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Konstellationen: Gespräche zur Gegenwartsliteratur
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eBook278 Seiten3 Stunden

Konstellationen: Gespräche zur Gegenwartsliteratur

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Über dieses E-Book

Faszinierende Einblicke in das Schaffen von zehn herausragenden Gegenwartsautorinnen und -autoren.

"Ich will nicht behaupten, dass ich klug bin, weil ich mein ganzes Leben lang Literatur gelesen habe. Aber man wird auch nicht dümmer."
Michael Krüger zu seinem Roman "Das Irrenhaus"

Zehn Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die den literarischen Diskurs der Gegenwart maßgeblich prägen - wie etwa Olga Grjasnowa, Ingo Schulze oder Matthias Politycki - haben mit Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen über ihre ästhetische Praxis gesprochen. Die Ergebnisse hat Monika Eden nun zu einer spannenden Anthologie zusammengestellt. Im Fokus stehen die kreativen Schreibprozesse und individuelle Poetiken sowie das Selbstverständnis dieser zehn Schriftsteller.

Gespräche mit: Olga Grjasnowa, Saskia Hennig von Lange, Michael Krüger, Sibylle Lewitscharoff, Verena Lueken, Annette Pehnt, Katja Petrowskaja, Matthias Politycki, Ingo Schulze, Feridun Zaimoglu
SpracheDeutsch
HerausgeberWallstein Verlag
Erscheinungsdatum5. Nov. 2018
ISBN9783835342781
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    Buchvorschau

    Konstellationen - Wallstein Verlag

    Dank

    Literatur und Wissenschaft im analogen Gespräch

    Viermal im Jahr führt die Reihe Konstellationen, die das Literaturbüro Oldenburg in Kooperation mit der Oldenburger Karl-Jaspers-Gesellschaft durchführt, Schriftsteller und Wissenschaftler verschiedener Disziplinen ins Gespräch. Das Format entwickelte ich mit Matthias Bormuth, dem Vorsitzenden der Jaspers-Gesellschaft, der an der Universität Oldenburg Vergleichende Ideengeschichte lehrt. Der Titel bezieht sich auf die sogenannte Konstellationsforschung, eine von Dieter Henrich entwickelte Forschungsmethode zur Untersuchung von Theorieentwicklungen und kreativen Impulsen, die aus dem Zusammenwirken verschiedener Denker in einem gemeinsamen Denkraum entstehen.

    Auch Literaturbüro und Jaspers-Gesellschaft öffnen mit dem Format Konstellationen Denkräume, die Positionen verschiedener Experten aus Literatur und Wissenschaft zusammenführen, und spüren ihren wechselseitigen Einflüssen nach. Der auf Tweets in sozialen Netzwerken reduzierten Kommunikation einer digitalisierten Gesellschaft und der quotenorientierten medialen Aufbereitung von Zeitgeistthemen begegnet die Reihe mit der Qualität des analogen Gesprächs über aktuelle gesellschaftliche und wissenschaftliche Diskurse. Sie sind auch für Schriftsteller relevant und spiegeln sich mehr oder weniger explizit in Gegenwartsliteratur wider. Weil sie Zeitgenossenschaft abbildet.

    Typisch für die Gespräche des Formats ist es, dass Schriftsteller und Wissenschaftler sich im moderierten Gespräch begegnen. Gemeinsam ist ihnen auch, dass sie im Programm des Literaturbüros als einmalige, flüchtige Kulturereignisse zwar keine kleine, aber doch nur eine begrenzte Zielgruppe erreichen. Deshalb liegen nun, im 25. Jahr des Bestehens der Einrichtung, ausgewählte Gespräche der Jahre 2014 bis 2017 erstmals in schriftlicher Form vor. Alle Veranstaltungen fanden im Oldenburger Musik- und Literaturhaus Wilhelm13 statt. Die meisten Gespräche wurden durch Matthias Bormuth moderiert, der es als Ideenhistoriker gewohnt ist, verschiedene Wissenschaften zu verknüpfen, um Fragen des menschlichen Selbstverständnisses besser verstehen zu können. In einigen Fällen war er als wissenschaftlicher Gesprächspartner für die eingeladenen Schriftstellerinnen und Schriftsteller unverzichtbar. Dann moderierte ich als Leiterin des Literaturbüros seinen Austausch mit unseren Gästen.

