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Die Militarisierung der EU: Der (un)aufhaltsame Weg Europas zur militärischen Großmacht

Die Militarisierung der EU: Der (un)aufhaltsame Weg Europas zur militärischen Großmacht

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Die Militarisierung der EU: Der (un)aufhaltsame Weg Europas zur militärischen Großmacht

Länge:
313 Seiten
12 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Nov 14, 2018
ISBN:
9783958415546
Format:
Buch

Beschreibung

Seit Jahren bemühen sich politische, wirtschaftliche und militärische Eliten Westeuropas darum, die Europäische Union zu einer Großmacht zu entwickeln – auf Augenhöhe mit Ländern wie den USA oder China sollen die Geschicke der Welt bestimmt und vor allem die eigenen Interessen durchgesetzt werden. Zu diesem Zweck verfolgt EUropa schon lange eine Geostrategie, die
primär auf die Ausweitung des Einflussgebiets und den Aufbau umfassender militärischer Fähigkeiten setzt. Lange kam vor allem die Aufrüstung der EU nur schleppend voran, doch gerade in jüngster Zeit nimmt die "Militärmacht EUropa" unter französischer
und insbesondere deutscher Führung in beängstigendem Tempo Gestalt an.
Auf der Grundlage einer neuen Globalstrategie sollen ein neuer Rüstungshaushalt, neue Militärstrukturen und ein europaweiter Rüstungsmarkt das Vorhaben
entscheidend voranbringen. Claudia Haydt und Jürgen Wagner beschreiben fundiert und faktenreich die Anatomie dieser sich herausbildenden Militärmacht, die den Charakter der Union nachhaltig negativ zu verändern droht. Skeptisch hinterfragen sie das weitverbreitete Bild von der "Zivilmacht EUropa" und sparen nicht mit Kritik an der imperialen und militaristischen Praxis des Bündnisses. Ein brisantes Buch mit unbequemen Einsichten, das die gefährliche Entwicklung der Europäischen Union schonungslos offenlegt.
Herausgeber:
Freigegeben:
Nov 14, 2018
ISBN:
9783958415546
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Die Militarisierung der EU - Jürgen Wagner

Claudia Haydt / Jürgen Wagner

Die

Militarisierung

der EU

Der (un)aufhaltsame Weg

Europas zur militärischen Großmacht

edition berolina

eISBN 9783958415546

1. Auflage

© 2018 by BEBUG mbH / edition berolina, Berlin

Umschlaggestaltung: Buchgut, Berlin

Umschlagabbildung: © dpa-Report / Jens Kalaene

Alexanderstraße 1

10178 Berlin

Tel. 01805/30 99 99

FAX 01805/35 35 42

(0,14 €/Min., Mobil max. 0,42 €/Min.)

www.buchredaktion.de

Einleitung

Als der Liedermacher und Satiriker Tom Lehrer Anfang der 1970er Jahre seine Auftritte drastisch einschränkte, machte ein Witz die Runde: Der Schritt sei zwingend gewesen, schließlich sei politische Satire nach der Verleihung des Friedensnobelpreises an US-Außenminister Henry Kissinger unmöglich geworden.¹ Wäre Lehrer etwa vierzig Jahre später zugange gewesen, hätte er wohl ebenfalls seinen Job an den Nagel hängen müssen, schließlich ist es kaum weniger bizarr, dass sich die Europäische Union seit 2012 ebenfalls in die Riege der Friedensnobelpreisträger einreihen kann. Auch drei vormalige Preisträger erhoben dagegen die Stimme und erklärten: »Die EU strebt nicht nach [einer] Friedensordnung ohne Militär. Die EU und ihre Mitgliedsländer gründen kollektive Sicherheit weit mehr auf militärischen Zwang und die Durchführung von Kriegen als auf die Notwendigkeit eines alternativen Herangehens.«²

Die Kritik war nur allzu verständlich, schließlich hatte die einstige »Zivilmacht Europa« schon damals eine ganze Reihe von Militäreinsätzen auf dem Buckel. Inzwischen sind allerdings sämtliche Masken gefallen: Die Forderung zum Aufbau einer »Militärmacht Europa«³ hallt lautstark durch die Brüsseler Korridore – und sie wird in jüngster Zeit mit einem schwindelerregenden Tempo umgesetzt. So erklärte die EU-Außenbeauftragte, Federica Mogherini, im Juni 2018 sichtlich zufrieden: »Die Europäische Union hat in den letzten Jahren in der Sicherheits- und Verteidigungspolitik Schritte unternommen, die zuvor undenkbar erschienen.«⁴

