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RAGA SIX - Ein DOC-ORIENT-Roman: Horror aus dem Apex-Verlag!
RAGA SIX - Ein DOC-ORIENT-Roman: Horror aus dem Apex-Verlag!
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eBook439 Seiten5 Stunden

RAGA SIX - Ein DOC-ORIENT-Roman: Horror aus dem Apex-Verlag!

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Über dieses E-Book

Ein schwarz-magischer Zirkel im East Village von New York... der bizarre Tod eines Haut-Couture-Models in einem Luxus-Apartment in Manhattan... ein renommierter Arzt, dessen bildschöne Reisegefährtinnen an einer ebenso merkwürdigen wie tödlichen Blutkrankheit leiden...
Als Doktor Owen Orient, ein prominenter Mediziner aus New York, beschließt, seine Praxis zu schließen und fortan auf den gewohnten Luxus und Komfort zu verzichten, ist es sein Ziel, eine einfachere, sinnvollere Lebensweise für sich selbst zu finden.
Aber Doc Orient ist kein gewöhnlicher Mensch.
Seit Jahren hat er die Geheimnisse des Okkultismus studiert, und so findet er sich nun - obgleich er auf der Suche nach Simplizität ist - immer tiefer in schreckliche Ereignisse verstrickt, die seine wissenschaftliche Rationalität und seine okkulten Kräfte herausfordern. Ein unheimliches Rätsel führt Doktor Orient schließlich nach Tanger, Marrakesch und Rom und zu einer Konfrontation mit einem uralten, alles verschlingenden Übel, in der Telepathie, Telekinese und sogar Sex die Waffen in einem wahnsinnigen Kampf bis zum Tod und darüber hinaus sind...

RAGA SIX, Frank Laurias erster Roman um Doc Orient, den Meister des Okkulten - ein moderner Horror-Thriller der Extraklasse!
SpracheDeutsch
HerausgeberBookRix
Erscheinungsdatum29. Apr. 2019
ISBN9783739664910
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    Buchvorschau

    RAGA SIX - Ein DOC-ORIENT-Roman - Frank Lauria

    Kapitel

    Das Buch

    Ein schwarz-magischer Zirkel im East Village von New York... der bizarre Tod eines Haut-Couture-Models in einem Luxus-Apartment in Manhattan... ein renommierter Arzt, dessen bildschöne Reisegefährtinnen an einer ebenso merkwürdigen wie tödlichen Blutkrankheit leiden...

    Als Doktor Owen Orient, ein prominenter Mediziner aus New York, beschließt, seine Praxis zu schließen und fortan auf den gewohnten Luxus und Komfort zu verzichten, ist es sein Ziel, eine einfachere, sinnvollere Lebensweise für sich selbst zu finden.

    Aber Doc Orient ist kein gewöhnlicher Mensch.

    Seit Jahren hat er die Geheimnisse des Okkultismus studiert, und so findet er sich nun - obgleich er auf der Suche nach Simplizität ist - immer tiefer in schreckliche Ereignisse verstrickt, die seine wissenschaftliche Rationalität und seine okkulten Kräfte herausfordern. Ein unheimliches Rätsel führt Doktor Orient schließlich nach Tanger, Marrakesch und Rom und zu einer Konfrontation mit einem uralten, alles verschlingenden Übel, in der Telepathie, Telekinese und sogar Sex die Waffen in einem wahnsinnigen Kampf bis zum Tod und darüber hinaus sind...

     RAGA SIX, Frank Laurias erster Roman um Doc Orient, den Meister des Okkulten - ein moderner Horror-Thriller der Extraklasse!

    Der Autor

    Frank Lauria, Jahrgang 1935.

    Frank Lauria ist ein US-amerikanischer Schriftsteller, Musiker, Broadway- und Film-Schauspieler.

    Besondere Bekanntheit erlangte er durch die stilprägenden Okkult-Horror-Romane um Dr. Owen Orient; diese Serie besteht bis dato aus den Bänden Doctor Orient (1970), Raga Six (1972), Lady Sativa (1973), Baron Orgaz (1974), The Priestess (1978), The Seth Papers (1979), Blue Limbo (1991) und Demon Pope (2014).

    Darüber hinaus schuf er die Roman-Fassungen der Filme Dark City (1998), End Of Days und Pitch Black (beide 1999). Aktuell veröffentlichte Frank Lauria  den Noir-Krimi Fog City Blues (2014, der erste Band der Serie Max LeBlue-Mysteries) sowie den Vampir-Roman Melody Dawn (2015).

    Im November 2011 erschien überdies das Album Lost In The Underground seiner Band Uncle Frank And The Co-Defendants.

    Frank Lauria lebt und arbeitet in Kalifornien/USA.

    Der Apex-Verlag widmet Frank Lauria eine umfangreiche Werkausgabe.

    Meinen Eltern gewidmet –

    sowie ferner für John Hohnsbeen, Don und Nancy De Mare,

    Alice Rydh, Ray Lofaro, H.B. & Bruce Gilmour.

    Und natürlich für Ragass – who know what to blow…

    »Oh, that magic feeling

    Nowhere to go…«

    John Lennon

    New York, 1969

    1. Kapitel

      Sordi konnte es noch immer nicht glauben.

