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Mords-Mafia: Ein 1000 Seiten Krimi Koffer: Cassiopeiapress Sammelband

Mords-Mafia: Ein 1000 Seiten Krimi Koffer: Cassiopeiapress Sammelband

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Mords-Mafia: Ein 1000 Seiten Krimi Koffer: Cassiopeiapress Sammelband

Länge:
1.351 Seiten
16 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
5. Juli 2019
ISBN:
9783739665405
Format:
Buch

Beschreibung

Krimis von Alfred Bekker, Uwe Erichsen & A. F. Morland

Der Umfang dieses Buchs entspricht 1156 Taschenbuchseiten.

Spannende Krimis um clevere Ermittler und skrupellose Gangster. Ideal als Urlaubslektüre.

Dieses Buch enthält folgende Krimis:
Uwe Erichsen: Ein wahrhaft teuflischer Plan
Alfred Bekker: Ein Sarg für den Prediger
Uwe Erichsen: In der Haut des Satans
Alfred Bekker: Bluternte 1929
Uwe Erichsen: Der Wolf von Cleveland
A. F. Morland: Heiße Fracht nach Washington
A. F. Morland: Ein Toter kam nach Baltimore
Alfred Bekker: Undercover Mission
A. F. Morland: Ein Kandidat für die Todesstrafe
Alfred Bekker: Ein Scharfschütze

Die Mafia will einen großen illegalen Waffentransport an Guerillas in Honduras liefern, um diese bei einem Staatsstreich zu unterstützen - im Gegenzug sollen dort Anbau und Verarbeitung von Rauschgift ungehindert erfolgen, nachdem die neue Regierung die Kontrolle übernommen hat. Um das zu verhindern, reist Roberto Tardelli, einer der besten Mafia-Jäger, im Auftrag des COUNTER CRIME nach Frankreich. Von dort soll ein Schiff die Waffen von Europa nach Südamerika befördern. Tardelli ist den Mafiosi bereits auf den Fersen, doch dann wird eine Kollegin der Drogenfahndung entführt, um ihn in eine Falle zu locken …
Herausgeber:
Freigegeben:
5. Juli 2019
ISBN:
9783739665405
Format:
Buch

Über den Autor

Alfred Bekker wurde am 27.9.1964 in Borghorst (heute Steinfurt) geboren und wuchs in den münsterländischen Gemeinden Ladbergen und Lengerich auf. 1984 machte er Abitur, leistete danach Zivildienst auf der Pflegestation eines Altenheims und studierte an der Universität Osnabrück für das Lehramt an Grund- und Hauptschulen. Insgesamt 13 Jahre war er danach im Schuldienst tätig, bevor er sich ausschließlich der Schriftstellerei widmete. Schon als Student veröffentlichte Bekker zahlreiche Romane und Kurzgeschichten. Er war Mitautor zugkräftiger Romanserien wie Kommissar X, Jerry Cotton, Rhen Dhark, Bad Earth und Sternenfaust und schrieb eine Reihe von Kriminalromanen. Angeregt durch seine Tätigkeit als Lehrer wandte er sich schließlich auch dem Kinder- und Jugendbuch zu, wo er Buchserien wie 'Tatort Mittelalter', 'Da Vincis Fälle', 'Elbenkinder' und 'Die wilden Orks' entwickelte. Seine Fantasy-Romane um 'Das Reich der Elben', die 'DrachenErde-Saga' und die 'Gorian'-Trilogie machten ihn einem großen Publikum bekannt. Darüber hinaus schreibt er weiterhin Krimis und gemeinsam mit seiner Frau unter dem Pseudonym Conny Walden historische Romane. Einige Gruselromane für Teenager verfasste er unter dem Namen John Devlin. Für Krimis verwendete er auch das Pseudonym Neal Chadwick. Seine Romane erschienen u.a. bei Blanvalet, BVK, Goldmann, Lyx, Schneiderbuch, Arena, dtv, Ueberreuter und Bastei Lübbe und wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt.