Während der Europäischen Union bis vor nicht allzu langer Zeit ein geradezu pazifistischer Charakter angedichtet wurde, wagt angesichts der jüngsten Entwicklungen heute kaum jemand mehr, ernsthaft von einer »Zivilmacht Europa« zu sprechen. Die eigentliche Debatte dreht sich inzwischen darum, welchen Zwecken der im Entstehen begriffene europäische Militärapparat dient beziehungsweise dienen soll. Glaubt man dabei der von politischer Seite eifrig verbreiteten offiziellen Version, die auch nahezu vollständig die Medien und die öffentliche Wahrnehmung dominiert, dann hat die Europäische Union erfolgreich der profanen Macht- und Interessenspolitik vergangener Jahrhunderte abgeschworen. Man verfolge per se rein defensive Absichten, und sollte die EU ihr Militär doch in Bewegung setzen, dann geschehe dies ausschließlich zur Förderung des Weltfriedens, also quasi in der weitgehend selbstlosen Absicht, mit Gewalt Gutes zu tun. So beliebt dieses Bild von einem »Altruistischen Europa« auch sein mag, so wenig hat es unserer Auffassung nach mit der Realität zu tun. Wir sind vielmehr der Überzeugung, dass sich die Militärpolitik der Europäischen Union schlüssiger aus ihrem Anspruch auf einen Platz am Tisch der führenden weltpolitischen Akteure erklären lässt. Hierfür verfolgt sie – und das heißt wiederum ihre größten Mitgliedsstaaten, also allen voran Deutschland und Frankreich – eine Globalstrategie, die sich kurzgefasst auf die Formel »Weltmacht = Expansion + Militarisierung« reduzieren lässt, wie im ersten Teil dieses Buches ausgeführt werden soll.

Um diese in mancherlei Augen vielleicht etwas steile These zu belegen, erhalten wir Schützenhilfe aus einem ganz anderen politischen Lager, nämlich aus den Reihen der Group on Grand Strategy (GoGS). Dieser Zusammenschluss einflussreicher europäischer Geopolitiker plädiert schon seit Jahren für eine expansiv-militaristische Globalstrategie, die zur Etablierung eines vom EU-Zentrum dominierten imperialen Großraums führen soll. Als überzeugte Militaristen attestieren sie der Europäischen Union durchaus wohlwollend, dass sie sich schon seit Jahren auf dem Weg zur Militärmacht befinde – kritisiert wird lediglich, dass dies bislang noch zu zaghaft geschehe (Kapitel 1). Auf dieser Basis soll anschließend eine Art Realitätscheck unternommen werden. Dabei wollen wir zeigen, dass sowohl zentrale Dokumente wie die »Europäische Sicherheitsstrategie« (Kapitel 2) als auch die praktische EU-Politik große Überschneidungen mit den globalstrategischen Überlegungen der Group on Grand Strategy aufweisen. Seit Jahren verfolgt die EU eine aggressive Expansionsstrategie, die aktuell im Namen der »Europäischen Nachbarschaftspolitik« versucht, einen neoliberalen europäischen Wirtschaftsgroßraum – eine Art imperiale Operationsbasis – zu schaffen (Kapitel 3). Nahezu parallel dazu wurde mit dem Aufbau eines europäischen Militärapparats begonnen, wodurch die »Zivilmacht Europa« endgültig zu Grabe getragen wurde. Umfangreiche eigene militärische Fähigkeiten sollen die Union zum einen in die Lage versetzen, in ihrem »Hinterhof« als imperiale Ordnungsmacht auftreten zu können. Aber auch darüber hinaus hat sich innerhalb der politischen Eliten Europas die Ansicht durchgesetzt, dass ein Platz am Tisch der Großmächte nur über umfassende militärische Fähigkeiten zu haben sei (Kapitel 4). Wie destruktiv die zunehmend imperiale Politik der Union bereits ist, zeigt sich anhand der Entwicklungen in der unmittelbaren Nachbarschaft der EU. Angetreten war die Europäische Nachbarschaftspolitik offiziell mit dem Ziel, einen »Ring aus Freunden« rund um die Union hervorzubringen. Doch die in ihrem Rahmen verordneten neoliberalen Schockprogramme trugen maßgeblich zur Destabilisierung der angrenzenden Länder und Regionen bei. Gleichzeitig führte diese Expansionspolitik die Union auch noch auf einen direkten Kollisionskurs mit Russland. Um diesen Konflikten notdürftig »Herr« zu werden, hat die Europäische Union in inzwischen 34 Einsätzen der »Gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik« (GSVP⁵) verschiedene zivil-militärische Strategien erprobt, um den Nachbarschaftsraum unter Kontrolle zu bringen. Zu einer Stabilisierung der Situation hat dies allerdings nicht beigetragen – im Gegenteil (Kapitel 5).

