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Treffpunkt im Unendlichen: Fredric Kroll - Ein Leben für Klaus Mann. Enthält aus dem Nachlass von Klaus Mann: The Chaplain - Windy Night, Rainy Morrow - The Last Day

Treffpunkt im Unendlichen: Fredric Kroll - Ein Leben für Klaus Mann. Enthält aus dem Nachlass von Klaus Mann: The Chaplain - Windy Night, Rainy Morrow - The Last Day

Von Dirk Heißerer, Inge Jens, Uwe Naumann und

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Treffpunkt im Unendlichen: Fredric Kroll - Ein Leben für Klaus Mann. Enthält aus dem Nachlass von Klaus Mann: The Chaplain - Windy Night, Rainy Morrow - The Last Day

Von Dirk Heißerer, Inge Jens, Uwe Naumann und

Länge:
264 Seiten
3 Stunden
Freigegeben:
11. Feb. 2015
ISBN:
9783863001933
Format:
Buch

Beschreibung

Klaus Mann war fast vergessen, als Fredric Kroll Anfang der 1970er Jahre die Herausgeberschaft der "Klaus-Mann-Schriftenreihe" übernahm. Zu Beginn ahnte wohl niemand, dass dieses biografische Projekt auf über 3.000 Seiten anwachsen und mehr als 30 Jahre in Anspruch nehmen würde. Wegbegleiter wie Klaus Täubert, Klaus-Mann-Forscher wie Uwe Naumann und Veit Schmidinger sowie die Erika-Mann-Biografin Irmela von der Lühe würdigen diese beispiellose Arbeit; Freunde und "Nachfolger" berichten von Begegnungen mit Fredric Kroll. Last not least enthält der Band drei Erstveröffentlichungen aus dem Nachlass Klaus Manns: "The Chaplain" (1945), "Windy Night, Rainy Morrow" (1946) und "The Last Day" (1949). Eine interessante Archäologie der Klaus-Mann-Rezeption in Deutschland, eine aufregende Entdeckung der letzten Projekte Klaus Manns.
Freigegeben:
11. Feb. 2015
ISBN:
9783863001933
Format:
Buch

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Treffpunkt im Unendlichen - Dirk Heißerer

Autoren

Detlef Grumbach

«… eigentlich eine

Hommage an Tschaikowsky»

Fredric Kroll und sein

Engagement für Klaus Mann

Kilchberg und Zürich, April 1970: Ein 25 Jahre junger Amerikaner sichtet den Nachlass Klaus Manns. Er liest unter anderem das Fragment von Klaus Manns letztem Romanprojekt: «The Last Day». Der junge Mann ist erschüttert.

«Der letzte Krieg war ein Irrtum», so wirbt ein amerikanischer Oberst in dem Text drei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs schon wieder für einen neuen Krieg. «Unser Feind ist nicht der Faschismus, der Faschismus ist in Ordnung – er respektiert die heilige Grundlage der abendländischen Zivilisation: das Privateigentum. Unser Feind ist der Kommunismus.» Julian, einer der beiden Protagonisten und das Alter Ego des Autors, hat auf Seiten der Amerikaner gegen das nationalsozialistische Deutschland gekämpft. Zurück im New York der McCarthy-Ära schreibt er an einem politischen Manifest: «Sie reden von Freiheit, von Demokratie – sie missbrauchen diese großen Worte als Köder, um die Massen anzulocken und sie zu verwirren. Die Demokratie, wie der Oberst und seine Freunde sie auffassen, hat nur einen Zweck, eine einzige raison d’être: die Privilegien, die Reichtümer und die Macht der herrschenden Klasse zu verewigen und zu vermehren. Das, was sie Freiheit nennen …» Dieser niederschmetternden Skizze der politischen Situation in den USA steht eine ebenso niederschmetternde Skizze der Lage in Ost-Berlin gegenüber. Klaus Mann hat Angst vor einem neuen Krieg. Der Krieg in Korea, die Kuba-Krise und der Krieg in Vietnam werden diese Angst bestätigen, lassen sie gut 20 Jahre später hoch aktuell erscheinen.

