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Acht Morland Mystery Thriller für den Strand: Cassiopeiapress Sammelband: Über 1000 Seiten Spannung

Acht Morland Mystery Thriller für den Strand: Cassiopeiapress Sammelband: Über 1000 Seiten Spannung

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Acht Morland Mystery Thriller für den Strand: Cassiopeiapress Sammelband: Über 1000 Seiten Spannung

Länge:
1.205 Seiten
14 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
17. Juli 2019
ISBN:
9783739659176
Format:
Buch

Beschreibung

Der Umfang dieses Buchs entspricht 1030 Taschenbuchseiten.

Eine junge, bildschöne Frau im 18. Jahrhundert, einer Periode, in der es leicht war, in die Mühlen der englischen Hexenverfolgung zu geraten. Dass die Macht der Liebe das Mädchen Sarah retten wird, scheint Illusion zu sein – oder nur ein grausames Spiel des Schicksals.
Gegenwart: Die attraktive Schriftstellerin Lilian wird in dem kleinen Ort Folkwich mit rätselhaften Begebenheiten konfrontiert, die nach und nach immer bedrohlicher werden. Irgendetwas Sonderbares geschieht mit ihr … Zugleich aber fasziniert sie zum Beispiel das Treffen mit einem geheimnisvollen Mann.
Welche Verbindung gibt es zwischen Sarah und Lilian, über den Abgrund der Zeit hinweg, und welche geheimnisvolle Macht könnte dafür verantwortlich sein?
Diese und andere Geschichten finden Sie in diesem Sammelband...

Dieses Buch enthält folgende acht Romane:
Irgendwann in einem anderen Leben
Der Spuk von Dark Manor
Die schwarze Kapelle
Unheil auf der Geisterinsel
Das unheimliche Haus des Mr. N.
Wenn die Toten wiederkommen
Das Geheimnis hinter der Tür
Die mordenden Geister
Herausgeber:
Freigegeben:
17. Juli 2019
ISBN:
9783739659176
Format:
Buch

Über den Autor


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Acht Morland Mystery Thriller für den Strand - A. F. Morland

Acht Morland Mystery Thriller für den Strand

von A. F. Morland

Der Umfang dieses Buchs entspricht 1030 Taschenbuchseiten.

Eine junge, bildschöne Frau im 18. Jahrhundert, einer Periode, in der es leicht war, in die Mühlen der englischen Hexenverfolgung zu geraten. Dass die Macht der Liebe das Mädchen Sarah retten wird, scheint Illusion zu sein – oder nur ein grausames Spiel des Schicksals.

Gegenwart: Die attraktive Schriftstellerin Lilian wird in dem kleinen Ort Folkwich mit rätselhaften Begebenheiten konfrontiert, die nach und nach immer bedrohlicher werden. Irgendetwas Sonderbares geschieht mit ihr … Zugleich aber fasziniert sie zum Beispiel das Treffen mit einem geheimnisvollen Mann.

Welche Verbindung gibt es zwischen Sarah und Lilian, über den Abgrund der Zeit hinweg, und welche geheimnisvolle Macht könnte dafür verantwortlich sein?

Diese und andere Geschichten finden Sie in diesem Sammelband...

Dieses Buch enthält folgende acht Romane:

Irgendwann in einem anderen Leben

Der Spuk von Dark Manor

Die schwarze Kapelle

Unheil auf der Geisterinsel

Das unheimliche Haus des Mr. N.

Wenn die Toten wiederkommen

Das Geheimnis hinter der Tür

Die mordenden Geister

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Irgendwann in einem anderen Leben

von A. F. Morland

Eine junge, bildschöne Frau im 18. Jahrhundert, einer Periode, in der es leicht war, in die Mühlen der englischen Hexenverfolgung zu geraten. Dass die Macht der Liebe das Mädchen Sarah retten wird, scheint Illusion zu sein – oder nur ein grausames Spiel des Schicksals.

Gegenwart: Die attraktive Schriftstellerin Lilian wird in dem kleinen Ort Folkwich mit rätselhaften Begebenheiten konfrontiert, die nach und nach immer bedrohlicher werden. Irgendetwas Sonderbares geschieht mit ihr … Zugleich aber fasziniert sie zum Beispiel das Treffen mit einem geheimnisvollen Mann.

Welche Verbindung gibt es zwischen Sarah und Lilian, über den Abgrund der Zeit hinweg, und welche geheimnisvolle Macht könnte dafür verantwortlich sein?

1

Harte Schläge hallten durch das Haus des Inquisitors. Es war schon spät, und Aaron Wyndermere hatte sich bereits vor zwei Stunden zur Ruhe begeben.

Endlich wollte ihn der Schlaf übermannen, als jemand wie von Sinnen an seine Haustür klopfte. Ungehalten erhob sich der hagere, weißhaarige Mann. Er sah aus wie ein Asket, hatte eingesunkene Wangen, einen stechenden Blick und kaum Fleisch an den Backenknochen.

Alle Welt fürchtete ihn, denn er wusste die, die ihm in die Hände fielen, der Ketzerei, der Hexerei oder verbotener Umtriebe mit dem Teufel zu überführen.

Man schrieb das Jahr 1769 ...

Seit dem zehnten Jahrhundert befand sich ganz Europa auf Hexenjagd. Die Phasen waren zeitlich und geographisch verschoben. Frankreich machte den Anfang, Spanien und Italien schlossen sich an, während es in Holland und England erst nach der Reformation zur Hexenverfolgung kam.

Mal ebbte das vernichtende Feuer, das so vielen unschuldigen Menschen zum Verhängnis wurde, ab, dann loderte es wieder hoch.

Und Aaron Wyndermere sorgte dafür, dass es in der Zeit, in der er lebte, nicht erlosch.

Wieder trommelten Fäuste gegen seine Tür. „Ja, ja, ich komm ja schon!", sagte der Inquisitor ungehalten. Er zog seinen bodenlangen Hausmantel an und verließ das große Schlafzimmer.

Über eine breite Treppe erreichte er die großzügige Halle mit den kalten, nüchternen Marmorsäulen, und wenig später öffnete er die schwere Haustür.

Draußen stand ein verstörter Mann, dessen Augen wie im Fieber glänzten. Ein einfacher Mann, armselig gekleidet, abgearbeitet, mit schweißbedecktem Gesicht.

„Du hast wohl den Verstand verloren!, herrschte der Inquisitor ihn an. „Wie kannst du es wagen, mich um diese Zeit aus dem Bett zu holen?

Der Bauer zuckte wie unter einem Peitschenschlag zusammen. Er duckte sich unterwürfig und leckte sich aufgeregt die Lippen. „Verzeiht, Herr, stieß er nervös hervor. „Ich hätte Euch nicht geweckt, wenn die Sache nicht so eminent wichtig wäre. Ich weiß, dass Ihr Euren Schlaf braucht. Es gibt in diesen Zeiten viel zu tun für Euch. Das Böse will die Herrschaft über die Welt antreten. Wenn Männer wie Ihr diesen dämonischen Umtrieben nicht Einhalt gebieten würden, wäre die Menschheit bald verloren.

„Was willst du?, fragte Aaron Wyndermere schroff. „Wie heißt du?

„Sheen. Hyman Sheen, Herr."

„Wenn ich deinen Grund nicht für ebenso wichtig halte wie du, kannst du was erleben. Wer sich mit dem Inquisitor einen Scherz erlaubt, bezahlt das sehr teuer! „Ich weiß, Herr. Niemals würde mir so etwas in den Sinn kommen. Ihr seid in meinen Augen ein heiliger Mann. Es ist Hilfe, die ich von Euch erflehe. Meiner Frau geht es sehr schlecht. Sie liegt zu Hause und hat schreckliche Schmerzen in der Brust. Sie war ihr Lebtag ein arbeitsames, fleißiges Weib, doch seit einem halben Jahr kränkelt sie, ist schwach – und nun dieser furchtbare Anfall, der sie vielleicht umbringt.

Aaron Wyndermere starrte den Bauern durchdringend an. „Und damit kommst du zu mir? Bin ich ein Arzt? Ich kann für deine Frau nichts tun. Meine Aufgabe ist es, Konspiranten des Bösen aufzustöbern und dem Henker zu übergeben. Die Welt zu säubern ist meine Pflicht."

„Das weiß ich, Herr, und deshalb bin ich hier", beeilte sich Hyman Sheen zu sagen. Denn wenn der Inquisitor zornig wurde, würde er ihn seinen Schergen übergeben.

„Rede endlich", verlangte Aaron Wyndermere ungeduldig.

„Meine Frau leidet an keiner gewöhnlichen Krankheit. In diesem Fall hätte ich Euch bestimmt nicht in Eurer Nachtruhe gestört."

„Du willst wohl, dass ich mir den Tod hole!, herrschte ihn der Inquisitor an. „Wenn du nicht endlich auf den Kern kommst, lasse ich dich in den Kerker werfen! Hyman Sheen schluckte aufgeregt. „Meine Frau ist ... verhext, Herr", platzte es aus ihm heraus.

Damit weckte er augenblicklich Aaron Wyndermeres Interesse. „Verhext, sagst du?"

„Ja, Herr."

„Komm rein!"

Sheen trat in das Haus des Inquisitors. Wyndermere schloss die Tür und führte ihn in einen großen Raum. Er zündete eine Lampe an und stellte sie neben sich auf den Tisch.

„Erzähle!"

„Es begann vor einem halben Jahr, berichtete der Bauer. Er wischte sich mit einer fahrigen Handbewegung über die Augen. „Kerngesund war meine Frau bis dahin, aber dann ... Eines Tages sagte sie etwas Abfälliges über dieses Mädchen, und schlagartig ging es mit ihrer Gesundheit bergab. Man konnte zusehen, wie sie verfiel. Doch mir kam damals noch nicht der Gedanke, dass das Mädchen am gesundheitlichen Verfall meiner Frau schuld war … Sie ist sehr hübsch, Herr. Wie ein Engel sieht sie aus. Niemand kam bisher auf die Idee, sie der Buhlschaft mit dem Teufel zu bezichtigen, doch heute weiß ich, dass in ihr das Böse wohnt. Wenn Ihr nichts dagegen unternehmt, Herr, wird dieses Mädchen uns allen zum Verhängnis.

