Genießen Sie diesen Titel jetzt und Millionen mehr, in einer kostenlosen Testversion

Nur $9.99/Monat nach der Testversion. Jederzeit kündbar.

Standgericht: Kampf um Aachen

Standgericht: Kampf um Aachen

Vorschau lesen

Standgericht: Kampf um Aachen

Länge:
277 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Jul 16, 2014
ISBN:
9783933708762
Format:
Buch

Beschreibung

Im September 1944 gelingt Feldwebel Helmut Klingler in einem belgischen Dorf westlich von Aachen die Flucht aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft. Klingler, schafft es bis zu seiner alten Einheit. Sie werden in einem Bunker von den Amerikanern eingekesselt. Er entkommt erneut. Auf seiner Flucht beobachtet er SA-Männer, die einen Jungen beim Plündern erschießen. Er bringt sie um und gilt fortan als Mörder und Deserteur. Ihm droht eine Verurteilung durch das Standgericht. Er würde diese Tat mit seinem Leben bezahlen. Klingler begegnet Jacqueline, die er in der Nähe von Mons schon einmal in einer Gefangenenkolonne gesehen hatte. Ebenso wie er ist sie auf der Flucht. Ihr gemeinsames Schicksal schweißt sie zusammen. Im zerbombten Aachen kämpfen sie ums Überleben.
Herausgeber:
Freigegeben:
Jul 16, 2014
ISBN:
9783933708762
Format:
Buch

Über den Autor


Ähnlich wie Standgericht

Titel in dieser Serie (40)

Buchvorschau

Standgericht - Franz Taut

Der Ablauf des militärischen Geschehens entspricht der geschichtlichen Wahrheit. Die Namen der handelnden Personen sind frei erfunden. Eventuelle Ähnlichkeiten sind daher rein zufällig.

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Rosenheimer Verlagshaus erschienenen Originalausgabe 2014

©2018 Edition Förg, Rosenheim

www.rosenheimer.com

Lektorat und Satz: VerlagsService Dr. Helmut Neuberger & Karl Schaumann GmbH, Heimstetten

Titelfoto: © Bundesarchiv, Bild 101I-301-1951-07A / Fotograf: Kurth

eISBN 978-3-933-70876-2 (epub)

Inhalt

Standgericht

Weitere E-Books von Franz Taut

www.rosenheimer.com

Im Ganzen waren sie vier Mann, darunter ein Feldwebel, und es geschah im September 1944 in einem belgischen Dorf westlich von Aachen.

»Alles Märchen«, sagte der Obergefreite mit dem Kopfverband und zeichnete mit dem Zeigefinger ein großes »S« in den schwarzgrauen Staub, in dem er saß. Er hatte kein Koppel mehr. Sie alle hatten keine Koppel, keine Waffen, keine Gasmasken, und nur drei von ihnen besaßen Kochgeschirre.

»Märchen«, wiederholte der Obergefreite und malte hinter das »S« ein kleines »c«. »Das haben sie sich nur ausgedacht, damit man uns leichter erwischt. Konserven. Schokolade. Weißbrot. Zigaretten. Butter. Whisky. Dass ich nicht lache!« Wütend schrieb er hinter das »c« ein »h«. »Nicht mal Wasser will er uns geben.«

Der Feldwebel sah auf den schmutzigen Zeigefinger des Obergefreiten und wartete auf das »e« nach dem »h«. Er wusste genau, was der Obergefreite schreiben wollte. Nach dem »e« musste ein »i« kommen und so weiter, bis das meistgebrauchte Soldatenwort im Staub geschrieben stand. Aber der Obergefreite wischte mit einer schnellen, ärgerlichen Bewegung das »Sch« aus und sah empor zu dem amerikanichen Posten.

»So’n Kerl!«, sagte er. »Schaut ihn bloß mal an: Wie im Kino!«

»Shut up!«, knurrte der Posten und spuckte durch die Zähne. Er war lang, schlaksig, der Stahlhelm saß ihm tief im Genick, sein Gesicht war hager, verstaubt, sehr dunkel und sehr müde. Mit ausgestreckten Beinen saß er auf einem wackligen Stuhl, den er irgendwo aufgetrieben hatte, balancierte auf dessen Hinterbeinen, die Lehne gegen die brandschwarze Mauer des zerschossenen Hauses gestützt, und aus dem Mundwinkel hing ihm eine Zigarette.

»Schwarz wie die im Kino – er müsste bloß noch nackt sein.«

»Und bemalt«, sagte der Feldwebel.