Fredric Kroll, so der Name des jungen Mannes, war 1969 aus seiner amerikanischen Heimat nach Deutschland gekommen. Sein Grund: der Vietnam-Krieg. Eigentlich war er der Musik zugetan – die Mutter war Sopranistin, der Vater Komponist. Das Studium der Musik blieb ihm verwehrt, er hat sich für die Germanistik entschieden – und dann drohten irgendwann die Einberufung in die Armee und der Krieg. Der einzige vernünftige Weg, der ihm einfiel, dieser persönlichen und politischen Katastrophe zu entgehen, war der Plan einer Promotion. Zunächst hatte er eine Arbeit über Thomas Mann in Erwägung gezogen, doch das Ausmaß der Sekundärliteratur schreckte ihn ab. Da besann er sich auf seine Klaus-Mann-Lektüre.

Als Schüler schon hatte er die amerikanische Ausgabe von «Symphonie Pathétique», gelesen: «In Klaus Manns Darstellung seiner Hauptfigur erkannte ich vieles von mir wieder», schreibt er Jahre später im Vorwort der «Klaus-Mann-Schriftenreihe»: «Menschenscheu, den Glauben an einen persönlichen Gott, der einem einen Auftrag erteilt, Schwermut, Zweifel am eigenen Wert als Komponist (hier hatte ich damals schon stärkste Ambitionen) und Mensch» (KMS 1, S. 15).

Den «Wendepunkt» hat er 1963 gelesen. Wie Klaus Mann dort über den Selbstmord seines Freundes Ricki Hallgarten schreibt, hat Kroll fasziniert und sein Interesse für den Selbstmörder Klaus Mann geweckt. Dieser Autor, so empfand er, war es wert, «ausgegraben zu werden», sein Werk war «praktisch unbekanntes Terrain»¹. So war er auf der Flucht vor einer Einberufung zum US-Militär nach Kilchberg gekommen.

Im August 1969 hatte er an die Erben Klaus Manns geschrieben – ein schlechtes Timing, denn Erika Mann war gerade gestorben. Niemand fühlte sich richtig zuständig und Martin Gregor-Dellin, der Herausgeber der Werke Klaus Manns in der Nymphenburger Verlagshandlung, vertröstete ihn. Es dauerte bis ins Frühjahr 1970, bis Kroll einen Brief von Anita Naef, der ehemaligen Sekretärin Erika Manns bekam. Anita Naef schrieb dem ungeduldig wartenden Doktorand, sie könne ihm «einiges zeigen». Genauer hat sie sich nicht ausgedrückt. «Ich komme also Anfang April 1970 nach Kilchberg, und Anita Naef war erst einmal sehr vorsichtig. Sie hat damit angefangen, mir ein paar veröffentlichte Übersetzungen von ‹Symphonie Pathetique› zu zeigen, um meine Reaktion auszutesten. Sie gewann zum Glück den Eindruck, dass ich seriös sei und brachte mir nach und nach Sachen aus dem Nachlass. Die durfte ich dann mit ins Hotelzimmer nehmen.» Er saß dann in dem «wohl schlechtesten Hotelzimmer in ganz Zürich» und konnte unter anderem den Bauplan und die wenigen ausgearbeiteten Szenen von «The Last Day» lesen: «Das dauerte etwa dreieinhalb Stunden, und während dieser gesamten Zeit habe ich geheult wie ein Schlosshund: zum einen wegen Klaus Manns Verzweiflung und zum anderen, weil es zur damaligen politischen Situation passte. Denn es war auf dem Höhepunkt des Vietnamkrieges, und Klaus Manns radikale Enttäuschung über Amerika, so wie sie ausgedrückt wird von der Hauptfigur Julian in New York, das war genau meine eigene.» Ein drittes Mal hatte Klaus Mann ihn gepackt!