Obwohl die Europäische Union also maßgeblich dafür mitverantwortlich ist, dass große Teile des erweiterten Nachbarschaftsraums in Armut, Chaos und Konflikten versinken, führte dies nicht zu einer kritischen Reflexion dieser Politik. Paradoxerweise verlieh diese verheerende Bestandsaufnahme sogar ausgerechnet denjenigen Akteuren Auftrieb, die sich ohnehin seit Jahren für den Ausbau und den noch häufigeren Einsatz des EU-Militärapparats starkmachen. Und bedauerlicherweise wurden hierbei in jüngster Zeit regelrecht spektakuläre »Erfolge« erzielt. Die einzelnen Aspekte, wie etwa die Verabschiedung einer neuen EU-Globalstrategie, die Einrichtung eines EU-Hauptquartiers oder die Aufstellung eines EU-Rüstungshaushalts, sind dabei sogar nur der kleinere Teil des Problems. Die eigentliche Tragweite der aktuellen Prozesse ergibt sich vielmehr daraus, dass es unter deutsch-französischer Führung gelang, völlig neue Sanktionsmechanismen und Finanzanreize zu etablieren, die zusammengenommen den Weg in Richtung einer »Europäischen Rüstungsunion« ebnen sollen, wie im zweiten Teil des Buches dargestellt wird.

Möglich wurde dies durch eine Reihe von Faktoren, von denen das britische EU-Austrittsreferendum im Juni 2016 der wichtigste war. Nachdem sich Großbritannien bis zu diesem Zeitpunkt innerhalb der EU stets als Militarisierungsbremsklotz betätigt hatte, packten Deutschland und Frankreich die sich nun bietende Gelegenheit beim Schopfe, um die Führungsrolle beim Aufbau einer »Europäischen Verteidigungsunion« (EVU), wie die Rüstungsunion offiziell bezeichnet wird, für sich zu reklamieren. Im Zuge dessen wurde unter deutsch-französischer Führung mit der »Bratislava-Agenda« ein ambitionierter Militarisierungsfahrplan vorgelegt, der seither konsequent abgearbeitet wird. Ein erster wichtiger Meilenstein hierfür war die Verabschiedung einer neuen EU-Globalstrategie im Juni 2016, bei der das expansiv-militaristische Raumkonzept der Group on Grand Strategy deutlich durchscheint (Kapitel 6).

Zum künftigen Dreh- und Angelpunkt der im Aufbau befindlichen Europäischen Rüstungsunion soll sich die im Dezember 2017 nach jahrelangem Ringen ins Leben gerufene »Ständige Strukturierte Zusammenarbeit« – englisch abgekürzt: »PESCO« – entwickeln. Diese militärische »Koalition der Willigen« hat das Ziel, die Europäisierung des Rüstungssektors unter deutsch-französischen Vorgaben voranzutreiben und die zunehmende Kooperation der nationalstaatlichen Militärverbände auf europäischer Ebene zu befördern. Über die äußerst verbindliche PESCO-Architektur werden die Mitgliedsstaaten in ein enges Militarisierungskorsett gezwängt. Hierfür wurden analog zu den Maastricht-Kriterien (»Konvergenzkriterien«) der »Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion« zahlreiche »PESCO-Kriterien« verabschiedet – nur geht es in diesem Fall eben nicht um Spardiktate und Sozialabbau, sondern um Aufrüstung und Krieg. Bahnbrechend ist dabei, dass nun über eine partielle Aushebelung des Konsensprinzips erstmals die Möglichkeit besteht, rüstungsunwillige Staaten mit weitreichenden Sanktionsdrohungen zu überziehen. An PESCO docken die beiden weiteren wesentlichen Initiativen an, die zusammen besagte Rüstungsunion hervorbringen sollen: Die »Koordinierte Jährliche Überprüfung der Verteidigung« (englisch: »CARD«) soll strategische Rüstungsprojekte festlegen, ihre Umsetzung im Rahmen von PESCO anstoßen und so die Bündelung der einzelstaatlichen Rüstungsfähigkeiten vorantreiben. Und schließlich wurde zur Finanzierung dieser Projekte im Mai 2018 von der EU-Kommission der Vorschlag präsentiert, im nächsten EU-Haushalt erstmals einen »Europäischen Verteidigungsfonds« (EVF) einzurichten. Durch diesen rechtlich überaus fragwürdigen Militärhaushalt wird es künftig möglich sein, zusätzlich zu den nationalstaatlichen Geldern hohe Milliardenbeträge in den Rüstungssektor zu pumpen (Kapitel 7 bis 9).

