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Die Kita-Katastrophe: Was in Kindergärten wirklich vor sich geht, wenn die Eltern nicht dabei sind

Die Kita-Katastrophe: Was in Kindergärten wirklich vor sich geht, wenn die Eltern nicht dabei sind

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Die Kita-Katastrophe: Was in Kindergärten wirklich vor sich geht, wenn die Eltern nicht dabei sind

Länge:
610 Seiten
8 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Oct 25, 2018
ISBN:
9783748152415
Format:
Buch

Beschreibung

Kritik an der vorschulischen Fremdbetreuung wird nicht mehr zugelassen, weil das der Wirtschaft schaden könnte. In einem beispiellosen Großversuch wird entgegen den eindringlichen Warnungen von Entwicklungspsychologen das Betreuungssystem noch weiter ausgebaut, mit der absurden Behauptung, Fremdbetreuung von Kleinkindern würde ihre Entwicklung fördern. Warum der reale Betreuungsalltag in Kitas nur wenig mit den Verlautbarungen Bücher schreibender Pädagogen zu tun hat, wird in diesem Band anhand zahlreicher selbst erlebter Anekdoten, sowie einer wissenschaftlich fundierten Darstellung der Geschichte der Kindheit verdeutlicht.
Herausgeber:
Freigegeben:
Oct 25, 2018
ISBN:
9783748152415
Format:
Buch

Über den Autor

Matthias Falkus, studierte Informatik, Medienwissenschaften (Diplom) und Philosophie, bevor er die staatliche Anerkennung zum Erzieher erwarb und in insgesamt sieben verschiedenen Kitas arbeitete.


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Buchvorschau

Die Kita-Katastrophe - Matthias Falkus

Kritik an der vorschulischen Fremdbetreuung wird nicht mehr zugelassen, weil das der Wirtschaft schaden könnte. In einem beispiellosen Großversuch wird entgegen den eindringlichen Warnungen von Entwicklungspsychologen das Betreuungssystem noch weiter ausgebaut, mit der absurden Behauptung, Fremdbetreuung von Kleinkindern würde ihre Entwicklung fördern. Warum der reale Betreuungsalltag in Kitas nur wenig mit den Verlautbarungen Bücher schreibender Pädagogen zu tun hat, wird in diesem Band anhand zahlreicher selbst erlebter Anekdoten, sowie einer wissenschaftlich fundierten Darstellung der Geschichte der Kindheit verdeutlicht.

Matthias Falkus, studierte Informatik, Medienwissenschaften (Diplom) und Philosophie, bevor er die staatliche Anerkennung zum Erzieher erwarb und in insgesamt sieben verschiedenen Kitas arbeitete.

DANKSAGUNG

Ich danke Prof. Dr. Eckart Voland für die Bestätigung der Richtigkeit meiner Darstellung der evolutionären Menschwerdung durch kooperative Jungenaufzucht nach aktuellem Forschungsstand, die ich in den Kapiteln 3 bis 5 ausführe.

HINWEIS AN DIE LESER

Ich bitte darum, mir Fehler und Kritik an die Email-Adresse: kita.katastrophe@yahoo.commitzuteilen.

INHALT

Einleitung - Die Krise der Pädagogik

Teil 1 - Die Doppelmoral im Umgang mit Kindern

1 Kinderarbeit

2 Kindesmisshandlungen

3 Wo sind all die Babys geblieben?

4 Warnung vor dem Weiterlesen: Nichts war gut, in der „guten alten Zeit" für Kinder

5 Warum alle Kinder ihre Eltern lieben, aber nicht alle Eltern ihre Kinder

6 Der Supergau der Doppelmoral

7 Der aufgepfropfte Bildungsauftrag

Teil 2 - Der Umgang mit Kindern in Kitas

8 Die Kontroverse der theoretischen Pädagogen: Selbstbildung oder Ko-Konstruktion?

9 Die Kontroverse der praktizierenden Pädagogen: autoritäre oder kooperative Erziehung?

10 Der Fisch stinkt vom Kopf

11 Qualitätskontrolle als Farce

12 Die Kita-Droge Zucker und das Tabu der Rubens-ErzieherInnen

13 Die Problematik der Inklusion

14 Warum Zweijährigen Fremdbetreuung schadet

15 Die Stasi in der Kita und wie man sich einen gesamten Kindergarten zur Beute macht

Teil 3 - Die Lösung der Krise

16 Pädagogik löst nicht das Problem der Erziehung, Pädagogik ist das Problem

17 Die Neubewertung von Erziehung

Anhang

Woran man eine gute Kita erkennen kann

Empfohlene Literatur

Verwendete Literatur

Einleitung – Die Krise der Pädagogik

Die gute Nachricht vorweg: Ein Kind, das von seinen Eltern erwünscht wurde und willkommen geheißen wird, das zwölf Monate lang gestillt wurde und eine sichere Bindung zu seinen primären Bezugspersonen aufbauen konnte, weil es in ihnen verlässliche, wohlwollende und responsive Partner und Beschützer gefunden hat – ein solches Kind hat gute Chancen, von den Missständen in Kitas, die in diesem Buch der Öffentlichkeit zur Kenntnis gebracht werden, keine dauerhaften Schäden davontragen zu müssen, vorausgesetzt, dass es nicht zu früh einer Fremdbetreuung ausgesetzt wurde.

Die Kinder allerdings, die nicht so viel Glück hatten, die von ihren Eltern weniger oder gar nicht erwünscht wurden und in ihnen keine verlässlichen Partner und Beschützer gefunden haben, die schon zu Beginn ihres Lebens mit emotionaler Kälte und Distanziertheit und vielleicht sogar psychischer und physischer Gewalt zurande kommen müssen, weil ihre Eltern sie als lästig empfinden, Kinder, die trotz ihrer Hilflosigkeit und Sensibilität nie Liebe und Akzeptanz erfahren haben – diesen Kindern wird in minderwertigen Kindergärten eine Chance genommen, wenigstens für ein paar Stunden an den Wochentagen einen kleinen Ausgleich für die traurigen und bedrohlichen Lebensumstände, in die sie nur durch Zufall hineingeboren wurden, zu erhalten. Diesen Kindern ist dieses Buch gewidmet.

Von 2009 bis 2016 habe ich in insgesamt sieben verschiedenen Kitas in Berlin gearbeitet, in den ersten zwei während meiner Ausbildung und in weiteren fünf als staatlich anerkannter Erzieher. Bereits in der ersten Kita fielen mir viele Erzieherinnen auf, die offensichtlich kaum Freude an der Arbeit mit Kindern empfanden, die immer nur das nötigste im Umgang mit ihnen taten, nie ein überflüssiges Wort an sie richteten, nie mit Kindern scherzten oder herumalberten, nie mit ihnen spielten. Erzieherinnen, die die Kinder regelrecht mieden und ihrerseits von ihnen gemieden wurden. Ich dachte damals, ich wäre wohl in einer besonders schlechten Kita gelandet und woanders könne der Anteil desinteressierter Erzieherinnen nicht ähnlich hoch sein. Ich setzte meine Ausbildung fort. Heute muss ich sagen: Es kam gänzlich anders, als erwartet. Die Kitas wurden nicht besser, sondern schlimmer. Die erste Kita war bereits die beste Kita, die ich überhaupt kennengelernt habe. Denn in dieser Kita war der Anteil desinteressierter Erzieherinnen gar nicht so hoch – jedenfalls im Vergleich zu den nachfolgenden Kitas nicht. Und vor allem gab es in dieser ersten Kita nicht die Sorte von Betreuern und Kita-Leiterinnen, die man wohl als den Fluch der gesamten Kindergartenpädagogik bezeichnen muss: autoritäre Erzieher und Erzieherinnen.

