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Der A. F. Morland Krimi-Koffer: 1200 Seiten Cassiopeiapress Thriller-Spannung
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eBook1.393 Seiten16 Stunden

Der A. F. Morland Krimi-Koffer: 1200 Seiten Cassiopeiapress Thriller-Spannung

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Über dieses E-Book

Der Umfang dieses Buchs entspricht 1200 Taschenbuchseiten.

Die ideale Urlaubslektüre!
Neun Krimis der Extraklasse - 1200 Seiten Hochspannung vom Meister der spannenden Unterhaltung! Die Romane von A. F. Morland erreichten eine Gesamtauflage von über 40 Millionen Exemplaren. Er schrieb an bekannten Krimi-Serien wie Jerry Cotton, Franco Solo und Kommissar X mit und erschuf die Spannungsserie Tony Ballard. In diesem Buch gibt es eine Auswahl seiner Action-Krimis.

Dieses Buch enthält folgende neun Krimis:
Abserviert von zarter Hand
FBI: Fünf
FBI 2: Judas
FBI 3: Kopfschuss
Der Boss der Unterwelt
Ihr letztes Ding
Der mörderische Trick
Die Hudson-Gang
Die Killer-Kobra
SpracheDeutsch
HerausgeberBookRix
Erscheinungsdatum23. Juni 2019
ISBN9783739642055
Der A. F. Morland Krimi-Koffer: 1200 Seiten Cassiopeiapress Thriller-Spannung
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Autor

A. F. Morland

A. F. Morland schrieb zahlreiche Romane und ist der Erfinder der Serie Tony Ballard.

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    Buchvorschau

    Der A. F. Morland Krimi-Koffer - A. F. Morland

    Der A. F. Morland Krimi-Koffer: 1200 Seiten Thriller-Spannung

    von A. F. Morland

    Der Umfang dieses Buchs entspricht 1200 Taschenbuchseiten.

    Die ideale Urlaubslektüre!

    Neun Krimis der Extraklasse - 1200 Seiten Hochspannung vom Meister der spannenden Unterhaltung! Die Romane von A. F. Morland erreichten eine Gesamtauflage von über 40 Millionen Exemplaren. Er schrieb an bekannten Krimi-Serien wie Jerry Cotton, Franco Solo und Kommissar X mit und erschuf die Spannungsserie Tony Ballard. In diesem Buch gibt es eine Auswahl seiner Action-Krimis.

    Dieses Buch enthält folgende neun Krimis:

    Abserviert von zarter Hand

    FBI: Fünf

    FBI 2: Judas

    FBI 3: Kopfschuss

    Der Boss der Unterwelt

    Ihr letztes Ding

    Der mörderische Trick

    Die Hudson-Gang

    Die Killer-Kobra

    Copyright

    Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

    © by Author

    © dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

    Alle Rechte vorbehalten.

    www.AlfredBekker.de

    postmaster@alfredbekker.de

    Abserviert von zarter Hand

    von A. F. Morland

    Erst liebte sie ihn – aber als sie endlich sein schmutziges Spiel durchschaute, verurteilte sie ihn zum Tode ...

    Erstveröffentlichung: 1977

    1

    Er war einer von denen, die wussten, wann eine Sache verloren war. Bount Reinigers Automatik wies auf seine breite Brust, und er wäre verrückt gewesen, zu denken, da wäre noch ein Blumentopf zu gewinnen. Mit einem überheblichen Grinsen, wie nur er es zustande brachte, ließ er die Beute fallen. Sie befand sich in einem schwarzen Stoffsack: zwanzigtausend Dollar und noch ein paar Zerquetschte aus dem Safe der gegenüberliegenden Bar, der Dandy Moreno einen nächtlichen Besuch abgestattet hatte.

    Seit einem Monat war Bount Reiniger hinter diesem raffinierten Kriminellen her. Endlich war es ihm gelungen, Dandy Moreno auf frischer Tat zu ertappen.

    Über ihnen rollte der spärliche Nachtverkehr über den Stelzen-Highway, der den Hudson River begleitete. Moreno hob langsam die Hände, als wollte auch er das Betonband dort oben stützen. Bount wies mit den Augen nach rechts.

    „Mein Wagen steht dort drüben, Dandy."

    Moreno bedachte ihn mit einem frostigen Blick. „Wohin fahren wir?"

    „Centre Street. Nur ein paar Blocks."

    „Okay. Gehen wir."

    Reiniger winkte den gefährlichen Burschen mit dem Lauf seiner Kanone nach links. „Drei Schritte, Dandy. Der Gangster zählte sie grinsend ab: „Eins, zwei, drei. Recht so?

    „Ich bin zufrieden", gab Bount zurück. Er hob den Sack mit den Dollars auf. Mit einem neuerlichen Wink veranlasste er Moreno zu gehen. Sie erreichten den Mercedes. Bevor der Verbrecher einstieg, schenkte er Bount Reiniger ein mitleidiges Lächeln. Seine Augen sagten: Du armes Würstchen, was hast du denn schon Großartiges erreicht?

    Und sein Mund formte die Frage: „Meinen Sie, dass sich die Mühe wirklich gelohnt hat?"

    Bount grinste breit. „Ich denke schon."

    „Was werde ich kriegen? Sieben Jahre. Wenn ich mich gut führe, bin ich in fünf Jahren wieder frei. Fünf Jahre, Reiniger. Was ist das schon? Die sitz‘ ich doch auf einer Backe ab."

    Fünf Jahre. Es war eine Rechnung. Sie ging auf.

    Nach genau fünf Jahren – und keinem Tag länger – öffneten sich für Dandy Moreno die Gefängnistore wieder. Er war jetzt siebenundzwanzig ... und voller neuer Pläne.

    2

    Bount Reiniger ließ seinen silbergrauen Mercedes 450 SEL vor der beeindruckenden Villa ausrollen. Es war ein Tag mit allem Drum und Dran: akzeptable Temperatur, blauer Himmel, lachende Sonne, Windstille. Ein Tag zum Angeln, zum Faulenzen, zum Menschsein. Aber wer nahm darauf schon Rücksicht. Es gab Klienten, die scherten sich nicht um die Schönheit eines Tages. Sie hatten andere Probleme. Probleme, die Bount für sie lösen sollte.

    Reiniger stieg aus dem Wagen. „Da wären wir", sagte er zu seiner Sekretärin June March.

    Das hübsche Mädchen klappte die Tür auf der anderen Seite zu. „Von so einer Villa träume ich manchmal, sagte sie bewundernd. „Muss herrlich sein, in so was zu wohnen.

    Bount grinste. „Träumst du bei der Gelegenheit auch von der Miete, die dafür Monat für Monat hinzulegen ist?"

    „Ich werde mich hüten. Es soll ja kein Albtraum sein."

    Sie hörten Arbeitsgeräusche: das Ächzen einer Zugsäge, die schrillen Töne einer hochtourigen Bohrmaschine, Hämmern ...

    Die herrschaftliche Villa ragte beeindruckend zwischen hohen Pappeln hervor. Es gab einen breiten Balkon, hohe Fenster, Säulen vor dem protzigen Eingang, auf den Reiniger gleich darauf mit seiner Assistentin zuschritt. Ein Mann mit Schnapsnase lief ihnen über den Weg. Er trug ein Brett. Wohl nur, um den Schein zu wahren.

    Bount hielt ihn auf. Der Bursche setzte sofort das Brett ab. Bloß keine Kräfte vergeuden. „Was kann ich für Sie tun?", fragte er Bount, aber seine Augen waren auf June March gerichtet, denn die gefiel ihm scheinbar viel besser.

    „Zu Mrs. Amanda Carr, sagte Reiniger. „Wo finden wir sie?

    Der Schnapsmann schürzte die Unterlippe. „Mrs. Carr? Ich glaube, die ist im Augenblick im Obergeschoss."

    „Diese Auskunft werde ich Ihnen nie vergessen", sagte Bount grinsend. Er schob seinen Arm unter den von June und strebte der Treppe zu, die nach oben führte. Widerwillig nahm der Handwerker sein Brett wieder auf. Er trottete durch die Räume des Erdgeschosses und rollte mit den Augen, als sich einer seiner Kollegen nach ihm umwandte.

    „Da hab‘ ich jetzt ‘ne blonde Puppe gesehen ... Mann, war die klasse."

    Im Obergeschoss wurden Trennwände in sämtlichen Räumen aufgestellt. Die saalähnlichen Zimmer wurden zu kleinen Labyrinthen umgebaut. Männer standen auf hohen Leitern und bohrten Löcher in die Decke. Andere tapezierten die Kunststoffwände. Der Parkettboden wurde mit Sisalläufern ausgelegt. June March zog überall bewundernde Blicke auf sich.

    Amanda Carrs Stimme war schon von Weitem zu hören. Sie diskutierte mit dem Elektriker, weil sie an seiner Arbeit etwas auszusetzen hatte. Als sie den Mann mit einer unwilligen Handbewegung entließ, betraten June und Bount den Raum.

    June stellte fest, dass Mrs. Carr eine unwahrscheinlich attraktive Frau war. Schätzungsweise fünfundvierzig Jahre alt, elegant, unglaublich gut aussehend. Ihr Teint war sauber, die Figur durch sorgfältige Diät bezaubernd, sylphidenhaft. Sie besaß jene Art von reizvoller Überschlankheit, die Fotomodellen ihren besonderen Charme verleiht. Ihre Züge waren von sanfter Weichheit. Und das mit fünfundvierzig. Mehr als beachtlich. Amanda Carr trug ein einfaches, kaum dekolletiertes Kleid, dem man eine gewisse Eleganz nicht absprechen konnte. Ihr kastanienbraunes Haar war locker und gut geschnitten.

    Als sie die Schritte hörte, drehte sie sich halb um. Ihre ärgerliche Miene verflog. Ein freundliches Lächeln hieß Bount Reiniger und seine Assistentin herzlich willkommen.

    Mit ausgestreckten Händen ging sie auf Reiniger zu. „Bount! Freut mich, Sie wiederzusehen."