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Der Umfang dieses Buchs entspricht 1156 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Uwe Erichsen: Ein wahrhaft teuflischer Plan

Alfred Bekker: Ein Sarg für den Prediger

Uwe Erichsen: In der Haut des Satans

Alfred Bekker: Bluternte 1929

Uwe Erichsen: Der Wolf von Cleveland

A. F. Morland: Heiße Fracht nach Washington

A. F. Morland: Ein Toter kam nach Baltimore

Alfred Bekker: Undercover Mission

A. F. Morland: Ein Kandidat für die Todesstrafe

Alfred Bekker: Ein Scharfschütze

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Authors

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

EIN WAHRHAFT TEUFLISCHER PLAN

von Uwe Erichsen

Die Mafia will einen großen illegalen Waffentransport an Guerillas in Honduras liefern, um diese bei einem Staatsstreich zu unterstützen - im Gegenzug sollen dort Anbau und Verarbeitung von Rauschgift ungehindert erfolgen, nachdem die neue Regierung die Kontrolle übernommen hat. Um das zu verhindern, reist Roberto Tardelli, einer der besten Mafia-Jäger, im Auftrag des COUNTER CRIME nach Frankreich. Von dort soll ein Schiff die Waffen von Europa nach Südamerika befördern. Tardelli ist den Mafiosi bereits auf den Fersen, doch dann wird eine Kollegin der Drogenfahndung entführt, um ihn in eine Falle zu locken …

Die Hauptpersonen des Romans:

Lou Crenshaw — Er ist einer verdammt dicken Sache auf der Spur und muss deshalb sterben.

Aldo Varella — Ein neuer Partner der Dons, der über beste Verbindungen zu süd- und mittelamerikanischen Regierungen verfügt.

Henri Fossier — Der ehemalige Widerstandskämpfer fühlt sich in alte Zeiten zurückversetzt und leistet Roberto unschätzbare Dienste.

Miriam Ducoroy — Die attraktive Mitarbeiterin der Drogenfahndung ahnt nicht, was auf sie zukommt, als sie in den Fall einsteigt.

Roberto Tardelli — Er kann nicht wissen, dass er in eine von der Mafia gestellte Falle tappen soll, aus der es so leicht kein Entkommen gibt.

Prolog

Roberto Tardelli streckte die Hand aus. Seine Finger stießen gegen das beharrlich schnarrende Telefon, und einen Augenblick spielte er mit dem Gedanken, das Ding einfach vom Nachttisch zu stoßen. Mühsam öffnete er die Augen. Das erleuchtete Zifferblatt der elektrischen Uhr lag in seinem Blickfeld. Es war drei Uhr und ein paar Zerquetschte. In der Nacht natürlich. Roberto fluchte. Er nahm den Hörer ab und presste ihn an sein Ohr.

Colonel Myer, der Chef von COUNTER CRIME, schien nie zu schlafen. Besonders nachts nicht. Nachts war er stets bereit, die Mitglieder seiner Truppe aufzuscheuchen. Der Colonel schien eine sadistische Ader zu entwickeln, dachte Roberto Tardelli.

„Sind Sie allein, Roberto?"

„Ja. Ich bin nämlich müde. Ich bin gestern erst aus Frisco zurückgekommen ..."

„Ich weiß, Roberto. Es tut mir leid. Aber Sie müssen nach Europa. Sofort. Die Mafia geht aufs Ganze." Roberto stöhnte.

„Lou Crenshaw hat sich gemeldet. Er ist einer verdammt dicken Sache auf der Spur, und er ist nicht sicher, ob er es allein schafft ..."

Roberto setzte sich alarmiert auf. Er kannte Lou Crenshaw von zwei Einsätzen her. Lou war ein nüchtern denkender und besonnen handelnder Mann. Es musste schon eine verdammt heiße Sache sein, der er auf der Spur war, wenn er den Colonel um Verstärkung anging.

„Er musste sich zwangsläufig exponieren, um seine Dienststelle zu informieren, fuhr der Colonel fort. „Roberto, die Mafia ist dabei, zwölftausend Tonnen Waffen an sich zu bringen. Die CIA und das OSS haben offenbar Mist gebaut. Die Waffen sollten an die Regierung von Honduras geliefert werden ...

