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Mord in zwei Teilen: Österreich Krimi. Paul Pecks sechster Fall
Mord in zwei Teilen: Österreich Krimi. Paul Pecks sechster Fall
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eBook350 Seiten4 Stunden

Mord in zwei Teilen: Österreich Krimi. Paul Pecks sechster Fall

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Über dieses E-Book

"Die Leiche war fürchterlich zugerichtet. Sie lag auf dem Rücken, die Arme zur Seite gestreckt. Fassungslos starrte er einige Sekunden auf den blutverschmierten Körper, dessen linker Arm merkwürdig verrenkt war."
Der Fall beginnt ganz harmlos. Paul Peck ermittelt undercover in einer Firma, in der unerklärliche Dinge vor sich gehen. Rasch stößt er auf eine alte Geschichte - an der er besser nicht gerüttelt hätte - und auf eine Leiche. Nach und nach kommt Peck den tatsächlichen Geschehnissen auf die Spur - doch der Täter ist bereits dabei, den zweiten Teil seines mörderischen Plans in die Tat umzusetzen...

SpracheDeutsch
HerausgeberFederfrei Verlag
Erscheinungsdatum13. Sept. 2018
ISBN9783990740316
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    Buchvorschau

    Mord in zwei Teilen - Max Oban

    Tessa

    Personen

    Adi Aybl: Inhaber des gleichnamigen Sportgeschäfts.

    Gundula Blau: Ergebene und herb-hübsche Pflegerin im Hause Schober.

    Braunschweiger : Zeitweise mit Lernfähigkeit ausgestatteter detektivischer Epigone.

    Alfons Fuchsberger: Sperriger Stiefvater Paulas und zweiter Ehemann Ediths.

    Edith Fuchsberger: Geschiedene (und wieder verheiratete) Mutter Paulas.

    Dr. Gisela Geldwerter: Notarin in Prien am Chiemsee.

    Jürgen Horvath: Technikchef der Fa. Radauer.

    Roswitha Kerr: Frühere Freundin Thomas Langers.

    Andreas Kiguma: Dunkelhäutiger und verdächtiger Ex-Freund Paulas.

    Volker Kogler: Gefährlicher und selbstbewusster Einkaufsleiter der Fa. Radauer.

    Notburga Krottenthaler: Geduldige Chefsekretärin in der Fa. Radauer.

    Horst Kumpfmüller: Korrupter Inhaber des gleichnamigen Zulieferbetriebes.

    Thomas Langer: Höchst verdächtiger Freund Paulas.

    Anna & Walter Langer: Eltern Thomas Langers.

    Giulia Mazzotti: Attraktive Bewohnerin eines Hauses an der kroatischen Küste.

    Miriam Oppolzer: Auf der falschen Seite agierende Privatdetektivin.

    Paul Peck: Chef des Detektivbüros SERIOSITÄT UND DURCHBLICK.

    Conrad Radauer: Inhaber der Radauer GmbH und Pecks erster Auftraggeber.

    Paula Schober: Mitarbeiterin Radauers und Anwärterin auf die erste Roman-Leiche.

    Ralf Schober: Paulas Bruder und zweiter Auftraggeber Pecks.

    Herbert Schober: Greiser Vater von Paula und Ralf.

    Sophia: Buchhändlerin in Salzburg und Paul Pecks verständnisvolle Gefährtin.

    Chris Stricker: Eigentlich Christina Stricker: Entfernte Freundin Paulas

    Einen Kriminalfall zu lösen, ist nicht schwierig.

    Man sammelt zuerst sämtliche zugänglichen Informationen,

    schließt alle logischen Lösungen aus,

    die verbleibende unlogische ist dann unweigerlich

    die einzig richtige Wahrheit.

    Sherlock Holmes

    Prolog

    Sie hatte keinen Blick für die Schönheit der bizarren Felsenlandschaft und das Meer im Hintergrund mit der schemenhaft erkennbaren Linie, an der das Wasser und der blaugraue Himmel zusammentrafen. Ein warmer, salziger Wind, der vom Meer herkam, trieb die Wellen gegen die Felsbrocken am Ufer.

