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Auf der Spur der Sklavenjäger: Karl Mays Magischer Orient, Band 6

Auf der Spur der Sklavenjäger: Karl Mays Magischer Orient, Band 6

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Auf der Spur der Sklavenjäger: Karl Mays Magischer Orient, Band 6

Länge:
555 Seiten
7 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
3. Dez. 2018
ISBN:
9783780214065
Format:
Buch

Beschreibung

Nach dem erfolgreichen Kampf gegen die Sklavenhändler weilen Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar auf dem Landgut ihres Freundes Scheik Haschim. Dort ereilt sie eine schreckliche Nachricht: Die Haddedihn-Beduinen sind überfallen worden - die von den Helden besiegt geglaubten Sklavenjäger haben sich gerächt! Sofort brechen die Gefährten auf, um Halefs Frau Hanneh und deren Schwester Djamila zu befreien. Durch verwunschene Berge und verfluchte Sümpfe gelangen die Helden schließlich bis zum geheimen Nest der levantinischen Piraten.
Herausgeber:
Freigegeben:
3. Dez. 2018
ISBN:
9783780214065
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Auf der Spur der Sklavenjäger - Alexander Röder

Röder

Erstes Kapitel

Durch die Wüste

Die Meharis liefen schnell, sie flogen förmlich über den Sand. Wer je von Dromedaren oder allgemein von Kamelen als den Schiffen der Wüste gesprochen und sich nickend das sanfte Schaukeln auf Wellen oder Dünen vorgestellt hat – der hätte sich nun verwundert über jenen Anblick gezeigt, den unsere eilige Gruppe bot: Dies war keine Karawane von Reisenden, es war eine Kavalkade von Rächern. Selbst wenn wir den Tieren in regelmäßigen Abständen einen gemächlicheren Schritt vergönnten, so war auch dies kein erbaulicher Anblick, trotz der Schönheit der edlen Geschöpfe. Denn ihre Reiter hatten von Grimm und Sorge gefurchte Gesichter, und ihre Haltung war aufs Äußerste angespannt, Nacken und Schultern von der Bürde der Ungewissheit beladen.

Wir sprachen kaum. Auch wagten wir es nur selten, einen Blick untereinander zu wechseln, aus Furcht vor dem, was wir im Antlitz des Freundes würden lesen können – oder davor, dass wir uns in ihm wiedererkannten.

Ich habe in meinen Tagen nun oft genug den raschen Ritt nach Vergeltung vollführt, auf der Jagd nach Schurken, in Verfolgung von Bösewichten – doch damals wusste ich zumeist, wem ich da auf der Spur war und was dieser aus welchem Grund getan hatte. Hier strebte ich mit meinen Freunden dem Ungewissen entgegen, getrieben von einer vagen Vorausschau, die uns Haschims magischer Spiegelstein geschenkt hatte. Ein vergiftetes Geschenk, dessen Bitterkeit uns an den Seelen fraß.

Unser Anblick musste furchteinflößend sein für die wenigen Menschen, die uns begegneten. Wir schlugen wenig bekannte Routen ein, um rasch und ungestört voranzukommen, aber die eine oder andere friedliche Karawane kreuzte doch unseren Weg, und denen mussten wir wie die vier Reiter der Apokalypse erscheinen – wenn denn die braven orientalischen Kaufleute je von diesen gehört hatten. Die weniger braven Reiter, die uns erblickten, weil jene abseitigen Wege auch von Verbrechern und finsteren Gesellen genutzt wurden, mochten zurückgescheut sein, denn unser wilder Ritt dürfte sie mit Zweifel erfüllt und ihnen geraten haben, uns besser zu meiden.

Einem Scharmützel mit Banditen hätten wir uns wahrscheinlich kaum freiwillig gestellt, wir hatten keine Augen, keine Sinne für jene, auch nicht für alles andere.

Heller, heißer Tag und finstere, kalte Nacht wechselten in natürlich vorgegebenem Takt, mir schien es jedoch wie ein scheußliches Wechselbad, wie es den Leibern der bedauernswerten Seelenerkrankten in gewissen Instituten zugemutet wird, zu zweifelhaftem Nutzen. Der gütige und weise Pfarrer Kneipp, der solcherlei Wassergüsse als heilsame Anwendung der unteren Extremitäten ersann, mochte sich darob bitter empört zeigen.

Wer nun glaubte, ich hätte mich bei jenem harten Wüstenritt, voller Staub und Hitze, nach einem erfrischenden Wassertreten gesehnt, verkennt leider meine Lage: An solcherlei Erquickung dachte ich nicht, was kümmerte mich mein körperliches Wohlergehen in jener quälenden Aufwühlung des Gemüts, angesichts des Leids meines Freundes!

Und wer nun eine farbenfrohe und eindringliche Beschreibung der Äußerlichkeiten jener so schmerzvoll erlebten Reise erwartet, den werde ich ebenfalls enttäuschen müssen: Ich scherte mich kaum um die Oasen und Siedlungen und Städte, die wir passierten. Gewiss schienen mir die Erinnerungen an frühere Reisen in diesen Gegenden auf, doch weniger im geografischen oder kulturellen Sinne, sondern wegen der Begegnungen und Erlebnisse, die ich dort gehabt hatte.

Als wir durch den Hedschas nach Norden ritten, konnte ich nicht umhin, an die beiden Städte zu denken, die linker Hand von uns im Westen lagen, nahe der Küsten des Roten Meeres, namentlich Dschidda und Mekka. In Dschidda war ich vor fünf Jahren an Land gegangen, kaum dass ich glücklich aus den Fängen des Piraten Abu Seif hatte fliehen können. Meinen Freund Halef, an dessen Seite ich nun in jenen schweren Stunden ritt, hatte ich damals noch nicht lange gekannt, ja, ihn noch nicht ganz einen Freund nennen können. Doch in jener Zeit wurde die Saat für unsere Verbundenheit gesät – und für die Verbindungen, die sich später ergaben. Denn Abu Seif hatte einst Amscha entführt und ihr jene beiden Kinder Hanneh und Djamila – nein, nicht geschenkt, sondern mit Gewalt gezeugt. Und doch wurden die beiden Mädchen zu Geschenken für Amscha, später auch für Halef, als er Hanneh ehelichte, und für uns alle, als wir Djamila in Basra begegneten. Und diese beiden jungen Frauen hatten nun ein uns unbekanntes Schicksal erlitten – es musste so sein, denn nur so war erklärlich, dass der Spiegelstein sie uns nicht gezeigt hatte! Nur Amscha, die auf ihrem Lager lag, verwundet, verletzt – in unbekanntem Zustand der Gesundheit.