      Traurig ließ er den Blick durch den Raum schweifen. Die goldenen Strahlen der Nachmittagssonne fluteten von der Terrasse herein, ihr Licht brach sich in Abertausenden von Staubpartikeln. In den drei Jahren, die er jetzt in New York weilte, hatte er diesen Staub zu hassen gelernt. Seit heute kam ihm der Dreck wie ein lieber Vertrauter vor, der ihm künftig abgehen würde.

      Er mochte diesen Raum.

      Er mochte die dunkelbraunen Holzbalken an der Decke. Er mochte den noblen Freiraum, der sich von der Frontterrasse bis zum rückwärtigen Balkon erstreckte. Nach vorn hinaus ging der Blick auf den Hudson, nach hinten auf den parkartigen Garten. Er mochte das Aroma der Fische, die er an dem mit Chromstahl verspiegelten Kamin zu grillen pflegt. Er mochte den privaten Eingang, der zu dieser Wohnung gehörte. Es gab in dieser Wohnung eigentlich nichts, das er nicht mochte.

      Und das alles... sollte er nun aufgeben. Die Notwendigkeit dafür war einfach nicht zu übersehen. Es war alles zu schnell gegangen.

       Das Flugticket knisterte in seiner Tasche, und sein Geld war in einem Safe der Bank von Neapel hinterlegt worden, aber er verstand nicht, warum das so war.

      Nicht, dass mit der Abreise aus New York der Kampf ums tägliche Brot beginnen würde. Das Geld, das er von Dr. Orient erhalten hatte, reichte für einige Jahre. Und dann gab es noch das Haus seiner Familie auf Ischia. Wenn er ein bisschen in den Besitz dort investierte, war das eine lukrative Angelegenheit. Aber er fühlte sich noch zu jung, um sich aufs Altenteil zurückzuziehen. Es hatte Spaß gemacht, bei Dr. Orient zu arbeiten. Er hatte viel gelernt, war sich vorgekommen wie der Assistent eines Wissenschaftlers an einer der großen Universitäten. Dr. Orient hatte ihn denken gelehrt. Und er, Sordelli, hatte ihm das Kochen beigebracht. Es war heimelig gewesen bei Dr. Orient, richtig gemütlich. Und jetzt sollte alles vorbei sein.

      Er zuckte die Schultern. Er würde wohl nie verstehen, warum man jetzt die Bremse zog.

      Mit bedächtigen Schritten ging er über das mit Intarsien geschmückte Parkett zur Glastür und trat auf die Terrasse hinaus.

      Der Fluss. Abendrot, von violetten Streifen durchzogen. In den Wolkenkratzern drüben flammten die ersten Lichter auf.

      Schon im vergangenen Sommer hatte er gespürt, dass irgendetwas schief lief.

      Heute wusste er, dass Dr. Orient besser seinen üblichen Urlaub am Cape angetreten hätte, anstatt in der Stadt zu bleiben und sich in dieses Projekt zu verrennen. Dann wäre er erst gar nicht mit diesem Dr. Ferrari in Berührung gekommen. Die Probleme begannen, als Dr. Ferrari auf der Bildfläche erschien.

      Zum einen waren es die Detektive, die einen bei der Arbeit störten. Sie brachten den gewohnten Rhythmus durcheinander. Während der vier Monate, die Dr. Ferrari im Haus weilte, kamen sie jeden Tag, um alles zu durchsuchen. Sordi hatte alle Hände voll zu tun gehabt, die Detektive mit Kaffee und hastig zubereiteten Leckerbissen bei Laune zu halten. Für die Arbeit im Laboratorium war keine Zeit mehr geblieben.

      Ebenso wenig passte ihm die Art, wie man Dr. Orient in seine Arbeitsräume eingesperrt hielt. Es war Dr. Ferrari, der das angeordnet hatte. Oft verschwanden die beiden für zwei oder drei Tage im Labor. Dr. Orient war abgemagert, er nahm kaum noch etwas zu sich. Gerade als Sordi gemeint hatte, er hätte ihm so etwas wie Esskultur und Sinn für europäische Küche beigebracht.

      Und dann der Streit jeden Abend.

      Sordi schauderte. Ein schneidender Wind strich vom Hudson herauf. Sorgfältig schloss er die Terrassentür.

    Merkwürdig, dachte er. Früher hatte es nie Streit gegeben im Hause von Dr. Orient. Das hatte erst in den letzten Monaten begonnen.

      Trotz der Wachen, die der Secret Service auf alle Räume verteilt hatte, war es ihm gelungen, einen Blick des jungen Mädchens zu erhaschen. Es war immer das gleiche Ritual. Sobald ihr Wagen eintraf, wurde das Fahrzeug von fünf Beamten umringt. Dann wurde das Mädchen in ihrem Rollstuhl aus dem Wagen gehoben und in Windeseile ins Haus getragen.

      Nach einem Monat hatte sich, bei aller Unruhe, eine gewisse Routine eingestellt. Die Beamten verbrachten jetzt den größten Teil des Tages in der Küche. Allerdings hatten auch sie keine rechte Ahnung, was eigentlich vorging. Das Mädchen, so hieß es, war die Tochter eines Einflussreichen Politikers aus Kalifornien. Sie unterzog sich einer Spezialbehandlung für ihre Beine. Die Beamten nannten sie Judy. Aber Sordi war nicht sicher, ob dies ihr richtiger Name war.