    Sie beschleunigte ihre Schritte und folgte dem steinigen Pfad nach rechts die Bergkuppe hinauf. Unentschlossen blieb sie an einer Stelle stehen, an der sich der Weg gabelte und von wo aus man einen letzten Blick auf die ineinander verschachtelten Dachvorsprünge und die wuchtigen Holzbalkone des Hotels hatte. Wieder stiegen die Bilder der Bedrohung in ihr auf, und panisch suchte sie die Umgebung des Hotels ab, konnte aber niemanden erkennen. Vielleicht hatte sie sich alles nur eingebildet.

    Sie drehte sich um, und der Wind blies ihr ins Gesicht. In der Ferne glaubte sie die Silhouette eines Menschen zu entdecken. Mit der Hand über den Augen erblickte sie eine Frau in einem glockenförmig schwingenden Kleid und einen Hund, der sie unruhig umtänzelte.

    Nach einigen Schritten blieb sie schwer atmend stehen. In welche Richtung sollte sie sich wenden? Nach links in Richtung des Hügels, hinter dem die Frau mit dem Hund gerade verschwunden war, oder hinunter zum Strand, wo sie versuchen könnte, sich zwischen den Felsen zu verstecken. Sie lief ein Stück den holprigen Weg weiter und stolperte dann den Abhang hinunter. Hier, zwischen den hoch aufragenden Felstrümmern fühlte sie sich etwas geborgen. Hier würde niemand sie entdecken. Einfach hier sitzen bleiben, ein ganzes Leben lang. Oder zumindest bis zum Abend. Bis die Dunkelheit hereinbrach und keiner sie mehr sehen konnte. Falsch, dachte sie. Er weiß, wo du bist. Du musst weiter.

    Langsam hob sie den Kopf und sah hinunter, wo sie hinter den Felsen den Strand wusste. Sie richtete sich auf, rutschte aus und wäre fast die abschüssige Geröllhalde hinuntergestürzt. Zurück auf den Weg konnte sie die Flucht nicht riskieren, dort wäre sie für jeden zu sehen. In Panik hetzte sie die steinige Böschung hinunter, wo sie auf einem Felsvorsprung kurz verschnaufte. Die Angst kam zurück, und sie spürte einen stechenden Schmerz in ihrer Brust. Sie versuchte, logisch zu denken, doch in ihrem Kopf war nichts außer Leere. Waren da Stimmen? Sie hob den Kopf.

    Nein. Alles ruhig. Nur das Geschrei der Möwen und das rhythmische Rauschen der Wellen, die gegen die Felsen schlugen. Verdammt! Warum war sie hierher gefahren? Wie schön wäre es jetzt zu Hause. Ohne Gefahr. Dort würde sie jemanden finden, der sie beschützte. Ohne Gefahr. Zu Hause. Oder unter Leuten. Beschützt.

    Aber hier? Kein Ausweg. Keine Fluchtmöglichkeit. Nur hohe Felsen und dahinter das Meer. Und der Mann, der hinter ihr her war.

    Wo war ihr Verfolger geblieben? Schritt für Schritt ging sie Richtung Strand weiter, bis ihre Füße vom Wasser umspült waren. Unbeirrt watete sie weiter, kletterte über flache Steine, die mit Moos überwachsen und teuflisch glatt waren, als sie wieder die Stimme vernahm, die diesmal ihren Namen rief. Um Gottes willen. Die Stimme!

    Angsterfüllt tastete sie sich weiter den steil aufragenden Felsen entlang. Dann entdeckte sie die Höhle. Der Eingang befand sich hinter dem vorspringenden Felsbrocken und war gerade breit genug, dass sie sich hindurchzwängen konnte. In Panik kletterte sie über Schutt und Geröll, betrat die Höhle und atmete tief durch. Die Beine drohten ihr zu versagen, und ihre Kehle war ausgedörrt. Sie sah sich um und wusste nicht, ob sie sich gefangen oder geschützt vorkommen sollte.