Bei Klaus Mann sind, wie bei kaum einem anderen Schriftsteller, Leben, politisches Engagement und Literatur miteinander verschmolzen. Diese enge Verbindung begann bereits, als er seine Leidenschaft für Frankreich entdeckte, nach Paris kam, dort viele Freunde gewann und sich fragen musste, warum Franzosen und Deutsche sich als Erbfeinde gegenüberstanden. Sie setzte sich fort, als er zu einem der Motoren der antifaschistischen Volksfront zur Verteidigung der Kultur wurde und später, in amerikanischer Uniform, nach Europa zurückkam. Seine Hoffnung, dass nach dem Sieg über Nazi-Deutschland eine gerechtere und friedlichere Welt aufgebaut würde, wurde zerschlagen. Nachdem die USA dann ohne jede militärische Notwenigkeit die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki abwarfen, nachdem aus der Koalition gegen Hitler zwei unversöhnlich sich gegenüberstehende Blöcke gewachsen waren und die Gefahr eines neuen Kriegs mit Händen zu greifen war, konnte er nur noch verzweifeln. Sein Vermächtnis, der postum veröffentlichte Essay «Die Heimsuchung des europäischen Geistes», das Fragment «The Last Day», aber auch sein Freitod zeugen davon.

Die Rezeption Klaus Manns in der jungen Bundesrepublik, die sich auf der Seite des Westens und der USA positioniert hatte und zum Bollwerk gegenüber der sozialistischen Staatengemeinschaft ausgebaut wurde, stand unter einem schlechten Stern. Dieses Schicksal teilte er mit den meisten der Intellektuellen, die nach der Machtübertragung an Hitler ins Exil gegangen waren. Klaus Mann war es, der den Vater im Mai 1945 vor einer baldigen Rückkehr gewarnt hat. Zahlreiche Exilanten zögerten, überhaupt nach Deutschland zurückzukehren, andere fanden in der DDR ein Zuhause. Klaus Mann besuchte nach dem Krieg mehrfach Berlin und auch München, doch blieb er nach seinem Ausscheiden aus der US-Armee ein Heimatloser und starb im Mai 1949 in Cannes. Trotz dieses Unverhältnisses zu seinem Heimatland erschien der «Wendepunkt» im Fischer-Verlag erstmals 1952. Es folgten mehrere Auflagen, sogar eine Ausgabe im Bertelsmann Lesering (1960) und in der Fischer Bücherei (1963), wenige weitere Titel erschienen zunächst bei Fischer und später in der Nymphenburger Verlagshandlung. Einen deutlichen Rückschlag erlitt die Klaus-Mann-Rezeption allerdings, als die 1965 erschienene Ausgabe von «Mephisto» 1966 auf Betreiben Gustaf Gründgens’ verboten wurde. In der DDR fanden die Autorinnen und Autoren des Exils im Aufbau-Verlag eine «Heimat», dort wurden sie als Repräsentanten des anderen Deutschlands geachtet, wurden ihre Bücher gedruckt. Auch einige von Klaus Mann. In der Bundesrepublik dauerte es noch bis zum Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre, bis die Autoren des Exils wieder gelesen und einem breiteren Publikum bekannt wurden. «Praktisch unbekanntes Terrain» – gute Voraussetzungen für Pionierarbeiten und Entdeckungen aller Art. Fredric Kroll hat sie genutzt.

Später wird Fred Kroll sagen, dass er in Kilchberg einmal in seinem Leben der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Ein Zufall, aber einer mit gravierenden Folgen. Kaum jemand dort verfügte über die Sprachkenntnisse, um sich das zum großen Teil auf Englisch abgefasste Material anzueignen, Kroll hatte nach dem geglückten Entree freie Bahn und für einen entscheidenden Zeitraum beinahe ein Monopol.

