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Standgericht: Kampf um Aachen
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eBook277 Seiten3 Stunden

Standgericht: Kampf um Aachen

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Über dieses E-Book

Im September 1944 gelingt Feldwebel Helmut Klingler in einem belgischen Dorf westlich von Aachen die Flucht aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft. Klingler, schafft es bis zu seiner alten Einheit. Sie werden in einem Bunker von den Amerikanern eingekesselt. Er entkommt erneut. Auf seiner Flucht beobachtet er SA-Männer, die einen Jungen beim Plündern erschießen. Er bringt sie um und gilt fortan als Mörder und Deserteur. Ihm droht eine Verurteilung durch das Standgericht. Er würde diese Tat mit seinem Leben bezahlen. Klingler begegnet Jacqueline, die er in der Nähe von Mons schon einmal in einer Gefangenenkolonne gesehen hatte. Ebenso wie er ist sie auf der Flucht. Ihr gemeinsames Schicksal schweißt sie zusammen. Im zerbombten Aachen kämpfen sie ums Überleben.
SpracheDeutsch
HerausgeberEdition Förg
Erscheinungsdatum16. Juli 2014
ISBN9783933708762
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    Buchvorschau

    Standgericht - Franz Taut

    Der Ablauf des militärischen Geschehens entspricht der geschichtlichen Wahrheit. Die Namen der handelnden Personen sind frei erfunden. Eventuelle Ähnlichkeiten sind daher rein zufällig.

    Vollständige E-Book-Ausgabe der im Rosenheimer Verlagshaus erschienenen Originalausgabe 2014

    ©2018 Edition Förg, Rosenheim

    www.rosenheimer.com

    Lektorat und Satz: VerlagsService Dr. Helmut Neuberger & Karl Schaumann GmbH, Heimstetten

    Titelfoto: © Bundesarchiv, Bild 101I-301-1951-07A / Fotograf: Kurth

    eISBN 978-3-933-70876-2 (epub)

    Inhalt

    Standgericht

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    www.rosenheimer.com

    Im Ganzen waren sie vier Mann, darunter ein Feldwebel, und es geschah im September 1944 in einem belgischen Dorf westlich von Aachen.

    »Alles Märchen«, sagte der Obergefreite mit dem Kopfverband und zeichnete mit dem Zeigefinger ein großes »S« in den schwarzgrauen Staub, in dem er saß. Er hatte kein Koppel mehr. Sie alle hatten keine Koppel, keine Waffen, keine Gasmasken, und nur drei von ihnen besaßen Kochgeschirre.

    »Märchen«, wiederholte der Obergefreite und malte hinter das »S« ein kleines »c«. »Das haben sie sich nur ausgedacht, damit man uns leichter erwischt. Konserven. Schokolade. Weißbrot. Zigaretten. Butter. Whisky. Dass ich nicht lache!« Wütend schrieb er hinter das »c« ein »h«. »Nicht mal Wasser will er uns geben.«

    Der Feldwebel sah auf den schmutzigen Zeigefinger des Obergefreiten und wartete auf das »e« nach dem »h«. Er wusste genau, was der Obergefreite schreiben wollte. Nach dem »e« musste ein »i« kommen und so weiter, bis das meistgebrauchte Soldatenwort im Staub geschrieben stand. Aber der Obergefreite wischte mit einer schnellen, ärgerlichen Bewegung das »Sch« aus und sah empor zu dem amerikanichen Posten.

    »So’n Kerl!«, sagte er. »Schaut ihn bloß mal an: Wie im Kino!«

    »Shut up!«, knurrte der Posten und spuckte durch die Zähne. Er war lang, schlaksig, der Stahlhelm saß ihm tief im Genick, sein Gesicht war hager, verstaubt, sehr dunkel und sehr müde. Mit ausgestreckten Beinen saß er auf einem wackligen Stuhl, den er irgendwo aufgetrieben hatte, balancierte auf dessen Hinterbeinen, die Lehne gegen die brandschwarze Mauer des zerschossenen Hauses gestützt, und aus dem Mundwinkel hing ihm eine Zigarette.

    »Schwarz wie die im Kino – er müsste bloß noch nackt sein.«

    »Und bemalt«, sagte der Feldwebel.

