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Luther und der stumme Himmel: Historischer Roman

Luther und der stumme Himmel: Historischer Roman

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Luther und der stumme Himmel: Historischer Roman

Länge:
391 Seiten
5 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Sep 9, 2016
ISBN:
9783954286683
Format:
Buch

Beschreibung

Martin Luther steht in Worms vor dem Kaiser, die Bauern lassen für das göttliche Recht ihr Leben. Jakob, der Anführer des Malscher Haufens und dreiviertel aller Deutschen im Reich glauben an die Botschaft von der Freiheit eines Christenmenschen. So auch die Novizin Philippa und die hochherrschaftliche Äbtissin Katharina. Ohnmächtig stehen sie dem Leid der Bauern gegenüber.
Hat Martin Luther, der neue Heilsbringer, den Leuten zu viel versprochen?
Der Himmel bleibt stumm.

Wolfgang Vater entführt den Leser in das Bauernleben des 16. Jahrhunderts, in den Streit zwischen Kaiser, Fürsten und Rittern, in die Badstuben, auf die Verkaufsbühnen der Ablasszocker, in die Welt der Barmherzen, der Gaukler und der Frommen, die in den Klöstern Luthers Thesen in Windeseile verbreiten. Ein packender, leidenschaftlicher Roman, der den Leser von der ersten bis zur letzten Seite fesselt. Klaus Servene

Herausgeber:
Freigegeben:
Sep 9, 2016
ISBN:
9783954286683
Format:
Buch

Über den Autor


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Luther und der stumme Himmel - Wolfgang Vater

Kästner

Vorwort

1597 wurde der Astronom Johannes Kepler gefragt, was er von Luther halte. „Was soll ich über ihn sagen? Er ist ein Held, weil er trotz aller widrigen Umstände seine Wahrheit nie im Stich gelassen hat."

„Doch was soll man von seinem Fluchen und seinen unfläti­gen Ausdrücken in seinen Schriften, von seinen Reden über die Bauern oder über die Juden halten?"

„Ein talentierter Mann braucht eben Leidenschaftlichkeit, die hoffentlich von göttlicher Eingebung gelenkt ist. Andererseits", Kepler grübelte lange, „stimmt auch der Satz, dass große Natu­ren mit großen Tugenden ebenso große Fehler begehen."

1

„Verdammt sollt ihr alle sein!", drohte und wetterte Chrysos­tomos Schneider, Pfarrer in Lusshardt, von der Kanzel der Kirche ‚Zu den Drei Marien’. Purpurrot war sein Gesicht ange­laufen und der Zorn trieb ihm Tränen in die Augen. Mit der lin­ken Hand schlug er auf die Kanzel, dass es nur so krachte. Ei­nige, die darunter standen, zogen den Kopf zwischen die Schultern und machten sich klein.

In der Rechten hielt der Kirchenmann ein zerknülltes Stück Papier: „Könnt ihr ihn riechen, den Teufelsgestank? Wer ihn allzu lange einatmet, fällt tot um. Seht ihr den Beelzebub, wie er um eure Häuser streicht? Er späht die aus, die ihm auf den Leim gehen. Und ..., Pfarrer Schneider musterte eindringlich seine Schäfchen mit einem stechenden, prüfenden Blick, „der Schreiber des Spottgedichts lockt und schmeichelt mit Dingen, die nur aus einem wirren, gotteslästerlichen Kopf stammen können. – Er deutete auf die Flugschrift in seiner Hand.

„Ich lese euch vor, was darauf steht, denn ihr Tölpel könnt ja kein A von einem B unterscheiden. Hört genau zu. Unser ist das Himmelreich, so die Überschrift. Unter Punkt 3 steht zum Beispiel: Wir sind wie leibliche Brüder und Schwestern und deswegen wollen wir eins sein untereinander und alles mit allen teilen. Des Pfarrers Stimme überschlug sich und ging in höhnisches Gelächter über. „Vielleicht glaubt der Verfasser sogar, dass auch die lieblichen Katzen jeden Happen brüderlich mit den ach so arglosen Mäuschen teilen, damit keiner zu kurz komme oder Hunger leide. Allen gehört ja alles. Nicht wahr? Ein Hirngespinst ist das!

Saure Gesichter da und fragende Mienen dort. Schneider musste noch deutlicher werden: „Ein anderes Beispiel, das euch Einfältigen mehr einleuchten wird. Der Barthel von der Hintergass’ hat einen wohl abgehangenen und die angenehms­ten Düfte verbreitenden Schinken für gutes Geld erworben und geht nun von Haustür zu Haustür, und jeder, ob Freund oder Feind, darf sich ein Stück nach Belieben abschneiden. Was er besitze, so sagt der Barthel, solle allen gehören. Mag sein, dass am Ende für ihn nicht mehr übrig bleibt als ein abgeschabter Knochen. Aber das macht nichts. Der Barthel geht vergnügt nach Hause, denn er hat ja geteilt."

