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Hotel de Dream: Ein New-York-Roman

Hotel de Dream: Ein New-York-Roman

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Hotel de Dream: Ein New-York-Roman

Länge:
266 Seiten
3 Stunden
Freigegeben:
Mar 24, 2015
ISBN:
9783863001964
Format:
Buch

Beschreibung

Das Finanzsystem durchlebt eine schwere Krise, die führende Weltmacht foltert feindliche Kämpfer auf einer entlegenen Insel und viele, vor allem arme Menschen sterben an einer gefährlichen Geschlechtskrankheit. Literarisch hochbegabte Autoren sind beim breiten Publikum unbekannt und bitterarm, zudem weigern sich die Verlage, ihren Lesern Bücher über Homosexuelle zuzumuten. Mit Hotel de Dream hat Edmund White einen hochaktuellen Roman geschrieben – er spielt im New York des Jahres 1900.

Der Roman beschreibt die letzten (fiktiven) Tage im Leben des (realen) Autors Stephen Crane, einer Art "James Dean" der amerikanischen Literatur Ende des 19. Jhdts. Diesem sehr "normalen" jungen Mann läuft eines Tages der kleine Stricher Elliott in die Arme, Crane gibt ihm zu essen und die beiden lernen sich kennen. Den Tod vor Augen wagt Stephen Crane es einige Jahre später, das Leben dieses Straßenjungen literarisch aufzuarbeiten, obwohl er weiß, dass ein solches Buch im prüden Amerika niemals erscheinen wird.

Edmund White kombiniert virtuos reale Fakten und Personen mit literarischer Fantasie. Sein "City Boy" Elliott führt die Leser durch die homosexuelle Unterwelt New Yorks zur vorigen Jahrhundertwende, und gleichzeitig empfängt der Autor Crane in seinem englischen Exil Berühmtheiten wie Henry James und Joseph Conrad, die beide zu dieser Zeit genau wie er weitgehend mittellos sind; ihre Porträts sind kleine Meisterwerke voller Liebe und Bosheit.

Mit dem Roman im Roman über den kleinen Elliott erzählt White eine wundervolle Liebesgeschichte, die ihre Wucht nicht zuletzt aus den feindlichen Umständen gewinnt, gegen die sie sich behaupten muss.
Freigegeben:
Mar 24, 2015
ISBN:
9783863001964
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Hotel de Dream - Edmund White

RYAN

MOTTI

Der Geist meines Mannes kommt nicht zur Ruhe. Im Traum durchlebt er sein Leben noch einmal und redet dabei laut vor sich hin.

Mrs Stephen Crane an Morton Frewen

am Abend vor Cranes Tod

Ich muss immerzu verschwinden, abtauchen und mich auflösen. Das ist mein wichtigster Charakterzug.

Crane 1896 in einem Brief an Ripley Hitchcock

Bei McClure traf ich Stephen Crane, den wundervollen Jungen, dessen frühe Werke ich 1891/92 kennenlernte und förderte. Er ist gerade aus Havanna zurückgekehrt und wirkt schmutzig und nikotingegerbt, aber geistig rege und wie immer voll verrückter Ideen. Er macht auf mich wie auch früher schon einen kränklichen Eindruck – nicht der Typ, der alt wird. Seine Kleidung vernachlässigt er neuerdings stark … Er war nicht besonders begeistert, mich wiederzusehen. Seine Haut war gelb und sein Blick unsicher. Seine Haltung mir gegenüber hatte sich irgendwie geändert.

Hamlin Garland, 29. Dezember 1898

EINS

CORA GLAUBTE KEINEN MOMENT DARAN, DASS IHR junger Ehemann sterben könnte. Andere glaubten es – besonders der teure Spezialist, der aus London gekommen war und einen Tag lang seine lange Nase in alle Ecken von Brede Place steckte und dann fünfzig Pfund von ihr verlangte! Er flüsterte, Stevies Lungen seien so schlecht, sein Körper so schmächtig und sein Fieber so hartnäckig, dass er nicht mehr lange zu leben habe. Doch dann widersprach er sich selbst und sagte, wenn in den nächsten drei Wochen ein erneuter Blutsturz verhindert würde, könnte sein Zustand sich bessern.