Er hieß Helmut Klingler, war 24 Jahre alt, man konnte ihn aber auch auf 30 schätzen. Das Alter war in jenen Tagen einem Mann nicht genau anzusehen. Er hatte ein mageres, verhärtetes Gesicht, seine Augen waren enttäuscht und gehetzt, und er konnte immer noch nicht begreifen, wie er hierhergekommen war. Ein Gefangener! Prisoner of War auf Englisch, wie er sich aus seiner Schulzeit dunkel erinnerte.

»He!«, sagte er hinauf zum Posten, aber dieser rührte sich nicht, und der Feldwebel sagte wieder: »He, du!« Und nach einer Weile setzte er auf Englisch hinzu: »Wasser! Brot! Durstig! Hungrig!« Und wieder deutsch: »Verstehst du?«

Als Feldwebel fühlte er sich auch in der Gefangenschaft für die anderen verantwortlich, obwohl er keinen von ihnen kannte. Und dem Obergefreiten mit dem Streifschuss über dem rechten Ohr ging es nicht gut.

Der Schwarze warf die Zigarette weg und zertrat sie mit dem Absatz.

Der Obergefreite sah gierig auf die zertretene Kippe. »Mensch, jetzt ’ne Zigarette!«

»Sag’s ihm doch«, sagte ein Unteroffizier, ein dicker Mann mit einem rosigen Gesicht.

»He, du! «, sagte der Feldwebel zum dritten Mal, jetzt lauter.

Der Posten sah ihn an, seine Augen waren schwarz, abwesend und müde. Sie fielen ihm fast zu, und der Feldwebel zeigte auf den verwundeten Obergefreiten: »Er krank. Kopf kaputt, verstehen? Wasser. Er muss sterben, wenn kein Wasser! Verstehen?«

»Shut up!«, sagte der Posten und schloss die Augen.

»Dem ist das ganz wurscht«, sagte der Obergefreite bitter. »Krepieren oder nicht … aber den Gefallen tu ich ihm nicht!«

»Nix sprecken!«, sagte der Posten mit geschlossenen Augen.

»Deutsch kann er auch noch«, knurrte der Unteroffizier grinsend.

»Gleich schläft er ein!«, stellte der Obergefreite fest.

»Er ist halt müde«, sagte der Unteroffizier gutmütig.

»Und unser Leutnant hat erzählt, zehn Amerikaner hauen ab, wenn einer von uns daherkommt«, sagte ein Gefreiter mit einer runden Nickelbrille spöttisch.

»Shut up, damned … Krauts!«, fluchte der Posten, räkelte sich, gähnte und blinzelte in die untergehende Sonne. Dann sah er die Straße hinab, die durch das belgische Dorf führte. Er wartete auf den Lastwagen, der die Deutschen weiter nach hinten bringen sollte. Aber nur ein paar Zivilisten waren zu sehen, die sich auf der Straße herumdrückten. Manche von ihnen trugen Armbinden, Gewehre oder Maschinenpistolen. Die Taschen ihrer Jacken waren ausgebeult von Handgranaten und Munition. Partisanen!

Der Feldwebel dachte: Wenn er … vielleicht … wenn er einschläft, dann könnte ich …

Dieser Gedanke war so scharf und deutlich, dass er ihm fast weh tat. Er duckte sich zusammen. Wenn er einschläft … wenn er die Augen zumacht …

Die Sonne stand rot wie eine riesengroße Orange über einem Kamm schwarzer Fichten. Warum kam keiner und brachte sie weg? Ein magerer Hund schnüffelte in einer ausgebrannten Ruine. Kalter Brandgeruch mischte sich mit dem Geruch nach Staub und mit dem süßen Kleeduft einer abgemähten Wiese. Auf der Wiese lag eine verendete Kuh, aufgedunsen, die Beine hochgereckt. Ein Zivilist rief auf Französisch etwas zu ihnen herüber, hob drohend die Maschinenpistole und verschwand dann in einem Haus.

»Die möchten uns am liebsten auffressen«, sagte der Obergefreite. »Und der da würde nicht mal den Finger krumm machen zu unserem Schutz!«

Der Feldwebel spann den Gedanken weiter: Wenn er einschläft … er braucht nicht mal richtig einzuschlafen.

Dabei sah er auf die Trommelrevolver des Postens, deren Kolben beiderseits des Stuhles aus dem festen, olivgrünen Gewebe heraussahen. Er brauchte nur … nur eine Waffe, und dann weg, dachte er.

