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Junge Väter weinen nicht

Junge Väter weinen nicht

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Junge Väter weinen nicht

Länge:
238 Seiten
3 Stunden
Freigegeben:
Oct 9, 2018
ISBN:
9783981867930
Format:
Buch

Beschreibung

Adventszeit in Berlin-Mitte. Die 27-jährige Galeristin Samira und der 26-jährige Künstler Felix erwarten ihr drittes gemeinsames Kind. Ihre zweijährigen Zwillingstöchter sind bei den Großeltern in Ferien, und Felix genießt in vollen Zügen die Gesellschaft der Khalili-Schwestern und die leckeren Abendessen in den Szenerestaurants Berlins, auf der Suche nach heißem Personal für die noch exklusiveren Läden, deren personifizierte Mythenvermehrung Nesrin, Samiras große Schwester, ist. Als Vollwaisen und Flüchtlingskinder entziehen sie sich sämtlichen Konventionen. Felix' Faszination ist symptomatisch für ihn als verspießerten Westler. Aber Heiligabend gerät zur vollendeten Katastrophe. Zwischen überschäumendem Hass und mörderischer Wut das Neugeborene und Samira, die zwischen den Stühlen sitzt. Nesrin steht der große Kinoauftritt bevor und Felix findet Gefallen an den klaren Fronten. Das Jugendamt steht plötzlich vor der Tür und Kommissarin Schiff lädt vor… Und dann verschwindet auch noch Klein-Priamos, Samiras ältester Sohn. Hat Felix sich allzu vorschnell eine Katastrophe gewünscht, die alle wieder zusammenbringt?
Freigegeben:
Oct 9, 2018
ISBN:
9783981867930
Format:
Buch

Über den Autor


Buchvorschau

Junge Väter weinen nicht - Julian Benedikt Adrat

30

1

Selbst wenn wir uns etwas fest vorgenommen haben, erscheinen uns manche Neuanfänge wie von einem anderen durchlebt. Die ersten Sätze zu seinem neuen Roman waren geschrieben und Felix konnte den Moment nicht mehr einfangen. Pit war schon um halb zwölf am Bahnhof angekommen, und aus der Airbnb-Wohnung, in der er Unterschlupf fand, sandte er Felix ein Foto einer Netzkarte mit Berliner Clubs als Stationen. Auch die Bar 10BOOTE war als eigene Station (Friedrichstraße) ausgewiesen. Derjenige, der diese Karte gemacht hatte, kannte sich aus. Felix bat Pit, gleich zu ihm zur Friedrichstraße zu kommen, aber Pit wollte bei den verabredeten 14.30 Uhr bleiben. Er hatte ein Telefonat mit dem Hamburger Chefarzt der Nephrologie zu führen. Felix’ und Pits Mail-Verkehr war ordinär bis vulgär, teilweise auch sehr originell, und machte beiden großen Spaß. Sie waren nicht umsonst allerbeste Freunde. Hier brüteten sie unter der Sonne Ihrer Freundschaft, wie an einem tropischen Sumpf, besoffen, und schlugen sich die Fliegen wie irre gegenseitig tot auf nackter Haut. Die Fliegen, das waren ihre Witze in den Mails. »Ich rufe an, er nimmt ab. Reden wie eine Frau, auflegen wie ein DJ«. Felix konnte sich gerade so beherrschen, nicht laut loszulachen im Lesesaal der Universitätsbibliothek, in der er saß. »Das merkel ich mir«, schrieb er zurück. Felix bettelte in mehreren Mails um ein verfrühtes Kommen und schrieb ihm auch eine Mail… Kaum unterschieden sich im geschützten Raum der Freundschaft exzessive politische Unkorrektheit und frisch erlernte politische Korrektheit, waren beide doch nichts anderes als ein Gleitgel der Freundschaft, eine Penetration des »denen« durch das »uns«. Felix also schrieb, dass Pit nicht glauben müsse, dass der Chefarzt ihm besser zuhören würde, nur weil er von einem »Negerloch in vermeintlicher Ruhe« aus anrufen würde. Pit hatte ihm zuvor geschrieben, dass die WG aus einem schwulen Pärchen und einer Schwarzen bestehe. »Haha«, schrieb Felix, ohne eine Antwort abzuwarten, »komm klar, geh bei Nesrin in Therapie.«