Aaron Wyndermeres Augen glänzten vor Eifer. „Wenn sie eine Hexe ist, wird sie brennen!"

„Sie ist eine, Herr! Ganz sicher!", behauptete Sheen. „Heute Abend lieferte sie einen weiteren Beweis

Der Inquisitor blickte den Bauern interessiert an. „Was hat sie getan? Hast du sie mit dem Teufel erwischt?"

„Das nicht, Herr, aber als sie an unserem Haus vorbeiging, stieß meine Frau plötzlich einen Schrei aus, fasste sich mit schmerzverzerrtem Gesicht an die Brust und stürzte wie vom Blitz getroffen zu Boden."

„Du machst dafür dieses Mädchen verantwortlich? „Niemand sonst kann schuld daran sein. Ich sah, wie das Mädchen kalt lächelnd weiterging. Es freute sich über das, was es meiner Frau angetan hatte. Oh, Herr, sie ist grausam und böse! Sie ist eine Gefahr für das ganze Dorf! Gott muss sie strafen! Meine Frau wird diese Nacht nicht überleben. Ich zerrte sie hoch und legte sie aufs Bett. Sie stöhnte schrecklich. Kalkweiß ist sie, und was ich zu ihr sagte, hörte sie nicht. Dieses Mädchen hat sie auf dem Gewissen. Ich verlange Gerechtigkeit! Ich fordere, dass diese Hexe bestraft wird! Ich brauche Schutz, sonst kommt das Böse auch über mich! Reicht das, was ich gesagt habe noch nicht, um sie der Hexerei zu überführen? Nun, dann will ich noch sagen, dass sie laufend meine Hühner umbringt. Das Federvieh geht ein, wenn das Mädchen es ansieht, und es braucht nur an meinem Stall vorbeizugehen, dann geben meine Kühe keine Milch mehr.

Aaron Wyndermeres Augen funkelten leidenschaftlich. „Denke nach, Hyman Sheen. Hast du sie nachts schon mal auf einem Besen durch die Luft fliegen sehen?"

Der Bauer nickte hastig. „Ja, Herr. Auch das. Und sie nimmt an diesen widerlichen Hexensabbaten teil. Ich kann das alles beschwören."

Wyndermere winkte ab. „Das brauchst du nicht. Deine Aussage genügt mir."

Sheen sa h den Inquisitor gespannt an. „Werdet Ihr der Hexe das Handwerk legen, Herr?"

Aaron Wyndermere lächelte eisig. „Das zu tun ist meine heilige Pflicht."

2

Die beiden jungen Frauen saßen im offenen Sportwagen und waren bester Laune. Das Autoradio spielte sehr laut, um die Fahrgeräusche zu übertönen. Heiße Rhythmen sprangen auf die Frauen über, und sie zuckten mit den Schultern im Takt oder trommelten mit den Fingern – die eine auf ihr Knie, die andere aufs Lenkrad.

Beide trugen bunte Kopftücher, damit der Wind ihre Frisuren nicht zerstören konnte, scherzten und lachten, waren unbeschwert und übermütig – vor allem Alice Davenport, die auf dem Beifahrersitz saß.

Die blonde, blauäugige Frau war der reinste Sonnenschein. Immer gut aufgelegt, für jeden Spaß zu haben. Wo sie auftauchte, war bald Stimmung, Jubel, Trubel und Heiterkeit.

Alice war Künstlerin. Sie verdiente mit ihrer Hinterglasmalerei nicht schlecht, war ein freier Mensch und wusste das Leben zu genießen.

Zurzeit war sie mit einem Rechtsanwalt verlobt, aber das hatte nichts zu sagen. Es war bei ihr die Regel, dass sie sich mindestens dreimal jährlich verlobte und doppelt so oft verliebte.

Ein Mann brauchte nur „diesen gewissen Blick" zu haben – wie sie es ausdrückte –, und schon stand sie förmlich in hellen Flammen. Dass sie sich dadurch hin und wieder in Schwierigkeiten brachte, machte ihr nichts aus. Bisher hatte sich für sie alles stets irgendwie in Wohlgefallen aufgelöst. Fast immer ohne ihr Zutun. Sie war eben ein Glückskind. Ernsthafte Probleme? Es hatte eigentlich noch nie welche für sie gegeben.

„Habe ich dir schon erzählt, dass mir auf dem Piccadilly-Circus George Bonner über den Weg lief?", fragte Lilian Chamberlain, ihre Freundin.

„Nein. So wichtige Dinge enthältst du mir mit Vorliebe vor", antwortete Alice vorwurfsvoll.

„Ich dachte, George Bonner wäre nicht mehr wichtig für dich", entgegnete Lilian überrascht.

Alice Davenport lächelte verschmitzt. „Nun, vielleicht fängt mein Ex-Verlobter allmählich wieder an, wichtig für mich zu werden."

„Und was ist mit deinem derzeitigen Verlobten? Alice hob die Schultern. „Er hat wenig Zeit. Eine Frau wie mich darf man nicht vernachlässigen.

„Was heißt das? Willst du mit George Bonner wieder etwas anfangen? Das darf doch nicht wahr sein. Vor drei Wochen sagtest du noch, dass dieses Kapitel für dich endgültig abgeschlossen wäre."

„Niemand kann mich daran hindern, über Nacht klüger zu werden."

Lilian Chamberlain seufzte. „Du redest wie ein Politiker."

„Oja, ich glaube, ich würde mich für die Politik sehr gut eignen. Hast du mit George gesprochen? „Natürlich.

„Wie geht es ihm?"

„Soweit ganz gut. Er bat mich, dich von ihm zu grüßen."

„Wann hast du ihn getroffen?"

„Vergangenes Wochenende."

„Und das erzählst du mir erst heute?", entrüstete sich Alice.

„Entschuldige, ich konnte nicht wissen, dass das für dich so eine lebenswichtige Sache ist."

„Wann ... Ich meine, um welche Tageszeit hast du George gesehen?"

„Es war kurz vor Mittag."

Alice lachte. „Es geschehen noch Zeichen und Wunder."

„Wieso?"

„Als ich noch mit George verlobt war, war er vor zwölf Uhr nicht aus dem Bett zu bringen. Wenn du mal ein Buch über den Prototyp des Nachtmenschen schreiben möchtest, halte dich an George. Ansonsten aber Finger weg!"

„Betrachtest du ihn etwa immer noch als dein Eigentum?"

„Selbstverständlich gehört George Bonner immer noch mir. Weißt du’s nicht? Ich bin eine Hexe, ich habe ihn verzaubert."

Lilian Chamberlain schmunzelte. „Wie macht man das? Das musst du mir gelegentlich beibringen."

„Aber ja, mit dem größten Vergnügen. George Bonner ist mir bis ans Ende seiner Tage mit Haut und Haaren verfallen."

„Manchmal beneide ich dich um dieses Talent."

„Du hast doch auch keine Schwierigkeiten, Männer kennenzulernen. Du bist – das muss dir der Neid lassen – sogar noch hübscher als ich, und das will was heißen, da meine Schönheit ja schon beinahe nicht auszuhalten ist."

„Ich kann das Leben nicht so leichtnehmen wie du. Darin liegt der Unterschied zwischen uns beiden. Deshalb verliebe ich mich auch nicht so häufig wie du. Bei mir geht das mehr in die Tiefe."

„Denkst du, bei mir nicht? Was glaubst du, wen du neben dir sitzen hast? Eine leblose Schaufensterpuppe? Ich habe auch Gefühle. Wenn ich mich verliebe, tobt in mir ein Orkan, und die Leidenschaft brennt wie ein Ölsee."

„Orkan und Feuer halten bei dir erfahrungsgemäß aber nie sehr lange an", bemerkte Lilian Chamberlain lächelnd.

„Ist das in deinen Augen ein Fehler?"

„Nein. Du bist eben anders."

„Ist es nicht wunderschön, sich zu verlieben?"

„Doch, das ist herrlich", gab Lilian zu.

„Siehst du, und dieses Wunder begegnet mir öfter als anderen Frauen. Dafür danke ich dem Himmel ... George war doch hoffentlich allein, als er dir über den Weg lief."

Lilian lachte. „Mutterseelenallein. Er wollte mich zum Essen einladen."

„Es war deine Pflicht, als meine beste Freundin abzulehnen."

„Ich besann mich dieser Pflicht."

„Lilian, du bist großartig. Auf dich kann ich mich wirklich verlassen. Dich würde ich tagelang bedenkenlos mit meinem Lieblingsverlobten in ein einsames Haus sperren. Du würdest mich nicht enttäuschen. Lilian warf der Freundin einen kurzen Blick zu. „Für dich hingegen würde ich meine Hand nicht ins Feuer legen. Du würdest mir glatt jeden Mann ausspannen, wenn sich dazu die Gelegenheit böte.

Alice Davenport schüttelte den Kopf. „Nicht jeden. Ich bin wählerisch, wie du weißt ... Sag mal, war nicht eben von Essen die Rede? Mein Magen meldet sich allmählich. Der arme Kerl hat seit heute Mittag nichts mehr zu tun gekriegt. Jetzt ist es gleich sechs. Ich denke, es wird langsam Zeit, dass wir uns nach einer Futterstelle umsehen."

Der Sportwagen rollte über den Buckel eines kleinen Hügels, an den sich ein winziges idyllisches Dorf schmiegte. Lilian Chamberlain war Schriftstellerin. Sie hatte Alice zu einer Lokalstudie für ihr neues Buch mitgenommen, weil sie nicht gern allein reiste.

Beim Recherchieren war sie sehr gewissenhaft. Um sich nicht auf ihre Eindrücke und Erinnerungen allein verlassen zu müssen, hatte sie den Ort der Handlung mehrfach fotografiert. Die Bilder würden ihr bei der Arbeit eine gute Gedächtnisstütze sein.

