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SONGS AUS DER KONVERTER-KAMMER: Science Fiction-Erzählungen

SONGS AUS DER KONVERTER-KAMMER: Science Fiction-Erzählungen

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SONGS AUS DER KONVERTER-KAMMER: Science Fiction-Erzählungen

Länge:
260 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
4. März 2019
ISBN:
9783739648729
Format:
Buch

Beschreibung

"Diese kargen Angaben sind alles, was man noch über eine Frau erfahren kann, deren Leben im Alter von 28 Jahren ein Ende nahm. Ein so früher Tod dürfte genügen, um heute, in einer Epoche, da die Lebenserwartung bei rund 120 Jahren liegt und man dank der vollkommenen Durchdringung unseres Alltags mit Mikro-Elektronik schon ein absoluter Schwachkopf sein muss, um einen Unfall zu erleiden, Interesse und Anteilnahme zu erregen."

Acht Erzählungen aus der Feder des deutschen Schriftsteller Horst Pukallus, entstanden in den Jahren 1981 bis 1985 – und allesamt Klassiker des Genres. Geprägt vom geradezu perfekten, komplex-genüsslichen Erzähl-Stil des Autors zeigt sich in dieser Sammlung vor allem die thematische Vielseitigkeit und Exzentrik eines Könners von erlesenster Güte: Hier trifft Polit-Satire auf fast schon mystisch zu nennende Science Fiction, ein Slapstick-Abenteuer trifft auf Zerrspiegel-artige Zukunfts-Visionen. Und mögen die Texte auch unverkennbar Kinder ihrer (Entstehungs-)Zeit sein, so haben diese dennoch bis heute nichts von ihrer literarischen und inhaltlichen Wirkung verloren.
Herausgeber:
Freigegeben:
4. März 2019
ISBN:
9783739648729
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SONGS AUS DER KONVERTER-KAMMER - Horst Pukallus

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Das Buch

»Diese kargen Angaben sind alles, was man noch über eine Frau erfahren kann, deren Leben im Alter von 28 Jahren ein Ende nahm. Ein so früher Tod dürfte genügen, um heute, in einer Epoche, da die Lebenserwartung bei rund 120 Jahren liegt und man dank der vollkommenen Durchdringung unseres Alltags mit Mikro-Elektronik schon ein absoluter Schwachkopf sein muss, um einen Unfall zu erleiden, Interesse und Anteilnahme zu erregen.«

Acht Erzählungen aus der Feder des deutschen Schriftsteller Horst Pukallus, entstanden in den Jahren 1981 bis 1985 – und allesamt Klassiker des Genres. Geprägt vom geradezu perfekten, komplex-genüsslichen Erzähl-Stil des Autors zeigt sich in dieser Sammlung vor allem die thematische Vielseitigkeit und Exzentrik eines Könners von erlesenster Güte: Hier trifft Polit-Satire auf fast schon mystisch zu nennende Science Fiction, ein Slapstick-Abenteuer trifft auf Zerrspiegel-artige Zukunfts-Visionen. Und mögen die Texte auch unverkennbar Kinder ihrer (Entstehungs-)Zeit sein, so haben diese dennoch bis heute nichts von ihrer literarischen und inhaltlichen Wirkung verloren.

Der Autor

Horst Pukallus, Jahrgang 1949.

Schriftsteller, Herausgeber und Übersetzer.

Seit den späten 1960er Jahren veröffentlichte er Kritiken zur SF-Literatur, vor allem in der Zeitschrift Science Fiction-Times. 1974 erschien seine erste Erzählung Interludium. Es folgten u.a. die Story-Sammlungen Die Wellenlänge der Wirklichkeit (1983) und Songs aus der Konverter-Kammer (1985), die Pukallus als einen der vielseitigsten und intellektuell versiertesten deutschsprachigen Genre-Autoren seiner Generation etablierten. Neben seiner Meisterschaft im Metier der Kurzgeschichten/Erzählungen sind auch seine Romane Krisenzentrum Dschinnistan (1985) und Hinter den Mauern der Zeit (1989, zusammen mit Michael Iwoleit) von überragender inhaltlicher und stilistischer Qualität. Zu Recht wird Horst Pukallus mit dem großen amerikanischen SF-Schriftsteller Philip K. Dick verglichen.

