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Afrika weint

Afrika weint

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Afrika weint

Länge:
371 Seiten
5 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Nov 9, 2018
ISBN:
9781386064657
Format:
Buch

Beschreibung

Die Fremdenlegion! Allein der Name klingt so exotisch und abenteuerlich, dass viele Männer sich ihr anschließen wollen. Teils aus Neugier, und teils aus Verzweiflung. Denn die Legenden, die man sich von der Legion erzählt, sind nichts im Vergleich zur rauen und brutalen Wirklichkeit.

Ernst F. Löhndorff war in der Fremdenlegion in Algerien und Marokko – und das, was er in seinem tagebuchähnlichen autobiografischen Roman erzählt, ist die ernüchternde Wirklichkeit. Desillusionierte und gestrandete Männer dienen dort, und viele von ihnen kehren niemals wieder in die Heimat zurück. Und falls doch, sind sie zerbrochen und nur noch ein menschliches Wrack!

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Freigegeben:
Nov 9, 2018
ISBN:
9781386064657
Format:
Buch

Über den Autor


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Afrika weint - Ernst F. Löhndorff

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: Nach Motiven von Pixabay, 2018

Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2018 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

––––––––

Die Fremdenlegion! Allein der Name klingt so exotisch und abenteuerlich, dass viele Männer sich ihr anschließen wollen. Teils aus Neugier, und teils aus Verzweiflung. Denn die Legenden, die man sich von der Legion erzählt, sind nichts im Vergleich zur rauen und brutalen Wirklichkeit.

Ernst F. Löhndorff war in der Fremdenlegion in Algerien und Marokko – und das, was er in seinem tagebuchähnlichen autobiografischen Roman erzählt, ist die ernüchternde Wirklichkeit. Desillusionierte und gestrandete Männer dienen dort, und viele von ihnen kehren niemals wieder in die Heimat zurück. Und falls doch, sind sie zerbrochen und nur noch ein menschliches Wrack!

Gewidmet meiner unvergesslichen Mutter

Vorwort

Als dieses Buch bald nach dem ersten Weltkrieg erschien, erregte es Aufsehen. Es wurde im Dritten Reich verboten. Hitler wollte alle jungen Deutschen in Unwissenheit darüber lassen, dass es eine Fremdenlegion gäbe. Nach der herrschenden Meinung waren ja alle, die in die Fremdenlegion gingen, asozial. Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches gingen dann Zehntausende junger Leute nur deshalb in die Legion, weil sie vorher in der deutschen Waffen-SS waren.

Mir haben das Buch und die durch die Veröffentlichung hervorgerufenen indirekten und direkten Auswirkungen gleich nach dem zweiten Weltkrieg viel Unglück gebracht: Ich wurde 1947 von den Franzosen in einem Schwarzwalddorf interniert, dann als alter Deserteur zur Aburteilung über Kehl - Marseille nach Sidi bel Abbes zum Regiment geschickt.  Zwar waren 29 Jahre seit meiner Desertion verflossen, und ich war damals als unwissender, unfertiger Mensch in die Legion gegangen, aber nach französischem Militärgesetz verjährt eine Desertion erst nach dreißig Jahren, und so konnte nichts mir helfen, alle Einsprüche einflussreicher Freunde aus Deutschland und der Schweiz nutzten in Paris nichts.

Es war keine schöne Zeit, dieses zweite Mal in Afrika in einer Zelle, aber es dauerte nicht lange: Ich wurde entlassen, musste jedoch nochmals in die Internierung und wäre vielleicht heute noch dort, vergessen, wenn ich nicht lebensgefährlich erkrankt wäre und es durch die Intervention des deutschen Arztes eigentlich erst ruchbar wurde, dass in einem Schwarzwald-Weiler noch jemand interniert saß, den das französische Gouvernement vergessen hatte. Seit 1949 bin ich wieder frei und kann meiner Arbeit nachgehen.

Wie es jetzt drüben sei, werde ich oft gefragt. Nun, es hat sich manches geändert, z. B. wird der Legionsanwärter erst gründlich ärztlich untersucht und mancher wird dann noch zurückgewiesen. Auch ist das Essen besser, man erhält genügend Wäsche und Uniformen, der Lohn ist etwas höher, und der Legionär ist in Frankreich nicht mehr verfemt wie damals zu meiner Zeit. Wenn er Lust hat und Geld, kann er im gleichen Restaurant wie der General essen, er kann Sport treiben oder ins Kino gehen usw., aber der Dienst ist so aufreibend und geisttötend geblieben wie ehedem.