    Zum Auftakt der Reihe sprach Annette Pehnt mit dem Facharzt für Psychotherapeutische Medizin Hans Wedler über ihr Buch Lexikon der Angst. Während der Professor für Psychosomatik die kurzen Prosatexte der Schriftstellerin als Fallstudien las und einigen ihrer Figuren dringend den Besuch beim Therapeuten empfahl, tat die Autorin sich schwer damit, die Ängste ihrer Figuren als krankhaft zu bezeichnen. Sie betonte, dass ihr Personal aus Kunstfiguren bestehe und dass sie als Schriftstellerin auf deren Extremzustände geradezu angewiesen sei. Einigkeit erzielten sie in der Feststellung, dass schon das Sprechen über die Angst angstmildernd wirken könne und man somit im besten Fall ein angstmilderndes Gespräch geführt habe.

    Matthias Politycki und dessen Roman Samarkand Samarkand begegnete der Religionswissenschaftler Christoph Auffarth, der an der Universität in Bremen lehrt und die Buchreihe Religionen in der pluralen Welt betreut. Den Ausgangspunkt des Romans bildete eine Reise des Schriftstellers durch die damalige Sowjetunion im Jahr 1987. In den Tumulten, die er in den Gassen Samarkands erlebte, erkannte er die Vorboten künftiger Kriege. Daher ist das Szenario seines im Jahr 2027 spielenden Romans ein beginnender Dritter Weltkrieg mit neuen Großmächten, für den Glaube und Religion von entscheidender Bedeutung sind. Polityckis Held Kaufner möchte inmitten dieser archaischen Welt als bekennender Europäer an seiner Idee von Europa festhalten und ist bereit, für sie in einen Kampf zu ziehen, den er vermutlich nicht gewinnen kann. Religionswissenschaftler und Schriftsteller stimmten überein in ihrer Befürwortung jeder Form eines wohlverstandenen, also nicht fanatischen Glaubens.

    Der Literaturwissenschaftler Gerhard Lauer, der sich mit den Konzepten und Funktionen des Generationenbegriffs in der Literatur beschäftigt, tauschte sich mit Katja Petrowskaja zu ihrem Buch Vielleicht Esther aus. Vor dem Hintergrund der Geschichte der osteuropäischen Juden erforscht es die Familiengeschichte der Autorin. Einen Schwerpunkt des Gesprächs bildete die Frage, was das besondere Potenzial der Literatur im Unterschied zur wissenschaftlichen Darstellung ausmache. Sie verfüge über das Vermögen, so Gerhard Lauer, bei ihren Lesern Bilder zu evozieren. Während die Geschichtswissenschaft zudem dem Anspruch folgen müsse, so genau wie möglich den Einzelfall zu rekonstruieren, könne die Poesie die mögliche Geschichte erzählen. Die Schriftstellerin sah durch diese Differenzierung die Ernsthaftigkeit ihrer Recherche relativiert, die von der Frage nach Verantwortung und Wahrhaftigkeit getrieben gewesen sei.

    Saskia Hennig von Lange sprach mit dem Frankfurter Soziologen Tilman Allert, zu dessen Forschungsschwerpunkten die Familiensoziologie gehört, über ihren Roman Zurück zum Feuer. Neben dem sterbenden Boxer Max Schmeling lässt sie Inge und einen weiteren Max auftreten, die ihren Sohn verloren haben und, so Tilman Allert, mit der Frage konfrontiert würden, was ihre Identitäten definiere, nachdem sie durch den Tod des Sohnes aus der Zeit gefallen seien. Die existenzielle Situation, in welche die Schriftstellerin ihr Personal setze, veranlasse auch ihn als Leser, sich zu fragen, wer ein Mensch in der Zeit sei. Während der Soziologe jedoch überzeugt ist, dass wir uns über den Verlauf einer fremden Biografie immer ein Stück der eigenen Geschichte vergegenwärtigen können, befürchtet die Schriftstellerin, dass von einem Menschen keine relevanten Spuren bleiben. Mit dieser Erkenntnis muss auch ihr literarisches Personal umgehen.