Das Thema des geplanten Buches sollte vor einem historischen Hintergrund ablaufen. Schon lange wollte sie über eine große Liebe zur Zeit der Inquisition schreiben. Sie trug die Geschichte seit langem in sich, musste sie endlich zu Papier bringen. Es drängte sie förmlich dazu. Ihr kam es vor, als müsse sie mit dieser Arbeit irgendetwas bewältigen.

„Was ist denn das für ein Nest?", fragte Alice Davenport, die geborene Städterin.

„Folkwich, antwortete Lilian Chamberlain prompt. Alice sah sie verwundert an. „Woher weißt du das? Du hast nicht auf die Landkarte gesehen, und die Ortstafel kam auch noch nicht in Sicht. Warst du schon mal hier?

„Nein."

„Trotzdem weißt du, wie das Dorf heißt. Sonderbar."

Lilian hob die Schultern. „Vielleicht kann ich hellsehen."

„Das wird’s sein."

Die Ortstafel tauchte auf. Das Dorf hieß tatsächlich Folkwich.

„Wenn wir einander nicht schon so lange kennen würden, wärst du mir jetzt direkt unheimlich, sagte Alice. „Ob wir in diesem Kaff was zu essen kriegen? „Was glaubst du, wo du bist? Auch das ist England", sagte Lilian.

„Es fällt mir schwer, das zu glauben, erwiderte die Freundin und blickte sich um. „In Folkwich scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Das Leben ging weiter, aber diesen winzigen Punkt auf der Landkarte hat es vergessen.

„Umso wohler werden wir uns hier fühlen, sagte Lilian. „Ich habe nicht sehr viel für die Hektik der Neuzeit übrig. Plastikteller auf Plastiktischen. Du sitzt auf Plastikstühlen und verschlingst dein Plastikessen, während Plastikmenschen ungeduldig auf deinen Platz warten. Hektik ist Trumpf. Sie bringt uns zwar um, aber wir sind dennoch von ihr angesteckt, werden sie nicht mehr los, sind geradezu süchtig nach ihr. All das wirst du in Folkwich nicht finden. Hier herrschen noch Ruhe und Beschaulichkeit.

„Hört sich an, als würdest du einen Urlaubsprospekt für Senioren zitieren, sagte Alice nüchtern. „Bist du sicher, noch nie hier gewesen zu sein?

Lilian Chamberlain schmunzelte. „Jedenfalls nicht in diesem Leben."

Die Freundinnen hielten nach einem Gasthaus Ausschau. Auf dem Dorfplatz entdeckte Lilian eines. Alice hatte den Eindruck, als hätte Lilian schon bei der Dorfeinfahrt gewusst, wo sie das Gasthaus finden würden.

Die junge Schriftstellerin verlangsamte die Fahrt. „Gleich wird dein armer Magen applaudieren."

„Ich werde so viel essen, dass du dich meinetwegen schämen musst", sagte Alice Davenport lachend.

„Wie schaffst du es bloß, solche Mengen zu verdrücken und trotzdem schlank zu bleiben?"

„Das ist mir selbst ein Rätsel. Vielleicht leide ich an einer Drüsenüberfunktion."

„Hast du Beschwerden?"

„Nur, wenn mein Magen leer ist."

„Dann kann man nicht von leiden sprechen", sagte Lilian und brachte den Sportwagen zum Stehen.

„Verrätst du mir, wie weit es von hier noch bis London ist?"

„Etwa zweihundert Kilometer."

„Gütiger Gott. Bis wir gegessen haben, ist es sieben oder acht. Und dann noch zweihundert Kilometer. Wir hätten die Heimfahrt früher antreten sollen."

„Es ging nicht eher. Wie dir vielleicht auffiel, war das kein gewöhnlicher Ausflug. Ich habe recherchiert, also gearbeitet."

„Schon gut, ist ja schon gut. Man kann ohnehin nichts mehr daran ändern, dass es schon so spät ist."

Auf der gegenüberliegenden Seite des Dorfplatzes trat aus einem Tabaksladen ein junger, gutaussehender Mann.

„Schick, sehr schick, sagte Alice Davenport, die ihn sofort entdeckt hatte. „Folkwich fängt an, mir zu gefallen. Sieht der hübsche Junge nicht aus wie ein Filmstar? Dunkle Samtaugen, dichtes, weiches, seidiges, dunkles Haar. Ein Apoll. Zum Verlieben.

Der junge Mann blieb vor dem Laden stehen und zündete sich eine Zigarette an.

„Hup doch mal, sagte Alice. „Damit er auf uns aufmerksam wird.

„Du bist unmöglich, Alice. Denk an deinen Verlobten, den Rechtsanwalt, und an George Bonner, für den sich dein Herz allmählich wieder erwärmt."

„Was haben die beiden denn mit diesem Schönling zu tun?"

Lilian hatte den jungen Mann zunächst nur mit einem kurzen Blick gestreift. Nun sah sie ihn sich etwas genauer an, und sie stellte überrascht fest, dass ihr dieses jungenhafte, schöne Gesicht nicht fremd vorkam.

Hatte sie diesen Mann schon einmal gesehen? In London? Wo sonst? In Folkwich war sie ja heute zum erstenmal.

Er hob den Kopf.

„Apoll geruhen, zu uns herüberzusehen", raunte Alice.

Da passierte etwas Seltsames. Als der junge Mann Lilian sah, als sich ihre Blicke trafen, zuckte er heftig zusammen, und Betroffenheit erschien in seinen Augen.

„Es hat ihn erwischt!, flüsterte Alice belustigt. „Es hat bei ihm eingeschlagen, Lilian. Das ist Liebe auf den ersten Blick, sage ich dir. Deine Schönheit hat ihn seelisch umgeworfen.

Der Mann wandte sich hastig nach links und eilte davon.

„Warum reagiert er so heftig?, fragte Alice Davenport. „Er ergriff ja geradezu die Flucht. Fahre ihm nach, Lilian. Na los, mach’ schon!

„Ich denke ja nicht daran. Glaubst du, ich mache mich lächerlich?"

„Ich sage dir, dieser Mann kann dein ganz großes Glück werden. Greif mit beiden Händen zu, Lilian! Lass dir dieses Glück nicht entgehen."

„Ich dachte, du wärst hungrig."

„Bei mir kommt immer zuerst die Liebe, dann alles andere."

„Wir werden jetzt in dieses Gasthaus gehen, etwas essen und dann nach London weiterfahren", entschied Lilian Chamberlain.

„Und Apoll?"

„Den werden wir nicht wiedersehen."

„Und das tut dir nicht leid?"

„Nein. Ich bin zum Glück nicht so triebhaft veranlagt wie du. Ich kann mich beherrschen."

„Dann darfst du dich nicht wundern, wenn dir die schönsten Augenblicke des Lebens entgehen", sagte Alice und nahm ihr Kopftuch ab. Sie schüttelte ihr goldfarbenes Haar und wollte aussteigen.

„Warte!, sagte Lilian Chamberlain. „Ich stelle den Wagen auf den Parkplatz des Gasthauses.

Sie fuhr den Sportwagen hinter das Haus und nahm ebenfalls das bunte Kopftuch ab. Ihr langes Haar floss wie dunkles Kupfer auf ihre Schultern.

Die Frauen stiegen aus.

Das Gasthaus war nicht gerade das Nonplusultra. Alice beredete das auch sofort: „Mit dem Claridge oder dem Ritz in London kann es nicht konkurrieren, aber in der Not frisst der Teufel bekanntlich Fliegen."

„Du bist eben nicht in London."

„Leider."

„Sondern in Folkwich."

„Das ist mir inzwischen aufgefallen."

„Ich hätte dich zu Hause lassen sollen. Warum bist du überhaupt mitgekommen, wenn du auf dem Land alles so scheußlich findest?"

„Weil ich die Stadt im Grunde genommen auch scheußlich finde."

„Du bist verrückt."

„Das weiß ich. Das kann niemand ändern. Gibt es kein Mittelding zwischen Stadt und Land?"

„Vielleicht findest du’s, wenn du recht lange suchst", sagte Lilian Chamberlain und sah sich nach einem Tisch um.

Am Stammtisch saßen acht oder zehn Männer. Im ganzen Lokal war keine einzige Frau zu sehen.

„Wie im Mittelalter, stänkerte Alice. „Weiber haben hier keinen Zutritt. Gleich wird der Wirt kommen und uns hinauswerfen.

Das tat der Wirt jedoch nicht, sondern er begrüßte die Frauen freundlich und erkundigte sich nach ihren Wünschen.

„Wir haben großen Hunger, erklärte Alice Davenport lächelnd. „Was können Sie uns anbieten?

Der Wirt zählte vier Speisen auf. Lilian und Alice trafen ihre Wahl, und sie wurden angenehm überrascht. Erstens davon, dass das Essen sehr schnell kam, dass es herrlich aussah, ebenso duftete und lecker schmeckte. Und zweitens war es so viel, dass es nicht einmal Alice ganz hinunterbrachte.

Nach dem Essen trank Lilian Chamberlain ein Glas Mineralwasser.

„Hat es geschmeckt?", erkundigte sich der Wirt, als er die Teller holte.

„Hervorragend", lobte Lilian.

„Kochen Sie selbst?", fragte Alice.

„Natürlich", antwortete der Wirt.

„Sie sind ein Genie, sparte die überschwängliche Alice nicht mit Lob. „Wenn ich etwas Zeit erübrigen könnte, würde ich bei Ihnen Unterricht im Kochen nehmen.

„Sie sind in London zu Hause, nicht wahr?"

„Ja. Noch zweihundert Kilometer", sagte Alice seufzend.

„Wenn Ihnen das zu strapaziös ist, können Sie hier übernachten. Ich habe ein schönes Zimmer für Sie. Oder zwei Zimmer, wenn Sie lieber getrennt schlafen. Alice warf der Freundin einen fragenden Blick zu. „Klingt dieses Angebot nicht verlockend? Ich muss nicht unbedingt heute zu Hause sein.