Auch Amscha hatte ich damals kennengelernt – als mutige, resolute Tochter des Scheiks Malek, die es sich nicht hatte nehmen lassen, mich auf meiner gefährlichen Mission nach Mekka zu begleiten, oder doch zumindest bis kurz vor den Eintritt in die heilige Stadt, die mir als Ungläubigem verboten war. Ich entsinne mich noch ihres klugen Ratschlags, meine prächtigen westlichen Waffen, Henrystutzen und Bärentöter, in ihre Obhut zu geben und stattdessen ihre alte Araberflinte zu führen – denn die modernen Gewehre hätten mich schlicht verraten. Halef hatte zu jener Zeit eine eigene Tarnung für seinen Aufenthalt in Mekka gewählt, nämlich die eines Ehemanns, und seine vorgebliche Braut war Hanneh gewesen, die Enkelin des Scheiks und Tochter von Amscha. Die beiden Frauen hatten uns also jede auf ihre Weise geholfen, dass wir Abu Seif hatten stellen können und dass ihn schließlich sein Schicksal ereilte. Er starb für das, was er uns allen angetan hatte – auch wenn in einer seltsamen Fügung daraus Freundschaft unter uns erwuchs und gar eine wirkliche Ehe zwischen Halef und Hanneh.

Halef dachte in diesen Stunden wohl an die gleichen Dinge wie ich. Zumindest an jene, die in der Vergangenheit lagen. Was er sich für die Zukunft ausmalte, wollte ich mir besser nicht vorstellen – weder, was das Schicksal seiner Familie betraf, noch das Schicksal jener, die wohl die Haddedihn überfallen hatten. Halef zürnte still, und ich muss gestehen, dass ich nicht in der Lage war, zu ermessen, welche Qual und welche Wut in ihm tobten, denn ich habe nun einmal keine Gattin und keine Kinder oder Anverwandte. Ob dies in diesen Stunden meinem Seelenzustand zuträglich oder abträglich war, vermochte ich nicht zu sagen.

Ich ahnte aber, wie sehr ein weiterer Schmerz in ihm aufzusteigen begann, denn mein Halef ist klug – aus sich selbst heraus und weil er von seinem Sidhi das klare Denken gelernt hat, selbst wenn Zorn und Sorge das Gemüt verdüstern. In kühlen Gedanken, so mir die Hitze der Wüste und die Anstrengung des Ritts und die brennende Sorge und Ungewissheit diese zuließen, überlegte ich, was wohl geschehen sein mochte. Wer konnte die Haddedihn überfallen haben? Gewiss, es gab stets Zwist unter den Beduinenstämmen der arabischen Länder, doch seit dem Frieden zwischen den Ateibeh und Haddedihn – und ihrer herzlichen Allianz – wagten es andere kaum, sich jenen außergewöhnlich stolzen und mutigen Kämpfern entgegenzustellen. Es mussten besonders ruchlose Menschen gewesen sein, die die Weidegründe und den Duar, die Heimstatt, genauer das Zeltdorf, welches man auch Madrib heißt, heimgesucht und verheert hatten, um Herden und Habseligkeiten zu rauben.

Mich beschlich ein Gefühl, dass es hier nicht um Vieh oder Güter ging, wie etwa die herrliche Kamelwolle, mit welchen die Haddedihn handelten, indem sie diese mit Kellek-Flößen zu den Städten verbrachten. Eine Ahnung kam in mir auf, und meine Ahnungen hatten mich selten getäuscht. Bei diesem Schlag des Schicksals gegen den Stamm und die Familie meines Freundes, so war ich sicher, musste die schreckliche Vorsehung ihr Ziel ganz bewusst gewählt haben. Nicht allein, weil die gütige Vorbestimmung uns mit Haschims Spiegelstein versehen hatte, auf dass wir rascher – wenngleich auch harscher – von den niederschmetternden Ereignissen weit im Norden, im Zweistromland, erfuhren, als wenn diese Kunde durch Boten zu uns gekommen wäre, wann und wenn überhaupt! So konnten wir nun zur Hilfe und Rache eilen.

Aber ich bin auch davon überzeugt, dass alles seinen Grund und seine Zwangsläufigkeit besitzt. Warum also traf der Überfall die Haddedihn – und warum zu dieser Zeit?

Was war jüngst geschehen? Wir hatten ein gutes Werk getan und in Dauha einige Sklavinnen befreit und somit einer Gruppe schurkischer Sklavenhändler empfindlich geschadet, ihnen gar den Tod als Strafe für ihre schändlichen Taten gebracht. Doch das Schicksal und die Vorsehung wägen nicht ab und balancieren nicht die Waagschalen nach menschlichem Ermessen und kaufmännischer Aufrechnung. Nur weil wir Gutes getan hatten, waren wir nicht von Bösem verschont. Stattdessen gebiert jede Tat eine Gegentat. Waren wir nicht auch gerade auf Rache aus? Wer wollte sich vielleicht an uns rächen? Und in schrecklicher Weise statt an uns – an den Unsrigen?

Ich will meine Gedankengänge nicht weiter beschreiben. Das Ergebnis, zu dem ich kam, wurde ja bald durch die Ereignisse bestätigt.

Es war in einem kleinen Ort, an dem wir Rast machten – widerwillig, aber notwendig. Selbst wenn wir es vorgeblich nur der edlen Meharis wegen taten, so wussten wir doch, dass wir auch unsere eigenen Leiber und Gemüte nicht zu sehr schinden durften, der kommenden Taten wegen, für die wir kräftig und frisch sein mussten.

Der Name des Orts, seine Lage und Besonderheiten sind mir nicht mehr gewahr. Man verzeihe es mir, dem sonst so akkuraten Reiseschriftsteller, dass mir auf diesem langen, eiligen Weg die Details verschwammen, weil sie mir doch recht gleichgültig waren.

