Erfreu Dich an Millionen von E-Books, Hörbüchern, Magazinen und mehr

Nur $11.99/Monat nach der Testversion. Jederzeit kündbar.

Leben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. II. Band

Leben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. II. Band

Vorschau lesen

Leben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. II. Band

Länge:
596 Seiten
8 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
29. Juni 2017
ISBN:
9783736858138
Format:
Buch

Beschreibung

Das Werk "Nicholas Nickleby" (auch: "Nikolas Nickleby" oder "Nikolaus Nickleby"; englischer Originaltitel: "The Life and Adventures of Nicholas Nickleby") ist ein Roman von Charles Dickens aus dem Jahr 1838 / 1839. Durch den persönlichen Kontakt von Dickens mit dem Verleger George Westermann wurde der Roman sehr zügig von Karl Heinrich Hermes übersetzt und ebenfalls noch 1838–1839 in Braunschweig herausgegeben. Weitere deutsche Übersetzungen stammen von Carl Kolb (1855), Gustav Meyrink und Maria von Schweinitz (1966).
Herausgeber:
Freigegeben:
29. Juni 2017
ISBN:
9783736858138
Format:
Buch

Über den Autor

An international celebrity during his lifetime, Charles Dickens (1812­–1870) is widely regarded as the greatest novelist of the Victorian era. His classic works include A Christmas Carol, Oliver Twist, David Copperfield, Great Expectations, and A Tale of Two Cities, one of the bestselling novels of all time. When Dickens was twelve years old, his father was sent to debtors’ prison, and the boy was forced to work in a boot-blacking factory to support his family. The experience greatly shaped both his fiction and his tireless advocacy for children’s rights and social reform.


Ähnlich wie Leben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. II. Band

Ähnliche Bücher

Buchvorschau

Leben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. II. Band - Charles Dickens

33. Kapitel

Mr. Ralph Nickleby wird plötzlich von dem Verkehr mit seinen Verwandten erlöst.

Newman Noggs, der in seiner Ungeduld lange vor der Zeit heimgekehrt war, saß mit Smike vor dem Kamin und horchte ängstlich auf jeden Schritt auf der Treppe und auf jedes Geräusch im Hause, aus dem sich schließen ließe, daß Nikolas heimkomme. Jedoch Stunde um Stunde verging, und immer noch war er nicht da. Bestürzt blickten sich die beiden an, sooft die Geräusche im Stiegenhause wieder verklangen, aber endlich hörten sie eine Droschke vor dem Tore halten, und Newman eilte hinaus, um Nikolas die Treppe hinauf zu leuchten. Bestürzt und wie vom Schlage gerührt blieb er stehen, als er ihn blutbefleckt und kotbespritzt vor sich sah.

»Sie brauchen nicht zu erschrecken«, beruhigte ihn Nikolas und drängte ihn in die Stube zurück. »Der Schaden wird mit einem Becken Wasser gleich wiedergutgemacht sein.«

»Sie sind verletzt!« rief Noggs und fuhr ihm hastig über Rücken und Arme, um sich zu überzeugen, ob er nichts gebrochen habe. »Sie müssen –«

»Ich weiß alles«, fiel ihm Nikolas ins Wort. »Einen Teil habe ich soeben zufällig mit angehört und das übrige erraten. Noch ehe ich mich wasche, müssen Sie mir das Ganze erzählen. Sie sehen, ich bin gefaßt, und mein Entschluß steht fest. Also sprechen Sie, lieber Freund! Es hat keinen Zweck mehr, mir die Sache länger zu verhehlen, und meinen Onkel, den alten Schurken, wird nichts mehr schützen.«

»Ihre Kleider sind zerrissen und Sie hinken; ich sehe, daß Sie Schmerzen haben müssen«, meinte Newman bedenklich. »Zuerst lassen Sie mich Ihre Verletzungen ansehen.«

»Verlohnt sich nicht der Mühe. Es sind bloß ein paar Hautaufschürfungen und eine Prellung, die Sache wird bald vorüber sein«, versetzte Nikolas und ließ sich ächzend nieder. »Aber wenn mir auch alle Knochen zerbrochen wären, ließe ich mich doch nicht verbinden, bevor Sie mir nicht alles berichtet haben, was ich wissen will und wissen muß. – Kommen Sie«, setzte er hinzu und reichte Noggs die Hand, »Sie haben mir einmal erzählt, Sie hätten auch eine Schwester gehabt, die, wie Sie sagten, starb, ehe das Unglück über Sie hereinbrach. Denken Sie jetzt an sie und erzählen Sie, Newman!«

»Ja, das will ich«, rief Mr. Noggs, »Sie sollen die ganze Wahrheit erfahren.«

Und er erzählte. – Nikolas nickte von Zeit zu Zeit mit dem Kopf, wenn er eine Bestätigung der bereits geahnten Einzelheiten hörte, blickte jedoch nicht vom Feuer auf.

Als Newman zu Ende war, bestand er darauf, daß Mr. Nickleby seinen Rock ausziehe und sich endlich seine Wunden verbinden lasse. Anfangs weigerte sich Nikolas, dann aber willigte er ein und erzählte, während ihm Noggs die Verletzungen an Armen und Schultern mit Öl, Weinessig und andern geeigneten Mitteln, die er sich in der Eile von seinen Nachbarn zusammenborgte, behandelte, wie und wo ihm der Unfall zugestoßen. Sein Bericht machte einen tiefen Eindruck auf Newmans lebhafte Einbildungskraft, und als es zu der Schilderung von dem Kampf auf dem Wagen kam, rieb er Nikolas so arg, daß dieser stöhnte wenn er auch nichts sagte, da er merkte, daß der gute Alte in diesem Augenblick Sir Mulberry Hawk unter den Händen zu haben glaubte und seine Wut an ihm ausließ.

Als das Martyrium endlich glücklich vorüber war, beschloß Nikolas mit Mr. Noggs, daß schon am nächsten Morgen alle Vorkehrungen getroffen werden sollten, um Mrs. Nickleby so bald wie möglich aus ihrer gegenwärtigen Wohnung zu entfernen und Miss La Creevy vorerst zu diesem Zweck zu ihr zu senden. Dann hüllte er sich in Smikes Mantel und kehrte mit ihm zu seinem Wirtshause zurück, wo er über Nacht bleiben, zuvor aber noch einige Zeilen an Ralph schreiben wollte, die Newman am Morgen abgeben sollte.

Man sagt, daß Betrunkene in Abgründe stürzen können, ohne irgendwelche Schmerzen zu empfinden, wenn sie wieder zu Bewußtsein kommen. Nikolas ging es ähnlich. Als er am nächsten Tag Schlag sieben Uhr aus dem Bette sprang, fühlte er sich so munter und wohl, als ob ihm gar nichts passiert wäre. Er warf einen Blick in Smikes Schlafzimmer, sagte ihm, Newman Noggs werde wohl bald kommen, ging dann auf die Straße hinunter, nahm eine Droschke und fuhr nach Mrs. Wititterlys Wohnung.

Bereits um dreiviertel auf acht am Cadogan Place angelangt, fing er schon an zu fürchten, daß um diese frühe Stunde noch niemand auf sein werde, als seine Besorgnis durch eine Dienstmagd zerstreut wurde, die gerade die Vortreppe scheuerte. Sie verwies ihn an den Pagen mit den wirren Haaren, der auf ihren Ruf mit einem so roten und glänzenden Gesicht herausgestürzt kam, wie es eben nur ein Page, der gerade aus den Federn geschlüpft ist, haben kann.