Unten im Kirchenraum kicherten einige und andere spotteten über den einfältigen Barthel. „Ich sehe, ihr habt verstanden. Nur Dumme klammern sich an solch ein Gefasel. Aber ich sage euch, wer so denkt und handelt, dem droht Verdammung und ewige Finsternis."

Chrysostomos Schneider musste wegen seiner Leibesfülle zwischendurch Luft holen. „Hört weiter, was auf dem Teufels­papier steht. Kein Bauer soll der Obrigkeit mehr dienen oder ihr gar Abgaben leisten; denn alle Menschen sind gleich. Des­halb", der Pfarrer krümmte sich vor Lachen, „wollen wir uns selbst regieren."

Wieder donnerte seine Linke auf die Kanzel. „Ich aber sage euch, dass an all diesen verlogenen Flugblättern und Schriften nur dieses Mönchlein aus Wittenberg schuld ist. Er gaukelt den einfachen Leuten etwas vor. Derweil wissen alle, dass Gott eine Weltordnung vorgegeben hat. Ein Bauer ist ein Bauer, ein Herr ein Herr, und über allem steht der Heilige Vater in Rom. Nur er weiß, was Gott will und wie man das ewige Seelenheil erlangen kann. Wer sich dagegen auflehnt, ist ein Verderber der wahren und alleinseligmachenden Kirche."

Drohend hob er den Finger. „Es gibt aber gottvergessene, armselige Kreaturen, die glauben, das Wort des Schöpfers nach ihrem Belieben umdrehen zu können. Ich weiß schon, dass solche Vögel andere Vögel anlocken und ich weiß auch, dass im Bruhrain wieder solche Gedanken umhergehen – und ich weiß, dass die Rädelsführer von damals hier wieder auftau­chen. Sie wittern Morgenluft für einen neuen Bundschuh. Auf-wiegler, Rebellen und Seelenfänger sind das. Aber ..., er droh-te, „wir sind diesmal auf der Hut!

Erbost schrie er seine Schäfchen an: „Da rennen diese Teufel als Händler oder gar Gaukler verkleidet von Dorf zu Dorf und drücken euch solch eine Schundschrift in die Hand. Ich warne euch, versündigt euch nicht. Ihr meldet mir jeden Verdächtigen. Dafür wird euch unser Landesherr, der Fürstbischof von Speyer, in sein Gebet einschließen."

Chrysostomos zerknüllte die Flugschrift und warf sie von der Kanzel in den Mittelgang des Kirchleins. Die Gläubigen be­kreuzigten sich und hoben abwehrend die Hände vors Gesicht. Mag sein, dass sie die beschriebene teuflische Kälte spürten, die von dem Papier auszugehen schien. Dann beauftragte der Pfarrer den Messdiener, das Teufelszeug vor allen Augen zu verbrennen. Mit bebender Stimme rief er: „Weiche Satan!"

Einer, der in der hintersten Reihe stand, sprach laut und deut­lich, dass es alle hören konnten: „Chrysostomos, verbrenne ru­hig die Flugschrift! Aber wisse, es ist nur ein Stück Papier, den Geist, der darin steckt, wird der Wind über die Felder und Wiesen und von Ort zu Ort tragen. Niemand wird ihn aufhalten können!"

Das waren mutige, starke Worte. Die meisten der Umstehen­den traten einen Schritt zur Seite, wollten mit dem Aufwiegler nichts zu tun haben. Nur die alte Hofreiterin, eine Bäuerin mit Schwielen an den Händen und Falten im Gesicht, drängte sich noch näher an den Wagemutigen heran: „Sage Er nur, was Er zu sagen hat. Meine Seele verlangt danach."

„Euren freien Mut lobe ich mir, Mütterchen. Respektvoll neigte der Hochgewachsene sein Haupt vor der Alten. „Wir alle sind wie unsere Vorfahren hier geboren und aufgewachsen. Jahrhunderte lang haben wir den Herren gedient, deren Fehden ertragen, sind für sie in den Krieg gezogen. Nicht alle kamen mit heilen Knochen zurück und so mancher hat sein Leben ge­lassen. Und? Das frage ich euch alle. Was hat uns der Gehor­sam, das Rückenkrümmen, das Hungerleiden gebracht?