„Ich eigentlich auch nicht, meinte Lilian. „Andererseits habe ich aber meinem Verlobten versprochen, heute Abend zurück zu sein.

„Dann fahren wir eben doch nach Hause", sagte die Freundin.

„Ich könnte ihn natürlich auch anrufen und sagen, dass wir erst morgen kommen", überlegte Alice Davenport.

„Also was nun?, fragte Lilian. „Du musst dich entscheiden.

„Nun ja, in fremden Betten schlafe ich im Allgemeinen nicht so gut."

„Das heißt, wir brechen auf."

„Die Betten sind ganz neu", sagte der Wirt.

Alice lächelte. „Wissen Sie was? Wir übernachten bei Ihnen, wenn wir wieder einmal nach Folkwich kommen."

„Wie Sie wollen."

Lilian beglich die Rechnung. Als sie gehen wollten, trat ein Mann an ihren Tisch. Schäbig gekleidet, klein, mit fettigem, zerzaustem Haar und Bartstoppeln an den Wangen. Seine Whiskyfahne musste man einfach bemerken. Er hatte glasige Augen, leckte sich fortwährend die Lippen und trat verlegen von einem Bein auf das andere.

„Entschuldigen Sie, wenn ich Sie belästige, meine Damen. Ich befinde mich in einer momentanen Geldverlegenheit. Könnten Sie mir vielleicht aushelfen?"

Alice hatte Mitleid mit ihm. Sie öffnete ihre Handtasche und drückte ihm ein paar Banknoten in die Hand.

„Oh!, stieß der Säufer überwältigt aus. „Sie sind sehr großzügig. Möge es Ihnen der Himmel vergelten.

„Das wird er bestimmt tun", versicherte ihm das blonde Mädchen.

„Bodo!, rief der Wirt schneidend. „Was fällt dir ein, diese jungen Damen zu belästigen?

„Lassen Sie nur, sagte Lilian. „Das ist schon in Ordnung. Wir fühlen uns nicht belästigt.

Über der Nasenwurzel des Wirts entstand eine tiefe Unmutsfalte. „Du verlässt auf der Stelle mein Lokal, Bodo Blake!"

Der Säufer grinste ihn an. Er hob die Geldscheine und ließ sie triumphierend knistern. „Ich bekomme etwas zu trinken!"

„Nichts kriegst du mehr! Du hast genug!"

„Ich kann bezahlen."

„An Jugendliche und Alkoholisierte wird nichts ausgeschenkt."

„Ich bin kein Jugendlicher. Schon lange nicht mehr. „Aber besoffen bist du.

„Bin ich nicht. Hast du eine Kreide? Mach einen Strich auf den Boden. Nun komm schon, zeichne einen Strich auf den Boden. Ich werde auf ihm wie auf einem Seil tanzen. Er ließ die Scheine wieder knistern. „Ich kann deinen gepanschten Whisky bezahlen. Also gib schon her. Dies ist ein öffentliches Lokal. Du hast jeden zu bedienen, ohne Ansehen der Person! Also auch mich!

Der Wirt seufzte. „Da sehen Sie, was Sie angerichtet haben, sagte er vorwurfsvoll zu Alice. „Wenn man ihm Geld gibt, hilft man ihm, sich mit noch mehr Schnaps umzubringen.

„Wir müssen alle mal sterben, philosophierte Bodo Blake. „Der eine früher, der andere später.

„Ja. Du früher."

„Wen kümmert’s? Ich werde niemandem fehlen, wenn ich nicht mehr bin."

„Doch – mir, entgegnete der Wirt. „Über wen soll ich mich dann noch ärgern?

„Es wird einen anderen Bodo Blake geben. Wenn wir sterben, verschwinden wir nicht auf Nimmerwiedersehen von dieser Welt. Unser Geist geht auf einen anderen Menschen über."

Der Wirt verdrehte die Augen. „Jetzt fängt er wieder damit an. Immer wenn er blau ist, redet er stundenlang über Seelenwanderung. Sie ist sein Lieblingsthema. Ich mache dir einen Vorschlag: Du bekommst deinen Whisky und verschonst mich mit diesem Unsinn, sonst fange ich an, darüber nachzudenken, wie oft ich nun eigentlich schon auf der Welt bin."

Lilian Chamberlain und Alice Davenport verließen das Gasthaus. „Folkwich hat plötzlich einen ganz eigentümlichen Reiz für mich, sagte Alice. ,,Apoll, Bodo Blake, der Wirt ... Das sind unverwechselbare Menschen. In der Stadt kann man einen gegen den ändern austauschen, es fällt kaum auf. Hier scheinen die Menschen mehr Kern zu besitzen.

Lilian lachte. „Fahr nur fort mit deiner Liebeserklärung an dieses Dorf und seine Bewohner. Mir gefällt, was du sagst. Du schmeichelst damit auch mir. „Wieso?

„Weil ich mich seltsamerweise als Teil dieses Dorfes fühle."

„Obwohl du noch nie hier gewesen bist."

„Richtig."

„Gibt dir das nicht zu denken?"

„Das schon, aber ich komme bei meinen Überlegungen zu keinem Ergebnis. Ich war noch nie in Folkwich, fühle mich den Menschen, die hier wohnen, aber doch auf eine geheimnisvolle Weise verbunden. Hast du schon mal vom Déjà-vu-Erlebnis gehört?"

„Natürlich. Denkst du, du hast es mit einer Halbidiotin zu tun? Es handelt sich hierbei um eine Gedächtnistäuschung. Mit diesem Begriff bezeichnet man den Eindruck, der einem weismachen will, man habe das in einer völlig neuen Situation Erlebte in gleicher Weise mit allen Begleitumständen schon einmal erlebt."

„Das hast du großartig formuliert, sagte Lilian schmunzelnd. „Du solltest dir direkt mal überlegen, ob es nicht angebracht wäre, eine Professur an der Akademie anzustreben.

„Du machst dich wohl gern über mich lustig."

„Wieso denn?"

„Du weißt genau, dass ich mich als Frau Professor nicht eignen würde. Stell dir vor, ich würde mich in einen der Studenten verlieben. Das wäre eine Katastrophe."

„Da hast du allerdings recht."

„Und dazu würde es mit Sicherheit kommen."

„Dann vergiss meinen Vorschlag lieber wieder, sagte Lilian und blieb neben ihrem Wagen abrupt stehen. „So ein Mist!, stieß sie ärgerlich hervor.

„Hallo, hallo, so spricht doch keine feine Lady", erklärte Alice amüsiert.

„Sieh dir das an."

Alice kam um den Wagen herum und sah, dass der rechte Vorderreifen platt war. „Damit hat dein Wagen für uns die Entscheidung getroffen. Für einen Reifenwechsel ist es schon zu spät, sagte sie gleichmütig. „Reg dich nicht auf. Eine solche Panne kann schon mal vorkommen, das ist kein Beinbruch. Wir hätten uns das Hin-und-her-Überlegen ersparen und das Angebot des Wirts gleich annehmen sollen. Es macht mir nichts aus, eine Nacht in Folkwich zu verbringen. Und da du meinst, schon mal hier gewesen zu sein, ohne tatsächlich schon mal in diesem Nest verweilt zu haben, müsstest du dich eigentlich über diesen erzwungenen Aufenthalt freuen.

Das Auto traf die Entscheidung, dachte Lilian. Sonderbar. Alles kommt mir so sonderbar vor. Was hat das zu bedeuten?

Sie kehrten in das Gasthaus zurück, und Lilian bildete sich ein, der Wirt wäre nicht überrascht, sie wiederzusehen. Hatte er für die Reifenpanne gesorgt?

„Kann ich noch etwas für Sie tun?", erkundigte er sich.

Bodo Blake befand sich nicht mehr im Lokal. Er musste seinen Whisky sehr schnell getrunken haben.

„Wir bleiben über Nacht", erklärte Lilian.

„Wunderbar."

„Hoffentlich sind Ihre Betten wirklich neu."

„Sie werden die ersten Gäste sein, die sie benützen", entgegnete der Mann.

„Wo kann ich telefonieren? Ich muss meinen Verlobten anrufen, damit er sich keine Sorgen macht", sagte Alice Davenport.

Der Wirt zeigte ihr die Telefonkabine, und während Alice ihren Verlobten anrief, erklärte Lilian, welcher Umstand sie veranlasste, nun doch in Folkwich zu bleiben.

„Eine Reifenpanne, sagte der Wirt. „Das ist nicht schlimm. Wir haben eine Tankstelle im Dorf - mit Reparaturwerkstatt. Wenn Sie erlauben, kümmere ich mich um Ihren Wagen, damit Sie morgen die Heimfahrt fortsetzen können.

Lilian überließ ihm die Fahrzeugschlüssel, und als Alice zurückkehrte, zeigte ihnen der Mann sein schönstes und ruhigstes Doppelzimmer. Es lag im Erdgeschoss, und wenn man aus dem Fenster blickte, sah man eine freundliche, immergrüne Koniferenwand.

Das Zimmer war groß und sauber, die Möbel rochen noch neu. „Ich hoffe, es gefällt Ihnen", sagte der Wirt.

„Hier werde ich wie eine Tote schlafen", versicherte ihm Alice lächelnd.

Er zog sich zurück. Alice setzte sich auf die Bettkante.

„Nun, was hat dein Verlobter gesagt?, fragte Lilian. „Wird er es diese eine Nacht ohne dich aushalten?

„Er ist natürlich wahnsinnig enttäuscht, aber er wird es überleben, antwortete Alice. „Auf welcher Seite schläfst du lieber? Links oder rechts.

„Das ist mir egal."

„Mir auch, sagte Alice. „Hauptsache, das Fenster ist offen. Ich brauche viel frische Luft, um gut zu schlafen. Hier in Folkwich ist die Luft noch so, wie sie sein soll. In manchen Teilen Londons täte man bereits besser daran, sich zum Kiemenatmer umbauen zu lassen. Sie ließ sich zurückfallen und schob die Hände unter den Kopf. „Soll ich dir etwas verraten, Lilian?"