    Mit Feridun Zaimoglus Roman Siebentürmeviertel beschäftigten sich im gemeinsamen Gespräch der Schriftsteller und Matthias Bormuth, der Istanbul über seine dortigen Studien zum Kulturphilosophen Erich Auerbach seit Jahren besucht und kennt. Wolf, ein deutscher Junge, der am Beginn des Romans sechs Jahre alt ist, wächst dort 1939 in einem Umfeld auf, in dem Aberglauben, Volksgesänge und Gerüchte ihn prägen. Für einen Schriftsteller, so Zaimoglu, stelle die Volkssprache einen grandiosen Fundus dar, weil viele Überlieferungen und Alltagsrituale an sie gebunden seien. Dieser Welt des Siebentürmeviertels, in der sein Protagonist sich kämpfend behaupten muss, wird im zweiten Teil des Buches das moderne, reiche, aufgeklärte Istanbul gegenübergestellt, das Wolf als Schüler am Gymnasium erfährt. Er lernt als Junge aber nicht nur, im Kampf zu bestehen. Das Siebentürmeviertel lehrt ihn auch die magische Anschauung, die ihn schließlich zum Dichter werden lässt.

    Auch bei der Veranstaltung mit Verena Lueken nahm Matthias Bormuth, der seit einem längeren Aufenthalt als Gastwissenschaftler mit New York und seinem kulturellen Leben enger vertraut ist, die Rolle des wissenschaftlichen Gegenparts ein. Im Mittelpunkt stand der Roman Alles zählt, dessen Protagonistin während eines Aufenthalts in New York eine Krebsdiagnose erhält. Bücher, Filme und Erinnerungen begleiten die Frau durch die Wochen der Therapie. Die Schriftstellerin und der Philosoph stellten im Gespräch übereinstimmend fest, dass die Literatur ein guter Fundus für Hilfe in wichtigen Lebenssituationen sei, weil sie zu einem Gegenüber werden könne. Mit einem eigenen Kanon, der ständigen Veränderungen unterworfen sei, mache man sich als Leser Texte relevant, zu denen man eine enge persönliche Beziehung aufbaue.

    Als Gesprächspartnerin für Sibylle Lewitscharoff zu ihrem Roman Das Pfingstwunder war die Literaturwissenschaftlerin Sabine Doering gefragt, die auch evangelische Theologie studierte. Die Handlung entwickelt sich an einem philologischen Kongress zu Dante Alighieris Göttlicher Komödie. Die gemeinsame Lektüre der Commedia versetzt die Philologen in so große Begeisterung, dass sie schließlich das Wunder des Pfingstfestes am eigenen Leibe erfahren. Und die Begeisterung der Schriftstellerin für diesen Text ist so groß, dass sie im Zuge der Recherche zum Roman alle deutschen Dante-Übersetzungen in Augenschein nahm. Angesichts der Namensfindungen für einige niedere Teufel stimmte sie ein Lob der deutschen Sprache an, die eigene vulgäre oder umgangssprachliche Wörter für die Schreckenssensationen des Körpers finde. Noch größer ist ihre Hochachtung jedoch vor der poetischen Leistung Dantes, die Schönheit des Paradieses zu beschreiben, ohne in Kitsch abzugleiten.

