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Bedford Hope (Band 1)

Bedford Hope (Band 1)

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Bedford Hope (Band 1)

Länge:
266 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Nov 13, 2017
ISBN:
9783958693616
Format:
Buch

Beschreibung

Als Hadriane nach ihrem Selbstmord in der Hölle erwacht, bleibt ihr nur ein Pakt mit dem Teufel, um der ewigen Verdammnis zu entkommen. Fortan wandelt sie als Dämon auf der Erde, um die Menschen vom rechten Weg abzubringen. Ihr Dasein erscheint aussichtlos, zudem scheint Hadriane die Einzige unter den Dämonen zu sein, die sich nicht an ihr Ableben erinnern kann. Das ändert sich, als sie auf den Engel Amaranth trifft, ihren mysteriösen Retter. Amaranth beschert Hadriane fortan schlaflose Nächte und das, obwohl sie auf unterschiedlichen Seiten stehen. Doch wie viel kann eine Liebe überwinden? Teil 1 der Trilogie.
Herausgeber:
Freigegeben:
Nov 13, 2017
ISBN:
9783958693616
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Bedford Hope (Band 1) - Nika S. Daveron

Kapitel 1

Zimmer 72

»Siehe, ich sende einen Engel vor dir her, der dich behüte auf dem Wege und dich bringe an den Ort, den ich bestimmt habe.«

Altes Testament.

Das zweite Buch Mose (Exodus)

(#2.Mose 23,20)

Als ich erwachte, war da diese Tür. Alt und ranzig, genau wie die Tapete, die sich in großen Fetzen von den Wänden schälte und in ihrem früheren Leben einmal orange gewesen sein musste. Der Raum war fensterlos, in ihm befand sich eine Treppe, die sowohl auf- als auch abwärts führte. Sie war vermutlich genauso alt wie Tür und Tapete und das Geländer knackte fürchterlich, als ich es berührte.

Was war das nur für ein Ort? Eine Lampe mit vergilbtem Papierschirm spendete ihr trübes Licht und gewährte mir zumindest einen Blick auf meine zerschlissenen Jeans. Die hatte ich heute Morgen angezogen, daran konnte ich mich noch gut erinnern.

Erwartungsvoll drehte ich mich einmal um die eigene Achse und musste feststellen, dass der Raum genauso enttäuschend blieb wie bei meiner ersten Bestandsaufnahme. Mit einem Unterschied: Es gab eine Zimmernummer an der Tür. Auf einem Messingschild prangte eine 72 am Holz.

Als ich nach der Türklinke greifen wollte, war dort jedoch nichts, nach dem ich hätte greifen können, sodass ich zurücktrat und tief einatmete. Wo war ich? Und was war geschehen?

»Hallo?«, rief ich nach einer Weile. Nichts. Niemand da. »Hallo?«

Ich trat näher an die Treppe heran und versuchte hinabzusehen, doch unten herrschte nur Dunkelheit. Ein unangenehmer Geruch nach abgestandenem Qualm drang zu mir hinauf, vermischt mit dem Gestank von verschimmelten Möbeln. So hatte es im Haus meiner dementen Tante gerochen.

Ich versuchte mich darauf zu besinnen, wer ich war. Ich war Lillie-Charlotte. Ich war zwanzig Jahre alt. Mein Gedächtnis funktionierte also noch, wenn man mal davon absah, dass ich keine Ahnung hatte, wie ich hergekommen war. Ich war morgens aufgestanden, wie an jedem Tag. Und dann? Dann fehlte etwas. Offenbar etwas Entscheidendes.

»Hallo?«, versuchte ich es noch einmal.

Prüfend zog ich an meinem Zopf, der mir über die Schulter hing. Der Schmerz kam augenblicklich. Ich träumte also nicht. Das machte das Ganze jedoch nicht besser. Kein bisschen!