Pit kannte Nesrin vor allem aus zahlreichen Erzählungen, er hatte sie erst zwei Mal gesehen. Er hatte sie buchstäblich kennengelernt über Erzählungen. Nesrin war Samiras große Schwester, Felix’ Schwägerin, sozusagen. Es lag drei Jahre zurück, dass Felix und Samira einander kennengelernt hatten, und Pit war mit dabei gewesen. Sie erfuhren, dass Samira schon ein Kind, einen 7-jährigen Jungen, hatte. Wo der jetzt sei? (Nach dieser harten Nacht, um 12 oder 13 Uhr beim Frühstück im Neuköllner Café Ungeheuer.) Bei ihrer Schwester. Und Samira erzählte von ihrer Schwester, deren Freund gerade eine Suite im frisch eröffneten Waldorf Astoria am Ku’damm bezog. Und dort sei auch Priamos, ihr Sohn. Samira hatte ihr Frühstück kaum angeführt, sie warf einen zerknüllten, eingerissenen und ekelhaft schmutzigen 10 Euro-Schein auf den Tisch und ließ Pit und Felix völlig fassungslos zurück.

Pit hatte erst knapp zwei Wochen zuvor, vielleicht zum dritten Mal, Nesrin gesehen. Als es klingelte, waren Pit und Felix gerade dabei, das angebratene Rinderfilet in den mit feinstem Bio-Bacon (eine Verschwendung eigentlich) ausgelegten Blätterteig mithilfe der zuvor unterlegten Frischhaltefolie einzuwickeln, was ihnen irrsinnig gut gelang. Felix sagte zu Pit, er solle Nesrin vollkommen ignorieren, nicht Hallo sagen. Das war nicht böse gemeint, überhaupt nicht. Wisst ihr, es gibt Leute, die fühlen sich auf der Welt so wohl wie ein Fisch im Wasser. Kennt ihr so jemanden? Eine Person, die sich dermaßen zu Hause fühlt auf dieser Erde, dass du selbst dich immer wie ein Besucher fühlst, wenn du ihr begegnest. »Wenn du es nicht schaffst, einen Menschen mit gleicher Intensität zu begrüßen, dass lass es lieber ganz«, sagte Felix zu Pit. Das machte Eindruck auf Pit. »Bisschen Ironie, bisschen Lässigkeit, bloß keinen Augenkontakt, warte, dass die Weiber sich zurückziehen, und du kannst später mit dem ersten Bier rüber laufen.« Pit rollte und drückte das Wellington wie wahnsinnig. Nesrin nahm Treppen nur sehr langsam, und musste erst den Hof überqueren, es würde dauern, bis sie oben wäre. »Überhaupt diese verfluchte Bude«, sagte Felix. »Gefangener Raum, das ist ein eklatantes Qualitätsmerkmal, kann dir keiner die Miete erhöhen. Ein verdammter Schlauch. Das schlaucht. Weißt immer, wer wo ist. Aber deshalb ist es nie unhöflich, in einen anderen Raum zu wechseln. Weil verstecken kannst du dich nicht. Alle bewegen sich auf der gleichen Strecke. Tust du mir einen Gefallen? Frag Nesrin, ob sie Tagebuch führt. Sollte sie. Wenn nicht…«