Durch ihn erfuhr er, daß Miss Nickleby soeben ihren Morgenspaziergang in dem Garten neben dem Hause mache. Auf die Frage, ob man sie nicht benachrichtigen könne, machte der Page ein zweifelhaftes Gesicht und glaubte, es sei nicht gut möglich; durch einen Schilling jedoch aufgemuntert, wurde er augenblicklich sanguinisch und hoffte das Beste.

»Sagen Sie Miss Nickleby, ihr Bruder sei hier und brenne darauf, sie zu sehen«, trug ihm Nikolas auf.

Die silberplattierten Knöpfe verschwanden mit einer ungewohnten Lebhaftigkeit, und Nikolas schritt, fieberhaft erregt und die Sekunden zählend, ungeduldig im Hausflur auf und nieder. Gleich darauf hörte er jedoch einen wohlbekannten leichten Schritt, und ehe er seiner Schwester noch entgegengehen konnte, lag sie bereits an seiner Brust und brach in Tränen aus.

»Meine liebe, liebe Kate!« rief Nikolas und umarmte sie. »Wie blaß du aussiehst!«

»Ich bin hier so unglücklich gewesen, lieber Bruder«, schluchzte die arme Kate, »unaussprechlich elend. Laß mich nicht hier, lieber Nikolas, sonst bricht mir noch das Herz.«

»Du darfst und sollst nicht hierbleiben«, tröstete sie Nikolas. »Ich werde dich nie wieder verlassen, Kate.«

Tief ergriffen drückte er sie an seine Brust. »Du weißt, ich habe nur in der besten Absicht gehandelt, indem ich dich ohne Schutz zurückließ, und ich schied nur von dir, weil ich fürchtete, Unglück über dich zu bringen. Meine Prüfungen waren nicht weniger schmerzlich als die deinen, und wenn ich unrecht getan habe, so geschah es unabsichtlich und nur infolge meiner Weltunkenntnis.«

»Wie kannst du nur glauben, daß ich etwas anderes dächte«, rief Kate. »Nikolas, lieber Nikolas, wie kannst du nur solchen Gedanken Raum geben!«

»Ach, es ist ein so bitterer Vorwurf für mich, hören zu müssen, daß du soviel gelitten hast«, seufzte Nikolas – »dich so verändert zu sehen und doch so sanft und geduldig. O Gott«, knirschte er, ballte die Faust und das Blut stieg ihm ins Gesicht, »ich weiß nicht, was ich ihm antun werde! – Du mußt jetzt auf der Stelle mit mir dies Haus verlassen. Du würdest schon diese Nacht nicht mehr hier haben schlafen dürfen, wenn ich nicht alles erst so spät erfahren hätte. – Mit wem kann ich sprechen, ehe du mit mir gehst?«

Kate wurde die Antwort erspart, denn in diesem Augenblick trat Mr. Wititterly ein, dem sie sogleich ihren Bruder vorstellte. Nikolas nannte den Zweck seines Hierseins und wies auf die Unmöglichkeit hin, auch nur eine Stunde warten zu können.

»Das Vierteljahr – hem –«, meinte Mr. Wititterly mit Würde, »ist noch nicht zur Hälfte abgelaufen – somit –«

»Somit«, fiel ihm Nikolas ins Wort, »erlischt der Anspruch meiner Schwester auf ihr Gehalt, Sir. Entschuldigen Sie meine Eile, aber die Umstände erfordern dringend, daß ich sie auf der Stelle mit mir nehme. Ich habe keinen Augenblick zu verlieren. Ihre Sachen werde ich, wenn Sie gestatten, im Laufe des Tages abholen lassen.«

Mr. Wititterly verbeugte sich und hatte gegen Kates sofortigen Austritt, der ihm im Gegenteil sehr gelegen kam, nichts mehr einzuwenden, zumal Sir Tumley Snuffin ausdrücklich erklärt hatte, sie passe nicht recht für Mrs. Wititterly in Anbetracht deren zarter Gesundheit. »Was das bißchen noch rückständiges Gehalt anbelangt«, sagte er, »so werde ich« – er wurde plötzlich durch einen heftigen Hustenanfall unterbrochen – »so will ich – ihn Miss Nickleby später gelegentlich bezahlen.« Es war Mr. Wititterlys Gewohnheit, stets kleine Schulden zu haben. Jeder Mensch hat eben irgendeine liebenswürdige Eigentümlichkeit.

»Ganz wie's gefällig ist«, antwortete Nikolas, fügte noch ein paar Worte der Entschuldigung wegen des so plötzlich notwendig gewordenen Austrittes hinzu, drängte dann Kate zu der Droschke und befahl dem Kutscher, so schnell wie möglich in die City zu fahren. Da das Pferd zufällig in Whitechapel seinen Stall hatte und dort sein Frühstück einzunehmen gewohnt war, wenn es überhaupt ein solches erhielt, so verlief die Fahrt schneller, als man unter normalen Umständen hätte erwarten dürfen. Nikolas sandte zuerst seine Schwester in die Wohnung hinauf, um seine Mutter nicht durch sein unerwartetes Erscheinen zu erschrecken, und kam erst ein paar Minuten später nach. Newman war indessen auch nicht müßig gewesen, denn ein kleiner Karren stand bereits vor dem Tore, zum Teile schon mit Mrs. Nicklebys Hausrat beladen. Die vortreffliche Witwe war nun leider nicht die Frau, der man in Eile etwas klarmachen konnte, oder die etwas, was besondere Delikatesse oder Takt erforderte, schnell begriffen hätte. Als sie daher von Nikolas und Kate so ganz ohne Umschweife erfuhr, was vorgefallen, war sie, trotzdem sich Miss La Creevy vorher bereits eine ganze Stunde lang bemüht hatte, ihr alles klarzumachen, nicht imstande, die Notwendigkeit des so eiligen Austrittes ihrer Tochter einzusehen.

»Und nach deinem Onkel fragst du gar nicht, lieber Nikolas?« sagte sie. »Wir können doch nicht wissen, ob das alles in seine Pläne paßt!«

»Liebe Mutter, die Zeit des Redens ist vorbei!« stellte ihr Nikolas vor. »Hier handelt es sich nur um einen einzigen Schritt, und der besteht darin, daß wir ihn mit der ganzen Entrüstung und Verachtung, die er verdient, ein für allemal abschütteln. Es verträgt sich weder mit deiner Ehre noch mit deinem Namen, daß du, nachdem du von seinen Schurkereien erfahren hast, auch nur eine Stunde länger als unbedingt nötig in diesen schäbigen vier Wänden bleibst.«

»Gewiß, gewiß!« gab Mrs. Nickleby unter heißen Tränen zu. »Er ist ein Unmensch, ein Ungeheuer, und die Wände hier sind wirklich sehr kahl – und nicht einmal gemalt. Ich habe mir die Decke auf eigene Kosten für achtzehn Pence tünchen lassen müssen. Es ist doch wirklich zu arg; es ist jetzt rein, als ob ich sie deinem Onkel geschenkt hätte. Nicht zu glauben ist so was – wahrhaftig!«

»Ja, das stimmt«, rief Nikolas.