„Was denn?"

„Hier führt das Schicksal Regie. Der platte Autoreifen – das ist höhere Fügung. Du solltest nicht nach London zurückkehren, weil sich hier für dich noch etwas ergeben wird."

„Warum gibst du die Hinterglasmalerei nicht auf und sagst den Leuten ihre Zukunft voraus?"

Alice lächelte. „Ich sehe ..., sagte sie düster und wichtig, „ich sehe eine wunderschöne junge Frau mit langem kupferfarbenem Haar und einen jungen Mann, der wie Apoll aussieht. Du wirst ihm wiederbegegnen, Lilian. Morgen.

„Wenn, dann nur morgen, denn übermorgen bin ich nicht mehr hier."

„Du nimmst mich nicht ernst."

„Sollte ich das?", fragte Lilian belustigt.

„Aber ja. Ich kann wirklich in die Zukunft sehen."

„Dann verrate mir doch mal, wie oft du dich noch verloben wirst", sagte Lilian lachend.

„Was mich anlangt, sehe ich nichts, bemerkte Alice. „Aber auf dich sehe ich einiges zukommen. Folkwich wird in deinem Leben noch große Bedeutung erlangen.

„Wegen dieses jungen Mannes?"

„Ja, entgegnete Alice bedeutungsvoll. „Wegen dieses jungen Mannes.

„Muss ich mich vor ihm in acht nehmen?"

„Nein. Er wird dir nicht weh tun, denn er liebt dich. „Erstaunlich, was du alles weißt, sagte Lilian Chamberlain amüsiert. „Sprich weiter. Was wird geschehen?"

„Interessiert es dich wirklich?"

„Würde ich sonst fragen?"

„Also ich sehe eine große, eine unsterbliche Liebe – und Glück, unendlich viel Glück. Du wirst diesen Mann heiraten."

„Vielleicht ist er schon verheiratet."

„Nein, das ist ausgeschlossen."

„Er sieht doch so großartig aus. Solche Männer sind begehrt."

„An Angeboten hat es ihm nicht gemangelt, aber er wartete auf dich."

„Du meinst, er wusste, dass ich eines Tages nach Folkwich kommen würde."

„Ja, das weiß er."

„Wusste er auch von der Panne, die uns zwingt, die Nacht in diesem Dorf zu verbringen?"

„Er wusste alles. Denn ihr seid füreinander bestimmt. So wurde es vor langer Zeit in der Unendlichkeit des Universums der Liebe festgelegt."

Lilian lachte. „Nun werde endlich wieder normal. Das ist ja nicht mehr auszuhalten."

Alice Davenport setzte sich auf und lachte ebenfalls. „Wie war ich? Überzeugend?"

„Sehr. Wenn ich dich nicht so gut kennen würde, wäre ich bestimmt auf diesen Humbug hereingefallen. Weißt du, dass du als Schauspielerin nicht schlecht wärst?"

„Ja, ich bin ein Naturtalent."

„Ein Talentbündel bist du. Es ist erstaunlich, was du alles in dir vereinst."

„Du hast recht. Bei aller Bescheidenheit, ich bin wirklich einmalig."

„Oja, das bist du in der Tat."

Alice Davenport stand auf und schickte sich an, ins Bad zu gehen. Da erstarrte sie plötzlich, denn am Fenster war das bleiche Oval eines Gesichts erschienen.

Lilian erschrak. Sie sah, dass die Freundin blass war und zitterte. Als sie ihrem gebannten Blick folgte, bemerkte auch sie das fahle Gesicht am Fenster. Es war Bodo Blake. Jetzt klopfte er an das Glas.

Das löste die Starre aus Alices Gliedern. Sie stieß die Luft geräuschvoll aus. „Meine Güte, hat der mich erschreckt. Ich dachte ... Ach, ich weiß nicht, was ich dachte. Er ist ja nun nicht gerade der Schönsten einer ... Und als sein Gesicht so plötzlich auftauchte ... Es ist eigentlich dumm von mir, mich vor diesem harmlosen Kerl zu fürchten. Ich hoffe, ich kann mich bessern."

Der Alkoholiker klopfte noch einmal an die Scheibe und bedeutete den Frauen, aufzumachen.

„Soll ich?", fragte Lilian Chamberlain.

„Aber ja. Er scheint uns etwas sagen zu wollen. „Wenn der Wirt ihn erwischt, kriegt er wahrscheinlich Prügel, sagte Lilian.

„Hat er nicht den Blick eines geprügelten Hundes? Bestimmt sind schlimme Schicksalsschläge daran schuld, dass er dem Alkohol verfiel."

„Frage ihn lieber nicht nach seiner Lebensgeschichte, sonst werden wir ihn nicht mehr los. Und gib ihm um Himmels willen kein Geld mehr. Er hat heute schon genug getrunken."

„Solche gestrandete Existenzen tun mir leid, was soll ich tun?", sagte Alice, während ihre Freundin das Fenster öffnete.

„Mister Blake, sagte Lilian mit gespieltem Vorwurf. „Gehört sich das denn, an das Fenster von jungen Frauen zu klopfen?

„Ich habe Ihre Freundin erschreckt, nicht wahr? „Sie haben uns beide erschreckt, Mister Blake.

„Das tut mir leid, tut mir wirklich furchtbar leid. Das wollte ich nicht. Ich kann nicht lange bleiben. Der Wirt ist nicht gerade mein Freund, Sie verstehen?"

„Was wollen Sie, Mister Blake?"

„Ach, sagen Sie doch nicht immer Mister Blake zu mir, da fühle ich mich ja fast nicht angesprochen. Ich höre auf den Namen Bodo ... Verschwinde, Bodo ... Mach, dass du fortkommst, Bodo, du alter Säufer ... Bodo, du verkommenes Subjekt ... Das sagen die Leute zu mir. Niemandem würde es in den Sinn kommen, mich Mister Blake zu nennen."

„Also was wollen Sie, Bodo?", erkundigte sich Lilian.

„Ich muss Ihnen etwas sagen."

„Heraus damit."

„Sie haben eine Reifenpanne, die Sie zwingt, in Folkwich zu übernachten."

„Ja. Wir sind froh, dass das nicht während der Fahrt passiert ist", sagte Lilian.

Bodo Blake blickte sich misstrauisch um. „Oh, es wäre überhaupt nicht passiert, Miss."

„Ich verstehe nicht."

„Sie sind nicht über einen Nagel oder einen Glassplitter gefahren, Miss."

Lilian spürte, wie sich ihre Kopfhaut spannte. „Sondern?", fragte sie mit belegter Stimme.

„Es hat jemand nachgeholfen. Ich hab’s gesehen. Es war keine Halluzination. Bestimmt nicht. Mein Geist ist zwar ein bisschen benebelt, aber was ich sehe, merke ich mir. Jemand machte sich an Ihrem Wagen zu schaffen."

„Konnten Sie erkennen, wer es war?", fragte Alice Davenport überrascht.

„Nein, es war ja schon dunkel. Ich weiß nur, dass es ein Mann war. Und er brauchte auch nicht lange für das, was er tat. Dann lief er davon, und der Reifen war platt."

„Kann es sich bei dem Unbekannten um den Wirt gehandelt haben?", fragte Lilian.

„Sie meinen, er wollte Sie auf diese Weise zwingen, bei ihm zu übernachten?"

„Ja."

Bodo Blake schüttelte den Kopf. „Nein, der Wirt – ich mag ihn zwar nicht –, der Wirt war es bestimmt nicht ... Ich dachte, das sollten Sie wissen. Sie gaben mir Geld, haben mich nicht verscheucht wie einen herrenlosen Hund. Vielleicht konnte ich mich auf diese Weise erkenntlich zeigen. Jetzt muss ich aber gehen, sonst lässt der Wirt seine Fäuste auf mir tanzen." Blitzschnell wandte sich der Trinker um und tauchte in der Finsternis unter.

Lilian sah ihre Freundin ernst an. „Hast du eine Erklärung dafür, Alice?"

„Es kann doch nicht sein, dass du einen Feind in Folkwich hast", sagte sie.

„Ich bin hier so unbekannt wie du."

„Dennoch lässt dir jemand die Luft aus dem Autoreifen. Ich wollte, ich könnte wirklich in die Zukunft sehen, um zu wissen, was da auf uns zukommt."

3

Noch in derselben Nacht schickte Aaron Wyndermere, der Inquisitor, nach dem Hexenjäger Gilbert Egan. Das war ein junger, gutaussehender Mann, der aus tiefer innerer Überzeugung Jagd auf jene machte, die sich mit dem Bösen verbündet hatten. Er war sehr religiös und davon überzeugt, sich für eine gute Sache zu verwenden.

„Man hat eine Hexe denunziert, sagte der Inquisitor rau. „Die Sache duldet keinen Aufschub, deshalb störte ich zu so später Stunde noch Eure Nachtruhe. Die Buhlin des Teufels fügte der Frau eines Mannes namens Hyman Sheen großen Schmerz zu.

„Wie ist der Name der Hexe?, wollte Egan wissen. „Sarah Pleshette. Nehmt Euch vor ihr in acht, sie ist gefährlich

„Sie ist nicht die erste Hexe, die ich euch bringe."

„Ihr seid sehr tüchtig, lobte Aaron Wyndermere. „Aber vielleicht hattet Ihr bisher auch nur Glück. Mit diesen Satansbräuten ist nicht zu spaßen, deshalb bitte ich Euch nochmals, es nicht an der nötigen Vorsicht mangeln zu lassen, denn Ihr werdet noch gebraucht. Vieles ist noch zu tun, und ich schaffe das nicht allein. „Seid unbesorgt. In wenigen Stunden könnt Ihr mit der Befragung der Hexe beginnen."