Zu seinen herausragenden Übersetzungen aus dem Englischen/Amerikanischen gehören u.a.: Iain Banks: Vor einem dunklen Hintergrund (1998), John Brunner: Morgenwelt (1980), John Brunner: Schafe blicken auf (1978), John Brunner: Der Schockwellenreiter (1979), Philip K. Dick: Kinder des Holocaust (1984), Jack Womack: Heidern (1993) sowie die Deryni-Romane von Katherine Kurtz (1978 – 2000).

In den Jahren 1980, 1981, 1984, 1985 und 2001 erhielt er den Kurd-Laßwitz-Preis für die beste Übersetzung; 1991 erhielt er diese Ehrung für seine Erzählung Das Blei der Zeit.

Horst Pukallus lebt und arbeitet in Wuppertal.

Horst Pukallus:

SONGS AUS DER KONVERTER-KAMMER

Cover der Erstausgabe (Ullstein-Verlag, 1985)

DIE OPFERHÖHLE  (1981)

  »Hier geht’s nirgends weiter. Du siehst doch, dass es hier nicht weitergeht.«

  Percys Stimme, durch den Helmfunk ohnehin leicht verzerrt, besaß den schrillen Tonfall jener Nörgelei, die auf Ärger über die eigene Ratlosigkeit beruhte.

  »Ja, ich seh’s.« Der Lichtkegel des Brustscheinwerfers an Florens Bonnamys Raumanzug verlor sich im Hintergrund der Riesenhöhle. Hundertfünfzig bis zweihundert Meter in der Höhe hing, bleigrau getupft und schwer wie Gewitterwolken, ein Baldachin aus Eiszapfen.

  Unter den Füßen der beiden Männer schimmerte, so weit das Scheinwerferlicht reichte, ein glatter Spiegelsee, gemasert in unterschiedlichen Schattierungen von Blau, Grauweiß, Blaugrau und Grün. Schon der Augenschein schloss abermals jeden Zweifel aus: der einstige Höhlensee musste Wasser enthalten haben. Dem Eis fehlte das für gefrorenes Ammoniak typische Perlmutt-Glitzern.

  »Lass uns umkehren«, quengelte Percy. Die Übertragungsqualität war mangelhaft, aber Florens meinte, er könne den Maschinentechniker mit einer Mühseligkeit schlucken hören, als würge ihn jemand. »Uns kann was auf den Kopf fallen.« Percys rechter Arm, plump durch die Umhüllung aus unter Innendruck befindlichen Wulst-Gliedern, deutete mit der Ruckhaftigkeit der halben Schwerkraft hinauf zu den Eiszapfen.

  Florens verkniff sich eine Äußerung des Missmuts. Natürlich ging es noch weiter, vermutlich sogar noch viel, viel weiter, und er hätte gern den früheren Siphon zu finden versucht; aber für Percy verkörperte das Dunkel mit seiner ungewissen Ausdehnung, das vor ihnen lag, ein Hindernis wie eine massive Felswand. Er suchte die Geborgenheit kleiner, überschaubarer Räume; der Mann war ein Großstadt-Neurotiker, kein Raumfahrer.

  »Wir sind hier nirgendwo sicher, das weißt du doch selbst.« Die Bleisohlen seines Anzugs klirrten wie von Ferne, als sich Florens umdrehte und den Brustscheinwerfer auf verminderte Leistung schaltete. Die Finsternis schien die Helligkeit aufzusaugen wie ein lichthungriger Troglobiont, und im nächsten Moment stand das Paar nur noch in einer begrenzten Sphäre trüben Lichts.