Ich versuchte die aufsteigende Panik zu bekämpfen, doch hier gab es keinen Halt, keine helfende Hand, nur die verdammte 72, die mich glänzend angrinste. Am liebsten hätte ich sie heruntergerissen, nur um irgendetwas zu tun.

Meine Schultern verkrampften sich, als ich wieder zu der Tür hinüberging und davor stehen blieb. Das morsche Holz unter meinen Füßen machte nicht eben einen besonders einladenden Eindruck und es hätte mich nicht gewundert, wenn der Boden mich einfach verschlungen hätte.

Ratlos hob ich eine Hand und tat das Einzige, was ich noch nicht ausprobiert hatte: Ich klopfte.

Und prompt sprang die Tür einen Spaltbreit auf. Dichter Tabakqualm drang nach draußen und ich hörte das krächzende Gedudel eines Grammophons, das ein Lied von Bertolt Brecht spielte. Mackie Messer, wenn ich es richtig in Erinnerung hatte. Aus der Dreigroschenoper. Und der Haifisch, der hat Zähne …

»Sie haben verdammt lange dafür gebraucht, sich Ihrer guten Manieren zu entsinnen«, sagte eine Stimme im Inneren des Zimmers 72.

Hustend wedelte ich den Qualm beiseite und schob die Tür mit dem Fuß auf. Drinnen erwartete mich ein fensterloses Büro mit einem großen Schreibtisch aus Eichenholz, ziemlich altertümlich und genauso heruntergekommen wie alles andere, was ich zuvor zu Gesicht bekommen hatte.

Und hinter diesem Schreibtisch saß der vermutlich fetteste Mann der Welt. Er war so ausladend, dass er statt auf einem Schreibtischstuhl auf einem Sofa saß. Sein ungepflegter Bart war stoppelig und ausgefranst, seine Haut glänzte vor lauter Schweiß. Aber seine Schweinsäuglein waren erstaunlich blau. Dazu trug er einen tadellos sitzenden Anzug, der ebenfalls in einem tiefen Blau gehalten war, und eine rote Krawatte. Man hätte nichts auf dieser Welt finden können, das weniger zusammenpasste als dieser Mann mit seiner Kleidung.

»Wer sind Sie?«, fragte ich.

»Ach, es sind des Haifischs Flossen rot, wenn dieser Blut vergießt!«, plärrte das Grammophon.

Alles an dieser Situation war so skurril, dass ich sogar vergaß, mich zu fürchten, obwohl ich es hätte tun sollen. Ich war irgendwo an einem Ort, den ich nicht kannte; vielleicht entführt. Und vor mir saß dieser widerwärtige fremde Mann, dessen einzige Sorge meine Manieren waren. Abstrus! Krank! Vielleicht war ich verrückt geworden?

»Wer ich bin, ist gar nicht von großem Interesse.« Er lehnte sich nach links, sodass ich einen Blick auf die Wand hinter ihm erhaschen konnte. Eine weitere Tür. Ein weiteres Messingschild. Noch mehr hässliche Tapete. »Wer Sie sind, gnädiges Fräulein, das ist interessant.«

»Ich bin Lillie-Charlotte Villeneuve«, antwortete ich wahrheitsgemäß. Vielleicht war das hier irgendeine kuriose Verwechslung. Geheimdienst und so. Das las man doch öfter mal in der Zeitung.

»Wohnhaft?«, fragte er und beugte sich über ein Blatt Papier, das sich bei näherem Hinsehen als Fragebogen entpuppte. Er schien häufiger Leute wie mich hier zu haben.

»Paris. Rue Berlioz. Brauchen Sie noch mehr? Hören Sie, das hier kann eigentlich nur eine Verwechslung sein. Wir kennen einander nicht und ich weiß auch gar nicht, was Sie hier tun, und überhaupt …«

»Möchten Sie gern nach Hause? Natürlich«, unterbrach er mich, während er die Papiere von sich wegschob, in meine Richtung.