Wir kamen also aus Hitze und Sand zu den staubigen Hütten aus bleichem Lehm, schwach beschattet von dürren Palmen. In den ferneren Gassen blökte ein Esel, ein Hund schien kläffend zu antworten, ein wenig menschlicher Streit war zu hören, aber auch Kinderlachen, welches Halef nicht wie sonst versonnen lächeln, sondern ihn die Lippen fest zusammen pressen ließ, ebenso wie die Augenlider. Der Staub der Reise sog gierig das feuchte Schimmern auf. Wir saßen ab und gaben in stumpfer Gewohnheit die Meharis in Obhut, welche wir dennoch mit scharfem Blick gewählt hatten. Das wohlwollende Misstrauen, welches jeder Reisende mit wertvollen Reittieren an den Tag legen sollte, war bei uns mehr denn je ausgeprägt. Wir durften die schnellen Dromedare nicht verlieren, konnten uns keine Verzögerung durch eine Diebesjagd leisten – und selbst die prallgefüllte Börse Sir Davids würde uns in diesen Gegenden keinen Ersatz erkaufen können. Doch immerhin bot sie den Knechten der Karawansereien reichliches und leicht verdientes Geld, sodass diese gar nicht wagten, Träume von noch reichlicherem, aber mit Aufwand und möglicher Gefahr verbundenem Geld zu hegen. Der Anblick der vier Männer, von welchen sie die Meharis und das Kostgeld erhielten, mochte nicht unerheblich dazu beigetragen haben.

Haschim und ich waren ja durchaus stattlich. Doch wenn Halef und Sir David auch gemeinhin spöttischen Blick ernten mochten, wegen ihrer kleinen, gedrungenen oder hager aufschießenden Gestalt, dem spärlichen Bärtchen oder der karierten Kleidung – niemand Fremdes hatte jüngst darauf geachtet, denn meine sonst so wenig Ehrfurcht einflößenden Freunde strahlten nun eine fürchterliche Entschlossenheit aus, die jede heimliche, freche Bemerkung erstickte. Und auch heimliche, dreiste Taten.

Ein wenig besorgte mich, wie sehr wir wohl andere erschreckten. Und in einer seltsamen Anwandlung hoffte ich, man würde uns nicht etwa für ruchlose Verbrecher halten, denn dies wäre mir doch gegen die Ehre gegangen.

Wir betraten den schäbigen Gastraum und die dürftige Kühle des Zwielichts. Es roch nach Rauch und Essensdunst, doch beiderlei lockte uns nicht. Zum Tabakgenuss fehlte uns die Muße, und einen Appetit mochten wir uns nicht leisten, wir wollten uns schlicht nähren, was auch immer die Töpfe und Kessel hergaben und uns erst die Näpfe und dann den Magen füllte. Wenn nur das Wasser in den Bechern kühl und frisch war, wollten wir zufrieden sein.

Stumm ließen wir uns nieder. Ob wir in den vergangenen Tagen auf hölzernen Bänken, Sitzkissen aus Leinen, Binsenmatten oder gestampftem Boden gesessen hatten, war einerlei gewesen. Zumindest Sir David mochte froh gewesen sein, dass der Untergrund nicht mehr schwankte, denn ihn traf der Wechsel vom gewohnten Pferderücken in den Sattel eines Dromedars wohl am heftigsten. Doch wo er früher wohl das ein oder andere empörte Wort oder gar einen britischen Scherz geäußert hätte …

Nein, ich will ehrlich sein: Uns allen war nicht nach Reden zumute, noch weniger nach Scherzen. Es soll nun niemand anmerken, ein heiteres Wort hätte vielleicht die Stimmung gelöst – dem müsste ich entgegnen, er verkenne die Situation und Lage, eben weil er sie, der Vorsehung sei gedankt, wohl gar nicht kenne!

Halef strapazierte den Griff seiner Kurbatsch, der Peitsche aus Nilpferdhaut, und an den knappen, fahrigen Bewegungen erkannte ich, dass er in Gedanken einen heftigen Hieb nach dem anderen ausführte. Doch der vorgestellte Rücken konnte nur einer gesichtslosen Person gehören, die imaginierte Vergeltung also ziellos und ernüchternd sein.

Sir David klaubte bereits jetzt einige Münzen zum Begleichen der Zeche hervor, wie er es auch zuvor getan hatte, um nach unserem eiligen Mahl keine Zeit zu verschwenden. „Geld ist Zeit", hatte er bei den ersten Malen gemurmelt, und niemand wagte ihm zu widersprechen, wo wir doch alle den Schlaf verfluchten, der uns so manche Stunde raubte, wenn wir es nicht verantworten konnten, in den Sätteln in unruhigen Schlummer zu verfallen, weil das Gelände unsere Aufmerksamkeit erforderte.

Dennoch hatte der Lord ein weises Wort geprägt, denn wie ich bereits anhand der Karawansereien erläuterte, so entledigte uns die Reichlichkeit der Reisekasse doch so einiger Hindernisse, die uns andernfalls Zeit und auch Gemütsstärke gekostet hätten, und beides konnten wir uns nicht leisten.

So stumm und grimmig wir also waren, der Wirt, der herankam und mir so unauffällig und eigenschaftslos erschien wie seine Gaststätte und der Ort ringsum, legte eine heitere Neugierde an den Tag.

‚Ist es überhaupt Tag?‘, dachte ich in jenem Moment. Wir hatten unseren Reisetakt auf ungesunde Art vom Lauf der Sonne abgekoppelt, und so wusste ich kaum, welcher Wochentag sein mochte, und angesichts des immer gleichen Zwielichts der Schenken und Gasträume mit den Fensterlöchern, in denen Bretter oder Häute oder Geflecht klemmten, war ich mir manches Mal nicht sicher, ob draußen der Tag oder der Abend dämmerte. Man glaube nun nicht, ich sei vor Zorn und Sorge so blind geworden, dass ich Sonne und Mond, Tageshelle und Nachtschwärze nicht mehr hätte unterscheiden können – doch ich muss gestehen, dass mir alles in einheitlichem Grau erschien, so sehr litt ich mit Halef und bangte um die Seinen, denen ich ja auch äußerst eng verbunden war.

Der Wirt fragte also fröhlich: „Was soll’s denn sein?"

Und mir schien er auf eigentümliche Weise wie ein Bierschenk aus der Heimat, ein Kretschmer in einer Kaschemme des Erzgebirges. Ich spürte allzu deutlich, dass die ungewisse Verzweiflung mir nicht wohltat. Wären wir nur endlich bei den Haddedihn!

Wortkarg orderten wir, ich weiß nicht mehr, wer von uns es war, Speise und Trank.

„Ihr scheint in Eile, bemerkte der Wirt. „Wichtige Geschäfte? Wo mag’s denn hingehen?

Ich hörte, wie Halef die Nüstern blähte und mit dem Stiefel scharrte. Rasch legte ich meine Hand auf seinen Arm.

