr wie ein Film in meinem Geiste vorbei. Ein Jahr wurden wir im zweiten Ring ausgebildet und gehören nun zu den Glücklichen, die die zweite Prüfung bestanden haben. Ab heute sind wir keine Grauträger mehr, wie man uns nennt. Von nun an besteht unsere Kleidung aus schwarzen, enganliegenden Uniformen.

»Worauf freut ihr euch am meisten?«, fragt Ruby und strahlt über das ganze Gesicht.

»Auf ein Einzelzimmer!«, entgegnet Milay.

Ruby ignoriert ihre Aussage und schwärmt: »Ich freue mich auf die Männer! Männer in schwarzen, engen Anzügen!«

Ich verdrehe die Augen.

»Doch, ernsthaft, ich habe gehört, dass im dritten Ring Männer und Frauen zusammen unterrichtet werden, also das heißt, wir werden sie jeden Tag sehen! Jeden Tag!«

»Du tust ja gerade so, als wäre die fleischgewordene Anwesenheit von ein bisschen Testosteron lebensnotwendig«, sage ich genervt.

Ruby pikt mich in die Seite. »Du hast auch Gefühle. Ich weiß es genau! Irgendwo da drin.«

»Ich nehme täglich Medikamente dagegen«, versuche ich, todernst zu sagen, kann mein Lächeln aber kaum unterdrücken, während sie mich weiter pikt und kitzelt. »Hör auf!«, kreische ich viel zu laut auf, verwundert, wie stark und hartnäckig sie sein kann. Ich schubse sie von mir, so fest ich kann, woraufhin sie zu Boden fällt.

Plötzlich erstarren wir wegen der drei Gestalten, die aus dem Nichts auftauchen und sich wie eine unwirkliche Erscheinung vor die Sonne schieben.

Milay grüßt mit einer stillen, angedeuteten Verneigung, die nur dem obersten Herrscher, dem Gebieter der Stadt, gebührt.

Der Gebieter. Er ist es. Er steht vor uns und wir dürfen ihn tatsächlich sehen!

Im Gegenlicht wirken unser Staatsoberhaupt und seine zwei Wächter wie mächtige Schatten. Angestrengt versuche ich, sein Gesicht zu erkennen, das mir durch unzählige Bilder vertrauter als mein eigenes ist.

Mein Herz pocht wie verrückt. Dieser Mann gehört zu den Mächtigsten des Landes!

»Ihr seid also die Hoffnung für die Menschheit«, hören wir seine erhabene Stimme. Seine rot-schwarze Uniform verleiht ihm ein erhabenes Aussehen, da sie im Vergleich zu unserer Kleidung perfekt sitzt und aus hochwertigem Material gefertigt ist. Auf seiner linken Brust prangt das Abzeichen des Systems, eine Pyramide mit drei Seitenflächen. Was das bedeutet, haben wir noch nicht gelernt, wahrscheinlich soll es die perfekte Einheit des Systems darstellen. Ich kann meinen Blick nicht von der Spitze der Pyramide abwenden. Da will ich hin, an die Spitze.

Unser Herrscher strahlt eine so mächtige Präsenz aus, dass mein Herz bis zum Hals schlägt und ich fühle, wie meine Wangen rot werden. Eine Wolke schiebt sich vor die Sonne und ich kann endlich das kantige Gesicht erkennen. Kalte Raubtieraugen mustern uns kritisch. »Enttäuscht mich nicht.«

Wie von derselben Macht gesteuert, setzen sich die drei gleichzeitig in Bewegung. Der Gebieter bedenkt mich mit einem letzten Blick. Eiswasser sickert durch meine Eingeweide, als er seine Augen zusammenkneift. Wie eine Warnung. Als wolle er sagen: Ich beobachte dich.

Dicht gedrängt stehen wir später auf dem östlichen Versammlungsplatz zwischen dem zweiten und dritten Ring und lauschen ehrfürchtig den Worten unseres Gebieters. Er sieht niemanden speziell an, während er seine Rede zu uns herabschallen lässt, als spreche er zu einer Masse. Zu einem grauen Meer, das in seiner Gewalt ist und nur durch einen Fingerzeig Wellen wirft.