    „Die Freude ist auf meiner Seite, Amanda, erwiderte Reiniger höflich. Er deutete eine kleine Verneigung an. „Darf ich Ihnen meine Sekretärin vorstellen? Miss June March. June, das ist Mrs. Amanda Carr. Eine der reichsten Frauen von Boston.

    Amanda winkte lachend ab. „Nun übertreiben Sie nicht, Bount. Ich bin nicht reich. Mein Mann ist es."

    „Kommt das nicht auf dasselbe heraus?", fragte Reiniger.

    „Nur, solange die Ehe gutgeht."

    „Das tut sie bei euch doch, oder?"

    „Ich kann nicht klagen."

    „Das freut mich", sagte Bount. Die beiden Frauen musterten einander mit jenem undefinierbaren Blick, den sie immer für eine Konkurrentin parat haben. Ein paar Teilchen Neugier, ein wenig harte Kritik, eine Prise Missgunst, ein Schuss Neid und vielleicht auch noch etwas Misstrauen. Von Bewunderung konnte Bount weder bei June noch bei Amanda etwas entdecken. Er grinste. Das alte Spiel. Jede Frau spielt es. Jede beherrscht es. June und Amanda waren in dieser Disziplin sogar Meisterinnen. Etwas unterkühlt reichten sie sich die Hände.

    „Sie sind also die gute Fee von Bount Reiniger", stellte Amanda lächelnd fest.

    „Und Sie sind diejenige, die Bount in einem Atemzug nennt, wenn er von Boston spricht. Sie scheinen großen Eindruck auf ihn gemacht zu haben, Mrs. Carr."

    Mrs. Carr lachte hell auf. „Das hoffe ich, hoffe ich wirklich." Sie schickte einen dankbaren Blick an Bounts Adresse. Es freute sie, dass er sie noch nicht vergessen hatte.

    Mrs. Carr war sie. Die Frau von Lui C. Carr, dem vermögendste Mann von Boston. Es gab kaum ein gewinnträchtiges Unternehmen, in dem er seine Goldfinger nicht drinnen hatte. Lui C. Carr, gewiss ein Mann, zu dem man aufblicken konnte. Und es gab viele Frauen, die Amanda um den Platz an seiner Seite beneideten. Er war ein netter Bursche, hatte kaum Allüren, überhäufte seine Frau mit Geschenken, las ihr jeden Wunsch von den Augen ab. Lui war fünfundfünfzig.

    Das Hämmern und Bohren riss Amanda aus ihren Erinnerungen.

    Die Umbauarbeiten, die an der Villa vorgenommen wurden, gehörten zu den umfangreichen Vorbereitungen, die die bevorstehende Wanderausstellung erforderlich machte.

    „Sie haben sich in den drei Jahren, die wir uns nicht gesehen haben, nicht verändert, Bount", sagte Amanda lächelnd.

    „Das Kompliment kann ich reinen Gewissens zurückgeben. Auch an Ihnen sind die letzten drei Jahre spurlos vorübergegangen", erwiderte Bount.

    June seufzte leise. Liebe Güte, wie charmant er sein kann, dachte sie. Bei mir hält er sich in der Beziehung weitgehend zurück. June kannte die Geschichte, wie Bount das Ehepaar Carr kennengelernt hatte. Die beiden waren in Florida in eine üble Rauschgiftaffäre verwickelt worden. Bount hatte damals gerade in dieser Gegend zu tun gehabt. Lui C. Carr engagierte ihn vom Fleck weg. Bount erledigte seine Arbeit mit Auszeichnung. Und von da an war er in unregelmäßigen Abständen gern gesehener Gast bei den Carrs in Boston.

    „Wir sind mit den Umbauten ein wenig in Verzug, erklärte Amanda Carr. Sie nahm Bount und June mit auf den Balkon. Vor ihnen dehnte sich die endlose Weite eines gepflegten Parks aus. „Aber wir werden es schaffen, die Wanderausstellung zum festgesetzten Termin zu eröffnen.

    Bount wies auf die Villa. „Sie haben sich dafür den prachtvollsten Rahmen ausgesucht."

    Amanda atmete schwer aus. „Hat viel Zeit gekostet, das richtige Haus zu finden."

    „Der Aufwand hat sich gelohnt", meinte Bount.

    Amanda blickte ihm so fest in die Augen, dass sich June March beinahe überflüssig vorkam. Sie grollte innerlich.

    „Ich danke Ihnen, dass Sie sofort hierhergekommen sind, Bount."

    Reiniger grinste. „Sag‘ ich nicht immer: ,Anruf genügt, komme ins Haus!‘?"

    „Mein Mann hat eine halbe Million Dollar in sein neues Hobby gesteckt", erzählte Amanda.

    Bount ließ einen anerkennenden Pfiff hören. „Kleinlich kann man ihn wirklich nicht nennen."

    „Er hat innerhalb eines Jahres die besten Bilder zeitgenössischer Maler aufgekauft. Ein namhafter Kunstexperte war ihm dabei behilflich. Lui versteht nicht allzu viel von diesen Dingen, aber er bemüht sich, laufend dazuzulernen."

    Bount lächelte. „Lui C. Carr, der Philanthrop. Es sieht ihm ähnlich, dass er nicht bloß Bilder kauft und sie dann in seinem Haus versteckt ..."

    Amanda nickte. „Lui findet, es ist nicht richtig, dass schöne Gemälde einem Menschen allein gehören. Sie sollen viele Menschen erfreuen. Deshalb hat er diese Wanderausstellung ins Leben gerufen. Er will die Kunstwerke einer breiten Publikumsschicht zugänglich machen."

    „Eine vernünftige Ansicht", sagte Bount.

    „Wir haben uns mit einer bekannten Bostoner Werbeagentur zusammengetan, die in jeder Stadt, die wir besuchen, für uns die Reklametrommel rührt."

    Bount nickte. „Ich hab‘ die Plakate schon gesehen."

    „Wie gefallen sie Ihnen?"

    „Grafische Kunstwerke. Geschmackvoll gestaltet, trotzdem nicht zu übersehen", erwiderte Bount.

    „Lui will am Eröffnungstag eine Pressekonferenz geben. Rundfunk und Fernsehen werden über unsere Ausstellung berichten. Wir rechnen mit einer hohen Besucherzahl."

    ,,Die Leute werden bestimmt kommen", meinte Reiniger.

    June March hatte es langsam satt, das fünfte Rad am Wagen zu sein. Amanda hatte kaum einen Blick für sie.

    Es war Zeit, dass sie sich in die Unterhaltung einschaltete, damit die beiden wieder auf sie aufmerksam wurden. Sie fragte: „Wann treffen die Gemälde in New York ein, Mrs. Carr?"

    „Ach, bitte, nennen Sie mich doch Amanda, ja?"

    „Okay ... Amanda."

    „Und ich darf June zu Ihnen sagen?"

    „Warum nicht?"

    „Sie sind süß, June."

    „Sie auch", sagte June, aber wenn sie ganz ehrlich zu sich war, meinte sie es nicht so, wie sie es gesagt hatte. Sie hatte nichts gegen Amanda. Es war nur diese dumme Eifersucht, die es eigentlich nicht geben durfte, weil sie kein Recht auf Bount Reiniger hatte. Aber wer kann schon raus aus seiner Haut, die manchmal so eng ist wie eine Zwangsjacke. Wäre Amanda alt und hässlich gewesen, hätte sich June garantiert besser in ihrer Nähe gefühlt. So aber ...

    „Die Gemälde treffen in einer Woche hier ein, sagte Amanda. „Bis dahin muss in der Villa alles getan sein. „Kommen die Bilder aus Boston?", wollte June wissen.

    Amanda schüttelte den Kopf. „Wir waren damit schon in zehn Städten: San Francisco, Los Angeles, Phoenix, Houston, Dallas, Memphis, Washington, Baltimore, Philadelphia, Chicago."

    „Die Gemälde reisen von Chicago hierher?", fragte June.

    „Ja."

    „Warum ist New York erst die Nummer elf?", erkundigte sich June.

    Amanda lächelte nervös. „Das ist eine gute Frage, June. Ich will versuchen, Ihnen darauf eine gute Antwort zu geben. Mein Mann fürchtet den Moloch New York. Es muss eine Art Komplex sein. Für ihn ist diese Stadt der Wohnsitz des Lasters und des Verbrechens. Er nennt New York einen Hexenkessel, und er kommt nicht gern hierher, weil er Angst vor diesem Schmelztiegel der Nationen hat. Seiner Meinung nach ist der Boden für das Verbrechen nirgendwo so fruchtbar wie in dieser Stadt. Lui hängt an seinen Bildern. Man könnte fast sagen, sie sind ihm so wichtig wie für jemand anders seine Kinder. Unsere Ehe blieb kinderlos. Mit diesen Gemälden hat Lui sich einen Ersatz geschaffen. Zu jedem einzelnen Kunstwerk hat er eine ganz besondere Beziehung, und er könnte es nicht verwinden, wenn ihm eines von diesen wertvollen Bildern gestohlen würde."

    „Sind die Gemälde versichert?", fragte June.

    „Selbstverständlich. Aber alles Geld dieser Welt kann keinen ideellen Wert ersetzen, June."

    „Das leuchtet mir ein."

    „Aus diesem Grund hat mich Lui gebeten, Bount zu engagieren. Amanda wandte sich nun wieder an Reiniger. „Ich soll Sie beauftragen, für unsere Wanderausstellung die nötigen Sicherheitsvorkehrungen zu treffen. Sie kennen so ziemlich alle Tricks, mit denen die Gangster in dieser Stadt arbeiten. Nur wenn Sie sich persönlich um die Gemälde kümmern, will Lui das Wagnis auf sich nehmen, nach New York zu kommen. Im anderen Fall muss ich die Umbauarbeiten hier unverzüglich abbrechen und so bald wie möglich nach Boston zurückkehren.

    Amandas wache Augen musterten Bount eingehend.

    Bount rieb sich nachdenklich mit Daumen und Zeigefinger das Kinn. „Eine verdammt heikle Sache ..."

    „Sie hätten selbstverständlich völlig freie Hand", sagte Amanda schnell.

    „Wenn was schiefgeht ... Ich möchte Lui nicht enttäuschen."