Seine Dissertation über «Moral und Schönheit im Frühwerk von Klaus Mann» legte er 1973 in Rochester vor, aber auch danach bestimmte Klaus Mann sein Leben. Als Herausgeber und wichtigster Autor der «Klaus-Mann-Schriftenreihe» (1976–2006) wurde er zum Motor der Wiederentdeckung Klaus Manns. «Vier Jahrzehnte haben die Autoren recherchiert, umfangreiche Korrespondenzen und persönliche Gespräche geführt», heißt es auf dem Buchumschlag 2006: «Auf diese Weise konnten sie die autobiografischen Zeugnisse Klaus Manns und die vorhandenen, bruchstückhaften Faktensammlungen um zahlreiche substanzielle Daten, Namen, Milieu- und Hintergrundinformationen bereichern. Die sechsbändige ‹Klaus-Mann-Schriftenreihe› zeichnet den Lebensweg des Autors nach, spürt das Wechselspiel persönlicher und zeithistorischer Umstände auf und leistet vor diesem Hintergrund eine umfassende Analyse des Gesamtwerks. Sie präsentiert ein halbes Jahrhundert Zeitgeschichte im Fokus einer einzigartigen Persönlichkeit.» Das ist nicht übertrieben. Bei alldem darf aber nie vergessen werden, dass von Kindesbeinen an die Musik die eigentliche Passion Fredric Krolls war, dass er mit Leib und Seele Komponist ist. Am Anfang seiner Beschäftigung mit Klaus Mann stand die Musik. Sein Interesse an Tschaikowsky hatte ihn als Fünfzehnjährigen dazu gebracht, «Symphonie Pathétique» zu lesen. Und im Januar 2004, mitten in der heißen Phase der Vollendung der Schriftenreihe, der Fertigstellung des noch ausstehenden Teilbands 4/II, schrieb er einem Freund über seine kompositorischen Arbeiten, erklärte er, «dass ich ungefähr im Stil von Tschaikowsky und Puccini komponiere» und schloss mit der Pointe: «Die ganze Beschäftigung mit Klaus Mann ist eigentlich eine heimliche Hommage an Tschaikowsky – ich glaube nicht, dass Klaus Mann etwas dagegen gehabt hätte.»

Nun also eine Hommage an Fredric Kroll. Am 7. Februar 2015 wird er 70 Jahre alt. Ein Anlass für eine Festschrift, wenn er im akademischen Bereich Fuß gefasst hätte, auf eine Professur berufen worden wäre und eine wissenschaftliche Laufbahn eingeschlagen, wenn er in der Ausbildung und im Werdegang eines Heeres von Doktoranden und wissenschaftlichen Mitarbeitern seine Spuren hinterlassen hätte. Für diese wäre es dann eine Pflichtübung gewesen, eine Verbeugung, auch um selbst im Gespräch zu bleiben. So etwas liegt den Autorinnen und Autoren dieses Buchs hier nicht, es passt auch nicht zu Fredric Kroll, diesem Querkopf, der dem akademischen Betrieb fremd geblieben ist. Uns schwebt eine Art «Archäologie» der «Klaus-Mann-Schriftenreihe» vor: eine Würdigung und Bilanz dieser Arbeit und ihrer Folgen, die Erinnerungen an Mitstreiter und an Begegnungen, aber auch Ausgrabungen in Sachen Klaus Mann.

Leidenschaft, die Einheit von persönlichem, politischem und wissenschaftlichem Engagement sind es, die Fredric Kroll getrieben haben. Die politische Situation in der Bundesrepublik, die Wiederentdeckung des Widerstands gegen den Nationalsozialismus und des antifaschistischen Exils waren es, die ihn Mitstreiter und Freunde finden ließen. Als erster ist hier Klaus Blahak zu nennen. Der 1946 in Enger gebürtige Verleger und Finanzier der «Klaus-Mann-Schriftenreihe» hatte sich auf Grund «natürlicher Neugier» (KMS 1, S. 8) mit Klaus Mann beschäftigt und 1968 den Autor als Gegenstand seiner Abiturprüfung in Deutsch vorgeschlagen. Das wurde ihm als «zu morbid» (ebd.) abgelehnt. «Gerechtigkeit ist walten zu lassen» (KMS 1, S. 7) schreibt er deshalb im Vorwort des Verlegers im ersten Band zu seinen Motiven, das Projekt zu begleiten, wenn nicht sogar initiiert zu haben. Denn er hatte sogar noch Kontakt zu Erika Mann, er hatte bereits vor Kroll damit begonnen, Zeitzeugen und Freunde von Klaus Mann zu befragen. Blahak hat jedoch die Vollendung der Schriftenreihe nicht mehr erlebt, er starb im Jahr 1990. Dritter im Bunde war Klaus Täubert: Er wurde 1940 in Breslau geboren, kam über sein Interesse an der Exilliteratur zu Klaus Mann und hat über beide Themen zahlreiche Publikationen vorgelegt und ist Koautor fast aller Bände. Und schließlich Rudolf Cyperrek, Jahrgang 1919, also der Senior im Team: Der Freund des Verlegers hatte 1971 den Roman «Die Bucht» in der Edition Klaus Blahak veröffentlicht und Auftragsarbeiten zur Geschichte verschiedener Firmen, aber auch des Hessischen Staatstheaters verfasst. Er hat dem Projekt als Lektor gedient und war Koautor des Bands 4/I, er starb 1993. Fred Kroll hat die «Klaus-Mann-Schriftenreihe» 2006 vollendet und mit dem Teilband 4/II die letzte Lücke gefüllt. Damit hat er maßgebliche Grundlagen geschaffen für alles weitere, was über diesen «human case» (Golo Mann) geschrieben worden ist.