Mit diesen drei Elementen – CARD, PESCO, EVF – gelang in kürzester Zeit eine tiefgreifende Reorganisation des kompletten militärpolitischen Bereichs, der imstande ist, den Charakter der Europäischen Union nachhaltig zu verändern. Ob dies allerdings in dem Umfang gelingen wird, wie es sich die Protagonisten der Europäischen Rüstungsunion erhoffen, ist bislang noch keineswegs ausgemacht. Im Gegenteil: Einer voll ausgebauten »Militärmacht Europa« stehen noch eine Reihe von Hindernissen oder zumindest Fragezeichen im Weg. Vergleichsweise einfach sollten sich die Differenzen zwischen den USA und der EU beheben lassen: Allem Theaterdonner um Donald Trump zum Trotz besteht auf beiden Seiten wohl ein zu großes Interesse am Fortbestand des Bündnisses. Eine weitere mögliche Hürde betrifft die Frage, wie reibungslos das selbsternannte deutsch-französische Führungsdoppel künftig funktionieren wird. Auch hier deutet sich jedoch an, dass – zweifellos vorhandene – Interessenskonflikte dem gemeinsamen Ziel untergeordnet werden dürften, die Europäische Rüstungsunion voranzutreiben. Ein ganz anderer Punkt ist aber, ob das deutsch-französische Führungsduo bei den kleinen und mittleren Mitgliedsstaaten genug Unterstützung für seine Rüstungsunion erhalten wird. Bisher hatten Berlin und Paris – freundlich formuliert – nicht immer eine glückliche Hand dabei, den Eindruck zu vermeiden, dass sie die übrigen Länder am liebsten auf die Rolle als Stimmvieh und Rüstungszulieferer reduziert wissen würden. Gerade die sich anbahnende stärkere Sanktionierung renitenter Staaten könnte genau das Gegenteil dessen bezwecken, was sie eigentlich bewirken soll. Gelingt es aus Unfähigkeit oder Unwillen nicht, eine kritische Masse der anderen Mitgliedsstaaten ins Rüstungsboot zu holen, indem ihren machtpolitischen Interessen entgegengekommen wird, dürfte dies den ohnehin bereits starken innereuropäischen Zentrifugalkräften weiter Auftrieb verschaffen. Bereits die rücksichtslose ökonomische Integration unter neoliberalen Vorzeichen hat zu einer Stärkung autoritärer Kräfte – nicht nur, aber besonders – in der Peripherie der EU geführt. Kaum auszudenken, welche Auswirkungen eine brachiale Integration in eine Europäische Rüstungsunion haben wird (Kapitel 10).