    „Ich bin genauso sicher wie er, dass die Sache bei Ihnen in den allerbesten Händen liegt, Bount. Lui traut niemandem so sehr wie Ihnen."

    Bount grinste. „Eine Menge Vorschusslorbeeren ..." Was Amanda ihm da anbot, war bestimmt kein leichter Job. Eine schwierige Aufgabe, Bilder im stolzen Wert von einer halben Million so zu sichern, dass es nicht einmal dem gerissensten Dieb in dieser Stadt möglich war, sich an ihnen zu vergreifen.

    New York war vollgeklebt mit netten Plakaten, die überall verkündeten, dass hier demnächst ein fantastischer Schatz zu holen sein würde.

    Eine schwierige Aufgabe. Sie reizte Bount Reiniger. Deshalb nahm er den interessanten Auftrag an. Und natürlich auch aus Freundschaft zu Amanda und Lui C. Carr. Er nickte und sagte grinsend: „Okay, Amanda. Dann werde ich also dafür sorgen, dass Luis Babys nicht in die falschen Hände kommen."

    „Ich danke Ihnen, Bount. Ich wusste, dass Sie sich uns zur Verfügung stellen würden."

    3

    Das Motorrad war ein japanisches Fabrikat. Ein heißer Ofen. Chromblitzend und entsetzlich laut, weil der Auspuff völlig entrümpelt war, damit der Apparat ein paar PS mehr lieferte. Brüllend bog die Suzuki in die schmale, schattige Sackgasse ein. Zehn Meter noch. Dann verstummte das lärmende Eisen, das so gar nicht zu dem hübschen Mädchen passte, das nun vom Sattel sprang. Sie trug hautenge Jeans und eine weiche braune Nappalederjacke, die sich beachtlich über ihrem üppigen Busen wölbte. Ihr Name war Laura Pant. Sie nahm den Sturzhelm ab, der sie wie ein Wesen von einem anderen Stern aussehen ließ. Jetzt schüttelte sie die weiche, wallende Fülle ihrer blonden Mähne. Das Haar reichte bis zu den Schulterblättern. Ächzend riss Laura die Maschine auf den Ständer. Der Zündschlüssel verschwand in der Lederjacke.

    Plötzlich legte sich eine Hand auf Lauras Schulter. Hart und schwer.

    Das Mädchen fuhr erschrocken herum. Der Sturzhelm polterte auf die Straße und eierte der Gosse entgegen. Laura schlug aus der Drehung heraus sofort zu. Ihre Handkante traf den Oberarm eines etwa siebenundzwanzigjährigen Mannes. Er war blond, hatte eine unleugbare Ähnlichkeit mit Robert Redford und war kräftig. Das bewies er in diesem Moment. Blitzschnell fing er den Arm des Mädchens ab.

    Eine rasante Drehung. Laura stieß einen heiseren Schmerzensschrei aus und fasste sich an die Schulter. „Au!, krächzte sie. „Au! Du kugelst mir den Arm aus! Der Mann ließ sie grinsend los. „Nächstens schaust du dir die Leute zuerst genauer an, ehe du versuchst, sie zu erschlagen!"

    Sie holte das jetzt nach, während sie die immer noch schmerzende Schulter massierte. Ihre Augen weiteten sich. „Dandy. Dandy Moreno!"

    Der Bursche grinste. „In voller Lebensgröße. Er wies auf die Suzuki. „Schickes Ding hast du dir da zugelegt.

    „War nicht billig."

    „Das glaube ich. Allein bezahlt?"

    „Ganz allein", nickte Laura. Kein Junge hatte da auch nur einen müden Dollar hinzugelegt. Sie hasste es, einem Kerl verpflichtet zu sein. Das gab ja doch nur Streit und Ärger.

    Moreno starrte ungeniert auf Lauras Busen. „Bist verdammt sexy geworden, Baby."

    Laura hob gleichmütig die Schultern. Sie wusste, dass sie prima aussah. „Man tut, was man kann."

    „Lange nicht gesehen", sagte Moreno.

    „Vier Jahre?"

    „Fünf", sagte Moreno.

    „Eine verdammt lange Zeit. Vieles ändert sich. Alles wird anders in fünf Jahren."

    Moreno nickte mit finsterer Miene. Er hatte Reiniger damals gesagt, die fünf lächerlichen Jährchen würde er auf einer Backe absitzen, aber er hatte beide dazu gebraucht, um es durchzustehen. Nun, wo er wieder draußen war, hatte er den Eindruck, er könne sich in dieser Stadt, in der er geboren und aufgewachsen war, nicht mehr zurechtfinden. Laura hatte recht. Vieles ändert sich in fünf Jahren.

    „Ich hab‘ auf dich gewartet", sagte Moreno.

    Laura blickte ihn erstaunt an. Der Schmerz in der Schulter ebbte allmählich ab. Gott, hatte dieser Junge Bärenkräfte. Man sah sie ihm eigentlich gar nicht an. „Auf mich? Was kann ich denn für dich tun?"

    „Du wenig."

    „Versteh‘ ich nicht."

    Moreno hob Lauras Sturzhelm auf und reichte ihn ihr. Dabei schaute er ihr fest in die Augen. In seinem Blick entdeckte sie all das, was man ihm nachsagte: Bosheit, Gemeinheit, Aggressivität, Grausamkeit und Intelligenz.

    „Ich suche Bug Kadess", sagte er ernst.

    Laura schüttelte grimmig den Kopf. Unwillig stieß sie hervor: „Den gibt es nicht mehr."

    „Willst du damit sagen, dass er tot ist?"

    „Ja. Er ist tot. Gestorben. Jedenfalls für mich ist er gestorben!"

    „Was war los mit euch beiden?, fragte Moreno neugierig. Er konnte sich an die Zeit erinnern, wo sich die beiden kennengelernt hatten. Turteltauben waren sie gewesen. Das „Pärchen des Jahres wurden sie von ihren Freunden genannt. Und man war der Meinung gewesen, falls es in naher Zukunft eine Hochzeit geben würde, dann bestimmt mit Laura und Bug.

    Lauras Miene wurde hart. „Heroin, sagte sie verbittert. „Das war los mit ihm. Bug macht heute noch Selbstmord mit der Nadel. Ich denke, er wird es jetzt bald geschafft haben.

    „Wie geht es ihm?"

    „Dreckig, hab‘ ich gehört. Ich kümmere mich nicht mehr darum. Bug Kadess, das ist ein Kapitel in meinem Leben, das ich restlos gestrichen habe. Das Schwein wollte auch mich süchtig machen. Glücklicherweise bin ich ihm auf sein Geschwafel nicht hereingefallen, sonst wäre ich heute genauso am Ende wie er."

    „Kannst du mir sagen, wo er wohnt?"

    „Geh da lieber nicht hin. Er ist es nicht mehr wert, dass man sich um ihn schert. Besser, er krepiert. Er hat uns allen schon genug Kummer gemacht."

    „Gib mir seine Adresse, Baby."

    „Mann, ich hätte dich für klüger gehalten ..."

    „Die Adresse!, verlangte Dandy Moreno scharf. Laura zuckte zusammen, als hätte sie eine Ohrfeige bekommen. Wut blitzte in ihren Augen auf. Was nahm dieser Zuchthausbruder sich ihr gegenüber eigentlich heraus? In was für einem Ton redete er mit ihr? Wer war er denn, dieser dahergelaufene Straßenköter? „Nun?, drängte Moreno.

    „Baychester. Arnow Avenue 1546."

    „Vielen Dank", sagte Moreno.

    Fahr zur Hölle, dachte Laura. Und nimm Bug Kadess gleich mit!

    4

    Kadess war Maler.

    Früher, bevor er mit dem Tanz auf der Nadel angefangen hatte, brachte er ganz passable Bilder zustande. Sogar drei Vernissagen waren ihm gegönnt gewesen, und zwei Kritiker – unmaßgebliche Leute von unmaßgeblichen Zeitungen – hatten seine Werke sogar über Gebühr gelobt. Die Zeitungsausschnitte bewahrte er heute noch in seinem Schrank auf. Ja, früher hatte er wenigstens noch Talent gehabt. Wo war das heute? Abhanden gekommen wie ein treuloser Kater, der ausgezogen war, um die Katzen der Stadt glücklich zu machen. Er hatte gedacht, in seiner beruflichen Entwicklung schneller vorwärtszukommen, wenn er seine Bilder unter dem Einfluss von Drogen malte. Viele seiner Kollegen arbeiteten so. Auch Musiker griffen zum Rauschgift, wenn sie was Besonderes leisten wollten. Zuerst hatte er es mit Haschisch versucht. Dann hatte er Marihuana geraucht. Und die Bilder waren tatsächlich besser geworden. Wie die warmen Semmeln konnte er sie verkaufen. Man riss ihm seine Werke aus der Hand. Aber eines Tages stagnierte die Entwicklung. Kadess hatte sich an Hasch und Marihuana zu sehr gewöhnt. Sie konnten ihn nicht mehr beflügeln. Also ging er einen Schritt weiter: Heroin. Von diesem Tag an führte der Teufel den Pinsel. Wieder durchlebte Bug Kadess eine erfolgreiche Phase. Er konnte mit Geld um sich werfen. Und er redete sich ein, vom Heroin jederzeit wieder loskommen zu können. Er brauchte nur zu wollen. Aber er wollte nicht. Wollte nicht, weil er nicht konnte. Das Rauschgift bekam ihn immer fester in den Griff. Es ließ ihn nicht mehr los. Es unterhöhlte seine Gesundheit. Er magerte ab. Er brauchte seinen Schuss immer häufiger. Trotzdem – oder gerade deswegen – wurde die Qualität seiner Bilder immer schlechter. Bald wollte sie keiner mehr haben. Lieber einen leeren Rahmen an die Wand hängen, als eines von Bug Kadess‘ infantilen, lächerlichen Bildern, hieß es.

    Der Abstieg war nicht mehr aufzuhalten. Kadess verdiente mit seinen Gemälden kaum noch Geld. Er versuchte verzweifelt, den Dämon Rauschgift loszuwerden, aber es war zu spät dazu.