»Gott im Himmel«, fuhr Mrs. Nickleby fort, »wer hätte je gedacht, daß Sir Mulberry Hawk ein solcher verworfener Schurke ist, wie Miss La Creevy sagt, lieber Nikolas! Und ich habe jeden Tag in dem Gedanken geschwelgt, er könne ein Verehrer unserer lieben Kate sein, und träumte schon von den glücklichen Tagen, die unserer Familie aus der Ehre einer solchen Verbindung erwachsen müßten. Gar wenn er seinen Einfluß geltend gemacht hätte, um dir ein Staatsstipendium zu verschaffen! Ich weiß bestimmt, es gibt bei Hof so manche schöne Stelle, die man ganz leicht bekommen kann, wenn man Protektion hat. Zum Beispiel der Bruder einer Freundin von uns – der Miss Cropley in Exeter, liebe Kate, du wirst dich ihrer gewiß noch erinnern – besaß eine solche Protektion, und du weißt, daß er eigentlich nicht viel mehr zu tun hatte, als seidene Strümpfe und einen Haarbeutel, der wie eine schwarze Uhrtasche aussah, zu tragen. Ach Gott, wer hätte je gedacht, daß es noch soweit kommen würde – lieber Gott, es wird mich noch unter die Erde bringen.«

Sie fing abermals bitterlich zu weinen an. Da Nikolas mit seiner Schwester inzwischen auf die Fortschaffung des Gepäckes und Hausrates zu achten hatte, unterzog sich Miss La Creevy der Aufgabe, sie zu trösten, und bemerkte dabei wohlwollend, sie müsse sich alle Mühe geben, ihre trüben Gedanken zu verscheuchen und wieder heiter zu werden.

»Sie haben gut reden, Miss La Creevy«, seufzte Mrs. Nickleby mit einer Bitterkeit, die man ihr eigentlich nicht übelnehmen konnte, »es ist leicht gesagt, ›seien Sie heiter‹. Aber wenn man so viel Grund gehabt hat, sich auf etwas zu freuen, und dann plötzlich sieht – O Gott, o Gott, wenn ich an Mr. Pyke und Mr. Rupfer denke, die zwei vollendetsten Gentlemen, die mir je vorgekommen sind! – Was soll ich ihnen sagen, wenn sie kommen? Wenn ich ihnen vorhielte: ich habe gehört, Ihr Freund Sir Mulberry ist ein Elender, so würden sie mich auslachen!«

»Ich bürge dir dafür, daß sie dich in Zukunft mit ihren Besuchen verschonen werden«, sagte Nikolas. »Komm, Mutter, unten steht eine Droschke. Nächsten Montag kehren wir wieder in unsere alte Wohnung zurück –«

»– wo Sie alles bereit finden und herzlich willkommen sein sollen«, setzte Miss La Creevy eifrig hinzu. »Kommen Sie, gehen wir jetzt zusammen hinunter.«

Aber so leicht war Mrs. Nickleby nicht von der Stelle zu bringen. Zuerst wollte sie noch einmal die Stiegen hinaufgehen, um nachzusehen, ob nichts vergessen worden sei, und dann wieder die Treppe hinunter, ob auch alles auf dem Karren liege. Als man ihr in den Wagen half, fiel ihr plötzlich ein angeblich vergessener Kaffeetopf in der rückwärtigen Küche ein, und dann, als der Kutschenschlag zugemacht wurde, sie habe einen grünen Sonnenschirm hinter irgendeiner Türe stehen lassen. In einem Zustande vollständiger Verzweiflung befahl Nikolas endlich dem Kutscher loszufahren, und bei dem unerwarteten Ruck des Wagens verlor sie einen Schilling in dem Stroh auf dem Droschkenboden, was glücklicherweise ihre Aufmerksamkeit so lange ablenkte, bis es endlich zu spät war, sich auf etwas anderes zu besinnen.

Nachdem Nikolas alles glücklich erledigt, das Dienstmädchen verabschiedet und das Haustor abgeschlossen hatte, sprang er ebenfalls in eine Droschke und ließ sich in die Nähe von Golden Square fahren, wo er Mr. Noggs treffen sollte. Alles war so rasch vor sich gegangen, daß es erst halb zehn schlug, als er den Ort der Zusammenkunft erreichte.

»Hier ist der Brief an Ralph«, sagte er, »und hier der Hausschlüssel. Wenn Sie heute abend zu mir kommen, bitte, erwähnen Sie mit keinem Wort, was gestern nacht vorgefallen ist. Schlimme Neuigkeiten wandern schnell, und meine Damen werden bald genug davon hören. Wissen Sie übrigens nicht, ob er sich stark verletzt hat?«

Newman schüttelte den Kopf.

»So will ich mich ohne Zeitverlust selbst davon überzeugen.«

»Sie täten besser, sich auszuruhen«, riet Newman. »Sie sind nicht wohl und haben Fieber.«

Nikolas winkte ihm unbekümmert mit der Hand ab und suchte das Unwohlsein, das er jetzt, wo die größte Aufregung vorüber war, tatsächlich empfand, zu verbergen, indem er sich hastig verabschiedete.

Mr. Noggs hatte kaum drei Minuten nach Golden Square, aber in dieser kurzen Zeit holte er wohl zwanzigmal den Brief aus seinem Hut hervor und legte ihn ebenso oft wieder kopfschüttelnd hinein. Einmal betrachtete er die Aufschrift, dann die Rückseite und dann wieder das Siegel. Dann hielt er den Brief auf Armeslänge vor sich, um sich an dem Gesamtüberblick zu ergötzen, und rieb sich schließlich entzückt über seinen Auftrag die Hände.

In seiner gewohnten Art betrat er das Bureau, hängte den Hut an den Nagel wie immer, legte Brief und Schlüssel auf das Pult und wartete mit Spannung auf Mr. Ralph Nicklebys Ankunft. Bereits einige Minuten später ließ sich das wohlbekannte Stiefelknarren des alten Ehrenmannes auf der Stiege vernehmen, und gleich darauf ertönte die Klingel.

»Ist nichts mit der Post gekommen?«

»Nein.«

»Auch sonst keine Briefe?«

»Doch. – Einer.«

Dabei sah Newman seinen Herrn fest an und legte Nikolas' Brief auf das Pult.

»Was ist das?« fragte Ralph und nahm den dabeiliegenden Schlüssel zur Hand.

»Wurde mit dem Briefe hiergelassen. – Ein kleiner Junge hat beides gebracht – vor nicht ganz einer Viertelstunde.«

Ralph erbrach das Siegel und las:

»Ich habe Sie jetzt endlich durchschaut. Es gibt wohl keinen Vorwurf auf Erden, den ich Ihnen nicht machen könnte und der nur den tausendsten Teil der Schmach ausdrückte, die Sie heimlich selbst empfinden müssen.

Die Witwe Ihres Bruders und seine verwaiste Tochter verzichten hiermit mit Verachtung auf die Unterkunft, die Sie ihnen bisher gewährt haben, und gedenken Ihrer mit Ekel und Abscheu. Sie verleugnen Sie als Verwandten und kennen keine größere Schmach, als den gleichen Namen mit Ihnen zu tragen. Sie sind ein alter Mann, und ich überlasse Sie dem Grabe. Ich wünsche Ihnen, daß Sie niemals vergessen können, was Sie getan, und daß Sie in Ihrer Sterbestunde noch daran denken müssen.«

Zweimal las Mr. Ralph Nickleby den Brief durch, zog dann seine Stirn in düstere Falten und versank in tiefes Nachsinnen. Das Papier entfiel seiner Hand, aber seine Finger waren krampfhaft zusammengepreßt, als ob er es immer noch halte.