Mich hat man während meines Gefangenendaseins in Sidi sehr menschlich und gerecht behandelt. Ich möchte das an dieser Stelle ausdrücklich sagen und auch betonen, dass ich dieses Buch nicht zum zweiten Mal herausgebe, um Frankreich etwa anzugreifen. Das will ich nicht, aber ich möchte das System angreifen, die Legion selbst. Warum gehen immer noch so viele junge Deutsche, Schweizer und Angehörige anderer Nationen, die ja vorher nicht wissen, was ihnen blüht, Jahr für Jahr in die Legion? Soldat spielen können sie daheim auch, sie haben es dort entschieden besser als in Afrika oder gar seinerzeit in Indochina.

In Afrika kämpft heute ein Volk hartnäckig mit allen Mitteln und auf die Dauer wohl unwiderstehlich für seine Unabhängigkeit. Warum aber sollen so viele unserer Leute dort drüben für eine Sache, die sie letzten Endes gar nichts angeht, marschieren und krepieren? Diese jungen Leute will ich warnen, zumal ich glaube, dass es bald keine Fremdenlegion mehr geben wird, weil der große Ausverkauf bei den Kolonialmächten bereits längst und unaufhaltsam eingesetzt hat.

Ernst F. Löhndorff, 1958

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Der Anfang

––––––––

Teils aus dem Gedächtnis, teils von halb verwischten, vergilbten Papierfetzen, die ich in der Sahara und den Atlasbergen mit mir herumschleppte, schreibe ich meinen Bericht aus der Zeit, als ich französischer Fremdenlegionär war, nieder.

Es ist nicht meine Absicht, eine der gewöhnlichen Hetzreden gegen Frankreich loszulassen, denn ich habe die Welt in allen Teilen durchkreuzt und besitze Freunde unter allen Nationen. Meine Erinnerungen sind nur Anklagen gegen das Gewissen der Welt, dass es so etwas wie eine Fremdenlegion überhaupt noch gibt.

Wie ich in die Legion kam? Freiwillig wie alle! Nein, ich bin wirklich nicht betäubt oder betrunken gemacht worden von jenen sagenhaften Agenten, die Deutschland unsicher machen sollen. Ich ging selbst! Wie lange ich in der Legion diente, weiß ich nicht genau. Es spielt ja auch keine Rolle für Menschen wie mich, die seit früher Jugend aus eigener oder fremder Schuld diese Welt durchwandern müssen. Denn für solche ist die Zeit ein Nichts!

Arbeitslosigkeit, Hunger nach Wärme und Brot und eine Frau brachten mich in die Legion. Ich bin viermal entflohen, ehe es mir gelang, dem Teil Afrikas zu entrinnen, dessen Boden vom Schweiß, Blut und den ohnmächtigen Tränen Zehntausender von Männern, die alle Mütter hatten oder haben, durchtränkt ist. Diesem Afrika, dessen Sand, Steine, Palmen und Glutwinde aus weiter Ferne zu euch herüberweinen müssten, wenn ihr nur Zeit und Herz fändet, zu lauschen!

Hört, was ich euch von den Männern in Afrika, deren Mund ich bin, erzählen muss!

Legion, Fremdenlegion! Der eine dichtet ihr die unglaublichsten Scheußlichkeiten an, der andere schildert sie als harte, langweilige Soldatenschule, und der dritte beschreibt sie als Abenteurerparadies! Und alle sündigen. Märchen sind es, wenn es heißt, dass der Deutsche, oder vornehmlich der Deutsche, in der Legion schlecht behandelt wird. Märchen sind die Schilderungen, deren Held der Verfasser selber ist, der sich aus natürlichen Gründen selbst herausstreicht.

Und ich sage euch, der eine erlebt in der Legion gar nichts, das einer Aufzeichnung wert wäre; der andre wenig, der dritte vielleicht etwas mehr, und der Rest, der große Rest, von dem man nie etwas hört, der erlebt zuviel, aber keiner von denen kann es erzählen, denn die Sahara oder die düsteren Berge des großen Atlas verschluckten ihn spurlos.