    Bibbernd lag er in seiner hellen Atelierwohnung auf dem Boden. Ihm war erbärmlich kalt. Er klapperte mit den Zähnen, stöhnte, hatte wahnsinnigen Durst. Das waren wieder einmal diese verdammten Entzugserscheinungen, die ihn quälten. Er hätte ganz dringend was in die Vene gebraucht, aber sein Dealer weigerte sich, ihm noch einmal Kredit zu geben.

    „Erst bezahl deine Schulden, hatte er eiskalt gesagt. „Dann kannst du wieder was von mir haben. Eher nicht.

    Kadess hätte ihm am liebsten den Schädel eingeschlagen. „Hör zu, Mort, ich verkaufe in den nächsten Tagen wieder ein Bild. Ich hab‘ ‘nen Mäzen gefunden. Er gibt mir tausend Dollar für den Schinken. Sobald ich das Geld habe, bin ich bei dir. Dann kriegst du alles wieder. Mit Zinsen und Zinseszinsen."

    Mort grinste spöttisch. „Wird Zeit, dass du mal ‘ne andere Platte auflegst, Bug. Die Story mit dem Mäzen kenn‘ ich schon seit einem Jahr. Hängt mir schon zum Halse raus."

    Ich erwürge ihn. Bei Gott, ich erwürge ihn, wenn er mir nichts gibt!, dachte Kadess verzweifelt. Er erniedrigte sich vor dem höhnisch grinsenden Dealer so sehr, dass er vor diesem auf die Knie sank und ihn händeringend anflehte, nicht so schrecklich hartherzig zu sein. Heulend umklammerte er Morts Knie. Dieser riss sich wütend von ihm los und versetzte ihm einen kräftigen Tritt, der ihn umwarf. „Verdammt noch mal, ich bin Geschäftsmann. Ich kann es mir nicht mehr leisten, dir noch was zu kreditieren, Bug. Tut mir leid. Tut mir wirklich leid, aber es geht nicht. Ich hab‘ genauso meine finanziellen Verpflichtungen. Ich muss flüssig sein für die nächste Lieferung. Nun steh endlich auf und mach ‘ne Fliege. Und komm erst wieder, wenn du wieder Kohlen in der Tasche hast."

    Kadess schnellte in seiner grenzenlosen Verzweiflung hoch. Er brauchte den Stoff. Er musste ihn haben. Um jeden Preis. Mit einem heiseren Schrei warf er sich auf Mort. Er packte ihn an der Kehle und würgte ihn. Aber Mort war kräftig. Ein Magenhaken warf Kadess an die Wand. Sein Gesicht verzerrte sich. Er japste nach Luft, hatte irrsinnige Schmerzen. Trotzdem wollte er sich noch einmal auf Mort stürzen. Doch da hatte dieser wie durch Zauberei eine Luger in der Faust. Mit gefletschten Zähnen fauchte er: „Verdammt, Bug. Wenn du mir nicht so viel Moos schulden würdest, würde ich dich jetzt wie einen räudigen Straßenköter abknallen. Mach, dass du rauskommst aus meiner Wohnung ..."

    „Es tut mir leid, Mort", sagte Kadess zerknirscht. Teufel, noch nie hatte er sich so sehr gehenlassen. Noch nie hatte er die Kontrolle so beängstigend über sich verloren. Er war jetzt so weit. Er würde einen Mord begehen, um zu seinem Schuss zu kommen. Diese furchtbare Erkenntnis ließ ihn schaudern. Er wusste, dass er bei einer der letzten Stationen angelangt war. Mit hängenden Schultern schlurfte er zitternd aus Morts Wohnung.

    „In längstens vier Wochen will ich mein Geld wiederhaben!", plärrte ihm Mort nach. Aber Bug wusste, dass er auch in vier Wochen nicht würde zahlen können.

    Zu Hause wurden die Schmerzen dann immer schlimmer. In seiner Verrücktheit wusste er kaum noch, was er tat. Er rannte in die Küche, band sich den Arm ab, nachdem er den Hemdsärmel hochgerollt hatte. Hässlich blau und schrecklich zerstochen war seine Armbeuge. Er nahm eine Nadel und stach sie in eine Vene. Nur so. Bloß, um sich selbst zu täuschen. Aber nach dem Stich folgte keine Wirkung. Er heulte, und er kletterte beinahe die Wände hoch.

    „O Gott, ich halte das nicht aus!", brüllte er. Mit glasigen Augen wankte er ins Atelier zurück. Dort stolperte er über seine eigenen Füße und knallte hart auf den Boden. Schluchzend wälzte er sich jetzt auf den Brettern. Er brauchte was, brauchte es so verdammt dringend wie nie zuvor. Sein Herz schlug unregelmäßig. Schaum trat auf seine Lippen. Die Kälte, die ihn schüttelte, nahm zu. Wahnsinnige Krämpfe zwangen ihn, sich winselnd zusammenzukrümmen. Er biss sich in die Hand. Es half alles nichts. Sein Körper würde ihn so lange foltern, bis er ihm das Rauschgift, das er forderte, gegeben hatte.

    Hechelnd wie ein Tier kroch Kadess über den Boden. Schweiß rann ihm über das Gesicht. Er presste die Augen fest zusammen. Als er sie wieder öffnete, sah er Beine.

    Eine Halluzination. Beine. Männerbeine. Es musste sich um eine gottverfluchte Halluzination handeln. Niemand fand es mehr der Mühe wert, sich um Bug Kadess zu kümmern. Die Zeiten waren vorbei. Schlotternd rollte sich der Maler auf den Rücken. Ungläubig betrachtete er das männliche Gesicht dort oben. Jetzt war er sicher, dass es sich um eine Halluzination handelte. Ja, jetzt schnappte er langsam über. Er sah Dandy Moreno. Was für ein Irrsinn. Der saß im Knast seine sieben Jahre ab. Mal sehen, wie weit der Wahnsinn schon geht, dachte Kadess. Das Lächeln, das er versuchte, misslang kläglich.

    „Hi, Dandy", krächzte er.

    „Hi, Bug", sagte die Halluzination. Mensch, raunte es in Kadess, du bist ja noch verrückter, als du denkst. Er steht nicht nur da. Du kannst ihn nicht nur sehen. Du kannst ihn auch hören. Du kannst dich mit ihm unterhalten. Mit einem Trugbild. Ist das nicht meschugge?

    „Wie geht‘s, Dandy?"

    „Mir geht es besser als dir."

    Kadess kicherte. Der Spuk sagte obendrein auch noch die Wahrheit. Heiliger Strohsack, was für eine irrsinnig komische Situation war das doch. Da lag er auf dem Boden. Dort stand Dandy Moreno, der gar nicht wirklich da war. Er konnte mit jemandem reden, der seit fünf Jahren im Kittchen saß. Ein Fall für die Klapsmühle. Ganz sicher.

    Der Schüttelfrost ebbte etwas ab. Vermutlich trat er zugunsten des Wahnsinns einen Schritt zurück.

    Kadess kämpfte sich mühsam hoch. Er starrte Moreno, den er immer noch für eine raffinierte Täuschung seiner Sinne hielt, mit großen, glasigen Augen an. Die Zunge huschte schnell über seine spröden, trockenen Lippen.

    „Verzeih, Dandy. Hast du was dagegen, wenn ich dich anfasse?", fragte er zaghaft.

    „Hier meine Hand", sagte Moreno schmunzelnd. Er streckte dem Maler die Hand entgegen.

    Jetzt greifst du durch ihn hindurch!, sagte sich Kadess. Du wirst nach seiner Hand fassen, wirst zudrücken und wirst nichts in deiner Pfote haben. Nichts weiter als Luft. Blitzschnell griff er zu. Da war ein Widerstand. Eine weiche, warme Hand. Kadess stieß einen verwirrten Schrei aus, riss sich von Moreno los und sprang zitternd zurück. „Dandy!, stöhnte er fassungslos. „Du bist es wirklich!

    Moreno lachte amüsiert. „Was dachtest du denn? Hast du geglaubt, ich wäre ein Geist?"

    „Dandy, ächzte Kadess. Er schlug die Hände vors Gesicht und murmelte dahinter: „Er ist es wirklich.

    „Ich hab‘ gehört, es geht dir nicht besonders."

    „Wenn ich sagen würde, es geht mir schlecht, wäre selbst das noch geprotzt", erwiderte Kadess leise. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn.

    Moreno musterte den Maler. Seine Augen lagen in dunkelgrauen Höhlen. Über den Jochbeinen spannte sich eine fahle Haut, die an den Wangen tief einsank. Er bestand nur noch aus Haut und Knochen, hatte kaum Muskeln, sein Hals war dürr und sehnig.

    „Ich hab‘ dir was mitgebracht", sagte Moreno. Er griff in die Innentaschen seines Jacketts und holte drei Heroinbriefchen hervor.

    „Für mich?", fragte Kadess, als könne er es nicht glauben.

    „Ich hab‘ das Zeug ja nicht nötig", antwortete Moreno lächelnd.

    „Oh, Dandy. Dandy, du bist ein Heiliger. Aufgeregt griff der Maler nach den Briefchen. „Bin gleich wieder hier!, stieß er nervös hervor. Er rannte in die Küche, um sich den Schuss zu machen. Als er wiederkam, war er wie ausgewechselt. Er wirkte ruhig, zufrieden, ausgeglichen. Seine Hände zitterten nicht mehr. Der tierhafte Ausdruck war nicht mehr in seinen dunklen Augen.

    Während seiner Abwesenheit hatte sich Dandy Moreno ein wenig in der Atelierwohnung umgesehen. Die Bude platzte fast aus den Nähten. Überall standen Bilder herum. Halbfertige. Fertige, die wie halbfertige aussahen. Schade um Farbe, Zeit und Leinwand. Die Farben harmonierten nicht miteinander. Sie führten einen erbitterten Kampf gegeneinander. Wenn man einem Orang-Utan einen Pinsel in die Hand gedrückt hätte, wären geschmackvollere Motive auf die Leinwand gebracht worden.

    „Gefällt dir irgendwas davon?, fragte Kadess. „Kannst alles haben.

    „Wenn einer solche Sachen verbricht, sollte er aufhören, sagte Moreno ernst. „Damit ist nichts mehr zu verdienen.