Dann brummte er, mehr zu sich selbst: »Rivendell hatte recht, ich hänge demnächst ein Schild an die Tür, dann kann ich mir das Gequatsche auch sparen.«

Er hatte eine angenehme Stimme, sie passte zu seinem Anzug, allerdings nicht zum Rest seines schwabbeligen Körpers. Seine Finger waren dick wie Würstchen, als er einen Kugelschreiber zückte und ihn mir reichte.

»Was soll ich damit?«

»Unterschreiben.«

»Ich unterschreibe nichts, was ich nicht gelesen habe«, sagte ich bestimmt.

»Dann lesen Sie. Ist mir sogar lieber, dann brauche ich mich gar nicht mehr um Sie zu kümmern.«

Um zu beweisen, dass er es ernst meinte, stellte er sogar sein Grammophon lauter.

»Nein, warten Sie doch bitte!«, versuchte ich es und war wirklich dankbar, dass meine flehenden Worte doch noch Erfolg hatten, denn er wandte sich nun wieder mir zu.

»In einer solch verwirrenden Situation ist man doch froh um jede Hand, die einem entgegengestreckt wird, habe ich nicht recht? Selbst wenn sie in ein paar Wurstfingern mündet.«

Himmel, konnte der Gedanken lesen?! Falls ja, ließ er meinen innerlichen Aufschrei unkommentiert, musterte mich mit seinen Schweinsäuglein jedoch kritisch.

»Also, Fräulein Villeneuve. Die Kurzfassung, ja? Ich habe heute wirklich wenig Zeit. Viele Termine.«

Er deutete auf seinen Arm, obwohl dort keine Armbanduhr war. Sein schmierig nach hinten gekämmtes Haar wies an einigen Stellen Grau auf, als er sich nach vorn beugte und mit seinen dicken Fingern nach einer Zigarre griff, die in einem kleinen Kästchen am Schreibtischende lagen.

»Es ist ganz einfach. Sie sind tot.«

»Was?«, entfuhr es mir.

»Oh ja, das sind Sie. Mit sich hadern können Sie im Übrigen draußen, ich höre mir das nicht mehr an, also machen Sie den Mund zu.«

Ich tat wie geheißen, aber die Worte hallten in meinem Kopf nach. Ich war tot? Wieso? Ich war doch hier! Ich musste wohl ziemlich ungläubig ausgesehen haben, denn er schnaubte belustigt und zündete sich dann in aller Seelenruhe seine Zigarre an. Seele! Halt! War das hier meine Seele, wenn ich tot war? Aber die sah doch so aus wie ich! Jedenfalls trug sie meine Jeans, die ich heute Morgen noch angezogen hatte. Den Rest konnte ich ja nicht überprüfen, denn es gab keinen Spiegel an diesen hässlich tapezierten Wänden.

»Sie sind tot, das können Sie allerdings auch später akzeptieren. Wir kommen nun erst zum Wichtigsten: Sie sind tot und kommen in die Hölle.«

»Es gibt keine Hölle«, antwortete ich stoisch.

»Natürlich nicht.« Er lehnte sich abermals zur Seite, sodass der Blick auf die Tür hinter ihm wieder frei wurde. Zimmer 666.

»Ach kommen Sie, das soll ich Ihnen glauben? Ich bin wahrscheinlich von religiösen Terroristen entführt worden, die wollen, dass ich mich ihrer Sekte anschließe. Habe ich recht?«

Er rollte genervt mit den blauen Augen und nahm noch einen Zug von seiner Zigarre. »Ab jetzt keine Zwischenfragen mehr. Haben wir einander verstanden? Meine Zeit ist wirklich knapp und ich bedaure es jetzt schon, dass man ausgerechnet Ihnen einen Handel angeboten hat. Meine Wahl waren sie jedenfalls nicht.«

