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Wenn du gefragt hättest, Lotta: Roman

Wenn du gefragt hättest, Lotta: Roman

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Wenn du gefragt hättest, Lotta: Roman

Länge:
329 Seiten
4 Stunden
Freigegeben:
Nov 3, 2018
ISBN:
9783906907178
Format:
Buch

Beschreibung

Die Bemerkung der alten Frau lässt Lotta keine Ruhe: Luise, Lottas Großmutter, sei als junge Frau aus Gletschen verschwunden und nie mehr dorthin zurückgekehrt. Das erfährt Lotta zufällig an deren Beerdigung im Bergdorf. Was hat Luise ihr verschwiegen und weshalb? Und was war in Gletschen geschehen? Lotta war bei Luise aufgewachsen, dank ihr wurde sie Musikerin. All die Jahre dachte sie, sie hätten sich nahegestanden. Lotta macht sich auf Spurensuche. Sie sammelt Erinnerungen, fragt und hört zu, liest und sucht im Internet, beschäftigt sich mit alten Familienschriften ebenso wie mit DNA-Analysen. Schließlich folgt sie Hinweisen bis nach England. Allmählich setzen sich die Teile eines beeindruckenden Lebens zusammen, und Lottas Bild ihrer Großmutter verändert sich. Aber auch Lotta ist nicht mehr dieselbe.

Barbara Geiser legt mit ihrem ersten Roman eine vielstimmige Geschichte vor, in der Vergangenheit und Gegenwart raffiniert ineinanderfließen und sich Rhythmen und Klang- farben zu einer kraftvollen Sprache verbinden.
Freigegeben:
Nov 3, 2018
ISBN:
9783906907178
Format:
Buch

Über den Autor


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Wenn du gefragt hättest, Lotta - Barbara Geiser

Dank

1

Bremsen quietschten, ein Ruck, dann Stille. Der Zug war auf offener Strecke stehen geblieben. Lotta starrte durch den Nebel in die verschneite Landschaft. An den steilen Hängen klebten Häuser und zeichneten dunkle Flecken ins Weiß, Bäume standen wie Scherenschnitte. Kein Mensch war zu sehen. Der Zug war fast leer. Immer nervöser ließ sie einen der Verschlüsse an ihrem hellblauen Cellokoffer auf- und zuschnappen. Fahr schon, fahr weiter! Hätte sie doch den früheren Zug genommen, sich nicht auf die sprichwörtliche Pünktlichkeit der Bahn verlassen. Ein unangenehmer Ton hatte sich in ihrem Gehör eingenistet, ein Nachhall der Zugbremsen. Sie durfte nicht zu spät kommen. Das Cello musste sich akklimatisieren können, sie musste sich noch mit dem Organisten absprechen, sich einspielen. Fahr endlich weiter! Ihre Gedanken drehten sich im Kreis.

Ruhig Lotta das hilft nichts das hilft nichts bleib ruhig so kannst du nicht spielen kannst du nicht spielen ruhig …

Ein verschwitzter Zugbegleiter stolperte durch den Wagen und keuchte etwas von einer eingefrorenen Weiche. Bevor Lotta ihn ansprechen konnte, hatte er die Abteiltür hinter sich zugezogen. Sie biss die Zähne zusammen, bis ihr Kiefer schmerzte. Sie durfte unter keinen Umständen zu spät kommen. Mit zitternden Fingern holte sie die Tüte mit den gedörrten Apfelstücken aus ihrer Tasche und schob sich mechanisch eines nach dem anderen in den Mund. Rundum nichts als Weiß. Keine Straße in der Nähe, kein Taxi, keine Möglichkeit, schneller nach Gletschen zu kommen. Ob sie auf sie warten würden? Sie wühlte nochmals in ihrer Tasche, suchte nach ihrem Mobiltelefon, obwohl sie wusste, dass sie es wieder zu Hause hatte liegen lassen. Starrte in den Nebel, der inzwischen die höher liegenden Häuser verschluckt hatte. Wenn ihr das bei einem Konzert mit dem Orchester passieren würde.