„Ich dachte, nach dem Militärputsch hätte der Kongress ein Waffenembargo verhängt!"

„Das ist es ja gerade, Roberto ... Der Colonel wand sich. „Die ganze Angelegenheit ist streng geheim. Die Regierung von Honduras hat sich verpflichtet, den illegalen Anbau von Marihuana und Schlafmohn zu unterbinden. Aber jetzt hat sich ein Kommando der Mafia eingeschaltet. Roberto, die Mafia scheint fest entschlossen, die Waffen der revolutionären Bewegung von Honduras auszuliefern. Die Bedingungen können Sie sich denken ... Ungehinderter Anbau von Marihuana und Mohn, Duldung von Labors, in denen Heroin und Kokain hergestellt werden konnte. Ein ganzes Land, das der Mafia gehörte. Mit einer eigenen Regierung und einer eigenen Armee. Ein Alptraum.

„Einzelheiten?", fragte Roberto knapp.

„Die Details schicke ich Ihnen per Fernschreiber nach Paris. Sie nehmen die nächste Maschine. Ein Mann vom Marinenachrichtendienst wird sich mit Ihnen in Verbindung setzen. Er heißt Stadler. Bob Stadler."

„Wieso gerade Paris?"

„Das Schiff lag zuletzt in Le Havre. Dort wurde es beladen."

„Und wo befindet es sich jetzt?", erkundigte sich Roberto.

Colonel Myer stöhnte. „Wir wissen es nicht, antwortete er. „Es ist verschwunden.

1

Er war am Ende. Der stechende Schmerz in seiner Seite nahm von Minute zu Minute zu. Er spürte, wie mit dem warmen Blut, das aus der großen Schusswunde floss, auch das Leben aus ihm hinausströmte. Er hörte sein eigenes krampfartiges Keuchen, das sich hinter der ovalen Brückenverkleidung fing und gegen ihn zurückprallte wie das Brüllen der Zuschauer in einem Baseballstadion. Konnten sie ihn nicht hören?

Gut, dass es dunkel war, dachte er, denn sonst brauchten sie nur der Blutspur zu folgen, die sich wie ein roter Faden über das Deck wand.

Vorsichtig hob er den Kopf und spähte über den Rand des Schanzkleides. Er sah die dünnen Stahlskelette der Krananlagen, die sich gegen den helleren Himmel über der Stadt abzeichneten. Er roch das Gemisch aus Salzwasser, Fisch und Öl, das in jedem Hafen der Welt gleich war.

Leise klatschte das Wasser des Hafens gegen den Schiffsrumpf. Irgendwo kreischte eine Ankerwinde, ein Rolltor schepperte, und tief unter der Brücke rumpelte ein Lastwagen über den Kai.

Zitterndes Scheinwerferlicht strich über das Deck. Spät, zu spät, zog der Mann auf der Brückennock den Kopf ein. Er keuchte. Er hatte die beiden Männer gesehen. Von zwei Seiten schlichen sie auf die Leitern zu, die das Oberdeck mit der Brücke verbanden.

Die Gangway lag zu weit entfernt. Er kam nicht vom Schiff. Sie hatten ihn in die Enge getrieben. Seine Waffe hatte er während der mörderischen Hetzjagd durch das Schiff verloren.

Der Laster drehte ab. Das Deck versank erneut in Dunkelheit. Lou Crenshaw wusste genau, dass er am Ende war, und er wusste, dass er nicht mehr imstande sein würde, Schmerzen zu ertragen. Wenn sie ihn folterten, würde er ihnen sagen, wer er war und wer ihn geschickt hatte. Langsam rutschte er an der Brückenverkleidung entlang zu Boden. Vielleicht starb er vorher. Vielleicht.

Er spürte ihre tastenden Schritte auf den eisernen Stufen der beiden Leitern. Sie bewegten sich langsam, setzten Fuß vor Fuß. Mit der Unerbittlichkeit von Jägern, die wussten, wo sich ihr Wild verkrochen hatte.