Zum Kochen gehört Liebe. Und zur Liebe die Furchtlosigkeit. Spätestens, wenn du das Wellington in der Folie hast und komplett umwickelt, ist alle Furcht nur noch ein Zeichen für Unreife und einen Stock im Arsch. Mut jetzt! Dreh fest von den Seiten. Wichtig war nur, dass du das Fleisch vorher hast abkühlen lassen, da sonst der Blätterteig zerfließt. Ritsch, ratsch, mit der Gabel schöne Rillen rein, Ramsay Style, ist immerhin dein drittes Beef, Beef Wellington, wie es auf Englisch heißt. Erst das Eigelb drüber. Dann mit der Gabel, ritsch, ratsch. Pit konzentrierte sich mit aller Kraft auf das Bonbon aus Wurst, und Felix atmete tief durch, als Nesrin den Raum betrat.

2

Aber dieses Mal, am zweiten Advent, erschien Nesrin nicht zum Essen, was Felix sehr störte, und Pit wunderte sich darüber, er hatte vermutet, Felix würde das ganz recht sein und sein Bedauern sei nur Show. Nesrin hatte kurz vorher abgesagt, sie würde auf keinen Fall kommen. Von Patrick hatten sie seit Tagen nichts gehört, aber sie konnten sicher sein, dass er kommen würde. Pit wusste nicht, dass Patrick eingeladen war.

Als Patrick eine Woche zuvor, am ersten Advent, da gewesen war, zwickte Nesrin ihren Neffen fest in die butterweiche afghanisch-deutsche Mischlingshaut, die sich anfühlte, als sei sie mit Aquarellfarben gemalt. Felix bekam davon mit, weil der kleine Priamos ungewohnt selbstbewusst sein Missfallen über diese Sache (diese Ungerechtigkeit!) zum Ausdruck brachte. »Tante würde es selbst auch nicht gefallen, wenn man sie kneifen würde!« Klein-Priamos war zwar laut geworden und hatte sich vorwurfsvoll an Nesrin gewandt, sie aber nicht direkt angesprochen. Das brachte unser Sternchen Nesrin sogleich in die Defensive, und nach irgendeinem Gemurmel wandte sie sich rechts ihrer Schwester zu: »Warum ist er so frech?«

»Niemand muss sich kneifen lassen, Priamos, da hast du Recht…«, sagte Patrick, der am ausgezogenen ovalen Tisch Klein-Priamos schräg gegenübersaß. Samira, Nesrin und Klein-Priamos saßen recht eng beieinander an einem runden Ende. Rechts von Samira saß ihre kleine Zwillingstochter Maria-Priska, weiter ging es mit Patrick, Felix und Maria-Prudance.

Zu Felix’ Spannung, die vor allem daher rührte, dass er sich hier nicht einmischen durfte, ohne einen ausufernden Streit zu riskieren, gesellte sich die Bewunderung, dass jemand ohne böses Blut, ohne aggressives Tremolo und überhaupt ohne konfrontative Prophetie in der Lage war, in diesem (innerverwandtschaftlichen!) Streit klar Partei zu ergreifen.

Felix hatte auf Samiras Wunsch hin einen irischen Eintopf zubereitet. Zwei Kilo Rinderschulter, in recht große Stücke geschnitten, mit Ale verschmort, Pastinaken… Dazu gab’s Spätzle. Nesrin aß nur Salat, bzw. saß, während die anderen aßen, mit dem Handy auf der Couch. Und erst später, als Nesrin schon weg war, erfuhr Patrick, dass sie Klein-Priamos »ein Stück Scheiße« genannt hatte. Er war fassungslos und entsetzt, und er erwartete, dass Felix mit Nesrin reden würde.

»Das geht nicht gut, Patrick«, sagte Felix. »Du glaubst nicht, wie viel Kraft es allein gekostet hat, dass Klein-Priamos kein Smartphone bekommt.«

»Echt?« Patrick lächelte unverstanden, dann schüttelte er den Kopf. »Ihr müsst da was tun. Mein Freund Tim hat schon wegen kleinerer Sachen mit Leuten gebrochen.«

»Er hat zu ihr gesagt, sie werde bald sterben«, rief Samira von der Spüle her.