    1. Kapitel

    Der Dicke schwitzt, dachte die Sekretärin, als sie das Büro ihres Chefs betrat, der gerade hektisch in einem Ordner blätterte, dessen Inhalt sie kannte. Eine gute Sekretärin hat alle Aktenordner samt ihren Inhalten zu kennen, insbesondere, wenn sie unangenehmer Natur sind.

    Radauer warf seine Füllfeder auf den Tisch und nahm seine Brille ab. »Schweißtreibend und schwül ist es.« Er klappte den Aktenordner zu und wischte sich mit dem Taschentuch über die Stirn.

    Notburga hatte den Eindruck, als ob ihr Chef diesen Morgen seine massige Gestalt in einen besonders engen Anzug gezwängt hatte, hellgrün mit zart angedeuteten dunkelgrünen Querstreifen. Wie ein riesiger, übergewichtiger Frosch. Unruhig wippte er auf seinem Drehstuhl auf und ab, was sein Gesicht noch dunkelroter machte und die Adern an seinem Hals noch deutlicher hervortreten ließ. Notburga wartete darauf, dass sie einmal platzten.

    »In unserer Firma läuft einiges in die falsche Richtung. Und jetzt noch dieser Brief.«

    Er patschte mit seiner Hand auf ein zusammengefaltetes Schreiben, das neben dem Telefon lag.

    Sie öffnete das Fenster, drehte sich um und nickte ihm zu. »Ich habe vor einer Stunde kurz mit Controlling-Paula gesprochen.«

    »Controlling-Paula?«

    »Paula Schober … die Unterlagen in der Mappe hat sie heute früh in Ihren Eingangskorb gelegt. Mitsamt dem Einschreibebrief von der Behörde.«

    Die Sekretärin deutete zuerst auf den Aktenordner, dann auf ihn. »Was haben Sie da im Mund?«

    »Ich bin dabei, mir das Rauchen abzugewöhnen.« Er nahm das Röhrchen aus dem Mund und betrachtete es skeptisch. »Eine E-Zigarette … versorgt mich mit der lebensnotwendigen Nikotindosis, aber ohne Teer in der Lunge.«

    Radauer lachte, verschluckte sich und begann zu husten, was in einem krampfartigen Röcheln endete. Sein rotes Gesicht war bläulich angelaufen.

    »Die E-Zigaretten tun mir gut«, japste er, erhob sich halb und zog in leicht gebückter Haltung sein Sakko aus, das in den Abmessungen einem Dreimannzelt glich.

    »Ihre Blicke zeugen von großer Skepsis«, sagte er.

    Während sie am Schreibtisch vorbeihuschte, beobachtete sie mit Bestürzung, wie sein Bauch über den Hosenbund quoll und gegen die Schreibtischkante drückte.

    »Ich fühle mich für Sie verantwortlich.«

    Er grunzte. »Sie sind meine Sekretärin und nicht meine Frau.«

    Natürlich war sie nur die Sekretärin, aber Notburga war überzeugt, dass die Vorsehung oder vielleicht sogar Gott persönlich jedem Menschen eine arme Seele zugeteilt hat, um die er sich zu kümmern habe. Und so fühlte sie sich bereits seit mehr als zwanzig Jahren für Conrad Radauer verantwortlich, nicht nur für die Telefonate und all die Schreibarbeit im Büro, sondern auch für sein tägliches Wohlbefinden und die Gesundheit. Obwohl sie bereits seit Jahren eng zusammenarbeiteten, duzten sie sich nicht, redeten sich nicht einmal mit dem Vornamen an. Sie war Frau Krottenthaler und er Herr Radauer.

    Er ließ sich im Sessel zurückfallen und sah sie über seine Lesebrille hinweg an.

    »Die Schober soll zu mir kommen. Sofort!«

    Einige Minuten später betrat Paula Schober das Büro.