„Nach Norden", sagte ich vage und rasch.

„Ja, da zieht’s viele hin, meinte der Wirt. „Wenn sie nicht nach Westen, gen Mekka ziehen, zur Hadsch. Aber die Kaufleute wollen eben nach Basra und Bagdad. Er musterte uns. „Ihr seid aber wohl keine Kaufleute …"

Haschim hob den Blick ein wenig und die Stimme um weniges mehr. „Wir haben einen anderen Auftrag."

Der Wirt schaute mit einem Mal recht unterwürfig. „Ich wollte dem hohen Herrn nicht zu nahe treten. Ich erkenne Adel auch unter dem Staub der Reise. Verzeiht, ich bringe Euch sogleich das Gewünschte."

Er eilte davon. Wir schwiegen weiter, doch Haschim suchte meinen Blick.

‚War dies töricht von mir?‘

‚Ich vermag es nicht zu sagen‘, bedeutete ich mit leichtem Heben der Schultern.

Ein anderer, älterer Mann kam mit einem Brett in den Händen heran, auf dem Näpfe und Becher standen. Während er diese an uns verteilte, ruckte er mit dem faltigen Hals. Sein unsteter Blick fiel auf mich, Haschim hingegen mied er.

„Keine Kaufleute, raunte er, „aber nach Norden.

„Ja", brummte ich knapp und rückte meinen Napf zurecht, um zu zeigen, dass ich nicht reden wollte. Doch der Neugierige senkte seine Stimme und zudem auch seinen Kopf bis nahe an mein Ohr.

„Jagt Ihr auch den Verbrecher?", flüsterte er.

Ich ließ mir mein Erstaunen nicht anmerken, denn ich war froh, dass Halef seinen mürrischen Blick von dem Ältlichen abgewandt hatte und sich lustlos dem Inhalt seines Napfes widmete.

„Wen?", fragte ich und ließ es wie ein Räuspern klingen.

„Den Beduinenmörder!"

Ohne dass es meine Gefährten sehen konnten, ergriff ich den Mann fest an der Kleidung. „Ich treffe dich hinter dem Haus, knurrte ich und sagte lauter: „Bring noch mehr Brot.

Der Mann ging und ich sah, wie Haschim die eine Augenbraue hob. „Ja, meinte er, „von diesem Brot möchte ich auch etwas.

Ich nickte und stand auf. Ich musste meinen Gefährten keine Entschuldigung bieten, wir saßen hier nicht zu Tisch bei einer Gesellschaft. Ich lenkte meine Schritte zum hinteren Ausgang, an der winzigen Küche vorbei. Draußen scharrten Hühner in einem Gehege, ich hörte Ziegen in einem Verschlag, die Stallungen für die größeren Tiere schlossen sich wohl an. Aus einer entfernteren Tür schaute eine beleibte Frau. Der Ältliche wartete bereits auf mich und scheuchte die Neugierige mit einer Geste fort, welcher sie unwirsch entgegnete, dabei den Kopf aber zurückzog.

„Erzähl!", forderte ich knapp. Der Mann zwinkerte aufgeregt und schaute misstrauisch umher, als wollte er mir das Geheimnis des ewigen Lebens verraten. Für mich war seine Kunde wohl fast so wichtig, denn er hatte anscheinend jemanden getroffen, der vom Überfall auf die Haddedihn gehört hatte. Nachrichten reisen rasch, wenn sie denn sensationell genug sind. Und ich war kaum verwundert, dass es nicht allein wir waren, die Rache nehmen wollten. Vielleicht waren Malek und Amad el Ghandur, die Scheiks der Ateibeh und der Haddedihn, bereits auf Verbrecherjagd, um den Überfall zu sühnen. Es wäre gut, sich mit ihnen zu treffen und dann Wissen und Pläne zu teilen. Ich musste also herausfinden, wer in diesem Gasthaus gewesen war, wen der Mann getroffen hatte.

Ich wiederholte meine Forderung.

„Vor einigen Tagen, begann der Ältliche, „waren einige Reisende hier. Gerade solche wie Ihr.

„Das bezweifle ich. Aber du wirst sie ebenso ausgefragt haben wie uns."

„Verzeiht, Herr, aber wenn es nicht so gewesen wäre, könnte ich Euch jetzt nichts erzählen."

Er schaute nicht mehr umher, sondern erst auf meinen Geldbeutel am Gürtel und dann auf seine Hand.

„Wann war das?", fragte ich ungerührt.

„Vor ein paar Tagen." Ein Blick auf den Beutel, ein Blick auf die Hand.

Ich überschlug Reiserouten und Tagesritte und nannte eine Zahl. Der Mann wurde rot und kurzatmig vor lauter Aufregung und Spannung.

„Dann gehört Ihr tatsächlich dazu!, hauchte er. „Ihr jagt den Beduinenmörder!

„Wer Beduinen tötet, wer irgendjemanden tötet, gehört gejagt!"

Er schaute mich schief an, als hätte ich ihm die seltsamste aller Weisheiten enthüllt. „Nein, Herr. Er hat keine Beduinen getötet. Er ist Beduine und hat viele Männer ermordet, anständige Kaufleute in Dauha, und deren Freunde suchen ihn nun, um gerechte Rache zu nehmen!"

Dauha!

Ich ahnte die schreckliche Bosheit, die abgefeimte Scharade!

Und ich sah, wie der Mann ärgerlich die Hand vor den Mund schlug, weil er mir etwas verraten hatte, wofür er doch erst Bakschisch hatte nehmen wollen. Ich zerrte eine Münze aus dem Beutel und packte seine Hand, drückte das Geldstück hinein, schloss seine bebenden Finger darum und hielt sein Handgelenk weiter in hartem Griff.

„Wen suchten die Männer genau?", drängte ich.

„Eben einen Beduinen …"

„Der Name!"

Ich ahnte und hoffte zugleich.

„Halef von den Haddedihn!", sagte der Mann, und ich spürte, wie meine Ahnung meine Hoffnung verhöhnte, was schreckliche Schauer von Hitze und Kälte gleichermaßen in mir aufwallen ließ.

