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Krimi Sommer Paket 2018: Der Racheschwur und andere Krimis auf 1000 Seiten
Krimi Sommer Paket 2018: Der Racheschwur und andere Krimis auf 1000 Seiten
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eBook1.358 Seiten15 Stunden

Krimi Sommer Paket 2018: Der Racheschwur und andere Krimis auf 1000 Seiten

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Über dieses E-Book

Krimi Sommer Paket 2018: Der Racheschwur und andere Krimis auf 1000 Seiten

von Alfred Bekker, A. F. Morland & Uwe Erichsen & Hans-Jürgen Raben & Cedric Balmore

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Alfred Bekker: Der Juwelen-Coup

Alfred Bekker: In der Falle

Cedric Balmore: Am Tag, als der Henker kam

A.F. Morland: Ein dicker Fisch geht auch mal baden

Hans-Jürgen Raben: Der Racheschwur

Uwe Erichsen: Das Leben einer Katze

Alfred Bekker: Der Satansbraten

A. F. Morland: Als Köder eine Leiche

Alfred Bekker: Die programmierten Todesboten

A. F. Morland: Sue unter Mordverdacht

Alfred Bekker: Der Hacker

Alfred Bekker: Die Apartment-Killer

Emily Sunbeam, ein ehemals allseits gefeierter Bühnenstar, erhält Morddrohungen. Die Polizei glaubt der alternden Diva nicht – daraufhin wendet sie sich an Toby Martini, den besten Kriminalreporter der CHICAGO NEWS. Obwohl auch der erfahrene Berichterstatter zweifelt, stöbert er in Emily Sunbeams Vergangenheit. Als er herausfindet, dass sie einst mit dem Gangsterboss Roger "Bunny" Sanford verheiratet war, der scheinbar auf Grund ihrer Aussage in den dreißiger Jahren wegen Mordes auf dem elektrischen Stuhl landete, glaubt er, dass die Lady das Opfer eines Racheaktes werden soll. Der clevere Zeitungsmann beißt sich an der Geschichte fest und muss dabei so manch harten Brocken verdauen …

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden, Sidney Gardner, Jonas Herlin, Adrian Leschek, John Devlin, Brian Carisi, Robert Gruber und Janet Farell.

SpracheDeutsch
Erscheinungsdatum11. Nov. 2018
ISBN9781386549666
Krimi Sommer Paket 2018: Der Racheschwur und andere Krimis auf 1000 Seiten
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Autor

Alfred Bekker

Alfred Bekker wurde am 27.9.1964 in Borghorst (heute Steinfurt) geboren und wuchs in den münsterländischen Gemeinden Ladbergen und Lengerich auf. 1984 machte er Abitur, leistete danach Zivildienst auf der Pflegestation eines Altenheims und studierte an der Universität Osnabrück für das Lehramt an Grund- und Hauptschulen. Insgesamt 13 Jahre war er danach im Schuldienst tätig, bevor er sich ausschließlich der Schriftstellerei widmete. Schon als Student veröffentlichte Bekker zahlreiche Romane und Kurzgeschichten. Er war Mitautor zugkräftiger Romanserien wie Kommissar X, Jerry Cotton, Rhen Dhark, Bad Earth und Sternenfaust und schrieb eine Reihe von Kriminalromanen. Angeregt durch seine Tätigkeit als Lehrer wandte er sich schließlich auch dem Kinder- und Jugendbuch zu, wo er Buchserien wie 'Tatort Mittelalter', 'Da Vincis Fälle', 'Elbenkinder' und 'Die wilden Orks' entwickelte. Seine Fantasy-Romane um 'Das Reich der Elben', die 'DrachenErde-Saga' und die 'Gorian'-Trilogie machten ihn einem großen Publikum bekannt. Darüber hinaus schreibt er weiterhin Krimis und gemeinsam mit seiner Frau unter dem Pseudonym Conny Walden historische Romane. Einige Gruselromane für Teenager verfasste er unter dem Namen John Devlin. Für Krimis verwendete er auch das Pseudonym Neal Chadwick. Seine Romane erschienen u.a. bei Blanvalet, BVK, Goldmann, Lyx, Schneiderbuch, Arena, dtv, Ueberreuter und Bastei Lübbe und wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt.

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    Buchvorschau

    Krimi Sommer Paket 2018 - Alfred Bekker

    Krimi Sommer Paket 2018: Der Racheschwur und andere Krimis auf 1000 Seiten

    von Alfred Bekker, A. F. Morland & Uwe Erichsen & Hans-Jürgen Raben & Cedric Balmore

    DIESES BUCH ENTHÄLT folgende Krimis:

    Alfred Bekker: Der Juwelen-Coup

    Alfred Bekker: In der Falle

    Cedric Balmore: Am Tag, als der Henker kam

    A.F. Morland: Ein dicker Fisch geht auch mal baden

    Hans-Jürgen Raben: Der Racheschwur

    Uwe Erichsen: Das Leben einer Katze

    Alfred Bekker: Der Satansbraten

    A. F. Morland: Als Köder eine Leiche

    Alfred Bekker: Die programmierten Todesboten

    A. F. Morland: Sue unter Mordverdacht

    Alfred Bekker: Der Hacker

    Alfred Bekker: Die Apartment-Killer

    Emily Sunbeam, ein ehemals allseits gefeierter Bühnenstar, erhält Morddrohungen. Die Polizei glaubt der alternden Diva nicht – daraufhin wendet sie sich an Toby Martini, den besten Kriminalreporter der CHICAGO NEWS. Obwohl auch der erfahrene Berichterstatter zweifelt, stöbert er in Emily Sunbeams Vergangenheit. Als er herausfindet, dass sie einst mit dem Gangsterboss Roger „Bunny" Sanford verheiratet war, der scheinbar auf Grund ihrer Aussage in den dreißiger Jahren wegen Mordes auf dem elektrischen Stuhl landete, glaubt er, dass die Lady das Opfer eines Racheaktes werden soll. Der clevere Zeitungsmann beißt sich an der Geschichte fest und muss dabei so manch harten Brocken verdauen ...

    ALFRED BEKKER IST EIN bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden, Sidney Gardner, Jonas Herlin, Adrian Leschek, John Devlin, Brian Carisi, Robert Gruber und Janet Farell.

    Copyright

    Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

    © by Authors

    © dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

    Alle Rechte vorbehalten.

    www.AlfredBekker.de

    postmaster@alfredbekker.de

    Der Juwelen-Coup

    von Alfred Bekker

    MORGEN WERDE ICH REICH sein!, ging es Achim Bergner durch den Kopf. Seit drei Jahren arbeitete er in dem renommierten Juweliergeschäft Gramberg und musste sich Tag für Tag mit ansehen, wie Kunden für ein paar glitzernde Steinchen ein Vermögen ausgaben. Aber ab morgen würde er einmal an der Reihe sein.

    Er kannte alle Sicherheitssysteme. Achim lächelte, als sich die Tür des Juweliergeschäfts vor ihm öffnete. Die Alarmanlage auszuschalten war eine Kleinigkeit. Er hatte oft genug gesehen, wie Maria Gramberg, seine Chefin das machte.

    Achim betrat das Geschäft und ließ den Blick umherschweifen. Die wertvollsten Stücke schloss seine Chefin stets in dem gewaltigen Safe ein, der sich in einem Nebenraum befand. Aber auch das war kein Problem.

    Achim kannte die Kombination.

    Er atmete tief durch und ging in den Nebenraum.

    Es war ziemlich dunkel dort, aber er wagte es nicht, Licht zu machen. Das konnte unter Umständen von draußen jemand sehen und Verdacht schöpfen.

    Achim nahm seine Taschenlampe aus der Jackentasche und machte sich dann an den Safe. Es dauerte nicht lange und der Inhalt lag vor ihm. Mit hastigen Bewegungen verstaute er die wertvollen Stücke in der Sporttasche, die er mitgebracht hatte.

    Es dauerte nicht lange, bis er fertig war.

    Den Safe ließ er offen stehen. Dann ging er noch in den Verkaufsraum und nahm die schönsten Stücke aus den Auslagen heraus.

    Plötzlich trat er auf etwas Weiches und wäre fast gestolpert. Verdammter Mist!, schimpfte er. Bei einem Sturz in die Glasvitrine hätte er sich schwere Schnittwunden holen können und am nächsten Tag hätte sich natürlich jeder gefragt, wie er dazu kam. Und wenn irgendwo ein Blutstropfen zurückblieb...

    Er bückte sich und hatte im nächsten Moment einen braunen, haarigen Teddybären in der Hand.

    Achim seufzte.

    Der Teddy gehörte dem kleinen Sohn seiner Chefin und es war nicht das erste Mal, dass er ihn hier liegenließ, wenn seine Mutter den Jungen mit ins Geschäft genommen hatte.

    Hättest beinahe alles vermasselt!, murmelte er und warf den Teddy zur Seite.

    Zum Schluss zertrümmerte er noch ein Fensterglas.

    Die Polizei sollte an einen ganz gewöhnlichen Einbruch denken. Achim aktivierte auch die Alarmanlage wieder. Er hatte seine Sache in aller Ruhe durchziehen können und selbst wenn beim ersten Heulen der Sirene jemand am Fenster stand - mehr als einen davonlaufenden Schatten würde niemand erkennen können...

    AM NÄCHSTEN MORGEN kam Achim Bergner wie jeden Tag zur Arbeit. Vor dem Juweliergeschäft parkten mehrere Polizeiwagen. Beamte der Spurensicherung suchten jeden Quadratmillimeter ab.

    Frau Gramberg saß völlig konsterniert in ihrem Büro, vor sich die offene Safetür. Ein Kommissar versuchte, ihr Fragen zu stellen, aber ihre Antworten waren recht einsilbig.

    Sie schüttelte stumm den Kopf und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht.

    Was ist passiert?, fragte Achim scheinheilig.

    Der Kommissar erklärte es ihm.

    Sie arbeiten hier?

    Ja.

    Mein Name ist Wilde. Hier ist mein Kripo-Ausweis! Ich muss auch Ihnen ein paar Routinefragen stellen. Die anderen Angestellten sind ebenfalls schon befragt worden...