Lou Crenshaw blickte nach Backbord. Der Widerschein der Lichter über der Stadt schimmerte blass. Er sah das Geländer der Leiter. Dort musste gleich der Kopf eines Mannes erscheinen. Crenshaw spürte das Vibrieren des Metalls, das sich über das Gestänge dem Schanzkleid mitteilte. Er spannte seine Muskeln, zog ein Bein an. Er hob das Gesäß, bekam den Fuß unter den Rumpf. Vielleicht konnte er noch einmal springen, einen Aufschub erreichen.

Da! Ein Schatten! Ein Kopf, breite Schultern. Der Kopf schwenkte suchend umher. Crenshaw schoss den angezogenen Fuß ab.

Langsam, zu langsam, dachte er verzweifelt. Aber er irrte sich. Mit voller Wucht traf der Fuß. Crenshaw spürte den harten Schlag, der sich durch seinen Fuß fortpflanzte und in der Schusswunde oberhalb des Hüftknochens explodierte. Das Gesicht verschwand, und gleich darauf hörte Crenshaw den Aufprall am Fuß der Leiter.

Doch da war noch ein Jäger. Dem konnte er nicht entkommen. Crenshaw zog sich am Schanzkleid hoch. Er sah sich nicht um. Er wollte nichts sehen. Er hörte einen heiseren Ruf und dann das Scharren von Füßen auf dem geriffelten Eisen. Er schwang sich über das Schanzkleid, lag einen Moment auf der Brüstung. Dann stieß er sich ab.

Tief unter ihm lag das Deck. Es raste auf ihn zu. Würde er sterben, bevor er ihnen alles sagen konnte? Bevor er ihnen verraten konnte, wen COUNTER CRIME als Nächsten schickte? Lou Crenshaw wusste genau, dass Roberto Tardelli die Nummer eins auf der Todesliste aller Mafiakiller war.

Lange bevor er auf das Deck schlug, ging ein heftiger Ruck durch seinen Körper. Er prallte auf die Seilverspannung eines Ladebaums. Das Seilende federte unter seinem Gewicht, es bremste den Sturz, und als er endlich aufs Deck prallte, lebte er immer noch.

Er spürte Fäuste an seinen Armen.

Sie hoben ihn auf und schleiften ihn über das Deck. Sie behandelten ihn durchaus vorsichtig. Denn sie wollten alles wissen, ehe sie ihn töteten.

Lou Crenshaw wehrte sich nicht mehr. Er hoffte nur, dass der Tod den Männern, die ihn quälen wollten, zuvorkommen würde.

2

Bob Stadler, offiziell Marineattaché an der US-Botschaft Paris, gab sich Roberto Tardelli durch ein leichtes Kopfnicken zu erkennen, als der COUNTER-CRIME-Agent die Passkontrolle am Airport Charly im Norden von Paris passierte. Stadler nahm Robertos Koffer, aber die beiden Männer sprachen kein Wort miteinander, bis sie in Stadlers Peugeot saßen und der Marineattaché die Schnellstraße nach Paris ansteuerte.

Stadler war Anfang vierzig, blond, drahtig, mit dem verschlossenen Gesicht des Offiziers, das nichts über die wahren Gefühle verriet. Viele, dachte Roberto unwillkürlich, kannten keine.

Das Hotel lag in der Innenstadt, in einer Seitenstraße der Rue de Rivoli, nicht weit von der Ile de la Cité entfernt.

Roberto gab dem Boy, der seinen Koffer heraufgebracht hatte, ein gutes Trinkgeld, ehe er die Tür mit dem Rücken ins Schloss drückte. Er sah Stadler an und lächelte.

Stadler überreichte Roberto einen versiegelten Umschlag. „Das sind die Unterlagen, die ich Ihnen übergeben soll. Sie bestehen aus einem Bericht, den ich verfasst habe, verschiedenen Dokumenten, einem Verzeichnis über die Art der Lieferung, die von Le Havre aus nach Honduras gehen sollte, sowie einem Fernschreiben Ihrer Dienststelle." Er ließ einen Packen Fotos neben den Umschlag auf den Tisch fallen. Die Fotos zeigten ein Schiff. Einen Frachter.