»Das hast du gesagt?«, fragte Patrick.

»Ich habe zu ihr gesagt, dass sie lieber ihr Handy weglegen soll und den Sonntag genießen soll, und dass sie bald sterben könnte«, antwortete Klein-Priamos.

»Ach so«, sagte Patrick.

Samira verdrehte die Augen. »Ja, aber ihr wisst doch, wie sie ist. Sie versteht das nicht.«

Machen wir uns nichts vor, mein Mittelpunkt sind Felix’ Erfahrungen, ich bin nicht allwissend. Und ob Patrick, der um neun Uhr unsere kleine Familie verließ, und dann gegen viertel vor zehn bei sich zu Hause in Charlottenburg ankam… – dazu muss gesagt werden, dass Patrick noch ein Jahr zuvor, noch während seines Studiums, Referendariats, was weiß ich, jedenfalls vor seinem 2. Staatsexamen niemals vor 12 Uhr gegangen war. Patrick besaß Sitzfleisch, er war ein Nachtmensch, und er trank niemals viel, hatte also wirklich Sitzfleisch. Felix fragte sich also, ob Patrick, bevor er zu Bett ging, doch noch mal schnell den Laptop anließ, und… ihr wisst schon…, ob er also in jenem zeitlos-paradiesischen Zustand der Bettfertigkeit nicht doch noch einmal vom Satan ergriffen wurde…

Jeder fällt, auch der Beste, auch Patrick. Patrick konnte sich so überaus moralisch empört und enthusiastisch äußern, mit so viel Herz und gutem Willen, und vor Patrick hatten beide, Samira und Felix, sehr hohe Achtung. Patrick war tief gläubig, er war ein Kämpfer für den Glauben. Und seine größte Schwäche war, in der Empörung über das, was alles schief lief in der Kirche, nicht mehr über das Gute zu reden. So ging es vielen gläubigen Katholiken. Felix war überzeugt davon, dass Patrick schon längst diesen Enthusiasmus verloren hätte, wenn er regelmäßig (und nicht nur in seltenen, schwächsten Momenten) Pornos schauen würde. Und Felix neidete ihm diesen Enthusiasmus. Dabei mochte er wegen den familiären, väterlichen Verpflichtungen noch seltener fallen als Patrick. Das Verrückte an diesen allerschwächsten Momenten war, dass es aus ihnen keine Rettung gab. Kein Gedanke hielt einen zurück, wenn jenes erste Stolpern schon geschehen war. Auch nicht ein Entsinnen der im engsten Freundeskreis einhellig verurteilten ersten 50 Seiten seines ersten Romans – nein, auch das half nicht. Wie Patrick sogar von Gonzales wusste, soll Felix’ Beichtvater gesagt haben, dass, hätte er Felix’ Roman vorher gelesen, er ihn nicht zur Taufe zugelassen hätte; – was im Übrigen nicht ganz fair war, denn zwischen der ziemlich druckfertigen Version, die Gonzales kannte und der des Beichtvaters lagen ganze drei Jahre Umschreibarbeiten.

Würden jene expliziten Seiten den Leser verführen? Wie sollte man die Verwunderung der Hauptprotagonistin über die Penetration der Verliererin am Ende des Kampfes als verquer nachvollziehen, wenn nicht zuvor beschrieben wurde, was in dem Catfight passiert? Das waren Fragen, mit denen Felix sich rumschlug. Er beschiss sich selbst, das war ihm schon klar, aber es war auch zu einfach – wie Gonzales es machte –, die ausgetüftelten, in erzählerische Perspektivwechsel gefassten Beschreibungen des Catfights mit Pornografie gleichzusetzen. Felix sagte sich, wer heilig war, der würde beim Lesen Mitleid empfinden, so wie er, wenn er lange Schwulenpornos sah. Felix hatte den Roman für Heilige und Frauen geschrieben.