    Achim zuckte die Achseln. Bitte, fragen Sie!

    Wo waren Sie gestern, so gegen ein Uhr nachts?

    Da habe ich tief und fest geschlafen. Leider habe ich keine Zeugen dafür.

    Kommissar Wilde verzog das Gesicht. Naja, das ist kein Beinbruch.

    Sie wollen ein Alibi von mir - und ich habe keins, schloss Achim.

    Wenn der Täter ein Mitarbeiter gewesen wäre, hätte er nicht die Fensterscheibe zerschlagen und vermutlich auch besser gewusst, wie man die Alarmanlage umgeht, erklärte der Kommissar und schüttelte dann energisch den Kopf. Nein, ich glaube nicht daran. Aber ich wäre gerne hundertprozentig sicher gegangen.

    Verstehe...

    Kommissar Wildes Blick fiel auf den Safe und er kratzte sich dabei am Hinterkopf. Was ich allerdings nicht verstehe ist, wie der Täter es geschafft hat, innerhalb weniger Sekunden den Safe zu öffnen, ihn auszuleeren, die Auslagen auszuleeren und dann zu verschwinden.

    Das ist unmöglich!, mischte sich Frau Gramberg ein. Sekunden, sagen Sie?

    Ja, nickte Wilde. Denn kurz nachdem die Alarmanlage losging, hat einer der Nachbarn aus dem Fenster geblickt, aber nur noch gehört, wie ein Wagen gestartet wurde.

    Frau Gramberg atmete tief durch und meinte dann: Das ist selbst dann unmöglich, wenn der Täter die Safekombination gekannt hätte!

    Wilde wandte sich fragend an Achim. Haben Sie eine Erklärung dafür?

    Ich? Wieso ich?

    Kommissar Wilde zuckte die Achseln.

    Ich dachte.

    Nein, keine Ahnung, Herr Kommissar. Aber Sie werden das schon rauskriegen!

    Frau Gramberg stand auf. Ich glaube, Sie haben im Augenblick keine Fragen mehr an mich, nicht wahr, Herr Wilde?

    Nein.

    Dann entschuldigen Sie mich bitte.

    Nehmen Sie es nicht so tragisch!, meinte Wilde. Jemand wie Sie ist doch versichert!

    Pah!, machte Frau Gramberg. Was glauben Sie, wie viel ich dabei draufzahle!

    IN DIESEM MOMENT KAM Frederik, Frau Grambergs kleiner Sohn, in den Raum. In den Händen hielt er einen haarigen braunen Teddybären.

    Guck mal, Mama!, rief er.

    Frau Gramberg zwang sich zu einem Lächeln. Der Kleine konnte schließlich nichts für das, was in der vergangenen Nacht hier geschehen war.

    Na, hast du deinen Teddy wiedergefunden? Am vorangegangenen Abend hatte die Juwelierin nach Geschäftsschluss noch Unterlagen aus dem Laden geholt und dabei den Kleinen mitgenommen.

    Jemand hat ihn hinter die Kasse geworfen!, berichtete der Junge empört. Hör mal, was er sagt! Er ist ganz ärgerlich! Der Kleine drückte auf eine bestimmte Stelle am Arm des Kuscheltiers und der Teddy sagte: Verdammter Mist!

    Achim erbleichte. Es war seine Stimme, mit der das Kuscheltier sprach. In dem Ding befand sich offenbar ein Tonband, mit dem man kurze Sätze aufnehmen konnte, die der Teddybär anschließend auf Knopfdruck von sich gab. Achims Tritt musste das Band eingeschaltet haben.

    Sie waren es!, begriff Frau Gramberg.

    Sie nahm dem Jungen den Teddy ab, um zu verhindern, dass dieser die Aufnahme löschte. Dann drückte sie auf den Oberkörper des Teddybärs und der sagte noch einmal mit Achims Stimme: Verdammter Mist!

    In der Falle

    von Alfred Bekker

    Mark Dempsey atmete tief durch. Mit völlig überhöhtem Tempo jagte er den Ford die Landstraße entlang. Alles war gründlich danebengegangen. Was hatte der Kassierer in der Bank auch so stur sein müssen! Dempsey war in die Bank spaziert, hatte mit dem Revolver herumgefuchtelt und gedacht, mit einem Sack Geld aus der Sache herauszukommen. Aber der Angestellte hatte sich einfach geweigert, ihm das Geld zu geben. Dieser Idiot! Hatte unbedingt den Helden spielen wollen. Und als dann der Sicherheitsdienst aufgetaucht war, hatten Mark Dempseys Nerven ausgesetzt. Er hatte wild um sich geschossen. Zwei Tote, so war die Bilanz, wenn man nach den Radionachrichten ging.

    Außerdem stand Dempsey ohne Beute da. Und jetzt war er nur noch auf der Flucht. Allerdings wusste er nur zu gut, das seine Chancen schlecht standen, aus dieser Sache als freier Mann hervorzugehen. Der ganze Bezirk war mit Polizeisperren durchsetzt. Selbst auf den kleinen Nebenstraßen konnte man auf Streifen treffen.

    Dempsey befand sich in einer Art Mausefalle, aus der es kaum ein Entrinnen zu geben schien.

    Dann sah er das Haus.

    Es lag neben einer Gruppe dicker, knorriger Bäume und war von Gebüsch umgeben. Fast hätte Dempsey es gar nicht bemerkt.

    Er stoppte den Wagen. Die Reifen quietschten.

    Dempsey fuhr in die Einfahrt, hielt an und stieg aus. Bei dem Haus war eine Garage. Gut so. Dort konnte er den Wagen verstecken. Er nahm den Revolver und ging zur Haustür. Dempsey klingelte und einen Augenblick später machte ihm eine brünette, schlanke Frau auf, deren Alter irgendwo zwischen dreißig und vierzig liegen mußte.

    Ja, bitte? Sie stockte, als sie in den Lauf des Revolvers sah.

    Wer ist noch im Haus?

    Niemand.

    Ich hoffe für Sie, dass das stimmt!

    Es ist die Wahrheit!

    Machen Sie mir die Garage auf. Steht ein Wagen drin?

    Sie nickte. Ja.

    Dann fahren Sie ihn heraus, damit ich meinen hineinfahren kann!

    Sie seufzte. Den ersten Schrecken schien sie überwunden zu haben. Gut, sagte sie. Ich mache, was Sie wollen!

    Dempsey verzog das Gesicht. Dann bleiben Sie am Leben!

    NACHDEM DEMPSEYS WAGEN in der Garage war, führte er die Frau ins Haus. Er ließ sich sämtliche Räume zeigen, aber sie schien tatsächlich die Wahrheit gesagt zu haben. Sie war allein.

    Sie sind der Bankräuber, von dem in den Nachrichten die Rede war, nicht wahr?, fragte sie ihn schließlich, als sie im Wohnzimmer waren.

    Woher...

    Das war nicht schwer zu erraten.

    Dempsey nickte. Sie haben recht. Dann wissen Sie ja auch, dass ich nichts mehr zu verlieren habe. Zwei Tote gehen bereits auf mein Konto... Die Strafe für drei Leichen ist auch nicht höher...

    Ich verstehe...

    Dempseys Blick ging durch die Wohnzimmereinrichtung und blieb dann plötzlich an einem Foto hängen. Es zeigte die Frau mit einem etwa gleichaltrigen Mann Arm in Arm.

    Sie sind verheiratet!, fuhr Dempsey auf und richtete die Waffe auf den Kopf der Frau.

    Ja! stotterte sie. Aber...

    Wann wird Ihr Mann hier auftauchen? Dempsey sah kurz zur Uhr. Feierabendzeit. Allzu lang konnte es nicht mehr dauern. Reden Sie schon!

    Er wird überhaupt nicht kommen, sagte die Frau. Wir haben uns getrennt!

    DIE STUNDEN VERGINGEN und Dempsey machte sich Gedanken darüber, wie seine Flucht weitergehen konnte. Er hatte das Radio an, um die Nachrichten zu verfolgen. Dann klingelte es an der Tür.

    Wer kann das sein?, fragte er an die Frau gewandt.

    Ich weiß es nicht.

    Dempsey fuchtelte mit der Waffe. "Gehen Sie zur Tür. Wer auch immer es ist: Wimmeln Sie ihn ab.

    Wenn nicht..." Er hob drohend den Revolverlauf.

    Die Frau nickte und ging zur Haustür. Dempsey lauerte im Hintergrund. Draußen stand ein gedrungen wirkender Mann im Regenmantel.

    Ich bin es, Mrs. Gray, sagte der Mann. Kann ich Sie einen Moment sprechen?

    Tut mir Leid, das geht jetzt nicht, Inspektor Bellows.

    Aber...

    Können Sie nicht ein anderes Mal wiederkommen? Oder noch besser, ich komme Montag ins Präsidium!

    Bellows zögerte. Er musterte Mrs. Grays Gesicht misstrauisch und Dempsey fasste seine Waffe fester.

    Dann nickte Bellows.

    Gut.

    Ein Polizeiinspektor?, fragte Dempsey, nachdem Bellows gegangen war.

    Mrs. Gray nickte. Aber keine Sorge: Er war nicht Ihretwegen hier?

    Sondern?

    Es geht um meinen Mann.

    Ich dachte, Sie leben getrennt!

    Einen Moment lang wirkte sie unsicher. Dann sagte sie: Ja, aber er ist wohl in irgendeine krumme Sache verwickelt. Und jetzt stellt die Polizei mir laufend Fragen.

    Dempsey atmete erleichtert auf.

    FÜR DIE NACHT FESSELTE Dempey Mrs. Gray. Sicher war sicher. Außerdem war Dempsey hundemüde und konnte nicht die ganze Zeit auf sie aufpassen.

    Wie lange haben Sie vor zu bleiben?, fragte Mrs. Gray am nächsten Morgen.

    Dempsey zuckte die Achseln. Ich weiß noch nicht. Ein, zwei Tage. Bis sich der Staub etwas gelegt hat, wenn Sie wissen was ich meine.