    Mit der Kulturjournalistin und Kritikerin Sieglinde Geisel, die das Online-Literaturmagazin tell als Anlaufstelle für Literatur im Internet entwickelte, sprach Michael Krüger über seinen Roman Das Irrenhaus. Wegen seines Protagonisten, der als Erbe in ein Mietshaus in München einzieht und dort in die Rolle des Vormieters – eines Schriftstellers – schlüpft, führt er direkt in den Literaturbetrieb. Deshalb ging es im Gespräch auch um grundlegende Fragen, die den Autor und Verleger und die Journalistin gleichermaßen beschäftigen: Was ist eigentlich der Antrieb des literarischen Schreibens? Warum lesen wir Literatur? Wer ist das Ich in einer Ich-Erzählung? Was sind die Beurteilungskriterien für Literatur? Der Austausch gipfelte in Michael Krügers Feststellung, Literatur sei etwas Schönes und Heiliges. Dem hatte auch die Kritikerin nichts mehr hinzuzufügen.

    Den Philosophen Christoph Türcke, der unter dem Titel Mehr! eine Philosophie des Geldes veröffentlichte, machten wir mit Ingo Schulze und Peter Holtz, dem Helden dessen Schelmenromans, bekannt. Eine Konstellation, die sich als bestens angelegt erwies, denn Ingo Schulze äußerte schon früh im Gespräch, er habe das Geld in seinem Roman zur zweiten Hauptfigur machen wollen und das Buch Türckes daher mit großer Bewunderung gelesen. Auch wenn dieser der These des Schriftstellers, sein Held durchlaufe eine Entwicklung, nicht unbedingt folgen wollte, waren beide sich einig, dass Peter eigentlich mit allem recht habe, was er als naiver Schelm sage. Er neige jedoch dazu, Situationen komplett falsch einzuschätzen. Aus diesem Missverhältnis bezieht der Roman nicht nur seine Komik. Es ermöglicht dem Schriftsteller zudem, die vermeintlichen Selbstverständlichkeiten seiner Leser zu verunsichern.

    Olga Grjasnowas Roman Gott ist nicht schüchtern führte sie mit der Soziologin Ina Jekeli zusammen, die in Amsterdam im klinischen Bereich tätig ist. Die Frauen stimmten schnell überein, dass die Diskussion um Heimat und nationale Identität schon lange obsolet sein sollte. Ausgehend von Amal und Hammoudi, den beiden jungen Syrern, deren durch den Krieg radikal veränderte Biografien im Roman erzählt werden, sprachen sie über sexuelle Gewalt als Machtinstrument in Kriegen, das Absterben der Liebesfähigkeit nach Erfahrungen der Folter und des Vertrauensmissbrauchs und über die angemessene literarische Sprache für die Darstellung von Krieg und Gewalt.

    Die Bandbreite der fachlichen Disziplinen führte dazu, dass die Gespräche nicht literaturimmanent blieben. Literatur, das ergaben die von uns geschaffenen Konstellationen, kann auch den Anlass bieten zum Austausch über Existenzielles: über Ängste und den Machtmissbrauch in Beziehungen, über die radikale Vereinsamung, der Hinterbliebene nach einem Todesfall ausgesetzt sind, über Krankheit und Hoffnung und darüber, was Halt gibt und am Leben hält. Sie kann den Blick lenken auf die Identität stiftende Qualität von Volkssprachen und Dialekten. Sie vermag es, die Bedeutung von Religionen und deren Einfluss auf die Weltgeschichte in einem spannenden Abenteuerroman zu verhandeln. Sie führt uns das kapitalistische Geldsystem sowie dessen sozialistische Überwindungsversuche vor Augen und stellt dabei mit leichter Hand manches infrage, was uns bisher als selbstverständlich erschien. Und sie macht die anonymen Flüchtlinge aus der täglichen Berichterstattung der Nachrichtenformate zu mit Biografien ausgestatteten Individuen, indem sie an fiktionalen Lebensgeschichten darstellt, welche individuellen Gewalterfahrungen Menschen veranlassen, auf der Flucht ihr Leben zu riskieren. Wenn sie ihre eigenen Recherchemethoden zum Thema macht, kann Literatur mühelos Metaebenen erklimmen und fragen, was wir überhaupt wissen, durch Forschung in Erfahrung bringen oder mit dem Anspruch auf Wahrhaftigkeit rekonstruieren können. Und wenn sie eine Kritikerin und Journalistin mit einem Autor und Verleger zusammenführt, geraten generelle Fragestellungen des Literaturbetriebs in den Fokus.