Dann sprang er plötzlich von seinem Stuhl empor, hob das Schreiben auf, zerknitterte es, schob es in die Tasche und wandte sich mit seiner gewohnten Miene an Newman, offenbar mit der Absicht, ihn zu fragen, warum er denn schon wieder spioniere. Aber Newman stand, ihm den Rücken zukehrend, unbeweglich da und verfolgte mit dem tintengeschwärzten Stumpf eines alten Federhalters die Kolonnen einer Zinsenberechnungstabelle, die an der Wand hing, sichtlich ganz und gar in seine interessante Beschäftigung vertieft.

34. Kapitel

Besuch bei Mr. Ralph Nickleby.

»Warum haben Sie mich so verteufelt lange mit diesem verwünschten, alten, zerbrochenen Teekessel von einer Glocke läuten lassen, deren Klang auch den stärksten Mann umwerfen könnte – äh – zum Teufel noch mal –!« sagte Mr. Mantalini zu Newman Noggs, dabei seine Stiefel auf Mr. Ralph Nicklebys Kratzeisen abstreifend.

»Ich habe Sie nur einmal läuten hören«, entschuldigte sich Newman.

»Dann sind Sie – äh – ganz verteufelt taub, so taub wie ein verteufelter Türpfosten.«

Mr. Mantalini war inzwischen in den Flur getreten und schickte sich eben an, ohne weitere Umstände auf die Türe von Mr. Ralphs Privatbureau zuzugehen, als ihm Newman in den Weg trat und die Frage stellte, ob seine Geschäfte dringend seien, da Mr. Nickleby augenblicklich nicht gestört zu werden wünsche.

»Freilich, ganz verteufelt dringend«, rief Mr. Mantalini. »Es handelte sich darum, einige Wische gegen glänzende, funkelnde – äh – klingende, klimpernde Münze einzuwechseln.«

Newman ließ ein verständnisinniges Grunzen vernehmen und hinkte mit Mr. Mantalinis Visitenkarte in das Zimmer seines Chefs. Als er den Kopf zur Türe hereinstreckte, sah er, daß Ralph dieselbe gedankenvolle Haltung wieder angenommen hatte, in die er nach dem Lesen des Briefes seines Neffen verfallen war. Offenbar hatte er das Schreiben abermals durchgelesen, denn er hielt es offen in der Hand.

Ärgerlich fuhr er auf und fragte barsch nach der Ursache der Störung.

Newman erstattete gerade noch Bericht, als Mr. Mantalini in eigener Person ins Zimmer hereintänzelte, Ralphs schwielige Hände mit inniger Zärtlichkeit ergriff und beteuerte, »sein werter Gönner« habe in seinem ganzen Leben noch nie so blühend ausgesehen.

»Es strahlt ja förmlich die Sonne aus Ihrem verteufelt liebenswürdigen Gesicht«, rief Mr. Mantalini, setzte sich unaufgefordert nieder und kämmte sich mit einem Taschenkamm Bart und Scheitel. »Nein, wie Sie jugendlich und famos aussehen! – Äh – hol Sie der Teufel.«

»Lassen Sie das!« knurrte Ralph. »Was wünschen Sie von mir?«

»Oh«, rief Mr. Mantalini und zeigte kokett seine weißen Zähne. »Was ich will? Ja – hem – sehr gut. Was ich will? Haha! O verteufelt.«

»Also was wollen Sie eigentlich, Mensch?« fuhr Ralph ärgerlich auf.

»Äh – einen kleinen Faktureneskompt«, erwiderte Mr. Mantalini mit schalkhaftem Blinzeln.

»Geld ist momentan sehr knapp«, brummte Ralph.

»Ja, verteufelt knapp, sonst würde ich keins wollen«, gab Mr. Mantalini zu.

»Die Zeiten sind schlecht, und man weiß nicht, wem man trauen kann«, fuhr Ralph fort. »Am liebsten möchte ich jetzt gar keine Geschäfte machen. Ja, wahrhaftig. – Aber weil Sie's sind – wie viele Rechnungen haben Sie hier?«

»Zwei.«

»Wie hoch?«

»Ah, nur eine Kleinigkeit. Fünfundsiebzig.«

»Und die Fristen?«

»Zwei Monate, vier Tage.«

»Nun, weil Sie es sind, aber wohl verstanden: nur, weil Sie es sind – andere kämen da bei mir schlecht an –, will ich es gegen einen Abzug von fünfundzwanzig Pfund tun«, sagte Ralph bedächtig.

»Äh! Verteufelt!« rief Mr. Mantalini und machte bei diesem kulanten Vorschlag ein sehr langes Gesicht.

»Bleiben Ihnen immer noch fünfzig«, knurrte Ralph. »Was wollen Sie mehr. – Wer sind die Leute?«

»Verteufelt hart, Nickleby«, jammerte Mr. Mantalini.

»Lassen Sie mich die Namen sehen«, unterbrach ihn Ralph und streckte ungeduldig die Hand nach den Rechnungsauszügen aus. »Nun, Sicherheit ist freilich keine besondere vorhanden, aber ich denke, es läßt sich machen. Also, wenn Ihnen die Bedingungen passen, können Sie das Geld haben. Paßt es Ihnen nicht – nun, dann ist's mir noch lieber.«

»Verteufelt noch mal, Nickleby können Sie denn nicht –« begann Mr. Mantalini.

»Nein«, unterbrach ihn Ralph schroff. »Wenn Sie das Geld haben wollen, so besinnen Sie sich nicht lange. Kommen Sie mir nicht mit dem albernen Einwurf, Sie gingen auf die Börse und wollten es mit einem andern probieren. Ich weiß ganz gut, daß dieser ›andere‹ weder existiert noch je existiert hat. Also was ist's, machen Sie das Geschäft oder nicht?«

Dabei stieß Ralph scheinbar aus Unachtsamkeit an seine eiserne Kasse. Diesem Klang konnte Mr. Mantalini nicht widerstehen. Sofort schlug er ein, und Mr. Nickleby zählte das Geld auf den Tisch.

Mr. Mantalini hatte es noch nicht ganz nachgezählt und eingestrichen, als abermals die Klingel ertönte und gleich darauf niemand anders als seine Gattin hereintrat, bei deren Anblick er plötzlich sehr verlegen wurde und sein Geld mit merkwürdiger Hast zusammenraffte.

»Ah, du bist also hier!« rief die Gnädige und warf den Kopf zurück.

»Ja, mein Leben, mein Herzblatt, ich bin hier«, flötete Mr. Mantalini, ließ sich zierlich auf ein Knie nieder und haschte in der koketten Art einer spielenden Katze nach einem heruntergefallenen Sovereign. »Ich bin hier, du Glanz meiner Seele, hier in diesem Zauberlande, wo es verteufeltes Gold und Silber aufzulegen gibt.«

»Ich schäme mich deiner!« rief die Putzmacherin unwillig.