Roberto schob die Fotos zunächst zur Seite. Er brach den Umschlag auf. Das Fernschreiben aus Washington war verschlüsselt. Er beschloss, es erst später zu dechiffrieren. Vielleicht war sein Inhalt nicht für Stadler bestimmt.

„Das Schiff, begann er, „die ,Carmarthe‘ ...

„Britischer Frachter, sechzehntausend Bruttoregistertonnen, neun Mann Besatzung, fährt seit vier Jahren die Südamerika-Route. Seit Kapitän Pat Thorpe das Schiff führt, bekommt es häufig Fracht, die nicht in den Papieren verzeichnet ist. Stadler deutete auf einen rot eingefassten Bericht, der das Wappen der britischen Krone trug. „Thorpe steht im Dienst des MI V, erläuterte er.

Roberto Tardelli nickte. Sie wollten es so geheim machen, dass sie nicht einmal einer amerikanischen Reederei den Auftrag, Waffen aus einem Armeedepot in Europa in ein Spannungsgebiet zu verfrachten, übertragen haben. Ein Kapitän, der dem britischen Secret Service angehörte. Roberto unterdrückte ein Grinsen. Die Mafia hatte ihre Spione vermutlich direkt in den Kreisen eben jener Regierung, für die die brisante Fracht bestimmt war.

Er nahm ein Foto des Frachters und prägte sich dessen Silhouette ein, obwohl das kaum einen Sinn hatte. Es handelte sich um ein modernes Schiff, fünf oder sechs Jahre alt, von dessen Klasse auf der schottischen Werft seinerzeit ein halbes Dutzend gebaut worden war.

„Wer hat ihn ausgesucht und empfohlen?"

„Unsere Leute in London. Was werden Sie tun, Tardelli? Sie werden verstehen, dass uns die Aufklärung dieser Sache besonders am Herzen liegt..

„Weil man Ihnen ein Schiff geklaut hat? Er grinste ironisch. „Sind Sie überhaupt sicher, dass es nicht einfach in einem Sturm gesunken ist?

Stadlers ohnehin schon ausdrucksloses Gesicht vereiste. „Es wird, er blickte auf die Uhr, „seit nunmehr achtzehn Stunden vermisst. Seit elf Stunden wird es gesucht. Unter Anwendung einiger Vorsichtsmaßregeln, um den Schaden nicht zu vergrößern. Wir erhoffen uns Aufschluss von Satellitenfotos, die wir in Washington bestellt haben. Aber weil das Justizministerium alles an sich gerissen hat ... Stadler verstummte. „Was werden Sie tun?", fragte er dann. Sein Tonfall verriet Skepsis.

„Wenn es bis morgen keine Spur von dem Schiff geben sollte, fahre ich nach Le Havre. Ich habe so das Gefühl, als ob wir mit den Satellitenfotos nicht weit kommen", meinte Roberto.

„Was veranlasst Sie zu dieser Annahme?"

„Mein lieber Mr. Stadler, wenn jemand ein ganzes Schiff klaut, das mit Waffen aus dem Besitz der Vereinigten Staaten beladen ist, wird dieser Jemand genau wissen, worauf er sich einlässt. Er wird die Silhouette des Schiffes verändern, die Fracht umladen oder was weiß ich. Er wird nur eines nicht tun - sich schnappen lassen, bevor er sein Ziel erreicht hat. Roberto sah den Marineattaché an. „Wann haben Sie zuletzt von Crenshaw gehört?

Bob Stadler starrte Roberto lange an. „Mein Gott, Sie können es ja nicht wissen ..."

„Was?", fragte Roberto, und ein kaltes Gefühl kroch an seinem Rückgrat hinauf.

„Man hat ihn heute Morgen aus dem Wasser gefischt. An der Cotentinküste."

Roberto schloss die Augen. Lou Crenshaw, einunddreißig Jahre alt. Was wusste er noch von ihm, außer, dass er zuverlässig und besonnen war? Wer würde ihn vermissen?

„Ich glaube, Sie kannten ihn, nicht wahr?", fragte Stadler.

Roberto nickte.