Viele Außenstehende haben die Vorstellung, Kindergärten wären eine Insel der Harmonie, in der stets wohlwollende Betreuer nichts anderes im Sinn hätten, als den ihnen anvertrauten Kindern einen glücklichen Tag zu bereiten, an dem es ihnen an nichts mangeln soll. Und wenn man lediglich die Selbstbeschreibungen dieser Einrichtungen in ihren Broschüren und die Selbstdarstellungen der Erzieher und Erzieherinnen als Informationsquelle zur Verfügung hat, ist es alles andere als verwunderlich, dass sich dieser Eindruck einstellt. Doch hinter dieser so sorgfältig für die Öffentlichkeit drapierten Fassade verbirgt sich eine gänzlich andere Welt, in der es plötzlich gar nicht mehr so harmonisch zugeht, eine Welt, in der die Kinder bestenfalls ab und zu im Mittelpunkt stehen, eine Welt, die vor den Eltern fein säuberlich verborgen gehalten wird. Um hinter diese Fassade schauen zu können, nützt es auch nichts, Bücher über Kindergärten zu lesen. Literatur zur Kindergartenpädagogik hat so gut wie nichts mit der Realität in Kindergärten zu tun – wie zwei vollkommen verschiedene Welten eben, die sich nur in ihrer äußeren Erscheinung ähneln. So wie das Blatt eines Baumes und ein Insekt, das im Laufe der Evolution zur Tarnung die Form eines Blattes angenommen hat: Beide sehen sich äußerlich zum Verwechseln ähnlich, doch ihre innere Struktur ist vollkommen verschieden.

Als mir so langsam bewusst wurde, dass ich die beste Kita schon gesehen hatte und alle nachfolgenden von Mal zu Mal schlimmer wurden, begann ich mich noch intensiver mit Inhalt und Geschichte der Pädagogik auseinanderzusetzen. Ich wollte die Hintergründe dafür verstehen, warum die Literatur über Kindergärten ein von der Realität in Kindergärten so völlig verschiedenes Bild vermittelt. Schließlich hat Pädagogik ja den Anspruch, eine Wissenschaft zu sein: die Wissenschaft von Bildung und Erziehung. Wissenschaft ist – jedenfalls nach meinem Verständnis – die systematische und kritische Suche nach der Wahrheit. Und das sollte auch eine möglichst an der Realität orientierte Darstellung der Fakten beinhalten. Doch genau das liefert die Literatur zur Kindergartenpädagogik eben nicht: eine systematische und kritische Darstellung der realen Verhältnisse in Kindergärten. Liest man Literatur über Kindergärten, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, als wüssten die meisten Autoren gar nicht, wie es wirklich in Kindergärten zugeht, als hätten sie keine eigenen Erfahrungen gemacht, weil sie nie (mit Ausnahme eines Praktikums in einer Mus ­ter-Kita) selber in Kindergärten gearbeitet haben. Autoren, die über Kindergartenpädagogik schreiben, schreiben darüber, was sie über Kindergärten gelesen haben und wie sie sich den Umgang mit Kindern wünschen. Das hat nichts mit Wissenschaft zu tun. Das ist Dichtung.

Dieses Buch ist anders als alles, was Sie jemals über Kinder oder Pädagogik gelesen haben. Dieses Buch geht an die Substanz. Es berichtet schonungslos über die wahre Natur des Verhältnisses der Erwachsenen-Generation zur Kinder-Generation. Es berichtet darüber, was der Erziehungswissenschaftler Ludwig Liegle als „instrumentelles Verhältnis von Erwachsenen zu Kindern bezeichnet, und ich als „Doppelmoral, das sich unter anderem auch in Kinderarbeit und Kindesmisshandlungen äußert. Es berichtet auch über die drei großen Transformationen in der Geschichte der Menschheit: die Menschwerdung, die Sesshaftwerdung und die Industrielle Revolution. Bei allen drei grundlegenden Wandlungen der Lebensweise der Menschheit standen die Kinder und ihre Versorgung im Zentrum der Veränderungen – und Kinder haben stets die meisten Opfer dafür erbracht. Doch was hat das mit dem Kindergarten zu tun?

In allen Fällen spielte die kooperative Jungenaufzucht eine wesentliche Rolle. Ohne kooperative Jungenaufzucht, das gemeinsame Versorgen des Nachwuchses, gäbe es gar keine Menschen. Bei den Menschenaffen, unseren nächsten Verwandten im Tierreich, müssen die Mütter ihren Nachwuchs alleine aufziehen. Es gibt dort keine gemeinschaftliche Versorgung der Kinder. Doch Menschenaffenbabys sind sehr anspruchsvoll. Sie müssen vier bis sieben Jahre lang gesäugt werden, ehe sie selbständig werden. Solange die Mütter ihre Babys säugen, werden sie wegen des erhöhten Prolaktinspiegels nicht erneut schwanger – eine weise Einrichtung von Mutter Natur, denn zwei Säuglinge würden die Affenmutter auszehren. Wegen des so entstehenden langen Geburtenabstands und der hohen Kindersterblichkeit können Menschenaffen gerade genügend Nachwuchs großziehen, um nicht auszusterben. Doch Menschenkinder benötigen wegen ihres dreimal so großen Gehirns noch viel länger als Affenkinder bis zu ihrer Selbständigkeit. Unter den natürlichen Bedingungen der Steinzeit, vor etwa zwei Millionen Jahren, als ein rasantes Hirnwachstum einsetzte und die Menschheit sich entwickelte, mussten unsere Vorfahren sich etwas einfallen lassen, um ihre Kinder groß zu bekommen. Wären die Mütter damals weiterhin auf sich alleine gestellt geblieben, hätte unsere Vorfahren das gleiche Schicksal ereilt, wie den mindestens zehn anderen Menschenarten, die seit damals entstanden sind: Sie wären ebenfalls ausgestorben. Nur die kooperative Jungenaufzucht hat die Menschheit überleben lassen. Nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen war es sogar die kooperative Jungenaufzucht, die überhaupt erst Homo sapiens hat entstehen lassen. Denn einige der Kooperationspartner waren selbst noch halbe Kinder. So entstand die unter Primaten einmalige Sozialform der menschlichen Familie mit verschieden alten, abhängigen Kindern, die zum Brutkasten von Homo sapiens wurde: Eltern zwangen ihre älteren Kinder, bei der Aufzucht ihrer jüngeren Geschwister zu helfen. Wer nicht mitmachen wollte, bekam einfach nichts mehr zu essen. Doch die Menschwerdung hatte ihren Preis, einen fürchterlichen Preis: die Vertreibung aus dem Paradies. Das Paradies war in diesem Fall die bedingungslose Mutterliebe. Warum wir für das Privileg, uns zu Menschen weiterentwickeln zu können, den fürchterlichen Preis des Verlustes der bedingungslosen Mutterliebe bezahlen mussten – ein Verlust, der zu vielen Grausamkeiten während der Menschheitsgeschichte geführt hat und immer noch führt und der für viele Menschenkinder, im Gegensatz zu den Kindern der Menschenaffen, starke psychische Belastungen nach sich zieht und zahllosen zum Verhängnis wurde – erläutere ich im ersten Teil dieses Buches.