Der Inquisitor seufzte. „Ach, Egan, könnt Ihr mir sagen, wieso das Böse ausgerechnet in unserer Zeit so sehr überhandnimmt?"

„Das lässt sich wohl nie ergründen, erwiderte der Hexenjäger. „Wir können lediglich dafür sorgen, dass das Böse uns nicht überwuchert.

„Ich begreife es nicht. Wohin man schaut – Hexen, Zauberer, Menschen, die mit dem Fürsten der Finsternis paktieren. Manchmal habe ich den Eindruck, wir können diese riesige Aufgabe niemals bewältigen."

„Wir geben unser Bestes – Ihr, ich –, mehr können wir nicht tun."

„Gott sei mit Euch", sagte Aaron Wyndermere.

„Er wird mich beschützen, erwiderte Gilbert Egan überzeugt. „Der Herr weiß, wofür ich kämpfe.

„Wir versuchen ihn und seine Lehren zu vertreten, aber wir sind kleine Lichter gegen ihn, den Allmächtigen."

Der Hexenjäger verließ das Haus des Inquisitors, nachdem dieser ihm gesagt hatte, wo Sarah Pleshette wohnte. Egan stieg auf seinen jungen, feurigen Fuchs und sprengte davon, aber er war nicht so unvorsichtig, die Hexe allein aus ihrem Haus zu holen.

Er hatte die Absicht, zwei Männer mitzunehmen, Schergen, denen er die Hauptlast der Arbeit zu übertragen gedachte. Scharf ritt er durch das nächtliche Dorf Vor einem der letzten Häuser zügeite er sein Pferd. Es bäumte sich wiehernd auf. Egan sprang aus dem Sattel, band die Zügel an einen Pfosten und schlug gleich darauf mit der Faust gegen eine rissige Holztür.

Schlaftrunken öffnete ihm ein bärenstarker Mann. „Oh, Ihr seid es."

„Zieht Euch an, es gibt Arbeit!"

„Schon wieder eine Hexe?"

„Ja. Ist Euer Bruder zu Hause?"

„Er schläft den Schlaf des Gerechten."

„Weckt ihn."

„Genügt es nicht, wenn ich euch begleite?"

„Weckt ihn auf der Stelle!", verlangte Gilbert Egan hart.

„Nun gut. Wenn Ihr meint."

Der Hexenjäger trat ein. Er setzte sich auf eine roh gezimmerte Bank, während der Scherge sich entschuldigte und in den angrenzenden Raum verschwand.

„Robert!, hörte Egan den Vierschrötigen sagen. „Robert, wach auf! Gilbert Egan ist hier. Er braucht uns. „Scher dich zum Teufel, Frank."

„Komm schon! Komm, steh auf!"

Gemurmelte Proteste drangen durch die geschlossene Tür. Dann erschienen Frank und Robert Crawman. Sie waren angezogen und mit einem Messer und einer Pistole bewaffnet.

„Wir sind fertig", sagte Frank Crawman.

„Sattelt Eure Pferde!", befahl der Hexenjäger.

„Darf man fragen, was heute gefällig ist?", erkundigte sich Robert Crawman. Er war nicht viel kleiner und schmaler in den Schultern als sein Bruder. Für ihn war die Hexenjagd ein Gelderwerb. Es gab keine anderen Motive, die ihn leiteten.

„Kennt Ihr Sarah Pleshette?", fragte Egan.

„Ich glaube ja. Sie soll wunderschön sein. „Wunderschön und verdorben. Sie ist eine Teufelsbraut.

Robert Crawman riss verblüfft die Augen auf. „Was? Die auch? Wer hätte das gedacht? Habt Ihr Beweise?" Der Hexenjäger erzählte, was er von Aaron Wyndermere erfahren hatte.

„Also diesmal hat sich das Böse gut versteckt", sagte Crawman überwältigt.

„Man hat die Hexe dennoch durchschaut, sagte Gilbert Egan mitleidlos. „Der Inquisitor wird sie zwingen, zu gestehen, dass sie ein Bündnis mit dem Teufel hat. „Es wird nicht einfach sein, sie aus dem Haus zu holen", sagte Robert Crawman.

Der Hexenjäger sah ihn verächtlich an. „Habt Ihr etwa Angst vor dieser Frau?"

„Sie lebt mit ihrem Vater zusammen in diesem Haus am Friedhof, sagte Crawman. „Der alte Mann hängt sehr an ihr.

„Wenn er erfährt, dass seine Tochter eine Hexe ist, wird er sie verstoßen."

„Vielleicht glaubt er uns nicht. Er ist ein alter Dickschädel. Wenn ihm etwas nicht passt, kann es passieren, dass er zum Gewehr greift und uns von seinem Grund und Boden verjagt."

„Das sollte er sich gut überlegen. Opposition kann als Zeichen dafür angesehen werden, dass der Betreffende ebenfalls mit dem Satan paktiert. Im Übrigen erhält die Hexe Gelegenheit, ihre Unschuld zu beweisen. Wir sind schließlich keine Barbaren. Können wir gehen?"

Kurze Zeit später waren sie zu jenem Haus neben dem Friedhof unterwegs.

Erstaunlich, dachte Gilbert Egan. Seit zwei Monaten lebe ich nun schon in diesem Dorf, aber Sarah Pleshette bekomme ich heute Nacht zum erstenmal zu Gesicht.

Sie kann noch so schön sein, ich werde sie hassen, denn sie ist vom Bösen beseelt!, sagte sich der Hexenjäger. Ihre Schönheit kann mich nicht blenden. Ich sehe hinter die Fassade, und ich werde dafür sorgen, dass sie für ihre verbotenen Umtriebe und ihre grausamen Taten bestraft wird. Gott wird mir helfen!

Obwohl Mitternacht vorbei war, brannte im Haus der Pleshettes noch Licht

„Vielleicht hat die Hexe Besuch vom Höllenfürsten", mutmaßte Robert Crawman.

„Sie würde ihn im Dunkeln empfangen, sagte Gilbert Egan. „Das Böse scheut das Licht.

„Dann kann der Alte wieder einmal nicht schlafen", meinte Frank Crawman.

Der Hufschlag blieb nicht ungehört. An einem der erhellten Fenster des bizarr anmutenden Hauses erschien die schwarze Silhouette eines Mannes.

„Gordon Pleshette", stellte Robert Crawman lakonisch fest.

Unheimlich sah das Haus neben dem Friedhof aus. Es war viel zu groß für zwei Personen, und bald würde nur noch der alte Pleshette darin wohnen, denn dass Sarah ihre Unschuld beweisen konnte, war unwahrscheinlich. Solange Gilbert Egan das Amt des Hexenjägers ausübte, hatte es das noch nie gegeben.

Alle Hexen waren geständig gewesen und dem Henker übergeben worden. Mit Sarah Pleshette würde es nicht anders sein. Egan zügelte sein Pferd vor dem großen, gespenstischen Haus und stieg ab.

Eine Treppe führte zur Haustür hinauf. Unter der düsteren Veranda lastete ein schwarzer Schatten, in dem gefährliche dämonische Kräfte zu lauern schienen.

Gordon Pleshette verschwand oben vom Fenster. Robert und Frank Crawman stiegen ebenfalls ab.

„Los!", sagte Egan entschlossen und begab sich zur Treppe. Die Schergen flankierten ihn. Ihre Mienen waren hart und verschlossen. Mitleid hatte das Mädchen von ihnen nicht zu erwarten.

Die Männer taten das, wofür man sie bezahlte. Außerdem wussten sie, dass es ihnen schlecht ergangen wäre, wenn sie einen Befehl des Hexenjägers nicht ausgeführt hätten.

Man hätte ihnen das als Begünstigung einer straffälligen Person auslegen können, und es gab Dutzende von Foltermethoden, die auf solche Befehlsverweigerer warteten.

Gilbert Egan schlug den Eisenring, der an der Tür befestigt war, gegen das Holz. Schritte näherten sich schlurfend der Tür. „Wer ist da?", fragte ein Mann drinnen unwirsch.

„Im Namen der Kirche! Macht auf!", rief der Hexenjäger.

„Zuerst sagt ihr mir, wer Ihr seid!"

„Ich bin Gilbert Egan, von Aaron Wyndermere, dem Inquisitor, als Hexenjäger in Amt und Brot gesetzt. Kraft dieses Amtes fordere ich Euch auf, zu öffnen und keinen Widerstand zu leisten!"

„Was ist Euer Begehr?", fragte Gordon Pleshette.

„In diesem Hause wohnt ein Mädchen, das der Hexerei beschuldigt wird!", sagte Egan schneidend.

„Ihr seid nicht bei Trost!, schrie der alte Pleshette bestürzt. „Meine Tochter? Meine Sarah soll eine Hexe sein? Wer behauptet das?

„Das ist unwichtig."

„Hat Sarah denn kein Recht, sich zu verteidigen?"

„Sie wird dazu vor dem Inquisitionstribunal Gelegenheit haben."

„Wenn sie erst einmal vor diesem Tribunal steht, ist sie so gut wie verurteilt! Ich lasse nicht zu, dass Ihr sie aus meinem Haus holt! Sarah ist ein anständiges, gottesfürchtiges Mädchen."

„Sie täuscht Euch!", behauptete Egan.

„Ihr wisst nicht, was Ihr sagt! Mein Kind ist keiner Falschheit fähig!"

„Sie hat den alten Mann verhext!", behauptete Robert Crawman.

„Was ist nun?, rief der Hexenjäger ungeduldig. „Öffnet Ihr freiwillig, oder sollen meine Männer die Tür aufbrechen!

„Wer das wagt, dem jage ich eine Kugel in den verdammten Schädel!, schrie Gordon Pleshette zornig. „Geht weg! Verschwindet! Lasst uns in Ruhe! Meine Tochter ist keine Hexe!