Ich sagte gar nichts. Immer noch hallten die Worte »Sie sind tot« durch mich hindurch. Und zu allem Überfluss jaulte auch immer noch diese schreckliche Aufnahme durch den Raum: »Es ist weder Pest noch Cholera. Doch es heißt: Macheath geht um

»Wie dem auch sei«, sagte er nun aufgeräumt. »Sie haben die Wahl: Sie nehmen diesen Handel an und unterschreiben den Vertrag, oder Sie gehen direkt durch diese Tür. Sie führt in die Hölle, wie man sich anhand der Zahl wohl denken kann. Ich habe mir diesen Spaß ausgedacht. Weil mir sonst doch keiner glaubt. Mit der 666 können die meisten Menschen etwas anfangen.«

»Aha«, machte ich. »Aber wenn wir mal annehmen, dass ich tot bin, dann glaube ich nicht, dass irgendetwas in meinem Leben schlimm genug war, um einen Platz in der Hölle reserviert zu bekommen.«

»Oh, Fräulein Villeneuve, an Ihrem erbärmlichen Leben war überhaupt nichts schlimm. Aber Ihr Tod war es. Sie haben sich nämlich selbst gerichtet.«

Ich brauchte einen Moment, um die Bedeutung dieser Worte zu begreifen. Ich sollte mich selbst umgebracht haben? Weshalb? Soweit ich mich zurückerinnern konnte, ging es mir gut. Meinen Eltern gehörte ein nettes Häuschen, ich hatte ein oder zwei gute Freundinnen, keinen festen Freund, weil mir die Kerle in meinem Alter zu niveaulos waren, und einen netten Job in der Unibibliothek, dem ich nachging, weil ich mir noch nicht wirklich sicher war, was ich studieren wollte. Klar, das war kein bewegtes Leben für jemanden, der gerade zwanzig geworden war, aber eben auch kein schlechtes.

»Dafür sollten Sie in der Hölle schmoren. Aber in seiner unendlichen Gnade hat jemand beschlossen, Ihnen zumindest eine Möglichkeit zu geben, diesen Qualen vorerst zu entkommen. Sie könnten uns behilflich sein.«

»Uns? Wem?«

»Uns.« Er machte eine allumfassende Geste. »Bedford.«

»Was ist Bedford?«

»Das ist dieser Ort. Manche nennen ihn das Fegefeuer, aber das ist nicht korrekt. Wir sind die Verwaltung. Auf dieser Seite.«

Ich hatte keine Ahnung, was er damit meinte, doch ich wagte nicht, ihn erneut zu unterbrechen.

»Am besten nennen Sie es auch Bedford. Es ist der Ort, an dem wir uns befinden. An dem dieses Haus steht. Und es ist auch gleichzeitig der Ort und das Haus an sich. All das ist Bedford. Auch Sie.«

Klang kryptisch. Und total verrückt. Vielleicht war ich von einem Auto angefahren worden und lag nun im Koma und fantasierte mir die verrücktesten Dinge zusammen. Ja, doch, das könnte passen …

»Auch ich bin Bedford. Allerdings heiße ich Cortez.« Er lachte über seinen Scherz. Ich nicht. Als er merkte, dass ich es auch weiterhin nicht tun würde, fuhr er einfach fort: »Sie kennen unsere Seite vermutlich nur aus Ihrer albernen Kirche: das Fegefeuer, die Hölle, der Teufel, Luzifer … So nennt man all das bei Ihnen. Sie werden feststellen, dass dieses Vokabular hier nicht gern genutzt wird – sofern Sie natürlich nicht die Tür hinter mir wählen.«

Ich sagte immer noch nichts.

»Die Bedingungen sind simpel: Sie dürfen hier in Bedford bleiben, wenn Sie für uns ein paar kleine Arbeiten übernehmen.«

»Darf man die Hölle besichtigen? Für den Fall, dass ich Ihnen diesen Unsinn glaube, heißt das natürlich nur.«

»Sehe ich aus, als würde ich gern scherzen?« Cortez’ Stimme war gefährlich leise geworden, sodass ich unwillkürlich einen Schritt zurück machte.