Allerdings war sie schon erschrocken, als sie Stephen vor ein paar Tagen von Kopf bis Fuß badete; sein Körper in der Wanne sah aus wie ein Skelett für den Schulunterricht. Unter der straffen Haut trat die Wölbung des Beckens wie eine Kesselpauke hervor. Um ihn waschen zu können, musste sie ihn stets mit einer Hand festhalten.

Und so heiß – er war immer heiß und trocken. Er selbst sagte, er sei «ein trockener Zweig am Rand des Lagerfeuers.»

«Runter da, Tolstoi, stör’ ihn nicht», schimpfte Cora. Die räudige Promenadenmischung glitt vom Sofa hinunter und trottete zu ihr hinüber, den flusigen Schwanz hoch erhoben wie die weiße Flagge einer zerlumpten Kompanie. Sie streichelte ihn gedankenverloren hinter den seidigen Ohren und er sah zu ihr auf, überrascht von der unverhofften Freundlichkeit.

Die Zeitungen brachten unter Verschiedenes noch immer kleine Meldungen mit Überschriften wie «Stephen Crane, der amerikanische Autor, schwer erkrankt.» Am nächsten Tag verkündeten sie, dem amerikanischen Autor gehe es besser. Das Vögelchen, das ihnen das Liedchen über die verbesserte Gesundheit gezwitschert hatte, war Cora gewesen.

Armer Stephen – sie betrachtete seinen Kopf, der auf dem Kissen nach Luft rang. Sie wusste, dass seinen Kopf selbst im Traum tiefe, schöne Gedanken bevölkerten, und kein angelesenes Wissen! Was für große Weisheiten über das Herz des Menschen hatte er gefunden. Und er kleidete seine Gedanken in so schöne Gewänder.

Dieser kleine Raum über der Haustür aus schwerer Eiche war sein Arbeitszimmer, und dort lag er nun apathisch im Halbschlaf auf seinem Sofa und keuchte. Der Raum roch nach Schmutz und nach Hund. Die eine Seite des Fußbodens, unter dem Sofa und Stephens Schreibtisch, war von einem abgetretenen Perserteppich aus verblasster Seide bedeckt, den ein großer Teefleck mit dem Umriss von Borneo verunstaltete. Auf der anderen Seite hatte Stephen aus einer Laune heraus ein paar Binsenmatten auf den Boden geworfen, wie ein alter Kauz mit einer Vorliebe für mittelalterlich-schlichte Größe. Auch im Erdgeschoss lagen überall Binsen, Reet und Heu auf dem Boden, weshalb Tolstoi und Spongie, zwei ihrer drei Hunde, in ihrer Verwirrung meinten, sie wären draußen, und hin und wieder ihre gute Kinderstube vergaßen.

Unter Stephens Bett hatte die Dienstmagd, ein altes abergläubisches Ding, einen kleinen Becher mit Teer gestellt. Ob sie wohl glaubte, er würde die bösen Geister einfangen, oder Gespenster verscheuchen, die in Brede Place spuken wollten?