Weshalb überhaupt Gletschen? Warum wollte Luise in diesem schrecklichen Bergdorf beerdigt werden? Sie hatte nie von Gletschen gesprochen. Nicht einmal, als Lotta vor vielen Jahren heulend von einem Klassenausflug dorthin heimgekommen war.

Wieder ging ein Ruck durch den Zug, langsam setzte er sich in Bewegung. Sie zog den Ortsplan aus ihrer Tasche und prägte sich den Weg ein. Der Zug erreichte Gletschen mit einer halben Stunde Verspätung. Lotta hastete durch das Dorf hoch zur Kirche. Sie zwang sich, an der Aufbahrungshalle vorbeizugehen, in der Luise liegen musste und wo sie sich von ihr hatte verabschieden wollen. In der Kirche schüttelte sie dem Organisten die Hand, entschuldigte sich. Packte ihr Instrument aus, stimmte und versuchte, ruhig zu atmen. Sie spielten einige Takte an, und Lotta stellte erleichtert fest, dass der Organist bestens vorbereitet war. Dann betraten bereits die ersten Trauergäste die Kirche. Von der Empore aus sah sie zwei, drei Dutzend meist weiße Hinterköpfe, erkannte niemanden, nicht einmal ihre Tanten. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie die beiden zuletzt gesehen hatte. Die Orgel setzte ein, die Trauerfeier für ihre Großmutter begann. Lottas Herz schlug immer noch schnell, und sie schwitzte trotz der Kälte in der Kirche. Sie versuchte, sich ganz auf die Musik zu konzentrieren, ruhig zu werden. Es gelang ihr kaum, zuzuhören, was gesprochen wurde. Ihr Blick wanderte vom Zettel mit dem Ablauf der Trauerfeier zu den Noten. Heute spielte sie für Luise, nur für sie. Für ihre Luusi erfüllte sie die Kirche mit dem warmen Klang ihres Cellos.

Es war an Luises Geburtstag vor sieben oder acht Jahren gewesen, als sie beide nebeneinander in der Tür zum Garten standen und beobachteten, wie ein Frühlingsgewitter aufzog, als Luise unvermittelt sagte, Lotta werde an ihrer Beerdigung Cello spielen. Keine Bitte, keine Frage, eine Feststellung. Lotta hatte nur genickt und den Gedanken an Luises Tod sofort wieder zur Seite geschoben.

Jetzt spielte sie Bachs Arioso und Mozarts »Ave verum corpus« in einer Bearbeitung für Cello und Orgel; bekannte Stücke, von denen sie wusste, dass Luise sie geliebt hatte. Beim Schlussspiel der Orgel löste sich ihre Anspannung, und ihr kamen die Tränen. Sie packte ihre Sachen zusammen, bedankte sich beim Organisten, wich seinem Blick aus und verließ die Kirche durch den Seitenausgang.

Das Toilettenhäuschen lag hinter der Kirche und war ungeheizt. Lotta lehnte den Cellokasten an die Wand und wusch Gesicht und Hände unter dem eiskalten Wasser. Es war vorbei, Luise in einer Holzkiste in die kalte Erde hinuntergelassen worden, während sie in der Kirche für sie gespielt hatte. In einer halben Stunde luden die Tanten im Hotel Gletscherblick zum Leichenmahl. Sie drehte den Wasserhahn zu.

Noch einmal dein Gesicht anschauen ein letztes Mal noch schauen und hören hinhören das wollte ich doch Luusi wie soll ich denn jetzt glauben dass du fort bist weg bist wirklich nicht mehr da …

Lotta klaubte ein Papier aus dem Handtuchspender. Hinter ihr rauschte die Klospülung.

Deine Großmutter ist die Treppe hinuntergefallen … Krankenhaus … Herzstillstand. Fremd und kühl hatte die Stimme ihrer Tante durchs Telefon geklungen. Wörter ohne Sinn. Das war vor acht Tagen gewesen. Lotta hatte gleich losmüssen zum Orchesterdienst. Wie in Trance hatte sie das Konzert gespielt: eine Haydn-Sinfonie, Hummels Trompetenkonzert, die »Fantaisies symphoniques« von Martinů. Luise ist tot, ist tot, ist tot – kein Bogenstrich ohne die Worte im Kopf. Sie hatte damit rechnen müssen, immerhin war Luise fast neunzig gewesen. Doch drei Tage vor ihrem Tod, als Lotta sie zum letzten Mal besucht hatte, war sie lebendig wie immer gewesen. Ging und stand aufrecht, wirkte beweglich und wach. Und nun war sie nicht mehr da, in Gletschen beerdigt, nicht in der Stadt, nicht neben ihrem Mann. Was hatte Luise mit Gletschen zu tun?