      Mit der Zeit waren die Beamten freundlicher zu ihm geworden. Sie legten schon mal Hand an, wenn es ans Aufräumen ging. Gelegentlich machten sie Bemerkungen über seine Kleidung. All das täuschte ihn nicht hinweg über den kalten Ausdruck ihrer Augen. Es gab Amerikaner, mit denen Sordi nicht recht warm wurde, und diese Beamten gehörten zu ihnen.

      Er wusste, dass sie geheilt war, noch bevor sie es offiziell verkündeten. Er hatte gesehen, wie sie, eingehakt zwischen Dr. Orient und Dr. Ferrari aus dem Arbeitszimmer kam. Erst draußen nahm sie wieder in ihrem Rollstuhl Platz. Drei Wochen später ließen die Detektive ihm gegenüber eine eindeutige Bemerkung fallen. Sie sagten, sie würden wohl noch lange an seine Kochkünste zurückdenken.

      An dem Abend, als er das Mädchen aus dem Arbeitszimmer kommen sah, gab es zum ersten Mal Streit zwischen Dr. Orient und Dr. Ferrari. Sordi hatte sich auf dem Treppenabsatz aufgehalten. So bekam er mit, wie Dr. Ferrari immer lauter, immer ausfallender wurde. Zwei Stunden lang ging das so. Schließlich kam Dr. Ferrari aus dem Arbeitszimmer gestürzt und verschwand. Dr. Orient warf die Tür hinter ihm zu und schloss sich ein. Bis zum Abend darauf nahm er keinen Bissen zu sich.

      Es sollte nicht der einzige Streit bleiben.

      Dann, schließlich, kam der Tag, wo kein Dr. Ferrari mehr erschien.

      Auch die Detektive und das Mädchen blieben verschwunden. Drei Wochen lang arbeitete Dr. Orient hinter verschlossenen Türen. Als er wieder herauskam, ließ er Sordi wissen, die Arbeit sei jetzt fertig, er werde das Haus verkaufen.

      Sordi ergriff seinen Louis-Vuitton-Koffer und begab sich zur Treppe. Nur die Ruhe, sagte er sich. Heute Abend bin ich in Rom. Alles fängt wieder von vorne an.

      Dr. Orient erwartete ihn am Fuß der Treppe. Er war wirklich abgemagert, das musste man schon sagen. Noch magerer als damals, als er den Ärger mit diesem verrückten Girl gehabt hatte. Seine dunkle Haut war grau geworden, weil er wochenlang nicht an die frische Luft gekommen war. Seine grünen Augen wirkten trübe.

      Dr. Orient war ein großgewachsener Mann. Normalerweise wirkte er sportlich und durchtrainiert. Jetzt aber waren die Schultern abgesackt. Die langen Hände hingen an den Handgelenken, als ob sie nicht dazugehörten. Fast schien es Sordi, als sei auch die weiße Strähne in seinem langen, schwarzen Haar breiter geworden.

      Dr. Orient war immer ein verschlossener Typ gewesen. In der letzten Zeit allerdings war überhaupt kein Kontakt mehr mit ihm möglich.

      Sordi stellte seinen Koffer ab und sah seinem Gegenüber in die Augen. Vor ein paar Monaten noch hatte der Doktor ausgesehen wie ein Mann von fünfundzwanzig. Jetzt war er ein ausgebrannter alter Mann, dessen Mundwinkel verbittert und verkniffen herabhingen.

     Sein Händedruck jedoch war überraschend fest. Durch seine Abschiedsworte klang so etwas wie Sympathie durch. In den drei Jahren in New York waren sie Freunde geworden, zumindest empfand es Sordi so.

      Am liebsten hätte er den Doktor bei den Schultern genommen – und ihn wach geschüttelt. Hätte ihn geradeheraus gefragt, was es mit all dem auf sich hatte.

      Er bezwang sich.

      Er ergriff seinen Koffer mit der linken Hand und legte Dr. Orient die Rechte auf den Arm. »Das Wetter sieht ganz ordentlich aus heute Abend«, hörte er sich sagen. »Ich denke, ich werde einen ruhigen Flug haben. Sie wissen ja, wo Sie mich erreichen können.« I

      Dr. Orient nickte, und Sordi verstand, dass er darauf zählen konnte, von ihm kontaktiert zu werden. Er fuhr mit der Hand in die Tasche seines langen Ledermantels und brachte ein zu einem Knäuel zusammengedrücktes Papiertaschentuch zum Vorschein. Er gab das Knäuel dem Doktor. »Das gehört Ihnen«, sagte er.

      »Auf Ischia«, dachte er beim Weggehen, »kann man sich wenigstens noch auf die Menschen verlassen.«

      Dr. Orient steckte die Papierkugel in die Hemdtasche und sah Sordi nach. Er war deprimiert. Sordis schroffe Art war oft nur Schauspielerei. Diesmal, spürte er, hatte sich der andere nicht verstellt. Dr. Orient war verletzt.