    »Nehmen Sie Platz.« Er legte seine rechte Hand auf den Aktenordner vor sich. »Ich habe Ihren Report gelesen und leider auch das Schreiben des BKA.« Er blätterte in der Mappe, bis er den Brief gefunden hatte, und wedelte mit der Hand Frau Krottenthaler zu, die immer noch in der Tür stand. »Schließen Sie die Tür, bitte. Und ab jetzt keine Störung. Und kein Anruf.«

    »Absender: Abteilung sieben des Bundeskriminalamts, Kompetenzzentrum Wirtschaftskriminalität … da ist von ernsthaften Verdachtsmomenten die Rede, von Bestechung und illegalen Geldflüssen. Erzählen Sie mir, was Sie herausgefunden haben.«

    »Es gibt tatsächlich Hinweise, dass sich jemand aus unserer Firma in … sagen wir mal … nicht ganz saubere Geschäfte eingelassen hat.«

    »Nicht ganz saubere Geschäfte … ich kann mir in meiner Firma keinen Bestechungsskandal leisten. Geht es um Geldflüsse zu einem unserer Leute, und wenn ja, von wem? Einem unserer Zulieferanten?«

    »Das recherchiere ich gerade. Ich habe mir den Bestellverkehr des letzten Jahres angesehen. Wir vergeben jährlich Aufträge an mehr als dreißig Firmen.«

    »Also sitzt der Schweinehund im Einkauf.«

    Sie zuckte mit den Achseln. »So weit bin ich noch nicht. Aber vom Aufgabenprofil her durchaus möglich. Wenn nicht sogar wahrscheinlich.«

    »In der Einkaufsabteilung arbeiten doch neun Leute, oder?«

    »Zehn. Inklusive Volker Kogler, dem Chef.«

    »Haben Sie Anzeichen, dass er sich bestechen lässt?«

    Wieder Schulterzucken. »Möglich. Ich bin in den Unterlagen oft auf seinen Namen gestoßen, habe aber noch nichts Belastendes gefunden.«

    »Frau Schober, ich spreche ganz offen mit Ihnen und unter dem Siegel absoluter Verschwiegenheit. Kogler ist ein erfahrener Einkäufer und ein cleverer Hund … wenn er sich von einem unserer Lieferanten bezahlen lässt, stellt er es klug an. Um welche Aufträge könnte es gehen?«

    »Ich bin im Moment dabei, die Rankingliste unserer Zulieferbetriebe durchzuackern. Vielleicht finde ich dort einen Anhaltspunkt.«

    »Neun Facheinkäufer und Kogler als Chef ...«

    Sie sah ihn fragend an.

    »Ich überlege gerade … kann sich einer der Sachbearbeiter bestechen lassen, ohne dass es der Abteilungsleiter mitbekommt?«

    »Jeder werterhebliche Auftrag muss die Unterschrift des Chefs tragen.«

    »Ich weiß.« Er sah sie lange an. »Der Mensch vom BKA will mich nächste Woche aufsuchen. Bis dahin müssen wir mehr wissen.«

    Sie nickte. »Ich tu, was ich kann. Ich habe allerdings einige Tage Urlaub.«

    »Schon wieder?«

    »Wenn Sie so was zu mir sagen, dürfen Sie dabei nicht lächeln. Sie haben meine Urlaubsgenehmigung persönlich unterschrieben.«

    »Wo fahren Sie hin?«

    »Nur ein Kurzurlaub ans Meer. Nach Istrien.«

    »Da wünsche ich Ihnen schönes Herbstwetter und gute Erholung. Sehen Sie zu, dass Sie bis dahin noch einiges herausbringen. Die Sache mit der Polizei macht mir Sorgen. An Korruption ist schon so manches Unternehmen zugrunde gegangen.«

    Sie erhob sich, nickte ihm zu und wandte sich zum Gehen.

    »Noch eine Frage …«, rief er ihr nach.