Gerade deshalb ist es umso notwendiger, progressive und friedenspolitische Antworten auf die Militarisierung Europas zu entwickeln. Dabei stellt sich das Problem, dass viele Menschen im »Mitte-links-Spektrum« der Gesellschaft gegenüber jeglicher Kritik an der Europäischen Verteidigungsunion regelrecht immun zu sein scheinen. Wir führen diese auf weitverbreitete »Mythen der Militarisierung« zurück, die es zu entzaubern gilt. Ausgangspunkt dafür ist die auf den ersten Blick völlig widersprüchliche Einstellung der Bevölkerung: Auf der einen Seite wenden sich gerade in Deutschland stabil hohe Mehrheiten gegen mehr Militäreinsätze und höhere Rüstungsausgaben – und gleichzeitig befürwortet eine mindestens ebenso große Mehrheit derselben Bevölkerung einen Ausbau der europäischen Militärstrukturen. Dieser Widerspruch hängt aus unserer Sicht mit drei weitverbreiteten Irrtümern über die Ziele einer (deutsch-französischen) Europäisierung der Militärpolitik zusammen: Erstens, dass damit Geld gespart würde, zweitens, dass dies dem Frieden förderlich sei, und drittens, dass jegliche Vertiefung der europäischen Integration – auch im Bereich der Militärpolitik – eine Überwindung von Autoritarismus und Nationalismus bedeute. Wie wir im Laufe dieses Buches zeigen wollen, ist in allen drei Fällen genau das Gegenteil der Fall!

In einem ersten Schritt ist es deshalb zwingend erforderlich, zunächst einmal innerhalb der linken Bewegungen selbst dafür zu werben, sich intensiver mit dem Militarismus der Europäischen Union und seinen Auswirkungen zu befassen. Nur so wird es gelingen können, der richtigen und wichtigen Kritik an der Militarisierung Europas das notwendige Fundament zu verschaffen, um auch in breiteren Bevölkerungsschichten Gehör zu finden. Wie notwendig dies ist, zeigen zum Beispiel die Ausführungen von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen bei der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar 2018, die aus friedenspolitischer Sicht einer Drohung gleichkommen: »Es geht um ein Europa, das auch militärisch mehr Gewicht in die Waagschale werfen kann. Der Aufbau von Fähigkeiten und Strukturen ist das eine. Das andere ist der gemeinsame Wille, das militärische Gewicht auch tatsächlich einzusetzen, wenn es die Umstände erfordern.«

I.

Die Geostrategie der Weltmacht Europa

Um den Istzustand in Sachen EU-Militärpolitik zu ermitteln, geht der erste Teil dieses Buches der Frage nach, inwieweit ihr eine kohärente Geostrategie zugrunde liegt. Hierfür greifen wir ausführlich auf die Arbeiten der Group on Grand Strategy zurück. Sie argumentiert, dass sich die Europäische Union schon länger einer Geostrategie verschrieben hat, die sich auf die Formel »Weltmacht = Expansion + Militarisierung« herunterbrechen lässt. Anschließend soll belegt werden, dass die praktische Politik tatsächlich schon seit vielen Jahren diesen Prämissen folgt, indem wirtschaftliche und militärische Instrumente dabei Hand in Hand agieren. Die neoliberale Expansionspolitik hat dabei gerade im erweiterten Nachbarschaftsraum viele Länder in Chaos und Konflikte gestürzt, die nun verstärkt per militärischer Gewalt notdürftig unter Kontrolle gebracht werden sollen.

1. Group on Grand Strategy: Weltmacht ist gleich Expansion plus Militarisierung

In diesem Kapitel sollen zwei sehr unterschiedliche Sichtweisen über den Charakter und die wesentlichen Triebfedern der europäischen Außen- und Sicherheitspolitik präsentiert werden. Da wäre auf der einen Seite die bis heute dominierende Vorstellung einer »Friedensmacht Europa«, mit der der Überzeugung Ausdruck verliehen wird, das wesentliche Merkmal der Union bestünde darin, der Macht- und Interessenspolitik klassischer Großmächte abgeschworen zu haben – selbst wenn es zu einem Militäreinsatz kommen sollte, diene dies allenfalls dem weitgehend selbstlosen Ziel, den Frieden zu fördern.

Insbesondere was die Motive anbelangt, zeichnen Geopolitiker dagegen ein deutlich düstereres Bild, dessen Konturen am schärfsten von der einflussreichen Group on Grand Strategy herausgearbeitet wurden. Das von ihr beschriebene »Europa der Geopolitik« verfolgt schon länger eine egoistische Geostrategie, die im Kern auf die Erweiterung der Einflusssphäre nebst militärischer Absicherung der »eroberten« Gebiete setzt. Als gestandene Machtpolitiker wird dies von den Protagonisten der Gruppe (und von vielen anderen Top-Strategen) explizit begrüßt und lediglich bemängelt, dass dies – noch – nicht konsequent genug geschehe. Aus diesem Grund legte die Group on Grand Strategy schon vor Jahren ein detailliertes imperiales Raumkonzept vor, um diesen vermeintlichen Missstand zu beheben.