  »Warum machst du denn die Lampe aus?!«, plapperte Percy beunruhigt, während Florens mit einem Blick auf die Instrumentenarmatur an seinem linken Handgelenk die Orientierung wiederherstellte. Er seufzte unterdrückt, als er widerwillig den Rückweg antrat. Es war sowieso bald an der Zeit, anhand der oben in der Klufthöhle zurückgelassenen Notausrüstung die Sauerstoff-, Wasser- und Nahrungsvorräte in den Spendern ihrer Raumanzüge aufzufrischen, möglicherweise auch zum Austausch der Batterien.

  »Der Scheinwerfer ist nicht aus. Es ist hell genug, um zu sehen, wohin man geht.«   Florens stapfte an Percy vorbei, froh darum, dass die Außenbesichtigung des Raumhelms seine Grimasse der Abneigung verbarg. Percy schlurfte ihm nach.

  Einige Minuten lang überquerten sie stumm die glatte Eisfläche, begleitet nur vom Kling-Klang ihrer Schritte, der Fahlheit ihres Lichts. Ringsum erstreckte sich nichts als Frostglanz und verschmolz mit dem Finstern.

  Percy Grindling begann sein Gejammer fortzusetzen, als sie die Sinterterrasse ersteigen mussten, die den Übergang zwischen Stollen und Haupthöhle bildete. Die abgestuften Sinterbecken strotzten von putzigem Knöpfchen-Sinter, der wie wahllos ausgestreute Perlen oder Erbsen wirkte, aber stellenweise auch von scharfen Kalzit-Kristallen, die zu meiden sich empfahl; infolge dessen fielen häufig Umwege an, und es dauerte nicht lange, bis Percy, restlos unsportlich, laut zu schnaufen anfing.

  Wenig später erschütterte ein dumpfer Erdstoß das Höhlensystem, und sofort erscholl das grelle Bersten von Eis und Tropfstein, dem Prasseln und Gepolter folgten. Mehrere hundert Kilometer trennten sie von der Stätte des Vulkanausbruchs, der ihren Prospektorator Checkered Demon zum Wrack gemacht hatte, aber die Beben, die mit dem Gravo-Vulkanismus einhergingen, aufgrund der ultrahohen Anziehungskraft des Jupiter auf seinem zweiten Mond Io eine Dauererscheinung, brachten das Muttergestein sogar über diese Entfernung hinweg merklich ins Zittern. Jupiters Gigantismus zerrte beharrlich in Tiden-artigen Schüben an der Kruste des kleinen Himmelskörpers und ließ dem Magma in dessen Kern keine Ruhe.

  »Wir werden hier elend verrecken, ich seh’s kommen«, klagte Percy, nun am Rande der Weinerlichkeit. »Bestimmt werden wir hier begraben und müssen krepieren. Warum mussten wir unbedingt in so ein Loch kriechen?«

  Florens verzog den Mund. Er hegte jede Bereitschaft, sich mit dem Wunder dieser unterirdischen Entdeckung über ihre Havarie - zumal die Lage alles andere war als aussichtslos  - und selbst über Stanleys Tod hinwegzutrösten (den Piloten hatte er ganz gut leiden können, wogegen er Percy nicht im mindesten ausstehen konnte), aber der Stumpfsinn des Technikers entartete für seine Begriffe allmählich zu einer größeren Belastungsprobe, als alle Gefahren es sein mochten, die im Rahmen einer zu relativer Routine gewordenen interplanetaren Raumfahrt drohten, ln der Tat entstanden heutzutage die meisten Gefährdungen genau durch jenes tragische Zusammenfallen von Dummheit und Unfähigkeit, das man bei Grindling beobachten konnte. Doch die Raumfahrt litt an Personalmangel; viel zu oft ergaben sich Situationen, in denen Impunitaten trotz ihrer ungenügenden Qualifikation verantwortungsvolle Aufgaben übernehmen durften oder gar keine andere Wahl blieb, als sie ihnen zu übertragen.