Der Posten zündete sich eine neue Zigarette an. Alle verfolgten mit gieriger Aufmerksamkeit seine Bewegungen – alle, außer dem Gefreiten mit der runden Nickelbrille. Er sah Klingler an, dessen Blick zu den Revolvern er bemerkt und wohl richtig gedeutet hatte.

»Machen Sie bloß keine Dummheiten, Feldwebel!«, murmelte er so, dass nur Klingler ihn hören konnte.

Der Feldwebel fuhr zusammen.

»Endlich ist es uns gelungen«, sprach der Gefreite nach einer Weile leise weiter, »in Gefangenschaft zu kommen, ohne dass wir uns ins Gesicht spucken müssen. Verstehen Sie? Für uns ist der Krieg aus. Machen Sie bloß keinen Unsinn!«

Klingler sah den Gefreiten an – ein bleiches, helles und entschlossenes Gesicht in der Dämmerung vor der rauchschwarzen Mauer.

Er sagte: »Gedankenleser, was? Reif für den Zirkus?«

Es sollte ironisch klingen, aber seine Stimme zitterte.

»Ich spreche für uns alle«, sagte der Gefreite ernst. »Wir sind nicht übergelaufen. Wir wollen nicht mehr.«

»Du sprichst aber nur für dich selbst«, sagte der Obergefreite.

Der Posten drehte sein mageres, von den Strapazen der vergangenen Wochen gezeichnetes Gesicht zu ihnen. »Nix sprechen!«, sagte er schläfrig und ohne Nachdruck.

Schäbiger Hund, dachte der Feldwebel und sah den Gefreiten an. Sicher gehörte er zu denen, die Männern wie ihm, dem Feldwebel, auf dem langen Rückzug durch Frankreich »Kriegsverlängerer« nachgerufen hatten. Kriegverlängerer … als sei der Krieg wirklich verloren. Aber das war er nicht. Feldwebel Klingler wollte es nicht glauben. Und er konnte es nicht. Er hatte zu sehr für den Sieg gelebt. Es war ihm unmöglich, sich selbst einzugestehen, alles sei umsonst gewesen. Dreimal verwundet, einmal schwer. Und die anderen? Würden die mitmachen?

Die Sonne war hinter der gezackten Kulisse der Fichtenwipfel verschwunden. Ein paar rosiggraue Wolken standen darüber. In der Ferne rumorten Panzer. Drei silbern glitzernde »Mustangs« flogen in großer Höhe heimwärts.

Wo standen jetzt wohl die Eigenen, Hauptmann Geis? Vielleicht schon am Westwall.

Und der Feldwebel dachte: Dort werden die Amis nicht durchkommen. Nie!

»Macht ihr mit?«, fragte er mit einer Stimme, die möglichst beiläufig klingen sollte.

»Klar«, sagte der Obergefreite, »aber wie?«

Und der Unteroffizier meinte schwankend: »Na, ich weiß nicht …«

»Nein«, sagte der Gefreite entschlossen.

Also drei gegen einen.

Das Kinn des GI lag auf der Brust. Schlief er?

Jetzt, dachte der Feldwebel, aber er rührte sich nicht. Er konnte es nicht glauben. Wie konnte ein Posten schlafen, der vier Gefangene zu bewachen hatte?

Feldwebel Klingler sah die Straße hinab und bemerkte eine dunkle Gruppe Zivilisten. Bewaffnet. Sie werden hinter uns herschießen, aber die meisten sind schlechte Schützen … Als wäre sie selbstständig geworden, von eigenem Leben erfüllt, unabhängig vom Willen des Feldwebels, tastete seine Hand vor. Sie zitterte nicht. Sein Körper folgte der Hand und schob sich auf den Posten zu. Es kam ihm vor wie Stunden und dauerte doch nur Sekunden.

Langsam! Ich kenne diese Müdigkeit – wenn man so müde ist wie dieser Schwarze, wird einem alles egal. Man möchte nur noch schlafen. Herrgott, lass ihn schlafen! Wie lange hat er nicht mehr geschlafen?

Nur noch einen halben Meter. Nur noch zwanzig Zentimeter.

»Feldwebel!«, zischte die Stimme des bebrillten Gefreiten.

Klingler kümmerte sich nicht um sie. Er streckte den Arm aus. Seine Fingerspitzen berührten den Revolverkolben. Das Holz war glatt, kühl, abgegriffen.

»Feldwebel!« Die Stimme des Gefreiten war lauter.