      Er machte auf dem Absatz kehrt und kehrte in sein Arbeitszimmer zurück. Der Raum war leer, bis auf den Schreibtisch und zwei  Stühle. Die Bücher, die Gemälde, die Sternenkarten und Diagramme waren fortgeschafft worden, ebenso das Gerät zur Vorführung von Mikrofilmen, der Dia-Projektor, der Projektionsschirm und das Videogerät.

      Der Mann, der das Haus gekauft hatte, war eisern geblieben, was den Schreibtisch anbetraf. Der Schreibtisch musste im Haus bleiben, er wurde dann im Vertrag eigens aufgeführt. Dr. Orient hatte der Klausel zugestimmt, nachdem ihm primär daran gelegen war, alle Verbindungen, die es noch gab, so schnell wie möglich zu durchtrennen.

      Als er das Arbeitszimmer betrat, stand Andy Jacobs über den Schreibtisch gelehnt. Er wirkte wie ein ungeduldiger Ochsenfrosch, der mit der Zunge die letzten Fliegen wegschnappen will. In diesem Fall waren die Fliegen die letzten Unterschriften, die noch fehlten, damit Dr. Orients Besitz liquidiert werden konnte.

      »Da sind Sie ja, Owen«, sagte Jacobs und produzierte jenes Grinsen, das in den Unterredungen mit seinem Mandanten allmählich zu seinem Markenzeichen geworden war. »Die Papiere sind vorbereitet.«

      Dr. Orient ging zum Tisch, ergriff den goldenen Füllfederhalter und begann, die Schriftstücke mit seinem vollen Namen zu unterzeichnen:

    Dr. Owen Orient III.

      Der Rechtsanwalt zeigte ihm, wo er zu unterzeichnen hatte.

      »Glauben Sie wirklich, das ist die richtige Entscheidung, nachdem nicht nur Ihre Eltern, sondern auch Sie so hart für diesen Besitz gearbeitet haben?« Der Einwand kam sachlich, ohne Vorwurf. »Ich könnte den Besitz doch für Sie verwalten. Sie würden, das ist ja Ihr Wunsch, über keinen Penny mehr verfügen können. Aber Sie könnten das Vermögen dann wenigstens noch vererben. An einen Sohn zum Beispiel. So etwas ist ja nicht ausgeschlossen, Owen. Sie sind schließlich erst einunddreißig. Gut möglich, dass Ihnen bald die richtige Frau über den Weg läuft. Sie sollten das alles etwas flexibler sehen. Das einzig Beständige im Leben ist der Wechsel.« Ein sanfter Rippenstoß. Diesmal hatte Jabs sogar Zuflucht zu fernöstlichem Gedankengut genommen.

      »Zumindest das Haus am Cape könnten Sie behalten.« Er sprach voller Geduld und Verständnis. »Ein schöner Besitz. Ich habe dort einige Sommer verbracht, auf Einladung Ihrer Eltern. Damals waren Sie noch gar nicht geboren.« Jetzt wollte er ihn bei der Ehre packen, bei seinem Gefühl für Tradition und Werte.

      Dr. Orient nickte. Er fuhr mit den Unterschriften fort.

      Als alle Papiere unterzeichnet waren, steckte er die Kappe zurück auf den Füllfederhalter und erhob sich. Ein Anflug von Reue überkam ihn, als er den niedergeschlagenen Gesichtsausdruck des Anwalts bemerkte. Die gleiche Traurigkeit, die ihm bei Sordi aufgefallen war. Ich hätte ihn vielleicht zum Flugplatz begleiten sollen, dachte er. Dann verdrängte er den Gedanken. Es war alles genau so gekommen, wie es kommen musste.

      »Wissen Sie, was ich denke, Senator?«, wollte Dr. Orient wissen. »Sie hätten Ihren Sitz im Repräsentantenhaus in Washington nicht verloren, wenn Sie sich nicht vorzeitig ins Privatleben zurückgezogen hätten.«

     Andy Jacobs hatte die unterzeichneten Schriftstücke zu einem sauberen Stapel zusammen geschichtet. »Was Sie da tun wollen, Owen, geht an den Nerv«, sagte er nachdenklich. »Wenn die Papiere diesen Raum verlassen, besitzen Sie keinen einzigen Dollar mehr. Ich hätte noch nichts gesagt, wenn Sie es bei dem Verschenken der Bücher und Manuskripte belassen hätten. Aber Sie haben dieser merkwürdigen Organisation auch Ihr ganzes Bargeld und Ihre Wertpapiere überschrieben. Ihre einzige Auflage ist, dass das Geld zur Gründung eines Instituts für die PSI-Forschung verwendet wird.« Er kratzte sich an der Nase und dachte über irgendein gefühlsschwangeres Wort nach, das er dem Vorwurf anhängen konnte. Als ihm keines einfiel, fuhr er mit seiner Aufzählung der Sachargumente fort.