Der fette Kerl konnte verflucht bedrohlich sein, auch wenn er nicht aussah, als würde er mir überhaupt nur zu nahekommen, geschweige denn sich von seinem Schreibtisch wegbewegen.

»Man kann es nicht. Wer einmal durch diese Tür geht, wird dort bleiben. Bis zum Ende seiner Zeit.«

»In Ordnung«, antwortete ich. Hatte ich auch irgendwie erwartet. Selbst wenn ich immer noch auf den Fiebertraum tippte. »Und von welcher Arbeit sprechen wir?«

»Ganz einfach. Sie gehen nach draußen in die Welt und tun das, was Dämonen mit den Menschen tun: sie verführen.«

Das klang weniger anzüglich, als die Worte waren, so wie er das aussprach, weshalb ich mich genötigt sah, nachzufragen: »Verführen?«

»Nicht im herkömmlichen Sinne. Sie müssen sie ein wenig infizieren. Sodass es Nachschub gibt, der durch diese Tür gehen kann. Verstanden?«

»Ich mache also Menschen zu schlechten Menschen?«

»Schlichte Worte für ein schlichtes Gemüt. Ja. Das ist Ihre Arbeit. Wirklich einfach. Und sparen Sie sich bloß jegliche moralische Entrüstung. Sie sind Selbstmörderin, ich pfeife auf Ihre Moral, Fräulein Villeneuve.«

»Ich bin keine –«

»Natürlich nicht. Ein unglücklicher Zufall, nicht wahr? Das erzählen mir viele.«

Ich kniff die Lippen zusammen. Was stritt ich mich überhaupt mit dieser Wahnvorstellung? Ich hatte mich garantiert nicht umgebracht. Warum auch?

»Wenn ich das also tue … dann darf ich hierbleiben? Hier gibt es doch nichts. Nur Sie und mich.«

»Bedford ist viel größer, als es den Anschein hat«, gab Cortez zurück. »Da Sie jedoch derzeit kein Teil davon sind, haben Sie nur Zutritt zum Herzen. Nicht aber zum Gehirn, zu den Blutbahnen oder den Nervensträngen. Sie sind nur Gast.« Das Grammophon surrte und die nervtötende Musik verstummte. »Ah«, machte er. »Die Zeit ist um. Sie müssen sich entscheiden. Die Tür? Oder der Vertrag?«

Ich überlegte nicht lange, griff einfach nach dem Kugelschreiber und setzte meine Unterschrift auf das Papier, das ich nicht las. Warum auch? Ich würde bald erwachen. Oder die Drogen würden aufhören zu wirken. Vielleicht hatte mir jemand was in mein Getränk gemischt. Es hatte ein paar Fälle in der Nähe der Bastille gegeben, wo ich öfter mit meiner Freundin Celiné gewesen war. So auch an diesem Wochenende.

»Das ging schnell«, sagte Cortez mit einem süffisanten Grinsen. »Nie wählt jemand die Tür. Sie alle stehen hier und beteuern inbrünstig, dass es keine Hölle gibt. Aber keiner hat die Eier und sagt: Ich will hinein.«

Darauf wusste ich nichts zu erwidern.

»Sie werden jetzt gehen. Für heute können Sie noch Fräulein Villeneuve bleiben. Das wird sich morgen ändern. Ihr Zimmer befindet sich links von der Treppe. Falls Sie es nutzen möchten, steht es zu Ihrer Verfügung. Die Küche ist unten. Den Dachboden betreten Sie niemals ungefragt.« Er kratzte sich am stoppeligen Kinn und fügte hinzu: »Und geben Sie acht auf das Haltbarkeitsdatum der Lebensmittel. Hier räumt nie jemand auf.«

Das Erste, was ich bemerkte, nachdem ich Cortez’ Zimmer verlassen hatte, war der Umstand, dass der Flur nun nicht mehr so leer war wie vorhin noch. Es gab jetzt nicht nur die Tür zu Zimmer 72, sondern auch drei weitere Türen, beziffert mit Zimmer 41, 56 und 83. Sie waren verschlossen und alle aus dem gleichen morschen Holz. Und das untere Ende der Treppe war auch sichtbar, als ich hinabblickte.