Seine Fingerknöchel wurden weiß, als er die Hand zur Faust verkrampfte, doch seiner Stimme war nicht anzuhören, welche Gefühle in ihm tobten.

„Ja, ich habe ihn gekannt", sagte er.

3

Stadler ließ eine Kanne Kaffee, einen Teller Sandwiches und eine Flasche Bourbon aufs Zimmer kommen. Roberto stellte sich unter die Dusche. Langsam klang die Betroffenheit ab. Jetzt fühlte er sich nur noch müde und zerschlagen. Aber er hatte eine Aufgabe zu erledigen. Der Job hatte ihn gepackt. Er trank den heißen schwarzen Kaffee und goss einen Schluck Bourbon hinterher.

„Machen wir weiter", sagte er rau.

„Sie glauben also, das Schiff befindet sich nicht auf hoher See?", nahm der Marinemann den Faden wieder auf.

„Genau das vermute ich. Lou Crenshaws Tod bestätigt die Vermutung nur. Sie haben ihn viel zu schnell liquidiert. Roberto betrachtete eine Karte der französischen Westküste. „Haben Sie V-Leute dort?, fragte er dann und deutete auf das Gebiet um Le Havre.

„Wir haben in der Normandie immer noch viele Männer, die gern für uns arbeiten."

„Mobilisieren Sie diese Leute. Zwischen Le Havre und Cherbourg sollen sie jede Flussmündung, jedes Hafenbecken absuchen."

Stadler lächelte zum ersten Mal. „Wir sind auch nicht von gestern, Roberto. Wenn sich die ,Carmarthe‘ in Sichtweite der Küste befindet, werden wir es bis morgen Mittag wissen."

„Wie lange fährt man von hier bis Le Havre?"

„Es sind gut zweihundert Kilometer. Drei Stunden etwa. Wann soll ich Sie abholen?"

„Ich glaube nicht, dass ich Sie mitnehmen werde, Bob. Stellen Sie mir einen Wagen in die Hotelgarage. Einen schnellen französischen Wagen mit Autotelefon. Haben Sie eine Ausrüstung für mich?"

„Ich lege den Koffer hinten in den Wagen."

„Danke. Geben Sie den Schlüssel beim Empfang ab."

Bob Stadler nickte. Er sah sich noch einmal unschlüssig um, dann verließ er Robertos Hotelzimmer.

Roberto machte sich daran, das Telex zu entschlüsseln. Das Fernschreiben enthielt eine Zusammenfassung der derzeitigen politischen Lage in Honduras und der Beziehungen amerikanischer Gangster zu Politikern und Guerillas in dem mittelamerikanischen Land. Ganz am Schluss war die Nachricht von Crenshaws Tod angefügt und Colonel Myers Aufforderung an Roberto, ihn nach seiner Ankunft in Paris sofort anzurufen.

Roberto bestellte über die Hotelzentrale eine Verbindung mit Washington. Minuten später hörte er die vertraute Stimme des Chefs von COUNTER CRIME.

„Ich wollte es Ihnen persönlich sagen, Roberto - ich habe Madame Ducoroy ein Telegramm geschickt. Sie wird sich mit Ihnen in Verbindung setzen."

Roberto runzelte die Stirn. Er hatte Miriam Ducoroy vor einem Jahr in Südfrankreich kennengelernt. Miriam Ducoroy, Amerikanerin, die ihren französischen Namen einem inzwischen verblichenen französischen Industriellen verdankte, arbeitete in Frankreich für die amerikanische Drogenfahndung. Roberto hatte gern mit ihr zusammengearbeitet, denn sie war eine hervorragende Agentin. Und doch arbeitete er am liebsten allein. Zu zweit waren sie zu verletzlich. Beide. Roberto schloss sich selbst dabei nicht aus.

„Sie brauchen Unterstützung von jemandem, der sich in Frankreich auskennt. Und Rückendeckung. Denken Sie an Crenshaw ..."

„Ich denke ununterbrochen an ihn."