      »Dass Sie die Einkünfte aus den Filmen Ihres Vaters für die Errichtung von Stadtteil-Krankenhäusern verwendet haben, war eine großmütige Geste und doch ganz und gar unnötig. Ihr Vater hatte ohnehin bestimmt, dass ein großer Teil der Einkünfte karitativen Zwecken zufließt. Aber Sie begnügen sich nicht mit dem Verschenken der Milch, Sie schlachten die Kuh.« Er setzte sich auf die Tischkante. »Ich verstehe nicht, warum Sie den Grundbesitz nicht in eine Stiftung einbringen, die Ihnen in späteren Jahren eine gewisse Sicherheit garantiert.«

      Er musterte ihn mit ernstem Blick.

      Dr. Orient begann sich unbehaglich zu fühlen.

      Seit er denken konnte, war Andy Jacobs sein väterlicher Freund, sein Berater in privaten und finanziellen Dingen. Er hatte sich um die Erbabwicklung gekümmert und den Sohn seines früheren Mandanten, so gut es irgend ging, vor Schaden bewahrt. Es war schwer, diesen Menschen vor den Kopf zu stoßen.

      »Owen, ich spreche zu Ihnen als Freund, der Sie vor einem schweren Fehler bewahren will.« Er kam näher. »Dass Sie Ihren gesamten Grundbesitz, weggeben, ist eines. Dass Sie Dr. Ferrari alle Rechte aus Ihren medizinischen Forschungen überschreiben, ist ein Schritt, der mir ethisch und moralisch nicht tragbar erscheint. Es ist einfach eine Lüge. Eine Lüge, die man in einen Vertrag gekleidet hat.«   

      »Es ist mein Wunsch, dass mein Name bei dem Projekt Judy in keiner Weise in Erscheinung tritt«, sagte Dr. Orient. Seine Antwort kam eine Idee zu hastig. Er hatte gehofft, dieser Teil der Vereinbarungen würde der Aufmerksamkeit des Anwalts im Wust der Dokumente entgehen.

      »Was Sie in der Forschung geleistet haben, Owen, ist Ihr Beitrag für die Menschheit. Sie können sich die Rechte daran bewahren, ohne dass Ihr Name genannt wird! Stattdessen haben Sie alles aus der Hand gegeben. Warum, Owen? Warum?«

      Dr. Orient betrachtete seine Fingerspitzen. Er fühlte sich in den Zeugenstand versetzt. Anwalt Jacobs hatte sein Kreuzverhör begonnen.

      »Sie könnten eine sagenhafte Karriere machen, Owen, wenn Sie nur wollten. Es ist Ihnen gelungen, die Tochter des Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten von ihrer Lähmung zu heilen. Könnten Sie sich eine bessere Visitenkarte wünschen?«

      Dr. Orient seufzte. »Hören Sie, Senator, mir kommt es einfach darauf an, bei diesem Projekt in der Anonymität zu bleiben. Das Ergebnis ist wichtig, nicht mein Name, nicht das Etikett.«

      »Sie lassen damit zu, dass Dr. Ferrari den Ruhm einheimst, der Ihnen zusteht - vom Geld gar nicht zu sprechen.«

      Dr. Orient schüttelte den Kopf. Es störte ihn, dass er sich von Jacobs aus der Reserve locken ließ. Er würde die meditativen Übungen wieder aufnehmen müssen, um sich besser unter Kontrolle zu bekommen. »Dr. Ferrari bekommt nur, was ihm zusteht«, sagte er leise. »Vergessen Sie nicht, dass seine neuro-chirurgischen Maßnahmen für die Heilung des Mädchens ebenso wichtig waren wie meine Therapie.«

      »Er nimmt sich den ganzen Kuchen, Owen, machen wir uns doch nichts vor.« Senator Jacob zog eine weitere Trumpfkarte aus dem Ärmel. »Was ist, wenn Dr. Ferrari für Ihre Entdeckung der Nobelpreis zuerkannt wird?«

      Dr. Orient legte seine Stirn in Falten. »Ich habe keine Entdeckung gemacht, die universell anwendbar wäre, Senator. Ich habe geholfen, ein Mädchen zu heilen. Das ist keineswegs dasselbe.« Er stand auf und begann auf und ab zu gehen. »Ich habe meine Entscheidung nicht aus einer Laune heraus getroffen.«

      »Also gut, Owen.« Andy Jacobs verlagerte das Schwergewicht seines massigen Körpers auf die andere Seite des Tisches. Er legte die unterzeichneten Dokumente in die einzelnen Fächer seines Aktenkoffers. Dann zog er einen dicken Vertrag aus einer Mappe und warf ihn auf den Tisch. »Hier! Damit besiegeln Sie die Katastrophe. In dem Augenblick, in dem Sie das unterzeichnen, sind Sie ein armer Mann auf Lebenszeit.«

      Dr. Orient hielt dem Blick des Senators stand. Er grinste. »Sie haben das Wichtigste bis zum Schluss zurückgehalten. Sie dachten wohl, Sie könnten mich doch noch umstimmen.«

      »Es hätte ja sein können, dass Sie vernünftig werden.«

      Dr. Orient unterzeichnete an sechs Stellen. Damit war das Vertragswerk komplett.

       Jacobs wagte einen letzten Vorstoß. »Es will mir nicht in den Kopf, dass ein Abenteurer wie dieser Dr. Ferrari Sie so aufs Kreuz legt.« Er schloss seinen Aktenkoffer.