    Kadess schaute mit gekräuselter Stirn auf seine Hände. „Wem sagst du das."

    „Warum suchst du dir keinen Job, der was einbringt?"

    „Keiner will mich haben, sagte Kadess kleinlaut. „Denkst du, ich hab‘s noch nicht versucht?

    Moreno lächelte hintergründig. „Vielleicht will ich dich haben, Junge."

    „Du? Verständnislosigkeit in Kadess‘ Blick. „Wieso du?

    „Setz dich. Ich habe mit dir zu reden." Sie nahmen auf der abgewetzten Samtcouch unter dem schrägen Fenster Platz.

    „Seit wann bist du wieder draußen?‘, wollte Kadess wissen.

    „Seit ein paar Tagen."

    Der Maler lächelte verlegen. „Und schon willst du dich ins Unglück stürzen, indem du mir ‘nen Job anbietest? Wie hast du mich gefunden?"

    „Ich war bei Laura."

    Kadess‘ Miene verdüsterte sich. „Laura, die miese kleine Kröte. Es gibt nichts, wovon sie viel hält. Nur Sex interessiert sie. Morgens, mittags, abends. Und wenn‘s möglich ist, auch mal zwischendurch einen auf die Schnelle. Ich hab‘ das nicht durchgehalten. Schließlich hat mich der Stoff völlig geschafft. Da ist sie dann abgehauen, um sich anderswo zu holen, was sie so dringend nötig hatte."

    Moreno angelte die Zigarettenpackung aus der Tasche. Er gab dem Maler ein Stäbchen. Sie rauchten. „Was hast du für mich?", fragte Kadess gespannt.

    „Eine prima Sache."

    „Bringt sie was ein?"

    Moreno grinste von Ohr zu Ohr. „Hör mal, hab‘ ich schon mal ein Ding gedreht, bei dem zu wenig heraussprang?"

    „Nee."

    „Na also. Was soll dann die dämliche Frage." Moreno ließ den Zigarettenrauch durch die Nasenlöcher sickern.

    Kadess schüttelte den Kopf.

    „Was ist?", fragte Moreno.

    „Es ist zwar verdammt nett, dass du an mich gedacht hast und mich in einen Coup mit hineinnehmen möchtest, aber ich kann bei der Sache nicht mitmachen."

    Moreno lachte. „Du weißt ja noch gar nicht, worum es geht, Junge."

    Kadess wies auf den Boden, und zwar auf die Stelle, wo er vorhin gelegen hatte. „Du hast gesehen, was mit mir los ist. Ich würde dir die Tour vermasseln, Dandy. Man kann sich auf mich nicht verlassen. Ich flippe ständig aus. Ich kann niemandem helfen, ich brauche selber Hilfe."

    Moreno wies mit der Glut seiner Zigarette auf Kadess‘ Gesicht. „Ich will dich trotzdem haben, Bug."

    „Mensch, dann bist du bestimmt nicht mehr so intelligent, wie du mal warst. Was ist passiert? Haben sie dir im Knast zu oft auf die Birne gehauen?"

    Moreno zog an seiner Zigarette und schmunzelte dann. Er ließ seinen Blick durch das Atelier schweifen und sagte: „Du malst die größte Scheiße, die ich je gesehen habe."

    „Ich kann nichts anderes mehr."

    Moreno überhörte den Einwand und fuhr unbeirrt fort: „Du kannst zwar selbst nichts mehr, aber ich bin überzeugt davon, dass du immer noch ein – sagen wir – gutes Gemälde von einem weniger guten unterscheiden kannst."

    „Das schon, aber ..."

    „Du bist ein Experte, Bug. Und ich brauche einen Experten."

    „Bilderraub?"

    „Ja. Aber im großen Stil."

    Kadess griente. „Mit Kleinigkeiten hast du dich ja noch nie abgegeben."

    Moreno drehte die Augen, zur Decke. „Diesmal ist mehr drin, Junge. Viel mehr."

    „Wie viel?", fragte der Maler gespannt.

    „Schätzungsweise dreihunderttausend Eier."

    Kadess bekreuzigte sich. „Heilige Mutter Gottes. Hast du die Absicht, die staatliche Gemäldegalerie zu plündern?"

    Moreno schüttelte den Kopf. „Ich mach‘ mir‘s einfacher. Ich vergreif‘ mich an den Bildern von Lui C. Carr."

    „Das klappt nicht", entgegnete Kadess.

    „Wieso nicht?"

    „Man wird die Gemälde genauso gut absichern wie die Goldbarren in Fort Knox."

    Moreno winkte gleichgültig ab. „Die Sicherheitsmaßnahmen auszutricksen lass getrost meine Sorge sein. Dein Job ist es, mir zu sagen, welche Bilder den größten Wert haben."

    „Wer wird noch mitmachen?", fragte Kadess.

    Moreno hob die Schultern. „Weiß ich noch nicht. Erfährst du früh genug. Vier. Das müsste reichen. Moreno lachte gepresst. „Damit dein Anteil nicht zu klein wird. Hab‘ ich dein Okay? Kann ich mit dir rechnen? Dandy Moreno streckte dem Maler die Hand entgegen.

    Kadess lachte nervös. „In meiner Situation kann ich es mir gar nicht leisten, nein zu sagen." Er schlug ein.

    5

    Bount ließ die Pall Mall-Packung im Kreis gehen. June March schüttelte den Kopf. Dafür langte Wilkie Lenning doppelt zu. Eine Zigarette schob er sich hinters Ohr und sagte: „Die rauche ich später."

    Sie saßen in Reinigers Büro. Bount hatte sich Pläne von der Villa in Kings Point und vom Grundstück beschafft. Darüber brüteten sie nun schon eine ganze Weile. Lenning, ein zweiundzwanzigjähriger Junge mit dunkelblondem Haar, half ab und zu in Reinigers Detektei aus. An und für sich war er einer der besten Gitarristen der amerikanischen Pop-Szene. Seine öffentlichen Auftritte hatten hin und wieder Festivalcharakter, und wenn mal in einem der zahlreichen New Yorker Tonstudios eine besonders heiße Scheibe produziert werden sollte, dachte man zuerst daran, Wilkie Lenning zu fragen, ob er nicht Zeit und Lust hätte, mitzumachen.

    Bount blies langsam den Rauch aus: „Drei Sicherungen müssten reichen. Was meint ihr?"

    „Kommt ganz auf die Sicherungen an", sagte Lenning. Er war zwar schmal wie ein Handtuch, aber nicht zu unterschätzen, wenn‘s drauf ankam. Außerdem hatte er einen Schlag am Leib, der garantiert nicht von schlechten Eltern stammte.

    „Ich dachte an folgende Kombination, erklärte Reiniger. „Erst einmal decken wir die Villa mit einer der besten Alarmanlagen, die wir kriegen können, zu. Das heißt, wir lassen sämtliche Türen und Fenster in den Sicherheitskreis mit einbeziehen. Dann verbinden wir jedes einzelne der Gemälde mit dem Draht einer gesondert installierten Alarmanlage.

    „Und was wäre Nummer drei?", erkundigte sich June.

    „Das dritte Überwachungssystem besteht aus Fleisch und Blut."

    „Hunde?", fragte Wilkie.

    „Menschen, erwiderte Bount. „Genauer gesagt: Männer, die einer privaten Polizeitruppe angehören. Man kann sie mieten. Als Leibwächter, Bewachung von Tresoren, Begleitpersonal für Geldtransporte ... Sie übernehmen jeden Auftrag. Die besten Männer hat Jack Turkell in seiner schlagkräftigen Crew. Seine Leute stechen so manchen Polizeibeamten in sämtlichen Disziplinen aus. Also: Von Turkell kriegen wir die Männer, und von Kenneth Fisher – er ist Direktor des größten New Yorker Elektronikkonzerns – bekommen wir die Alarmanlagen.

    Wilkie rieb sich feixend die Hände. „Bleibt für uns also nichts mehr zu tun."

    „Irrtum, erwiderte Bount. „Gewissenhaft, wie ich nun mal von Natur aus bin, habe ich bereits alle Spitzel, die ich kenne, wissen lassen, dass sie für mich die Ohren offenhalten sollen. Wenn sie hören, dass sich jemand für die Gemälde von Lui C. Carr anders interessiert, als es erwünscht ist, werden sich mich unverzüglich anrufen.

    „Carrs Bilder werden in New York so sicher sein wie in Abrahams Schoß", tönte Lenning.

    „Und damit deine Worte auch wirklich wahr werden, wirst du dich nach Greenwich Village begeben und da deine Sensoren auslegen."

    „Wozu soll das denn gut sein?", fragte Lenning.

    „Das Village ist ein Künstlerviertel."

    „Wem sagst du das?"

    „Ich will hören, was die Künstler so über die Wanderausstellung reden", sagte Bount.

    Lenning blickte June an, verzog das Gesicht, wies mit dem Daumen auf Reiniger und meinte: „Er lässt wirklich nichts aus, solange andere für ihn die Arbeit machen."

    „Es stehen immerhin eine halbe Million Dollar und mein guter Ruf auf dem Spiel", erwiderte Bount. Lenning erhob sich.

    „Noch etwas?", fragte der schlaksige Bursche.

    „Das wäre vorläufig alles. Du meldest dich zumindest alle zwölf Stunden ..."

    „Persönlich?"

    „Persönlich. Telefonisch. Das bleibt dir überlassen. Ich will nur alle zwölf Stunden hören, dass du noch nicht unter die Räder gekommen bist."

    „Okay. Dann mache ich mich jetzt auf die Selbstgestrickten", meinte Lenning. Er salutierte schlampig und verließ dann Reinigers Büro. June begab sich in die kleine Küche, um Kaffee zu kochen. Inzwischen studierte Bount Reiniger jede Einzelheit der Pläne. Er versetzte sich in die Lage etwaiger Bilderräuber und fragte sich, wie er die Sache anpacken würde. Wie konnte man die erste Hürde – die Privatpolizei – nehmen? Am einfachsten mit einer MPi-Salve. Aber das war zu laut. Dann also mit schallgedämpften Pistolen. Oder mit Messern. Damit konnte man drei, vier Männer ausschalten, aber nicht zehn. Und Bount dachte an zehn Leute. Aber gesetzt den Fall, das Bewachungspersonal war ausgeschaltet. Dann hatten die Gangster noch eine Nuss zu knacken: Jede Ritze würde von einer zuverlässigen Alarmanlage überwacht werden. Und sollten die Verbrecher das Wunder zustande bringen, auch diese Hürde zu nehmen, würden sie immer noch nicht im Besitz der Gemälde sein, denn jedes einzelne löste Alarm aus, wenn jemand sich unerlaubterweise daran zu schaffen machte.