    Der Blick der Wissenschaftler, die als Gesprächspartner für die Schriftsteller eingeladen waren, führte thematisch tief in die Bücher hinein und ermöglichte den Autorinnen und Autoren neue Sichtweisen auf ihre Literatur. Alle Gespräche weisen zudem über die vorgestellten Bücher hinaus, denn die Autorinnen und Autoren geben auch Auskunft über ihr Selbstverständnis als Schriftsteller, ihre kreativen Schreibprozesse, ihre individuellen Poetiken. Zur Anthologie zusammengestellt ermöglichen sie Einblicke in die ästhetische Praxis von Gegenwartsautoren.

    Monika Eden

    (Leiterin Literaturbüro Oldenburg)

    Es geht nicht um die große Utopie

    im Schwimmbecken, man bleibt im Wasserglas

    Annette Pehnt im Gespräch

    mit Hans Wedler und Matthias Bormuth

    Annette Pehnt stellte ihr Buch Lexikon der Angst (Piper 2013) am 18. Februar 2014 vor. Es bietet kein Nachschlagewerk mit sachlichen Informationen, sondern eine Sammlung prägnant erzählter kürzester Kurzgeschichten über unsere kleinen und großen Alltagsängste. Die Figuren, die in Momentaufnahmen ihrer Angst vorgestellt werden, erhalten keine Biografien. Ihre Befindlichkeiten werden nicht ausformuliert. So erzählt Annette Pehnt von der Angst vor dem Autofahren oder dem sexuellen Versagen, vom Machtmissbrauch in Beziehungen und von der Einsamkeit. Und sie wirft die Frage auf, ob man sich mit seinen Ängsten anfreunden oder doch zumindest arrangieren kann, denn ein Ausweg wird selten geöffnet.

    Als Gesprächspartner für die Schriftstellerin war Hans Wedler eingeladen, Professor für Psychosomatik und Facharzt für Psychotherapeutische Medizin. Bis 1994 war er Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Suizid-Prävention und bis 2004 ärztlicher Direktor der Klinik für Internistische Psychosomatik am Bürgerhospital Stuttgart. 2010 veröffentlichte er Untiefen. Erzählungen vom alltäglichen Scheitern, 2013 einen Aufsatz zur Suizidalität in der Literatur und zuletzt (2016) das Buch Suizid kontrovers – Wahrnehmungen in Medizin und Gesellschaft. Moderiert wurde ihr Gespräch von Matthias Bormuth.

    MATTHIAS BORMUTH Mir kommen die Ehre und die Freude zu, die Schriftstellerin Annette Pehnt und Hans Wedler als Facharzt für Psychotherapeutische Medizin über das Buch Lexikon der Angst ins Gespräch bringen zu dürfen. Als ich es las, dachte ich, dass es auch Lexikon der Einsamkeit heißen könnte, denn verbunden mit dem Phänomen der Angst ist darin die Einsamkeit von großer Bedeutung. Beides sind Gefühle, die jeden modernen Menschen angehen. Annette Pehnts Lexikon der Angst ist zudem ein Buch, das gewissermaßen zwischen den Stühlen geschrieben ist. In ihren Geschichten geht es um Gesunde. Es geht um halbwegs Kranke. Und es geht um die Frage, wie normal wir Menschen noch sind. Wir erfahren von wahnhaften und psychosomatischen Reaktionen und auch von Vermeidungsreaktionen gegenüber dem Leben. Aber das Buch beinhaltet ebenso positive Elemente. Es geht auch um Sehnsüchte und Utopien des Menschen. Der Wunsch nach Erlösung ist gleichsam die Kehrseite der Angst. Annette Pehnts Buch besteht aus 46 kleinen Passagen, in denen das noch nicht Entdeckte eine große Rolle spielt. Das kann sich auf Orte beziehen, die man quasi per Google Earth entdeckt, aber auch auf Menschen, auf geliebte Menschen, oder auf fremde Menschen, vor denen man sich wiederum fürchtet. Annette Pehnts kurze Geschichten bieten uns ein Set von Ambivalenzen. In zwei gelesenen Passagen sollen nun einige dieser kurzen Fallstudien solcher Mittelstandsmenschen, wie ich sie nenne, vorgetragen werden. Dazwischen treten wir ins Gespräch. Frau Pehnt, Sie haben das Wort.