Den Anfängen der «Klaus-Mann-Schriftenreihe» gehen in diesem Buch Stefan Blahak und Klaus Täubert auf die Spur, der Herausgeber wendet sich den Schwierigkeiten ihrer Vollendung dreißig Jahre später zu. Uwe Naumann, Irmela von der Lühe und Veit Johannes Schmidinger blicken aus der Perspektive ihrer Beschäftigung mit Klaus und auch Erika Mann auf die unschätzbare Ergiebigkeit der Kroll’schen Arbeit und auf seine ungewöhnliche Persönlichkeit. Dirk Heißerer gräbt im Umfeld Klaus Manns und schenkt Fredric Kroll ein hübsches Detail aus dem Umfeld seines Idols. Stefan M. Weber berichtet, wie er sich als unbekannter Verehrer Klaus Manns im sechsten Band der Schriftenreihe wiederfand. Inge Jens, Anatol Regnier, Henry-Georg Richter-Hallgarten und Joachim Bartholomae gratulieren vor dem Hintergrund ihrer persönlichen Begegnungen mit Fredric Kroll, Christian Klein und Frank Dobler resümieren, was der Biograf und Komponist Fredric Kroll geschaffen hat.

Unterbrechen und ergänzen wollen wir unsere «Archäologie» um die Erstveröffentlichung einiger Arbeiten von Klaus Mann: Wir drucken in deutscher Übersetzung das Drehbuch der Filmszene «The Chaplain» (1945), das Klaus Mann für den Film «Paisà» von Roberto Rossellini geschrieben hat, das aber in der Form nicht realisiert wurde; das Fragment des Romans «Windy Night, Rainy Morrow» (etwa 1946), mit dem Klaus Mann gemeinsam mit seinem Freund Christopher Lazare einen Verlag gesucht hat; und schließlich stellen wir in ausführlichen Zitaten (nach einer von Fred Kroll verfassten deutschen «Lesefassung») das Fragment des Romans «The Last Day» (1949) vor.

«Windy Night, Rainy Morrow» haben wir deshalb ausgewählt, weil der Text bei aller Skizzenhaftigkeit zeigt, in welcher Weise Klaus Mann, gemeinsam mit seinem Freund Christopher Lazare, sich wieder dem Thema Homosexualität zuwenden wollte. In seinem Romandebüt «Der fromme Tanz» (1926) schreibt er in aller Selbstverständlichkeit über das Lebensgefühl seines Helden Andreas. Diese Selbstverständlichkeit ist ihm in dem Maß verloren gegangen, wie ihm gesellschaftliche Reaktionen und Ausgrenzungen entgegenschlugen – bis hin zum Homosexuellenhass innerhalb der Linken, auf den er 1934 mit seinem Essay «Die Linke und ‹das Laster›» (später publiziert unter dem Titel «Homosexualität und Faschismus») reagiert hat. Über die Wahl Tschaikowskys zum Protagonisten seines im Tagebuch als »autobiographisches Buch» («Tagebücher 1934-1935», Neuausgabe 1995, S. 117) bezeichneten Roman schreibt Klaus Mann im «Wendepunkt»: «Wie hätte ich nicht alles von ihm wissen sollen? Die besondere Form der Liebe, die sein Schicksal war […]. Man huldigt nicht diesem Eros, ohne zum Fremden zu werden in unserer Gesellschaft, wie sie nun einmal ist; man verschreibt sich nicht dieser Liebe, ohne eine tödliche Wunde davonzutragen» («Der Wendepunkt», Neuausgabe 2006, S. 457 f.). Nach dem Krieg setzt er in den USA ein Publikum voraus, «das über ein ausreichendes Maß an Neugier, wenn nicht gar Toleranz verfügt, um eine unverblümte Darstellung dieser Lebensweise zu ertragen», will er mit Lazare zusammen den zerstörerischen Einfluss der Gesellschaft auf das Leben eines Schwulen darstellen und «für Toleranz werben und Einblicke in ein Problem vermitteln» (s. S. 157).