    Bount hob den Kopf.

    Er war der Meinung, die Aufgabe bereits bestens gelöst zu haben.

    June brachte den Kaffee. Ihr Blick gefiel Bount nicht. ,,Is‘ was?", fragte er, während er die abgerauchte Zigarette in den Aschenbecher legte.

    June schüttelte verlegen den Kopf. „Nein."

    „Ich seh‘ doch, dass dich ein Problem beschäftigt, sagte Bount eindringlich. „Was ist es?

    „Amanda", sagte June kleinlaut. Jetzt schaute sie intensiv an Bount vorbei.

    „Was ist mit Amanda?", fragte Reiniger amüsiert.

    Sie wollte nicht darüber reden, tat es aber trotzdem. Sie wollte es wissen, damit sie die Sache hinterher vergessen konnte. Sie zwang sich, Bount ins Gesicht zu schauen. „Amanda, sagte sie leise. „Bount ... war da mal was zwischen dir und ihr?

    Reiniger lachte. Er warf den Kopf zurück und lachte herzlich. „Liebe Güte, June. Amanda ist einige Jährchen älter als ich."

    „Sie sieht immer noch verdammt gut aus!, sagte June. Sie fand wirklich nicht, dass es etwas zu lachen gab. „Ich könnte mir vorstellen ...

    „Zügle deine ungestüme Fantasie, lächelte Bount. „Es war nie etwas zwischen Amanda und mir. Ich kann sie gut leiden, das ist alles. Er wurde ernst, nachdenklich. Seine Augen schweiften in die Vergangenheit ab. „Die Gelegenheit war zwar einmal da, aber ich habe sie nicht genützt."

    June atmete hörbar erleichtert auf.

    6

    Auch Amanda dachte an damals. Sie bedauerte heute noch, dass es zwischen ihr und Bount nicht geklappt hatte. Dabei hatte an jenem Abend alles gestimmt. Es war eine von diesen Situationen gewesen, in der es fast entschuldbar ist, wenn man den Kopf verliert. Amanda war mit Bount allein gewesen. Am Strand. Beide hatten sie einiges getrunken. Der Wind war lau und streichelte ihren Körper. Die Brandung rollte leise. Der samtschwarze Himmel war mit glitzernden Sternen übersät. Jede Einzelheit war Amanda heute noch im Gedächtnis. Sie hatte Bount aufgefordert, mit ihr ein Stück ins Meer hinauszuschwimmen. Nackt, weil sie kein Badezeug mitgebracht hatten. Es hätte etwas passieren müssen, wenn es nach Amanda gegangen wäre. Aber Bount Reiniger bewies, dass er auch in kritischen Situationen einen kühlen Kopf bewahren konnte. Ein flüchtiger Kuss war die einzige Ausbeute dieser herrlichen Nacht, die extra für Liebende geschaffen zu sein schien.

    Amanda wohnte im Waldorf-Astoria.

    Rauchend ging sie in ihrer Suite auf und ab. Sie war nervös, kribbelig. Und sie fragte sich, was für einen Eindruck sie auf Bount gemacht hatte. Lui fiel ihr ein. Ein lieber, alter, kränklicher Mann.

    June March war ein unverschämt hübsches Ding, und beängstigend jung.

    Amanda hätte Junes Mutter sein können. Bei diesem Gedanken erschrak sie.

    Das Telefon klingelte. Amanda hob nach dem dritten Läuten ab. „Ja, bitte?"

    „Boston für Sie, Mrs. Carr."

    Lui, dachte Amanda. Sie seufzte. Er rief im richtigen Augenblick an, ohne es zu wissen. „Wie geht es dir, mein Engel?", fragte er mit seiner sanften ruhigen Stimme.

    „Es geht mir wunderbar, abgesehen von der Einsamkeit, die mich plagt."

    „Warum amüsierst du dich nicht?"

    „Allein?"

    „Es tut mir schrecklich leid, dass ich im Augenblick hier noch unabkömmlich bin. Wir holen alles nach, was wir jetzt versäumen, Darling, das verspreche ich dir. Alles. – Hat Reiniger den Auftrag übernommen?", erkundigte sich Lui C. Carr dann gespannt.

    „Ja."

    Carr atmete erleichtert aus. „Da fällt mir ein Stein vom Herzen. Wie geht es mit den Umbauarbeiten voran?"

    „Wir hinken etwas hinter den festgesetzten Terminen nach, aber wir kommen noch innerhalb der Toleranz klar."

    „Dann kann alles andere fahrplanmäßig durchgezogen werden."

    „Natürlich."

    „Das freut mich, macht mich glücklich, Darling."

    7

    College Point. Hart am Ufer des East River ragte der hohe, schlanke Glas-Beton-Bau auf. Der Himmel spiegelte sich in den blau getönten Fensterscheiben. Die größte Schwierigkeit war hier, einen Parkplatz zu finden. Bount Reiniger hatte an diesem Tag kein Glück. Sechsmal musste er den Wolkenkratzer umrunden, ehe er eine Lücke entdeckte, in die er den Mercedes hineindrücken konnte.

    Vor dem Eingang des Elektronik-Towers stand ein goldbetresster Portier. Ihn fragte Bount nach dem Büro von Kenneth Fisher.

    „Letzter Stock, Sir", sagte der Uniformierte.

    „Der wievielte ist das?"

    „Der neunundachtzigste, Sir."

    „Ich hoffe, es gibt einen Lift", sagte Bount schmunzelnd.

    Der Portier schaute ihn missbilligend an. „Es gibt ein Dutzend Fahrstühle."

    „Und alle funktionieren?"

    „Selbstverständlich, Sir."

    „Welch ein Glück, sagte Bount und betrat die marmorgetäfelte Halle. Sie war so nüchtern wie der Aufbahrungsraum eines Krematoriums. Es gab zwei Expresslifts, die vom Erdgeschoss bis zum neunundachtzigsten Stock durchfuhren, ohne einmal anzuhalten. Der Fahrstuhlführer stellte eine überflüssige Frage: „Wohin, Sir?

    „Geradewegs in den Himmel", gab Reiniger schmunzelnd zurück. Er hatte nicht auf die Uhr gesehen, in wie viel Sekunden er sein Ziel erreicht hatte. Viele waren es aber bestimmt nicht gewesen. Lautlos glitten die Türen auseinander. Hier oben herrschte gediegene Vornehmheit. Irgendwo tickerte ein Fernschreiber. Licht flutete durch riesige Fenster in den großen Raum, den Reiniger betrat. An einem meterlangen gläsernen Schreibtisch saß eine kühle Blondine, deren Make-up so perfekt war, dass man sie für eine Puppe halten konnte.

    Soeben legte sie den Telefonhörer auf den Apparat. Dann sprach sie in das Mikro eines Diktaphons. Eine tüchtige Kraft. Gewiss trank sie täglich ihren Karottensaft, ihre Orangenmixtur, mied Alkohol und Nikotin. Und vermutlich aß sie nur kleine Steaks ohne Beilage. Sonst hätte sie keine so gertenschlanke Figur behalten.

    Ihre grünen Augen tanzten an Reiniger auf und ab. Dieser Prüfung musste sich jedermann unterziehen, der zu Mr. Kenneth Fisher vorgelassen werden wollte. Die tüchtige Blondine traf hier zuerst die erforderliche Auslese.

    Bount erreichte ihren Schreibtisch.

    „Sie wünschen?" Es klang unnahbar und unpersönlich.

    „Mein Name ist Reiniger. Ich habe mit Mr. Fisher einen Termin vereinbart."

    „Diese Tür, Mr. Reiniger. Mr. Fisher erwartet Sie seit zehn Minuten." Das war ganz klar eine Rüge.

    Bount gab ärgerlich zurück: „Ich konnte keinen Parkplatz finden!"

    Blondie ließ sich auf keine Debatte ein. Sie benahm sich, als wäre Bount schon weg, kümmerte sich wieder um ihre Arbeit, blätterte die Geschäftspost durch.

    Kenneth Fishers Büro war viel zu groß für den einen Mann, der noch dazu nicht einmal die Größenmarke erreichte, die für den amerikanischen Soldaten als unterstes Limit vorgeschrieben wurde. Fisher hatte eng am Kopf anliegende Ohren, dünne Lippen und eine schlanke Nase. Sein schwarzer Nadelstreifenanzug machte aus ihm eine elegante Erscheinung. Auf kurzen Beinen kam er um den gewaltigen Schreibtisch herum, um Bount freundlich zu begrüßen.

    „Ich bin zehn Minuten zu spät dran", sagte Bount entschuldigend.

    „Ich bitte Sie, das macht doch nichts."

    „Ihre Sekretärin ist anderer Meinung."

    „Sie ist eine krankhaft penible Person. Bitte nehmen Sie Platz, Mr. Reiniger."

    Die braune Ledersitzgruppe war glatt, wirkte kalt, aber man saß fantastisch in den Sesseln.

    „Was zu trinken, Mr. Reiniger? Eine Zigarre?"

    „Wenn Sie erlauben, möchte ich gleich mit der Tür ins Haus fallen."

    „Ganz mein Stil, nickte Fisher. „Ganz mein Stil.

    „Zeit ist Geld."

    „Und Geld ist kostbar, deshalb soll man keine Zeit vergeuden."