      Dr. Orient kniff die Augen zusammen. »Lassen Sie's gut sein, Andy«, sagte er sanft.

      Senator Jacobs hielt seinen Arm ergriffen. Sie gingen zur Tür. »Sie sind ein harter Bursche, Owen. Man kann Sie nicht in die Enge treiben.« Ein resigniertes Lächeln. »Zumindest - ich nicht.« Er blieb vor der Tür stehen und nahm seinen Hut vom Haken. »Es klingt vielleicht komisch, aber soll ich Ihnen etwas Geld leihen?«

      »Da ist noch etwas, worum ich Sie bitten wollte.« Dr. Orient ging zu seinem Schreibtisch zurück. Als er wiederkam, hielt er eine Videokassette und ein ledergebundenes Notizbuch in der Hand. Beides gab er dem Senator. »Wären Sie so nett, das für mich aufzubewahren?«

      »Natürlich.« Der Senator klappte seinen Aktenkoffer auf, um die Kassette und das Notizbuch zu verstauen. »Übrigens hätte ich Ihnen einen Vorschlag zu machen«, sagte er beiläufig. »Ich könnte die Dokumente einen Monat aufbewahren, ohne Gebrauch davon zu machen. Was halten Sie davon?«

      Dr. Orient schüttelte den Kopf. »Nein.«

      Andy Jacobs nickte. Er stülpte sich den Hut auf den Kopf und ergriff die Türklinke. »Sie sind ein Narr«, sagte er freundlich. »Ein liebenswerter, bedauernswerter Narr. Ich wünsche Ihnen alles Gute.«

      »Andy?«

      Der Senator fuhr herum. Würde Dr. Orient seinen Entschluss in letzter Sekunde revidieren?

        Dr. Orient hielt ihm den goldenen Füllfederhalter hin, mit dem er die Schriftstücke unterzeichnet hatte. »Den schenke ich Ihnen«, sagte er.

      Mit einer raschen Bewegung ergriff Senator Jacobs den Füllfederhalter. Dann eilte er ohne seinen Mandanten eines weiteren Blickes zu würdigen, zu der wartenden Limousine.

      Dr. Orient sah ihm lächelnd nach. Mindestens dreißig Tage würden vergehen, ehe Jacobs die Dokumente weitergeben würde. Er schloss die Tür und ging in sein Arbeitszimmer zurück.

      Er setzte sich an den Schreibtisch und streckte seine langen Beine aus. Das war's also. Eine bedrückende Stille erfüllte das Haus. Von draußen, aus den Straßenschluchten, drang das Heulen einer Polizeisirene zu ihm hinauf. Er krümmte sich, denn sein Rücken schmerzte. Fast eine Stunde lang hatte das Unterzeichnen der Dokumente für den Rechtsanwalt gedauert. Ich bin nicht mehr in Form, dachte er. Während all der Wochen, in denen er an dem Projekt Judy arbeitete, hatte er den Meditationsraum nicht betreten. Und wenn schon. Er würde jetzt lernen müssen, auch ohne die Hilfe einer kunstvoll hergerichteten Umgebung zu meditieren. Ich habe in einem Ei gelebt, dachte er.

      Die meisten Jahre seines jungen Lebens hatte man ihn gehegt und gepflegt wie eine Rassekatze, die für eine Ausstellung vorbereitet wurde. Stets war jemand dagewesen, der ihm zu essen gab, der ihn säuberte, ihn zum Schlafen legte, ihm jeden Wunsch von den Augen ablas. Selbst als er den Fußmarsch zu jenem Kloster im Hochgebirge von Nepal machte, hatte es Berater gegeben, die ihn einwiesen, Empfehlungsbriefe, freundlich gesinnte Äbte, die alle Schwierigkeiten auf dem Weg zu Ku wegzauberten.

       Ab jetzt würde er nur noch das eine haben, was an Wissen in ihm steckte. Es würde sich zeigen, ob er überhaupt etwas wusste.

      Plötzlich fiel ihm das Papierknäuel ein, das Sordi ihm gegeben hatte. Er holte es aus der Hemdtasche und faltete es auf. Ein winziges Silberetui kam zum Vorschein, flach wie ein Dollar, nicht länger als eine Zigarette. Auf dem Deckel war das ovale Symbol eingraviert, das er von seinem Zigarettenetui kannte.

       Verwundert schüttelte er den Kopf. Er hatte sein Zigarettenetui, soweit er sich erinnerte, immer bei sich getragen. Wie aber war es dann Sordi gelungen, die Vorlage an sich zu bringen, um das ovale Symbol für das flache Etui zu kopieren? Er war doch die ganze Zeit von den Beamten des Secret Service bewacht worden.

       Er öffnete das kleine Etui. Ein Päckchen Zigarettenpapier kam zum Vorschein. Bambuspapier, seine bevorzugte Marke. Dr. Orient lächelte. Sordi, dachte er. Guter Sordi.

    Er betrachtete das eingravierte Oval, verglich es mit dem Zeichen auf seinem Zigarettenetui. In seiner Erinnerung erstand Ku, wie er ihm das Etui zum Geschenk machte. Ku hatte keine Erklärung für diese Geste abgegeben.