    Er hieß Helmut Klingler, war 24 Jahre alt, man konnte ihn aber auch auf 30 schätzen. Das Alter war in jenen Tagen einem Mann nicht genau anzusehen. Er hatte ein mageres, verhärtetes Gesicht, seine Augen waren enttäuscht und gehetzt, und er konnte immer noch nicht begreifen, wie er hierhergekommen war. Ein Gefangener! Prisoner of War auf Englisch, wie er sich aus seiner Schulzeit dunkel erinnerte.

    »He!«, sagte er hinauf zum Posten, aber dieser rührte sich nicht, und der Feldwebel sagte wieder: »He, du!« Und nach einer Weile setzte er auf Englisch hinzu: »Wasser! Brot! Durstig! Hungrig!« Und wieder deutsch: »Verstehst du?«

    Als Feldwebel fühlte er sich auch in der Gefangenschaft für die anderen verantwortlich, obwohl er keinen von ihnen kannte. Und dem Obergefreiten mit dem Streifschuss über dem rechten Ohr ging es nicht gut.

    Der Schwarze warf die Zigarette weg und zertrat sie mit dem Absatz.

    Der Obergefreite sah gierig auf die zertretene Kippe. »Mensch, jetzt ’ne Zigarette!«

    »Sag’s ihm doch«, sagte ein Unteroffizier, ein dicker Mann mit einem rosigen Gesicht.

    »He, du! «, sagte der Feldwebel zum dritten Mal, jetzt lauter.

    Der Posten sah ihn an, seine Augen waren schwarz, abwesend und müde. Sie fielen ihm fast zu, und der Feldwebel zeigte auf den verwundeten Obergefreiten: »Er krank. Kopf kaputt, verstehen? Wasser. Er muss sterben, wenn kein Wasser! Verstehen?«

    »Shut up!«, sagte der Posten und schloss die Augen.

    »Dem ist das ganz wurscht«, sagte der Obergefreite bitter. »Krepieren oder nicht … aber den Gefallen tu ich ihm nicht!«

    »Nix sprecken!«, sagte der Posten mit geschlossenen Augen.

    »Deutsch kann er auch noch«, knurrte der Unteroffizier grinsend.

    »Gleich schläft er ein!«, stellte der Obergefreite fest.

    »Er ist halt müde«, sagte der Unteroffizier gutmütig.

    »Und unser Leutnant hat erzählt, zehn Amerikaner hauen ab, wenn einer von uns daherkommt«, sagte ein Gefreiter mit einer runden Nickelbrille spöttisch.

    »Shut up, damned … Krauts!«, fluchte der Posten, räkelte sich, gähnte und blinzelte in die untergehende Sonne. Dann sah er die Straße hinab, die durch das belgische Dorf führte. Er wartete auf den Lastwagen, der die Deutschen weiter nach hinten bringen sollte. Aber nur ein paar Zivilisten waren zu sehen, die sich auf der Straße herumdrückten. Manche von ihnen trugen Armbinden, Gewehre oder Maschinenpistolen. Die Taschen ihrer Jacken waren ausgebeult von Handgranaten und Munition. Partisanen!

    Der Feldwebel dachte: Wenn er … vielleicht … wenn er einschläft, dann könnte ich …

    Dieser Gedanke war so scharf und deutlich, dass er ihm fast weh tat. Er duckte sich zusammen. Wenn er einschläft … wenn er die Augen zumacht …

    Die Sonne stand rot wie eine riesengroße Orange über einem Kamm schwarzer Fichten. Warum kam keiner und brachte sie weg? Ein magerer Hund schnüffelte in einer ausgebrannten Ruine. Kalter Brandgeruch mischte sich mit dem Geruch nach Staub und mit dem süßen Kleeduft einer abgemähten Wiese. Auf der Wiese lag eine verendete Kuh, aufgedunsen, die Beine hochgereckt. Ein Zivilist rief auf Französisch etwas zu ihnen herüber, hob drohend die Maschinenpistole und verschwand dann in einem Haus.

    »Die möchten uns am liebsten auffressen«, sagte der Obergefreite. »Und der da würde nicht mal den Finger krumm machen zu unserem Schutz!«

    Der Feldwebel spann den Gedanken weiter: Wenn er einschläft … er braucht nicht mal richtig einzuschlafen.

    Dabei sah er auf die Trommelrevolver des Postens, deren Kolben beiderseits des Stuhles aus dem festen, olivgrünen Gewebe heraussahen. Er brauchte nur … nur eine Waffe, und dann weg, dachte er.