Jeden Tag wechselt die Legion ihr Gesicht, jede Stunde, ja jede Minute und Sekunde! In dieser Garnison mag das Leben erträglich sein für einen Soldaten, der keinen Luxus verlangen darf, weil die Vorgesetzten Menschen sind. In jener aber ist die Hölle auf Erden, und Offiziere wie Unteroffiziere sind die lachenden Teufel, die die brennenden Flammen schüren!

Die Zeit in der Legion ist mit unauslöschlicher Schrift in mein Gehirn eingetragen. Glück, Mut, aus der Verzweiflung geboren, oder Allah, der geheimnisvolle Gott der Wüste, haben mich errettet. Doch hört zu, wie es begann.

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Die Zerbrochenen

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„... zusammenbleiben, ihr blödsinnigen Himmelhunde! Wirst du gleich in Tritt fallen, du krummbeiniger Türvorsteher der Höllenpforte! Ja, dich mein’ ich, du schmutziges Aas, du Herzblatt des Satans ... tönt die scharfe Stimme des „Herrn Stefan, der einen Augenblick still steht, seinen wie zwei Eiszapfen nach oben starrenden Schnurrbartenden einen Ruck gibt, und dann wieder auf den mit Bindfaden befestigten Filzschuhen neben uns herläuft.

Ich bin in einer erbärmlichen Menschentiergruppe, wohl an zwei Dutzend zählen wir. Drei französische Soldaten, stämmige, kleine Burschen mit roten Weihnachtsengelbacken, sind mit uns von der Kommandantur in Ludwigshafen am Rhein mit der Bahn die kurze Strecke nach Neustadt gekommen.

Der Zusammenbruch der Kommunistenbewegung im Rheinland ist vorüber. Tage einer elenden und hilflosen Zeit liegen hinter mir; einer Zeit, in der ich Menschen in grauen Städten sah, die in fadenscheinigen Kleidern, genagelten Schuhen und mit verzweifelten, grauen Gesichtern ihrer Arbeit - wenn sie solche hatten - nachhetzten. Und in den Bars und Kabaretts knallten die Sektpfropfen, Geigen jubelten, und geschminkte Weiber warfen die dünnen Beine, während arme Teufel sich scheu in die Torwege drückten und hungrig nach den erleuchteten Fenstern schauten.

Das waren die Tage der Not unter den Menschen Deutschlands, die Tage, wo die Legion, jene „Mutter" der Heimatlosen, Verzweifelten, Entwurzelten, Hungernden, Abenteuernden und Gesetzesflüchtigen, überall am Rhein entlang ihre Bureaux de recrutement aufgetan hatte, die mit magischer Kraft zu Dutzenden, Hunderten, ja zu Tausenden, alle die Zerbrochenen und Enttäuschten des großen Krieges und der Putsche anlockten.

Herr Stefan, der uns zu den Fleischtöpfen der Legion führt, schreit: „Bald sind wir da, ihr hungernden Schakale! Seid doch lustig, ihr ungewaschenen Saukerle, die warme Suppe der Legion wartet schon, um eure abgründigen Pansen zu füllen!"

Er hält sich dicht neben mir und betrachtet abwägend den guten Anzug, den Wintermantel, die ich aus dem Schiffbruch rettete.

Diesem Original sind wir im dichten Bahnhofsgedränge von der militärischen Eskorte übergeben worden. Zum Ergötzen der Passanten - es ist Sonntag, und alles wimmelt von Leuten - hat der lange Mensch mit dem tropenverbrannten Gesicht uns eine donnernde Ansprache gehalten. Erst sprach er legionsfranzösisch, da es aber niemand verstand, fuhr er deutsch fort. Er, Herr Stefan, ist ein alter, braver, altgedienter Sergeant der Legion, der seine Zeit herum hat und vom kommandierenden General angestellt wurde, Rekruten, die sich zur glorreichen Legion melden, zu empfangen und zu betreuen, bis sie nach Süden transportiert werden. Wir haben ihm - so droht er - aufs Wort zu gehorchen, oder er wird uns krumm und lahm prügeln lassen.

Als dieses Unikum seine bombastische Rede beendet hatte, milderte sich sein Gesichtsausdruck, und er wandte sich an die kleine Extragruppe von drei Mann, zu der auch ich gehörte. Uns mit geübten Blicken abschätzend, meinte er, dass ein tapferer Sergeant nicht abgeneigt wäre, mit uns Bleus (Bleus nennt man in der französischen Armee die Rekruten)eine gute Zigarre zu rauchen und in der Kantine einer Flasche Pinard den Hals zu brechen. Ehe ich fragen konnte, was denn Pinard ist, nahm Herr Stefan mir unverfroren die präsentierte Zigarettenschachtel aus der Hand, drehte sich ab und formierte mit Hilfe drastischer Schimpfworte die anderen in Viererreihen.