    Ich verstehe...

    Dempsey ging in die Küche, um sich nach etwas Essbarem umzusehen. Der Kühlschrank war ziemlich leer, obwohl das Wochenende bevorstand. Fast wie bei einem Menschen, der eine Reise vorhatte!, überlegte Dempsey.

    Hatten Sie vor, über das Wochenende wegzufahren?, rief Dempsey zu ihr hinüber.

    Vielleicht erwartete man Mrs. Gray jetzt irgendwo und jemand wurde misstrauisch...

    Wie kommen Sie darauf?, erwiderte Mrs. Gray. Verdammt nochmal, was tun Sie da eigentlich?

    Dempsey öffnete jetzt die Kühltruhe, in der Hoffnung, dort ein Fertiggericht zu finden.

    Stattdessen sah ihn das Gesicht jenes Mannes an, den er auf dem Foto zusammen mit Mrs. Gray gesehen hatte. Es musste die zierlich wirkende Frau einige Mühe gekostet haben, den Toten in die Truhe zu hieven. Dempsey lief es kalt über den Rücken.

    Aus den Augenwinkeln heraus nahm er dann plötzlich eine Bewegung wahr und sah zum Fenster.

    Polizei! Dempsey sah ein Dutzend Beamte, die sich im Garten verteilten. Das Haus war umstellt.

    Dass sie nicht seinetwegen gekommen waren, würde Dempsey jetzt auch nichts mehr nützen...

    Am Tag als der Henker kam

    Ein Toby Martini Kriminalroman

    von Cedric Balmore

    Der Umfang dieses Buchs entspricht 114 Taschenbuchseiten.

    Emily Sunbeam, ein ehemals allseits gefeierter Bühnenstar, erhält Morddrohungen. Die Polizei glaubt der alternden Diva nicht – daraufhin wendet sie sich an Toby Martini, den besten Kriminalreporter der CHICAGO NEWS. Obwohl auch der erfahrene Berichterstatter zweifelt, stöbert er in Emily Sunbeams Vergangenheit. Als er herausfindet, dass sie einst mit dem Gangsterboss Roger „Bunny" Sanford verheiratet war, der scheinbar auf Grund ihrer Aussage in den dreißiger Jahren wegen Mordes auf dem elektrischen Stuhl landete, glaubt er, dass die Lady das Opfer eines Racheaktes werden soll. Der clevere Zeitungsmann beißt sich an der Geschichte fest und muss dabei so manch harten Brocken verdauen ...

    Copyright

    Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

    © by Author

    © dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

    Alle Rechte vorbehalten.

    www.AlfredBekker.de

    postmaster@alfredbekker.de

    Die Hauptpersonen des Romans:

    Emily Sunbeam - hat ihr Leben lang Theater gespielt und gibt Toby Martini manches Rätsel auf.

    Reginald R. Sunbeam - ein wunderlicher alter Knabe, der seine Bude mit merkwürdigen Fotos tapeziert.

    Frank Daher - Herausgeber der CHICAGO NEWS, so geizig wie hartnäckig.

    Stella Smythe - eine Freundin Emilys, spielt eine tragende und tragische Rolle.

    Roger Sanford jr. - soll auf dem elektrischen Stuhl schmoren, aber Toby Martini ist dagegen.

    Leutnant Clay Fisher - ein recht brauchbarer Cop.

    Rudy Conolly - ein Gewohnheitssäufer, der früher einmal bei der Polizei war.

    Und natürlich ... Toby Martini selber.

    Prolog

    Die Idee war Bargeld wert. Ganz genau 203817 Dollar und 32 Cent. Davon gingen dann allerdings die Kosten für die Beerdigung ab.

    Aber es war nur ein verhältnismäßig billiger Fichtenholzsarg, und auch sonst wurde nicht viel Staat gemacht. So fielen die Unkosten kaum ins Gewicht.

    Außerdem waren natürlich ein paar Spesen notwendig, um die ganze Chose überhaupt in Gang zu bringen. Ich schätze, dass mindestens fünf Mille draufgingen. Aber was spielte das schon für 'ne Rolle — gemessen an dem Gewinn.

    Unkosten entstanden übrigens auch — dem Staat New York. Sie hatten den elektrischen Stuhl praktisch schon angeheizt, bevor ...

    Aber ich sehe schon: So komme ich nicht zurande. Lassen Sie sich die Sache von Anfang an schildern!

    1

    „Wenn ich Ihnen einen guten Rat geben darf: Morden Sie grundsätzlich nie in New York!, sagte Henry Eliot gerade, als die alte Dame den Speisesaal betrat. „Wenn Sie schon jemanden umbringen müssen, dann erledigen Sie das in Illinois, in Kalifornien oder in irgendeinem anderen Bundesstaat, wo der elektrische Stuhl abgeschafft ist, wo sie Gaskammern haben.

    Vermutlich sollte das ein Witz sein. Sir Henry Eliot — verarmter englischer Landadel, vor einem halben Menschenalter in die USA eingewandert und heute ein hohes Tier in der Justizverwaltung des Staates New York — war für seinen skurrilen Humor bekannt — und berüchtigt.

    Aber es war gar kein Witz.

    „Gentlemen!, ereiferte sich Eliot. „Sie kennen meine Einstellung. Ich bin ein grundsätzlicher Gegner der Todesstrafe. Sie ist ein Schandfleck jeder echten Kultur, jeder echten Zivilisation. Die Leute, die sie befürworten, meinen nicht Recht und Gerechtigkeit, sondern ausschließlich Rache. Und das törichte Argument, die Todesstrafe wirke abschreckend, bleibt eine Illusion und sonst gar nichts. Das ist seit Jahrzehnten bekannt und erwiesen.

    Das Ganze spielte sich im großen Speisesaal des Hotels „Taft" ab, Manhattan, Ecke 7th Avenue — 51st Street. Dort hatte eine Tagung der Bundesrichter stattgefunden. Sir Henry Eliot — als Chefdelegierter der Stadt und des Staates New York — war sozusagen der Gastgeber gewesen.

    Die Tagung war an diesem Tag zu Ende gegangen. Jetzt gab Eliot einigen ihm persönlich befreundeten Richtern ein privates Dinner. Ich hatte für die CHICAGO NEWS über die Tagung berichtet. Jetzt saß ich mit zwei New Yorker Kollegen an einem Nebentisch und hörte mir Eliots Ausführungen an.

    Dazu brauchte ich nur meine Ohren. Meine Augen wurden von der alten Dame gefesselt. Nicht nur meine. So ziemlich der ganze Saal nahm Notiz. Das Bild war danach.

    Sie musste mindestens achtzig sein. Nach ihrem mumienhaft ausgedörrten Gesicht zu urteilen womöglich noch älter. Aber sie war grell geschminkt, wie eine Tingeltangel-Tänzerin. Ihr Haar glühte tizianrot. Vorausgesetzt, dass es sie überhaupt um ihr eigenes Haar handelte und nicht um eine Perücke. Ihr Hals schlug Falten wie ein alter Handschuh. Dennoch war sie tief dekolletiert, was durch eine Schleierstola gemildert wurde. So weit man die Haut vorn sehen konnte, war sie allerdings erstaunlich glatt und straff. Bei ihrer Magerkeit war der üppige Busen ganz bestimmt aus Schaumgummi.

    Ich schätzte sie auf achtzig, das hatten wir schon. Aber sie war aufgemacht wie eine Zwanzigjährige mit herzlich schlechtem Geschmack.

    Um das Kind beim Namen zu nennen: Wie ein Flittchen aus einem drittklassigen Vergnügungs-Etablissement.

    Ich hätte mich nicht im Mindesten gewundert, wenn der Oberkellner sie höflich, aber bestimmt hinauskomplimentiert hätte.

    Allein, das geschah nicht. Sein Gesicht gefror zwar. Aber er lotste sie doch zwischen den Tischen hindurch. Er ging ziemlich rasch, hatte es offenbar eilig, sie so schnell wie möglich in irgendeinen Winkel zu platzieren,

    Aber sie tat ihm nicht den Gefallen, in seinem Tempo zu folgen.

    Sie stöckelte vielmehr betont langsam.

    „Wer ist das?", raunte ich meinen Kollegen zu.

    „Das war einmal Emily Sunbeam", gab der eine Auskunft.

    Ich entsann mich. Vor zwanzig oder dreißig Jahren — lange vor meiner Zeit — war sie ein Broadwaystar erster Ordnung gewesen.

    Seinerzeit eine Weltsensation, Und nun dies!

    Ich bemühte mich ernsthaft, einen Hauch der menschlichen Tragödie zu spüren, die sich da vollzogen hatte.

    Allein, das gelang mir nicht.

    Eine ehedem begnadete Künstlerin weigerte sich, zur Kenntnis zu nehmen, dass sie alt geworden war. Das Resultat war eine üble Karikatur, bar jeder Würde.

    Der Oberkellner wollte sie gerade an dem Tisch der Richter vorüberschleusen, wo Eliot seine Ansichten über die Todesstrafe entwickelte.

    Die Sunbeam schnappte einige Sätze auf. Und verweigerte dem Oberkellner die Gefolgschaft.

    Sie setzte sich an einen kleinen Zweipersonentisch unmittelbar hinter Eliot, unbekümmert um das Schild „Reserviert".

    Ich saß ihr direkt vis-à-vis in etwa fünf Yards Entfernung. Und ich korrigierte mein erstes Urteil hinsichtlich ihres Alters. Merkwürdigerweise wirkte sie aus der Nähe jünger als per Distanz.