    Sie stoppte und drehte sich zu ihm. »Ja?«

    »Hat einer der Leute mitbekommen, dass Sie in Unterlagen herumschnüffeln? Jemand aus dem Einkauf vielleicht.«

    »Sie können sich auf mich verlassen …«

    »Noch eine Frage: Haben Sie mit jemandem gesprochen? Über Ihren Verdacht, meine ich.«

    »Natürlich nicht. Warum fragen Sie?«

    »Nur so.« Mit einer unbestimmten Geste entließ er sie.

    Radauer räumte seinen Schreibtisch leer und legte den Aktenordner mit dem Report von Paula Schober in seinen Safe. Sicher ist sicher.

    Bei schönem Wetter ging Radauer zu Fuß nach Hause, wobei er jedes Mal einen anderen Weg einschlug, je nach Laune. Manchmal durchquerte er den Stadtpark, blieb von Zeit zu Zeit beim Kinderspielplatz stehen und beobachtete die jungen Mütter, die mit überkreuzten Beinen auf den Bänken saßen, entspannt miteinander plauderten und dabei stets ein wachsames Auge auf ihre Kinder hatten. An anderen Abenden fühlte er sich nach dem Einkaufstrubel in der Fußgängerzone oder schlenderte gemächlich durch die schmucken Wohnsiedlungen der Neustadt, wo er mitunter eine kurze Pause einlegte, um den halbrunden Erker eines altertümlichen Hauses oder kopfschüttelnd eine protzige Neubauvilla zu betrachten.

    Am Rande des Stadtparks setzte er sich auf eine Bank und dachte über seine Firma nach und die Verantwortung für die Mitarbeiter, die auf ihm lastete. Einer seiner Mitarbeiter spielt falsch. Einer lässt sich schmieren, und das gesamte Unternehmen leidet darunter. Saß der Betrüger im Einkauf? Radauers Puls beschleunigte sich. Korruption, möglicherweise Schwarzgeld, auf alle Fälle Betrug. Das muss rasch aufgeklärt werden. Sonst drohen finanzielle Verluste und Rufschädigung und Gerüchte. Das konnte er sich alles nicht leisten. Er griff in seine Tasche, holte das Handy heraus und wählte eine eingespeicherte Nummer.

    *

    Mit leicht nach vorne gebeugtem Oberkörper und geplagt von heftigen Schmerzen, war Peck die Stiege bis in den fünften Stock hochgekrochen, weil der Lift wieder einmal außer Betrieb war. Nach einer Schönwetterperiode war gestern der Schnürlregen nach Salzburg zurückgekehrt, was wahrscheinlich die Rückenbeschwerden verursachte. In den letzten Jahren war sein Rücken zuverlässiger geworden als jede Wetterstation.

    Johannes-Filzer-Straße sechsundvierzig war ein fünfstöckiger Wohnblock im Salzburger Stadtteil Aigen, von den vielen lärmenden Kindern abgesehen, eine ruhige Wohngegend. Seit seiner Partnerschaft mit Sophia, die ein Haus auf der anderen Seite der Salzach besaß, nutzte er seine Wohnung immer seltener und vorwiegend nur noch, um gelesene Bücher in seine Bibliothek zurückzubringen und gegen neuen Lesestoff zu tauschen.

    Zwei Dinge dominierten in seiner Wohnung: alte, meist dunkelbraun glänzende Möbel und Unmengen von Büchern, gestapelt auf Sideboards und Tischen sowie in den vollgequetschten Wandregalen. Die raumhohen Büchergestelle an beiden Wänden hatten das Vorhaus zu einem schmalen, dunklen Tunnel werden lassen, der von der Eingangstür ins Wohnzimmer führte.

    Neben weiteren Bücherregalen war das Wohnzimmer von einer braunen Ledercouch und einem Lehnstuhl geprägt, seinem Lieblingsplatz mit Leselicht und Tisch für die in unregelmäßigen Abständen wechselnden Büchertürme, Rotwein oder seinen Whisky. Direkt neben seinem Leseplatz lagerten jene Bücher griffbereit im Regal sowie am Fußboden, die er besonders mochte und immer wieder zur Hand nahm: Kafka, Joseph Roth, Wittgenstein und Carl Barks.