Auch für die Sesshaftwerdung – die notwendige Voraussetzung für das Entstehen der menschlichen Zivilisationen - dürften Kinder eine entscheidende Rolle gespielt haben und zwar in zweifacher Hinsicht: Erstens waren es die schwangeren Frauen und die Mütter mit kleinen Kindern, die das größte Interesse an der Sesshaftwerdung hatten, weil die nomadische Lebensweise für sie besonders anstrengend ist. Zweitens war die Sesshaftwerdung nur zum Teil eine Erfolgsgeschichte, denn sie ging mit dem Entstehen unzähliger Infektionskrankheiten einher. Wegen des engen Zusammenlebens von Mensch und Tier konnten Krankheitserreger leicht die Artgrenze überwinden und auf den Menschen überspringen und durch die Bevölkerungszunahme konnten Infektionskrankheiten sich besonders gut ausbreiten. Die Bevölkerungsgruppe, die den höchsten Blutzoll an die neue Lebensweise zu entrichten hatte, waren die Kinder, denn ihr Immunsystem ist noch anfälliger, als das von Erwachsenen. Doch was bei den Menschenaffen wahrscheinlich zum Aussterben geführt hätte – das Auftauchen zahlloser neuer Krankheiten – konnten Menschen ausgleichen: dank der kooperativen Kinderaufzucht. Durch die kooperative Brutpflege können Menschenfrauen fast jedes Jahr ein Kind bekommen. Davon können Menschenaffenmütter nur träumen. Menschen können sich in rasender Geschwindigkeit vermehren, eine Fähigkeit, die wiederum eine der Voraussetzungen für die Industrialisierung war, die einen enormen Bevölkerungszuwachs benötigte: für billige Arbeitskräfte und große Absatzmärkte.

Wenn wir an die Industrielle Revolution denken, denken wir meist an Dampfmaschinen, Stahlfabriken und Eisenbahnen. Doch diese Entwicklungen hatten eine unspektakulär erscheinende, aber nichtsdestoweniger notwendige Vorgeschichte, und dabei spielte zunächst nicht die Dampfmaschine die entscheidenden Rolle, sondern eine andere Maschine, die Mutter aller Maschinen: die Baumwollspinnmaschine. Die Industrialisierung begann nicht mit Kohle und Stahl, sondern mit Baumwolle. Die ersten Fabriken waren Baumwollspinnfabriken. Und dreißig bis fünfzig Prozent der Arbeiter in diesen Fabriken waren Kinder. Die meisten Arbeiten rund um Baumwollspinnmaschinen bestehen aus eintönigen Routinehandgriffen, die jedes Kind erledigen kann. Da aber die Investitionskosten für die Maschinen außerordentlich hoch waren, wollten die Fabrikbesitzer nur die geringst möglichen Löhne zahlen. Kinder erhielten nur etwa ein sechstel des Lohns eines Erwachsenen. Dafür mussten sie bis zu zwölf Stunden am Tag und sechs Tage die Woche in dunklen (elektrisches Licht war noch nicht erfunden), lärmenden und mit Baumwollflusen gesättigten Fabriken ihre Kindheit verbringen, während die Kinder aus den oberen Gesellschaftsschichten zur Schule gingen. Dass die Fabrikkinder wie die Fliegen starben, kümmerte niemanden, denn die kooperative Jungenaufzucht sorgte für unerschöpflichen Nachschub.

In dieser Zeit, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, entstand eine neue Form der kooperativen Jungenaufzucht, die das zentrale Thema dieses Buches bildet: der Kindergarten. Denn obwohl es durchaus Versuche gab, erwiesen sich Kinder unter sechs Jahren als zu wenig geeignet für die Fabrikarbeit und andere Arbeiten. Wegen der sich ausbreitenden Lohnarbeit, nicht nur im industriellen Sektor, konnten die Eltern sich kaum noch um ihre Kleinkinder kümmern. Sie blieben oft ganze Tage allein zu Hause eingesperrt. Viele verwahrlosten und lungerten auf den Straßen herum. Ein winziger Bruchteil dieser Kinder im Vorschulalter wurde in den ersten Betreuungseinrichtungen versorgt.

Doch etwas ist anders, in der seit der Zeit der Industriellen Revoluti ­on aufgetauchten, neuen Form der kooperativen Kinderaufzucht: Diesmal sind es keine Verwandten mehr, die sich gegenseitig unter ­stützen und diesmal sind es keine kleinen Gruppen, in denen nur wenige Kinder aufwachsen. Unsere heutigen Kinder müssen wieder einmal mit einer, in der Menschheitsgeschichte völlig neuen Herausforderung zurecht kommen: Sie müssen sich in anonymen, riesigen Kin ­dergruppen von fremden Erwachsenen betreuen und belehren lassen. Wer weiß, welche Gefahr fremde Erwachsene für Kinder während der gesamten Evolution der Menschheit bedeuteten, kann sich in etwa ausmalen, welches Gefühl an Bedrohung dies bei Kindern auslösen kann.

Fremde Erwachsene sind bei unseren nächsten Verwandten, den Menschenaffen, die tödlichste Gefahr für Kinder. Menschenkinder mussten sich während der Entwicklung zur Menschheit mit dieser Gefahr auseinandersetzen. Wer allzu vertrauensselig fremden Erwachsenen gegenübertrat, befand sich nicht selten in allerhöchster Lebensgefahr. Kinder, die gebührenden Abstand hielten, hatten bessere Überlebenschancen. Deshalb ist die Angst vor fremden Erwachsenen bis heute Bestandteil des Empfindungs- und Verhaltensrepertoires von Kindern.

Die zweite neue Herausforderung betrifft die Größe der Kindergruppen. Während der nomadischen Lebensweise in der Steinzeit, dem Pleistozän, zogen Menschen in Gruppen von etwa 25 bis 35 Mit ­gliedern umher. Davon waren höchstens eine handvoll Kinder im Vorschulalter. Diese wurden in der Regel von allen anderen, älteren Mit ­gliedern umhegt und umpflegt. Wenige Kinder, kaum gleichaltrige, standen einer Überzahl von meist Bluts- oder angeheirateten Verwandten gegenüber, die ein langfristiges, existentielles Interesse an ihrem Wohlbefinden hatten, da sie die Rentenversicherung ersetzten. Für diese Kinder gab es nur wenige gleichaltrige Konkurrenten. Die modernen Kindergärten sind also gleich in zweifacher Hinsicht eine Herausforderung, an die Menschenkinder nicht angepasst sind: Sie werden dort von nicht-verwandten, nicht immer wohlwollenden Erwachsenen dominiert und sie befinden sich in einer verschärften Konkurrenzsituation wegen der Masse an gleichaltrigen Kindern, mit den gleichen Bedürfnissen und Wünschen, die zur selben Zeit auf die begrenzten Ressourcen – Aufmerksamkeit, Spielzeug, Spielpartner – zugreifen wollen. Deshalb gilt:

Kindergärten sind trotz ihres irreführenden Namens keine natürliche Entwicklungsumgebung für Kinder!