Der große Mann mit den buschigen Augenbrauen und dem Lederhandschuh an der rechten Hand, trat drei Schritte vor. „Chrysostomos Schneider, ich frage Euch: Ist der vergoldete und mit Rubinen besetzte Bischofstab nicht eine Nachbildung des Hirtenstabs? Und hat Jesus Christus nicht zu denen gesagt, die ihm nachfolgten: Weidet meine Schafe? Und? Weidet der hochlöbliche Bischof seine Schafe wie ein guter Hirte? Und Ihr, werter Pfarrer von Lusshardt, weidet Ihr sie auch? An Mar­tini wollt Ihr Eure Gans. Für eine Taufe verlangt Ihr drei Kup­ferpfennige, für eine Hochzeit fünf, für die Totenmesse gar acht. Jeden Handschlag lasst Ihr Euch bezahlen. Aber Eure Schäfchen sollen Euch für Gotteslohn die Steine für die neue Kapelle schlagen und herfahren. Seid Ihr also ein guter Hirte, frage ich?"

Ein wütender Stier hätte nicht schlimmer geifern können. Mit hochrotem Kopf schrie Chrysostomos Schneider von der Kan­zel: „Du gottloser Geselle, du wagst es, mir solche Anschuldi­gungen ins Gesicht zu sagen! Verdammt sollst du sein! In der Hölle sollst du schmoren! Bei lebendigem Leib sollen die Sa­tansknechte dir die Haut vom Leib reißen!"

Seine Stimme überschlug sich, er musste nach Luft schnap­pen. „Ich werde noch heute beim Bischof Meldung machen und der wird seine Waffenknechte schicken, um diese Pesti­lenz, die du verbreitest, mit Stumpf und Stiel auszurotten. Amen!"

Schnell polterte der Ortspfarrer die schmale Treppe von der Kanzel herunter und stellte sich neben den Ausgang. Er wollte sehen, wer ihm zum Abschied die Hand reichte. Nicht alle taten das.

Vor der Kirchentür war der Weg mit Flugblättern gepflastert:

Wetzt die Sensen, schleift die Sicheln

Für das hohe, göttlich Recht!

Seht ihr dort den Regenbogen,

Wie er eint uns mit dem Gott der Welt?

Zeigt uns, wo es steht geschrieben,

Dass wir eigen sind den Herr’n!

Gott hat alle frei erschaffen:

Bauer, Priester, Edelmann.

2

Die Geschichte der Abtei Neuburg reicht weit zurück – bis zu den Staufern und den ersten Pfalzgrafen. Die Abtei war von Benediktinern gegründet worden, auf die Benediktiner folgten Zisterzienser, dann wieder Benediktiner, zuerst Mönche, dann Nonnen. Aber das war alles längst vorbei.

Jetzt, im Jahr 1520, lag die Abtei immer noch auf einem im Neckartal gelegenen sanften Hügel, war umgeben von Wäl­dern, Wiesen und Weiden. Im Frühjahr zur Kirschblüte ein weißes, wogendes Meer, die Luft erfüllt mit süßem Duft und dem emsigen Gebrumm der Bienen. Daran hatte sich in den vielen Jahrhunderten nichts geändert. Von der Balustrade vor der Kirche kann man immer noch die an Wissen reiche Stadt Heidelberg erblicken. Ein Idyll, wenn nicht gar ein Paradies-chen.

Rosa, die rotblonde Küchenmagd mit den üppigen Hüften deutete auf den Hafen, der auf dem Herd stand und ermahnte Elsbeth, ja noch einen zweiten Löffel Butter unter den Hirse­brei zu rühren und mit dem Honig nicht zu sparen. „Immer rüh­ren, damit er nicht anbrennt."

Der Brei war für Äbtissin Katharina. Sie hatte wieder einen ihrer fiebrigen Anfälle. In der kalten Jahreszeit war eine Klos­terzelle das reinste Eisloch. Die steinernen Wände verschlan­gen die wärmenden Strahlen des Kohlebeckens ehe sie den vor Kälte zitternden Leib der zarten Braut des Herrn erreichten. Jedes Windchen konnte sie knicken, ihre Haut war so dünn, dass man die blauen Adern sehen konnte. Manche Nonne spot­tete, das habe damit zu tun, dass sie als Pfalzgräfin der nobel­sten Familie des Landes entstammte. – Ihrem Naturell entspre­chend pflanzte sich Rosa empört neben dem Herd auf: „Stell dir vor Elsbeth, mit zwölf Jahren hat ihr Vater, der hochwohl­geborene Kurfürst Philipp, unsere Äbtissin ins Kloster ge­steckt. Sie war die Jüngste von dreizehn Geschwistern und ..."