„Die Interessen des Marinenachrichtendienstes und der CIA decken sich nicht mit unseren Interessen, Roberto. Denken Sie auch daran. Die werden alles tun, um das Waffengeschäft zu vertuschen. Im entscheidenden Moment werden Sie von Stadler oder seinen Leuten keine Hilfe zu erwarten haben. - Madame Ducoroy wird sich bald mit Ihnen in Verbindung setzen. Seien Sie nicht zu grob zu ihr."

Roberto legte auf. Er goss sich noch einen Bourbon ein, rollte den scharfen Alkohol im Mund und schluckte ihn hinunter. Er wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als das Telefon endlich summte.

Miriam, dachte er. Miriam ... Er nahm den Hörer ab. „Hallo?"

„Bist du allein?", fragte Miriam leise mit einer Stimme, in der pure Erotik knisterte. Und das am Telefon, dachte Roberto seufzend.

„Ja, antwortete er. „Wo steckst du? Etwa in Paris?

Miriam lachte. „Wo denkst du hin! Meine Adresse lautet Hotel Cap Estel, Èze-Bord-de-Mer. Das liegt zwischen Nizza und Monte Carlo. Ich liege auf der Terrasse und genieße die Sonne. Wie ich höre, soll das Wetter da oben scheußlich sein."

„Wenn du kommst, wird es aufhören zu regnen, sagte er fast poetisch. Miriam lachte dunkel, und er spürte einen Schauer. „Ich brauche dich, Baby, sagte er dann. „Komm nach Le Havre."

„Ich bin dir verfallen", sagte sie und legte auf.

4

Ein scharfer Wind peitschte die Föhren hoch auf die Klippe und nahm den beiden Menschen, die sich dort oben aufhielten, fast den Atem. Die Strände unterhalb der Klippen waren verwaist. Sie trugen so klangvolle Namen wie Plage du Fort Noyelle oder Parc les Pins. Auf den Strand gezogene Badeinseln, verlassene Strandhütten hinter Holzzäunen, gegen die die Wellen schäumten.

Roberto Tardelli deutete nach Norden, wo das Land sich wie ein Haken ins Meer stemmte. Der Haken bildete eine natürliche Bucht, geschützt von den steil aufragenden Klippen der Küste.

In dieser Bucht, tief verborgen im Inneren des Hakens, lag das Schiff.

Die Konturen verschwammen im Dunst, der mit der einsetzenden Dämmerung zunahm. Der hohe schwarze Rumpf der „Carmarthe" mit den gelben und hellgrünen Aufbauten hob sich nur noch undeutlich gegen das nasse Grauweiß der Kreidefelsen ab.

„Und nun?", fragte Miriam. Ihr Gesicht schaute nass unter der Kapuze der Gummijacke hervor. Ihre graugrünen Augen leuchteten.

„Wir müssen an Bord", antwortete er gepresst. Er starrte durch das starke Glas und versuchte zu ergründen, welches Geheimnis dieses Schiff bergen mochte, das da scheinbar verlassen in einer abgelegenen Bucht an der französischen Normandie-Küste lag. Neun Mann Besatzung hatte es gehabt. Und Lou Crenshaw.

Wo steckten die Besatzungsmitglieder? Bob Stadler hatte nichts über ihren Verbleib erfahren können.

Er tastete den Klippenrand über der Bucht ab. Föhren, die sich im Wind bogen. Hartes, graues Gras, Hügel, durch die das Weiß der Kalkfelsen brach. Weit im Hintergrund schimmerten die Lichter einer Ansiedlung. Das Band der Straße, die sich an der Küste entlangwand, war nur an den gelegentlich darüber hinweghuschenden Scheinwerferpaaren zu erkennen.

Roberto tastete die Klippenkante ab. Irgendetwas hatte seine Aufmerksamkeit erregt. Da war es wieder! Eine schwache Bewegung. Und etwas Glänzendes. Wie ein Stück Glas.

Oder die Objektive eines starken Feldstechers.

Dort drüben, fast genau über dem Schiff - dem Totenschiff? - lag jemand und starrte herüber.

Er flüsterte Miriam etwas zu, und sie kroch zurück. Roberto gab ihr zwei Minuten. Der Mann auf der anderen Seite der Bucht hatte auf jemanden gewartet. Jeder, der sich für das Schiff interessierte, würde genau dort zuerst aufkreuzen, wo er, Roberto Tardelli, jetzt lag.