Lotta rieb mit dem rauen Papier ihre kalten Hände trocken. Sie zwang sich, noch einmal innerlich das Schlussspiel nachzuhören, die Musik ihre Gedanken übertönen zu lassen.

»Sind Sie mit Luise verwandt?«

Die Stimme einer alten Frau, die nach ihr die Hände unter den Wasserstrahl hielt, mischte sich in die Choral-Harmonie. »Sie sehen ihr ähnlich.«

Sie sprach langsam, ihre Stimme war brüchig. Im Ablauf gurgelte das Wasser. Lotta sah sich und die Frau im Spiegel, noch immer hörte sie den vollen Klang der Orgel. In der feuchten Luft hatte sich ihr langes Haar leicht zu wellen begonnen. Frisch gebürstet leuchtete es jeweils, aber nun wirkte es stumpf. Sie versuchte, es mit den Händen glatt zu streichen und drehte es im Nacken zusammen. Unter ihren Augen lag ein Schatten von verschmierter Mascara. Sie wischte ihn weg, schulterte ihr Cello und zwängte sich an der Frau vorbei zur Tür. Noch immer lief der Wasserhahn. Die Frau redete weiter.

»Ich habe mich so oft gefragt, was aus ihr geworden ist. Sie war meine beste Freundin, wissen Sie, früher …«

»Wie bitte? Was? Entschuldigen Sie, ja, Luise ist … war meine Großmutter.«

Lotta nickte der Frau zu – weißes, hochgestecktes Haar, ein dunkler Mantel – und schob sich aus der Tür. Sie mochte jetzt mit niemandem reden. Der Cellokasten schlug dumpf an den Türrahmen. Lotta zuckte zusammen.

»Und dann ist sie einfach verschwunden.«

Die Tür fiel hinter Lotta ins Schloss. Von der Sonne geblendet, blinzelte sie und schaute zu Boden. Verschwunden. Spuren im Schnee verloren sich zwischen den Gräbern. Es war still auf dem Friedhof, als würden sich die Toten die Geräusche des Alltags verbitten. Auch die Orgel in Lottas Kopf war verstummt.

Verschwunden einfach verschwunden wann wohin verschwunden beste Freundin früher warst du hier zu Hause warum weiß ich nichts nichts weiß ich …

Der Schnee knirschte unter ihren schnellen Schritten, als sie zum Friedhofstor ging. Links und rechts Grabsteine mit weißen Mützen. Die Kälte fraß sich durch die dünnen Sohlen ihrer Schuhe. Nichts wie weg. Verschwinden aus diesem Dorf, die dumpfe Trauer und die tote Luise im Schnee zurücklassen. Sie schlug die Kapuze ihrer Jacke hoch und zog das Tor hinter sich zu.

Das Schlagen der Kirchenglocke stoppte sie. Das Leichenmahl mit den Tanten! Sie kannte Annemarie und Gret kaum. Reden müssen, freundlich sein, interessiert zuhören? Nein, das konnte sie jetzt nicht.

Auf der Dorfstraße zum Bahnhof stauten sich Autos und Busse hinter einem Pferdeschlitten. Schellen klangen hell über dem Lärm der Motoren. Junge Snowboarderinnen mit langen, blonden Haaren und dicken Jacken suchten sich mit ihren Brettern einen Weg durch das Gewühl. Lotta sehnte sich nach Luises klarer, fester Stimme. Doch es waren die Worte der alten Frau, die sich in ihrem Kopf ausbreiteten.

Verschwunden verschwunden nein bitte nicht verschwunden bitte nicht auch du …

Lotta wollte nur noch nach Hause. Hier war alles zu laut, zu bunt, viel zu nahe. Die Stille war bei den Toten geblieben.