„Ihr könnt langsam nachkommen!", warf er uns dreien zu, dann setzten wir uns in Marsch, und ich dachte darüber nach, wie leicht doch eine Kleinigkeit den schroffsten Kastengeist stürzt. In unserem Fall waren es die bessere, von den anderen abstechende Kleidung und meine Zigaretten. Anderwärts bedarf es Orden, klingender Händedrucke oder Esel, die Säcke voll Geld tragen. Meine Zigaretten bewirkten, dass die Sonne Herrn Stefans nun über uns dreien strahlte. Wir einigten uns rasch. Denn diese wandelnden Lumpenruinen da vorne waren ja Kameraden, Menschen, die dem gleichen Schicksal wie wir entgegengingen. Deshalb machten wir von Stefans Angebot keinen Gebrauch und schlossen uns dicht an sie an.

Es war mir etwas unbehaglich zumute, als ich aus der Bahnhofshalle trat, und ich sah meinen Begleitern das gleiche an. Gegenüber dem Gebäude konzertierte eine französische Militärkapelle. Buntes Gedränge herrschte, aus dem sich die leuchtenden Rothosen der Offiziere und die Pariser Toiletten ihrer Damen wie farbenfrohe Kleckse abhoben. Viele Blicke waren auf uns gerichtet; Blicke voll Verachtung, Mitleid, Schadenfreude und feister, satter Entrüstung. Die Galle stieg mir ins Blut.

Nun aber atme ich auf, wir verlassen die Straßen und schreiten durchs freie Feld. Von der Seite her betrachte ich die beiden anderen. Wie ich in der Bahn bemerkte, scheinen es Münchner zu sein. Gesagt haben sie mir aber nicht, wer und was sie sind, und weshalb sie zur Legion wollen. Der Kleidung nach sind sie Angehörige des besseren Handwerkerstandes und ihre Sprache ist herb, dialektisch. Was sie auch antreibt, Not haben sie sicher nicht gelitten, denn ihre Gesichter blühen vor Gesundheit. Geld haben sie auch noch, das merkte ich während der Fahrt. Beide schätze ich in den niederen Zwanzigern. Einer heißt Seppl, ist so lang wie ich, nur noch schlanker. Eigentlich müsste auf diesem Körper ein anderer Kopf sitzen als dieser lachende Posaunenengelschädel. Sein Gefährte Hansl ist noch größer, sein Leib gleicht an Umfang einem mächtigen Krautfass.

Seppl gibt mir einen Stoß, deutet kopfnickend auf Herrn Stefan, und flüstert: „Narrischer Bazi der da .. göll’ns fei? Moanan’s, dass er wirkli a General is?"

Und Hansl bewegt die Lippen wie ein kauendes Kaninchen, dabei murmelnd: „Wer’s glaaben tuat!"

Ich habe mir schon eine ganze Weile den Menschen, der sich uns als Herr Stefan vorstellte, betrachtet. Er hat einen arg mitgenommenen Schlosseranzug an, eine speckige Mütze auf, und an den Füßen trägt er seltsamerweise Filzhausschuhe, die mit Bindfaden an den Knöcheln befestigt wurden. Seine hohe, sehnige Gestalt kommt jedoch trotz des lachhaften Aufzuges zur Geltung, und er sieht auf den ersten Blick nicht übel aus. Aber dennoch gefällt er mir nicht recht! Wie ich ihm nämlich die Zigaretten hinhielt, schaute ich in seine Augen. Das Weiße des Apfels ist stark rotumrändert und die Pupille von gläserner Starrheit. Da ich lange in den Tropen war, weiß ich, dass in solchem Blick Trunksucht, Wechselfieber und Tropenkoller schlummern. Und ich antworte Seppl, ihn frischweg duzend: „Nein, Seppl, der Kerl ist kein großes Licht!"

„Und eahnare Zigarett’n hat er g’stohl’n! Der saubere Depp, der Oberganeff!", brummt der Angeredete.

Aber daraus machte ich mir nichts, denn ich rauche meist Pfeife. Sofort ziehe ich sie hervor und beginne zu stopfen.