Ja, Stephen hatte alle Symptome dessen, was die Ärzte «Diäthese» oder die Symptome der Auszehrung nennen: fast durchsichtige Haut, durch die man die blauen Venen pulsieren sah, ein hageres Gesicht und das Keuchen aus eingefallener Brust. Sein Haar war so glatt und brüchig wie die Fransen an einem alten Lampenschirm, seine Stimme heiser vom vielen Husten; manchmal klang sie wie der Schrei einer alten Eule aus den hintersten Gewölben eines tiefen Grabes. Er klagte über ein Summen im Ohr und manchmal sogar über Taubheit, was für einen «Sozialisten» wie ihn, den geselligsten Mann der Welt, sehr beunruhigend sein musste. (Diese sehr spezielle, scherzhafte Bedeutung des Wortes Sozialist stammte von Coras Freundin, der untadeligen, aber etwas beschränkten Mrs Ruedy.) Cora fragte sich, ob Mrs Ruedy wohl schon zurück in Amerika war – sie war eine der Ratten, die das sinkende Schiff verließen.

Unter Stephens Hemd fiel Cora ein Stück hellgelber Haut ins Auge und sie sah es sich genauer an – oh!, der Arzt hatte seinen Brustkorb auf der rechten Seite mit Jod eingerieben. Immerhin bekam er keine Schröpfköpfe. Sie erinnerte sich, dass eins der «Mädchen» aus ihrem Etablissement, dem Hotel de Dream in Jacksonville, auf Rücken und Busen heiße Näpfe aufgesetzt bekam, die schmerzhafte Blasen hervorbrachten, doch ohne den gewünschten Erfolg. Sie war nicht mehr zu retten gewesen.

«Hey, Imogene», flüsterte Stephen; seine pinkfarbenen Lider flatterten. Sein Lächeln war nur ein schwaches Echo seiner üblichen Verspieltheit. Er nannte sie gern «Imogene Carter», bei dem Pseudonym, das sie sich als Kriegsberichterstatterin in Griechenland zugelegt hatte und mit dem sie immer noch die Artikel über Klatsch und Mode unterzeichnete, die sie an amerikanische Zeitungen schickte.

«Was gibt’s, Stevie?», fragte sie und kuschelte sich an ihn.

«Sag, ist die Wahrheit lieblich, oder brennt sie wie Feuer?»

Sie dachte: Oh. Er zitiert sich selbst. Eins seiner Gedichte. Vielleicht so etwas wie ein Kompliment, denn soweit sie sich erinnerte, ging es in der nächsten Strophe um die Geliebte, die in seinem Herzen lebte. Vielleicht war es auch vollkommen sinnlos, und er redete einfach irgendetwas daher, damit sie bei ihm blieb.

«Wie ich sehe», er flüsterte so leise, dass sie den Kopf noch näher zu seinen Lippen beugen musste, «wie ich sehe, lüftest du die Haare.» Er mokierte sich über ihre Gewohnheit, ihr langes goldenes Haar jeden Tag für zwei oder drei Stunden zu lösen und über ihre Schultern fluten zu lassen. Man hatte ihr gesagt, wie entsetzt Arnold Bennett über den Anblick ihres unfrisierten Haares gewesen war, als er eines Tages unangemeldet zum Lunch vorbeikam. Er hatte Mrs Conrad erzählt (die den Klatsch unfreundlicherweise weitergegeben hatte), Cora habe in griechischen Sandalen, mit ihrem durchsichtigen Morgenrock, den sie wie einen Chiton um sich geschlungen hatte, und gelöstem Haar «ganz furchtbar» ausgesehen, «wie eine Schauspielerin beim Frühstück». Mr Bennetts eigenes Haar war nicht sehr voll, sicher hatte er nie Grund gehabt, darauf stolz zu sein. Wirklich stolz sein konnte er nur auf seine Prosa, und auch das nur manchmal.

Nein, Cora glaubte fest daran, dass eine Frau ihr Haar jeden Tag ein Weilchen frei fließen lassen muss, damit es kräftig und glänzend bleibt. (Sie hatte gehört, dass Sarah Bernhardt es genauso machte, und sie sah mit sechzig aus wie dreißig.)

«Ja», antwortete Cora. Sie wollte hinzufügen, «Wir müssen alle mal Luft holen», aber sie zensierte sich selbst – dem keuchenden Mann gegenüber wäre das allzu grausam gewesen.