    Heute sah es in seiner Wohnung wie nach einem Orkan aus. Peck saß in seinem Lehnstuhl inmitten des Chaos und ärgerte sich über seinen Sohn Peter, der gestern zu einem Kurzbesuch vorbeigekommen war und in Pecks Wohnung eine seiner gefürchteten Partys gefeiert hatte.

    »Nur einige ehemalige Studienfreunde«, hatte Peter gesagt. »Morgen bin ich wieder weg.«

    Kalter Zigarettenrauch hing immer noch in der Luft und hatte sich mit mehreren Parfumgerüchen in nicht aufeinander abgestimmten Duftnoten vermischt. Auf jeder Ablagefläche standen volle Aschenbecher und leere Flaschen. Besonders angesprochen fühlte sich Peck von einer anzüglichen Lippenstiftbotschaft auf dem Badezimmerspiegel.

    Sollte er sich aufraffen und mit einer groß angelegten Reinigungsaktion starten oder diese Ulli, seiner Putzfrau, überlassen, die allerdings turnusmäßig erst nach dem Wochenende dran war.

    Ein Fall für Ulli, dachte er. Nach dieser weitreichenden Entscheidung lehnte er sich entspannt zurück, während sein Blick auf der gerahmten Schwarz-Weiß-Fotografie Sophias hängen blieb, die neben ihm auf dem Tisch stand. Auf dem Bild sah sie ihn lächelnd und mit einer Mischung aus Liebenswürdigkeit und Selbstbewusstsein an. Einem für sie typischen Gemisch.

    Der Mythos der Liebe ist der Leitstern unserer Zeit. Diese Behauptung hatte Peck in einem Artikel der Salzburger Nachrichten gelesen, und darüber sinnierte er nach, während er sich in seinem Lehnstuhl entspannte.

    Das größte Geheimnis eines Menschen besteht nicht darin, wie er sich vom Jugendlichen zum Erwachsenen entwickelt und welche Bildung er sich währenddessen aneignet. Es bezieht sich darauf, welches Verhältnis er zu seinem Lebenspartner einnimmt. Er zum Beispiel hatte ein sehr entspanntes Verhältnis zu seiner Sophia.

    Sein Telefon läutete. Es war Sophia.

    »Ich habe gerade an dich gedacht«, sagte Peck.

    »Zufall.«

    »Es gibt keine Zufälle. Hast du keine Kunden in deiner Buchhandlung, weil du Zeit hast, mich anzurufen?«

    »Ich mache mir Gedanken um dich und dein Detektivgeschäft. Du suchst schon viel zu lange einen Gehilfen, der dir Routinetätigkeiten abnimmt und dich entlastet. Voilà! Du kannst deine Nachforschungen beenden. Ich habe soeben deinen zukünftigen Adlatus eingestellt.«

    »Was hast du?«

    »Seit einem Jahr führst du Bewerbungsgespräche mit allen möglichen Menschen. Damit ist jetzt Schluss.«

    »Sophia … habe ich das richtig verstanden? Du hast jemanden eingestellt?«

    »Den geeignetsten Mann für dich. Sein Name ist Braunschweiger.«

    »Der?! Das ist doch ein Verwandter von dir.«

    »Das Verwandtschaftsverhältnis spielt keine Rolle. Außerdem ist die Verwandtschaft ohnehin kompliziert zu erklären. Er ist so etwas wie ein Cousin zweiten Grades … oder so ähnlich jedenfalls.«

    Peck sortierte, soweit es möglich war, im Kopf Sophias gesamte Verwandtschaft durch. »Braunschweiger … den habe ich mal getroffen, als ich dich zu einem Familientreffen nach Linz begleiten musste …«

    »Nicht musste! … Durfte! Stimmt übrigens. Da saß er im Klosterhof an unserem Tisch.«