Armer Halef, törichter Halef! Was hatte er in Dauha, im Augenblick des Triumphs über die Sklavenhändler, denn nur so unbedacht und stolz seinen Namen nennen müssen? Aber ach, er hatte nicht bedacht, dass man ihn auch bei diesem halben Selbstgespräch belauschen konnte! Oder vielmehr, dass der ohnmächtige Abu Kurbatsch Halefs Worte auch in seiner Besinnungslosigkeit vernommen hatte. Eine andere Erklärung konnte es nicht geben. Und Abu Kurbatsch hatte sein Wissen mit den Seinen geteilt, denn ihn selbst hatten wir im Sandmeer der Rub al Chali, in das er uns gefolgt war, bei einem heimtückischen Angriff auf uns erschossen. Wie hätten wir damals ahnen können, dass unsere Taten in Dauha noch ein weiteres Nachspiel haben würden? Ich hatte geglaubt, dass die einzelnen Gruppen der Sklavenhändler einander im Konkurrenzkampf als Feinde betrachteten und der Verlust des einen der Gewinn des anderen war. Doch schien Abu Kurbatsch treue Gesellen zu haben, die nun seine Rache fortführen wollten.

Und nun nutzten diese Sklavenhändler das Wissen Abu Kurbatschs für ihre Verfolgung. Sie hatten nur einen Namen, doch sie waren klug genug, diesem auf die Spur zu kommen, indem sie nicht schlicht nach jenen Beduinen und ihren Weidegründen fragten, sondern eben vorgaben, einen Verbrecher zu jagen.

Jeder aufrechte Mann würde ihnen Auskunft geben, so er es denn vermochte, und er würde es noch einmal so eifrig tun, wenn er für seine ehrenvolle und nützliche Auskunft auch noch Bakschisch erhielt. Die Sklavenhändler hatten wohl ebenso reiche Barmittel wie wir dank der Börse des Lords. Es ernüchterte mich, zu erkennen, wie sehr das seelenlose Geld doch den einen wie den anderen hilft, den Guten wie den Bösen.

Und eine meiner Münzen steckte nun in der Faust des Ältlichen – ein geringer Preis für jene wichtige Erkenntnis. Und vielleicht würde ich noch mehr erfahren.

„Wie sahen die Männer aus?", fragte ich weiter.

„Ich sagte doch bereits, Herr, nicht viel anders als Ihr."

Welch Unsinn! Ein Scheik, ein Bedu, ein Deutscher und ein Brite, Letzterer in graues Karo gekleidet. Wie konnte eine Gruppe uns ähneln!

„Sprich keinen Unfug!"

Der Mann hob beteuernd die Hände, eine offen, eine geschlossen, mit der Münze darin. „Sie waren gut gekleidet, angemessen für die Reise und auch sehr entschlossen. Grimmig und wortkarg. Wie es sich für gute Menschen geziemt, die Verbrecher jagen!"

Diese Worte schmerzten mich, denn sie hielten mir einen Spiegel vor, in den ich besser nicht hatte schauen wollen, wenngleich ich den Anblick doch selbst geahnt hatte. „Wie viele waren es?"

„Vier, wie ihr! Und sie ähnelten euch! Einer war klein, einer dünn, und einer hatte den gleichen ehrfurchtsgebietenden Anschein wie der dritte Eurer Gefährten, etwas das ich selten sehe, aber sogleich erkenne! Aber der wichtigste Mann, der Anführer, der war so stark und kühn wie Ihr, wenngleich er schon Grau im Bart trug, während der Eure noch prächtig …"

„Schmeichle mir nicht!"

„Verzeiht, Herr!"

„Es waren also nur vier?"

„Vier in diesem Haus. Ob noch weitere bei ihnen waren, weiß ich nicht."

„Sie waren also an besagtem Tag hier. Und reisten nach Norden."

„Ja. Ich habe alles gesagt, was ich weiß."

Mehr würde ich also nicht erfahren.

„Gut. Dann teile dein Bakschisch gerecht mit deiner Frau dort hinten, aber halte dich künftig mit deiner Neugierde und deiner Rede zurück. Und bring uns das gewünschte Brot."

Damit ließ ich ihn in dem schäbigen Hinterhof stehen und ging wieder hinein.

Meinen Gefährten sagte ich noch nichts von meiner neuen Kenntnis. Ich wollte sie vor dem Schlaf nicht aufwühlen. Und vor allem Halef nicht in Gewissensnöte bringen. Denn wie konnte ich ihn an seine törichte Prahlerei in Dauha erinnern, die vielleicht zum Angriff auf die Haddedihn geführt hatte, wenn ich doch nichts Genaues wusste? Gewiss suchten Vertraute von Abu Kurbatsch nach Halef und seinen Beduinen. Doch hatten sie diese bereits gefunden und erreicht? Selbst wenn ich berechnet hatte, dass dies möglich gewesen wäre, so vermochten vier Männer doch nicht das große Lager der Haddedihn so zu zerstören, wie wir es im Spiegelstein geschaut hatten. War es also doch der Angriff eines anderen Stammes gewesen? Die Haddedihn hatten in der Dschesireh einen guten Stand, ihrer Stammesgröße wegen, was davon rührte, dass sie die Ateibeh in sich aufgenommen hatten. Und so waren kleinere Stämme ihnen tributpflichtig. Diese mochten auch den Wohlstand neiden, den die Haddedihn mit ihrer Kamelwolle und vor allem der herausragenden Pferdezucht erreicht hatten. Konnte ein neuer Anführer eines kleineren Stammes gewagt haben, gegen sie aufzubegehren?

Wenn ich diese Möglichkeit außer Acht ließe und allein einen Angriff der Sklavenhändler verkündete, so würde Halef hin- und hergerissen sein, zwischen dem Drang, seine Familie und seinen Stamm aufzusuchen und sich ihres trotz des Angriffs erhofften Wohlergehens zu versichern – und dem Drang, sogleich die Verbrecher zu jagen, indem wir uns mit ihrer Beschreibung versehen auf die Spur setzten, gleich wie jene es mit Halef getan hatten.

Wie konnte ich Halef da noch enthüllen, dass er verleumderisch als Verbrecher gesucht wurde, gewissermaßen einer Blutrache unterworfen war? Es wäre besser, wenn er dies nicht wüsste.

Aber eine weitere Sache hatte ich noch im Hinterkopf, die mir an den Worten des Ältlichen aufgefallen war. Diese wollte ich mit Haschim besprechen, doch das würde warten müssen bis zur geeigneten Zeit. Denn mich selbst machte der Gedanke schaudern, dass es hier nicht allein um Kämpfe unter Beduinenstämmen oder um Rache von Sklavenhändlern gehen mochte, sondern dass sich auch erneut die finstere Seite des magischen Orients offenbaren könnte.