»Bewohner des zweiten Rings! Erstlinge, die ihr nun keine Erstlinge mehr seid!« Seine Stimme ist so laut, dass ein Mikrofon nicht notwendig ist. »Ihr, die ihr die zweite Prüfung bestanden habt, die nicht eure letzte sein wird. Großes steht euch bevor, ruhmreiche Zeiten, ein erfülltes Leben. Ihr seid die Zukunft, die Hoffnung für die Menschheit, für den Planeten! Dient ihr dem System, dient ihr der Menschheit und somit euch selbst! Eure Erinnerungen habt ihr aufgegeben, euer Leben habt ihr in unseren Dienst gestellt, seht zu, dass euer Herz für das neue System schlägt. Das perfekte System des Friedens und der Zukunft. Lasst euch durch nichts ablenken. Seid tapfer, und vor allem seid mutig! Von nun an seid ihr nicht mehr ihr selbst, gebt euch selbst auf!«

Ich wage einen Seitenblick zu meinen Zimmergenossinnen. Milay nickt ehrfürchtig und Ruby murmelt die Worte des Gebieters nach.

»Ihr seid jetzt Privilegierte!«

Wie aufs Stichwort erscheint hinter dem Gebieter ein Video auf der riesigen Leinwand. Es zeigt eine grauenvolle Aneinanderreihung verstörender Bilder. Verbrannte Erde, dürre, ausgezehrte Menschen mit aufgeplatzter Haut, Kriege, weinende und verdreckte Kinder. Die Bilder werden immer schneller, wie eine Flut des Grauens, die über uns hereinschwappt, untermalt von dramatischer Musik, die einem schockierenden Höhepunkt entgegenstrebt. Mit einem großen Knall verdunkelt sich die Leinwand, die Musik bleibt aus und hüllt uns in entsetztes Schweigen. Ich höre einige nach Luft schnappen.

Dann erscheint zusammen mit der Hymne des perfekten Systems des Friedens und der Zukunft unsere Stadt von oben. Sie ist computeranimiert, denn es gibt keine Flugzeuge mehr, die eine solche Aufnahme ermöglicht hätten. Die Strahlung ist im Jahre 2356 so hoch, dass sie sofort alle technischen Geräte lahmlegen würde.

Wir sehen drei vollkommene weiße, ringförmige Gebäude, die jeweils in eine Ost- und eine Westhälfte getrennt sind und ein rundes Kerngebäude umschließen.

Dazwischen ist alles grün. Die Stadt wirkt wie eine Oase, wie ein funkelndes Juwel unter Kieselsteinen.

»Ihr seid die Privilegierten!«, verkündet der Gebieter erneut. »Ihr habt das Vorrecht, im Zentrum einer der wenigen vom Netz geschützten Städte wohnen zu dürfen!«

Die Menge applaudiert und ich stimme lächelnd mit ein. Ich kann mich glücklich schätzen. Ich gehöre zu den Privilegierten, den Auserwählten. Ich muss nicht hungern oder ein Leben unter der Erde fristen. Vor mir liegt eine sichere, ehrenwerte Zukunft.

»All jene da draußen verdienen unsere Verachtung!«, ruft der Gebieter fast befehlend. »Denn sie stellten sich gegen das System, wollten dem einzigen System, das Frieden bringen soll, nicht dienen oder waren schlicht nicht geeignet dafür, weil es ihnen an Intelligenz, Fleiß und Treue mangelte. Wertlose außerhalb der Netze sind krank, hungrig und haben keinen Frieden. Werdet niemals wie diese Outsider! Wir dienen dem System!«

Die Menge jubelt und klatscht.

Der Rest der Ansprache zieht an mir vorbei, denn die Gedanken an die kranke Frau lassen mich einfach nicht los. Trockene, endlose Weiten ohne einen einzigen Grashalm, und sie ist zu schwach, auch nur noch einen Fuß zu heben. Kein Wunder, dass ich von Outsidern träume, wenn uns deren schreckliches Dasein so bildlich vor Augen geführt wird.