„Merkt Ihr denn nicht, dass sie bereits Euren Geist verwirrt hat?, fragte Gilbert Egan ärgerlich. „Ihr seid in Gefahr! Wir kommen, um Euch zu retten! Eure Tochter kann sich jeden Augenblick auch gegen Euch wenden. „Euer Geist ist krank, Egan! Ihr kennt Sarah nicht, sonst würdet Ihr nicht so dummes Zeug daherreden!" „Zum letztenmal, Pleshette! Macht auf'/'

„Zum letztenmal, Egan! Nein!"

„Gut, dann habt Ihr Euch alles Weitere selbst zuzuschreiben. Ich werde dafür sorgen, dass Euch Euer Starrsinn den Kopf kostet!"

Egan befahl den Schergen, die Tür aufzubrechen. Robert und Frank Crawman gingen sogleich ans Werk. Da krachte drinnen ein Schuss. Die Kugel bohrte sich durch das Holz und verletzte Robert Crawman an der linken Schulter.

„Der Mann ist wahnsinnig!", brüllte dieser.

„Ich töte euch!, schrie Gordon Pleshette im Haus. „Meine Tochter kriegt ihr nur über meine Leiche! Im Namen der Kirche handelt ihr? Mörder seid ihr. Ganz gewöhnliche, dreckige Mörder, die im Schutze des Kreuzes ihr blutiges Handwerk betreiben! Doch Sarah bekommt ihr nicht! Sie ist unschuldig! Niemand weiß das besser als ich, ihr Vater!

Wieder donnerte ein Schuss, und das Geschoss strich haarscharf an Gilbert Egans Wange vorbei. Der Hexenjäger sprang wütend zurück. „Jetzt ist es aber genug!", schrie er.

Frank Crawman sah sich die verletzte Schulter seines Bruders an.

„Ist nicht schlimm, sagte dieser. „Kaum der Rede wert. Nur ein Streifschuss.

„Durch die Tür gelangen wir nicht ins Haus", sagte Frank Crawman zu Egan.

„Macht, was ihr wollt, aber bringt diesen Mann zur Vernunft und holt die Hexe heraus!", entgegnete der Hexenjäger.

„Wir steigen durch eines der Fenster ein", entschied Frank Crawman und wandte sich von der Tür ab.

Gordon Pleshette schoss abermals, doch diesmal gefährdete er niemanden mehr mit seiner Kugel. Die Crawman-Brüder eilten zu einem geschlossenen Fenster.

Als sie das Glas einschlugen, stimmte Pleshette im Haus ein Wutgeheul an. „Ihr Verbrecher!, schrie er. „Wer gibt euch das Recht, friedliche Menschen zu überfallen?

Die Schergen kümmerten sich nicht um das Geschrei des Alten. Klirrend flog das Glas ins Haus. Frank und Robert Crawman schlugen noch einige dolchartige Glassplitter aus dem Rahmen und stiegen dann nacheinander in den finsteren Raum.

Da flog die Tür auf und Gordon Pleshette erschien - mit dem Gewehr im Anschlag. Die Schergen suchten Deckung. Pleshette feuerte, und die Crawman-Brüder schossen zurück.

Wie durch ein Wunder entging der alte Mann ihren Kugeln, obwohl er ungedeckt und gut sichtbar in der Tür stand. Als Robert Crawman dann aber noch einmal feuerte, zuckte Pleshette heftig zusammen.

„Ihr Verbrecher!, stöhnte er. „Strolche ... Strauchdiebe ... Wegelagerer ... Straßenräuber ... Mörder ... Wie oft wollt ihr eure Hände noch mit dem Blut unschuldiger Menschen besudeln?

Das Gewehr entfiel seinen kraftlosen Händen. Er lehnte sich an den Türrahmen und kämpfte gegen das Unvermeidbare an.

„Meine Tochter ... Diesen Engel ... Ich verfluche euch ... Euer Gewissen soll euch bis an euer Lebensende keine Ruhe lassen … Ihr bringt einen reinen, gottesfürchtigen Menschen um ... Sarah ist keine Hexe!"

Er rutschte nach vorn, konnte sich nicht länger auf den Beinen halten, stürzte. Jetzt erst wagten sich die Crawman-Brüder aus der Deckung hervor.

Mit schussbereiten Waffen näherten sie sich dem schwerverletzten Mann.

„Ihr habt es nicht anders gewollt", sagte Robert Crawman grimmig.

Blass blickte Gordon Pleshette die Schergen an. „Ich ... kann mein Kind nicht mehr ... beschützen, kann ihr ... Leben nicht mehr verteidigen, deshalb ... muss ich euch bitten ... Ich flehe euch an, lasst Sarah in Ruhe. Sie ist keine Teufelsbraut. Fügt ihr kein Leid zu. Sie ist so schön, so wunderschön … Wenn ihr sie anseht, müsst ... ihr doch erkennen, dass sie mit dem Bösen nichts zu schaffen hat ... Ich habe noch nie um etwas gebettelt, war immer zu stolz dazu, doch nun habe ich ... keine andere Wahl. Ich kann es mir nicht mehr leisten, stolz zu sein ... Verschont meine Tochter. Sie hat in ihrem ganzen Leben ... noch nie etwas ... Böses getan …"

Robert Crawman kümmerte sich nicht darum, was der Alte sagte. Als er an Gordon Pleshette vorbeiging, versuchte dieser noch einmal an sein Gewehr zu kommen. Es war eine hilflose Geste, nicht mehr.

Robert Crawman begab sich zur Haustür und öffnete sie, um den Hexenjäger einzulassen. Gilbert Egan ging zu dem alten Mann. „Das habt Ihr nun davon!"

„Ich verfluche Euch, Gilbert Egan! Eure Seele soll nicht Einlass finden in Gottes unendliches Reich, wenn Ihr mit dazu beitragt, dass Sarah auf den Scheiterhaufen gestellt wird!"

„Wo ist sie?, wollte der Hexenjäger wissen. „Hoffentlich schon geflohen.

„Wohin sie auch flieht, ich finde sie. "

„Ihr seid ein Teufel!"

„Durchsucht das Haus!", befahl Egan den Schergen. Sie hasteten davon, sahen sich in den Räumen des Erdgeschosses um, liefen in den Keller, kehrten ohne die Frau zurück.

„Wahrscheinlich ist sie oben, erklärte Egan kalt Die Crawman-Brüder eilten die Treppe zum Obergeschoss hinauf. Gordon Pleshette faltete zitternd die Hände. „Herr, mein Gott, gib meinem Kind Kraft, damit es durchsteht, was geschehen wird.

„Ihr betet für eine Hexe?, fragte der Hexenjäger verächtlich. „Denkt Ihr, Gott wird Euer Gebet erhören? Was wäre das für ein Gott, der einer Satansbraut beisteht?

„Ihr bringt eine Unschuldige um."

„Die Beweislast ist erdrückend."

„Was ist das für eine schreckliche Zeit? Eine Zeit des Wahnsinns, der totalen Verblendung ist das. Hexenjägerziehen durch das Land und fallen mit ihrem grausamen Gefolge über harmlose Menschen her. Die geringste Anspielung, das unbedeutendste ... Gerücht ... genügen, um Männer und Frauen im Handumdrehen ... an den ... Galgen oder ... auf den Scheiterhaufen ... zu bringen. Die örtlichen Behörden zahlen ein Honorar ... für jede überführte... Hexe, nicht wahr? Deshalb gehen Männer wie Ihr, Gilbert Egan ..., ihrem blutigen Handwerk ... mit größtem Eifer ... nach. „Ihr irrt, wenn Ihr denkt, ich verrichte meine Arbeit nur des Geldes wegen!, widersprach der Hexenjäger dem alten Mann, der langsam starb. „Es ist ein Kampf gegen das Böse, den ich vor allem aus innerer Überzeugung austrage."

„Ihr könnt vor Eurem Gewissen verantworten, was … Ihr tut?"

„Jawohl, das kann ich."

„Dann seid Ihr blind. Und in Eurer Blindheit tragt Ihr mit dazu bei, dass Menschen sterben, die in ihrem Leben noch nie etwas Böses ... getan ... haben."

„Sie legten alle ein Geständnis ab."

„Großer Gott, ein ... unter Schmerzen abgepresstes Geständnis!, sagte der Sterbende seufzend. „Würdet Ihr ... auf der Folter nicht auch ... alles gestehen, Egan?

Gordon Pleshettes Gesicht wurde wächsern. Die Schergen brachen im Obergeschoss eine Tür auf, und im nächsten Augenblick gellte der angstvolle Schrei eines Mädchens durch das Haus.

„Sarah …, flüsterte der alte Mann. „Der Herr sei mit dir und stehe dir bei, mein armes Kind.

Mit diesen Worten starb er. Die Crawman-Brüder schleppten die Hexe herbei. Als sie mit ihr auf der Treppe erschienen und Gilbert Egan sah, wie schön sie war, stand er wie vom Donner gerührt da. So etwas war ihm noch nie passiert. Er konnte diese starke Gefühlsregung nicht begreifen.

Sie ist das schönste Wesen auf Gottes weiter Welt, durchfuhr es ihn. Darf man so viel Schönheit zerstören? Ist das nicht eine Sünde?

Sarah war um vieles schöner, als er erwartet hatte. Deshalb kamen ihm zum erstenmal Zweifel, ob es tatsächlich richtig war, was er tat.

4

Lilian Chamberlain schlief. Sie träumte von Clark Lucall, einem brüderlichen Freund. Er war auch Schriftsteller und hatte ihr bei ihren ersten schriftstellerischen Gehversuchen geholfen.

„Du kannst schreiben, du hast Talent dazu, machte er ihr Mut. „Du verstehst dich klar und unmissverständlich auszudrücken, und wenn du über eine Person schreibst, dann hat sie einen Körper, besteht aus Fleisch und Blut, ist nicht bloß ein Name auf dem Papier. So ein Talent darf man nicht brachliegen lassen, das wäre ein Verbrechen ... Was immer du zu Papier bringst, komm damit zu mir und zeige es mir. Wir werden dann ausführlich darüber reden, ich werde dir erklären, was du noch besser machen könntest, lass einfach alles in deine Schreibmaschine fließen, was in dir steckt. Ich wette, da können wir beide einen sehr wertvollen Schatz heben.