Zweites Kapitel

Der Schmerz der Haddedihn

Die Rückkehr in die Dschesireh, in die Gefilde und Weidegründe der Haddedihn, ist mir stets eine Freude gewesen. Ich erinnere mich noch genau an meinen ersten Besuch, damals allerdings noch ohne die tieferen Verbindungen zu diesem Stamm, welche mir aus dem gemeinsam ausgefochtenen Befreiungskampf und schließlich auch der engen Freundschaft zu Halef und dessen Aufnahme in jene Gemeinschaft erwuchsen. Ich war damals, vor fünf Jahren, mit Sir David durch diese Gegend geritten, den ich erst kurz zuvor durch eigentümliche und glückhafte Fügungen in Maskat am Golf von Oman getroffen und der mir auf seinem Dampfboot eine Passage den Golf hinauf, bis zum Tigris durch den Schatt-el-Arab, gewährt hatte, mit Landgang in Basra. Von Basra aus waren wir dann zu Pferd in unser erstes gemeinsames Abenteuer aufgebrochen, so wie ein weiteres vor einem Jahr ebenfalls in Basra seinen Anfang genommen hatte, an dessen Ende wiederum die Reise zu den Haddedihn stand, mit der jungen Djamila, auf dem Weg in die Arme ihrer verlorenen und wiedergefundenen Familie.

Was waren diese Reisen doch heiter gewesen, nicht allein vom Zustand des Gemüts her betrachtet, sondern auch von jenem der Umgebung. Damals hatte die Steppe geblüht, jeder Hufschlag der Pferde hatte den Wohlgeruch der Blumen aufgewirbelt, die als buntfarbiger Teppich den Grund bedeckten. Dies war jenes Gefilde, das der Araber als Merdsch kennt, so wie der Afrikaner seine Savanne und der Amerikaner seine Prärie. Und doch wirken diese Wiesen der Dschesireh um so vieles prächtiger, wenn sie den Reisenden empfangen – nach den vom Sandsturm durchtosten, von tödlichem Licht versengten Wüsten – und sich die zerklüfteten und verschmachteten toten Flussläufe der Wadis ebenso zurückgezogen haben wie die tückischen wandernden Dünen aus stechend heißem Sand.

Gewiss herrscht ein ähnlicher Gegensatz zwischen den Wüsten Amerikas und Afrikas und den jeweiligen Graslanden, und in Asien ist es kaum anders bestellt. Doch man bedenke, dass die Düfte und Wohlgerüche Arabiens sprichwörtlich sind, und nicht von ungefähr auch die kleinste Blüte einen besonderen Zauber verströmt, zudem wenn man über sie hinweg zu lieben, vertrauten Menschen reitet.

Doch hier und heute war die Merdsch verblüht. Ein trübes Licht ergoss sich über die faden Gräser, aus denen sich nurmehr die farblosen Überreste der einst so herrlichen Blüten matt erhoben. Dumpf klangen unsere Hufe, nur Staub wölkte empor, kein Duft nach Leben, sondern allein der Dunst von Verderbnis und Tod. Mich hätte es kaum verwundert, wenn sich in dieser trostlosen Steppe auch noch eine wüstenhafte Fata Morgana gezeigt hätte, um uns mit einem Trugbild zu narren und zu verhöhnen.

Wir wussten nicht genau, was uns im Duar, im Lager der Haddedihn, erwartete, auch wenn der Spiegelstein uns einen Anschein gezeigt hatte.

Endlich kamen wir heran und sahen die ersten Zelte der Haddedihn in der Ferne. Ich war froh, dass keine Rauchschwaden von ihnen gen Himmel stiegen, wenngleich der Gedanke töricht war. Denn jeglichen Brand, der durch den Überfall entstanden war, hatte man doch längst erstickt und gelöscht.

Auch sahen wir die Herden der Schafe und Kamele als Gruppen niederer heller und aufragender dunkler Flecke, die sich grasend bewegten. Warum nur hatte ich mir in unruhigen Träumen den blutbedeckten Grund mit Kadavern jener Tiere übersät vorgestellt, wie das Schlachtfeld eines Menschenkrieges am Tag nach dem scheußlichen Morden? Die Tiere wären doch bei einem Angriff – ob durch feindliche Beduinen oder rächende Sklavenhändler – wohl eher gestohlen oder vertrieben worden oder eben vor dem Aufruhr geflohen!

Dennoch erkannte ich, dass die Herden ausgedünnt waren, und auch wenn mich meine Erinnerung täuschen mochte, so sagte mir ein rascher Blick zu Halef, dass ich Recht hatte.

Als wir uns näherten, zerstob ein weiterer Angsttraum und mit ihm das furchtbare Bild des Spiegelsteins. Denn die Zelte waren nicht länger umgestoßen, in sich zusammengefallen oder gar verbrannt. Sie standen wieder so stolz und aufrecht wie ihre Bewohner – denn alle Zerstörung war von jenen eifrig getilgt worden. In der Zeit zwischen dem Überfall und unserer Ankunft hatten die Haddedihn die Zelte wiedererrichtet, die verbrannten durch neue ersetzt – denn wer wollte schon in Trümmern leben, wo die Erinnerung schmerzlich genug war. Gewiss sah man hier und da eine angesengte Zeltstange, eine Stoffbahn, die geflickt war – denn was noch zu gebrauchen war, wurde niemals fortgeworfen, und so wie ein Krieger seine Narben trägt, so behält auch ein Duar die Spuren dessen, was er erlebt hat.

Jetzt aber kamen die Menschen, die Haddedihn, heran.

Ich hatte bei unserer Annäherung bereits in der Ferne die Späher und Wachen zu den Seiten unseres Weges bemerkt, die Reiter mit den Gewehren und den Lanzen, mit denen sie sich in einem eigentümlichen Mixtum von Moderne und Altertum bewaffneten. Die Haddedihn waren nach dem Überfall noch wachsamer geworden, als es ohnehin angeraten war. Doch hatte man uns nicht angehalten und überprüft, denn die Wächter hatten Halef und mich wohl erkannt und waren stattdessen in den Duar geritten, um Meldung über unser Herannahen zu machen.

Und nun kamen uns die Haddedihn entgegen. Rasch ließ ich meine Blicke über sie gleiten, indem ich bekannte, vertraute Gesichter suchte, um mein rasendes Herz zu beruhigen.