––––––––

Herr Stefan

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Schweigend stapfen wir durch den auf den Feldern geisternden Nebel. Da kommt Stefan zurück und unterbricht die Stille mit den Worten: „Schöne Pfeife, he?"

Ich nicke, stoße eine dichte Wolke aus und blicke nach vorne, wo die anderen marschieren. Es sind stumme, bedrückte Menschen, die nicht miteinander reden und nur gelegentlich scheue Blicke in die Runde werfen.

Herr Stefan beantwortet meine Nichtachtung seiner Person mit einem bösen Augenblitz, wendet sich an die Bayern, die seine scharf herausgestoßenen Fragen unterwürfig hinnehmen. Ich höre aber nicht, was sie sprechen, denn ich schaue auf den Haufen Elend, der da vor mir den Töpfen der Legion zueilt. Diese Leute sehen nicht aus, als seien sie Verbrecher, Diebe oder Zuchthauskandidaten, wovon, zahlreichen Broschüren nach, die Legion eigentlich wimmeln muss. Es sind nur armselige, vor Hunger und körperlicher Not zusammengebrochene Menschen, in deren Augen eine dumpfe Gleichgültigkeit gegen alles, was da noch kommt, wohnt. Es sind Männer, die zum Teil kaum das Unentbehrlichste an Kleidung ihr eigen nennen. Einer trägt alte Kommissbottiche, aus denen die nackten Zehen herausschauen. Auf dem sonst bloßen Oberkörper baumelt eine schmutzstarrende, zerrissene Jacke. Unter der grauen, fettigen Mütze ringeln sich korngelbe Haare hervor, die über dem Rockkragen im Genick ein dichtes Vlies bilden. Und ähnlich sehen die meisten anderen aus. Alle habe stumpfe, resignierte, tief in knochigen Höhlen ruhende Augen. Es ist ein Anblick, über den ich weinen und zu gleicher Zeit fluchen möchte!

Gewiss, es mögen einige darunter sein, die etwas auf dem Kerbholz haben, denn sie lebten auf und wurden zusehends von einer unnatürlichen Freude gepackt, als der Zug die Grenze des unbesetzten Gebietes immer weiter hinter sich ließ. Dann sind ein paar Rheinlandkämpfer dabei, die aus politischen Gründen flüchten mögen, obwohl sie den verkehrten Weg einschlagen, denn in der Legion müssen sie, anstatt den von ihnen gehassten Militarismus zu bekämpfen, ihm dienen.

Es sind auch Jünglinge darunter, die mit einem Griff in magere Kassengelder ihren fetten Prinzipalen entliefen; typische, verdorbene Muttersöhnchen des Mittelstandes, die sich die Legion als eine Art ununterbrochenen Picknicks unter Dattelpalmen samt Löwenjagden mit ehrwürdigf-reundlichen, weißbärtigen Scheiks und pikanten Abenteuern mit feurigen Beduinentöchtern vorstellen. Aber die überwiegende Mehrzahl der Männer da vor mir treibt das Elend, die Not, der wütende Hunger, der manchmal aus ihren traurigen, müden Augen emporflackert! Treibt die Obdachlosigkeit, die sich scheut, in kalten Nächten im Freien zu schlafen. Sie wollen daher lieber die harten Pritschen der Legion versuchen! Die letzte, trotzige Auflehnung vor einem sie unabwendbar dünkenden Schicksal führt diese Menschen in die Legion, die große Armee der Heimatlosen, die Mutter Frankreich an den Grenzen ihrer unruhigsten Kolonien unterhält.

Wir marschieren, und rechts und links schwankt der Nebel über Felder, auf denen die violetten Zeitlosen wie Totenlämpchen flackern. Wieder macht sich Herr Stefan an mich heran. „Bonne pipe, schöne Pfeife, he?"

Gemütlich nicke ich und blase ihm eine Wolke in die Augen. Da streckt sich seine braune, magere Hand mit der Absicht aus, mir die Pfeife aus den Zähnen zu nehmen. Kräftig schiebe ich seinen Arm zurück und sage halb zornig, halb scherzend: „Diese Pfeife ist meine Braut, und keiner darf sie anfassen!"

Stramm wie ein Ladestock richtet er sich auf, zupft an den steifen Schnurrbartenden und schnarrt: „Sacre bleu! Sie werden mir sofort die Pfeife geben! Als Vorgesetzter befehle ich’s!"