»Du schämst dich meiner, du Licht meiner Augen!? – Sie weiß, wie verteufelt süß und bezaubernd sie ist, drum getraut sie sich so zu lügen«, erklärte Mr. Mantalini seinem Geschäftsfreund. »Sie weiß selbst am besten, daß sie sich ihres süßen Gatten nicht schämt.«

Der »süße Gatte« schien sich nun aber doch hinsichtlich der Wirkung seiner Zärtlichkeit ein wenig verrechnet zu haben, denn die ganze Antwort Mrs. Mantalinis bestand in einem verächtlichen Blick, worauf sie sich zu Ralph wandte und ihn bat, zu entschuldigen, daß sie so unangemeldet eingedrungen sei. Sie müsse das, setzte sie hinzu, einzig und allein der schlechten Aufführung und dem höchst unpassenden Vorgehen Mr. Mantalinis zur Last legen.

»Meinem Vorgehen, du Ananas des Paradieses?«

»Ja, deinem Vorgehen«, wiederholte Mrs. Mantalini. »Aber ich werde mich vorsehen, denn ich habe nicht Lust, mich durch deine Verschwendungssucht und deine Ausschweifungen ruinieren zu lassen. Ich rufe Mr. Nickleby zum Zeugen an –«

»Ich muß bitten, mich in keiner Hinsicht zum Zeugen anzurufen«, unterbrach sie Ralph, »machen Sie die Sachen gefälligst unter sich ab und ziehen Sie mich nicht mit hinein.«

»Und doch muß ich Sie um die Gefälligkeit bitten«, sagte Madame Mantalini fest, »Zeuge zu sein, wie ich ihm jetzt meinen unwiderruflichen Entschluß kundtue. – Meinen unwiderruflichen Entschluß, Sir«, wiederholte sie und schleuderte ihrem Gatten einen Zornesblick zu.

»Sie nennt mich ›Sir‹«, rief Mr. Mantalini, »mich, der ich bis zum Wahnsinn und ganz verteufelt in sie verliebt bin – sie, die mich mit ihren Reizen wie eine paradiesische Klapperschlange umstrickt! Ich kann es nicht ertragen, sie stürzt mich, äh – in einen verteufelten Zustand.«

»Reden Sie nicht von verletzten Gefühlen, Sir«, zürnte Mrs. Mantalini, setzte sich auf einen Stuhl und wandte ihm den Rücken zu. »Sie haben nie auf die meinigen Rücksicht genommen.«

»Keine Rücksicht auf die deinigen genommen?« rief Mr. Mantalini.

»Nein.«

Und den gedrechselten Schmeichelreden von Seiten ihres Gatten zum Trotz fuhr die Gnädige fort, »nein« zu sagen, und obendrein mit solcher Bestimmtheit und ausgesprochen schlechter Laune, daß Mr. Mantalini sichtlich die Fassung verlor.

»Sein Hang zum Verschwenden, Mr. Nickleby«, wendete sich Madame Mantalini an Ralph, der, die Hände auf dem Rücken, an seinem Armstuhl lehnte und das ungleiche Paar mit einem Lächeln bodenloser Verachtung musterte, »sein Hang zum Verschwenden überschreitet jedes Maß.«

»Sollte man kaum glauben«, höhnte Ralph.

»Und dennoch kann ich Ihnen versichern, Mr. Nickleby, daß es sich so verhält«, fuhr die Putzmacherin fort. »Er bringt mich noch ganz ins Elend, und ich schwebe in ewigen Besorgnissen und Verlegenheiten. Und das wäre noch nicht einmal das schlimmste«, jammerte sie, sich die Augen wischend. »Heute morgen nahm er wieder einige Dokumente aus meinem Pult, ohne mich auch nur um Erlaubnis zu fragen.«

Mr. Mantalini stöhnte auf und knöpfte sich die Tasche zu.

»Ich muß«, klagte die Schneiderin, »seit dem Konkurs Miss Knag dafür, daß sie ihren Namen zu dem Geschäfte hergibt, Unsummen bezahlen und kann rein die Mittel, die der unsinnige Hang meines Mannes zum Vergeuden erfordert, nicht mehr erschwingen. Ich zweifle auch jetzt nicht, daß er schnurstracks zu Ihnen gelaufen ist, Mr. Nickleby, um die besagten Dokumente in Geld umzusetzen, und da Sie uns schon früher oft mit Geld ausgeholfen haben und hinsichtlich Eskompt von Fakturen in reger Verbindung mit uns stehen, sehe ich mich jetzt gezwungen, Ihnen einen Entschluß mitzuteilen, zu dem ich durch sein Benehmen gezwungen bin.«

Mr. Mantalini stöhnte wieder laut auf, klemmte sich eine Goldmünze ins Auge und blinzelte mit dem andern hinter dem Hute seiner Gattin hervor Ralph zu. Nachdem er dies mit großer Geschicklichkeit ausgeführt hatte, steckte er das Geldstück wieder ein und stöhnte aufs neue mit allen Anzeichen tiefster Reue.

»Ich habe mich daher entschlossen«, fuhr Mrs. Mantalini fort, als sie in Ralphs Gesicht Anzeichen von Ungeduld bemerkte, »ihm etwas Festes auszuwerfen.«

»Was zu tun, du Labsal meiner Augen?« fragte Mr. Mantalini, der die Worte nicht recht verstanden zu haben schien.

»Ihm eine bestimmte Summe auszusetzen«, erklärte die Schneiderin und sah Ralph, um den Blicken ihres Gatten auszuweichen und sich durch seine Reize nicht in ihrem Entschluß wankend machen zu lassen, fest an, »und ich glaube, er kann sich glücklich schätzen, wenn ich ihm hundertzwanzig Pfund jährlich als Taschengeld auswerfe.«

Mr. Mantalini hatte zuerst sehr würdevoll zugehört, als er aber die Summe vernahm, schleuderte er Hut und Stock auf den Boden, zog sein Taschentuch hervor und machte seinen Gefühlen durch ein herzzerbrechendes Schluchzen Luft.

»Hölle und Verdammnis!« rief er, fuhr mit einem Ruck von seinem Stuhle auf und ließ sich ebenso schnell wieder nieder, was seine Frau sichtlich in größte Aufregung versetzte. »Aber nein, nein, es ist nicht Wirklichkeit, es ist – äh – verteufelt – äh – ein schwerer Traum, nein, nein.« Dann schloß er die Augen und wartete geduldig, bis es an der Zeit sein würde, aus seinem Traume zu erwachen.

»Höchst verständig von Ihnen, Madame«, höhnte Ralph, »vorausgesetzt, daß sich Ihr Gatte in den ihm gesteckten Grenzen hält, was ohne Zweifel der Fall sein wird.«

»Äh – verteufelt«, ächzte Mr. Mantalini, als der Ton von Ralphs Stimme an sein Ohr schlug, die Augen öffnend, »äh – es ist furchtbare Wirklichkeit. Da sitzt sie vor mir; wahrhaftig, es sind die anmutigen Umrisse ihrer Gestalt, ich kann mich nicht irren, denn sie hat nicht ihresgleichen. Die beiden Gräfinnen hatten überhaupt keine Umrisse, und die Witwe war ein – äh – verteufelter Umriß. Ach, warum ist sie doch so paradiesisch schön, daß ich ihr nicht einmal in diesem Augenblick zu zürnen vermag!«

»Du bist selbst schuld daran, Alfred«, klagte Madame Mantalini, noch immer vorwurfsvoll, aber bereits in milderem Tone.