    2

    „Gewalt zeugt Gewalt und nichts als Gewalt!, dozierte Sir Henry Eliot, „Und dabei ist es höchst gleichgültig, ob die Gewalttaten staatlich konzessioniert sind oder nicht. Im Mittelalter hat man Diebe und Mörder bei lebendigem Leib aufs Rad geflochten, hat ihnen die Gliedmaßen abgehackt, die Augen ausgestochen, hat sie auf bestialischste Weise gequält und gefoltert. Und dennoch war die Kriminalität damals größer als in irgendeiner anderen historischen Zeit. Dennoch? Gerade deswegen! Aber was heißt Mittelalter. Es steht einwandfrei fest, und es gibt außerordentlich exakte Untersuchungen darüber, dass die Zahl der Morde und Gewaltverbrechen in den Ländern am höchsten ist, wo es noch die Todesstrafe gibt. Es steht einwandfrei fest, dass sich die Gewaltverbrechen in jedem dieser Länder immer dann häufen, wenn eine Hinrichtung erfolgt ist. Häufen! Nicht etwa zurückgehen! — Es steht aber ebenso einwandfrei fest, dass die Gewaltverbrechen sehr wohl zurückgehen, wenn die Todesstrafe abgeschafft wird. Wie in jüngster Zeit erst wieder in Westdeutschland bewiesen worden ist. Dort schreien die Unbelehrbaren zwar auch nach der Wiedereinführung der Todesstrafe, aber sie haben sich natürlich nie die Mühe gemacht, das Zahlenmaterial zu studieren. Sonst wüssten sie nämlich, dass die „Mordquote heute ganz erheblich niedriger ist als in der Ära Hitler, als während der sogenannten Weimarer Republik, als in der Kaiserzeit vor dem ersten Weltkrieg."

    Dies führte Eliot aus. Und ich gebe es hier so ausführlich wieder, weil es einen durchaus aktuellen Bezug auf die Ereignisse hat, von denen ich zu berichten habe.

    Die Sunbeam saß mit steif aufgerichtetem Oberkörper da, den Kopf leicht nach hinten — also in Richtung auf Eliot — geneigt. Sie hörte sehr aufmerksam zu.

    „Um auf den Ausgangspunkt zurückzukommen, Gentlemen: Wenn Sie schon morden wollen — hier lächelte Eliot dünn —, „dann suchen Sie sich wenigstens einen Staat aus, wo man zugunsten der Gaskammer vom elektrischen Stuhl abgekommen ist. Wussten Sie, dass es gelegentlich vorkommt, dass ein Delinquent eine ganze Anzahl von Strom-Stößen überlebt? Ich selber war Augenzeuge der Hinrichtung Ethel Rosenbergs. Sie starb sieben Minuten lang. Eine staatlich konzessionierte Bestialität, die den Bestialitäten des Mittelalters kaum nachsteht.

    Ich sah, dass Emily Sunbeam die rubinroten Lippen benetzte. Ich sah, dass sie schluckte. Sah, dass die gelbliche Pergamenthaut unter der Puderschicht durchblutet wurde.

    Und sah das kalte Licht in ihren Augen aufglimmen — einen fernen Abglanz jener Faszination, mit der sie vor einem halben Menschenalter die halbe Welt in ihren Bann gezwungen hatte.

    Dann wurde es Zeit für mich. Ich musste den Abschlussbericht an die Redaktion durchtelefonieren.

    3

    Ich wohnte — wie meistens , wenn ich in New York bin — im Berkshire Hotel. Ich gab meinen Bericht von dort aus durch und traf mich hinterher noch mit meinem alten Freund Clay Fisher, Leiter der Mordkommission IV im Police Head Quarter of New York City.

    Wir nahmen ein paar zur Brust. Und dann noch ein paar. Und dann noch drei oder vier. Ich fürchtete, dass mein Gang leicht onduliert war, als ich schließlich entstiefelte.

    Der Kater, den ich am nächsten Morgen hatte, war jedenfalls ein ausgewachsenes Vieh.

    Ich ließ mir das Frühstück auf das Zimmer bringen: Zwei saure Heringe und zwei Salzgurken.

    Nach dem Bad war mir wohler.

    Als ich — im Bademantel, feucht und dampfend — in das Zimmer zurückkehrte, lächelte mir Emily Sunbeam mit blutroten Lippen entgegen.

    Ich blinzelte irritiert. So besoffen war ich doch gar nicht gewesen!

    Aber es war keine Fata Morgana, keine Halluzination. Sie saß tatsächlich auf meinem Bett. In einem rosafarbenen Fummel, der reichlich knapp saß.

    Je früher der Morgen, umso hässlicher die Gäste!, dachte ich. Laut sagte ich: „Guten Morgen! Ich nehme an, Sie haben sich in der Zimmernummer geirrt! Dies ist zufällig mein Bett."

    Sie stellte — scheinbar züchtig — die Füße nebeneinander. Was aber zur Folge hatte, dass der Saum des Fummels noch höher hinaufrutschte.

    „Der Portier war so freundlich, mir Ihre Zimmernummer zu nennen."

    „Ich meine, ich hätte abgeschlossen!"

    Das meinte ich nicht nur, ich wusste es genau.

    „Der Etagenkellner erlag meinem Charme."

    Sie glaubte das wirklich. Natürlich hatte sie mit einem Trinkgeld nachgeholfen. Aber sie schrieb ihren „Erfolg" ihrem Charme zu.

    „Wie alt sind Sie eigentlich?", fragte ich brutal. Weil ich es einfach satt hatte.

    Genau genommen und alles in allem war sie nämlich tatsächlich noch eine relativ gut aussehende Frau, trotz der vielen Falten und Runzeln. Sie hätte sich nur zu ihrem Alter bekennen müssen. Dezentes Make-up. Dezente Garderobe. Dann hätten die Falten und Runzeln sicher eher veredelnd gewirkt.

    Aber meine Schocktherapie verfing nicht. Natürlich nicht.

    „Das fragt man eine Dame nicht!, girrte sie. „Sie sind ein ganz garstiger ...

    „Kann ich etwas für Sie tun?"

    „Sie sind mir empfohlen worden, Mister Martini."

    Auch das noch!

    „Von wem und als was?"

    „Von wem — das darf ich für mich behalten. Als was — darauf lautet die Antwort: Als ein außerordentlich fähiger Kriminalist."

    „Da sind Sie einem Gerücht aufgesessen, Madam! Ich bin Kriminalreporter. Das ist ein Unterschied."

    „Sie enttäuschen mich!", girrte sie.

    „Da kann man nichts machen."

    Sie weinte.

    Ich schreibe das ganz bewusst so kurz und knapp hin, weil es ohne jeden Übergang geschah.

    „Niemand glaubt mir. Niemand."

    „Was glaubt Ihnen niemand?"

    „Dass ich ermordet werden soll. Am sechzehnten Mai. Acht Uhr abends."

    Es langte mir. Endgültig.

    „Mrs. Sunbeam!, sagte ich. „Sie sind an der falschen Adresse. Sie waren einmal eine große Schauspielerin, eine der größten Tragödinnen Ihrer Zeit. Dafür gebührt Ihnen Ruhm und Dank. Beides haben Sie zu Ihrer Zeit im Übermaß genossen. Ich habe Verständnis dafür, dass es Ihnen unendlich schwerfällt, die Vergangenheit Vergangenheit sein zu lassen. Aber bitte nicht mit mir! Sie haben gestern Abend Sir Henry Eliot reden hören. Über die Todesstrafe, über Mord und Gewaltverbrechen. Das hat Ihnen die Idee eingegeben, sich in diesem Genre wieder ins Gespräch zu bringen, in das Blickfeld der Öffentlichkeit, Irgendwie verstehe ich das sogar — verstehe, dass Sie krank, dass Sie süchtig danach sind, noch einmal eine Rolle zu spielen. Aber bitte nicht mit mir, wie gesagt. Falls Sie dieses Märchen tatsächlich schon anderen Leuten aufgetischt haben sollten — ich glaube Ihnen kein Wort! — Guten Tag!

    Sie protestierte. Sie tremolierte und bebte.

    Ich verkorkte meine Ohren und schob sie hinaus.

    4

    Zwei Tage später. Ich saß hinter meinem Schreibtisch in der Redaktion und beackerte Druckfahnen, als das Telefon rasselte.

    Frank Daber, Chef und Herausgeber der NEWS, hatte Sehnsucht nach mir.

    Ich rannte los.

    Seine Galle war mal wieder über die Ufer getreten.

    Ich fühlte mich heimisch berührt.

    „Martini!, schnaufte er. „Sind Sie vom Affen gebissen!

    Ich fasste das als mehr rhetorische Frage auf, auf die er nicht unbedingt eine Antwort erwartete.

    Er hatte offenbar Besuch gehabt. Und zwar gewichtigen Besuch. Denn die Pulle stand noch auf dem Tisch. Und wer Dabers unverfrorenes Gesicht kennt, der weiß, dass er einen Drink nur spendiert, wenn es sich lohnt.

    Ich nutzte die Gelegenheit schamlos aus, indem ich mir einen einschenkte und wegkippte.

    Daraufhin lief er blaurot an. Ich dachte, er würde ersticken. Aber er explodierte nur.

    Was er erstaunlicherweise überlebte.

    „Sie Wahnsinnskandidat! blökte er. „Sie Hornochse!

    Als er genug getobt hatte, beruhigte er sich. Was blieb ihm schon übrig.

    „Inwiefern bin ich ein Wahnsinnskandidat und Hornochse?", fragte ich sanftmütig.

    Was ihn wieder auf die Palme brachte,

    „Wissen Sie nicht, röhrte er, „wer Emily Sunbeam ist?

    „Ich weiß, wer Emily Sunbeam einmal war. — Und?"

    „Hat sie Sie um Hilfe gebeten oder nicht?"

    „Sie hat. — Und ich habe abgelehnt."

    „Natürlich! schnaufte er, „Mister Martini lehnt ab! Mister Martini bekommt die größte Sensation des Jahrhunderts frei Haus ins Hotel geliefert — und er lehnt ab! Er wälzte die Augen himmelwärts. „Wie, um alles in der Welt, soll ich ein Weltblatt machen, wenn meine Reporter Ignoranten sind. Wenn mein Star-Reporter ein blutiger Ignorant ist."

    „Wie wär's, wenn Sie zur Sache kämen, Boss!, sagte ich gelangweilt. — „Was habe ich ignoriert?

    „Dass Emily Sunbeam eine der größten Tragödinnen der Weit ist."

    „War, Frank! In grauer Vorzeit einmal war!"