    ANNETTE PEHNT Ja, so machen wir es, und ich halte mich bei der Auswahl der gelesenen Texte an die alphabetische Reihenfolge. Es geht in meinem Buch von A bis Z, und ich fange an mit einer kleinen Geschichte unter A. Sie heißt Ausgang.

    [Lesung Annette Pehnts aus Lexikon der Angst, Piper 2013]

    Die Stäbe sind dicht, die Türen gehen selten auf

    MATTHIAS BORMUTH Vielen Dank für diese ersten Passagen, die uns Einblick in das Leben alltäglicher Menschen geben. Eine der Geschichten trägt den Titel Fort. Mir scheint, die Ambivalenz von Bleiben und Fortgehen ist ein Kernthema Ihres Schreibens. Es geht in dieser Geschichte um einen Menschen, der nicht fortkann, oder in der Geschichte Freigang um ein Kaninchen, dem die Flucht schließlich gelingt, wenn auch mit tragischem Ausgang. Was meinen Sie, wieweit sich ein Mensch in seiner Angst einrichten kann, ohne etwas zu ändern? Und wieweit muss er sich einrichten, wenn er nichts ändern kann?

    ANNETTE PEHNT Es ist sicherlich das Kernthema all dieser Geschichten, dass sich darin Menschen – auf gar nicht außergewöhnliche Weise, sondern ganz alltäglich – entweder mit ihrer Angst anfreunden oder doch nur arrangieren. Die Ängste und Zustände, in die sie geraten, sind auch Gefängnisse. Die Stäbe sind dicht, die Türen gehen selten auf. Dass es kein Fortkommen gibt, berührt vermutlich meinen Blick auf unseren Zustand. Meine Figuren sind jedenfalls umstellt von vielen Befestigungen und Vorgaben, und dazu gehört auch die Angst. Wenn man sie dann tottritt, wie in der von Ihnen angesprochenen Geschichte das Kaninchen, kann sogar diese Tötung noch zu einer Befreiung werden.

    HANS WEDLER Als ich die Geschichte Freigang las, in der dieses Kaninchen vorkommt, weckte das bei mir Assoziationen zu Paul Watzlawicks Buch Anleitung zum Unglücklichsein. Die Protagonistin Ihres kurzen Textes macht eigentlich alles, was zum Scheitern verurteilt ist. Sie hält das Tier nicht artgerecht, sondern versucht, Ausflüge mit ihm zu unternehmen. Deshalb ist es geradezu eine selbsterfüllende Prophezeiung, dass das Tier trotz aller Vorsicht schließlich ausgerechnet durch sie zu Tode kommt. Ob die versehentliche Tötung eine Befreiung darstellt, weiß ich nicht. Ich vermute auch eine Trauer dahinter. Und ich spüre eine Einsamkeit, die diese Figur zu überwinden und zu kompensieren sucht.

    Die Geschichte mit dem Titel Fort, in der ein Mann auftritt, der nicht fortkann, weil er sich so sehr vor dem Autofahren fürchtet, lese ich als Geschichte einer Phobie. Es gibt von den Spinnenphobien bis hin zur Flugangst sehr viele Formen von Phobien. Das sind generell sehr gerichtete Ängste, die sich nicht auf das Leben insgesamt beziehen, sondern auf einen ganz bestimmten Gegenstand. Der Mann im Text hat eine Auto-Phobie. Sie stellen dar, dass er sich alles Mögliche ausmalt, was passieren könnte. Seine Phobie ist nicht störend, wenn er das Autofahren vermeiden kann, wenn er sich beschränkt und sich nicht zum Mitfahren verführen lässt, auch nicht durch eine reizvolle, erotische Versuchung wie das Mitfahrangebot seiner attraktiven Kollegin. Er kann mit dieser Angst leben. Derartige Ängste haben allerdings immer einen Hintergrund, den wir in seinem Fall nicht kennen. Wir wissen nicht, was ihn in diese Phobie hineingeführt hat.