Eltern sollten deshalb grundsätzlich die Äußerungen von Kita-Erziehern und Erzieherinnen immer mit einer gehörigen Portion Skepsis aufnehmen. Doch Vorsicht: ohne sich diese Skepsis anmerken zu lassen, um ihr Verhältnis zu den Erzieherinnen nicht unnötig zu trüben! Denn Erzieher und Erzieherinnen halten sich für Experten – und das sind sie auch: Experten in der eigenen Kosten/Nutzen-Optimierung. Erziehungstipps, die Kita-Betreuer den Eltern geben, haben vor allem ein Ziel: Sie sollen Kinder zu pflegeleichten und reibungslos funktionierenden Rädchen in der Kita-Maschinerie machen, die möglichst wenig Betreuungsaufwand verursachen. Erzieherinnen sehen es am liebsten, wenn die Kinder den ganzen Tag still vor sich hin spielen, ohne viel Unordnung zu verursachen. Noch besser ist es, wenn die Kinder dösen. In einigen Kitas gibt es sogar speziell eingerichtete Räume, die die Kinder zum Dösen verleiten sollen. In anderen Kitas werden die Kinder mittels extremen psychischen Druck zum Schlafen gezwungen. Immer mit der Behauptung, es wäre gut für die Kinder selber.

Um den Betreuungsaufwand möglichst gering zu halten, legen Erzieher und Erzieherinnen auch so auffallend gesteigerten Wert darauf, dass Kinder Regeln einhalten, denn Kinder, die immer nur alle Regeln einhalten, bedeuten weniger Arbeit für die Erzieher. Dabei weiß doch jeder: Wer immer nur die Regeln einhält, der wird es im Leben nicht weit bringen. Alle Spitzen-Manager, Spitzen-Sportler, Spitzen-Künstler, Spitzen-Wissenschaftler und sonstige Menschen, die irgendetwas bemerkenswertes zu Stande gebracht haben, haben in den entscheidenden Momenten ihres Lebens gerade nicht die Regeln eingehalten. Natürlich darf man nicht immer und überall alle Regeln übertreten. Man muss eben im richtigen Moment die richtigen Regeln in geeigneter Weise übertreten – doch genau das lernen die Kinder in keiner Kita. Wer immer nur die Regeln einhält, wird Verwaltungsbeamter – oder Kita-Erzieher. Das sind natürlich auch ehrenwerte Berufe. Doch wer wirklich herausragenden Erfolg im Leben haben will, der muss in den entscheidenden Momenten alles geben – und die richtigen Regeln übertreten. Aber erklären Sie das mal einer Erzieherin ...

Kindergärten sind als eine Reaktion auf Verwahrlosung von Kindern wegen der fortschreitenden Ökonomisierung entstanden und gerade nicht, um Kinder in ihrer Entwicklung zu fördern. Ich vermute sogar, dass viele Kinder, die in Kindergärten betreut werden, gegenüber Kindern, die in natürlichen Entwicklungsumgebungen aufwachsen, wie sie heute noch in traditionell lebenden, nomadischen Gesellschaften oder vielleicht auch annähernd auf Dörfern und Bauernhöfen vorzufinden sind, erhebliche Entwicklungsdefizite aufweisen. Anders als gerne behauptet, fördert der Besuch eines Kindergartens gerade nicht Selbständigkeit und Autonomie bei Kindern, sondern das genaue Gegenteil: Unterordnung unter den Willen fremder Erwachsener – also unter den Willen von Individuen, denen sie in der gesamten Menschheitsgeschichte besser aus dem Weg gegangen sind. Besonders rigoros fordern diese Unterordnung die berüchtigten autoritären Erzieher und Erzieherinnen, die bevorzugt durch Angst, Verunsicherung und Demütigungen den Kindern ihren Willen aufzwingen. Eltern werden nie erfahren, wie autoritär es in einigen Kitas wirklich zugeht, denn wenn sie anwesend sind, verwandeln sich diese Erzieherinnen plötz­lich in die freundlichsten und zuvorkommendsten Wesen. Echte Jekyll & Hyde-Erzieherinnen. Das kann zu tragisch-komischen Situationen führen, zum Beispiel dann, wenn eine Mutter ihr Kind im Kindergarten abgeben will und das Kind sich aus für die Mutter unerfindlichen Gründen dagegen sperrt. Die Mutter versucht dann ihr Kind auf eine freundlich wirkende Erzieherin hin zuzuschieben, während das Kind sich nach Kräften dagegen sträubt und seinen Körper versteift, weil es weiß, dass die so freundlich wirkende Erzieherin in dem Moment, in dem die Mutter die Kita-Tür von außen geschlossen hat, ihre Jekyll-Maske fallen lassen wird und ihr wahres Hyde-Gesicht zum Vorschein kommt. Die Mutter hat, ohne es zu wissen, ihr Kind geradewegs in die Fänge des Kita-Drachens geschoben. Das Kind wird es der Mutter mit vermehrtem Misstrauen vergelten.

Aus den Nachfragen vieler Eltern, die am Nachtmittag ihre Kinder abholen, was man denn „den ganzen Tag so gemacht habe, wird deutlich, dass Eltern nur eine vage Vorstellung von den Vorgängen in Kitas haben, aber durchaus gerne mehr wüssten. Geübte Erzieherinnen schaffen es, über die banalsten Alltäglichkeiten – Spielsequenzen, die mal ohne Streit abliefen, kleine Bauwerke im Sandkasten – mehre ­re Minuten zu erzählen: „Er / Sie hat so schön gespielt, zusammen mit Soundso … das war so schön anzusehen. Ganz toll! Und schon erscheint ein Lächeln auf den Lippen von Mama. Weil es aber nicht so sehr nach Expertentum aussieht, den Kindern lediglich genügend Raum und Zeit zum selbständigen Spielen zu geben und von Zeit zu Zeit eine vorzeigbare Malerei oder Bastelei produzieren zu lassen, wurden Methoden entwickelt, die nach „professioneller Pädagogik aussehen, die der Betreuung von Kindern im Kindergarten einen „wissenschaftlicheren Touch geben sollen, Methoden der „Datenerhebung von den Aktivitäten der Kinder: Man legt Beobachtungsbögen an, füllt Entwicklungstabellen aus, „arbeitet mit dem Sprachlerntagebuch, vergleicht das Verhalten des Kindes anhand von Skalen – im Grunde dienen diese gesamten Prozeduren ausschließlich dazu, den Eltern zeigen zu können: „Wir Experten machen etwas, was Sie als Eltern nicht können, weil sie keine pädagogische Ausbildung haben." Die Kinder haben nur bedingt etwas von diesen Methoden, die Profes ­sionalität simulieren sollen. Ihnen wäre weitaus mehr geholfen, wenn sich die Betreuer auch mal auf sie einlassen würden, wenn sie auf Wunsch der Kinder mit ihnen spielten und wenn sie – was leider gar nicht so selten vorkommt – dabei helfen würden, dass ausgegrenzte Kinder sich besser in die Gruppe integrieren können. Warum dies viele Erzieherinnen nicht leisten können oder wollen, schildere ich ausführlicher im zweiten Teil, in dem ich über einige meiner Erfahrungen berichte, die ich während meiner achtjährigen Arbeit als Erzieher in Berliner Kitas erlebt habe. Diese Erfahrungen haben nichts mit der geglätteten Außenfassade zu tun, wie sie gerne in Kita-Broschüren transportiert wird. Ich beschreibe die aus meiner Sicht drängendsten Probleme in der Kinderbetreuung und einige Verbesserungsmöglichkeiten.