Elsbeth unterbrach die ihr freundschaftlich verbundene Kü­chenmagd: „Rosa, die Äbtissin wurde nicht ins Kloster ge-steckt. Die zerbrechliche Frau hätte keinen robusten Mann ertragen und sieben oder acht Kinder zur Welt bringen können. Auch stand ihr der Sinn nicht nach Seidenroben und einem gül­denen Krönlein. Schon früh suchte sie Gott. Über das Gezänk der Scholaren und Gelehrten in den Sälen der Universität kann sie nur lachen. Sie streiten, ob der Schlüssel des Petrus einen dreizinkigen Bart hatte, ob die Jünger beim letzten Abendmahl roten oder weißen Wein tranken oder wann bei Jesus die ersten Barthaare sprossten. Sich damit zu beschäftigen ist für sie Zeitverschwendung. Die Äbtissin ist beseelt von dem Gedan-ken, dass es im Glauben etwas Gemeinsames, Allumfassendes gibt, das stärker ist als das vermeintlich Trennende."

Rosa kam aus dem Staunen über Elsbeths gewählte Worte und ihr Wissen nicht mehr heraus, doch diese war noch nicht am Ende: „Die junge Pfalzgräfin strebt nach höheren, geistigen Dingen. Es gibt eben Menschen, die wollen ihr Leben in den Dienst des Herrn stellen und, so reime ich es mir zusammen, in dieser verworrenen Zeit Zeugnis ablegen für die Würde des Menschen mit Christus als Vorbild. Daher kommt wohl auch ihre Hingabefähigkeit."

Mehr als ein „Hm war als Antwort nicht zu hören. Daher nahm Elsbeth den Faden wieder auf: „Schau Rosa, wir zwei sind doch ein beredtes Beispiel für die Zeit in der wir leben. Ich kam ins Kloster, weil die Meinen und ich wegen aufrühreri­schen Gedanken nicht mit unserer Obrigkeit zurecht kamen und mir hier Schutz gewährt wurde. Du, weil die Deinen we­gen eines anderen Glaubens nicht geduldet waren und ihre Hei­mat verlassen mussten. Hier im Dorf haben sie sich niederge­lassen und du hast im Kloster als Magd Arbeit gefunden.

Elsbeth hielt inne und suchte den Blickkontakt mit ihrer Ver­trauten. „Unsere Äbtissin weiß ganz genau, dass wir unter­schiedlichen Glaubensströmungen angehören. Und? Sie achtet uns und lässt jedem seine Überzeugung."

„Schon, aber warum tut sie das?"

„Vielleicht, aber das fühle ich nur, gibt es etwas Großes von dem sie erfüllt ist."

„Und was soll das ‚Große’ sein?"

„Oh Rosa, mein Geist ist zu klein und zu schwach, um das zu wissen. Aber die Hoffnung, die Liebe könnten das Einigende sein."

„Heilig’s Blechle, Elsbeth, woher hast du solche Gedanken? Du bist eine Küchenmagd! Gibt es da Geheimnisse, von denen ich nichts weiß? Eine heimliche Gelehrte oder kamst du so auf die Welt?"

„Du bist ein Schafskopf. Nein, besser! Eine Schildkröte bist du. Durch deinen dicken Panzer dringt nicht ein Stäubchen des Geistes dieses Klosters hindurch. Er berührt dich nicht einmal. Du schaust den Männern nach, hebst gern den vollen Becher und verachtest auch ein knuspriges Hühnerbein nicht."

„Jetzt halt’ die Luft an. Du stellst mich schlimmer hin, als ich bin. Glaubst du, ich wäre noch hier im Kloster, wenn es hier zuginge wie in manchem anderen Kloster? Was man da so alles hört treibt einem das Wasser in die Augen. Dagegen müssen Sodom und Gomorrah sittenreine Orte gewesen sein. Ich bleibe hier, weil unsere Äbtissin eine ..."

„Schon gut Rosa, ich weiß, was du sagen willst. – Du bleibst

hier, weil Katharina mit ihren einundzwanzig Jahren eine Per­son ist, die lebt was sie glaubt – und das wirkt mehr als tausend Predigten."

Ein tiefer Seufzer drang aus Rosas Brust. „Ich habe gehört, dass solche Menschen nicht lange leben, sie verzehren sich. Deshalb musst du dich mit dem Hirsebrei beeilen und ihn der fast Heiligen bringen. Kalt schmeckt er nur halb so gut."