Übrigens, ein Smartphone hatte Nesrin trotzdem gekauft. »Der größte Fehler war nur, es nicht gleich zurückzugeben«, sagte Felix zu Patrick. Felix’ Handy war kurz zuvor verschwunden. Nesrin hatte bald Geldprobleme und Felix zahlte zweimal Handyrechnungen über je 120 Euro, als es nicht länger zu verheimlichen war, dass er das Handy – ein Samsung – nutzte.

3

Wenn auch Klein-Priamos nicht Felix’ leiblicher Sohn war, so erkannte sich Felix in ihm wieder: Er erkannte wieder sein eigenes Schwadronieren über Nesrins Kinderlosigkeit – sein Ärger über ihr fehlendes Engagement, ein verflucht normales familiäres Verhältnis aufzubauen und zu unterhalten.

Wenn Felix, siebenundzwanzigjährig, optimistisch annahm, noch 55 Jahre zu leben, waren das 20 075 Tage, eine Zahl, die ihn in ihrer Fassbarkeit erzittern ließ. Dass das aber 2 876 Sonntage waren, hatte ihn in der Fastenzeit im März und April des fast vergangenen Jahres, als er morgens und abends nur Brot, ohne Butter und ohne Aufstrich, gegessen hatte, nahezu in Ekstase versetzt. Niemand konnte sich mehr wünschen. 2 876 Tage, die zeitlos nebeneinanderstanden, und die das jeweils Sechsfache an Alltag und Entbehrung übersprangen. Diese knapp 3000 Tage waren nicht mehr Begrenzung, sie waren ein ganzes Leben als Fest, wie ein unverdientes Glück.

Jetzt in der Adventszeit hatten, man konnte es so sagen, Samira und Felix ziemlich die Kontrolle verloren. Jeden Abend aßen sie Weinblätter und gefüllte Paprika, Serrano-Schinken und besten Käse, im Blätterteig aufgebackenen Lachs, auch mal eine Pizza, Schokolade, Felix trank Weizenbier oder Wein, oder Schnaps, Samira trank fritz-kola-Limonaden, Biococktails von Voelkel, Mango Chai oder Caipirinha (die dritte Sorte, die es gab, Pina Colada, mochte sie nicht – wobei, ganz sicher konnte man sich nicht sein, Felix hatte das schon lange nicht mehr eingekauft).

Sie sahen Woody Allen Filme, Felix rauchte halbe Zigaretten am Fenster und konnte sich nur noch theoretisch der segensreichen Fastenzeit entsinnen. Nichts zeigte besser, wie Körper und Geist zusammenhingen. Klein-Priamos jedenfalls, das altkluge Stück Scheiße, musste Nesrin nicht mit Philosophie kommen, damit würde er ihr nicht schmeicheln können. Wo Felix ihn für seine Altklugheit zur Schnecke gemacht hätte, da verbrannte er sich bei Nesrin mit einem Memento Mori die Finger, aber gehörig! Kaum hatte er sie verletzen wollen. Kaum hätte er ein Memento mori – also genieß dein Leben und mach dein scheiß Handy aus – so zu verpacken gewusst, dass es Nesrin nicht angepisst hätte.

»Warum sagt er solche Sachen, er ist doch noch ein Kind«, schrieb Nesrin am späten Abend. Felix war noch wach und löschte die Nachricht von Samiras Sperrbildschirm. »Ich brauche so etwas nicht in meinem Leben, egal, ob wir verwandt sind. Ich werde mit Priamos jetzt erst mal nichts mehr unternehmen«. Diese SMS traf erst ein, als auch Felix schon schlief. Samira zeigte sie ihm gleich am nächsten Morgen und sie sprachen darüber und sie waren geeint in ihrer Ratlosigkeit. Was tun, wenn die große Schwester sich aufführt wie ein kleines Kind?