Sie erreichte den Bahnhof und setzte sich in ein leeres Abteil im vordersten Wagen. Den Cellokasten stellte sie so hin, dass sich niemand dazusetzen konnte. Kaum hatte sich der Zug talwärts in Bewegung gesetzt, verschluckte der Nebel die Sonne, bald wurde der Schnee spärlicher, und sie tauchten ab ins Alltagsgrau. Lotta zwang sich, aus dem Fenster zu sehen, die Landschaft zu betrachten, nicht zu denken, innerlich eine Sinfonie von Mozart zu hören. Sie sehnte sich nach der Ordnung und dem Wohlklang seiner Musik. Mozart und Apfelstücke, die Tröster ihrer Kindheit. In ihrer Tasche suchte Lotta nach der Tüte mit den gedörrten Äpfeln. Diese säuerliche Süße … Ach, Luusi!

Verschwunden nicht erinnern nicht noch einmal verschwunden zu oft gehört zu oft gehofft doch du warst für mich da warst da für mich als Papa als Papa …

Das Bild ihrer Mutter tauchte auf, kreidebleich am Telefon. Aber daran wollte Lotta jetzt nicht denken. Sie suchte in ihren Erinnerungen nach Geschichten, Bemerkungen, Hinweisen zu Luises Herkunft, aber da war nichts. Kein Bild, kein Satz. Nein, Luise hatte nie von früher erzählt. Lotta wusste nur, dass sie nach dem Tod ihres Mannes in seiner Druckerei gearbeitet hatte.

Sie starrte durch die schmutzige Scheibe ins dumpfe Grünbraun der vorbeiziehenden Landschaft. Die Räder des Wagens schlugen den Takt der Schienenfugen. Lotta schloss die Augen.

Doch da war kein Mozart. Der Anfang von Brahms’ erster Sinfonie überlagerte den Rhythmus des Zuges. Paukenschläge, darüber Streicher, schwer und klagend. Lottas Atem verlangsamte sich.

Aus Gletschen verschwunden einfach verschwunden wird vermisst wir wissen nichts …

Die Satzfetzen bedrängten die Töne. Aber Lotta wollte Musik, nicht die Trauer. Noch einmal hörte sie innerlich die ersten Takte, konzentrierte sich auf die Pauken, die Streicher, atmete den Rhythmus. Sie spürte das Cello an den Innenseiten ihrer Knie, in Gedanken griff sie mit den Fingern ihrer linken Hand die Saiten, da war der Druck auf ihre Fingerbeeren, ihr Körper wiegte sich im Auf und Ab der Bogenstriche. Verschwunden, verschwunden, aus Gletschen verschwunden; die Wörter fügten sich in den Sechsachteltakt.

»Brahms, erste Sinfonie, erster Satz?«

Lotta schlug irritiert die Augen auf. Im Abteil nebenan saß ein Mann mit wildem, weißem Bart. Er trug eine bunte Skijacke und schaute sie an. Konnte er Gedanken lesen? »Sie haben gesummt. Wenn auch in der falschen Tonart, g-Moll. Brahms’ Erste steht in c-Moll. Sind Sie Musikerin?«

In seiner tiefen Stimme klang freundliche Neugierde mit. Warum mussten sie ausgerechnet heute wildfremde Leute ansprechen? Nach der alten Frau nun noch dieser Bergler.

»Cellistin. Ohne absolutes Gehör.«

Sie schluckte den weich gewordenen Dörrapfel hinunter und schaute aus dem Fenster.

»Ich spiele Kontrabass, Volksmusik in Gletschen und Jazz in der Stadt. Ein Chamäleon.«

Seine Stimme dröhnte. »Klassische Musik höre ich sehr gern, aber ich kann keine Noten lesen. Spielen Sie in einem Orchester?«

»Sinfonieorchester.«

Sie starrte auf einen Kratzer an der Rückseite ihres Cellokastens. Er nickte anerkennend.