  »Muss ich dir darauf eine Antwort geben?«, fragte Florens barsch zurück und dachte an die hundertzwanzig Kilometer hohe Wolke aus Asche und Schwefel, vermischt mit einem Sprühregen aus Quecksilber-Partikeln, die der Vulkan kurz nach ihrer Landung auf einem der kupferroten Lavafelder ausgestoßen hatte. Die Checkered Demon war, während sich Stanley noch an Bord aufhielt, in einer urplötzlich aufgerissenen Spalte zerschellt, und als Florens zweieinhalb Stunden später, nachdem er und Percy in äußerster Hast die Notausrüstung geborgen hatten, die chemische Zusammensetzung des vulkanischen Auswurfs ermittelte, stand fest, dass ihres Bleibens auf der Oberfläche nicht länger sein konnte, nicht einmal im Schutz der Raumanzüge. Angesichts der hohen Quecksilberkonzentration erachtete er es keineswegs als ausgeschlossen, dass der Niederschlag sie regelrecht eingeschneit und nach und nach in silberne Standbilder verwandelt hätte. Auf jeden Fall wären ihre Vorratspatronen, nicht so hermetisch dicht wie die Raumanzüge, sondern vornehmlich gegen Verstrahlung und Temperaturschwankungen isoliert, vergiftet worden. Die etliche Kilometer dicke Dunstschicht würde an Ios Himmel den übermächtigen Jupiter noch lange verdunkeln.

  »Zooks, Mann«, maulte Percy, »nein, nicht, ich weiß Bescheid, ja. Die Qualmwolke, freilich. Du brauchst mich doch nicht gleich anzuschreien.« Er zeigte, reizbar wie jeder, der sich mit Minderwertigkeitsgefühlen plagte, alle Neigung, auf den Knien zu rebellieren. »Aber wir hätten ja nicht so tief hinunter zu brauchen. Das ist doch wohl nicht das Wahre, hier unten herumzuklettern, während weit und breit alles wackelt, oder? Oder?«

  Missgelaunt presste Florens seine ausgedörrten Lippen aufeinander. Auf seine einfältige Weise hatte Grindling durchaus Recht. Zwar war der Abstieg vom Lavafeld durch einen Deckenbruch in den Tonnengang einer an beiden Enden von Versturzmassen verschlossenen Lava-Höhle höchstwahrscheinlich ihre einzige Rettung vorm Quecksilber gewesen, und außerdem hatte er den tektonischen Status zuvor gründlich mit dem Seismometer überprüft; jedoch verschafften nur komplizierte Präzisionsmessungen der Magnetfelder einigermaßen verlässlich darüber Aufschluss, ob noch mehr oder keine weiteren Eruptionen bevorstanden, und dazu fehlten ihnen die Instrumente  und von einer Notwendigkeit, in eine Tiefe von ungefähr dreihundert Meter unter los ruhelose Oberfläche zu steigen, konnte wahrhaftig keine Rede sein. Der sicherste Aufenthaltsort wäre für sie jetzt ein Platz droben im Tonnengang gewesen, geschützt vorm Quecksilber-Nieselregen, gleichzeitig nahe genug am Ausstieg, um im Falle neuer Beben ins Freie flüchten zu können.

  »Diese unteren Höhlen sind ein Phänomen. Ihre Existenz wirft alle bisherigen Vorstellungen von Io über den Haufen.« Florens’ Stimme klang heiser. Er räusperte sich und drückte am Kontroll-Set an seiner linken Hüfte die Taste des Befeuchters, so dass eine schleimhautfreundliche Spray-Emulsion ins Innere seines Raumhelms spritzte, seine Lippen angenehm benetzte. Er inhalierte die prickelige Frische und schluckte einige Male. »Keine Sorge«, fügte er mit normalisierter Stimme hinzu. »Wir sind ja wieder unterwegs nach oben.«