    Er schniefte schwer.

    „Mag sein, dass das für Ihre Generation gilt, Martini! Aber es gibt schätzungsweise noch mindestens vierzig Millionen Amerikaner, für die die Sunbeam das unvergessene Idol ihrer Jugend bedeutet. Das sind vierzig Millionen potentielle Leser, Toby. Vierzig Millionen, die uns die NEWS aus der Hand reißen, wenn wir eine Artikelserie über Emily Sunbeam bringen und wenn wir dabei den reißerischen Aufhänger haben, dass ihr Leben bedroht ist."

    „Glauben Sie das etwa?"

    „Halten Sie mich für idiotisch? Ich weiß natürlich sehr gut, dass sie sich nur in Erinnerung bringen will. Aber das ist doch völlig wurscht, Martini! Sie hat angeblich Beweise dafür, dass sie — wie sagte sie doch? — er las es ab — „am sechzehnten Mai, zwanzig Uhr, ermordet werden soll. Bis dahin sind noch drei Wochen Zeit. Wir machen ’nen Knüller draus. Denken Sie an die vierzig Millionen.

    Ich sah, wo er längs wollte.

    „Vorsicht, Mister Daber!, warnte ich. „Das kann sich leicht zum Bumerang auswachsen.

    „Wieso?"

    „Gesetzt den Fall, wir machten wirklich ’nen Knüller draus. Wir putschen, wenn auch nicht vierzig, so doch etliche Millionen Leser auf. Und der sechzehnte Mai kommt. Und es geschieht gar nichts. Dann werden sich die Leute verkohlt vorkommen — und das mit jedem Recht der Welt."

    „Anders herum, Martini! Stimmt — es wird nichts geschehen. Aber warum wird nichts geschehen? Weil die CHICAGO NEWS — vertreten durch ihren Star-Reporter Toby Martini — den geplanten Mord verhindert hat! Ruhm und Ehre für Martini! So wird ein Schuh daraus, Toby!"

    „Und Sie bilden sich ein, dass unsere Leser darauf hereinfallen?"

    „Das liegt einzig und allein bei Ihnen. Wenn Sie das nicht schaffen, dann lassen Sie sich Ihr Schulgeld wiedergeben."

    Die Sache ging mir lausig gegen den Kamm. Andererseits verstand ich Daber durchaus. Wenn er wirklich recht hatte, wenn sich wirklich zig Millionen Amerikaner noch immer brennend für Emily Sunbeam interessierten — dann würde die NEWS tatsächlich einen flotten Reibach machen. Und dann durfte ich mich einfach nicht weigern.

    Geld ist Geld!

    Aber das gab nicht einmal den Ausschlag.

    Es reizte mich plötzlich, die schrullige alte Fregatte wiederzusehen. Ich kann nicht sagen, warum.

    Vielleicht, weil ich — aller Logik zum Trotz — nun doch das Gefühl hatte, dass sie nicht bluffte?

    „Wo ist sie?", fragte ich.

    „Nebenan!", sagte Frank Daber.

    Nebenan hieß: im Besucherzimmer.

    Und dort hockte sie denn auch.

    Ich kann mich nicht immerzu damit aufhalten, ihren Aufputz zu schildern. Es soll genügen, wenn ich ein für allemal feststelle, dass sie sich stets alle Mühe gab, vergleichsweise so aufwendig wie ein Sioux auf dem Kriegspfad zu wirken.

    Im Besucherzimmer saßen noch etliche andere Figuren herum, die mit einigen Kollegen palaverten.

    Gewöhnlich stört mich so etwas nicht, aber diesmal machte es mich nervös. Ich lud Emily Sunbeam zu einem Kaffee ins „Last News" ein, der Kneipe gegenüber, in der fast ausnahmslos Zeitungsleute verkehren.

    Diesmal waren nur fünf oder sechs aus der Meute der Newshunter da. Sie standen um die Theke herum, beglotzten die über die Toppen geflaggte Fregatte, mit der Martini da ansegelte, mehr oder weniger befremdet, sämtlich zu jung, als dass sie den verflossenen Weltstar hätten erkennen können.

    „'n Whisky und 'n Kaffee!", rief ich dem Wirt im Vorbeischeren zu,

    „Keinen Kaffee, zwei Whisky!", korrigierte Emily.

    „Zwo Whisky", wiederholte der Kneipier monoton.

    Ich schleuste sie in den hintersten Winkel. Unterwegs hatte ich kein Wort gesagt. Und sie auch nicht, was mich wunderte.

    Sie drapierte ihre Gestalt malerisch hinter dem Ecktisch, baute aus den Fingern eine Art Ruhebank für ihr Kinn und sah mich mit großen Plüschaugen an.

    „Immerhin sind Sie hartnäckig!", sagte ich.

    „Ich weiß nicht, was ich bin. Ich weiß nur, dass ich Angst habe. — Sie müssen mir helfen, Mister Martini! Bitte — Sie müssen mir helfen!"

    „Und wie kommen Sie ausgerechnet auf mich? Keine Ausflüchte jetzt. Das will ich nun ganz genau wissen."

    „Seit diese Anrufe kommen — es ist immer ein Mann, und er sagt immer ..."

    „Das kommt später. Ich möchte zunächst einmal wissen, wie Sie ausgerechnet auf mich kommen."

    „Sehen Sie mich doch an, Mister Martini! Ich bin eine Ruine, eine abgewrackte Tragödin, eine lächerliche Figur."

    Ich war ziemlich platt. Sah sie sich so illusionslos? Wenn ja, dann war absolut nicht einzusehen, inwiefern sie derart aufgetakelt herumlief.

    „Ich bin drei- oder viermal bei der Polizei gewesen. Sie haben mich angehört, aber sie haben mir kein Wort geglaubt. Ich habe ein Gefühl für so etwas. Sie sind davon überzeugt, dass ich mich nur interessant machen will. Dann bin ich bei zwei oder drei Privatdetekteien gewesen. Diese Leute taten zwar so, als ob sie mich ernst nähmen, aber ich verstehe mich auf Menschen, Mister Martini. Ich weiß genau, dass auch sie mir kein Wort glaubten. Trotzdem erklärten sie sich natürlich bereit, für mich zu arbeiten. — Wissen Sie, was sie wollten?"

    „Vorschuss", sagte ich.

    „Genau das. Verstehen Sie, warum ich diese Leute nicht gebrauchen kann? Sie würden nur kassieren, aber nichts für mich tun. Allenfalls ein bisschen Tätigkeit vortäuschen. Und da sie meinen, dass ich nur Theater spiele, dass ich mir alles aus den Fingern gesogen habe, kann ich es ihnen nicht einmal verdenken."

    „Na gut. Und weiter?"

    „Ich fuhr dann nach Chicago, um mich mit meinem Bruder zu besprechen. Sie kennen ihn vielleicht. Reginald R. Sunbeam."

    Ich schüttelte den Kopf. Der Kneipier brachte den Whisky. Sie putzte ihren weg, kaum dass er auf dem Tisch stand.

    „Noch zwei! bestellte sie. — „Haben Sie eine Zigarette für mich? — Danke! — Also mein Bruder gab mir den Rat, mich an Sie zu wenden. An Mister Martini von der CHICAGO NEWS. Er sagte, Sie seien der cleverste Re...

    „Vielen Dank für die Blumen!"

    „Ich rief also die NEWS an und erfuhr, dass Sie in New York seien, Hotel Berkshire, dass Sie an diesem Abend im „Taft seien. Dann ...

    „Okay. Den Rest weiß ich ja. — Was ist nun mit diesen geheimnisvollen Anrufen?"

    „Der erste kam am vierten April, Punkt acht Uhr. Ich weiß das so genau, weil er es sagte: 'Wir haben heute den vierten April. Es ist genau zwanzig Uhr. Auf die Minute genau in sechs Wochen werde ich Sie töten.'"

    Ich zuckte nicht mit der Wimper. Dennoch schüttelte sie gramvoll den Kopf.

    „Sie glauben mir nicht!, sagte sie klagend. „Auch Sie glauben mir nicht!

    Damit traf sie exakt auf den Punkt.

    Immerhin war ich überrascht, als sie genau das aussprach, was ich dachte.

    Nämlich: „Es ist natürlich sehr schwer zu glauben. Es klingt so — theatralisch. Nach übelster Kriminal-Klamotte. Sie atmete hörbar durch und fuhr fort: „Aber ich habe alle großen Dramatiker gespielt, ich kenne den Unterschied zwischen einem guten Stück und einem dümmlichen Reißer. Wenn ich mir das alles nur ausgedacht hätte: Seien Sie davon überzeugt, dass meine Geschichte dann glaubwürdiger wäre.

    Da war etwas dran.

    „Okay!, sagte ich nachdenklich. „Sie waren zu Haus, als dieser erste Anruf kam?

    „Ja."

    „Was dachten Sie?"

    „Dass sich jemand einen schlechten Scherz mit mir machen wollte. Was denn sonst?"

    Diese Antwort, nüchtern und ohne jedes Pathos hervorgebracht, überzeugte mich fast. Nicht ganz, aber doch fast.

    „Am nächsten Tag rief er noch einmal an. Und am übernächsten Tag noch einmal. Beide Male in meiner Wohnung."

    „Abends um acht?"

    „Nein. Einmal gegen Mittag, und das andere Mal morgens. Er sagte beide Male, dass er mich am sechzehnten Mai, zwanzig Uhr, töten werde. Sonst kein Wort. Dann war eine Woche Ruhe. Am dreizehnten April, dreizehn Uhr fünfzehn, wurde ich dann in dem Drugstore, in dem ich gewöhnlich meinen Lunch nehme, ans Telefon gerufen. Und dann wieder am vierzehnten, dreizehn Uhr fünfunddreißig, ebenfalls in dem Drugstore. Ich habe mir das genau aufgeschrieben, aber es ist überflüssig, dass ich nachlese. Ich habe alles im Kopf. — Nächster Anruf am sechzehnten April, Punkt zwanzig Uhr. Diesmal sagte er: 'Sie haben noch genau einen Monat.' Zweiundzwanzigster April: Ich wartete auf den Bus in der zweiundvierzigsten Straße. Dort stehen zwei Telefonzellen nebeneinander. Plötzlich läutete der Apparat in der einen. Ich habe noch nie erlebt, dass in einer öffentlichen Telefonzelle ein Apparat klingelt. Aber dieser tat’s. Ein Mann, der mit mir wartete, ging hinein und hob ab. Er kam gleich wieder heraus. ,Ist Ihr Name Mrs. Sunbeam? Ja? — Sie werden verlangt. Das verstehe wer will.' Er war ganz perplex."