Doch musste ich bedenken, dass die stolzen Beduinen auch in Not und Schmerz noch ihre Regeln befolgen und die Würde der Begrüßung bei den Oberhäuptern liegt. Niemals hätte ich erwarten dürfen, dass Halefs gesamte Familie herangestürmt wäre, damit sie einander erleichtert und lachend in die Arme fallen konnten – oder auch mit gesenktem Kopf und Tränenblick, weil einige von ihnen …

Der Scheik der Haddedihn, Amad el Ghandur, trat vor und hob die Hände. Sein Gesicht zeigte nur strenge Ernsthaftigkeit, keine Spur von Leid über das Geschehene oder Freude über unsere Ankunft – beide Gemütsregungen konnte er sich nicht erlauben. Doch ich ahnte, dass unter seinem schwarzen Bart, der ihm lang bis über die Brust fiel, das Herz schwer war.

„Willkommen euch, in dieser schweren Stunde, die uns erleichtert wird durch euer Eintreffen, das rascher geschah, als wir je hätten hoffen mögen! Allah hat euch in seiner Güte rasch auf den Weg gesandt und gut behütet, während er uns zuvor schwer geprüft hat."

Wir entboten einander die angemessenen Grußformeln, die ich nicht wiedergeben will, da sie mir zwar tief empfunden, aber doch ein wenig automatenhaft über die Lippen kamen. Ich spürte, wie meine Aufregung und Sorge zum Teil einer Taubheit wichen, die aber umso heftiger biss und stach, weil das Wichtigste noch immer im Ungewissen blieb.

Nun trat Scheik Malek vor, der Vater von Amscha und Großvater von Hanneh und Djamila. Er war bei unserer ersten Begegnung bereits nahe am Alter eines ehrwürdigen Greises gewesen, und dem entsprach auch seine etwas gebeugte Haltung, die jedoch noch immer den starken Wuchs des Kriegers ahnen ließ. Die Falten seines Gesichts waren noch tiefer geworden, nun wohl nicht nur wegen des Alters, sondern der schrecklichen Umstände wegen. Was mich aber verwunderte, war die Farbe seines langen Barts, den ich als so weiß in Erinnerung hatte, wie jener Amad el Ghandurs schwarz war. Maleks Bart besaß nun einen seltsam schimmernden Grauton, satt und tief wie Glanzkohle, welche man auch Anthrazit nennt.

Halef bemerkte meinen Blick und ließ ein abgehacktes Glucksen hören, als erinnerte er sich an einen Scherz, über welchen laut zu lachen oder ihn gar zu äußern, die Situation verbot. Er winkte mit leiser Geste ab und ich begriff, dass er mir alles beizeiten erklären würde. In diesem Augenblick verspürte ich aber weniger Neugierde als vielmehr Erleichterung darüber, dass sich das Herz meines kleinen Freundes vor lauter Sorge nicht so sehr verhärtet hatte, dass es ihm bei der nächsten Erschütterung im Leib zersprungen wäre.

Jetzt sprach Scheik Malek die Grußformeln, welche wir erwiderten, und endlich, endlich erfuhren wir, was geschehen war.

Sie waren in der Nacht gekommen, in unbekannter Anzahl. Und sie hatten nicht angegriffen wie Beduinenkrieger, selbst wenn es dafür Anzeichen gab.

„Eine Finte, befand Amad el Ghandur. „Um uns glauben zu machen, es seien andere Stämme gewesen. Aber die Zerstörungen der Zelte waren nur Ablenkung, während andere das eigentliche Ziel verfolgten.

Malek ergriff fest die Hände Halefs. Seine Augen schimmerten und seine Stimme strafte die verzweifelte Kraft seiner Hände Lügen, denn sie war brüchig. „Sie haben Hanneh entführt. Und Djamila."

Halef erbebte, doch er ließ sich nicht von dieser furchtbaren Nachricht überwältigen, sondern fragte sogleich nach Amscha und Kara Ben Halef, seinem kleinen Sohn.

Malek atmete zitternd ein. „Dein Sohn ist wohlauf. Er war während des Überfalls bei den Kriegern, welche die wertvollen Pferde ausritten. Kara Ben Halef ist mit seinen fünf Jahren schon ein guter Reiter, ein stolzer Bedu."

Halef nickte erleichtert und stolz.

Malek nickte mit ihm. „Und meine starke Tochter hat ihre Wunden tapfer ertragen, die sie sich zuzog, als sie ihre Töchter und meine Enkeltöchter verteidigte, wenngleich vergeblich. Ich musste ihr befehlen, auf ihrem Lager zu bleiben, statt sogleich hinter den Entführern herzujagen."

„Was ist mit jenen?", fragte Halef.

„Wir haben Krieger auf ihre Spuren angesetzt. Doch sie flüchteten in vielen Gruppen. Die Entführer selbst teilten sich mit Hanneh und Djamila auf und verschwanden in zwei Richtungen. Und jene, die ihnen halfen, indem sie das Lager zerstörten, nahmen einen guten Teil der Schafe und Kamele. Als Lohn, denn sie haben sie sogleich den Nachbarstämmen zum Kauf geboten. Vergeblich. Und so töteten sie die Tiere, die für sie nur Ballast waren. Dann flohen sie."

„Aus Furcht vor der Rache der Haddedihn, rief Halef. „Zu Recht! Sich zu Schandtaten verleiten zu lassen, für einen Lohn, der dann ausblieb. Dumm und töricht – doch dies schützt vor Strafe nicht.

„Unser Bündnis mit den ringsum siedelnden Stämmen ist noch gefestigt worden. Sie verweigerten den Kauf der ihnen bekannten Tiere, und so erlassen wir ihnen für eine Weile den Tribut. Auch haben sie sich bereit erklärt, die Banditen zu jagen, damit wir uns ganz der Befreiung unserer Stammestöchter widmen können."

„Das wird meine Aufgabe sein. Und die meiner Freunde! Doch nun möchte ich Amscha sehen und Kara Ben Halef!"

Malek wies den Weg und wir folgten ihm, obgleich wir doch wussten, wo das Zelt von Halefs Familie stand. Ich erkannte ringsum, dass doch noch nicht alle Spuren des Überfalls verwischt waren. Auf dem Grund sah man deutliche Brandflecke und aufgewühlte Erde, in den Zeltbahnen bemerkte ich die Löcher, welche Flintenkugeln gerissen hatten. Der Angriff musste heftiger gewesen sein, als die Haddedihn sich wollten anmerken lassen. Ich sah die geröteten Augen der Witwen und Waisen. Und würde ich den Duar verlassen, fände ich im Umkreis sicher mehr als eine Handvoll frischer Gräber. Ob jene Beduinen, die ich namentlich oder vom Ansehen her kannte, nun aber nicht erblickte, bei den Herden waren oder auf Kauffahrt in die Städte oder auf der Jagd nach den Verbrechern – oder eben in ihrer letzten Ruhestatt weilten, vermochte ich nicht zu sagen. Wohl aber bemerkte ich den Zorn in den Blicken, der sich in Hoffnung wandelte, als sie meine Freunde und mich erkannten: Die Haddedihn vertrauten darauf, dass wir würden helfen und retten und rächen können.