       Er steckte beide Etuis in seine Hemdtasche zurück und stand auf. Ich werde nicht mehr bis morgen warten, entschied er. Ich werde das Haus schon heute endgültig aufgeben. Während er die Stufen zum Schlafzimmer erklomm, kamen die ersten Zweifel. Er verdrängte sie. Ich muss auslöffeln, was ich mir eingebrockt habe.

      Er duschte lang und heiß. Zum Schluss ließ er eiskaltes Wasser durch alle neun Brauseköpfe schießen, genoss das Prickeln auf der Haut.

       Er kämmte sein langes Haar. Dann verspürte er das Bedürfnis, ein letztes Mal den Meditationsraum zu besuchen. Noch nackt ging er die Treppe zum dritten Stock hinauf und durchquerte die Halle. Er öffnete eine Tür und knipste das Licht an.

       Ein Farbenspiel umgab ihn. Sanftes Weiß, satte Bernsteinfarben. Er selbst hatte diesen Raum, nach einem besonderen Schema, mit Lichtern ausstatten lassen. In einer Ecke stand ein mächtiger Findling.

       Er verspürte so etwas wie Stolz und Genugtuung, als er sein Werk betrachtete. Zweck der künstlichen Landschaft, die er angeordnet hatte, war die seelische Einbettung der Personen, die sich hier der Meditation hingaben.

       Er nahm auf dem Teppich Platz, neben dem Findling. Er entspannte sein Rückgrat, spürte, wie sich das Gift an den Nervenenden auflöste.

      Die Atemübung.

      Die erste Stufe. Die Verschmelzung von Körper und Geist.

      Er schwamm durch die Schichten seines Ichs der Sekunde seiner Geburt entgegen. Bilder, chemische Reaktionen, schwebende Schatten, geometrische Muster. Dann das Licht des ersten Tages, die Geburt. Seine Mutter. Die Eltern. Der Traum. Das Flugzeug, das mit flammenden Tragflächen der Erde entgegen taumelte. Die Wirklichkeit.

      Die ersten Gedanken mischten sich in die Bilder:

    Dr. Ferrari. Ein Mann voller Willenskraft. Ein Mann, der alles lernen, alles genießen wollte, den es nach sinnlicher Befriedigung ebenso gelüstete wie nach Ruhm. Ein Mann voller Liebe, Hass und Ehrgeiz. Ein Kind, das alles, alles haben wollte. Dr. Orient hatte an der Seite dieses Mannes studiert, hatte erbitterte Kämpfe mit ihm ausgefochten. Der Hunger, die Gier des anderen war nie befriedigt worden.

      Die Gedanken hatten die Oberhand gewonnen. Erneut versenkte er sich in die Meditationsübung, ordnete seinen Atemrhythmus dem Schema unter.

      Die erste Stunde des ersten Tages. Das Zelt, in dem er gelebt hatte, während er sich auf die Begegnung mit Ku in der Vierten Ebene vorbereitete. Schließlich das Gefühl beglückender Einsamkeit, die Erfahrung höchsten Wissens.

      Das Bild wurde unscharf, er fühlte sich ins Jetzt zurück geschleudert. Sorgen, Streit, Dr. Ferrari...

      Er wiederholte die Übungen wie ein Taucher, der nach einem verlorenen Stein suchte. Er meditierte, bis der Schlaf ihn übermannte.

    2. Kapitel

      Er wachte auf, als er schwere Schritte im Erdgeschoss des Hauses vernahm. Türenklappen, Männerstimmen.

      Er sah sich um.

    Gut, dachte er. Gut.

      Er war im Meditationsraum eingeschlafen. Der Entschluss, das Haus aufzugeben, gestern noch groß und bedeutsam, war zu einem Schemen verblasst, war Vergangenheit. Er rieb sich die Augen. Er lächelte. Es gab keine Eile. Wenn man nichts mehr hat, nichts mehr besitzt, ist es gleichgültig, wann man den Tag beginnt. Er stand auf und reckte sich. Das Stimmengewirr im Erdgeschoss war deutlicher geworden. Das Poltern von Kisten. Die Männer der Umzugsfirma schleppten die Möbel des neuen Eigentümers die Treppen hinauf.

      Plötzlich wurde ihm bewusst, dass er nackt war. Er ging die Treppe hinunter, durchquerte das Schlafgemach, öffnete die Tür zum Bad und wusch sich. Dann kleidete er sich an. Er war dabei sein Hemd zuzuknöpfen, als ein gedrungener, breitschultriger Mann die Tür öffnete. Der Fremde trug ein schmutziges Tuch um die Stirn geschlungen. Er nahm die Zigarre aus dem Mund und deutete mit dem angekauten Ende auf Dr. Orient.

      »Was zum Teufel machen Sie hier?«, grunzte er.

      »Ich bin der frühere Eigentümer des Hauses. Ich packe noch meine restlichen Sachen zusammen.«

      »Der frühere Eigentümer ist schon vor zwei Tagen ausgezogen.« Der Mann trat auf ihn zu. »War ein Arzt. Sie sehen nicht aus wie ein Arzt. Viel zu jung.«

       Dr. Orient öffnete seinen Aktenkoffer und reichte ihm den Pass.