  Der Stollen zu den Schächten, dessen Streckenlänge rund achtzig Meter betrug  Florens hatte beim Abstieg einige erste Vermessungen mit Kompass und HoloMasertaster durchgeführt, war durch die jüngsten Erdstöße zum Teil stark verwüstet worden: Verkarstungen von Kalksteinblöcken und schräge Verwerfungen hatten die Dichte der Tropfsteinsäulen augenfällig gelichtet. Zum Glück war es zu keinen so umfangreichen Versturzvorgängen gekommen wie vor langem oben in der Lava-Höhle, doch der tektonische Kahlschlag erleichterte den Weg nicht, sondern hatte eine Anzahl von Barrikaden aus Trümmern und Schutt hinterlassen, die es nun zu überwinden galt. Überall lag herabgestürztes Geröll. Eine Vielzahl zersprungener Tropfröhren und Excentriques schillerten am Untergrund wie Scherben.

  »Was für eine Plackerei«, beschwerte sich Percy. »Das ist nichts für mich. Ich schwitze wie ein Affe, und das in dieser Kälte. Ich weiß nicht, ob ich diese verdammte Heizung höher oder niedriger einstellen soll. Hoffentlich wird mein Rheuma nicht schlimmer.« Florens runzelte die Stirn, sah jedoch davon ab, den Maschinentechniker daran zu erinnern, dass er sich ohne die Anzugheizung um sein Rheuma keine weiteren Gedanken zu machen bräuchte. Wenn Percy drauflos faselte, setzte er alle Regeln der Logik außer Kraft. »Ich verstehe nicht, was dich an diesen Höhlen so interessiert. Ich kann nicht begreifen, was das Problem ist.«

Am südwestlichen Ende mündete der Stollen in einen kürzeren Minarettgang mit Rhombusprofil, dessen zierliche Sintergehänge, mit eisblumenhaften Aragonitkristallen wie überzuckert, dessen Schmuck von wurzelhaft verschlungenen Heliktiten, die misslungenen Erzeugnissen eines Glasbläsers glichen, dank der scheinbaren Widersinnigkeit natürlicher Prozesse unbeschädigt geblieben waren, und das Scheinwerferlicht der zwei Männer warf ein silbriges Gleißen zurück. Der Gang wies auf ganzer Länge in der Mitte einen offenbar durch Gravitationserosion entstandenen, tiefen Spalt auf, und sie mussten ihn gebückt auf einem schmalen Sims an der rechten Felswand durchqueren.

  Vom Minarettgang gelangten sie in eine rundum von Tropfstein-Kerzen gesäumte Grotte. Eine Naturbrücke aus fossilen Sedimenten überwölbte in ihrer mittleren Höhe eine Sinterschale. Das letzte Drittel stieg steil an und führte zwischen Stalaktiten, die wie zerlaufener Teig herabhingen, manche in einer Chamoisfärbung wie Honig oder Bernstein, andere überzogen mit Pilzsinter.

  »Ich hätte nicht gedacht, dass es so mit mir enden würde, wirklich nicht«, kratzte Percys Stimme aus dem Helmlautsprecher. »Zooks, Mann, ich habe ja nie viel vom Leben erwartet, bloß dass man mich in Frieden lässt, aber schon meine Alte hat mir pausenlos die Ohren voll gequatscht, es war grässlich, ich hatte überhaupt nichts zu sagen ...«

  »Man merkt, dass du Nachholbedarf hast«, raunzte Florens ohne innere Anteilnahme. Unruhe wegen des Nylonseils, das in der früheren Kaskade von fast zweihundert Meter Höhe hing, hatte ihn erfasst. Er schaltete seinen Brustscheinwerfer auf maximale Leistung und lenkte den Lichtstrahl aufwärts. Zu seiner Erleichterung sah er das untere Ende des Seils unverändert dreißig Meter über ihnen baumeln, also war es vermutlich noch unzertrennt; das rechtfertigte die Hoffnung, dass die Beben die einstigen Wasserfallschächte nirgendwo unpassierbar beeinträchtigt hatten.