Weil Pädagogen sich so viel einfallen lassen, um Erziehung als eine komplizierte Angelegenheit erscheinen zu lassen, die ohne eine fachli ­che Ausbildung gar nicht zu bewältigen wäre, sind viele Eltern mittlerweile völlig verunsichert, wie sie sich ihren Kindern gegenüber richtig verhalten sollten. Dabei gibt es ja nach wie vor kein Rezept für eine gelungene Erziehung, auch wenn Erzieher einen anderen Eindruck zu erwecken versuchen. Es herrscht noch nicht einmal Konsens darüber, was überhaupt unter einer „gelungenen Erziehung" genau zu verstehen ist. Gilt es als eine gelungene Erziehung, wenn das Kind aufs Wort gehorcht? Und soll es jedem aufs Wort gehorchen, oder nur den Eltern und den Erziehern und den Lehrern und dem Pfarrer und den Ausbildern und dem Vorgesetzten und dem Arbeitgeber und den Behördenmitarbeitern und den Polizisten und so weiter … also dann doch irgendwie jedem? Oder sollte es sich besser eine eigene Meinung bilden können? Doch wie viel eigene Meinung darf es sein und ab wel­chem Alter? Die Ansichten darüber gehen mehr denn je auseinander. Die Eltern verlieren immer mehr ihre Intuition im Umgang mit ihren eigenen Kindern, je mehr Ratschläge sie sich holen. Dabei ist Erziehung hoch individuell, von der Stimmung, den Beziehungsverläufen, dem Kontext abhängig. Es gibt einfach keine immer gültigen Regeln. Vor allem die einfache Regel: Kinder müssen sich an Regeln halten - der Kern der (eigennützigen) Erziehungsempfehlungen von Erzieherinnen – ist wenig hilfreich, denn jede Regel muss auch Ausnahmen kennen, weil menschliche Beziehungen keine Computerprogramme sind.

Dass die Pädagogik in einer ernsten Krise steckt, ist kein exklusiver Befund von mir. Viele Pädagogen sehen das genauso und zwar schon seit langem. Sie sprechen von der Auflösung des Erziehungsbegriffs, vom Zerfließen des Gegenstandes der Erziehung, von Begriffswirrwarr, von Sprachverwirrung. Andere beklagen die Vielfalt und Uneinheitlichkeit der verschiedenen pädagogischen Theorien, Methoden und Ansätze. Es gibt noch nicht einmal ein einheitliches Studium der Pädagogik an den Universitäten. Jede lehrt etwas anderes. Selbst für die zentralen Begriffe Erziehung und Bildung gibt es keine einheitliche Definition. Eine Wissenschaft, die ihre zentralen Gegenstände nicht in den Griff bekommt, hat ein massives Problem. Daran kann auch die vielsagende Um-Etikettierung von Pädagogik in Erziehungswissenschaft nichts ändern. Warum Pädagogik meiner Meinung nach gar keine echte Wissenschaft ist, was sich unter anderem auch in ihrem mannigfachen Scheitern äußert, erläutere ich im dritten Teil dieses Buches.

Bei meiner Tätigkeit in den verschiedenen Kitas in Berlin sind mir auch die außerordentlichen Qualitätsunterschiede sowohl zwischen verschiedenen Kitas, als auch unter den einzelnen Betreuern aufgefal­len. Selbst in ein und derselben Kita kann in zwei verschiedenen Gruppen eine vollkommen unterschiedliche Arbeitsatmosphäre herrschen. Dabei habe ich weder in den allerbesten noch (vermutlich) in den allerschlechtesten Kitas, die es gibt, gearbeitet. Zwischen den allerbesten und den allerschlechtesten Kitas muss ein Unterschied herrschen, wie Tag und Nacht. Ein Kind kann ebenso wenig entscheiden, in welche Familienverhältnisse es hineingeboren wird, wie es entscheiden kann, in welche Kita es gehen muss.

Auch Eltern, die alles richtig gemacht haben bei der Kita-Auswahl (falls sie eine Wahl hatten), können sich nie wirklich sicher sein, was ihr Kind in der Kita erlebt, wie es von den Betreuern behandelt wird, wenn die Eltern gegangen sind. Größere Kinder können immerhin davon berichten. Bei den kleineren Kindern sollten die Eltern genau auf die Körpersprache ihres Kindes achten. Wenn es sich dauerhaft sträubt, sollten Eltern ihrem Kind mehr vertrauen, als den Beteuerungen der Erzieherinnen. Eltern sollten hellhörig werden, wenn Erzieherinnen versuchen, ihrem Kind die Schuld dafür in die Schuhe zu schieben, dass es sich in ihrer Kita nicht wohlfühlt. In der Regel liegt der Grund dafür nicht beim Kind, sondern beim mangelnden Engagement der Betreuer.

Dabei wäre es so simpel für eine wesentliche Verbesserung in der Betreuungsqualität zu sorgen. Die verantwortlichen Politiker müssten lediglich für eine maßvolle Überkapazität von etwa zwanzig Prozent der Betreuungsplätze sorgen, damit Eltern eine Auswahl haben und auch glaubhaft mit einem Kita-Wechsel drohen könnten. („Wenn unser Kind sich bei Ihnen nicht wohlfühlt, gehen wir eben woanders hin.") Wenn Erzieher und Erzieherinnen spüren, dass ihnen bei mangelndem Engagement auch Gehaltseinbußen drohen könnten oder im schlimmsten Fall sogar der Arbeitsplatzverlust, wird das bei ihnen einen Motivationsschub auslösen. Der Clou: Diese Überkapazität von zwanzig Prozent der Betreuungsplätze würde höchstens zehn Prozent Mehrkosten verursachen, weil die Hauptkosten der Betreuung ja pro Kind entstehen und die sich nicht vermehren. Es würden nur etwas höhere Mietkosten fällig. Außerdem entstünden so en passant kleinere Gruppen und die räumliche Enge könnte etwas entschärft werden. Wenn man bedenkt, wie viele Milliarden in den letzten Jahrzehnten in eine Verbesserung der Betreuungsqualität geflossen sind, die wir­kungslos verpufft sind, fallen die zehn Prozent Mehrkosten noch bescheidener aus.

Wenn die Wahrheit aus unangenehmen Tatsachen besteht, sollte man dann besser darüber schweigen? Ich glaube das nicht und bin in diesem Buch auch an keiner Stelle nach diesem Prinzip verfahren. Da ich den „pädagogischen Wahrheiten", Pädagogen würden sich immer nur um das Wohl ihrer Schützlinge kümmern und Kinder könnten sich ohne die Hilfe von Pädagogen gar nicht richtig entwickeln, ziemlich schnell misstraute, habe ich mir lieber ein eigenes Bild verschafft von Erziehung, der Geschichte der Kinderbetreuung und der Geschichte der Kindheit insgesamt. Schließlich bin ich, fast automatisch, bis zur Entstehung der Menschheit vorgedrungen. Was sich mir da, mit Hilfe der besten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unserer Zeit, offenbarte, gereicht unserer Spezies allerdings nicht zur Ehre. Um das innerste Wesen des Menschen wirklich verstehen zu können, sind diese Erkenntnisse aber unerlässlich. Die dramatischsten Details in der Geschichte der Kinderbetreuung konzentrieren sich im 4. Kapi­tel. Leserinnen und Leser, die sehr sensibel reagieren, sollten dieses Kapitel nicht selber lesen, sondern sich seinen Inhalt von Freunden in verdaulichen Portionen nacherzählen lassen.