       Der Mann steckte seine Zigarre in den Mundwinkel und betrachtete das Dokument. Nachdem er das Bild verglichen hatte, reichte er ihm den Pass zurück.

    Er stand da, die Hände in die Hüften gestemmt, und wartete, während Dr. Orient die Handtücher in den kleinen Koffer legte, den Sordi für ihn vorbereitet hatte.

       Er suchte und fand seine schweinslederne Windjacke. Dann wurde ihm klar, dass der Mann ihn nervös machte. Der Wunsch, das Haus zu verlassen, wurde übermächtig.

      Er ging auf die Tür zu. Der Mann öffnete sie ihm. »Sie sehen wie ein Kind aus, Doktor, wussten Sie das?«

      »Das liegt an den Vitaminen, die ich einnehme«, gab Dr. Orient zur Antwort.

      Dann war er draußen. Er konnte die Sonne auf der Haut spüren, trotz der kühlen Brise, die vom Fluss herauf strich. In ein paar Wochen würde der Frühling Einzug halten. Dr. Orient hatte den Bürgersteig auf der anderen Straßenseite erreicht. Er blieb stehen, um tief Luft zu holen. Eine Weile lang blickte er auf den Fluss hinab, dann begann er seinen Marsch zum Stadtzentrum.

      Er hatte zwanzig oder dreißig Häuserblocks passiert, als er Durst verspürte. An einem Kiosk, der frisch gepressten Orangensaft verkaufte, blieb er stehen. Sein Blick fiel auf das Schild an der Ecke. Er befand sich an der Kreuzung der 86th Street mit der 3rd Avenue. Ich muss irgendwann Richtung Osten abgebogen sein, fuhr es ihm durch den Kopf. Er ließ sich ein zweites Glas Orangensaft geben und versuchte seine Gedanken zu ordnen. Ich werde mir eine neue Unterkunft suchen müssen. Alles Weitere wird sich finden. Er schob den linken Ärmel hoch. Die Armbanduhr fehlte.

       Dann fiel es ihm ein. Er hatte sie im Badezimmer liegen lassen; neben der Zahnbürste, dem Rasierapparat, dem Kräutershampoo, der Teerseife und den anderen Utensilien. Keine Chance, dass er diese Dinge je wiedersah. Nein, er würde nicht zurückgehen, um das Vergessene zu holen.

       Seit seiner Geburt hatte er in diesem Haus gelebt. Heute Morgen, als die Männer der Umzugsfirma kamen, war er sich wie ein Einbrecher vorgekommen. Erst jetzt wurde ihm klar, wie unpersönlich die Übergabe des Eigentums abgewickelt wurde. Man besitzt ein Haus nicht wirklich, dachte er. Es ist nur eine Illusion, die das Medium Zeit uns vorspiegelt. Ich habe noch viel zu lernen. Dies ist die erste Stufe auf der Treppe der Erkenntnis.

       Er war verwirrt, als der Verkäufer ihm einen Dollar und zwanzig Cents für die drei Glas Orangensaft abverlangte. Der Hundertdollarschein, der in seiner Tasche knisterte, würde nicht lange reichen, das war jetzt schon klar. In den letzten Jahren hatte er die Beziehung zum Geld verloren, falls er je eine gehabt hatte. Er konnte sich einfach nicht vorstellen, wie viel ein normaler Mensch im Monat zum Leben brauchte.

      Er beschloss in den Park zu gehen.

      Der Weg führte in westlicher Richtung, auf die 5th Avenue zu. Ich habe mein Treibhaus verlassen, dachte er. Aber er war schlecht vorbereitet auf das Leben draußen. Seit seinem fünfzehnten Lebensjahr war er nicht mehr mit gewöhnlichen Menschen zusammengekommen. Sicher, es hatte hier und da ein Mädchen gegeben. Insgesamt aber war sein Interesse auf die Arbeit gerichtet gewesen. Es blieb keine Zeit für Freundschaften. Mathematik, Physik, Sprachen. Medizinstudium, dann Psychologie und Psychiatrie. C.G. Jung und Reich, die beiden Säulenheiligen. Damals hatte er mit seinen Experimenten zu übernatürlichen Phänomenen begonnen.

       Ein Studium der okkulten Wissenschaften, der Parapsychologie, hatte sich angeschlossen. Yoga, Tibet, und das Erlernen telepathischer Techniken.

       Und über alledem hatte er vergessen, was es hieß, sich seinen Lebensunterhalt als normaler Zeitgenosse zu verdienen. Wo war der Weg, der ihn zwischen seinem neuen Bewusstsein und dem ererbten Karma hindurchführen würde?

      An der 5th Avenue angekommen, bog er in Richtung Central Park ab. Er betrat den Park, ging die gewundenen Wege entlang, setzte sich auf eine Bank.

       Als er aufblickte, hatte ein junger Mann mit schulterlangem rotem Haar auf der Bank gegenüber Platz genommen. Auf seinen Knien lag eine Zeitschrift. Der Mann war gerade dabei, sich eine Zigarette zu drehen. Er trug ein schwarzes Cowboyhemd, auf dessen Schultern zwei Silberadler eingewebt waren.

    Irgendwo hier muss es eine Rodeo-Vorführung geben,

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