»Gratuliere! Das ist etwas anderes, als in einer Hotelbar vor gelangweilten Touristen stundenlang Ländler zu spielen, damit die glauben, die Schweizer seien alle fröhlich und simpel!«

Er lachte schallend und redete weiter. Lotta musste ihm wohl oder übel zuhören. Er erzählte von Touristen, die wissen wollten, ob sein Bart echt sei, von bekifften Fans im Jazzclub und von einer Schlittenfahrt mit dem Kontrabass. Lotta nickte ab und zu. Der Klang seiner Stimme gefiel ihr, auch wenn seine Geschichten keinen Platz hatten in ihrem Kopf.

Als der Zug in den nächsten Bahnhof einfuhr, stand er auf und verabschiedete sich. Lotta schaute ihn an. In seinen Augen blitzte der Schalk.

»Kommen Sie mal bei uns im ›Nemo‹ vorbei, wenn Sie Jazz mögen. Und nehmen Sie das Leben nicht so ernst! Lachen Sie! Machen Sie viel Musik!«

Er winkte ihr zu. Lotta hob die Hand und merkte, dass sie lächelte. Doch kaum war er ausgestiegen, begann die Bemerkung der alten Frau erneut in ihrem Kopf zu kreisen. Sie klaubte ein weiteres Apfelstück aus der Tüte. Gut, dass sie bald zu Hause war. Alfredo würde sie schnurrend begrüßen und sich dann auf dem Bett zusammenrollen. Sie freute sich darauf, das Cello auszupacken, es warm werden zu lassen und sich eine Vivaldisonate auszusuchen. Dann würde sie zu spielen beginnen, der Bogen würde Saiten und Holz in Schwingung bringen, und alles wäre wie immer, nichts als Klang.

24. September 1912

Ein Summen erfüllt die Abendluft. Wespen schwärmen über den Äpfeln, die im Gras unter den Bäumen leuchten. Gelbe Äpfel mit roten Backen und braunen Flecken. In den Geruch nach feuchter Erde mischt sich etwas säuerlich Stechendes. Ida hat die Zipfel ihrer Schürze zusammengenommen, um die gärenden Früchte zu sammeln. Kaum hat sie sich zwei-, dreimal gebückt, wird ihr schlecht. Sie muss sich setzen, numen en Oigemblick. Elsi spielt am Brunnen, und das kleine Roosi sitzt auf einer Decke vor ihr im Gras und chätsched an einem alten Lumpen. Äs wollt no nyd lloifen, das Meidschi. Fast anderthalb ist es und steht erst wackelig. Die blonden Haare glänzen in der Abendsonne.

Vor zwei Wochen hat sie Anton gesagt, dass sie wieder schwanger ist.

»Wes numen umhi em Biebel ischt.«

Er hat sie kaum angesehen.

Noch einen Buben will er? Noch einmal einen Franz? Sie haben alles getan, nachdem er uber ds Stägelli vorem Huus ahighyd ischt, kopfüber die ganze Treppe hinunter – alles, was in ihrer Macht stand. Wickel mit Enzianwurz und Zwiebeln, Aufgüsse aus Eisenkraut und Tabakblumen. Ihr erstes Kind! Es hat sie nur angeschaut mit seinen großen Augen und war stumm. Anton hat ihm das Köpfchen mit Hasenhirn eingerieben, und dabei sind ihm die Tränen über das Gesicht gelaufen. Einen gedörrten Gemsmagen hat er im Hosensack herumgetragen, so lang, bis der Franz eines Morgens nicht mehr aufgewacht ist. Äs hed alls nyd abtreid. Anton hat seinem Sohn nicht helfen können.

Die letzten Sonnenstrahlen wärmen das dunkle Holz der Hauswand, an der Ida lehnt. Elsa kam zur Welt, kaum lag der Franz unter der Erde. Anderthalb Jahre später Rosa, noch ein Mädchen. Und jetzt wächst wieder ein Kind in ihr. Wes numen em Biebel ischt …