1 Kinderarbeit

Menschen gehören bekanntlich zur Klasse der Säugetiere. Säugetiere gelten gemeinhin als besonders fürsorglich gegenüber ihren Jungen, die manchmal jahrelang unselbständig sind. Als besonders fürsorglich empfinden sich auch Eltern von Wunschkindern. Diese Eltern glauben oft, dass die Niedlichkeit ihrer Kinder auch bei anderen Erwachsenen notwendigerweise eine Fürsorgebereitschaft für ihre Kinder auslösen müsste. Unterstützt wird diese Auffassung von dem Konzept des „Kindchenschemas, das der Verhaltensforscher Konrad Lorenz in den 1940er Jahren postuliert hat. Lorenz hat auch Zeit seines Lebens, bis zum Jahr 1989, an der Idee eines „Arterhaltungstriebs festgehalten, demzufolge Individuen ein „Interesse an der Erhaltung ihrer Art hät­ten und sich deshalb altruistisch, also selbstlos und hilfsbereit, anderen Individuen der gleichen Art gegenüber verhalten würden, besonders wenn diese noch jung und schutzbedürftig sind. Der Arterhal ­tungstrieb wurde bereits von dem britischen Biologen Richard Dawkins in seinem Buch „Das egoistische Gen von 1976 bezweifelt. Mittlerweile gibt es viele weitere Beobachtungen, die die Vorstellung eines Arterhaltungstriebs als überholt erscheinen lassen.

Der erste Teil dieses Buches beginnt mit zwei Beispielen, die gegen ein automatisches Fürsorgeverhalten, wie es eigentlich aufgrund eines Arterhaltungstriebes zu erwarten wäre, sprechen: Kinderarbeit und Kindesmisshandlungen. Im weiteren Verlauf des erstens Teils werden wir dann sehen, warum bei einer näheren Betrachtung der Entstehungsgeschichte des Menschen, bei der nach neuesten Erkenntnissen die Kinderfürsorge die entscheidende Rolle spielte, ein Arterhaltungstrieb unwahrscheinlich ist. Das Verhalten von Erwachsenen gegenüber Kindern lässt sich stattdessen besser mit einem anderen Konzept beschreiben, das aus dem Bereich der Ökonomie stammt: Es ist das Konzept des Wechselspiels von Angebot und Nachfrage.

Die Industrielle Revolution durch Baumwolle

Bevor ab 1850 mit dem Bau von Eisenbahnen und Stahlwerken die hochindustrielle Phase einsetzte, gab es schon seit Jahrzehnten eine industrielle Entwicklung, in der Maschinen in Fabriken die Massenproduktion von Gütern – die folgenreichste Umwälzung der Industri­ellen Revolution – in Gang gesetzt hatten. Das Zeitalter der Maschinen begann bereits fünf Jahrzehnte vor dem Bau der Eisenbahn. Der Rohstoff dieser frühindustriellen Phase war allerdings nicht schwarz wie Kohle oder Erdöl. Er war auch nicht hart wie Eisen oder Stahl. Er war weich wie Watte und weiß wie Schnee: Es war Baumwolle.

Baumwollfasern sind besser für Kleidung geeignet als andere Fasern wie Leinen oder Wolle, weil sie weich, leicht und widerstandsfähig sind und sich besser reinigen und färben lassen. Im 18. Jahrhundert wurden in England Spinn- und Webmaschinen entwickelt, die Baumwolle verarbeiten konnten und Baumwollkleidung zum Massenprodukt werden ließen. Diese technische Entwicklung war der Startschuss für die Industrielle Revolution. (Hahn 2011, 108) Das billige Baumwollgarn konnten sich immer breitere Bevölkerungsanteile leisten, was die Produktion ankurbelte und weitere Kostenvergünstigungen nach sich zog. Die erhöhte Konkurrenz zwischen den Anbietern von Baumwollprodukten führte zur Entwicklung von künstlichen Farben. Aus dieser Produktion entstand später die chemische Industrie, die Kunstdünger und Sprengstoffe herstellte. (Pfister 2010)

Schließlich entstand der Maschinenbau aus der Entwicklung immer leistungsfähigerer Baumwollverarbeitungsmaschinen. Für diese Maschinen mussten immer genauer gearbeitete Maschinenteile verwendet werden, die schließlich ihrerseits von Maschinen hergestellt wer ­den mussten. Die Massenproduktion von Baumwollprodukten hat den industriellen Maschinenbau, in dem Maschinen benutzt werden um andere Maschinen herzustellen, erst in Gang gesetzt. Es entstanden schließlich auch komplizierte Webmaschinen, die per Lochkarten gesteuert werden konnten. Lochkarten dienten später dann zur Steuerung der ersten Computer.

Die ersten Fabriken der Industriegeschichte waren Baumwollspinnereien. Die Arbeit in Fabriken unterscheidet sich von der Arbeit in Manufakturen, den Vorgängern als Produktionsstätten, durch den Einsatz von Maschinen. Teure Maschinen arbeiten nur profitabel, wenn sie so wenig wie möglich still stehen. Deshalb wird die Arbeit in Fabriken um die Maschinen herum organisiert. Dazu werden die Arbeitszeiten streng geregelt, Pausenzeiten, Nachtarbeit sowie eine permanente Überwachung der Arbeiter durch einen Betriebsleiter eingeführt. Die Arbeiter können fortan nicht mehr ihrem eigene Arbeitsrhythmus folgen, denn die Maschinen geben jetzt den Rhythmus vor. In den größeren Fabriken ist es ohrenbetäubend laut. Die Luft in Textilfabriken ist mit Staub und Fasern gesättigt. In den ersten Fabriken um 1800 ist es ständig dämmrig, weil elektrisches Licht noch nicht erfunden ist und Beleuchtung ansonsten nur mit offenem Feuer, und deshalb mit Brandgefahr, erzeugt werden kann. Um die Maschinen auszulasten, sind die Arbeitszeiten extrem lang, in der Regel zwölf Stunden pro Tag an sechs Tagen die Woche.

Die Baumwollindustrie ist die erste Branche, die alle Merkmale der industriellen Produktionsweise aufweist: eine ständig verbesserte, maschinelle Produktion in Fabriken, billige Produkte, die den Massenkonsum anregen, ein stetiges Wirtschaftswachstum. In den Jahrzehnten um 1800 wuchs die britische Gesamtwirtschaft eher gemächlich mit durchschnittlich einem Prozent pro Jahr. Die britische Baumwoll­industrie hingegen wuchs über mehrere Jahrzehnte um durchschnitt­lich sechs Prozent pro Jahr und wurde zur wichtigsten Industrie im Mutterland der Industriellen Revolution. (Pfister 2010)

Sklavenarbeit

Durch die Spinnfabriken erhöhte sich die Nachfrage nach Baumwolle. Baumwolle muss allerdings aufwendig aufgearbeitet werden, weil die Fasern von klebrigen Samen getrennt werden müssen. Als auch dafür eine Maschine entwickelt worden war, wurde der Anbau von Baumwolle in Amerika lukrativ, allerdings nur durch den Einsatz von Sklaven. 1860, ein Jahr vor Beginn des Bürgerkriegs zwischen den Nord- und Südstaaten, der hauptsächlich wegen der Sklaverei geführt wurde, arbeiteten 70 Prozent der etwa vier Millionen Sklaven, die alle in den Südstaaten lebten, im Baumwollanbau. Die Sklaverei in den USA war hauptsächlich ein Ergebnis der hohen Nachfrage nach Rohbaumwolle durch die sich entwickelnde Baumwollindustrie. (Dattel 2011)