    Der Posten zündete sich eine neue Zigarette an. Alle verfolgten mit gieriger Aufmerksamkeit seine Bewegungen – alle, außer dem Gefreiten mit der runden Nickelbrille. Er sah Klingler an, dessen Blick zu den Revolvern er bemerkt und wohl richtig gedeutet hatte.

    »Machen Sie bloß keine Dummheiten, Feldwebel!«, murmelte er so, dass nur Klingler ihn hören konnte.

    Der Feldwebel fuhr zusammen.

    »Endlich ist es uns gelungen«, sprach der Gefreite nach einer Weile leise weiter, »in Gefangenschaft zu kommen, ohne dass wir uns ins Gesicht spucken müssen. Verstehen Sie? Für uns ist der Krieg aus. Machen Sie bloß keinen Unsinn!«

    Klingler sah den Gefreiten an – ein bleiches, helles und entschlossenes Gesicht in der Dämmerung vor der rauchschwarzen Mauer.

    Er sagte: »Gedankenleser, was? Reif für den Zirkus?«

    Es sollte ironisch klingen, aber seine Stimme zitterte.

    »Ich spreche für uns alle«, sagte der Gefreite ernst. »Wir sind nicht übergelaufen. Wir wollen nicht mehr.«

    »Du sprichst aber nur für dich selbst«, sagte der Obergefreite.

    Der Posten drehte sein mageres, von den Strapazen der vergangenen Wochen gezeichnetes Gesicht zu ihnen. »Nix sprechen!«, sagte er schläfrig und ohne Nachdruck.

    Schäbiger Hund, dachte der Feldwebel und sah den Gefreiten an. Sicher gehörte er zu denen, die Männern wie ihm, dem Feldwebel, auf dem langen Rückzug durch Frankreich »Kriegsverlängerer« nachgerufen hatten. Kriegverlängerer … als sei der Krieg wirklich verloren. Aber das war er nicht. Feldwebel Klingler wollte es nicht glauben. Und er konnte es nicht. Er hatte zu sehr für den Sieg gelebt. Es war ihm unmöglich, sich selbst einzugestehen, alles sei umsonst gewesen. Dreimal verwundet, einmal schwer. Und die anderen? Würden die mitmachen?

    Die Sonne war hinter der gezackten Kulisse der Fichtenwipfel verschwunden. Ein paar rosiggraue Wolken standen darüber. In der Ferne rumorten Panzer. Drei silbern glitzernde »Mustangs« flogen in großer Höhe heimwärts.

    Wo standen jetzt wohl die Eigenen, Hauptmann Geis? Vielleicht schon am Westwall.

    Und der Feldwebel dachte: Dort werden die Amis nicht durchkommen. Nie!

    »Macht ihr mit?«, fragte er mit einer Stimme, die möglichst beiläufig klingen sollte.

    »Klar«, sagte der Obergefreite, »aber wie?«

    Und der Unteroffizier meinte schwankend: »Na, ich weiß nicht …«

    »Nein«, sagte der Gefreite entschlossen.

    Also drei gegen einen.

    Das Kinn des GI lag auf der Brust. Schlief er?

    Jetzt, dachte der Feldwebel, aber er rührte sich nicht. Er konnte es nicht glauben. Wie konnte ein Posten schlafen, der vier Gefangene zu bewachen hatte?

    Feldwebel Klingler sah die Straße hinab und bemerkte eine dunkle Gruppe Zivilisten. Bewaffnet. Sie werden hinter uns herschießen, aber die meisten sind schlechte Schützen … Als wäre sie selbstständig geworden, von eigenem Leben erfüllt, unabhängig vom Willen des Feldwebels, tastete seine Hand vor. Sie zitterte nicht. Sein Körper folgte der Hand und schob sich auf den Posten zu. Es kam ihm vor wie Stunden und dauerte doch nur Sekunden.

    Langsam! Ich kenne diese Müdigkeit – wenn man so müde ist wie dieser Schwarze, wird einem alles egal. Man möchte nur noch schlafen. Herrgott, lass ihn schlafen! Wie lange hat er nicht mehr geschlafen?

    Nur noch einen halben Meter. Nur noch zwanzig Zentimeter.

    »Feldwebel!«, zischte die Stimme des bebrillten Gefreiten.

    Klingler kümmerte sich nicht um sie. Er streckte den Arm aus. Seine Fingerspitzen berührten den Revolverkolben. Das Holz war glatt, kühl, abgegriffen.