Diplomatisch entgegne ich bedächtig: „Hören Sie, Stefan ... warum ich in die Legion gehe, kann Ihnen furchtbar gleich sein. Aber ein flüchtiger Dieb, der nicht mehr weiß, wo er hin soll, bin ich nicht! Ich weiß zwar, dass ein Legionär lieber Selbstmord begeht, als einem Vorgesetzten zu widersprechen, denn zur Hölle fährt er doch! Sind Sie aber mein Vorgesetzter? Sie haben ja noch nicht mal menschliche Schuhe an Ihren Quadratlatschen!"

In Stefans Augen zeigt sich sekundenlange Verlegenheit. Ich bin überzeugt, dass ich gut riet und dieser Bramarbas und Eisenfresser uns nicht viel zu sagen hat. Er nahm einfach den Mund zu voll, als er sich uns vorstellte. In dieser meiner Gewissheit fahre ich fort: „Übrigens bin ich und die Leute da freiwillig auf dem Weg in die Fremdenlegion. Noch hat keiner den Vertrag unterschrieben! Und wir sind noch frei und können, abgesehen, dass wir Frankreich einige Pfennige schulden, weil es die Fahrt von Ludwigshafen hierher zahlte, immer noch tun, was wir wollen. Was würden Sie denn anfangen, wenn ich mich jetzt hier in die Büsche schlage und Ihnen, wie Ihrer Legion, eine lange Nase drehe? Sie armseliger Pantoffelbürger glauben doch nicht, dass Sie mich einen Augenblick halten könnten? ... Ich kenne die Legion, obgleich ich noch nicht darin diente! Es geht streng dort zu, aber ich denke nicht, dass es einem Offizier einfallen wird, seinem Soldaten, mag er ihn sonst noch so schinden, die Pfeife wegzunehmen. Auch Ihnen rate ich, lieber davon abzustehen!"

Wut und Staunen wechseln in Stefans Zügen. Die beiden Bayern sehen mich beinahe achtungsvoll an. Da brüllt Stefan, in dem die Wut siegte: „Die Pfeife her, verdammtes Schwein!"

Drohend hallt meine Antwort: „Hole sie, wenn du das Herz hast!"

Er fuchtelt mir mit der Faust vor den Augen herum, berührt mich aber nicht. Dann versucht er zu bluffen und sprudelt empört heraus: „Was fällt dir ein, du langbeiniger, stehkragentragender Bandwurm? Ich mache Mus aus dir, du Himmelhund! Was erlaubst du dir mir gegenüber? Mir, der ich gegen die Araber focht! Mir das, dem der Marschall Lyautey eigenhändig die Medaille anheftete. Warte, ich will sie dir ..."

Seine Stimme schnappt über, keuchend holt er Atem und rast weiter: „Ahnst du denn, was es eigentlich heißt, Tropenhitze und Afrika, du zahnloser Blausteißpavian?"

Er wartet auf meine Antwort. Aber ich schweige.

Wir marschieren nicht mehr! Der Nebel rollt ganz langsam, vom Wind getrieben, an unserer kleinen Gruppe vorbei, Stefan, den beiden Bayern und den anderen. In einiger Entfernung lassen sich die letzteren nieder, hocken auf den Bündeln, die ein paar besitzen, und stochern mit den Fußspitzen im gelben Gras herum. Einige fischen Zigarettenstummel aus den durchlöcherten Taschen, zünden sie an. Nur zwei schauen zu uns hin, die anderen nehmen keine Notiz, sind zu gleichgültig, denn ihr ganzes Sinnen steht nur auf Brot und warme Suppe, die sie bekommen sollen und die das Zwiegespräch wieder etwas weiter hinausgeschoben hat.

Schwer rieselt der Novembernebel herab, vorne liegen weiße Gebäude am dunklen Saum eines Waldes; hinter uns quirlen und wogen die undurchdringlichen Dünste des Spätnachmittags. Da klopfe ich die Pfeife aus und fange an, darauflos zu wettern: „Was ich von Tropenhitze weiß, schnurrbartzwirbelnder Meerkater? Haha! Während du in der schmierigen Kaserne hocken musstest, Sandflöhe in der Wüste fingst, bin ich im zentralamerikanischen Urwald herumgekrochen und habe dort andere Kämpfe ausgefochten, als du mitgemacht hast. Verstehst du Trottel denn, was ein Orchideenjäger ist?... Was bist du? Hast nie was getaugt, konntest dich aus purer Dummheit nicht durchs Leben bringen, und nun willst du mir imponieren? Da genügte der Wind von Nordafrika nicht, erst musst du dir noch ganz andre Taifune um deine Geiervisage brausen lassen! Medaille, hahaha! Warum hast du den Klempnerladen nicht an deine Heldenbrust gehängt? Das passt fein zu den Filzparisern. Rede nun noch einen Ton, und ich fahre mit dir längs Deck, dass du denkst, heute ist Ostern!"