Auch in den europäischen Baumwollfabriken war der Bedarf nach billigen Arbeitskräften groß. So, wie die Arbeit auf den Baumwollfeldern zwar hart, aber einfach zu erlernen war, so war auch die Arbeit in den neuen Baumwollfabriken in England und anderen europäischen Ländern hart, aber von jedem zu erlernen. Um die Maschinen zu bedienen waren keine Handwerker mit langwieriger Ausbildung nötig, die hohe Löhne hätten fordern können. Es gab nur einen Haken – in Nordeuropa gab es seit dem Mittelalter kaum noch Sklaven. Bereits Karl der Große verbot die Sklaverei, allerdings nur für versklavte Christen. Mit der philosophischen Bewegung der Aufklärung und vor allem mit der protestantischen Reformbewegung des Pietismus setzte sich in Europa zunehmend der Gedanke durch, dass Sklaverei mit dem Christentum nicht zu vereinbaren wäre. Die Öffentlichkeit in England und in anderen europäischen Staaten hätte also vermutlich protestiert, wenn in den neu entstandenen Baumwollfabriken Sklaven zur Arbeit gezwungen worden wären. Doch die Baumwollfabrikanten fanden eine andere Lösung, um ihren Bedarf an billigen Arbeitskräften zu decken. In allen Gesellschaften gibt es eine Bevölkerungsgruppe, die nötigenfalls ebenso mit Zwang dazu gebracht werden kann, viele Stunden am Tag monotone Tätigkeiten für ein Minimum an Ent­lohnung zu leisten wie Sklaven: Kinder.

Kinderarbeit während der Industriellen Revolution

Bereits in den ersten Baumwollfabriken war ein Großteil der Arbeiter Kinder. Das rasante Wachstum der Baumwollindustrie in England ließ bis zum Ende des 18. Jahrhunderts fast 900 Baumwollfabriken entstehen, in denen 340.000 Menschen arbeiteten. 100.000 von ihnen waren Kinder. (Beckert 2014, 84) Kinder konnten in allen möglichen Bereichen der Fabriken eingesetzt werden. Sie bereiteten die Baumwolle auf, fegten Abfall zusammen, trugen die Körbe mit Garn und Spulen hin und her oder knüpften abgerissene Fäden wieder an. Am gefährlichsten war das Reinigen der mit dem technischen Fortschritt immer schneller arbeitenden Maschinen. Bei laufendem Betrieb mussten die Kinder unter die Spinnmaschinen kriechen um ölverschmierte Baumwollreste zusammen zu fegen, wobei sie blitzschnell wieder hervorkommen mussten, um nicht von den hin und her sausenden Maschinenteilen erfasst zu werden: „Schafften sie es nicht, wurden sie zwischen heranrasender Maschinenreihe und Maschinengestell zerquetscht – ein Grund, warum für diese Tätigkeit vor allem Waisenkinder eingesetzt worden sein sollen." (Bönig 2012)

Die erste mechanische Spinnerei auf deutschem Boden wurde 1784 in Ratingen, in der Nähe von Düsseldorf gegründet. Der Fabrikant Jo­hann Gottfried Brügelmann beschäftigte dort 1797 insgesamt 226 Arbeiter, wie aus Arbeiterlisten hervorgeht. Dreiviertel davon, also 170, waren Kinder zwischen sechs und sechzehn Jahren, die meisten waren zwischen acht und elf Jahren alt. Aus dem Privilegiumsantrag, mit dem sich Brügelmann ein Monopol für mechanische Spinnereien im Bergischen Land sichern wollte, geht hervor, warum mit solcher Selbstverständlichkeit Kinder als Fabrikarbeiter eingesetzt wurden. In seinem Antrag behauptet Brügelmann, die Stadt Ratingen hätte den „größten Vorteil von seiner geplanten Fabrik, weil dort „eine Menge armer Einwohner und kleinerer Kinder von 6 bis 10 Jahren, welche nur gar zu häufig dem Müßiggang und Betteln nachgehen, ihren täglichen Unterhalt verdienen und dadurch von Jugend an zur Arbeit und Fleiß angehalten werden. (Landesanstalt für Arbeitsschutz des Landes Nordrhein-Westfalen 2003)

Die Anschaffung teurer Maschinen lohnte sich nur, wenn sie permanent ausgelastet waren. Deshalb wurde ein spezielles Kontrollsystem eingeführt: Ein sogenannter „Faktor" überwachte die Arbeiter, damit der Produktionsprozess möglichst nicht unterbrochen wurde. Die teuren Maschinen rentierten sich auch nur, wenn die übrigen Betriebskosten nicht zu hoch waren. Da die meisten der Betriebskosten vom Fabrikanten nicht beeinflussbar waren, konnte er nur an den Lohnkosten sparen. Da aber die Bedienung der frühen Maschinen nicht kompliziert war, mussten nur wenige teure Fachkräfte angestellt werden. Die Mehrheit der Belegschaft konnten angelernte Arbeiter sein, denen entsprechend wenig Lohn gezahlt wurde. Anforderungen, die von Sklaven sehr gut erfüllt werden – oder von Kindern. Kinder sind leicht zu kontrollieren und zu disziplinieren, sie sind geeignet monotone Tätigkeiten auszuführen und sie können mit geringsten Löhnen abgespeist werden.

Doch da Kinder sich noch in der Entwicklung befinden, waren die neuartigen Belastungen durch die Maschinenarbeit für sie besonders gravierend. Die monotonen Handgriffe, die Überbeanspruchung der jungen Körper, die Überlangen Arbeitszeiten, die mangelnde Ernährung, die psychischen Belastungen führten zu erheblicher Frühinvali­dität und erhöhter Sterblichkeit unter den Fabrikkindern. Aus Berichten, die die Bezirksregierungen auf Anfrage des Kultusministers über die Lage der Fabrikkinder 1824/25 erstellten, ergibt sich ein erschreckendes Bild über ihren Gesundheitszustand. Fast alle Kinder litten entweder an Brust- und Lungenleiden, Schwindsucht, allgemeine Körperschwäche, Abmagerung, Blässe, Aufgedunsenheit des Gesichts oder des Bauches, Drüsenschwellungen oder Ausschlägen. „Die heranwachsenden Kinder sind weitgehend verkrüppelt, ihre Organe in der Ausbildung zurückgeblieben." (Herzig 1983, 343)

Die Aachener Regierung meldete eine fast doppelt so hohe Mortalitätsrate unter den Jugendlichen aus den Industriegebieten, im Vergleich zu den Jugendlichen aus den Ackerbau treibenden Landgemeinden. Über eine Fabrik im rheinischen Geldern hieß es, dass dort sogar Vierjährige arbeiten mussten. 125 Kinder wären zur Nachtschicht eingeteilt gewesen. „Bleiche Gesichter, matte und entzündete Augen, geschwollene Leiber, aufgedunsene Backen, geschwollene Lippen und Nasenflügel, Drüsenanschwellungen am Halse, böse Hautausschläge und asthmatische Anfälle unterscheiden sie in gesundheitlicher Beziehung von anderen Kindern derselben Volksklasse, welche nicht in den Fabriken arbeiten. Nicht weniger verwahrlost ist ihre sittliche und geistige Bildung." (Stiftung Jugend und Bildung 2016, 36)