    »Feldwebel!« Die Stimme des Gefreiten war lauter.

    Klingler rührte sich nicht. Ich werde das Schwein erschießen, dachte er, ich werde ihn erschießen, wenn er mir … der verfluchte Hund, ich werde ihn …

    »Weiter, machen Sie weiter!«, sagte die Stimme des Obergefreiten. Sie war dünn und flach vor Anspannung.

    Der Posten fuhr zusammen. Sein Kopf hob sich ruckartig, und der Stahlhelm schlug metallisch gegen die Wand. Aber er machte die Augen nicht auf, noch nicht, und der Feldwebel dachte jetzt an nichts mehr, er war nur noch Hoffen, Bangen und Wünschen: Herrgott, lass ihn nicht auf wachen!

    Er riss den Revolver aus dem Halfter. Er tat es im gleichen Augenblick, als das Unterbewusstsein des Postens Gefahr signalisierte. Der Schwarze sprang blitzschnell auf, er war hellwach, und seine Bewegungen waren geschmeidig, katzengleich, als er zu den Hüften griff. Der Stahlhelm polterte zu Boden. Er zog den zweiten Revolver, hob ihn.

    Aber Feldwebel Klingler schaffte es, in einer blitzschnellen, verzweifelt schnellen Bewegung aufzuspringen, zugleich mit dem Posten, wie von einer Stahlfeder geschleudert. Er schlug mit der erbeuteten Waffe zu, Augenblicke bevor der andere abdrücken konnte.

    Der Schlag traf den Amerikaner über dem Haaransatz. Seine Knie gaben nach, bewusstlos sackte er zusammen, und noch während er fiel, beugte sich Klingler über ihn und riss ihm den zweiten Revolver aus der kraftlosen Hand. Dabei sah er auf die Wunde, aus der das Blut lief, und es berührte ihn seltsam, dass das Blut so rot war, so schrecklich rot auf der dunklen Haut. Das hatte er noch nie gesehen: so leuchtend rotes Blut auf schwarzer Haut … Er riss sich von diesem Anblick mit Gewalt los, fuhr herum, warf dem Obergefreiten einen Revolver zu und zischte: »Los jetzt!«

    Der Obergefreite und der Unteroffizier begannen zu laufen, aber der Gefreite mit der Brille blieb sitzen, und aus dem hellen Oval seines Gesichts in der Dämmerung sprach nichts als Feindseligkeit. »Schwein!«, sagte er. Weiter nichts.

    »Sie werden dich umbringen!«, flüsterte der Feldwebel heiser. »Steh auf! Los!«

    Der Gefreite gehorchte.

    »Weiter! Los, weiter! «, zischte der Feldwebel, und sie liefen, der Gefreite zögernd zuerst, nur der Gewohnheit des Gehorchens folgend, und bald freier, schneller, zielbewusster. Die beiden anderen waren schon weit vorne auf der Wiese.

    Der Gartenzaun! Mit einem Satz sprangen sie auf die andere Seite. Der Feldwebel stolperte, fing sich. Die Wiese. Weiter! Sie mussten bis zum Wald, in den Wald! Der Wald war hoch und dunkel, weit vor ihnen. Dort waren sie sicher. Sie liefen an der toten Kuh vorbei, der Gefreite immer zwei Schritte voran, und weiter vorne, doch nicht mehr so weit wie vorhin, der weiße, auf- und abwippende Kopfverband des Obergefreiten. Der Feldwebel stolperte, fiel, sprang auf. Hinter ihnen ertönten laute, wütende Stimmen und dann Schüsse.

    Klingler sagte sich, dass die Stimmen und die Schüsse ihnen galten, aber es ließ ihn irgendwie kalt, es berührte ihn kaum. Er sagte sich, dass er jeden Augenblick von einer Kugel getroffen werden konnte – denn hinter ihm erscholl das abgehackte Rattern einer Maschinenpistole – doch zugleich wusste er, dass sie gegen den dunklen Hintergrund des Waldes ein schlechtes Ziel abgaben. Sie konnten nur wie huschende schwarze Schatten vor der Dunkelheit erscheinen, in der Dunkelheit, im Zwielicht …

    Die Schüsse und die Stimmen blieben in gleichmäßiger Entfernung hinter ihnen.

    Der Feldwebel sprang über einen dunklen Haufen und erkannte erst nach Sekunden, dass er über einen Gefallen