„Nein, du bringst ihn ihr! Du hast ihn auch gekocht."

„Mach’ keine Sperenzchen. Dich und deine Kinder hat sie besonders ins Herz geschlossen. Das sage ich ohne Neid. Nimm einen Topflappen, der Hafen ist heiß."

Die Zelle der Äbtissin lag am Ende des Ganges. Schon wollte Elsbeth anklopfen, als sie hinter der Tür erregte Stim­men hörte. Sie erkannte beide. Die in der Tonlage höhere gehörte Philippa, der Novizin. Sollte sie das Gespräch stören? Rosa hatte ja gesagt, dass der Brei nicht zu sehr abkühlen durfte. Artig klopfte sie und trat ein. Auf einem Stuhl neben dem Bett der Schwester Oberin saß Philippa. Es ging darum, dass die junge Novizin nicht verstehen konnte, dass der Bruder der Äbtissin, der Bischof von Speyer, den alten Prediger Dör­sam, der der Lehre des Wittenberger Mönchs anhing, aus dem Amt gejagt hatte. Für den Fürstbischof waren die neuen Gedan­ken Teufelszeug. Binnen dreier Tage musste Dörsam das Bis­tum verlassen. Unmenschlich und unwürdig zugleich fand Phi­lippa den Nachsatz der bischöflichen Anordnung, dass er froh sein könnte, dass er nicht als Ketzer verbrannt würde. Wo sollte denn der alte, gebrechliche Mann nun hin? Darüber hatte sich die Novizin ereifert und musste ihrem Herzen Luft ma­chen. Ihr Unbehagen hatte sich schon lange angestaut. Ein ‚Hitzeblitz’ war sie, wie die Pfälzer sagten.

„Es kann doch nicht sein, dass einer, der das verkündet, was in den Evangelien niedergeschrieben ist, bestraft wird. Dort steht nur, was unser Herr Jesus Christus gesagt hat. Kann es et­was Wahreres geben? – Die junge Frau flehte ihre geliebte Vorgesetzte geradezu an: „Schwester Oberin, das dürfen wir nicht zulassen. Dagegen muss etwas unternommen werden.

Mochte sein, dass es ein spontaner Gedanke war, jedenfalls erklärte Philippa ein wenig trotzig: „Mit Verlaub, ich schreibe noch heute an den Bischof. Und ich werde in Deutsch schrei­ben, des Lateins bin ich nicht mächtig, aber die Herren werden ja Deutsch verstehen."

Mühsam hob die Äbtissin ihre Hand von der Bettdecke, das Sprechen fiel ihr schwer. In ihrer Stimme schwang nichts An­klagendes, Belehrendes oder gar Drohendes: „Philippa, woher hast du nur dieses rebellische Feuer? Demut, Gehorsam sind das, was uns Bräuten des Herrn ansteht."

Lange und tief seufzte die Vorsteherin des Klosters: „Ich weiß, du bist reifer, erwachsener als deine Altersgenossen. Wahrscheinlich bin auch ich daran schuld, denn ich habe dir er­laubt, die bebilderte Bibel aus meiner Bibliothek zu leihen und du scheinst fleißig darin gelesen zu haben."

Liebevoll strich die Äbtissin der Novizin über den Handrü­cken. „Philippa, bedenke, wir sind Frauen. Uns ist nicht er­laubt, sich in die Sachen der Männer einzumischen. Selbst der von dir geschätzte Dr. Martin Luther hat noch vor vier Jahren über Frauen, die sich mit Bibeltexten befassten, gesagt: Was Gott den Männern befohlen hat, nämlich Gottesdienst, Pries-ter­tum und Gottes Wort zu verkünden, das befiehlt der Böse den Weibern, denn sie sind seine Priester."

„Pah, und wenn der hochgelehrte Herr aus Wittenberg das gesagt haben sollte, dann irrt er sich. Er ist doch nicht allwis­send. Das ist nur der Herr. Deshalb lassen wir uns doch nicht einschüchtern! Männer wie Frauen sind berufen und haben die Pflicht, für ihren Glauben einzustehen und ein Bekenntnis ab­zulegen. Steht nicht im Mathäusevangelium 10: Wer mich be­kennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor mei­nem himmlischen Vater. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will auch ich verleugnen vor meinem himmli­schen Vater." – Sichtlich gerührt ergänzte die Äbtissin: „Lukas 9: Wer sich meiner schämt und meiner Worte, dessen werde ich mich auch schämen, wenn ich komme in meiner Herrlichkeit."