Die beiden übrigen Texte werfen interessante Schlaglichter darauf, wie die Verzweiflung Klaus Manns über die politische Situation nach dem Krieg wuchs. Der von Erika Mann übersetzte und im Erinnerungsband «Klaus Mann zum Gedächtnis» 1950 publizierte Essay «Die Heimsuchung des europäischen Geistes» gilt als das Vermächtnis Klaus Manns. Hier legt er dar, wie wenig Chancen er sieht, dass aus Faschismus und Krieg die richtigen Lehren gezogen werden und fragt nach der Rolle und den Einflussmöglichkeiten der Intellektuellen. Er sieht «schwarz, schwarz, schwarz» (Reprint 2003, S. 199). Die Filmszene «The Chaplain» erzählt von einem Versuch, dieser Entwicklung noch einmal entgegenzutreten. Ein amerikanischer Militärkaplan in Italien predigt seinen Soldaten Weihnachten 1944, der Logik des Kriegs entgegenzuwirken, nicht nur für den sicheren militärischem Sieg zu kämpfen, sondern auch den eigenen Hass zu besiegen und so einem echten Frieden eine Chance zu geben. Er scheitert. «The Last Day» darf man schließlich als einen Versuch Klaus Manns lesen, sein Vermächtnis in eine literarische Form zu gießen. Das Fragment handelt von zwei Intellektuellen in Ost und West, die gleichermaßen für Ausgleich und Verständigung werben und damit untergehen. Die Einführungen zu den Texten basieren auf den Darstellungen in der «Klaus-Mann-Schriftenreihe».

Im Zentrum dieses Buchs stehen Fredric Kroll und die «Klaus-Mann-Schriftenreihe». Indem wir zeigen, warum Klaus Mann in solchem Ausmaß das Leben Krolls und seiner Mitstreiter bestimmen konnte, öffnen wir den Blick auf die Rezeption dieses Autors und seine zeitgeschichtliche Bedeutung nach dem Krieg, zeigen wir seine sich in ihren Nuancen zwar ändernde, aber doch ungebrochene Aktualität.

Für die Genehmigung, die Texte Klaus Manns erstmals drucken zu dürfen, danken wir der Erbengemeinschaft Klaus Mann, vertreten durch Prof. Dr. Frido Mann. Der Monacensia in der Münchner Stadtbibliothek, hier Frau Dr. Elisabeth Tworek und Herrn Frank Schmitter, danken wir, dass sie geholfen hat, die Manuskripte zugänglich zu machen. Last not least danken wir Rinaldo Hopf dafür, dass er sein Klaus-Mann-Portrait für die Covergestaltung zur Verfügung gestellt hat.

¹Nicht näher gekennzeichnete Zitate von Fredric Kroll stammen aus einem 2006 für den Rundfunk geführten Gespräch mit dem Autor.

Stefan Blahak

«Mein Leitbild: Klaus Mann»

Der Verleger Klaus Blahak (1946 – 1990)

«Ich bin amerikanischer Germanist der Universität Rochester (N.Y.) und schreibe meine Dissertation über ‹Klaus Mann und die Synthese von Moral und Schönheit›», so stellt sich Fredric Kroll in seinem Schreiben vom 8. Mai 1970 dem gleichsam von Klaus Mann faszinierten und ein Jahr jüngeren, 1946 geborenen Klaus Blahak vor: «Ich möchte sehr gerne Meinungen mit Ihnen austauschen.»

Fredric Kroll kommt gerade aus Kilchberg aus dem Hause Mann und erzählt von seinen Erfahrungen dort, welche Texte er im Nachlass Klaus Manns gelesen, teils sogar vollständig abgeschrieben habe: «Das Wunderbarste im Nachlass für mich waren die Skizzen zum großen Selbstmord-Roman, ‹The Last Day›, die noch aus dem letzten Lebensmonat zu stammen scheinen und künstlerisch wirklich gewaltig sind.» Er listet aber auch gleich alle Werke Klaus-Manns auf, die ihm in seiner Sammlung noch fehlen und fragt, ob Blahak sie habe. Von der Existenz meines Bruders

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