    »Ich erinnere mich gut. Der Mann ist ein Anarchist.«

    »Quatsch. Braunschweiger ist ein ganz normaler Main­stream-Zeitgenosse. Für den ist Anarchie schon, wenn er ein Stück Käse im Kühlschrank mal ins Gemüsefach legt.«

    »Was kann der eigentlich? Ist er arbeitslos?«

    »Er arbeitet im Security Management für einen Industriebetrieb, verantwortlich für die Tiefgaragen-Observierung.«

    »Also Nachtwächter.«

    »So ungefähr könnte man es ausdrücken. Er wird dir ewig dankbar sein, wenn er für dich arbeiten darf.«

    »Sophia, der Mann ist ein Trottel.«

    »Ist er nicht.«

    »Dann ist er doof.«

    »Maximal semi-doof. Paul, man muss ihm eine Chance geben.«

    »Wenn ich das schon höre … eine Chance geben. Sophia, der ist mindestens Mitte vierzig.«

    »Na und? Das bin ich auch.«

    »Aber du hast Matura und ein Studium … und was hat er?«

    »Hauptschule.«

    »C-Zug.«

    »B-Zug. Er kommt morgen zu dir ins Büro.«

    Peck stöhnte laut auf. »Braunschweiger … das geht nicht!«

    »Doch, das geht. Ich warne dich. Wenn du meinen Cousin zweiten Grades nicht einstellst, ist hier nicht genügend Platz für uns beide.«

    Peck dachte einen Augenblick nach. »Aber dein Haus ist doch groß genug.«

    »Ich rede nicht vom Haus. Ich spreche von der Stadt.«

    *

    »Kommen Sie mit!« Julius Herzog winkte ihm kurz zu und zeigte auf die breite Treppe, die, so wusste Braunschweiger bereits, ins Untergeschoss und dann weiter in die Tiefgarage führte.

    Er arbeitete erst seit wenigen Tagen als Nachtwächter bei der Firma Herzog & Söhne, und es war keine wirklich erfolgreiche Woche gewesen. Am ersten Tag wurde ein Golf Cabrio aus der Tiefgarage gestohlen, am dritten Tag fehlten ein Opel Astra und bei einem funkelnagelneuen Citroën alle vier Reifen. Dabei hatte Braunschweiger drei Mal in der Nacht seine Runden durch die ungemütlich kalte Garage gedreht, ohne auf suspekte Personen zu stoßen.

    Man muss sich bis zum Äußersten in die Pflicht nehmen und mehr tun als nur beobachten und herumgehen, sagte er sich dann und beschloss, an der Tür jedes geparkten Autos zu ziehen, um zu prüfen, ob auch alle abgeschlossen waren. Okay, dachte er hinterher, möglicherweise hatte er zu rasch der Versuchung nachgegeben, ein wenig auszuruhen, als er bei einem der Kontrollgänge auf einen alten Opel mit ausländischer Nummer stieß, der unversperrt war.

    Getrieben von der trefflichen Idee, im Wagen nach Hinweisen auf den Besitzer zu suchen, kroch Braunschweiger ins Innere des Autos. Finde ich eine Telefonnummer, rufe ich den Eigentümer an, dass er umgehend herkommen und sein Auto versperren soll. Außerdem würde er sogar eine Verwarnung wegen Verletzung der Aufsichtspflicht aussprechen. Das eigentliche Problem begann harmlos, indem Braunschweiger die weich gepolsterten Sitze des Wagens schätzen lernte. Außerdem genoss er die verführerische Wärme im Auto, und er hätte hinterher schwören können, dass er nicht länger als drei Stunden eingenickt war. Jedenfalls fehlte plötzlich ein Mercedes, was eine riesige Aufregung verursachte. Dabei war es nur eine A-Klasse mit popeligen neunzig PS.

    Mit blechernem Klang fiel die Eisentür ins Schloss, als Julius Herzog unter einer der trüben Neonlampen stehen blieb und Braunschweiger einen Zettel in die Hand drückte.