Obwohl die Vorstellung von einem »Altruistischen Europa« die öffentliche Meinung über den Charakter der Union nahezu vollständig prägt, ist das »Europa der Geopolitik« der Schlüssel zum Verständnis der europäischen Außen- und Sicherheitspolitik, wie im Folgenden ausgeführt werden soll. Das Kernargument lautet dabei im Übrigen selbstredend nicht, dass es einer verschwörerischen Geopolitiktruppe gelungen wäre, in irgendwelchen dunklen Hinterzimmern die EU-(Militär-)Politik zu kapern. Vielmehr geht es dar­um, aufzuzeigen, dass ihre Protagonisten eng und prominent in den europäischen Strategiediskurs eingebunden sind, den sie prägen, von dem sie aber auch geprägt werden. In diesem Diskurs zirkuliert ein Sammelsurium omnipräsenter »Wahrheiten«, aus denen sich dann wiederum die praktische Politik ableitet. Vor diesem Hintergrund liegt das eigentliche »Verdienst« der Group on Grand Strategy darin, dass mit ihrer Hilfe gezeigt werden kann, wie sich diese einzelnen, auf den ersten Blick eher verstreuten und unzusammenhängenden Debattenteile zu einem bündigen geostrategischen Raumkonzept zusammenfügen.

Europa als geopolitischer Abstinenzler?

Bis heute dominiert die Vorstellung, der Europäischen Union beziehungsweise ihren Vorläufern⁷ sei eine zivile Natur quasi in die Wiege gelegt worden. So beschreibt etwa Ulrike Guérot, eine der heutzutage wohl einflussreichsten Fürsprecherinnen einer auch militärisch starken EU, die – aus ihrer Sicht inzwischen überholten – »Anfangsideale« des Staatenbunds folgendermaßen: »Die Gründungsphilosophie der EWG, aus der die EG und dann die EU wurden, richtete sich nach innen und entwickelte ein Gegenkonzept zu Geopolitik und zu geostrategischen Dimensionen: Befriedung, Aussöhnung und politische Kooperation durch wirtschaftliche Verflechtung als Antithesen zur Geopolitik und zum Imperialismus.«⁸

Die »DNA der EU« war aber schon bei ihrer Geburt keineswegs so friedlich, wie mancherorts bis heute behauptet wird. Schließlich war ursprünglich mit dem sogenannten Pleven-Plan auch vorgesehen, eine »Europäische Verteidigungsgemeinschaft« (EVG) als zweiten Pfeiler und militärischen Arm des Bündnisses ins Leben zu rufen. Der am 27. Mai 1952 unterzeichnete EVG-Vertrag sah die Aufstellung einer EU-Armee aus Soldaten Frankreichs, der Benelux-Staaten, Italiens und der Bundesrepublik Deutschland vor, die einer europäischen (supranationalen) Behörde unterstellt worden wären. Das Vorhaben scheiterte allerdings etwas mehr als zwei Jahre später: »Am 30. August 1954 sprach sich die französische Nationalversammlung mit 319 gegen 264 Stimmen gegen den EVG-Vertrag aus. Zu groß waren französische Besorgnisse über die Rolle der erstarkenden BRD in einer supranational strukturierten EVG und schwindenden französischen Einfluss. Die französische Absage bedeutete für Kanzler Adenauer eine schwere Niederlage, der 30. August 1954 war für ihn ein ›schwarzer Tag‹.«

Als Konsequenz hatte sich eine eigenständige EU-Militärkomponente auf Jahrzehnte hinaus erledigt, in sicherheitspolitisch relevanten Angelegenheiten spielten fortan die NATO und damit die USA unangefochten die erste Geige. Allenfalls die Einzelstaaten – und hier vor allem Großbritannien und Frankreich – betrieben eine recht aktive Militärpolitik, für die EU beziehungsweise ihre Vorläufer konnte davon aber keine Rede sein.¹⁰ Um dem aus dieser Konstellation entstandenen spezifischen Charakter der EU einen Namen zu geben, führte François Duchêne Anfang der 1970er Jahre den Begriff der »Zivilmacht Europa« in die Debatte ein. Der enge Berater von Jean Monnet, einem der Väter der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, machte aus der Not eine Tugend, indem er argumentierte, gerade weil die EWG über keinerlei militärische Mittel verfüge, setze sie sich – allein schon aus Eigeninteresse – für einen zivilen Umgang unter den Staaten ein, da nur so ihre wirtschaftlichen Stärken voll zum Tragen kämen (siehe Kasten).