  »Zu Hause waren immer alle gegen mich, solange ich mich zurückerinnern kann«, schwatzte Percy. »Ich meine, auf der Erde. Durch diese Gemeinheit bin ich in den Weltraum verschlagen worden. Das heißt, es war ja so oder so nicht mehr zum Aushalten, bei den Zuständen. Aber freiwillig wäre ich nie zur Raumfahrt gegangen, das darfst du mir glauben.«

Beiläufig wunderte sich Florens darüber, wie es diesem Schwachkopf immer wieder gelang, inmitten all seines wirren Geschwafels unvermutet auf schlaglichtartige, erkenntnisreiche Einsichten von bemerkenswerter Wahrheit zu verfallen. Er selbst hatte die Weiträumigkeit des Alls in klarer Entscheidung den Verhältnissen auf der Erde vorgezogen, wo der Bevölkerungszuwachs nach wie vor zum seit Generationen als Ursache von Unglück und Kriminalität erkannten mono-struktuellen Silo-Bau zwang, Mastermind-Zentralcomputer die Ballungszentren managten, während die wahre Regierung längst die normative Kraft des Faktischen war, und Mediensouffleure die Massen der Megalopolen mit den evergreenistisch vermuzakten Denkservice-Parolen einer Phantom-Demokratie in rührseliger Lethargie befangen hielten, zu der Abenteuerreservate alleinige Abwechslung boten. Als er in Kanada lebte, hatte seine Sympathie den in der Middle-Earth-Bewegung zusammengeschlossenen, Utopie-bewussten Alternativkulturen gehört, doch er konnte sich nie dazu durchringen, in eine der Siedlungen aus Wohnskulpturen, Sperrmüllpalästen, Kuriositätenkuppeln und Märchenschlösser aus Bierdosen und leeren Flaschen zu ziehen, weniger wegen der vergleichsweisen Bescheidenheit des dortigen Lebensstils, als aufgrund der damit verbundenen Anspruchslosigkeit in Bezug auf die Selbstforderung. Sein einziges Andenken an die damalige Zeit war das handbedruckte Thangka-Halstuch, das er ständig trug, inzwischen vom Schweiß etlicher Jahre völlig verwaschen.

  Plötzlich kicherte Percy, als verliere er nun vollends den Verstand. »Vielleicht begegnen wir einer Bergfee, die uns drei Wünsche freigibt.«

  »Ich würde dir eine Wurst an die Nase wünschen, darauf kannst du dich verlassen«, schnauzte Florens in nebelhafter Erinnerung an irgendeine wilde Geschichte. Er spürte Pochen in den Schläfen und zwang sich zur Ruhe.

  »Warum musst du mich dauernd so anbrüllen?« beanstandete Percy mit einem Ansatz zur Aufsässigkeit. »Kannst du eigentlich keinen anderen Menschen reden hören? Mein Opa war genauso, er musste andauernd alle bevormunden und drangsalieren, aber es ist mies mit ihm geendet, zum Schluss fing er ganz an zu spinnen, er hat eines Tages im Hausflur einen Kontrollposten eingerichtet, und alle Hausbewohner mussten sich bei ihm mit ihren ID-Karten ausweisen, alle hundertachtzig Parteien, und natürlich haben sie’s nicht lange geschluckt, am nächsten Tag haben die Psychohygieniker ihn abgeholt...« Er ächzte zum Erbarmen, so dass es im Lautsprecher krachte und fauchte, allem Anschein nach infolge seiner Weitschweifigkeit außer Atem.

  Florens schwieg, um Kräfte und Nerven zu schonen. Die Wasserfallschächte mochten am anstrengendsten sein, aber das schwierigste Stück des Höhlensystems war ohne Zweifel das steil abschüssige Gesims, das rund um die Innenseite der Grotte verlief und dabei den dreißig Meter großen Höhenunterschied zwischen der Naturbrücke aus versteinerten Sedimenten und der unteren Mündung zu den Schächten in schwungvoller Gewundenheit überwand.

  Er drehte den Kopf und sah hinter sich Percys auf Minimalleistung gedimmten Brustscheinwerfer, dann schaltete er den eigenen Scheinwerfer ebenfalls auf die schwächste

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