Philippas Herz schien zu hüpfen. Die Schwester Oberin dachte wie sie, stimmte ihr gar zu. Daher konnte sie getrost fortfahren: „Bei dem Text kommt es auf das Wörtchen ‚wer’ an. Damit sind Männer und Frauen gleichermaßen gemeint und es sind Sätze, die Christus selbst gesprochen hat. Gibt es etwas Authentischeres, das belegt, dass Mann und Frau gleichwertig sind?"

„Bei Gott, Philippa, du bist eine mutige und zugleich ge­scheite Jungfer. Sage mir, was du meinem Bruder schreiben möchtest."

Die Novizin setzte sich in Positur. „Hochedle und hochwür­digste fürstliche Gnaden und des Herrn gelobter Diener, mein Herz zittert und meine Glieder schlottern, wenn ich höre, was Eure Exzellenz mit dem alten Prediger Dörsam gemacht habt. Erlaubt, dass ich frage: Haben Euch Christus, die Apostel oder gar die Propheten das gelehrt? Zeigt mir, das erbitte ich un­tertänigst, wo das steht, dass nicht gepredigt werden darf, was Christus eigene Worte sind? Ich weiß wohl, wie weit ich mei­ner Obrigkeit Gehorsam schuldig bin, aber über das Wort Gottes hat sie nicht zu gebieten."

Da bis jetzt kein Widerspruch kam, fuhr sie fort: „Also schickt den alten Prediger in seine Pfarrgemeinde zurück und lasst ihn das Wort des Herrn frei verkünden. Das walte Gott!" – Eine Träne kullerte der Äbtissin über die Wange. Stolz war sie auf ihre Novizin, aber auch in Sorge, denn sie wusste, so würde kein Mann mit sich reden lassen.

„Komm näher Philippa, knie nieder. Sie schlug ein Kreuz über deren Haupt und blickte bittend nach oben: „Der Herr soll dich behüten, so wie wir es auch tun werden!

Vor Freude hätte Elsbeth heulen können. Die Äbtissin hatte ‚wir’ gesagt. Wusste sie von ihrer besonderen Beziehung zu der Novizin?

3

Eingezwängt zwischen den grünen Hängen des Heiligenbergs und des Königsstuhls rauschte der Neckar über die felsigen Klippen, bis er sich in die weite Ebene ergoss und sich mit dem gewaltigen Rhein vereinte, um längs des großen Flusses aller Welt die Sagen und Geschichten zu erzählen, die sich um die mächtige Burg des Herrschergeschlechts rankten.

Die Burg wollte ein Schloss werden. Kurfürst Ludwig V. von der Pfalz, dessen Vater bis vor kurzem noch von Kaiser Maxi­milian I. wegen eines Krieges gegen die bayrischen Vettern geächtet worden war, beugte sich über die Baupläne. Er wollte nicht mehr im Schatten der Großen des Reiches stehen, wollte die alte Pfälzer Herrscherwürde durch einen Prachtbau wieder sichtbar machen.

„Auf der östlichen Seite des Burghofs habe ich die Lücken an der Umfassungsmauer mit einem dreistöckigen Gebäude ge-schlossen – Ludwigsbau wird er genannt. Zwar sind dessen Mauern schmucklos, aber dahinter wird gekocht, gebacken, gebraten und meine Wachen sind darin nun auch ordentlich untergebracht. Was ich noch brauche, ist ein Bibliotheksbau auf der Westseite mit weitem Blick über die Rheinebene bis hinüber zur Hardt. – Ein prüfender Blick folgte und das Ab-messen der Aufrisslinien. „Der vorkragende Erker müsste mehr nach Norden ausgerichtet werden, dann käme mehr Licht in die Räume, meine ich. Er schnippte mit den Fingern. „Klos-tervogt, komme Er her und schaue sich den Plan an. Was meint Er dazu?"

Ritter Eitel von der Au, ein junger Ritter mit blondem, locki­gem Schopf, kühnem Augenpaar, hoher Stirn und breiten Schultern – dem Siegfried der Sagenwelt nicht unähnlich – ließ sich Zeit mit seiner Antwort. Sie musste zwar seine ehrliche Meinung ausdrücken, durfte aber nicht zu überheblich sein. Er stand erst seit zwei Jahren in Pfälzer Diensten und musste sich noch bewähren. Die weltlichen Belange des nahe gelegenen Klosters Neuburg waren ihm übertragen worden.

Der Ritter nahm eine Tischmesslatte, prüfte, rechnete und überlegte. „Um mehr Licht in die Räume zu bringen, genügt das Versetzen des Erkers alleine nicht; der gesamte Bau sollte viel südlicher ausgerichtet werden."