Kinder arbeiteten nicht nur in Textilfabriken, sondern auch in vielen anderen Bereichen, in Töpfereien, beim Zupfen von Fasern, in Seilereien, in Papierfabriken, im Grunde überall dort, wo ihre Körperkraft und Geschicklichkeit ausreichend war. Im Bergbau wurden sie als Grubenpferdeführer, Kohlenschlepper, Lorenzieher und Öffner von Wettertüren, mit denen die Frischluftzufuhr unter Tage geregelt wurde, eingesetzt. Oder als Pochjungen. Pochjungen hatten die Aufgabe, das aus den Bergwerken geförderte Gestein mit einem Hammer zu zerschlagen und nach erzhaltigen und „tauben Brocken zu sortieren. Die Arbeit war also ähnlich der, die heute noch Kinder in den Entwicklungsländern leisten, wenn sie mit dem Hammer Straßenschotter herstellen. In den Pochwerken war es meistens laut und kalt und die Kinder atmeten ständig den feinen Steinstaub ein. Bereits im Alter von acht Jahren wurden die Pochjungen zu Arbeit herangezogen und starben mit vierzig. „Ein solches achtjähriges Kind wird also von seinem eigenen Vater … gleichsam zum Bergbau verdammt. Auf der Grube saugt es frühzeitig und im Keime seiner Jugend unreine Dünste und bösen schwefelhaften Dampf zugleich mit dem Staube der Erze ein, darinnen es im Pochhause umnebelt ist, bis es … von einem keichenden Husten gemartert, in seinem kaum erreichten vierzigsten Jahre bergfertig dahinstirbt. (Knoetzschker 1795, 65 f.)

Die Missachtung der Schulpflicht

Obwohl bereits Schulpflicht im damaligen Preußen herrschte, wird ihre Einhaltung nur halbherzig überprüft. Die Fabrikanten lehnten es ab, auch nur stundenweise auf die Arbeit der Kinder zu verzichten. Der Betreiber einer Baumwollspinnerei aus Grevenbroich, der rund 250 Kinder beschäftigte behauptete, die Kinder in den mechanischen Fabriken seien so nötig wie die Erwachsenen. Nähme man ein Kind von seiner Beschäftigung weg, so müsse man ein anderes dafür hinstellen, damit kein Stillstand eintrete. Alles hänge wie eine Kette zusammen. Der Historiker Arno Herzig urteilt über die Bedeutung der Kinderarbeit zu Beginn der Industriellen Revolution: „Das System war seit der Errichtung der ersten mechanischen Baumwollspinnereien in den 1780er Jahren – und die anderen mechanischen Fabrikbetriebe waren diesem System gefolgt – darauf angelegt, bestimmte Produkti­onsgänge, die die Maschine nicht leisten konnte, durch Kinder verrichten zu lassen. Fielen diese aus, so wurde der gesamte Produktionsgang unterbrochen." (Herzig 1983, 366)

An der Schulbildung ihrer Kinderarbeiter hatten die Fabrikanten kein Interesse, da sie für ihre Arbeit keine Schulbildung benötigten. Um der Schulpflicht wenigstens der Form nach genüge zu tun, schlugen sie als Alibi Sonntagsschulen vor. Kinder, die sechs Tage die Woche 12, oft auch 14 Stunden am Tag arbeiteten und nicht selten noch vor und nach der Arbeit einen stundenlangen Fußmarsch zu ihrer Wohnstätte ableisten mussten, sollten an ihrem einzigen freien Tag zur Schule gehen müssen. An den Kosten der Schule wollten sich die Fabrikanten nicht beteiligen, sie sollten den Kindern vom Lohn abgezogen werden. In Aachen weigerte sich 1816 selbst die Katholische Kirche Schulunterricht für 450 Fabrikkinder gegen den Willen der Fabrikanten durchzusetzen. Man einigte sich lediglich auf den Grundsatz, „keine Kinder vor dem gänzlich vollendeten 7. Jahre in den Fabriken zuzulassen." (Herzig 1983, 358)

Auch vereinzelt eingeführte Abendschulen dienten kaum dem Zweck, den Fabrikkindern eine geeignete Schulbildung zukommen zu lassen. Nicht nur hatten die Kindern nach ihren überlangen Arbeits­schichten in den lauten Fabriken kaum noch genügend Aufmerksamkeit, um etwas zu lernen. Es fanden sich auch, wenn überhaupt, nur eher unqualifizierte Lehrer, die am späten Abend noch Unterricht erteilen wollten. Als „Lösung wurde von den Behörden die Einrichtung von Fabrikschulen vorgeschlagen. Doch selbst noch Mitte des 19. Jahrhunderts entpuppten sich diese Fabrikschulen nicht selten als „reine Fehlanzeige … Offiziell wurde hier zwar Schule abgehalten, die Kinder aber in Wirklichkeit nur der offiziellen Schulkontrolle entzogen, um sie ungestört im Produktionsprozess einsetzen zu können. (Herzig 1983, 361)

Zu der weitreichenden und jahrzehntelangen Verletzung der Schulpflicht bei den Kinderarbeitern äußerte sich der zuständige Kultusminister von Altenstein 1827 wie folgt: „Anordnungen (die Schulpflicht betreffend sind) nur mit reiflichster Berücksichtigung aller dabei konkurrierender Interessen, also nicht bloß der Kinder, sondern auch ihrer dürftigen Eltern und der bestehenden Fabriken, die zu ih­rem Flor dieser wohlfeileren Arbeiter nicht wohl entbehren könnten" zu erlassen. (Zit. nach Herzig 1983, 357)

Die Verschleppungstaktiken der Behörden

Überhaupt sind die Behörden in Preußen in den ersten Jahrzehnten während der Industriellen Revolution anscheinend nicht daran interessiert, die Kinderarbeiter vor der extremen Ausbeutung durch das Fabriksystem zu schützen, wie Arno Herzig in seiner Analyse über Kinderarbeit in Deutschland während dieser Zeit nachweisen konnte. (Herzig 1983) Das lag nicht etwa daran, dass ihnen die dramatische Situation der Kinder entgangen wäre. Einen ersten halboffiziellen Bericht gab es bereits aus der Zeit, als das Rheinland noch mit dem Frankreich Napoleon Bonapartes verbündet war. 1809 notierte ein französischer Beamter seine Beobachtungen über das später zu Wuppertal gehörende Elberfeld: „Die große Mehrheit der Einwohner des Arrondissement Elberfeld befindet sich in einer äußerst jämmerlichen Verfassung. Dieser Zustand der Degeneration ist wohl auf die Gewohnheit in dieser Gegend zurückzuführen, dass man zu früh die Kinder in den Fabriken arbeiten lässt. In großer Zahl in den Werkstätten zusammengepfercht, an eine sitzende Beschäftigung gefesselt, die sie zwingt, lange Zeit in gekrümmter Haltung zu verharren, kann sich der Körper nicht ausreichend entwickeln." (Zit. nach Herzig 1983, 331)

Einen ersten amtlichen Bericht über die Lage der Fabrikkinder schickte 1815 der damalige Direktor des öffentlichen Unterrichts am Niederrhein, Grashoff, an die preußische Regierung in Berlin. Er berichtete: „Kinder von 6 Jahren werden bereits hinter die Maschinen gestellt, um dort selbst zur Maschine zu werden. Sechs Tage lang in jeder Woche, wenn nicht ein eintretender Feiertag eine Ausnahme macht, und auch wohl bei

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