Wir näherten uns Halefs Zelt, welches wir in jenem Schreckensbild des Spiegelsteins so verwüstet gesehen hatten, mit der verwundeten Amscha auf dem Lager. Halef schaute bang, und auch ich vermischte vor meinem geistigen Auge das Geschaute mit dem, was uns wohl erwarten würde.

Dann aber zeigte Malek auf ein wiedererrichtetes Zelt nebenan, und dies war jenes von Amscha, welches man ihren Witwensitz hätte nennen mögen – wäre der Vater ihrer Kinder ein ehrbarer Ehemann und nicht der scheußliche Schurke Abu Seif gewesen und ehrenvoll gestorben und nicht wegen seiner schändlichen Taten gerichtet worden. Amscha hatte danach nie geheiratet.

„Amscha ist dort drinnen, sagte Malek. „Sie wird euch gleich empfangen. Aber Halef soll zunächst seinen Sohn sehen.

Er zog die Zeltbahn beiseite und wir sahen das Innere wiederhergerichtet, und auf einem Lager schlummerte der kleine Kara Ben Halef, bewacht von einer jungen Beduinin, die ihm mit einem Tuch die Stirn kühlte.

Halef trat auf den Teppich mit sachten, bedachten Schritten, die ihm sichtliche Mühe bereiteten. Doch er wollte durch jene Zurückhaltung sowohl sein Gesicht wahren als auch den schlafenden Jungen nicht wecken.

„Ist er krank?", fragte er mit trockener Stimme.

Die junge Frau schüttelte den Kopf. „Nicht am Leib, sondern vor Sorge über seine Mutter und Tante. Aber er ist stark, und es wird helfen, dass sein Vater nun bei ihm ist."

Sie erhob sich und bot Halef ihren Platz am Lager des Jungen an, dann verließ sie das Zelt. Halef setzte sich nieder und hatte nur noch Augen für Kara, weswegen Malek die Zeltbahn sinken ließ.

„Lassen wir ihm diesen Augenblick."

Ich nickte und wollte ein sanftes Wort an den Urgroßvater richten, das von der Sorge ablenkte. „Malek, ich bemerkte ein Bündel in der Armbeuge von Kara. Es sah wie – eine Puppe aus?"

Malek lächelte. „Es ist ein Tier aus Tuch, ausgestopft mit Haaren. Djamila hat es ihm geschenkt und wohl auch selbst verfertigt. Sie sagt, dass es ihm Mut und Kraft geben würde, wann immer er übel träumt."

Ich nickte angetan. „Eine schöne Gabe."

Malek wiegte den Kopf. „Nun, ich weiß nicht, ob es ihm nicht überhaupt erst üble Träume bereitet. Ich dachte zunächst, es solle ein Kamel sein, bis ich den unpassenden Kopf und den Schwanz bemerkte. Von Löwe und Schlange. Was soll dies nur darstellen?"

Ich wechselte einen Blick mit Haschim, dem Verwunderung im Gesicht geschrieben stand. Djamila hatte Kara das Ebenbild eines Mantikors geschenkt, jenes Ungetüms, welchem wir unter Al-Kadirs Festung begegnet waren. Das Mädchen hatte wahrhaft eigentümliche Ansichten, was als Spielzeg und Talisman für einen jungen Bedu geeignet war.

„Nun, meinte Malek, „aber meine jüngere Enkeltochter ist ohnehin etwas Besonderes. Sie hat gewisse – Grillen im Kopf.

„Das kann ich mir vorstellen", erwiderte ich.

Nein, nicht nur vorstellen: Ich hatte dies ja selbst erlebt und wusste nur zu gut, was Malek meinte.

Er wiegte den Kopf. „Aber selbst ich gebe ihr dann und wann gern nach."

„Inwiefern?"

„Sie meinte, der weiße Bart würde mich älter machen, als ich bin, und so empfahl sie mir, ihn zu färben mit einer Mischung aus …"

Halef schlug die Zeltbahn zurück und trat wieder zu uns. „Ich wollte Kara nicht wecken. Es tat mir wohl, ihn zu sehen, da es ihm doch gut geht. Jetzt will ich ans Krankenlager von Mutter Amscha."

Malek strich sich über den glänzenden dunklen Bart. „Es wird dir ebenso wohltun, Amscha zu sehen …"

Er wies auf das Zelt und wir gingen hinein, wobei wir uns an die Bilder erinnerten, die Amscha reglos auf ihrem Lager gezeigt hatten. Was bedeutete es, dass sie nun wieder in ihrem eigenen Zelt war – etwa, weil sie dort …

Amscha lag nicht mehr auf Matten und Kissen, sondern saß auf einem geschnürten Ballen in der Mitte des Zeltes – gleichwohl reglos. Rings um sie sah ich Bündel und Beutel, wie bereitgelegtes Reisegepäck. Und neben und vor ihr lagen Waffen, wie sie die Beduinenkrieger tragen: ein Yatagan, also ein leichter Säbel, wie ihn auch Halef wohl zu führen wusste, dazu auch ein Sarras, eine schwere Ausführung jener gebogenen Klinge. Dann ein Tüfenk, eine prächtig mit Einlegearbeiten geschmückte, wenngleich etwas altmodische Flinte, und ein Dscherid, der Wurfspeer, der auch als Stoßlanze dienen konnte. Auch zwei Tabandschab, einschüssige Pistolen, in bestickten Hüllen waren dabei.

Amscha trug nicht mehr die blutbefleckte Kleidung, in der wir sie gesehen hatten und die aus dem hellen Stoff bestand, aus dem die Alltagskleider der Beduinenfrauen gewirkt sind. Nun trug sie das Gewand eines Beduinenkriegers, gegürtet, um die Klingen und die Kugeln für die Feuerwaffen aufzunehmen, und die Hosen steckten straff in den geölten Stiefeln.

Die Kriegerin blickte uns an.

Ihre Augen waren dunkel, von den Fältchen des mittleren Alters umstrahlt,

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