»Äh – ich bin ein verteufelter Elender«, jammerte Mr. Mantalini und schlug sich vor die Stirn. »Ich will einen Sovereign in Halfpence umwechseln lassen und sie in die Tasche stecken und mich in der Themse ertränken. Aber selbst dann werde ich ihr nicht zürnen, sondern auf meinem Gang zum Tode noch einen Brief auf die Post geben, um ihr anzuzeigen, wo man meine Leiche finden kann. Sie wird eine begehrenswerte Witwe sein, ich ein kalter Leichnam. Manch schöne Frau wird um mich weinen, aber sie – sie – äh – wird verteufelt lachen.«

»Alfred, du grausamer, grausamer Mensch!« schluchzte Madame Mantalini, bei dieser schrecklichen Aussicht in Tränen ausbrechend.

»Sie nennt mich grausam! – Mich – mich, der ich um ihretwillen ein äh – verteufelt – nasser, feuchter und scheußlicher Leichnam werden will« rief Mr. Mantalini.

»Du weißt, daß es mir das Herz bricht, wenn ich dich so reden höre«, klagte die Schneiderin.

»Kann ich denn leben, wenn dein Vertrauen dahin ist?« rief der Gatte. »Habe ich mein Herz in tausend kleine, äh – verteufelte Stücke zerrissen und alle eins nach dem andern an dieselbe kleine verteufelte Herzenszauberin verschenkt und sollte leben können, wenn sie mir mißtraut! Nein – äh – das kann ich nicht.«

»Frage Mr. Nickleby, ob die Summe von hundertzwanzig Pfund nicht recht anständig ist?« suchte Madame Mantalini einzulenken.

»Ich brauche ganz und gar keine – äh – Summe«, brauste der trostlose Ehemann auf. »Ich will nichts von diesem verteufelt – äh – ausgesetzten Gnadengehalt, ich will eine Leiche sein.«

Entsetzt, ihren Gatten die verhängnisvolle Drohung wiederholen zu hören, rang die Schneiderin die Hände und beschwor Ralph Nickleby, sich doch ins Mittel zu legen. Schließlich, nach vielen Tränen und Vorstellungen und einigen schwachen Versuchen seinerseits, die Türe zu gewinnen, um auf der Stelle gewaltsam Hand an sich zu legen, ließ sich Mr. Mantalini – selbstverständlich nur mit größtem Widerstreben – zu dem Versprechen bewegen, keine Leiche sein zu wollen. Als dieser Hauptpunkt glücklich beigelegt war, nahm die Putzmacherin die Frage hinsichtlich des ausgeworfenen Taschengeldes wieder auf, wobei sich übrigens ihr Gatte genau wie früher benahm und jede Gelegenheit ergriff, zu betonen, er könne in Lumpen einhergehen und bei Wasser und Brot ganz zufrieden leben, aber es sei ihm unmöglich, sein – äh – verteufeltes Dasein zu ertragen, wenn ihn eine so schwere Bürde wie das Mißtrauen des Gegenstandes seiner hingebendsten und heißesten Liebe bedrücke. Das trieb seiner Gattin wiederum die Tränen in die Augen, und das Endergebnis war, daß sie die Frage betreffs des Taschengeldes zwar nicht ganz aufgab, jedoch vorderhand auf die lange Bank schob, so daß Ralph klar genug sah, daß sein Geschäftsfreund wieder freie Hand hatte, sein leichtsinniges Leben weiterzuführen.

»Na, er wird bald genug wieder da sein, um sich Geld zu holen«, dachte er. »Die Liebe – pfui, wie kommt mir nur dieses dumme Wort in den Mund, das man von Knaben und Mädchen bis zum Ekel immer und immer wiederholen hört – vergeht schnell genug, wenn auch die, die lediglich in der Bewunderung eines Backenbartes wurzelt, wie ihn dieser Pavian trägt, noch am längsten zu währen scheint, offenbar, da sie aus der ärgsten Verblendung entspringt und aus der menschlichen Eitelkeit ihre Säfte zieht. Aber diese Hohlköpfe tragen Korn auf meine Mühle, so mögen sie denn ihren Tag bis zu Ende leben – und je länger er dauert, desto besser für mich.«

»Also, wenn du Mr. Nickleby nichts mehr zu sagen hast, lieber Alfred«, wendete sich Madame Mantalini an ihren Gatten, »so können wir uns vielleicht verabschieden? Wir haben ihn ohnedies schon allzulang aufgehalten.«

Mr. Mantalini antwortete eine kleine Weile nur dadurch, daß er seiner Gattin zärtlich ein paarmal auf die Nase tippte, und dann drückte er sich in gewählten Worten dahin aus, daß er jetzt nichts mehr zu sagen habe.

»Äh – verteufelt – und dennoch habe ich noch etwas zu erwähnen«, verbesserte er sich unmittelbar darauf und zog Ralph in eine Ecke. »Sie wissen doch von dem Unfall, der ihrem Freund Sir Mulberry zugestoßen ist? – So verteufelt – äh – außerordentlich und unerhört, wie nur was –«

»Was meinen Sie damit?« fragte Ralph erstaunt.

»Teufel nochmal, wissen Sie's denn nicht?« rief Mr. Mantalini.

»Ich habe in der Zeitung gelesen, daß er gestern nachts aus seinem Kabriolett geschleudert und schwer verwundet wurde. Man sagt sogar lebensgefährlich«, antwortete Ralph gelassen. »Aber ich finde weiter nichts Außerordentliches daran. Unfälle sind nicht wunderbar, wenn die Menschen unmäßig leben und nach Saufgelagen selbst kutschieren.«

»Hui«, pfiff Mr. Mantalini durch die Zähne, »Sie wissen also nicht, wie es zugegangen ist?«

»Wenn es etwas anderes betrifft, als ich eben angedeutet habe – nein«, versetzte Ralph, gleichgültig die Achseln zuckend.

»Äh – alle Teufel – Sie setzen mich in Erstaunen«, rief Mr. Mantalini.

Ralph zuckte abermals die Achseln, als halte er es gerade für kein Meisterstück, einen Menschen wie seinen Geschäftsfreund in Erstaunen zu setzen, und warf Newman, der jetzt wieder wie vorhin mit dem Kopf hinter den Glasscheiben der Zimmertüre auftauchte, einen vielsagenden Blick zu, irgendeinen Kunstgriff anzuwenden, um den lästigen Besuch zum Gehen zu bewegen.

»Äh, wissen Sie denn nicht«, sagte Mr. Mantalini und nahm Ralph beim Rockknopf, »daß es durchaus kein Unfall war, sondern ein – äh – verteufelter Mordversuch Ihres Neffen?«

»Was!« zischte Ralph durch die Zähne, ballte die Fäuste und wurde aschfahl im Gesicht.

»Alle Teufel, Nickleby, Sie scheinen ja ein geradeso blutgieriger Tiger zu sein wie er«, stotterte Mantalini und fuhr erschreckt zurück.

»Weiter, weiter!« drängte Ralph wild. »Heraus damit! Wie ging die Geschichte weiter? Wer hat es Ihnen erzählt? So reden Sie doch! Hören Sie denn nicht?«

»Äh – Teufel nochmal, Nickleby«, stammelte Mr. Mantalini und zog sich ängstlich zu seiner Gattin zurück, »was für ein verteufelt hitziger alter Bursche Sie sind! Sie gebärden sich ja so tobsüchtig, daß Sie meinem holden Leben hier den tödlichsten Schrecken einjagen und sie um ihren – äh – verteufelt süßen kleinen Verstand bringen. Verdamm mich.«

»Dummes Zeug«, brummte Ralph und lächelte krampfhaft, »das ist nun mal so meine Art.«

»Jedenfalls eine – äh – verteufelt gefährliche Tollhäuslerart«, meinte Mr. Mantalini und griff nach seinem Rohrstock.