    „Wie lange haben Sie dort auf den Bus gewartet, ehe dieser Anruf kam?"

    „Ich weiß nicht genau. Drei bis vier Minuten."

    „Dann ist das völlig klar. Mister X muss Sie zumindest zeitweilig beschattet haben. Er sah Sie vor der Zelle stehen, ging hinein und las die Rufnummer ab. Sie steht überall dran. Wahrscheinlich rief er dann von der Nebenzelle aus an."

    „Sie glauben mir also?"

    Ich überhörte das.

    „Bitte weiter."

    Es hatte dann, laut Emily Sunbeam, noch insgesamt vier Anrufe gegeben. Es hat keinen Sinn, dass ich sie hier einzeln aufzähle. Einhaken konnte ich darauf doch nicht mehr.

    „Mister X stellte nie irgendeine Forderung? Etwa in dem Sinne: Ich werde Sie am sechzehnten Mai töten, vorausgesetzt, dass Sie nicht das und das tun oder lassen?"

    „Nein. Nie."

    „Nun, das kann noch kommen. Die naheliegendste Erklärung ist wohl die, dass er zunächst mal einen Nervenkrieg gegen Sie führt, um Sie für eine Erpressung reif zu machen. Sie haben zweifellos sehr viel Geld verdient. Wie viel davon ist noch da?"

    „Nichts mehr. Kein Cent."

    „Wovon leben Sie?"

    „Mein Bruder schickt mir jeden Monat hundert Dollar. Im Übrigen arbeite ich."

    „Was?"

    „Schreibarbeiten, Madd Illroy, mein früherer Agent, schickt mir Rollenbücher ins Haus, die ich auf der Schreibmaschine vervielfältige. Mal ist viel zu tun und mal wenig. Im Schnitt springen etwa fünfzig die Woche heraus."

    „Ihr Schmuck?"

    „Imitationen. Wenn Sie älter wären, wüssten Sie, dass mein Schmuck einmal berühmt war. Aber schon damals habe ich meist die Imitationen getragen. Inzwischen sind die Originalstücke längst verkauft — bis auf einige wenige, die ich mir für den äußersten Notfall aufbewahrt habe. Vorige Woche habe ich wieder einen Ring versilbert. Weil ich die Reise nach Chicago finanzieren musste."

    „Ich nehme an, Sie haben es nicht gerade an die große Glocke gehängt, dass Sie heute nur noch Imitationen tragen."

    „Lieber Mister Martini — das kann sich doch jedermann denken! Glauben Sie, ich würde in dieser elenden Mansarde hausen und mir für ein paar Dollar die Finger wund tippen, wenn ich noch den Original-Schmuck hätte?"

    „Trotzdem, Madam! Ihre Garderobe ist immerhin reichhaltig, und Sie machen zumindest äußerlich nicht den Eindruck einer verarmten Frau."

    „So kann nur ein Mann reden. Jede Frau sieht sofort, dass ich nur billigen Warenhausfummel trage."

    „Na gut. Auf eine Erpressung scheint es also nicht hinauslaufen zu können. — Besteht eine Lebensversicherung?"

    „Nein. Wovon sollte ich denn die Prämien bezahlen? — Das heißt ..."

    „Das heißt?"

    „Ich habe vor vielen Jahren einmal eine Versicherung abgeschlossen, aber nur einige wenige Prämien bezahlt. Entweder ist das längst verfallen, oder es würden nur ein paar hundert Dollar fällig werden. Eben weil so wenig eingezahlt worden ist."

    „Wer würde Sie beerben?"

    „Ich habe fast nichts zu vererben. Und das wenige würde meine Freundin Stella Smythe bekommen,"

    „Stella Smythe?"

    „Ich lebe mit ihr zusammen. Das heißt, sie liegt seit fast zwei Monaten im Hospital."

    Ich schüttelte den Kopf.

    „Das ist sowieso alles unsinnig. Wenn Ihr Tod Mister X irgendeinen nachweisbaren Vorteil brächte — einen Vorteil, den man hinterher beweisen und nachweisen kann —, dann würde er seine Absicht, Sie zu töten, auf gar keinen Fall vorher ankündigen. Denn das liefe praktisch darauf hinaus, dass er sich freiwillig ans Messer liefert.

    Ich will Ihnen etwas sagen, Mrs. Sunbeam, Wenn irgendein Unbekannter die Absicht hat, Sie zu töten, dann kann man das kaum verhindern. Jedenfalls nicht auf die Dauer. Vielleicht für eine Woche, für einen Monat, für einen begrenzten Zeitraum. Aber nicht auf die Dauer. Irgendwann würde der Mann zum Zug kommen, sofern er auch nur halbwegs intelligent und entschlossen ist.

    Aber man kann sehr wohl einen Mord verhindern, der für einen ganz bestimmten Zeitpunkt angekündigt worden ist. Das dürfte Mister X wissen, wenn er auch nur bis drei zählen kann. Mit anderen Worten: Es ist nichts als ein Bluff! Nichts als ein Nervenkrieg. Mister X will Sie weichmachen. Wofür und wozu, bleibt dahingestellt, aber er will Sie weichmachen und sonst gar nichts. Wenn ich eines ganz sicher weiß, dann, dass Sie auf gar keinen Fall am sechzehnten Mai um zwanzig Uhr sterben werden. Ich wiederhole: Das Ganze ist ein Bluff. Ein anscheinend völlig sinnloser Bluff, aber irgendwann wird er schon seine Forderung stellen."

    „Aber ich habe doch nichts, Mister Martini!"

    „Jeder Mensch hat etwas, das für andere begehrenswerter sein kann als alle Güter der Welt Zum Beispiel: Liebe. — Oder umgekehrt: Hass."

    „Ich bin sehr viel geliebt worden, Mister Martini. Und viel gehasst. Aber das ist sehr lange her!", sagte sie leise.

    Im nächsten Augenblick krallte sie ihre Finger in meinen Unterarm. Ihre Augen quollen hervor.

    „Dort ist er, Mister Martini! Dort hinter dem Fenster!", stieß sie hervor.

    Ich warf den Kopf herum.

    „Wer?"

    „Mister X!" — Sie übernahm unwillkürlich meinen Ausdruck. Hinter den verräucherten Tüllvorhängen sah ich gerade noch eine Gestalt wegtauchen.

    „Der Mann mit der Sonnenbrille. Er hat hereingestarrt. Sie zitterte an allen Gliedern. „Ich habe ihn schon dreimal gesehen, immer kurz bevor ich angerufen worden bin.

    Ich stürmte zur Tür. Aber der Bürgersteig war leer. Jedenfalls in unmittelbarer Nähe der Kneipe.

    Direkt vor der Tür aber lag eine Sonnenbrille. Ich hob sie auf.

    Ein paar Yards weiter längs hatte ein Schuhputzer seinen Stand. Ich ging hin.

    „Jimmy, sagte ich. „Hast du zufällig einen Mann beobachtet, der eben vor dem 'Last News' stand und hineinblickte?

    „Ja, Mister Martini. Er hat seine Sonnenbrille weggeworfen. So was Verrücktes."

    „Wo ist er hin?"

    „Weggefahren. In Richtung Michiganbrücke, Sein Wagen stand direkt vor der Kneipe."

    „Was für ein Wagen?"

    „Weiß nicht genau. Plymouth, glaube ich. Graugrün mit Elfenbein."

    „Nummernschild?"

    „Ich weiß nicht."

    Sinnlos, hinterherzugondeln. Mein Studebaker stand jenseits der Straße.

    „Wie sah er aus, Jimmy?"

    „Graugrün, Mister Martini. Mit ..."

    „Nicht der Wagen. Der Mann."

    „Ich weiß nicht. Ich habe ihn gesehen und doch nicht gesehen, wenn Sie verstehen, was ich damit sagen will. Er fiel mir erst auf, als er seine Sonnenbrille abnahm und fallen ließ. Bis dahin war er eben irgendein Passant, der mich nicht interessierte. Wenn ich gewusst hätte ..."

    „Schon gut, Jimmy! Mach's gut, alter Junge! Fang auf!"

    „Vielen Dank, Mister Martini!"

    Er spuckte auf den Vierteldollar, bevor er ihn einsteckte.

    Drüben ging die Kneipentür auf.

    „Telefon, Martini!"

    „Komme!"

    Es war nicht die Redaktion.

    „Martini!", meldete ich mich.

    Und Mister X kicherte heiser.

    „Am sechzehnten Mai, acht Uhr", krächzte er nur. Völlig klar, dass er seine Stimme verstellte.

    „Sie Optimist!", sagte ich.

    Aus. Das Freizeichen tutete.

    Ich grinste ein bisschen. Wie auch Immer: Die Sache wurde interessant.

    Mein Grinsen welkte dahin, als ich zu Emily Sunbeam zurückkehrte.

    Sie rang mühsam nach Luft. Ihre linke Hand war schneeweiß, während die rechte „normalfarben" geblieben war — ein sicheres Anzeichen dafür, dass sie an schweren Kreislaufstörungen litt.

    Unter diesen Umständen war es gar keine Frage mehr, dass ich etwas für sie tun musste. Wenn Mr. X ihr weiterhin entsprechend einheizte, bestand durchaus die Gefahr, dass sie am sechzehnten um zwanzig Uhr aus purer Furcht einem Kollaps erlag. Und es war sogar recht wahrscheinlich, dass Mr. X nichts anderes beabsichtigte. Wenn er wusste, dass sie herzkrank war, lag das durchaus drin.