4

Warum Felix wollte, dass Pit zur Universitätsbibliothek an der Friedrichstraße kam? Felix wollte ihn dabeihaben, um mit ihm einen gewissen Professor Chuck zum Essen am folgenden Tag, dem zweiten Advent, einzuladen. Wie schief das gehen konnte, wusste Felix vom Dienstag derselben Woche, wo er zuvor extra noch ins Grimm-Zentrum (die Universitätsbibliothek) gehastet war, um den Professor mit zu einer Veranstaltung ins VW-Group-Forum zu bewegen, das exakt auf dessen Nachhauseweg lag, aber nicht einmal dass es freien Alkohol gab, noch freies Essen – vielleicht, denn wenn Felix mehr Leute mobilisiert hätte, hätte Nesrin alle im Anschluss zum Essen eingeladen – hatten den Professor locken können. Selten dumm übrigens war dieser Vorschlag: Als ob es Samira und Felix, für die es ohnehin ein Akt war, ihr zuliebe zu dieser Veranstaltung zu kommen, möglich wäre, die Zwillinge länger als zwei Stunden unter der Aufsicht von Klein-Priamos zu lassen, um mit essen zu gehen. Jedenfalls, Professor Chuck, der wirklich scheiße aussah in seinen feinen Klamotten – mit Fuseln auf dem blauen Chili –, meinte, er sei furchtbar müde, er habe schon morgens um fünf begonnen zu arbeiten. Felix hatte sich ebenfalls ganz schön schick gemacht, er trug eine gute Jeans und über dem Hemd einen V-Pulli in unaufdringlichem Violett mit starker Textur, das einem blonden großen schlanken Mann etwas sphärisch Unnahbares gab, ohne schwul zu wirken.

Felix hätte vielleicht länger betteln sollen. Er posierte noch kurz im Foyer der Uni-Bib, aber das erwünschte Mädchen ließ sich nicht blicken. Währenddessen nahm Professor Chuck mit einem Kaffee vor der Cafeteria Platz und erst von draußen, im Vorbeigehen, sah Felix, dass der Professor auch Schokolade dazu fraß.

Es regnete und Felix’ Hände froren ganz schön auf dem kurzen Weg zum VW-Group-Forum, das an der Kreuzung von Friedrichstraße und Unter den Linden lag. Zwei junge Frauen an einem Empfangspult schienen enttäuscht, dass er nicht von der Presse war. Felix wunderte sich, dass diese kleinen Rädchen über irgendwas enttäuscht sein konnten. Sie fanden seinen Namen auf der Gästeliste. »Fühlst du dich eher real oder digital?« Was für eine Frage, die Felix provinziell überhastet beantwortete: »Real«, und auch sein Grinsen war provinziell. Die Braunhaarige, wie die Blonde ebenfalls mit Pferdeschwanz, stülpte ihm etwas linkisch ein Armband über die Hand und zog es überm Handgelenk enger.

Rechts war mehr los, und hinter dem Security-Mann nahm sich Felix sofort ein Glas Sekt, und kurz danach mit dem zweiten Glas Sekt ein Glas Wasser. Der Sekt schmeckte gut, war ohne störende billige Säure. Volkswagen ließ sich nicht lumpen.

Felix hielt Ausschau nach Nesrin. Er fand sie nicht und blieb im Hintergrund neben irgendeinem Pult stehen, einem leeren Tresen, wo er den Sekt abstellen konnte. Dann entdeckte er sie. Er ging aber nicht zu ihr, er beobachtete sie. Felix fand, dass ihr das schwarz-weiße Wollkleid außerordentlich gut stand. Nesrins olivfarbener Teint verband sich organisch mit dem Rüschen-Ausschnitt und wurde in den Glitzer-Applikationen am Taillenrand wesensgemäß ergänzt.

Wen hatte sie noch eingeladen? Nie wirkte sie verloren oder nervös, wenn sie mit niemandem sprach. Wenn sie nach Leuten Ausschau hielt, dann nie weiter als

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