    „Wir verstehen uns", grinste Reiniger. Er hatte bereits am Telefon angedeutet, was er von Fisher haben wollte. Nun rankte er um dieses Gerüst die weiteren Details. Um Fisher die Situation anschaulicher erklären zu können, holte er die Fotokopien der Pläne, die er von Amanda Carr bekommen hatte, aus der Brusttasche seines Jacketts. Er breitete sie auf dem Rauchtisch aus und erläuterte an Hand der Zeichnung, wie er sich die Sicherung von Haus und Gemälden vorstellte. Danach war Fisher am Zug. Bount forderte ihn auf, ihm seine Offerte zu unterbreiten.

    Zuerst warf Fisher mit guten Slogans herum. Nachdem er alles das heruntergerasselt hatte, was sich die cleveren Jungs aus der Werbeabteilung für die Firma hatten einfallen lassen, tönte er mit großen Augen und zum Schwur erhobener Hand: „Wenn erst mal unsere Alarmanlagen installiert sind, Mr. Reiniger, können Sie alle Ihre Sorgen vergessen."

    Bount grinste. „Das will ich. Deshalb bin ich hier. Wenn Sie mir jetzt zeigen wollen, was Sie alles anzubieten haben ..."

    Fisher brachte die Unterlagen. Er zeigte dem Privatdetektiv einige raffinierte Systeme. Elektronische Spielereien, die sogar Alarm schlugen, wenn eine Maus hustete. Bount hörte sich die Vorträge über Fotozellen, Laserbündel und dergleichen aufmerksam an. Fisher machte ihn mit Alarmsystemen bekannt, die auf Schallwellen reagierten. Andere waren allergisch gegen Erschütterungen. Und dann gab es sogar – neben den Sensoren, die auf Wärme reagierten – Schnüffelanlagen, die auf Geruchsbasis arbeiteten. Nach dem trockenen theoretischen Teil folgte der praktische Teil. Zwei Etagen tiefer konnte Bount Reiniger die Anlagen persönlich testen.

    Als er mit Fisher dann wieder in dessen Büro war, traf er seine Entscheidung.

    Der kleine Direktor des großen Elektronikkonzerns nickte lächelnd. Wohlwollend und anerkennend sagte er: „Sie haben die beste Wahl getroffen, Mr. Reiniger."

    Von Geld kaum ein Wort. Gutes hat nun mal seinen Preis. Und Bount war sicher, dass Lui C. Carr anstandslos bezahlen würde, was er für ihn hier aushandelte.

    „Jetzt gibt es nur noch ein Problem", sagte Bount.

    „Und das wäre?", fragte Kenneth Fisher. Er legte die Handflächen aneinander, als wollte er einen Heiligen imitieren.

    „Ich brauche die Anlagen sofort."

    „Sie sind prompt lieferbar."

    Bount grinste. „Vom Liefern allein hab‘ ich nichts. Mir geht es ums Installieren. In drei Tagen muss alles fix und fertig sein."

    Fisher japste nach Luft. Bount wusste, dass die Techniker es in drei Tagen nicht schaffen konnten. Und Fisher sagte es ihm mit belegter Stimme: „Unmöglich! Bei einem Gebäude von dieser Größe sind sechs Tage das Minimum!"

    „Vier Tage", sagte Bount.

    „Fünf."

    „Vier!" Das war Bounts letztes Wort.

    Fisher fuhr sich nervös über die Augen. „Meine Leute müssten mit Hochdruck Tag und Nacht arbeiten ..."

    Bount fiel dem kleinen Direktor grinsend ins Wort: „Ich bin davon überzeugt, dass Sie sie dafür fürstlich bezahlen werden."

    Reiniger unterschrieb die erforderlichen Verträge. „Ich verlasse mich darauf, dass Sie den mir zugesagten Termin einhalten."

    Fisher seufzte. „Wir werden unser möglichstes tun, Mr. Reiniger."

    „Das wird nicht genug sein. Sie werden ausnahmsweise mal das Unmögliche möglich machen müssen."

    8

    Die Kneipe war noch immer dieselbe. Der Wirt jedoch ein anderer. Sein Vorgänger war dick und schwerfällig gewesen, hatte Asthma gehabt und war an seiner kaputten Bauchspeicheldrüse zugrunde gegangen.

    Der neue Wirt sah aus, als hätte er sein Leben lang nichts als Kummer gehabt. Dandy Moreno lümmelte sich auf den Tresen. Er schaute sich im Lokal um. Neben der Music-Box lehnte ein einsamer Rocker. Er hatte die Augen geschlossen und schnippte mit den Fingern, aber nicht synchron mit dem Song, der aus den Lautsprechern dröhnte.

    Vier Männer saßen an einem der Tische und polterten mit ernsten Gesichtern.

    „Was darf‘s denn sein?", schrie der Wirt über den Tresen.

    „Bier", verlangte Moreno.

    Der Wirt nickte und füllte ein großes Glas. Moreno rümpfte die Nase. „Ist verdammt laut hier drinnen, finden Sie nicht?"

    Der Wirt zuckte die Achseln. Er schielte furchtsam zu dem Rocker hinüber. „Was soll ich machen?"

    „Kann man das Ding denn nicht leiser stellen?", fragte Moreno. Er trank vom Bier.

    „Das würde mir der Bursche dort verdammt übelnehmen."

    „Ist er schwerhörig?", fragte Moreno.

    „Nein. Er hat‘s nur gern laut."

    „Ich nicht."

    „Ich auch nicht."

    „Der Lärm macht einem ja Löcher ins Trommelfell."

    „Mir brauchen Sie das nicht zu sagen. Ich hab‘ die Löcher ja schon."

    Moreno schüttelte unwillig den Kopf. „Machen Sie‘s leiser, Mann."

    „Der Typ wird ..."

    „Gar nichts wird er. Moreno grinste breit. „Wir leben in einem demokratischen Land. Hier wird das gemacht, was die Mehrheit will. Wir beide sind die Mehrheit. Der Typ dort drüben ist die Minderheit.

    „Ich will keinen Ärger haben."

    „Den nehme ich Ihnen ab, sagte Moreno. „Und jetzt stellen Sie endlich die Box leiser. Der Lärm macht mich verdammt aggressiv.

    Als der Wirt am Rädchen unter dem Tresen drehte, machte der Rocker die Augen auf. „Leg sofort wieder ein paar Phon zu, Stinker, sonst gibt‘s was hinter die Löffel."

    Moreno starrte den Rocker verächtlich an. „Ich hab‘ ihn darum gebeten, das Ding leiser zu stellen."

    „Verdammt noch mal, ich hab‘ mein Geld in diesen stinkigen Automaten geworfen, weil ich Musik hören will. Und zwar laut!"

    „Du bist nicht allein hier", sagte Moreno frostig. Es juckte ihn in den Fingern. Kerle von dieser Sorte reizten ihn schon durch ihre bloße Anwesenheit.

    „Die Platte drehte sich um mein Geld!"

    „Geben Sie ihm seinen Nickel zurück, sagte Moreno zum Wirt. Der Mann nahm eine Münze aus der Kasse. Moreno warf sie dem Rocker zu. Sie traf seine Brust und klimperte dann auf den Boden. „Jetzt hast du keinen Schaden mehr, stellte Moreno gleichmütig fest. Der Rocker kam langsam näher.

    „Wohl nicht allen Streusel am Kuchen, was?", schnaufte er angriffslustig.

    Morenos Blut kam in Wallung. Er wusste, dass er jede Schlägerei vermeiden musste. Man hatte ihn auf Bewährung rausgelassen. Das hieß, dass er sich bewähren musste. Kein Verstoß gegen die Gesetze, kein Streit, kein Raufhandel. Sonst holten sie ihn sofort wieder ins Kittchen zurück. Dann musste er auch noch die restlichen zwei Jahre absitzen. Er wusste, dass er sich mit diesem Typ nicht schlagen durfte, aber er würde es tun, weil Kerle wie dieser für ihn das gleiche waren, wie für den Stier das rote Tuch.

    Der Rocker pflanzte sich breitbeinig vor Moreno auf. „Möchtest du einen Satz heiße Ohren haben?"

    Moreno knurrte: „Besser, du gehst jetzt, bevor es für dich hier drinnen ungemütlich wird."

    „Hört auf!, stöhnte der Wirt hinter Moreno. „Hört damit um Himmels willen auf!

    „Ich gehe, wenn es mir passt!", zischte der Rocker.

    ,,Es passt dir jetzt!", erwiderte Moreno hart. Er versuchte erst gar nicht, sich noch länger zu beherrschen. Er schlug so schnell zu, dass der Rocker die Faust erst bemerkte, als sie schon knapp vor seinen Augen war. Der Treffer hatte es in sich. Die enorme Wucht des Schlages riss den Rocker zurück. Er warf zwei Stühle um und fing sich an einem Tisch. Die Pokerspieler legten ihre Karten weg und verfolgten weiterhin mit ernsten Mienen den folgenden Kampf.

    Fluchend wuchtete sich der Rocker vorwärts. Moreno wich den brettharten Schlägen des Gegners geschickt aus, hielt sich den Burschen mit gekonnten Konterschlägen auf Distanz und ließ ihn erst dann näher an sich heran, als er die Absicht hatte, die handfeste Rauferei mit einem wuchtigen Uppercut zu seinen Gunsten zu entscheiden. Der Rocker flog mitten in den Aufwärtshaken hinein. Seine Augen wurden glasig. Er brach in die Knie. Dandy Moreno packte ihn beim Kragen seiner Lederjacke, schleppte ihn zum Kneipenausgang, öffnete die Tür und gab ihm dann einen kraftvollen Tritt in die Kehrseite, der ihn über den Gehsteig und bis in die Gosse katapultierte.

    Danach kehrte Moreno gelassen an den Tresen zurück.

    Der Wirt schaute ihn mit ängstlich flatternden Augen an. „Das war zwar verdammt mutig von Ihnen, aber Sie hätten es lieber bleiben lassen sollen. Der Typ hat ‘ne Menge Freunde. Wenn er die alle mobilisiert, haben wir beide bald nichts mehr zu lachen."

    Moreno grinste. „Der kommt nicht mehr wieder. Der hat genug. Er trank von seinem Bier. Dann fragte er: „Wie lange gehört Ihnen die Kneipe schon?

    „Drei Jahre."

    „Das war mal die Stammkneipe von Len Jeggers."

    „Stimmt."

    „Kommt er noch hierher?"