Okay, sagte ich in Gedanken zu mir. Das ist ein Traum. Ein ganz merkwürdiger. Ich wache gleich auf. Bestimmt! Oder lag ich vielleicht im Koma und war gezwungen, in dieser merkwürdigen Welt zu bleiben? Hoffentlich nicht!

Fassungslos schüttelte ich den Kopf und machte mich an den Abstieg die Treppe hinunter, nur um etwas zu tun zu haben.

Unten gab es verstaubte Fliesen im Flur und, wenn möglich, eine noch hässlichere Tapete: Diese hier war grün-braun, mit Mustern, die vielleicht mal in den 70ern modern gewesen waren. Rechts von mir gab es eine Schiebetür, links eine angelehnte Holztür, doch vor mir war etwas, das mein Herz schneller schlagen ließ. Eine Haustür. Eindeutig eine Haustür.

Bunte Glasfenster in einer alten, hölzernen Haustür. Irgendwann hatte es einmal ein paar Schnörkel daran gegeben, die Ornamente waren jedoch kaum noch erkennbar. Das Glas war trübe, aber so weit noch intakt. Rot, Orange und Gelb, als trübes Mandala auf den dreckigen Fliesen. Das Holz war so trocken und alt, dass es beinahe schwarz war. Was für ein seltsamer Ort. Aber das hier war eine Tür nach draußen. Die einzige, wenn ich das richtig beurteilen konnte.

Ich dachte nicht lange nach, griff nach der Klinke und schreckte zurück, als eine Stimme hinter mir sagte: »Ich würde die nicht anfassen. Linfai kann das gar nicht leiden.«

Wer? Was? Verwirrt fuhr ich herum und starrte in den hinteren Teil des Flurs, der irgendwo in einem düsteren Gang endete. Doch da war niemand.

Prüfend griff ich noch einmal nach der Klinke, allerdings nicht ohne den Gang zu beobachten, doch das Gleiche geschah wieder: »Himmel, hörst du schlecht? Lass das!«

Ich ließ die Hand sinken.

Vor mir tauchte eine Gestalt auf. Und wenn ich auftauchen sage, dann meine ich das auch genau so: Sie wuchs aus dem Schatten des Treppengeländers empor, eine kleine, kindliche Gestalt, die mir vielleicht bis zur Brust ging, mit kurzen schwarzen Haaren, großen dunklen Augen und einer viel zu tiefen Stimme, die so gar nicht zu ihrer Erscheinung passen wollte. Gekrönt wurde das Ganze jedoch von einem gelben Regenmantel und einem Paar Gummistiefeln in Rot.

Ich fühlte mich immer noch so seltsam, dass mich ihr plötzliches Auftauchen nicht wirklich erschreckte. Mein Gehirn schien gerade irgendwo anders zu sein. Jedenfalls nicht bei der Sache.

»Wer bist du?«, fragte ich.

Sie lächelte schelmisch. »Das Halbkind. Fürchte dich. Huuuuuu!« Wie zum Beweis fuchtelte sie mit den Händen.

Sollte mich das irgendwie beeindrucken? Halbkind? Das sagte mir nichts.

»Kein bisschen Angst?«, fragte das Mädchen. »Nicht mal ein winziges bisschen?«

»Nein, tut mir leid.«

Sie ließ die Hände sinken und zuckte mit den Schultern. »Na schön. Macht nichts. Ich bin Sagitaria. Das Halbkind, die Herrin der Schatten. Weißt du, woher

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