Der Mensch war während meiner Worte, die er am besten verstand, weil sie seinen Instinkten angepasst waren, ganz winzig geworden. Ein paar mal öffnete er den Mund, machte ihn aber wieder zu. Ich fange nochmals an: „Damit du siehst, dass ich kein Spielverderber bin, so will ich heute Abend mit dir in der Kantine  wenn es eine gibt  eine Flasche Pinard, wie dein Lieblingsgiftt ja wohl heißt, trinken!"

Stefans Zorn verfliegt wie eine Wolke vor dem Sturm, als er das magische Wort hört. Seine Augen leuchten, er schlägt mir auf die Schulter und ruft im Brustton tiefster Überzeugung: „Aus solchen Stoffen wie du macht man Legionäre! Sergeant, ja Leutnant wirst du werden, wenn du Schwein hast! Fast ängstlich fragt er weiter: „Sag’, hast du wirklich Geld zum Pinardkaufen?

Der Mann, aus dem der willenlose, dem Alkohol rettungslos verfallene, moralische Schwächling spricht, der dabei ein kühnes, sonnengebräuntes Gesicht zur Schau trägt und martialische Flüche gebraucht, kommt mir lachhaft vor.

„Was ist Pinard?, unwirsch fährt es über meine Lippen, und, mit der Zunge schnalzend, erwidert er: „Es ist der rote Wein, den man in der Legion täglich fasst. Aber sacre, wir müssen weiter, es dunkelt schon, und wenn wir zu spät kommen, geben uns die Köche nichts mehr zu trinken!

Er läuft zu den anderen, die nur an Essen denken und unserem Wortgefecht kaum Aufmerksamkeit schenkten. Still hocken sie auf dem Gras.

Seppl stösst mich in die Rippen. „Wann er wirkli’ Scherschante is, nachher magst dir gratulieren!, flüstert er vielsagend, und ich lache laut: „Der Kerl ist ebensowenig Sergeant, wie ich der Dalai Lama von Tibet bin. Was er sein mag, kümmert mich nicht. Er kann wahrscheinlich bloß fluchen und saufen. Hört nur!

Herr Stefan scheucht die sitzende Gruppe hoch. „Auf, ihr Lumpenhunde, ihr widerlichen Speckjäger! Nehmt den Weg unter die Sohlen, meine Satanskinder! Und wie er jene in Marsch gebracht hat, wendet er sich zu uns: „Lasst uns nun gehen, in einer Viertelstunde sind wir da! Dann trinken wir Pinard, viel Pinard, ah.

Wir marschieren wieder. Immer noch lugen die traurigen Flämmchen der Zeitlosen aus dem Nebel.

Der Mann in den Filzschuhen hat nun auch seinen Nimbus in den Augen der Bayern verloren, denn Hansl fragt ihn ganz vertraut: „Du, Herr Stefan, sog amol, wia schauts denn aus in der Leschion?"

Heiser lacht er zurück: „Wenn du dich nicht aufs Saufen verlegst und dir die braunen und schwarzen Weiber nicht das Mark in den Knochen verseuchen, wenn du unmenschliche, verächtliche Behandlung vertragen kannst ... wenn du gut hungern und dürsten kannst und alles Erdenkliche aushältst, so vermagst du es weit zu bringen in der Legion! Aber der Wein, der Wein, hahaha, der kriegt dich klein, und wenn es sonst nichts fertig bringt! Und wenn du dann in irgendein winziges Saharafort auf sechs Monate in einem Strich kommandiert bist, wenn du Tag für Tag dieselben Gesichter siehst, dasselbe Fressen kriegst, wenn du den von Sand begrenzten Horizont siehst, über dem der Himmel wie schmelzendes Blei hängt, und wenn dich dann der Tropenkoller nicht packt, dann will ich an mein Käppi greifen und vor dir stramm stehen, Rekrut!"