2

Lotta starrte die Wand an. Die rechte Hand mit dem Bogen war auf ihr Knie gesunken, die Finger der linken lagen schwer auf den Saiten. Das Cello war stumm. Sie konnte nicht spielen, die Noten verschwammen vor ihren Augen. Seit Luises Beerdigung war etwas mehr als eine Woche vergangen. Lotta hatte am Konservatorium unterrichtet, mit dem Orchester geprobt, Konzerte gespielt – Mahlers Bearbeitung von Schuberts »Der Tod und das Mädchen« und die fünfte Sinfonie von Dvořák. In der Anspannung vor und während den Konzerten gab es nichts anderes als die Musik. Da war alles wie immer, fühlte sie sich ruhig und sicher. Kaum war sie jedoch allein, wurde ihr Denken laut, begleitet von einem feinen Sirren. Es gelang Lotta nicht mehr, konzentriert zu üben. Wieder und wieder sah sie die Kirche von Gletschen, den Friedhof, die Berge, hörte die Orgel, die Glocken, die Leute, die Busse, alles viel zu nah, noch immer viel zu laut. Ihr wurde heiß, wenn sie daran dachte, dass sie nicht mehr am offenen Grab gewesen war nach der Trauerfeier, keine Blumen mitgebracht hatte, nichts, was sie Luise hätte mitgeben können außer der Musik. Dass sie nicht zum Leichenmahl gegangen und einfach weggelaufen war nach den Worten der alten Frau. Sie drängten sich unerbittlich in Lottas Bewusstsein, diese Worte. Luise verschwunden?

Lotta versuchte, die Gedanken aus dem Kopf zu schütteln. Luise hatte ein langes Leben gehabt, bestimmt vieles erlebt, von dem sie nichts wusste. Sie beide hatte das Interesse für Musik verbunden. Aber nicht nur das. Doch daran wollte Lotta jetzt nicht denken. Sie musste endlich wieder üben können.

Ich hab dir immer gehorcht immer gehorcht immer getan was du gesagt hast geübt und geübt und geübt und jetzt muss ich muss üben konzentrieren entspannt nur Musik sein ich muss ich muss …

Lotta rückte die Noten zurecht und atmete ein paar Mal tief durch. Mit geschlossenen Augen und ohne sich zu bewegen, hörte sie innerlich die ersten Töne einer Etüde von Duport, spürte die Griffe der linken Hand, Geschwindigkeit, Druck und Winkel des Bogens. Dann strich sie mit der Außenseite ihres linken Daumens entlang dem Griffbrett über die Decke des Cellos, spürte die Kühle des lackierten Holzes, die vertraute feine Kerbe direkt über dem Schallloch, legte dann die Finger auf die Saiten, setzte den Bogen an und spielte mit noch immer geschlossenen Augen die ersten Takte. Das Instrument begann zu schwingen, Töne erklangen – und perlten an Lotta ab. Sie bewegte sich mechanisch; empfindungslos setzte sie eine Note nach der anderen.

Du hast nichts erzählt gar nie etwas erzählt weshalb nichts von Gletschen weshalb weiß ich nichts überhaupt nichts von dir verschwunden …

Mitten im Takt brach sie ab und legte den Bogen weg. So ging das nicht. Sie wollte sich in Klang betten, doch die Wörter übertönten die Musik.

Weshalb nur hatte sie nie daran gedacht, ihre Großmutter nach ihrem Leben zu fragen? An einem der vielen langen Abende zu zweit, an denen sie immer öfter ins Schweigen fielen. Warum hatte Luise nie von sich aus etwas erzählt? Was sollte das überhaupt heißen, aus Gletschen verschwunden?

Wer hat auf dich gewartet dich gesucht gehofft gemeint dich überall zu sehen …

Lottas Finger verkrampften sich, sie zog die Schultern hoch. Am liebsten hätte sie ihren schön geordneten Notenstapel durcheinandergeworfen und die Satzfetzen in ihrem Kopf den tanzenden Blättern hinterhergescheucht, aber sie presste nur die Schenkel an ihr Instrument. Sie musste ihre Gedanken wieder in den Griff bekommen. Lotta biss sich auf die Lippen. Wo blieb die Konzentration, ohne die ihr Beruf undenkbar war? Stundenlang an Phrasierungen feilen, Sequenzen üben, nicht aufhören, nach dem Kern jedes Stückes zu suchen – das war ihr Leben, das hatte sie immer gekonnt. Und nichts anderes gewollt. So hatte sie es geschafft, ihr Studium mit Auszeichnung abzuschließen, hör nur die Musik, und beim Vorspiel für die Orchesterstelle stach sie alle anderen aus, die technisch genauso brillant waren. Die Erinnerung an die Hochspannung war sofort wieder da, das Warten hinter der Bühne, die Erlösung, als der Orchestervorstand ihr sagte, sie hätten sich für sie entschieden. Nur das warme Glück, das sie damals erfüllt hatte, spürte sie nicht mehr.