    »Letzte Chance.« Er deutete auf das Papier. »Wie ich es Ihnen im Büro bereits erklärt habe … diese fünf Punkte werden Sie heute genauestens beachten und exakt in dieser Reihenfolge. Und wenn auch nur ein Liter Diesel aus einem der Autos geklaut wird, sind Sie gefeuert. Haben wir uns verstanden?«

    »Wenn Sie mich so fragen … annäherungsweise.« Braunschweiger nickte mehrmals, sodass seine Frisur durcheinandergeriet. »Ich werde heute besonders auf Draht sein, Herr Herzog.«

    »Ich werde in die Garage kommen und Sie kontrollieren. Vergessen Sie das nicht.«

    »Ich werde es nicht vergessen, Herr Herzog.«

    Was für eine simple Aufgabe, sagte er sich und zog aufmerksam seine Runden durch die riesige Garage, ersann dann ein intelligentes System, indem er mehrmals im Zuge eines Kontrollgangs die Richtung und Marschgeschwindigkeit wechselte. Das Überraschungsmoment ist der Erfolgsfaktor, dachte er und baute in sein System zusätzliche intelligente Optimierungen ein. Beispielsweise blieb er einige Sekunden im Schatten einer der dicken Säulen stehen und sprang dann blitzartig hervor. Bei dieser Überwachungsmethode würde kein Autodieb erfolgreich sein. Herr Herzog kann ruhig kommen und seine Aufmerksamkeit überprüfen. Braunschweiger wird auf dem Posten sein.

    Im Verlauf der nächsten Stunde machten sich erste Ermüdungserscheinungen bemerkbar, die er jedoch mit eisernem Willen im Griff hatte. Die wirklich dramatischen Ereignisse begannen erst in der dritten Stunde, als er plötzlich ein verdächtiges Geräusch hörte. Sein Herzschlag beschleunigte sich. Er lief einige Schritte, dann stoppte er und horchte.

    Da waren Schritte, die sich zuerst rasch entfernten, dann näher kamen. Mit dem Fuß stieß er gegen ein Hindernis, das sich als kurzes eisernes Rohr entpuppte. Eine wirksame Waffe. Braunschweiger umklammerte das Rohr und eilte in die Richtung, aus der die Geräusche kamen.

    In diesem Moment erloschen die Leuchtstoffröhren an der Decke, und er stand im Dunklen. Nach einigen Sekunden fand er einen Lichtschalter, sah sich um und entdeckte, dass er in ein riesiges Labyrinth aus Gängen, Nischen und Fahrwegen geraten war, das ihm vorher noch nicht aufgefallen war. Rechts zweigte ein dunkler Gang ab, aus dem Braunschweiger ein Geräusch vernahm. Ein leises Scharren.

    Langsam schob er sich in der Dunkelheit vorwärts und hoffte, einen der Autodiebe in flagranti zu erwischen. Wieder drang das leise Kratzgeräusch an sein Ohr. Von rechts. Er blieb stehen und horchte in die Dunkelheit. Nichts. Nur sein eigener Herzschlag. Geräuschlos schob er sich einige Meter nach vorn, als plötzlich von irgendwo warme Luft in den Gang strömte. Braunschweiger bewegte seinen Kopf langsam nach vorne, und während er noch seinen Mut bewunderte, sah er um die Ecke. Er erstarrte.

    Wenige Meter vor sich nahm er einen dunklen Schatten wahr. Der Autodieb! Jetzt, dachte er, jetzt konnte er seinen Mut und die Kraft seiner Schläge beweisen. Wieder lugte er vorsichtig um die Ecke, wo er in dem kargen Licht einer entfernten Deckenlampe den Schatten eines Mannes wahrnahm, der auf ihn zukam. Er zählte langsam bis vier und holte tief Luft. Dann sprang er nach vorne und schlug mit dem Eisenrohr auf den Schatten ein.

    »Du stinkendes Arschloch«, zischte Braunschweiger und donnerte das schwere Rohr noch einmal auf den Kopf des Mannes, der kurz aufstöhnte und dann wie in einem Wildwestfilm mit geknickten

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