Ralph heuchelte, so gut er konnte, gute Laune und fragte abermals, woher denn diese Nachricht stamme.

»Von Pyke. – Er ist ein verteufelt hübscher, angenehmer – äh gentlemanischer Bursche«, näselte Mr. Mantalini. »Äh – verteufelt angenehm; Ausbund von einem Kerl.«

»Und was hat er gesagt?« forschte Ralph, ungeduldig die Brauen runzelnd.

»Nun, die Sache hat sich so zugetragen: Ihr Neffe begegnete Sir Mulberry in einem Kaffeehaus, fiel ihn wie ein wütender Hund an, folgte ihm zu seinem Wagen, schwor, er wolle mit ihm nach Hause fahren, und wenn er sich an den Schweif seines Pferdes hängen müsse, zerschlug ihm dann das Gesicht – äh – äh übrigens ein verteufelt hübsches Gesicht – äh –, machte das Pferd scheu, stürzte mit Sir Mulberry hinaus und –«

»Blieb tot auf dem Platze«, fiel Ralph atemlos und mit blitzenden Augen ein. »Ist's so? Ist er tot?«

Mr. Mantalini schüttelte den Kopf.

»Ach was«, knurrte Ralph und wendete sich wütend ab, »dann ist ihm eben nichts geschehen – aber halt«, setzte er hinzu und wandte sich mit einem Ruck wieder um. »Er hat sich einen Arm zerschmettert, oder ein Bein, sich die Schulter ausgerenkt oder sich das Schlüsselbein gebrochen oder ein paar Rippen oder so was? Nicht wahr? Sie müssen doch etwas der Art gehört haben?«

»Nein, nein«, versicherte Mr. Mantalini, den Kopf schüttelnd. »Wenn er nicht später in so kleine Stücke zerbarst, daß sie der Wind wegblasen konnte, so hat er keinen Schaden genommen. Er ging so ruhig und gemütlich davon, wie – äh – wie einer – äh –, den der Teufel holt«, schloß er, um einen entsprechenden Vergleich verlegen.

»Was«, forschte Ralph stockend weiter, »– was war der Anlaß ihres Streites?«

»Sie sind – äh – der verteufeltste Schlaufuchs«, rief Mr. Mantalini bewundernd, »der pfiffigste, geriebenste, höllischste Schlaukopf, den's nur geben kann. Tun Sie doch nicht, als wüßten Sie keine Spur davon, daß Ihre kleine blauäugige Nichte natürlich die Schuld daran war; das hübscheste, süßeste –«

»Alfred!« ermahnte Madame Mantalini.

»Sie hat immer recht«, rief Mr. Mantalini beschwichtigend; »und wenn sie sagt, es sei Zeit zu gehen, so ist es Zeit, und wir gehen. Und wenn sie so durch die Straßen trippelt, äh, so werden ihr die Frauen neidisch nachsehen und sagen: sie hat, äh, einen verteufelt schönen Mann! Und die Männer werden entzückt ausrufen, er hat eine – äh – verteufelt schöne Frau, und beide werden recht haben – und keiner unrecht. Auf Ehre und Seligkeit, äh, verteufelt.«

Dann küßte er galant die Fingerspitzen seiner Handschuhe, zog den Arm seiner Gattin durch den seinigen und tänzelte mit ihr hinaus.

»So, Gott sei Dank«, brummte Ralph vor sich hin und ließ sich abgespannt in seinen Sessel sinken. »Dieser Satan ist also schon wieder los! Er scheint rein auf der Welt zu sein, um mir überall in den Weg zu treten. Einmal hat er mir gesagt, er wolle früher oder später Abrechnung mit mir halten. Er soll recht haben. Ich will ihm dazu verhelfen, daß er wahr prophezeit hat. Ich werde den Tag selber ansetzen.«

»Sind Sie zu Hause?« fragte Newman, plötzlich den Kopf zur Türe hereinsteckend.

»Nein«, versetzte Ralph schroff.

Mr. Noggs zog seinen Kopf zurück, tauchte aber gleich darauf wieder auf.

»Wissen Sie auch ganz gewiß, daß Sie nicht zu Hause sind?«

»Was will denn der Schafskopf damit wieder sagen?« brummte Ralph ärgerlich.

»Der Mann wartet draußen, seit die beiden zu Ihnen gekommen sind, und hat wahrscheinlich Ihre Stimme gehört«, erklärte Newman, sich die Hände reibend.

»Wer denn?« fragte Ralph, durch die Mitteilung seines Schreibers und seine empörende Kaltblütigkeit aufs äußerste gereizt.

Die Antwort wurde Newman durch den unvorhergesehenen Eintritt des Mannes, von dem er gesprochen, erspart, und dieser richtete jetzt sein Auge – buchstäblich sein Auge, denn er hatte nur eins – auf Mr. Ralph Nickleby, ließ sich nach einer linkischen Verbeugung unaufgefordert in einem Lehnstuhl nieder und faltete die Hände auf dem Knie. Beim Niedersetzen zog er seine ziemlich kurzen schwarzen Hosen an den Knien so weit in die Höhe, daß sie kaum mehr das obere Ende seiner Krempstiefel bedeckten.

»Na, das nenn' ich mir eine Überraschung«, rief Ralph und blickte seinen Besucher halb lächelnd, halb forschend an. »Wenn ich mich nicht sehr irre, sind Sie Mr. Squeers?«

»Freilich, freilich«, eiferte der Pädagog. »Und Sie würden mich noch leichter wiedererkannt haben, Sir, wenn ich nicht vor kurzem so vieles durchzumachen gehabt hätte. – Ach, helfen Sie doch dem kleinen Jungen draußen von dem hohen Stuhl in Ihrer Schreibstube herunter und schicken Sie ihn herein«, wendete er sich zu Mr. Newman. »Aha, da kommt er schon selber. Gestatten Sie – mein Sohn, Sir, der kleine Wackford. Nun, und was halten Sie von dieser Probe unserer Kost in Dotheboys Hall, Sir? Ist er nicht so kugelrund, daß man glauben könnte, die Kleider müßten ihm bersten, die Nähte aufspringen und die Knöpfe abfliegen? – Das nenne ich mir Fleisch«, rief er, drehte den Jungen um und kniff ihn zu dessen größtem Mißbehagen in die muskulösesten Teile seines Körpers. »Das nenn' ich mir Festigkeit und Solidität. Er ist so dick, daß man ihn kaum mit den zwei Fingern zwicken kann.«

Wie wohlgenährt nun auch Master Squeers aussehen mochte, so schien das Kneifen dennoch gelungen zu sein, wenigstens ließ der junge Herr einen lauten Schrei vernehmen und rieb sich die Stelle auf recht unverblümte Weise.

»Nun. Hem«, bemerkte Mr. Squeers ein wenig verblüfft.