»… jeden zu melden, der das perfekte System gefährdet. Sei es durch das Verhalten oder auch nur durch falsche Denkmuster.«

Ich zucke bei den Worten zusammen, die nun wieder zu mir durchdringen.

»Achtet auf eure Mitmenschen, verteidigt sie nicht, verteidigt das System. Ein Einzelner ist nicht wichtig. Wichtig ist das Wohl der gesamten Menschheit. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass es immer wieder Wölfe im Schafspelz geben wird. Deshalb müsst ihr regelmäßig befragt und kontrolliert werden.« Er macht eine Pause und sein schwerer Umhang bewegt sich träge im Wind. Sein graues Haar, das noch einen Rest Blond vermuten lässt, trägt er straff zurückgekämmt.

Kontrolliert? Mein Herz pocht wie verrückt.

»Einige haben ein rebellisches Gehirn, das sich gegen den Scan wehrt. Solche Menschen zählen nicht zu den Privilegierten und müssen ausgemerzt werden, da sie zu aufrührerischem, aggressivem Verhalten neigen. Sie sind nicht stark genug, um an der Mission teilzunehmen. Wir müssen nicht um solche trauern!«

Ruby wirft mir einen kurzen Blick zu. Ich habe sie vorhin geschubst. Ich habe sie zu Boden gestoßen. Aggressives Verhalten.

»Aber ich kann euch versichern, dass die Technik in den letzten Jahren erstaunliche Forschritte gemacht hat und solche Vorfälle nicht mehr zu erwarten sind. Seid unbesorgt, meine Schützlinge«, sagt der Gebieter süffisant lächelnd und ich bilde mir ein, dass seine Augen kurz bei mir verweilen.

3

Nora

Man könnte meinen, der Umzug von zweihundert Jugendlichen würde das Stadtzentrum ins Chaos stürzen, aber da wir keinen Besitz haben, finden wir uns relativ schnell im dritten Ring ein.

Ich bin froh, dass ich außer ein paar Hygieneartikeln und dem Buch des perfekten Systems des Friedens und der Zukunft nichts mein Eigen nenne. An Besitztümern hängt das Herz und sie sind der Auslöser von Neid, Missgunst und am schlimmsten: Ablenkung. Alle Bewohner der Ringe müssen sich auf die Mission konzentrieren, bereit sein, sich gegen den Feind zu stellen und ihr Äußerstes für den Frieden zu tun.

Ein letztes Zögern, ein letzter Blick auf die 384 Fliesen unserer kleinen Waschzelle und ich nehme meinen Kulturbeutel und verlasse die zweckmäßigen Räumlichkeiten, in denen ich ein Jahr lang gewohnt habe.

Auf dem Weg zur Oberfläche denke ich darüber nach, wie es früher war. Menschen besaßen allerhand Dinge, die nicht einmal zu etwas nütze waren, die keinen größeren Sinn erfüllten oder jemandem dienten, wie zum Beispiel Bücher mit Bildern, die nur zu Unterhaltungszwecken in ihren Regalen standen. Welchen hohen Wissensstand diese Menschen doch erreicht hätten, hätten sie sich stattdessen mit wichtigen Dingen beschäftigt.

»Woran denkst du?«, fragt mich Ruby, die auf der Treppe wieder einmal aus dem Nichts auftaucht. Da der Aufzug heute restlos überfüllt und dauerbelegt ist, quälen wir uns zu Fuß die fünf Stockwerke nach oben. Auch etwas, das ich mir nicht vorstellen kann. Gebäude, die in den Himmel ragen. Da sich unsere Schutznetze nicht hoch genug aufspannen lassen, bauen wir unsere Gebäude immer weiter in die Tiefe.

»An den Chip«, sage ich.