So kam es, dass Lilian mit großem Eifer viele Stunden an der Schreibmaschine saß, sich ihre Probleme von der Seele schrieb, Meinungen und Ideen zu Papier brachte, und nächtelang mit Clark darüber diskutierte.

Aus dem Papierwust, der sich im Laufe der Zeit ansammelte, fischte Clark Lucall zahlreiche Gedankensplitter, die er sie zu einer Einheit zusammenfassen ließ.

Als sie mit dieser neuen Arbeit zu ihm kam, lächelte er und sagte: „Siehst du, und nun hast du das Exposé für deinen ersten Roman in Händen."

Sie lachte. „Einen Roman – ich bitte dich. Ich weiß nicht, wie man so etwas schreibt."

„Das brauchst du nicht zu wissen, Lilian. Es ist in dir, und es wird herauskommen, wenn du an deine Schreibmaschine zurückkehrst."

„Ich weiß ja nicht einmal, wie ich beginnen soll."

„Du wirst es wissen, sobald du das weiße Blatt Papier vor dir siehst. Du wirst den unbändigen Drang verspüren, es mit Buchstaben, Silben, Worten, Sätzen – Ideen zu füllen. Und ehe du richtig zur Besinnung kommst, wird eine packende, interessante, menschliche Geschichte auf deinem Schreibtisch liegen. Tue mir den Gefallen, schreibe nieder, was du denkst, was du fühlst, wie du empfindest. Schlüpfe in die Haut deiner von dir geschaffenen Figuren und verleihe ihnen ein Leben, an dem deine Leser regen Anteil nehmen werden."

Sie lachte wieder. „Meine Leser, meine Güte, Clark. Ich habe ja gar keinen Verleger. Ich habe keinen Namen. Wer wird mein Buch herausbringen wollen? Es gibt so viele, die schreiben."

„Das stimmt, aber die meisten können es nicht so gut wie du."

„Du machst mir mit so viel Vorschusslorbeeren nur Mut. Ich würde gern die Wahrheit hören."

„Alles, was ich gesagt habe, ist die Wahrheit, Lilian. Wenn du mir erlaubst, dir auch weiterhin zu helfen, wirst du dein erstes Buch nicht für den Papierkorb schreiben. Ich werde dich mit einem Verleger zusammenbringen, der sehr risikofreudig und für ein Experiment jederzeit zu haben ist. Wenn ich deinen Roman gut finde, wird er auch seinen Geschmack treffen, und da er eine hervorragende Nase dafür hat, was sich verkaufen lässt, sehe ich keinen Grund, warum dein Erstlingswerk kein Erfolg werden sollte."

Solcherart ermutigt, kehrte Lilian an ihre Schreibmaschine zurück und arbeitete den Entwurf aus. Und es ging wirklich so, wie Clark Lucall sagte. Wenn sie nicht an ihrer Schreibmaschine saß, wusste sie nicht, wie sie ihre Gedanken allgemeinverständlich formulieren sollte, doch sobald sie die Tastatur vor sich hatte, rasten ihre Finger darüber, und auf dem Papier stand alles so, wie man es nicht besser hätte ausdrücken können.

Das musste wohl das sein, was man Talent nennt.

Sie lebte, liebte, litt und freute sich mit den Menschen, die ihre Phantasie geschaffen hatte. Sie brachte echte, ehrliche Gefühle zu Papier. Da war nichts gekünstelt, nichts übertrieben, und doch war es so geschrieben, dass es den Leser bewegte.

Zwei Monate arbeitete Lilian wie eine Besessene. Das Schreiben wurde für sie zu einer Sucht. Sie nahm sich kaum Zeit, zu essen, schlief wenig, magerte ab, war aber unsagbar glücklich und zufrieden. Bis spät in die Nacht schrieb sie oft. Manche Szenen arbeitete sie zwei, dreimal um, bis sie so waren, wie sie sie haben wollte, und dann kam der große Moment der Wahrheit.

Sie setzte das Wort ENDE unter die letzte Zeile ihres Erstlingswerks, lehnte sich erschöpft zurück und zündete sich eine Zigarette an.

Schreiben ist Knochenarbeit, dachte sie. Es stammte nicht von ihr. Irgendein Bestsellerautor hatte das einmal im Fernsehen behauptet, und sie konnte ihm jetzt nur beipflichten.

Aber es befriedigt das Herz und die Seele, sagte sie sich. Es macht frei von inneren Zwängen, gibt einem die wahre Erfüllung und macht unbeschreiblich glücklich.

Danke, Clark, dass du mich dazu gedrängt hast, dachte sie. Ich kann dir nicht sagen, was du mir damit für einen großen Gefallen erwiesen hast.

Nachdem sie die Zigarette fertiggeraucht hatte, griff sie zum Telefon und rief den Freund an. Als sie ihm erklärte, dass der Roman fertiggeschrieben wäre, stieß er einen Jubelschrei aus.

„Du hast ihn doch noch nicht gelesen!, sagte sie lachend. „Wart erst mal ab. Vielleicht ist er total danebengegangen.

„Bestimmt nicht. Mädchen, du musst an dich und an dein Talent glauben."

„Das kann ich nicht, werde ich wohl nie können. Mit Sicherheit werde ich auch dann noch an mir zweifeln, wenn ich bereits Erfolg hatte. Im Grunde genommen bin ich ein sehr unsicherer Mensch."

„Ein sehr sensibler Mensch bist du, und das ist sehr wichtig für deine schriftstellerische Tätigkeit. Man kann dem Leser nur Gefühle vermitteln, wenn man selbst zu solchen Gefühlen fähig ist. Liebe, Hass, Leidenschaft ... Wer es nicht in sich trägt, wird über die Mittelmäßigkeit nicht hinauskommen."

„Ich wollte, ich hätte deine Selbstsicherheit."

Er lachte. „Das ist bloß die Oberfläche. Kratz mal daran, dann sehe ich genauso aus wie du. Darf ich dich heute Abend ganz groß ausführen? Wir müssen das Ende deiner ersten Marathonarbeit schließlich gebührend feiern."

„Willst du nicht erst mal einen kritischen Blick in meinen Roman werfen?"

„Bring ihn mit."

„Vielleicht ist es eine Totgeburt."

„Wenn jemand mit so viel Talent gesegnet ist wie du, ist das ausgeschlossen", behauptete Clark Lucall.

Sie trafen sich im Berkeley, einem Luxusrestaurant in der Berkeley Street, dessen ausgezeichnete französische Küche stadtbekannt war. Der richtige Rahmen für eine große intime Feier, wie Clark meinte.

Sie brachte das Manuskript mit, er legte seine Hand darauf, ohne es aufzuklappen, und sagte, als würde er schwören: „Es ist schon so gut wie verkauft ... Du hast abgenommen."

„Die paar Pfunde futtere ich schon wieder drauf. „Wie fühlst du dich?

„Großartig."

„Auch irgendwie erleichtert?"

„Ja, das auch."

„Mir ergeht es genauso. Wenn ich mit einem Buch fertig bin, empfinde ich immer eine unbeschreibliche Erleichterung. Sie verliert sich nach einigen Tagen, und wenn ich ein neues Thema in Angriff nehme, lastet plötzlich ein Druck auf meiner Brust, der nur auf eine Weise wegzubringen ist – indem ich schreibe. Du wirst das bei dir auch bald feststellen. Im Grunde genommen sind wir besessen und verrückt. Aber wir sind harmlose Irre, die mit ihren Spinnereien Freude in das Leben vieler Leser bringen. Der Beruf eines Schriftstellers ist sehr einsam. Man schließt sich ein in sein Arbeitszimmer, das zum Kreißsaal wird, und gebiert seine geistigen Kinder – manchmal unter großen Opfern und Schmerzen. Doch wenn man dieses Kind dann schreien hört, ist man glücklich, denn man weiß, dass sich all die Mühe wieder einmal gelohnt hat."

Sie aßen hervorragend, und Clark nahm ihren Roman mit nach Hause. An diesem einen Abend hätte er auch sie mit zu sich nehmen können, denn sie fühlte sich ihm zu Dank verpflichtet, und sie hätte ihm das gegeben, was er seit langem gern gehabt hätte.

Aber er erkannte die Gelegenheit nicht, nahm sie nicht wahr, und so blieben sie „Bruder und „Schwester.

Drei Tage später rief er an. „Ich hab’s gewusst!, rief er begeistert aus. „Ich wusste es von Anfang an.

„Hat dir die Geschichte gefallen?", fragte Lilian dennoch zaghaft.

„Sie ist besser als alles, was ich jemals geschrieben habe."

„Du übertreibst."

„Da gibt es kein Komma zu ändern, Mädchen. Dieser Roman geht einem tief unter die Haut."

Lilian strahlte. „Ist das wirklich wahr, Clark?"

„Du hast mit deinem Erstlingswerk etwas Großes geschaffen, Lilian Chamberlain! Ich habe bereits mit meinem Verleger gesprochen. Howard Cannon will dich unbedingt kennenlernen. Ich habe ihm so viel von dir erzählt, dass er ganz versessen darauf ist, deine Bekanntschaft zu machen. Er ist ein prima Kerl, du wirst ihn mögen."

„Er kennt meinen Roman doch noch gar nicht."

„Er sagt, er verlässt sich ganz auf mein Urteil. Natürlich wird er deine Story noch lesen. Bis zum Wochenende wird er den Roman verschlungen haben. Samstagabend erwartet er uns in seinem Haus. Kauf dir ein schickes Kleid. Dein erster Auftritt muss ihn umhauen. Das schaffst du spielend."

„Meine Güte, warum musstest du mich anrufen?, sagte die Frau mit gespieltem Vorwurf. „Jetzt kann ich bis Samstag bestimmt kein Auge zutun.

Howard Cannon war ein gutaussehender Mann Ende Dreißig, und er war von Lilians Erstlingswerk genauso begeistert wie Clark Lucall.

Es

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