»Diesmal scheine ich doch ein wenig Fleisch zwischen die Finger bekommen zu haben. Aber es mag wohl dran schuld sein, daß wir diesen Morgen sehr zeitig frühstücken mußten und er seinen Lunch noch nicht gehabt hat. Ich versichere Ihnen, Sie wären nicht imstande, auch nur einen Zoll von ihm in eine Türspalte zu klemmen, so prall ist er, wenn er sein Mittagessen im Leibe hat. Bitte, sehen Sie nur diese Tränen an, Sir«, setzte er triumphierend hinzu, als sich sein Sohn und Erbe die Augen mit dem Jackenärmel abwischte, »das pure Öl.«

»Er sieht wirklich recht wohlgenährt aus«, gab Ralph zu, der aus irgendwelchen Gründen sich den Schulmeister geneigt erhalten zu wollen schien. »Aber wie geht es Ihrer Gattin? Und wie geht es Ihnen selbst?«

»Mrs. Squeers«, antwortete der Besitzer von Dotheboys Hall mit geläufiger Zunge, »ist wie immer den Zöglingen eine Mutter und ein Segen, ein Trost und eine Freude allen, die sie kennen. Einer von unsern Jungen, der sich vor kurzem überfressen hat und deshalb krank wurde – es ist dies kein seltener Fall bei uns –, bekam letzte Woche ein Geschwür. Sie hätten nur sehen sollen, wie sie es mit ihrem Federmesser operierte. Gütiger Gott!« setzte er seufzend und nickend hinzu; »was für ein wertvolles Glied der menschlichen Gesellschaft ist doch diese Frau.«

Eine halbe Minute ungefähr blickte der Pädagog versonnen vor sich hin, als habe die Schilderung der Vorzüge seiner Gattin seinen Geist ganz und gar in das friedliche Dörfchen Dotheboys Hall bei Greta Bridge in Yorkshire versetzt, und richtete dann sein Auge wieder auf Nickleby, offenbar in der Erwartung, daß dieser etwas erwidern werde.

»Haben Sie sich von dem Überfall meines Strolches von Neffen wieder ganz erholt?« fragte Ralph.

»Könnte ich nicht sagen; es ist noch nicht lange genug her«, versetzte Mr. Squeers. »Ich war eine einzige Beule, Sir, von hier bis hier« – dabei berührte er zuerst seinen Scheitel und dann die Spitzen seiner Stiefeln – »Weinessig und Pflaster, Pflaster und Weinessig von morgens bis abends. Ich glaube, man hat wenigstens ein halbes Ries Löschpapier an mir verbraucht. Als ich zusammengeknäuelt und über und über bepflastert in unserer Küche lag, würden Sie mich wahrscheinlich für einen Ballen von Bandagen gehalten haben, vollgepfropft von lauter Gestöhn. – Habe ich laut gestöhnt, Wackford, oder leise?«

»Laut«, war die Antwort.

»Waren die Jungen, als sie mich in einem so schrecklichen Zustand sahen, betrübt oder erfreut?« examinierte Mr. Squeers in sentimentalem Tone weiter.

»Erfreut –«

»Was?« fuhr Mr. Squeers auf.

»Betrübt –«, verbesserte sich Master Wackford rasch.

»Na also«, brummte Squeers und versetzte seinem Sprößling eine tüchtige Ohrfeige. »Und jetzt nimm deine Hände aus den Taschen und stottere nicht, wenn man dich etwas fragt. Ruhig jetzt. Heule nicht, wenn du bei einem fremden Herrn bist – oder ich laufe von meiner Familie weg und komme nie mehr wieder. Und was würde dann aus all den lieben verlassenen Knaben werden, wenn sie in der Welt umherirren müßten ohne ihren väterlichen Freund und Berater!«

»Hatten Sie ärztlichen Beistand nötig?« fragte Ralph.

»Freilich«, antwortete Squeers, »und ich bekam eine tüchtige Rechnung dafür; sie ist übrigens bereits bezahlt.«

Ralph zog seine Augenbrauen in die Höhe, was ebenso gut Mitleiden wie Erstaunen bedeuten konnte, ganz wie es sich der Schulmeister auslegen wollte.

»Jawohl, ich habe sie bis zum letzten Pfennig bezahlt«, fuhr Mr. Squeers fort, der seinen Mann zu gut kannte, als daß er sich auch nur einen Augenblick der Hoffnung hingegeben hätte, es könne ihn vielleicht ein Wink mit dem Zaunpfahl veranlassen, etwas von den Kosten mitzutragen, »aber trotzdem ging es nicht aus meiner Tasche.«

»Nicht?«

»Nein, keinen Penny. Die Sache ist nämlich die: wir haben in unserm Kontrakt mit den Eltern unserer Zöglinge stehen, daß, wenn ein Arzt in der Schule nötig ist, er extra bezahlt werden muß, begreifen Sie?«

»Ja, hm, allerdings«, brummte Ralph.

»Wir suchten uns daher fünf Jungen aus, Kinder von kleinen Handelsleuten – die sind bekanntlich immer zahlungsfähig – und schickten einen davon ins Dorf, wo gerade der Scharlach grassierte. Richtig steckte sich auch der Junge an, und dann ließen wir die vier andern bei ihm schlafen. Die bekamen auch prompt den Scharlach, und dann ließen wir den Doktor kommen. Und da ging meine kleine Rechnung so mit nebenbei hinein – ha ha ha.«

»Wahrhaftig kein übler Gedanke«, lachte Ralph, den Schulmeister lauernd aus den Augenwinkeln heraus beobachtend.

»Das will ich meinen«, brüstete sich Squeers. »Wir machen es übrigens immer so. Als meine Gattin mit dem kleinen Wackford hier niedergekommen war, ließen wir ein halbes Dutzend Jungen den Keuchhusten kriegen und rechneten die Hebammenkosten und die Wärterin mit hinein – ha ha ha.«

Ralph lachte sonst nie, aber diesmal konnte er ein Lächeln kaum unterdrücken. Als sich der Pädagog nach Herzenslust ausgelacht hatte, fragte er ihn, was ihn denn eigentlich nach London geführt habe.

»Ach, eine dumme Rechtssache«, brummte Squeers und kratzte sich hinter den Ohren, »wegen Vernachlässigung eines Zöglings, wie sie es nennen. Ich verstehe gar nicht, was sie von mir wollen; er hatte doch so gutes Futter, wie nur irgendeins zu haben ist.«

Ralph sah fragend auf.

»Futter!« wiederholte Squeers laut, in der Meinung, Ralph müsse ihn wahrscheinlich nicht verstanden haben. »Eigentlich besser gesagt ›Weide‹. Wenn ein Junge krank wird und ihm das Essen nicht mehr schmeckt, nehmen wir eine Diätveränderung mit ihm vor, d. h. wir schicken ihn täglich für eine Stunde oder so in das Rübenfeld eines Nachbarn oder, wie der Fall gerade liegt, abwechselnd in ein Rüben- oder Möhrenfeld, da kann er dann futtern, soviel er mag. Es gibt in ganz Yorkshire keinen bessern Boden als den, worauf dieser nichtsnutzige Bursche ›geweidet‹ hat. Trotzdem holt er sich eine Erkältung, oder was weiß ich, kurz, das Resultat ist: ein Prozeß! – Sollte man glauben«, rief er aus und rutschte auf seinem Sessel ungeduldig

Sie haben das Ende dieser Vorschau erreicht. , um mehr zu lesen!
Seite 1 von 1

Rezensionen

Was die anderen über Leben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. II. Band denken

0
0 Bewertungen / 0 Rezensionen
Wie hat es Ihnen gefallen?
Bewertung: 0 von 5 Sternen

Leser-Rezensionen