Zuerst runzelte Kurfürst Ludwig die Stirn, doch dann leuch­tete ihm der Vorschlag seines Dienstmannes ein. „In der Tat! Er ist ein kluger Kopf. Dann schlug er ein anderes Thema an: „Übrigens muss Er als Klostervogt die Rechungsbücher der Neuburger Abtei genauer durchsehen. Habe gehört, dass von der dortigen Administration nicht immer der volle Zehnt den hörigen Bauern abverlangt wird. Immer diese Ausreden: Schlechte Ernte, kranke Kinder, verstorbene Frau. Mitleid ist zwar eine schöne Tugend, aber sie kann auch in den Ruin füh­ren. Achte Er in Zukunft darauf.

Ein Saaldiener näherte sich, verbeugte sich artig und wies darauf hin, dass soeben ein Bote ein Schreiben vom hochlöbli­chen Bischof von Speyer abgegeben hätte. Es würde sich um eine äußerst wichtige Angelegenheit handeln. „Darf ich Durch­laucht damit belästigen?"

„Mein Bruder Georg! Was möchte er denn wieder? Ich kann

ihm doch nicht immer unter die Arme greifen. Er muss seine Leute halt besser behandeln, dann laufen sie ihm nicht weg. Geb’ Er den Wisch her! Er drehte sich um und rief nach Buch­holz, dem Kanzleischreiber. „Lese Er vor!

„Geliebter Bruder, zwei Dinge vermelde ich, die dir gewiss nicht gefallen werden. Als der älteste von uns Geschwistern hast du die Aufgabe und Verpflichtung, das Wohl der jüngeren Brüder und Schwestern stets im Auge zu haben. Unser Küken Katharina bereitet mir Sorgen. An ihrer Brust nährt sie giftige Nattern, insbesondere die Novizin. Diese erkühnt sich, mir ei­nen Brief zu schreiben und sich in meine ureigensten Personal­angelegenheiten einzumischen. Mir scheint, dass in der Abtei, die dir so am Herzen liegt, die Ketzerei wuchert. Stelle das ab! – Nun zum Zweiten. Der Pfarrer aus Lusshardt, ein loyaler Mann und fest im alten Glauben verwurzelt, unterrichtete mich, dass Bundschuhleute in der Kurpfalz untergeschlüpft seien, um dort den Boden für den nächsten Aufstand vorzubereiten. Sei wachsam, ergreife diese Volksverderber und schicke sie mir an Armen und Beinen gefesselt, damit ich über sie richte."

Mit zitternden Händen legte der Kanzleischreiber den Brief auf das Beistelltischchen und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Auch der Kurfürst sah wie eine frisch geweißte Kalk­wand aus. Da war es, das Wort ‚Bundschuh’, vor dem jeder Leibherr, sei er Fürst, Graf oder Bischof in die Knie ging. Es konnte nichts Schlimmeres passieren, als dass die Untertanen sich gegen die Obrigkeit erhoben. Die Anführer mussten erbar­mungslos gerädert, gevierteilt und geblendet werden. Je grau­samer, desto abschreckender.

Buchholz hatte sich wieder gefasst und sprach beruhigend auf Durchlaucht ein. Seines Wissens wären die Bauern in der Kurpfalz friedliche Leute. Es würde sich eben auszahlen, die Abgaben nicht bis ins Unerträgliche zu erhöhen. Aber auf die leichte Schulter sollte man die Botschaft auch nicht nehmen. Es war immer am besten, Unruhen gleich im Keim zu ersticken.

„Rufe Er augenblicklich nach dem Oberhofmarschall. Mache Er ihm Beine!, ordnete der aufgeschreckte Landesherr an. Noch schwer atmend wandte er sich an Ritter Eitel und wollte wissen, ob die Meldung überhaupt stimmen könnte. „Gewiss Durchlaucht, da passt vieles zusammen.

„Sage Er offen, was Er meint!"

„Überall im Reich gärt es – als ob eine neue Zeit anbricht!"

Ludwig V. murmelte etwas Unverständliches in seinen Bart. Es war ihm anzumerken, dass er mit der Antwort des Ritters nicht zufrieden war. „Er drückt sich davor, frei seine Gedanken auszusprechen. Dieserwegen habe ich Ihn nicht in Dienst genommen."

Markige, wuchtige Schritte näherten sich, die Saaltür wurde aufgerissen und Oberhofmarschall von Habern, seines Zei­chens Kommandant der Pfälzer Waffenknechte, trat ein, ver­beugte sich andeutungsweise und nahm Haltung vor seinem Dienstherrn an: „Durchlaucht haben nach mir gerufen. Bin zur Stelle!"