Klingler rührte sich nicht. Ich werde das Schwein erschießen, dachte er, ich werde ihn erschießen, wenn er mir … der verfluchte Hund, ich werde ihn …

»Weiter, machen Sie weiter!«, sagte die Stimme des Obergefreiten. Sie war dünn und flach vor Anspannung.

Der Posten fuhr zusammen. Sein Kopf hob sich ruckartig, und der Stahlhelm schlug metallisch gegen die Wand. Aber er machte die Augen nicht auf, noch nicht, und der Feldwebel dachte jetzt an nichts mehr, er war nur noch Hoffen, Bangen und Wünschen: Herrgott, lass ihn nicht auf wachen!

Er riss den Revolver aus dem Halfter. Er tat es im gleichen Augenblick, als das Unterbewusstsein des Postens Gefahr signalisierte. Der Schwarze sprang blitzschnell auf, er war hellwach, und seine Bewegungen waren geschmeidig, katzengleich, als er zu den Hüften griff. Der Stahlhelm polterte zu Boden. Er zog den zweiten Revolver, hob ihn.

Aber Feldwebel Klingler schaffte es, in einer blitzschnellen, verzweifelt schnellen Bewegung aufzuspringen, zugleich mit dem Posten, wie von einer Stahlfeder geschleudert. Er schlug mit der erbeuteten Waffe zu, Augenblicke bevor der andere abdrücken konnte.

Der Schlag traf den Amerikaner über dem Haaransatz. Seine Knie gaben nach, bewusstlos sackte er zusammen, und noch während er fiel, beugte sich Klingler über ihn und riss ihm den zweiten Revolver aus der kraftlosen Hand. Dabei sah er auf die Wunde, aus der das Blut lief, und es berührte ihn seltsam, dass das Blut so rot war, so schrecklich rot auf der dunklen Haut. Das hatte er noch nie gesehen: so leuchtend rotes Blut auf schwarzer Haut … Er riss sich von diesem Anblick mit Gewalt los, fuhr herum, warf dem Obergefreiten einen Revolver zu und zischte: »Los jetzt!«

Der Obergefreite und der Unteroffizier begannen zu laufen, aber der Gefreite mit der Brille blieb sitzen, und aus dem hellen Oval seines Gesichts in der Dämmerung sprach nichts als Feindseligkeit. »Schwein!«, sagte er. Weiter nichts.

»Sie werden dich umbringen!«, flüsterte der Feldwebel heiser. »Steh auf! Los!«

Der Gefreite gehorchte.

»Weiter! Los, weiter! «, zischte der Feldwebel, und sie liefen, der Gefreite zögernd zuerst, nur der Gewohnheit des Gehorchens folgend, und bald freier, schneller, zielbewusster. Die beiden anderen waren schon weit vorne auf der Wiese.

Der Gartenzaun! Mit einem Satz sprangen sie auf die andere Seite. Der Feldwebel stolperte, fing sich. Die Wiese. Weiter! Sie mussten bis zum Wald, in den Wald! Der Wald war hoch und dunkel, weit vor ihnen. Dort waren sie sicher. Sie liefen an der toten Kuh vorbei, der Gefreite immer zwei Schritte voran, und weiter vorne, doch nicht mehr so weit wie vorhin, der weiße, auf- und abwippende Kopfverband des Obergefreiten. Der Feldwebel stolperte, fiel, sprang auf. Hinter ihnen ertönten laute, wütende Stimmen und dann Schüsse.

Klingler sagte sich, dass die Stimmen und die Schüsse ihnen galten, aber es ließ ihn irgendwie kalt, es berührte ihn kaum. Er sagte sich, dass er jeden Augenblick von einer Kugel getroffen werden konnte – denn hinter ihm erscholl das abgehackte Rattern einer Maschinenpistole – doch zugleich wusste er, dass sie gegen den dunklen Hintergrund des Waldes ein schlechtes Ziel abgaben. Sie konnten nur wie huschende schwarze Schatten vor der Dunkelheit erscheinen, in der Dunkelheit, im Zwielicht …

Die Schüsse und die Stimmen blieben in gleichmäßiger Entfernung hinter ihnen.

Der Feldwebel sprang über einen dunklen Haufen und erkannte erst nach Sekunden, dass er über einen Gefallenen gesprungen war, der neben einem schwärzlichen, flachen Trichter lag. Und er rief zu den anderen: »Schneller! Schneller!«

Sie liefen um ihr Leben, hinter ihnen die anderen. Schreie, Schüsse – kamen sie näher?