Sie wirft ihren Beutel lässig von einer Hand in die andere, ohne hinzusehen. »Ziemlich geniale Erfindung des Systems!«

»Genau«, pflichte ich ihr bei. Um den Chip einzusetzen, schneiden sie einem das Fleisch auf, unterhalb des linken Schlüsselbeines, oberhalb des Herzens. Niemand wagt es, seine Furcht auszusprechen, aber es ist nur logisch, dass es einigen vor diesem Eingriff graut. Seinen Körper bewusst einem fremden Menschen zu überlassen, der einem Schmerzen zufügt und ein hoch entwickeltes technisches Gerät einpflanzt, das sich mit dem Körper verbinden soll, und zu Identifikations-, Kommunikations- und Informationszwecken benutzt wird – wen das nicht zumindest nervös macht, dem mangelt es an einer gesunden Portion Selbsterhaltungstrieb.

Vor den zwei Eingängen der dritten Ringhälfte, auf die wir zusteuern, haben sich Menschentrauben gebildet. Genau genommen Mädchentrauben. Die Jungs wurden bisher getrennt von den Mädchen im Westteil des Rings unterrichtet, was sich von nun an ändern soll.

Ruby stellt sich auf Zehenspitzen und hopst immer wieder in die Höhe. »Ich sehe nichts!«, jammert sie.

»Ich schon, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass es langsam vorangeht und wir warten müssen.«

»Musst du denn alles immer durchanalysieren?«, fragt sie grinsend.

Etwas weiter vorn sehe ich Milay bei ein paar anderen blonden Mädchen stehen. Ich weiß, dass die meisten Erdenbewohner blond oder rothaarig sind, wegen der Strahlung, aber als ich so viele helle Köpfe auf einem Haufen sehe, wird mir wieder einmal bewusst, wie auffällig meine nachtschwarze dicke Mähne ist.

Systemwächter patrouillieren zwischen den Ringen. Sie tragen alle Masken, aber an der Gangart und dem Körperbau sieht man deutlich, ob es Männer oder Frauen sind. Ob ich auch eines Tages ein Wächter sein werde? Oder schaffe ich es in den Kern, um Teil der Mission zu werden?

Endlich am Eingangsbereich angekommen, registriert uns eine Dame mit einem Gesichtsscanner und schickt uns dann in einen Umkleideraum.

Nicht einmal die Kleidung, die wir am Leib tragen, gehört uns.

»Milay!«, rufe ich, als ich meine Mitbewohnerin am anderen Ende des riesigen Raumes entdecke. Ich bahne mir einen Weg an den vielen anderen Mädchen vorbei, um zu ihr zu gelangen. »Du bist wohl eine der Ersten, Milay Abbeyroad.«

»Ich bin bereit«, sagt sie und lächelt kühl.

»Ich habe wohl Pech mit dem Nachnamen Stars. Bin bestimmt eine der Letzten, die drankommen.«

»Wir sehen uns spätestens morgen bei der Feier«, sagt sie und begibt sich in den angrenzenden Raum, in dem uns neue Unterkleidung, Nachthemden und unser tägliches Outfit ausgehändigt werden, das viele nur »die Rüstung« nennen. Ich weiß nicht, was das Wort bedeutet, es scheint aus einer längst vergangenen Zeit zu stammen, einer Zeit, in der es noch so etwas Schreckliches wie Kriege gab. Wie ist es nur möglich, dass sich Menschen so oft gegenseitig abgeschlachtet haben, anstatt sich zu helfen? Wie oft wurden uns brutale Aufnahmen von der Welt vor dem perfekten System des Friedens und der Zukunft gezeigt? Soldaten, die tagelang in verdreckten Schützengräben ausharrten, Panzer, die ganze Häuser zerstörten. Zum Glück sind diese Zeiten für immer vorbei.

Nachdem ich Stunden gewartet habe, sitzen außer mir noch drei Mädchen in der schlichten Unterkleidung da.

»Meinst du, dass es wehtut?«, fragt mich ein großes, dürres Mädchen neben mir, von dem ich gar keine so sanfte Stimme erwartet hätte.

Überrascht sehe ich sie an und stelle fest, dass ihre Haare, die sie zu einem Pferdeschwanz gebunden hat, dunkelbraun, fast schwarz sind.

»Schmerz ist nichts Reales. Er entsteht nur im Kopf. Es ist ein Warnsignal des Körpers, das uns dazu anspornen soll, uns von der Gefahrenquelle zu entfernen, um unseren Leib zu schützen«, erkläre ich ihr.