In ihrer Verlegenheit platzte sie heraus, «Wir fahren nach Deutschland, Stephen.» Eigentlich hatte sie ihm von ihrem neuesten Plan zu seiner Heilung noch nichts erzählen wollen, aber jetzt musste sie fortfahren. «In den Schwarzwald.» Sie mochte den Klang dieses Wortes, es war der Name ihrer Lieblingstorte – und außerdem das dunkle und ernste Szenario eines grausamen Märchens, in dem es um Kinder ging und den Tod im Ofen. «Wir müssen dich aus diesem feuchten Land fortbringen, dem kalten Regen und dem stürmischen Wind.»

«Oh Cora, Cora, ich mag, wie du redest», sagte Stevie. Er streckte den Finger aus und berührte die zarte Haut ihrer Wange mit etwas, das so trocken und steif war wie der Flügel einer Möwe, den man nach einem langen Winter am Strand findet.

Er deutete mit einer Augenbewegung auf die grüne Landschaft von Sussex vor ihrem Fenster: ein lieblicher Aufruhr wilder Blumen.

«Jetzt ist es schön», sagte sie, «aber bis zum Abend erlebst du alle vier Jahreszeiten.»

Sie fragte ihn, was er von der Reise nach Deutschland hielt. Sie wusste, dass er mit ihr normalerweise nicht gern über seine angegriffene Gesundheit sprach. Einmal hatte sie mitbekommen, wie er jemanden zurechtwies, der ihr mit Fragen zugesetzt hatte, wie sie sich ihre Zukunft nach seinem Tod vorstellte. «Mach Cora nicht verrückt», hatte Stevie gesagt, «sie ist ein merkwürdiges Weibsbild, aber ich glaube, sie mag mich.»

Jetzt erzählte sie ihm, das deutsche Sanatorium gelte als das beste der Welt. Derselbe Dr. Koch, der vor zehn oder fünfzehn Jahren die Tuberkulosekeime isoliert hatte, leitete dieses Krankenhaus in Badenweiler am Rand des Schwarzwalds inmitten blühender Obstbäume. Und überhaupt, die Deutschen wussten, was in solchen Fällen zu tun war, alle anderen waren doch nur Amateure.

Stevie äffte ihre sehr französische Aussprache von Amateur nach. Sie wusste, dass er sich gern über ausländische Allüren der amerikanischen Auswanderer lustig machte, besonders über ihre sprachlichen Manieriertheiten. Je mehr Henry James wie eine englische Matrone schwadronierte, desto mehr versuchte Stevie in seiner Gegenwart so zu klingen wie Daniel Boone oder Andrew Jackson. Diese Albernheiten hatten allerdings einen ernsthaften Hintergrund; es machte ihm große Sorgen, er könne die echte amerikanische Aussprache vergessen und reden wie ein Tommy, oder noch anders. Das wäre das Schlimmste: ein sprachliches Niemandsland.

ZWEI

DAS LETZTE GUTE BUCH, DAS ICH GESCHRIEBEN HA-be, habe ich auf Hamlin Garlands Rat vernichtet. Ich frage mich, ob ich jetzt auch über mein eigenes Leben schreiben könnte. Das hab’ ich noch nie gemacht. Was würde ich schreiben? Was gibt es über mich zu sagen?

Wenn Cora nur endlich aufhören würde, über meine Gesundheit zu reden. Das wird nichts mehr! Eigentlich ist es mir egal, wie es mit mir weitergeht, ich wollte ohnehin nicht älter als dreißig werden – aber bis dahin sind es noch zwei Jahre … Auch Keats und Byron waren jung, als sie gingen.