Keuchend brachen sie in das Unterholz ein. Der Feldwebel schlug mit der Stirn gegen einen Baumstamm, in seinem Gehirn platzte eine glühende Kugel, und er fand sich auf dem Boden sitzend wieder. Wie lange habe ich hier gesessen? Es ist nichts, sagte er sich, nur ein Baum, ich muss weiter. Ich – muss – weiter!

Und dann sah er, dass er allein war. Die anderen waren verschwunden. Hinter ihm hörte er das Brechen dürrer Zweige, Stimmen. Er stand taumelnd auf und wurde sich plötzlich der tröstlichen Glätte des Revolverkolbens bewusst, den er in den Händen hielt. Sie werden mich nicht erwischen. Nie. Nicht lebend. Er begann wieder zu laufen.

Der Oberscharführer des SD war Mitte dreißig und sah recht alltäglich aus. Sein rundes, gesundes Gesicht hätte fast gutmütig gewirkt – wenn seine Augen nicht gewesen wären. Sie waren hell, kalt und wirkten sonderbar leblos, selbst dann, wenn er wütend war oder wenn er lachte.

Er hieß Werner Wenzel und war zuletzt in Mons eingesetzt gewesen. Die »rote Stadt« im belgischen Kohlenrevier hatte ihm genügend Gelegenheit gegeben, sich zu bewähren.

Oberscharführer Wenzel hatte sich mit seinen Leuten nicht zu Fuß von Mons nach Osten abgesetzt, als die Reste der geschlagenen deutschen 7. Armee unentwirrbar verstrickt mit denen der 5. Panzerarmee über die Seine und Somme in Richtung Deutschland fluteten. Zu Fuß tippelten nur die einfachen Landser. Wenzel war mit einem fast neuen Peugeot gefahren, und sein Wagen war vollbepackt mit Benzinkanistern und persönlichem Gepäck.

Gefolgt war ihm ein Autobus mit belgischen Zivilisten, Männer und Frauen, die er nach Bergen-Belsen bringen sollte, ins Konzentrationslager. Doch sein Vorgesetzter – der Teufel allein wusste, wo er jetzt war – hatte offensichtlich nicht mit dem Chaos gerechnet, das sich den deutschen Grenzen näherte und sie bereits überflutete.

Der Omnibus stand mit Netzen und Zweigen getarnt unter den Bäumen, als Wenzel von seiner Informationsfahrt nach Aachen zurückkehrte. Dort hatte er ein wüstes Durcheinander vorgefunden. Die Kreisleitung war im Aufbruch, der Abschnittsleiter des SD unerreichbar. Es gab keinen Zugverkehr mehr, und die Straßen zwischen Ruinen und Schutt waren mit ratlosen Flüchtlingen verstopft.

Am 10. September 1944 hatte Himmler die alte Kaiserstadt besucht. In einem der zehn großen Bunker, die Aachen zu einer Festung machen sollten, hatte er zu den Volksgenossen gesprochen. Sie könnten beruhigt in Aachen bleiben, hatte er versichert, an der Maas werde eine neue Front aufgebaut, es bestünde überhaupt kein Anlass zur Besorgnis. Inzwischen aber hatten bei Rötgen amerikanische Panzerspähwagen schon bis an den Westwall vorgefühlt – und von einer Stunde zur anderen war der Evakuierungsbefehl für die Aachener gekommen. Und dazu andauernd diese Flieger!

»Na, denn prost«, murmelte Wenzel, als er die paar Schritte vom Pkw zum Omnibus zurücklegte.

»Wie steht’s?«, fragte er seinen Stellvertreter, Scharführer Glebsch.

»Mies. Haben Sie Verpflegung auftreiben können, Oberscharführer?«

»Für die?« Wenzel wies mit dem Kinn auf den Autobus. »Nee. Geht alles drunter und drüber. Kein Mensch weiß, wer trinkt und wer zahlt. Wir sollten schanzen.«

»Schanzen?«

Wenzel nickte.