––––––––

Nacht

––––––––

Wir langen an einer Mauer an. Vor dem Tor lehnt der Posten mit dem Stahlhelm, die kleine Gestalt in einen riesigen, langhaarigen Ziegenpelz hineingezwängt. Seitwärts ragen die Hangars einer Fliegerstaffel aus der Dunkelheit. Der Mann ruft uns einige scherzhafte, sich auf unsere zusammengeschnurrten Körper beziehende Grobheiten nach. Stefan marschiert an der Spitze. Über einen dunklen, mächtigen Hof, der von Gebäuden mit teils erleuchteten Fensterreihen umgeben ist, führt er uns. Dann durch eine Tür in den schmalen Korridor, in dem es stark nach angebrannten Zwiebeln duftet. Stefans Stimme erschallt: „Stillgestanden ... Rühren!"

Er öffnet eine Tür. Ich sehe zwei Militärschreiber, hemdsärmelig, in Pantoffeln, am Tisch sitzen. Ein kleiner, rotglühender Kanonenofen strahlt Hitze aus, und ein muffiger Luftstrom schlägt in unsere Gesichter. Stefan spricht einige Worte, der eine Schreiber tritt in den Türrahmen und mustert uns gleichgültig. Nun wird uns erklärt, dass wir der Reihe nach ins Zimmer gehen sollen, um etwaige Waffen abzuliefern. Unterdessen dürfen die Wartenden rauchen, wenn sie etwas haben. Die Untersuchung nimmt ihren raschen Verlauf. Meine durch die Wärme auftauenden Leidensgenossen beginnen zu murmeln, bis einer der Schreiber „Silence!" faucht.

Ich schiebe mich in das Zimmerchen.

„Leg’ deine Waffen ab, langbeiniger Hengst!", lacht der Soldat gemütlich auf Elsässerdeutsch. Höflich entgegne ich, dass ich keine besitze. Da tastet er mich ab und findet mein Universalmesser, das Reklameding einer Werkzeugfabrik.

„Ist dieser Elefantenstößer etwa ein Zahnstocher?", lacht der Elsässer, nimmt es mir ab und drängt mich auf den Korridor.

Auch die Bayern kommen heraus und schimpfen leise, dass man ihnen die „Vereinsabzeichen", wie sie ihre feststehenden Messer nennen, beschlagnahmte.

Stefan hält anschließend eine kleine Rede, die Schreiber hören schmunzelnd zu, und dann geht es hinaus auf den Hof. Es ist stockdunkel, der ganze Komplex scheint ausgestorben. In der Nähe einer Backsteinküche, wo große Wasserkessel auf offenen Herden brodeln, halten wir.

Stefan verschwindet und kehrt mit einem fetten, fluchenden, holzschuhtragenden Franzosen wieder. Brummend öffnet er die Tür und knipst Licht an. Jetzt erhalten einige von uns gewaltige Blecheimer und Brotsäcke. Stefan trägt den Weinkübel, und stolpernd folgen wir ihm durch den dichten Nebel. Ein abgesondert liegendes Haus nimmt uns auf. Es ist dunkel, kalt und riecht nach frischem Mörtel. Der letzte von uns knallt die Tür zu, und wir stehen in dicker Finsternis.

„Vorsicht, kein Licht anzünden! Es liegt Stroh herum!, warnt Stefan scharf. „Einer den anderen anfassen, es geht eine Treppe hoch!, ruft er wieder, und das Geräusch vieler kletternder und scharrender Füße setzt ein. Behutsam lege ich die Hand auf die Schulter des unsichtbaren Vordermannes und schiebe mich weiter. Ein paar mal stoße ich unsanft gegen die Mauer, jemand tritt mir schmerzhaft auf die Hacken, und ich schlage erbost wie ein Füllen nach hinten aus.

„Autsch, meine Hax’n! Hau mir net d’Füass ab, du Herrgottsakra!, klagt eine wilde Stimme und eine andre sekundiert eine Note tiefer: „Du Bazi, du damischer!

Ich muss laut lachen, und sofort schreit Stefan durch die Nacht: „Welcher Schweinehund meckert da?"

„Ich bin’s, Herr Stefan! Meinen Sie mich?"

Höflich tönt’s zurück: „Ah, der Mann, der im Urwald drüben war. Pardon!"

Eine Tür knarrt,

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