Mein Kopf ist voller Geldsorgen, zwanzig Pfund hier und fünfzig Pfund da – die enormen Beträge, die ich manchen schulde, und die kleinen Rechnungen, die ich begleichen muss –, ich kann keinen vernünftigen Gedanken mehr fassen. Und auch keinen schlüpfrigen, für dieses alberne Buch, Der Feuerkopf. Irgendwie muss das noch fertig werden. Falls ich sterbe, muss sich Cora um die letzten Feinheiten kümmern. Okay, ich sterbe nicht, aber die verfluchte Reise zu diesem geheimnisvollen deutschen Sanatorium, die Cora geplant hat, wird mich vielleicht für ein paar Monate außer Gefecht setzen.

Arbeiten sie in Deutschland nicht mit Pneumothorax? So nennen sie das, wenn sie die Lunge punktieren, damit sie ganz zusammenfällt.

Diese Kurpfuscher wissen doch gar nicht, was sie tun, auch die Deutschen nicht. Ein Bazillus, na gut, aber wie soll man ihn töten? Ihre Behandlungen sind nichts anderes, als wenn sie versuchen würden, eine Fliege mit einer Steinschleuder zu treffen. Sie wollen, dass ich wenn möglich draußen schlafe, selbst im Winter, und wenn das nicht geht, soll ich den Kopf aus dem Fenster strecken. Oder sie verlangen, dass ich ein zweites Frühstück runterwürge. Oder unter einem Windschirm schlafe, als ob kalte Stürme und gefrorenes Wasser jede Krankheit heilen könnten. Keine Musik, keine Liebe, keine Unterhaltungen, außer mit dummen alten Frauen, als wäre jede Anregung tödlich. Sie sind Scharlatane, allesamt. Vor kurzem hat jemand zu mir gesagt – war das Wells? –, am Blutsturz würde ich garantiert nicht sterben, er selbst hätte auch vor einem Jahr Blut gespuckt. Allerdings trainiert er regelmäßig auf dem Fahrrad mit dem großen Vorderrad, das er erfunden hat, oder macht Liegestütze über seiner reizenden jungen Frau, die ihm so verfallen ist, dass sie seinetwegen ihren Vornamen geändert hat! Sie heißt eigentlich nicht Jane, sondern Amy. Aber Wells gefiel Amy nicht. Verdammt anständig von ihm, mir das zu sagen, über meine Aussichten; an trüben Tagen kann man Aufmunterung gebrauchen.

Wenn Cora endlich ihren Mann finden würde und sich scheiden ließe, würde ich sie heiraten (wir sagen allen, dass wir verheiratet sind, aber das stimmt nicht), und sie würde meine zukünftigen Tantiemen erben, falls es welche gibt. Aber warum eigentlich nicht? Die rote Tapferkeitsmedaille taugt was. Ja, da bin ich mir sicher. Es verkauft sich noch immer. Die Leute wollten einfach nicht glauben, dass ich damals noch nicht mal von weitem eine Schlacht gesehen hatte. Die Medaille war vor meinen Kriegen in Kuba, in Griechenland – na, als ich in meine Kriege zog, stellte sich heraus, dass die gute Medaille was taugte. Und mein kleiner Hurenroman, der ist so echt, dass er überleben wird. Auch den hab’ ich geschrieben, bevor ich Reporter in den Arme-Leute-Vierteln wurde.

Ein paar vernünftige Sachen habe ich in letzter Zeit geschrieben. Mein Märchen vom Wilden Westen war gut: solide. Na ja, das war auch schon alles. Der Rest ist hauptsächlich Geschwafel. Jetzt sagen die Kritiker, ich hätte noch nie gewusst, was ich tat; die guten Sachen – Die rote Tapferkeitsmedaille, Im Rettungsboot, Die Braut kam nach Yellow Sky, Das blaue Hotel – sollen nur Zufallstreffer gewesen sein. Diese Mistkerle! Ich habe sechs Wochen gebraucht, um Das blaue Hotel zu schreiben. Ich wusste ganz genau, dass der Schwede fest daran glaubte, ihm sei vorherbestimmt, an diesem Tag sterben zu müssen, so fest, dass er von Todesangst geschüttelt wurde, obwohl er in Wirklichkeit nichts und niemanden zu fürchten brauchte; am Ende war er es selbst, der die Gewalt provozierte. Selbst zu Coras Zeitungskolumnen habe ich hier und da ein gutes Wort beigesteuert oder zwei – etwas Frisches, Verrücktes. Das meiste, was geschrieben wird, sind Selbstdiktate: Meterware. Ich war der Einzige aus meiner Generation, der hier eine Nuance hinzugefügt und dort ein bisschen weggenommen hat. In der Musik nennt man das Rubato, das hat mir Huneker erklärt.