»Mit diesen Halbleichen?«

»Halbleichen oder nicht …«

»Zwei sind wieder gestorben. Seit drei Tagen haben die Leute nichts zu fressen bekommen … Und dieser verfluchte Gestank!«

»Schnauze!«, herrschte Wenzel den anderen an. »Wenn es heißt, es wird geschanzt, dann wird geschanzt. Und wegen des Gestanks – du brauchst ja nicht rein! Los, wir fahren ab. Es sind doch bloß fünf Minuten.«

Im Autobus für 30 Fahrgäste waren über 50 Menschen zusammengepfercht worden. Man hätte noch mehr Häftlinge hineingestopft, aber dann hätte der altersschwache Motor es nicht mehr geschafft. Die Fenster waren mit Brettern vernagelt worden, vor den Brettern hatte man Eisengitter angebracht. Von den 52 Menschen im Autobus waren über die Hälfte Frauen. Das heißt, jetzt waren es noch fünfzig Häftlinge. Die zwei, die während Wenzels Abwesenheit gestorben waren, hatte man bereits verscharrt.

50 Männer und Frauen, von 18 bis 65 Jahren, die während der dreitägigen Fahrt nicht ein einziges Mal aus dem Wagen gekommen waren. Fünfzig hungernde, weinende, unter Atemnot leidende, mit Fäusten gegen die Bretter polternde, resignierende, vor sich hinstarrende, im Unrat liegende, langsam dahinsterbende Menschen – und ein sechs Monate altes Kind.

In der ersten Abenddämmerung blieb der Autobus vor dem Dorf stehen, wo geschanzt werden sollte. Als Scharführer Glebsch die Tür aufschloss, öffnete und vor dem Gestank zurückprallend hineinschrie, alle sollten aussteigen, antwortete ihm tiefes Schweigen.

Und dann brach es aus: Das Geheul. Ein schluchzendes Atemholen zuerst, ein ungläubiges Wispern, als Bestätigung des nicht Fassbaren suchendes Gemurmel, eine laut fragende, schrille Stimme, zwei Stimmen, zehn und 50 Stimmen, schnell anschwellend. Schreie nach Platz, Luft, Nahrung, nach dem freien Himmel, Stimmen, die zu einem Geheul wurden, als die Menschen begannen, sich ins Freie zu kämpfen.

Die dunkle Öffnung der Tür spie sie aus. Die vier Leute des Oberscharführers Wenzel, die den Wagen mit schussbereiten Maschinenpistolen im Halbkreis umstellt hatten, wichen erschrocken zurück. Menschen fielen aus der Tür, immer neue, 50 Menschen – nein, 49.

»Ruhe!«, schrie Wenzel mit überschnappender Stimme. »Ruhe! Da soll doch … Ruhe! Ruhe!«

Aber sie kümmerten sich nicht um ihn. Er riss die Pistole aus der Tasche und schoss wütend in die Luft, einmal, zweimal, dreimal, aber auch darum kümmerten sie sich nicht. Luft!«

Irgendwann waren sie draußen. Und dann kam die Mutter. Sehr blass, mit großen, dunkelbrennenden Augen und halb geöffneten, blutleeren Lippen, durch die sie gierig die frische Luft einsog, stand sie oben an der Tür und sah hinab. Das Kind, ein formloses Bündel Windeln, hielt sie an sich gepresst, und einen Augenblick schien es, als bräche sie zusammen. Sie schloss die Augen, wankte ein wenig, ihre freie Hand suchte nach Halt, doch dann presste sie das Kind an sich, als könnte sie allein dort Halt finden. Dann machte sie die Augen auf und ging vorsichtig hinunter, Schritt für Schritt, bis sie auf der Erde stand.

Niemand außer Wenzel hatte diese Szene beobachtet. Er starrte die junge Frau mit dem Kind an. Donnerwetter, dachte er, du lieber Himmel, wo kommt die bloß her? Doch dann sah er, dass ihre Kleider schmutzig waren, ihr Haar glanzlos und ihre Wangen eingefallen.

Er drehte sich rasch zu Glebsch um und schnarrte: »Eine gottverdammte Schweinerei! Die Leute sollen sich sauber machen und den Wagen ausmisten. In zwei Stunden mache ich einen Appell, der sich gewaschen hat. Ich will diese Schweinerei nicht mehr sehen, verstanden?«

»Jawohl, Oberscharführer«, sagte Glebsch verwundert, der diesen schneidenden Ton von Wenzel nicht gewohnt war. Schließlich arbeiteten sie ja schon gute

Sie haben das Ende dieser Vorschau erreicht. Registrieren Sie sich, um mehr zu lesen!
Seite 1 von 1

Rezensionen

Was die anderen über Standgericht denken

0
0 Bewertungen / 0 Rezensionen
Wie hat es Ihnen gefallen?
Bewertung: 0 von 5 Sternen

Leser-Rezensionen