    „Nicht mehr."

    „Seit wann nicht mehr?", wollte Moreno wissen.

    „Seit ungefähr einem Jahr."

    „Gibt‘s einen bestimmten Grund dafür?", fragte Moreno.

    „Er soll sein Leben von Grund auf geändert haben. „Len? Moreno grinste. „Das gibt‘s doch gar nicht."

    „Er lebt jetzt in einer Kommune."

    Dandy Moreno schaute den Wirt ungläubig an und lachte dann aus vollem Hals. „Len? In einer Kommune? Das kann ich einfach nicht glauben. Hab‘ ihn schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen. Früher war er ein richtiger Eigenbrötler." Moreno schüttelte verblüfft den Kopf. Len Jeggers in einer Kommune. Das war einfach unvorstellbar.

    „Eine Puppe hat ihn da reingebracht", sagte der Wirt.

    „Sie muss ihm ganz schön den Kopf verdreht haben, wenn er sich von ihr zu einer solchen Verrücktheit verleiten ließ", grinste Moreno. Er wollte von dem Wirt die Adresse der Kommune hören, und der Mann nannte sie ihm. Moreno lachte belustigt in sich hinein. Laura hatte recht. In fünf Jahren änderte sich tatsächlich eine ganze Menge. Er bezahlte sein Bier und verließ die Kneipe.

    Draußen standen fünfzehn Lederjacken.

    Er brauchte kein Hellseher zu sein, um zu wissen, dass sie seinetwegen da waren ...

    9

    Nach Kenneth Fisher nahm Bount Reiniger sich Jack Turkell vor. Der Leiter der privaten Polizeitruppe war ein strenger, militärischer Mann, kalt, nüchtern und klug. Seine Leute bewachten Häuser von Filmstars und Politikern. Sie eskortierten dollarschwere Persönlichkeiten, die befürchten mussten, entführt zu werden. Und sie beschützten weltbekannte Wissenschaftler, die inkognito in den Staaten weilten und Angst vor einem möglichen Terroranschlag hatten.

    Der Auftrag, den Bount Reiniger zu vergeben hatte, war für Jack Turkell ein wahres Fressen.

    Die Turkell-Truppe würde wieder einmal in aller Munde sein, und eine gute Werbung konnte einem solchen Unternehmen niemals schaden.

    „Ich sage Ihnen, Mr. Reiniger, wenn meine Männer sich um die Villa kümmern, ist das Geld, das Sie für die Alarmanlagen ausgeben, zum Fenster hinausgeworfen."

    Bount schmunzelte. „Wenn sie schon nicht nützen, schaden werden sie auf keinen Fall."

    „Das nicht. Aber es ist Verschwendung ..."

    „Mr. Lui C. Carr kann es sich leisten, großzügig zu sein."

    „Tja. Wie Sie meinen."

    Bount ließ sich von den fünfzehn besten Männern, die Turkell unter Vertrag hatte, die Dossiers vorlegen. Darin waren – sozusagen – sämtliche technischen Daten jedes einzelnen Mannes genau aufgeführt. Die Leute wurden hier zerlegt und aufgegliedert wie Autos oder Flugzeuge: Name. Vorname. Geburtsdatum. Krankheiten. Familienstand. Schulbildung. Ausbildung bei der Army beziehungsweise Navy. Schießergebnisse. Charaktereigenschaften. Spezielle Wissensgebiete. Ausgebildet in welchen Kampfsportarten?

    Bount siebte gründlich. Er ließ sich sehr viel Zeit, und Turkell störte ihn nicht. Fünf Dossiers reihte Bount schließlich aus. Zehn blieben übrig. Diese legte Reiniger auf Turkells Schreibtisch und sagte: „Das sind die Männer, die ich haben will, Mr. Turkell."

    „Sie können jederzeit über meine Leute verfügen."

    „Wann kann ich mit ihnen reden?"

    „Morgen Vormittag?"

    „Fein. Dann sehen wir uns also morgen wieder."

    10

    Sie schnitten ihm sofort den Rückweg ab. Moreno entdeckte den Burschen, den er vermöbelt hatte. Der Kerl hielt sich im Hintergrund auf und grinste gehässig.

    „Ist er das, Lonney?", fragte einer in der ersten Reihe.

    „Yeah, dehnte der Gefragte. „Das ist er. Haut ihm die Birne zu Mus, Freunde!

    Dandy Moreno sah die Fahrradketten und Stahlruten in den Fäusten der Rocker und wusste, dass es ein großer Fehler gewesen war, sich an dem Jungen zu vergreifen. Aber, verdammt, daran war nun nichts mehr zu ändern. Es war passiert. Sich zu entschuldigen brachte hier ganz bestimmt nichts ein. Höchstens triefenden Hohn und wieherndes Gelächter. Die Kerle waren nicht gekommen, um sich einen heiser gemurmelten Rückzieher anzuhören. Sie waren hier, um sich zu amüsieren. Mit Fahrradketten und Stahlruten. Von keinem würden sie sich jetzt um dieses Vergnügen bringen lassen.

    Moreno spürte, wie seine Achselhöhlen feucht wurden. Jetzt hieß es, die Zähne zusammenbeißen und durchhalten. Es wird schon nicht so schlimm kommen, sagte er sich.

    Dann schnellte er vorwärts. Wenn es ihm gelang, den Rockerring zu durchbrechen, kam er vielleicht mit ein paar blauen Flecken davon. Kraftvoll spurtete er auf die schwächste Stelle des Rings zu. Schon wirbelten die Ketten hoch, und die Stahlruten pfiffen bösartig durch die Luft. Der erste Schlag tat höllisch weh. Der zweite und dritte ebenfalls. Ab dem vierten Treffer konnte sich der Schmerz nicht mehr weiter steigern.

    Moreno prallte gegen mehrere Körper. Wie Gummiwände waren sie. Sie gaben nur ein wenig nach und schleuderten ihn dann gewaltig ins Zentrum des Schlaghagels zurück. Er schlug zurück, so gut er konnte. Er trat mit den Füßen um sich. Er schmetterte seine Fäuste in jede Rockervisage, die ihm zu nahe kam. Aber es waren zu viele.

    Schütz deinen Kopf!, schrie es in Moreno. Du musst deinen Kopf schützen, sonst erschlagen sie dich! Er umklammerte mit beiden Händen keuchend seinen Schädel. Blut war auf seiner Zunge. Sie droschen auf seine Arme, hämmerten seine Rippen blau, versuchten seinen Unterleib zu treffen. Er stöhnte auf und fiel auf die Knie. Sie machten unbarmherzig weiter. So lange, bis er auf dem Boden lag und kaum noch Reflexe hatte.

    Da war plötzlich ein schriller Pfiff. Die Meute stob auseinander. Die Hiebe und Tritte hörten schlagartig auf. Eine Schmerzwelle löste die andere ab. Moreno krampfte sich ächzend zusammen. Blut und Schweiß vermengten sich mit dem Dreck von der Straße.

    Jemand beugte sich über Moreno. „Mein Gott, was haben diese Teufel mit Ihnen gemacht? Es war der Wirt. Zwei Hände griffen unter Morenos Achseln. Er wurde aufgerichtet. „Sie sind nicht mehr wiederzuerkennen, hörte Moreno den Mann sagen. „Wie fühlen Sie sich?"

    „Es geht schon", gurgelte Moreno.

    „Sie brauchen ganz dringend einen Arzt."

    „Nicht nötig. Es wird schon wieder."

    „Die Polizei. Wir müssen die Polizei verständigen."

    O Gott, nur das nicht, dachte Moreno erschrocken. Er versuchte sich zusammenzureißen. Polizei! Dieses eine Wort hieß wieder Zuchthaus für ihn. Zwei Jahre. Nur keine Polizei! Mühsam kämpfte sich Moreno auf die Beine. Er schwankte wie ein Betrunkener. Der Wirt stand blass vor ihm und wusste nicht, ob er ihn noch stützen sollte oder bereits loslassen konnte.

    „Diese Kreaturen hätten Sie beinahe erschlagen!", entrüstete er sich.

    „Das kann die Polizei im Nachhinein auch nicht mehr ändern", ächzte Moreno. Ihm war schrecklich übel. Er war nahe daran, sich zu übergeben, und sein Schädel brummte wie ein Bienenstock.

    „Man muss diesen Bastarden endlich mal klarmachen, dass sie nicht alles ungestraft tun dürfen!", zischte der Wirt.

    Der rote Schleier vor Morenos Augen bekam Risse. Er blickte den mageren Mann an und sagte: „Wissen Sie, was Sie erreichen, wenn Sie sich an die Bullen wenden? Erst mal nichts, denn die Polypen werden keinen einzigen Rocker fassen. Und später, wenn ein bisschen Gras über die Sache gewachsen ist, werden die Rocker zu Ihnen ins Lokal kommen, und, Mann, dann möchte ich nicht in Ihrer Haut stecken. Deshalb: besser keine Polizei. Vergessen Sie den Vorfall. Was Vernünftigeres können Sie gar nicht tun."

    „Und Sie ...?"

    Moreno lächelte schief. „Machen Sie sich um mich keine Sorgen. Ich bin hart im Nehmen. Die paar Hiebe machen mich nicht kaputt."

    „Kommen Sie, ich spendiere Ihnen einen Drink."

    „Nicht nötig. Ich komm auch so wieder klar."

    Der Wirt wies auf den Kneipeneingang. „Sie können sich drinnen das Blut abwaschen."

    „Das mach‘ ich zu Hause. Ist nur ein paar Blocks weit." Moreno wandte sich um und wankte wie ein Betrunkener davon ...

    11

    Das Getriebe war angekurbelt. Nun lief es. Bount Reiniger kehrte am frühen Nachmittag in sein Büro zurück. Er grinste. June saß an ihrem Schreibtisch und schien am Lippenstift zu lutschen. Und sie beobachtete sich bei dieser Tätigkeit im Make-up-Spiegel. Als die Tür mit einem satten Knall ins Schloss fiel, verschwanden Lippenstift und Spiegel blitzschnell. Ein koketter Blick flatterte in Reinigers Richtung. „Schon wieder zurück?"

    „Wie

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