Mit einer heftigen Handbewegung fegte sie die Noten vom Ständer. Sie hatte doch gewusst, dass Luise alt war, jederzeit sterben konnte! Aber sie hatte sich immer nur für Musik interessiert. Hatte nie etwas von ihr wissen wollen, als wären neben all den anderen Fragen keine mehr übrig geblieben für Luise. Lotta hielt sich den schmerzenden Handrücken.

Das Katzentürchen fiel zu, Lotta schreckte auf. Alfredo kam ins Zimmer, strich ihr um die Beine und miaute. Er ließ sich fallen und drehte sich auf den Rücken, damit sie ihm den Bauch kraulen konnte. Doch Lotta starrte auf die am Boden verstreuten Notenblätter und rührte sich nicht. Alfredo schnurrte, Lotta nahm es kaum wahr.

Tante Annemarie hatte an der Trauerfeier Luises Lebenslauf vorgelesen, doch Lotta hatte in der Konzentration auf ihr Cellospiel kaum zugehört. Sie konnte sich nur an »Lehrjahre im Ausland« erinnern und irgendetwas mit England. Kein Verschwinden. Kein Auftauchen. Bloß wie mutig es gewesen war, dass Luise nach dem Tod ihres Mannes die Druckerei nicht aufgegeben hatte, sondern sie noch viele Jahre erfolgreich weiterführte. Die Druckerei.

Eine Erinnerung tauchte in Lottas Kopf auf. Wie Luise jeweils energisch alle Fenster im Haus schloss, wenn Lotta zu üben begann. Einmal, als Lotta eines öffnete, weil ihr zu heiß war, forderte Luise sie auf, es sofort wieder zu schließen. Auf Lottas Einspruch hin sagte sie kurz angebunden, dass die Druckerei früher wiederholt Lärmklagen aus der Nachbarschaft erhalten habe, wenn im Hochsommer die Maschinen bei geöffneten Fenstern liefen. Lotta verstand nicht, aber sie schwieg. Und übte schwitzend weiter.

Sie schüttelte die schmerzende Hand, bückte sich, hob einige der verstreuten Notenblätter auf und stellte sie auf den Notenständer. Ein Augenblick Vergangenheit war in die Gegenwart gelangt. Mit einem Tuch wischte sie die Saiten des Cellos ab und legte es behutsam in seinen Kasten. In der Küche stellte sie Alfredo Futter hin, fuhr ihm abwesend über das Fell, strich die roten Haare an ihrer Hose ab, machte sich einen Tee und holte die Dose mit den Apfelstücken aus dem Schrank. Sie setzte sich an den Küchentisch und legte die Hände um die heiße Tasse. Ihrem im Fenster gespiegelten Blick wich sie aus.

Auf dem Fensterbrett saß die Plastikpuppe, die ihr Vater vor mehr als fünfundzwanzig Jahren aus Taiwan mitgebracht hatte, von seinem ersten großen Auslandseinsatz. Sie saß dort und starrte Lotta aus ihren ewig aufgerissenen, blauen Augen an, seit Lotta in die kleine Musikerwohnung gezogen war. Obwohl sie die Puppe scheußlich fand, wäre ihr nie eingefallen, sie wegzuwerfen. Meist glitt ihr Blick über sie hinweg, sie gehörte zu ihrem Alltag.

Auf die Tischplatte fiel eine Träne. Unwirsch wischte Lotta sie weg. Weitere Tränen tropften auf den Küchentisch. Die Puppe verschwamm vor ihren Augen.

Dein Papa Lotta er ist verschwunden wird vermisst Mama was ist weinte nur noch und weinte einfach verschwunden ich hab nichts verstanden Papa vermisst kann mich nicht erinnern deine Stimme dein Lachen verschwunden vermisst so lange vermisst …

Der Satz der alten Frau hatte ganze Arbeit geleistet und

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