Als ich vierzig Seiten am Buch über den Hurenjungen geschrieben hatte, las Garland das Manuskript und sagte voller Wiskonsin-Feierlichkeit mit dieser Stimme, die Stahl durchschneiden könnte, «Das ist das Beste, was du je geschrieben hast, und wenn du es nicht zerreißt, Seite für Seite, ist deine Karriere beendet.» Er gab mir das Manuskript zurück und fragte, «Keine Abschriften? Ist dies die einzige Fassung?»

«Dies ist die einzige», sagte ich.

«Dann musst du sie gleich hier ins Feuer werfen», sagte er, denn wir saßen im Foyer eines noblen Hotels an der Mercer Street und warteten, dass ein Freund herunterkam, der hier wohnte. Ein kleines Feuer brannte nur einen Meter von unseren Stiefeln entfernt.

Ich wurde das Gefühl nicht los, dass Hamlin mich um diese Seiten beneidete. Er hatte noch nie etwas so Unverblümtes und Neues geschrieben, etwas so Modernes, Städtisches. Nein, er erzählte in rollenden Satzgebilden Legenden von seinem Vater, der sein Leben als Siedler in Dakota vergeudete, aber meine Sätze hätte er nicht schreiben können. Nicht Hamlin mit diesen weißen Lippen, die aussahen, als hätte er einen Schneemann geküsst, und die in der Umrahmung durch den flaumigen, hellbraunen Bart noch weißer wirkten. Seine Augen funkelten wie Feuerstein und er wirkte so selbstsicher. Natürlich waren es abscheuliche Dinge, über die ich geschrieben hatte, auch wenn Elliott nur ein Kind war und kein verdorbenes Fleisch wie Wilde – obwohl, hier in England sagen viele Leute, dass sie Wilde kannten und zu ihm halten. Jetzt ist er für sie der Größte, aber während der Gerichtsverhandlung hat ihn keiner verteidigt. Außer Yeats hat keiner etwas Vernünftiges über Wilde gesagt. Wildes Gerichtsverhandlung und die Veröffentlichung der Roten Tapferkeitsmedaille fielen beide ins gleiche Jahr, 1895. Doch er verkörperte ein altes Europa, verfault und nach Verwesung stinkend, dagegen ist die Medaille eine solide Sache, sauber und klar.

Ich habe die vierzig Seiten ins Feuer geworfen. Mir wurde fast schlecht dabei. Eine Perle, mehr wert als all mein Volk. Und die ganze Zeit während des Essens, bei Austern und Filet, dachte ich, dass das Salz der Austern von meinen Tränen stammte, und dass das Blut, das auf den silbernen Servierplatten schwamm, mein Blut wäre. Ich bekam kaum einen Bissen hinunter und konnte dem Gespräch kaum folgen, dieser Reporter-Fachsimpelei über New Yorker Intrigen. Natürlich hasste Hamlin meinen geschminkten Jungen; er schrieb gerade an seinen Jugendjahren in der Prärie in all seiner banalen Anständigkeit. Ich hatte nicht im Traum daran gedacht, meinen kleinen Elliott zu verteidigen, aber ich wusste, dass seine Geschichte schmerzhaft war und nicht schlüpfrig.