„Da, – lese Er!"

Schnell überflog von Habern die Zeilen. „Potztausend, das ist ein Ding!"

Räusperte sich und streckte seinen Rücken durch. „Durch­laucht seid unbesorgt, bis jetzt keine Anzeichen in der Kurpfalz sichtbar, werde dafür sorgen, dass auch keine sichtbar werden."

Der Marschall drehte das Schreiben um. „Schau an, da ist ja noch ein Steckbrief angeheftet. Scheint doch etwas Ernsteres zu sein. Einer der Gesuchten wird recht ausführlich beschrie­ben, sogar sein Konterfei ist abgebildet. Große Gestalt, sieht eher wie ein Edelmann aus. Wildes, schwarzes, halblanges Haar, dunkle Augen, buschige Augenbrauen und einen Leder­handschuh an der rechten Hand. Vielleicht fehlen ihm die bei­den Schwurfinger, der Mann ist jedenfalls besonders gefähr­lich!"

Sogleich folgerte der Kommandant: „So wie der aussieht, müsste er leicht zu finden sein."

Dann verzog er seine Lippen zu einer Schnute und grinste: „Den Burschen ist anscheinend der Boden im Hochstift zu heiß geworden."

Von Habern reckte den Hals, wölbte die Brust und gab seinen Kommentar ab:

„Durchlaucht, spätestens in zwei Wochen sitzen die Spitzbu-ben in den Kasematten und verfaulen bei lebendigem Leib. Dort ist viel Platz zum Sterben."

„Verstehe, Er will mich beruhigen, aber Er hat noch mit kei­nem Ton gesagt, was Er tun wird. Hat Er eine Idee? Eine kon­krete Vorgehensweise oder stochert Er im Nebel herum?"

Der Oberhofmarschall winkte den Türsteher zu sich: „Schwertfeger soll kommen! – Er wandte sich wieder seinem Dienstherrn zu. „Durchlaucht, der Schlossweibel, mein bester und verlässlichster Mann, kennt keine Skrupel und ist gerissen wie zwei Füchse zusammen. Er sollte mit der Suche beauftragt werden.

Kurz darauf erschien eine Gestalt – hager, eingefallene Wan­genknochen, aber glühende Augen voller Lust und Laster. So einem sollte man lieber nicht bei Nacht begegnen.

„Schwertfeger, Er weiß, um was es geht? Was sagt Er dazu?"

Der Angesprochene fiel sofort und unaufgefordert vor dem Landesherrn auf die Knie. Das sollte eine wirkungsvolle Geste sein, die eher seine Loyalität unterstrich als seine ehrliche Ab­sicht. Mit listiger Stimme und zugekniffenen Augen stellte er seinen Plan vor: „Durchlaucht und erhabener Gebieter, erlaubt, dass ich frei spreche. Mit Speck fängt man Mäuse, will sagen, dass es gut wäre, wenn ein Kopfgeld auf diese Erzgauner aus­gesetzt werden würde. Bisher hat diese Taktik immer zum Ziel geführt. Meine Leute werden in allen Schenken, Hurenhäusern und Badestuben einen Köder auswerfen. Ich persönlich glaube jedoch, dass sich die Burschen eher in den Dörfern der Umge-bung aufhalten."

Vor Freude, aber völlig unangemessen, klatschte er in die Hände. „Auch wenn das Bauernpack wie Pech und Schwefel zusammenhält, einer redet immer. Und wenn wir einige von denen mit blankem Hintern auf einen glühenden Ofen setzen, wird so mancher seinen Mund aufmachen."

Das hätte er so nicht sagen sollen. Augenblicklich verfins­terte sich die Miene des Kurfürsten und es war zu erwarten, dass er den ungehobelten Kerl auf der Stelle in den Kerker werfen ließ. Nur die einlenkenden Worte des Marschalls konn­ten das Schlimmste verhindern. Schließlich schien der Kurfürst mit der Vorgehensweise einverstanden zu sein, doch wollte er bei der gesamten Aktion im Hintergrund bleiben. Sein Name durfte nicht genannt werden. Sollte die Sache schiefgehen – das Gespräch hätte nie stattgefunden! Er wollte nach außen eine weiße Weste tragen. Das Glöckchen ertönte. Das war das Zeichen, dass die Unterredung bezüglich der Unterwanderung der Pfalz beendet war, nur Ritter Eitel und Buchholz sollten bleiben. „Meine Herren, ich überlege schon die ganze Zeit, wie ich meiner Schwester

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