    Sie erholte sich allerdings relativ rasch,

    „Warum haben Sie mir nicht gesagt, dass Sie den Burschen schon dreimal gesehen haben, Madam?"

    „Nennen Sie mich doch einfach Emily!", meinte sie mit großem Augenaufschlag.

    „Okay, Emily. Warum haben Sie es nicht gesagt?"

    „Aber so weit waren wir doch noch gar nicht gekommen!"

    „Wann und wo haben Sie ihn schon früher gesehen?"

    „Zweimal in dem Drugstore. Er fixierte mich jedes Mal so lange, bis er sicher sein durfte, dass er mir aufgefallen war. Dann ging er. Und gleich darauf wurde ich dann am Telefon verlangt. Das dritte Mal im Bus. Nach der Sache mit der Telefonzelle in der zweiundvierzigsten Straße. Er muss hinter mir eingestiegen sein, jedenfalls hab ich ihn erst drinnen bemerkt. Er stand unmittelbar neben mir und räusperte sich unüberhörbar — kurz vor dem nächsten Bus Stopp. Ich erschrak bis ins Mark. Aber da hielt der Bus auch schon. Er stieg aus und verschwand."

    Ich fand, die Sache gewann immer mehr an Profil. Auch dies gehörte natürlich zum Nervenkrieg. Mr. X hatte sich immerhin die Mühe gemacht, Emily Sunbeam bis nach Chicago zu folgen. Eine Ausgabe von gering geschätzt 150 Silbermännern. Damit schied endgültig die Möglichkeit aus, dass es sich um einen üblen und geschmacklosen Witz handelte. Und auch die Möglichkeit, dass es sich um eine bloße Gehässigkeit handelte.

    „Sie sind mit der Bahn gekommen — oder geflogen?"

    „Mit der Bahn."

    „Wer — außer Ihnen — wusste, dass Sie zur NEWS, beziehungsweise zu mir wollten?"

    „Mein Bruder", antwortete sie zögernd.

    „Und sonst?"

    „Ich weiß nicht recht. Es kann sein, dass ich hier oder dort ein Wort verloren habe. Ich konnte meine Zunge noch nie gut im Zaum halten."

    „Wie sieht Mister X aus?"

    Sie überlegte ein paar Augenblicke.

    „Diabolisch", behauptete sie dann.

    Es war verdammt schwer mit ihr. Deshalb so schwer, weil sie immerzu auf Wirkung bedacht war. Weil die Grenze zwischen ihrer Schein- und Traumwelt und den Realitäten nicht einmal ihr selber bewusst war.

    „Das ist ein subjektiver Eindruck, sagte ich, „Keine objektive Beschreibung.

    „Er ist ungefähr vierzig!", tremolierte sie. Zweiter Akt, vierter Aufzug.

    „Groß oder klein?"

    „Mittelgroß. Drahtig. Stählern. Ein Gesicht wie aus weißem Marmor. Unerbittlich, kalt. Fanatisch entschlossen. Eisengraue Augen. Zwingend."

    „Pipapo und so weiter. Bla, bla! — Kommen Sie auf die Erde zurück, Emily! — Wie oft waren Sie verheiratet?"

    „Dreimal."

    „Ihre Männer?"

    „Sind tot. Der erste war ein russischer Graf. Ich lernte ihn bei Monte Carlo kennen. Wir trennten uns nach sechs Monaten. Das war 1922 oder 1923. Er erschoss sich zwei oder drei Jahre später. Der zweite Bunny Sanford. Sie sind zu jung, als dass Sie ..."

    „Bitte? Sagten Sie Bunny Sanford? Roger ,Bunny‘ Sanford?"

    „Ja!, sagte sie theatralisch schlicht. „Okay!, sagte ich. „Weiter."

    „Wir heirateten 1924. Er kaufte mir ein eigenes Theater. Manhattan, 54, Straße. Ich war eine große Schauspielerin, aber keine gute Theaterleiterin. Nach zwei Jahren hatte ich eine halbe Million Defizit. Wir verkauften das Theater. Heute ist es ein Warenhaus, nachdem es noch etliche Jahre ein Kino gewesen war. 1926 wurde ich von Bunny geschieden. Er starb 1927."

    „Wir wollen genau sein!, sagte ich. „Er wurde hingerichtet. Und wenn ich nicht sehr irre, auf die Anzeige seiner geschiedenen Frau hin.

    Ihr Gesicht verfiel. Ihr Busen wogte. Sie bedeckte die Augen mit der Hand und hauchte: „Nie ist mir eine harte Pflicht härter geworden."

    „Erinnern Sie sich des Datums der Hinrichtung?"

    „Wie könnte ich das je vergessen!"

    „Nämlich?"

    Theater! Theater!

    Sie wusste es nicht mehr.

    „Ich bin gleich zurück!", sagte ich. Hängte mich ans Telefon und rief die NEWS an.

    „Geben Sie mir das Archiv. — Bist du das, Border? Martini spricht. Such bitte den Jahrgang 1927 heraus. Ausgabe vom siebzehnten Mai. — Gut, ich warte. — Hast du? Steht irgendetwas über Roger 'Bunny' Sanford darin? — Okay! Danke.

    Ich ging zu dem Ecktisch zurück. „Emily, sagte ich. „Sind Sie sicher, dass Mister X tatsächlich zwanzig Uhr sagte? Oder hat er nicht vielmehr von acht Uhr gesprochen?

    Sie blinzelte irritiert.

    „Ich bin nicht ganz sicher. Aber ich meine, dass er zwanzig Uhr ..."

    „Sie sind Schauspielerin, Emily, und wenn eine Schauspielerin etwas von acht Uhr hört, dann denkt sie wahrscheinlich automatisch an zwanzig Uhr — den Theaterbeginn."

    „Kann schon sein, aber ..."

    „Emily, sagte ich. „Am sechzehnten Mai 1927, um acht Uhr früh, starb 'Bunny' Sanford auf dem elektrischen Stuhl.

    „God bless me, stammelte sie. — „Gott schütze mich!

    5

    „Mister Daber, sagte ich zu meinem Boss, „Sie haben ne verdammt gute Nase bewiesen. Das ist tatsächlich 'ne Sensationsstory allererster Größenordnung.

    Dann sprach ich etwa zehn Minuten lang. Und je länger ich redete, umso glänzender erstrahlte sein rundes Gesicht.

    „Sie war dreimal verheiratet, aber Mann Nummer eins und drei sind für uns völlig uninteressant. Nur ,Bunny’ zählt."

    „Wo ist sie jetzt?"

    „In Sicherheit!", sagte ich.

    „Okay, Martini Ich will's gar nicht wissen. Hüten Sie sie wie einen Augapfel."

    „Ich werd’ schon. Nur eins, Chef! Sie ist arm wie 'ne Kirchenmaus. Von irgendetwas muss sie während der nächsten drei Wochen leben."

    Er ist geiziger als ein wegen Geiz aus Schottland verwiesener Schotte. Aber er ist auch Geschäftsmann. Emily Sunbeam bedeutete für die NEWS so viel wie ein Barren 24-karätiges Gold. Wenn wir diese Story exklusiv brachten, war das gar keine Frage.

    Also grunzte Daber zwar säuerlich. Aber ich durfte doch zur Buchhaltung schreiten und einen Scheck kassieren.

    Dann stieg ich ins Archiv, wälzte alte Jahrgänge und vervollständigte mein nur reichlich allgemeines Wissen über den Fall Roger „Bunny" Sanford,

    Bunny hatte es mit den Gemüsehändlern gehabt. Das klingt einfach — und es war im Grunde auch einfach, wenn gleich sich Leute im alten Europa so etwas nur schwer vorstellen können.

    Der Durchschnittsamerikaner übrigens ebenso wenig.

    Denn New York, Chicago und Frisco — die drei großen Zentren des Berufsgangstertums — sind nicht die USA. Ganz und gar nicht. So wenig wie Hollywood, San Remo oder Las Vegas.

    Der Durchschnittsyankee ist braver, biederer und vor allem religiöser als der Durchschnittseuropäer. Er gibt sich laut und selbstbewusst, ist aber im Grunde spießig, bleibt sein Leben lang ängstlich darauf bedacht, das Gesicht zu wahren, schielt ununterbrochen nach den Nachbarn: Was die wohl über ihn denken. Verabscheut Scheidungen und ähnliche Skandale, hält auf Ordnung und Sauberkeit im Gemeinwesen. Und arbeitet im Übrigen hart.

    Das ist Amerika. Die Wasserköpfe Frisco, Chic und New York sind alles andere als typisch. Das Berufsgangstertum ist dem Mann in Middletown, Bismarck oder Hannibal genauso unfassbar wie dem Mann in Göttingen, Dijon, Innsbruck, Göteborg oder Coventry.

    Aber zurück zu Roger „Bunny" Sanford. Er war ein Berufsgangster, und jedermann wusste das. Er machte ja gar kein Geheimnis daraus. Wieso auch?

    Es gab und gibt kein Gesetz, das die Gemüsehändler oder welche Berufsgruppe auch immer daran hindert, Beiträge an eine „Schutzorganisation" zu zahlen. Die Organisation leistet schließlich etwas dafür!

    Wer berappt, bei dem wird niemals eingebrochen. Bei dem tauchen niemals handfeste Figuren auf, die Gummiknüppel aus den Ärmeln zaubern und den Geschäftsmann mal kurz über den Tisch langen. Worauf er dann für ein paar Wochen ins Krankenhaus muss. Wer berappt, dem werden niemals die Schaufenster eingeschlagen, dem wird niemals der Laden demoliert.

    Ist das nicht einen angemessenen Beitrag wert? Zumal dieser Beitrag ja höchstens 20 Prozent vom Verdienst ausmacht!

    Dass die handfesten Gestalten „Abgestellte" der Schutzorganisation sind, weiß zwar jedermann. Aber das müssen die Bullen erst einmal beweisen.

    Und wie kommt ein kleiner Bulle dazu, sich mit dem großen Racket anzulegen, wenn er niemals sicher sein darf, ob sein Vorgesetzter nicht auch von einer „Schutzorganisation" betreut wird? Allerdings mit umgekehrten Vorzeichen: Die Organisation zahlt — und der Oberbulle kassiert.