Meine Güte, was rede ich da für dummes Zeug über Blut und Tränen und meine Abneigung gegen den alten Ham. Hamlin hat mir immerhin die fünfzehn Dollar gegeben, um die zweite Hälfte der Medaille mit der Schreibmaschine abschreiben zu lassen. Er hat daran geglaubt, dass ich Großes vollbringen kann, und William Dean Howells meine Maggie gegeben; und mit Howells begann mein Erfolg. Trotz all der Etiketten, die sie mir aufkleben wollten – angeblich war ich «Impressionist», dann sprach Garland von «Naturalismus» und Howell von «Realismus» –, trotz ihres Engagements für die nüchterne Wahrheit, meine Wahrheit, wollten sie die Wahrheit über den kleinen Elliott nicht wissen.

Hamlin war scharf kritisiert worden, weil er in einem seiner Bücher geschrieben hatte, ein Schaffner habe einen weiblichen Fahrgast «wie ein Sexsüchtiger» angestarrt. Das reichte aus, um in ganz Amerika zensiert zu werden. Kein ungebührliches Verhalten – nur das Wort «Sexsüchtiger», und schon wurde man mit dem zersetzenden Zola höchstpersönlich auf eine Stufe gestellt. Ja, er gilt als der Lehrjunge des Teufels – seine Helden schwitzen, tragen keine Socken und essen kalten Heidelbeerkuchen …

Der Einzige, der meinen Elliott mochte, war dieser verrückte Säufer, Schwätzer und Besserwisser Jim Huneker. Jim konnte siebzehn Bier an einem Abend trinken und merkte gar nichts. Am Konservatorium hinter der 17th Street unterrichtete er Klavier vor einer Klasse aus lauter Negern, und dann ging er zurück in sein möbliertes Zimmer und liebte eine verheiratete Frau namens Josephine.

Huneker sagte, ihr Ehemann, ein polnischer Kaufmann, würde sie nicht anrühren. Er starrte nur gebannt auf ihr enges Korsett, bekam einen roten Kopf und begann, unter Zuckungen heimlich zu masturbieren. Huneker brauchte diese unglückliche Frau nur anzufassen, um sie zu verführen. Zum ersten Mal berührte ein Mann ihre perfekten Brüste. Er war ziemlich umtriebig – einmal hat er seine drei Ex-Frauen gemeinsam zum Essen eingeladen. Er hatte eine lange, gerade römische Nase, auf die er so stolz war, dass er seinem Gegenüber beim Reden oft das Profil zuwandte, was ziemlich verwirrend sein konnte. Über seinen weißen Augenbrauen wirkte das rabenschwarze krause Haar wie eine schlechte Perücke; einmal wollte er, dass ich daran zog, um zu beweisen, dass es echt war.

Huneker war solch ein Frauenheld! Über ihn könnte ich in meinen Lebenserinnerungen schreiben. Als Musikkritiker ermunterte er hoffnungsvolle Sängerinnen, ihn durch Anwendung der «horizontalen Methode», wie er das nannte, hinsichtlich der Beurteilung ihres Gesangs milde zu stimmen. Außerdem zeigte Huneker ein beinahe wissenschaftliches Interesse an Invertierten. Meistens hatte er nur Verachtung für sie übrig. Er verurteilte Grashalme als die «Bibel des dritten Geschlechts». Anfangs konnte er den exzentrischen, effeminierten Pianisten Vladimir de Pachmann nicht ausstehen; er befürchtete, Pachmanns Albernheiten während seiner Auftritte könnten in den Augen des aus Philistern bestehenden amerikanischen Publikums das Ansehen seriöser Musiker beschädigen. Es kam vor, dass Pachmann das Konzert unterbrach und zu einer Frau in der ersten Reihe sagte, «Madam, Sie schlagen mit Ihrem Fächer einen Zweidritteltakt, ich spiele aber sieben

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