»Das beruhigt mich total«, murmelt sie.

»Wie heißt du?«

»Davenie.«

»Ich bin Nora.«

»Ich hab dich ein paarmal gesehen. Du warst in meiner Nachbarklasse.« Sie sieht mich nicht direkt an, während sie redet. Ihre grünen Augen fixieren meine Haare.

»Nora Stars!«, bellt eine Stimme in den Raum hinein und ich springe auf.

Meine Anprobe zieht sich ewig hin, weil ich in keine der Rüstungen passe. Das Material ist weich und anschmiegsam, trotzdem will mein Körper mit keiner der Damengrößen vorliebnehmen. Ich bin nicht dick, niemand ist das in einer Welt, in der Nahrungsmittel und Ressourcen knapp sind, trotzdem scheint es, als sei mein Körper kräftiger gebaut als der der meisten.

Eine Frau mit einem weißblonden Pagenkopf reicht mir resignierend die nächste Rüstung und ich versuche frustriert, mich hineinzuzwängen.

An den Gelenken ist der Stoff verstärkt und um die Taille herum dicker, was mich automatisch aufrechter stehen lässt.

»Das war jetzt die letzte. Diese hier muss passen!«, seufzt Pagenkopf.

Ich versuche, mich in der Kabine zu bewegen und zu strecken, ehe ich heraustrete.

»Nein!«, sagt sie fast vorwurfsvoll und zupft an diversen Körperregionen herum. Dann holt sie sich Unterstützung, was zur Folge hat, dass daraufhin zwei Frauen an diversen Körperregionen herumzupfen.

»Versuchen wir es mit dem kleinsten Modell einer männlichen Rüstung«, schlägt die zweite vor.

Abgesehen von meiner Oberweite, die immer noch etwas eingequetscht wird, war der Vorschlag allerdings gar nicht so schlecht und ich kann mich endlich der schwierigen Aufgabe stellen.

Dem Chip.

4

Nora

Es ist so still in dem Behandlungsraum, dass jedes Geräusch wie ein Knall in meinen Ohren explodiert. Die chirurgischen Instrumente, welche die Krankenschwester nacheinander auf einem Metalltablett ablegt, das ledrige Knarzen der Schlingen, während sie meine Arme auf der Liege fixiert, bis meine Finger zu kribbeln anfangen. Die hämmernden Laute ihrer Schuhe, die über den Fliesenboden donnern, näher kommen oder sich entfernen.

Ich weiß nicht, ob wir betäubt werden oder ob von uns Privilegierten erwartet wird, dass wir stark genug sind, den Schmerz zu ertragen.

Die lauten Schritte nähern sich erneut und das aufgeschwemmte Gesicht der Medizinerin schiebt sich in mein Blickfeld. Ohne Vorwarnung jagt sie mir eine Spritze tief in mein Fleisch, unterhalb meines Schlüsselbeines, als wolle sie mein Herz treffen.

Mein Nacken verkrampft sich und meine Hände ballen sich zu Fäusten, als der verheerende Schmerz sich brennend und lodernd wie ein Feuer in meinem Körper voranfrisst.

Schmerz ist nichts Reales. Er entsteht nur im Kopf.

Schmerz ist nichts Reales. Nur eine Information im Gehirn, sage ich mir.

Ich will schreien. Ich darf nicht schreien, darf keine Schwäche zeigen. Es geht nicht um mich. Ich tue das für das System.

Die Frage, ob wir betäubt werden, beantwortet sich im nächsten Moment von selbst, als eine scharfe Klinge wie in Zeitlupe jede Nervenzelle einzeln zu zerreißen scheint.

Als das kleine, flache Gerät in die Wunde gedrückt wird, breitet sich Kälte in mir aus und mir wird schwindelig. Es kommt mir so vor, als wolle eine fremde Macht von mir Besitz ergreifen.

Gebt euch selbst auf.

Es ist jetzt vernäht.

Verleugnet euch selbst.

Du kannst jetzt gehen.

Ich kann nicht mehr unterscheiden, was ich tatsächlich höre und was das Echo der

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