    So war das in New York. So war das in Chicago. Und so war das in Frisco. In New York bis in die dreißiger Jahre hinein. Bis das Council — das Stadtparlament — einen fast gnomenhaft kleinen, gedrungenen Italiano zum Generalstaatsanwalt bestellte: La Guardia.

    Körperlich beinahe ein Zwerg. Aber ein Stier an Mut und Entschlossenheit. Dass er überlebte, wundert die einschlägigen Kreise noch heute. Dieselben Kreise, die Millionen dafür ausgaben, dass er dann zum Oberbürgermeister gewählt wurde — um ihn als Generalstaatsanwalt loszuwerden.

    Seine Jungfernrede als Oberbürgermeister begann mit dem historisch gewordenen Satz: „Ich bringe für mein neues Amt vor allem eine Eigenschaft mit: Undankbarkeit. Niemand von all denen, die meinen Wahlkampf unter der Hand finanziert haben, wird einen Posten bekommen!"

    Aber selbst der Kampfstier La Guardia konnte das Gangsterwesen nur eindämmen, nicht ausrotten.

    Roger „Bunny" Sanfords große Zeit lag ohnehin vorher. Dahingestellt, ob die damals noch verhältnismäßig jugendlich naive Emily Sunbeam gewusst hatte, wer der glänzend aussehende Mann war, der da behauptete, wenn er wolle, könne er ihr halb New York schenken. Was ihr vermutlich nicht einmal imponierte; Geld hatte sie damals selber genug.

    Wenn sie gewusst hatte, dass er ein Gangsterboss war, dann hatte sie wohl kindlich romantische Vorstellungen über einen solchen Mann gehabt.

    Dieser Zahn war ihr dann bald gezogen worden. Die Augen waren ihr endgültig aufgegangen, als Sanford einen seiner Leibwächter in ihrer Gegenwart abgeknallt hatte: Der Mann hatte „versagt. Hatte sich schnappen lassen — und „gesungen.

    Grund genug, ihn ein für allemal stumm zu machen. Dass der Cop, vor dem der Leibwächter gesungen hatte, nichts daraus machte, sondern kassierte und schwieg, änderte nichts am Prinzip.

    Emily aber — in kaum zu überbietender Naivität — lief zur nächsten Kriminalwache. Und hatte dort das unwahrscheinliche Glück, an einen Leutnant namens Conolly zu geraten: Einen absolut unbestechlichen Mann, stur wie ein Kaffernbüffel und zäh wie Sohlenleder.

    Conolly nahm ein Protokoll auf. Und war gerissen genug, dieses Protokoll zunächst in die Tasche zu stecken und den Mund zu halten. Wusste er doch, dass damals — Mitte der zwanziger Jahre — jeder zweite seiner Vorgesetzten aus der großen Futterkrippe der Gangsterbosse gespeist wurde. Er ließ sich ein halbes Jahr Zeit.

    Emily wurde währenddessen geschieden.

    Und das Material, das Conolly dann auf den Tisch legte, war derart komplett und massiv, dass der zuständige Staatsanwalt marschieren musste, ob er nun wollte oder nicht,

    Emily Sunbeam sagte gegen ihren geschiedenen Mann aus. Sanford wurde zum Tode verurteilt und hingerichtet. Auf Conollys Anraten war Emily damals auf einige Jahre nach Europa gegangen. Als La Guardia dann die Hand am Schalthebel hatte, durfte sie zurückkehren, ohne Gefahr zu laufen, schon auf der Pier zusammengeschossen zu werden.

    Soweit das, was ich dem Archiv entnehmen konnte.

    Wenn ich mehr wissen wollte, musste ich nach New York. Das war klar.

    Vorher wollte ich mich aber mit Mr, Reginald R. Sunbeam unterhalten, Emilys Bruder.

    6

    Es war ein ehemaliges Farmhaus an der Straße nach Gary, schon außerhalb der Stadt, aber noch nicht im offenen Land.

    Ein ungepflegter Vorgarten. Und dahinter ein völlig verwilderter Obstgarten. Drei Namensschilder. Aber nur eine Klingel.

    REGINALD R. SUNBEAM 3 x läuten!

    Ich kam dieser Aufforderung nach. Aber drinnen rührte sich nichts.

    Ein riesiger schwarzer Kater sprang vom Hausdach und scheuerte den Kopf liebebedürftig an meinen Füßen. Ich wollte die Klingelprozedur gerade wiederholen, als eine ältere Frau aus einem Schuppen auftauchte. Sie trug Trauerkleidung und hatte ein Beil in der Hand.

    „Zu wem wollen Sie, Sir?"

    „Zu Mister Sunbeam, sagte ich. „Ist er daheim?

    „Vielleicht ja, vielleicht nein. Das weiß man bei ihm nie. Und wenn er zu Hause sein sollte, dann ist noch lange nicht gesagt, dass er Sie empfängt."

    Ich war die paar Schritte bis zum Schuppen gegangen. Drinnen stand ein Hauklotz, stand ein Sägebock, lag Knüppelholz.

    „Er ist nämlich ein bisschen wunderlich, müssen Sie wissen", raunte sie vertraulich.

    „Sind Sie seine Haushälterin?"

    „Wie kommen Sie denn darauf? Der ist froh, wenn er selber zu beißen hat! Und das hat er nicht immer."

    Sie redete. Und ich ließ sie reden. Sie hieß Milford und hatte die Wohnung im unteren Stockwerk gemietet. Oben wohnte ein kinderloses Ehepaar, beide arbeiteten in der City. Sunbeam war Untermieter bei Mrs. Milford.

    „Schon seit zehn oder elf Jahren, Sir. Aber er hat mich noch nie in sein Zimmer gelassen, weder mich noch meinen Mann noch überhaupt sonst wen, mit Ausnahme eines einzigen Mannes, der ihn hin und wieder besucht.

    Mister Milford — er ist vor einem halben Jahr gestorben — Mister Milford sagte immer, es würde ihn gar nicht wundern, wenn sich eines Tages herausstellen sollte, dass Sunbeam in seiner Bude kleine Kinder am Spieß röstet. Aber das war natürlich nur ein Scherz. Mister Sunbeam ist zwar ziemlich komisch, und vielleicht stimmt's bei ihm in mancher Beziehung nicht ganz."

    Hier setzte sie den Zeigefinger gegen die Stirn und machte die bekannte schraubende Bewegung. — „Aber er könnte keinem Regenwurm ein Haar krümmen."

    Dass es behaarte Regenwürmer gibt, war mir neu.

    „Danke, das reicht jetzt, sagte sie, denn ich hatte mich ein bisschen als Holzhacker betätigt. „Das langt für die nächsten Tage. — Ich will mal sehen, ob ich Sunbeam dazu bringen kann, Sie zu empfangen. — Wie ist Ihr Name, Sir?

    „Martini. Toby Martini von der CHICAGO NEWS."

    „Oh", machte sie leise — und vieldeutig.

    Sie klopfte an ein Erdgeschossfenster, das allerdings so hoch lag, dass sie sich auf die Zehenspitzen stellen musste.

    „Mister Sunbeam, da ist Besuch für Sie. Mister Martini von der NEWS."

    Es gab keine Gardinen, nur eine Art Dekorationsstoff, der bis zur halben Höhe über das Fenster gespannt war. Hinter der oberen Kante eine kurze Bewegung.

    „Ich komme!", stellte Sunbeam dann in Aussicht.

    „Da haben Sie aber Glück!, raunte Mrs. Milford. „Nochmals vielen Dank fürs Holzhacken. Das war sehr freundlich von Ihnen! — Am besten warten Sie hier!

    Sie trug das Kleinholz in ihrer Kattunschürze ins Haus. Dann erschien Mr. Reginald R. Sunbeam. Nicht etwa aus der Haustür, sondern aus dem Garten. Er musste das Haus auf der anderen Seite verlassen haben und hinten herumgegangen sein.

    Ich bin nicht gerade ein Zwerg, aber er war einen halben Kopf größer als ich. Spindeldürr. Ein kurz gehaltener, aber schlecht gepflegter Vollbart — schwarz mit Grau durchwachsen — ließ sein langes Gesicht noch länger erscheinen, Der dichte, grau melierte Schopf hing lang und zottelig bis in den Nacken hinab: Wahrscheinlich hatte er die Gewohnheit, sich die Haare selber zu schneiden — etwa zweimal im Jahr. Die übergroße Nase ragte glührot aus dem sonst fahlen Gesicht. Nach der Dicke der Brillengläser zu urteilen, die seine Augen unwahrscheinlich vergrößerten, musste er extrem weitsichtig sein.

    Er blieb drei Schritt vor mir stehen und schätzte mich ab.

    „Sie hat sich also tatsächlich an Sie gewendet!", murmelte er dann. Seine Stimme war merkwürdig hoch.

    „Allerdings, sagte ich. „Sonst wäre ich kaum hier. — Ich hätte nichts dagegen, wenn wir ins Haus gingen und ...

    „Aber ich!", sagte er knapp — machte dann aber doch kehrt, ging in einem latschigen Schaukelschritt um den Anbau herum, der früher offenbar einmal als Scheune gedient hatte, zur anderen Seite des Hauses. Dort stand eine Bank an der Scheunenwand.

    „Wenn Sie sich setzen wollen!"

    „Empfangen Sie alle Besucher hier?"

    „Ich empfange überhaupt keine Besucher. Fast keine. Aber wenn schon, dann hier."

    „Bisschen ungewöhnlich."

    Er lächelte flüchtig.

    „Mag sein, dass es ungewöhnlich ist, so zu leben, wie es einem Spaß macht: Ohne Rücksicht auf Konventionen und überkommene Vorstellungen. Ich würde allerdings eher sagen: Es ist die einzig vernünftige Lebensführung überhaupt. Um gleich zur Sache zu kommen: Sie sind hier, um mich zu fragen, inwieweit ich die Geschichte meiner Schwester ernst nehme.

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