    ANNETTE PEHNT Ich möchte gar nicht in dieser Unbedingtheit hören, dass seine Angst vor dem Autofahren eine Phobie ist. Ich zeige den Mann in meiner Geschichte in der Logik seiner Angst, und ich finde jeden einzelnen seiner Vorbehalte so nachvollziehbar, dass mir seine Bedenken überhaupt nicht phobisch erscheinen, sondern eher vernünftig. Aber damit oute ich mich wahrscheinlich gerade auch als Auto-Phobikerin.

    Mein Buch ist ausdrücklich kein Nachschlagewerk

    HANS WEDLER Ich habe eine Frage an Sie, Frau Pehnt, zu der ersten Geschichte, die Sie vorgelesen haben. In der Geschichte sitzt eine Tochter mit ihrer Mutter in einem Teehaus an der Küste. Ich habe in der Geschichte eine große Aggression gespürt, die auf eine Beziehungsstörung zwischen Tochter und Mutter hinweist, über deren Ursachen wir nichts erfahren. Wo verorten Sie da die Angst? Ich habe bei der Lektüre des Textes nur Wut wahrgenommen.

    ANNETTE PEHNT Mir gefällt es gut, dass man in den Geschichten nicht immer gleich eine offensichtliche Angst entdeckt oder eine klar zu benennende Phobie. Mein Buch ist ausdrücklich kein Nachschlagewerk, und ich kann Angst auch gar nicht begrifflich fassen. Vielleicht ist das für den Fachmann eher möglich. Ich betrachte das Phänomen der Angst eher wie eine Bienenwabe mit vielen angelagerten angstähnlichen Waben. Und diese Wabe der beiden Frauen gehört für mich auch dazu. Es geht in dem Text und zwischen seinen Figuren um einen Zustand des Machtmissbrauchs. Er verläuft sehr subtil, aber bei der Mutter, der alten Frau, führt er zu einer Fluchtreaktion. Eigentlich möchte sie fort, aber sie kommt nur bis zum Schrank mit dem Teegeschirr. Ihr Fluchtwunsch wird im Text nicht benannt, was durchaus typisch ist. Ich versuche in den Geschichten nicht, alle Befindlichkeiten der Figuren zu benennen oder gar zu erklären. Sie werden nie in ihrer Biografie gezeigt. Wir erfahren nicht, wie eine Angst zustande kommt, sondern sehen die Figuren nur in diesem einen Brennpunkt des Angstmoments. Das ist von mir so angelegt.

    Von Hunden kenne ich den Begriff der Angst-Aggression

    HANS WEDLER Das ist für mich das Reizvolle an Ihren Geschichten, dass man sie in Gedanken ergänzen und dabei vieles selbst erfinden kann, was vorher vielleicht gewesen ist und nachher noch geschehen wird. Die Geschichte, in der Mutter und Tochter auftreten, stößt mich genau wegen dieser Offenheit darauf, dass Angst und Wut oft die beiden Seiten einer Medaille sind. Wut und Angst hängen viel enger zusammen, als wir es gewöhnlich erleben. Das hat mit unseren Bedürfnissen nach Autonomie und gleichzeitiger Geborgenheit zu tun. Die Erfahrung von Autonomie verheißt Freiheit und macht gleichzeitig auch Angst, während die Geborgenheit eine Verpflichtung mit sich bringt und zu einer Einengung führt, die wiederum zur Wut führt und den Wunsch nach sich zieht, sich zu befreien. Dieser Kreislauf ist typisch für den Zusammenhang zwischen Wut und Angst. In Ihrer Geschichte

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