François Duchêne: Zivilmacht Europa

»Als eine zivile Ländergruppe mit weitreichender wirtschaftlicher und verhältnismäßig begrenzter militärischer Macht muss die Europäische Gemeinschaft daran interessiert sein, die zwischenstaatlichen Beziehungen – sowohl zwischen ihren eigenen Mitgliedern wie auch mit dritten Ländern – so weit wie möglich zu domestizieren. Es muss versucht werden, das Gefühl für gemeinsame Verantwortung und für vertragliches Vorgehen, das sich bisher auf die ›heimischen‹ und nicht auf die ›fremden‹ Angelegenheiten, auf die ›Innen-‹ und nicht auf die ›Außenpolitik‹ bezog, auch in den internationalen Bereich einzuführen. […] Dies bedeutet, dass die Europäische Gemeinschaft nur dann ›das Beste‹ aus ihren jetzigen Chancen machen wird, wenn sie ihrem eigentlichen Wesen treu bleibt. Dieses ist vor allem durch den zivilen Charakter von Mitteln und Zwecken und einen für sie konstitutiven Sinn für gemeinsames Vorgehen charakterisiert, worin wiederum, wenn auch noch so unvollkommen, soziale Werte wie Gleichheit, Gerechtigkeit und Achtung des anderen zum Ausdruck kommen.«¹¹

Mit dem allmählichen Aufbau militärischer Strukturen im Laufe der 1990er Jahre wurde das Bild von der »Zivilmacht Europa« allerdings zunehmend schief. Teils wurden zwar noch beachtliche Klimmzüge unternommen, um an dem aus PR-Gründen nützlichen Attribut festhalten zu können – so sprach Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier noch in seiner Zeit als Außenminister von einer »Zivilmacht mit Zähnen«¹². Mehrheitlich wurde die »Zivilmacht Europa« aber durch eine Beschreibung ersetzt, die wohl am treffendsten als »Altruistisches Europa« bezeichnet werden könnte. In dieser bis heute dominierenden Charakterisierung der EU wird nun der – ohnehin nicht mehr zu leugnende – Aufbau eines Militärapparats explizit begrüßt, solange er nur aus den »richtigen« Motiven heraus erfolgt. Und genau dies sei bei der EU der Fall, schließlich neige sie, so der Zirkelschluss, per se »nicht zur klassischen Machtpolitik«, sie wolle lediglich »ihr Umfeld durch Angebote regulativ gestalten, nicht beherrschen«.¹³ Wird also Gewalt nicht aus »Großraumstreben und Imperialismus«, sondern zur Durchsetzung vermeintlich progressiver »zivilisatorischer Werte« ausgeübt, so etwa die bereits eingangs zitierte Ulrike Guérot, dann ist buchstäblich jedes Mittel recht – selbst die Reaktivierung klassischer geopolitischer Konzepte (siehe Kasten).

Ulrike Guérot: Geopolitik für

»zivilisatorische Werte«

»Europa muss aufhören, sich vornehmlich mit sich selbst zu beschäftigen, will es als internationaler Akteur ernst genommen werden. […] Es ist Zeit für eine umfassende europäische Geopolitik. […] Im 21. Jahrhundert dürfen Geopolitik und die hierauf aufbauende Geostrategie jedoch nicht mehr mit der fehlgeleiteten Ideologie von Großraumstreben und Imperialismus gleichgesetzt werden. […] Zivilisatorisches Vorbild und Sinn für militärische Sicherheitspolitik schließen sich nicht aus, sondern bedingen sich gegenseitig im Primat der Selbstbehauptung. […] Über eine europäische Geostrategie nachzudenken, bedeutet, Neuland zu betreten. Offen ist, ob es der EU gelingen kann, genuin europäische Interessen zu formulieren. Dies stößt auf zwei Hindernisse: Zum einen muss die EU vermeintlich ›nationale‹ Interessen überwinden und diese europäisch definieren. Zum anderen muss die EU bereit sein, interessenpolitisch zu denken und gemeinsame außenpolitische Interessen

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