Hatte der Wächter drüben ihn und Miriam bemerkt?

Hatte der Wächter auf ihn gewartet?

Unverwandt starrte er durch das Glas. Er prägte sich das Gelände ein. Der Regen und der Wechsel von Wärme und Kälte hatten tiefe Rillen in das Erdreich auf den Klippen gegraben. Bei Dunkelheit konnte man schnell in eine solche Rinne fallen. Andererseits bot ein derart gegliedertes Gelände auch gute Möglichkeiten, um sich unbemerkt an den Wachposten oberhalb der „Carmarthe" anzuschleichen.

Er zog sich zurück, als er das leise Motorengeräusch hörte. Miriam wartete mit dem Wagen, den Bob Stadler besorgt hatte, auf ihn. Er setzte sich auf den Beifahrersitz des Citroen. Die Straße folgte dem Radius des Hakens landeinwärts, und als die Fahrbahn wieder nach Osten schwang, hielt Roberto nach einem Versteck für den Wagen Ausschau. Er entdeckte eine Schneise, die in einen dichten Kiefernwald auf der dem Meer und der Bucht abgewandten Seite der Straße stieß.

„Dort hinein", sagte er. Der Wagen schaukelte sacht, kam zum Stillstand. Roberto stieß die Tür auf. Miriam hatte die automatische Innenbeleuchtung abgeschaltet. Sie dachte an alles. Roberto verschmolz mit den Schatten der grauen feuchten Dunkelheit über der Klippe.

Seine Füße versanken im Gras, strichen über kahle Flächen, wo der Kalkfelsen durchbrach. Er hörte das Knacken der Kiefernstämme und das Heulen des Windes. Aus der Tiefe brandete das Geräusch der Wellen herauf, die gegen die Steilküste anrannten. Die Lichter des Dorfes waren hinter Regenschleiern verschwunden.

Das Gelände auf der Klippe fiel gegen die Kante hin leicht ab. Das Gebüsch stand näher an der Kante, als es das Bild im Feldstecher wiedergegeben hatte. Robertos Kopfhaut zog sich zusammen.

Lautlos umrundete er ein kleines Gehölz, um sich ihm dann von Westen her zu nähern. Geduckt blieb er stehen, als er das Klirren von Glas und das Brechen von Zweigen hörte. Ein unterdrückter, französisch ausgestoßener Fluch übertönte das Heulen des Windes.

Langsam arbeitete Roberto sich weiter vor. Das Haar klebte nass an seinem Schädel. Kalt rann der Regen an seinem Hals entlang und drang durch den Kragen. Er wollte gerade in das Gebüsch eindringen, als er das Zischen von Reifen oben auf der Straße hörte.

Er wandte den Kopf. Lichter tanzten über die Straße. Wenn der Wagen einer Kurve folgte, strichen die grellen Kegel aufs Meer hinaus, wo sich ihr Schein im Dunst verlor. Sie kehrten zurück, rissen für einen Moment den nass glänzenden Lack eines Wagens aus der Dunkelheit, den sein Fahrer hinter den Föhrenstämmen abgestellt hatte.

Der Wagen oben auf der Straße verlangsamte seine Fahrt, holperte dann über den unebenen Boden auf die Klippe zu. Roberto warf sich in eine mit Regenwasser gefüllte Mulde, als die Scheinwerfer herumschwenkten und ihr Licht ihn zu erfassen drohte.

Im Gebüsch wurde es lebendig. Der Wagen des Neuankömmlings rollte neben dem anderen Fahrzeug aus. Die Scheinwerfer erloschen. Eine Tür wurde geöffnet, dann ertönte ein leiser Ruf.

Roberto hob den Kopf und stemmte sich in die Höhe.

Zu früh. Der Mann, der soeben aus dem Wagen gestiegen war, hielt einen starken Batteriescheinwerfer in der Hand. Ein greller Lichtkegel stach in Robertos Gesicht. Das Licht erlosch sofort wieder, doch der Mann, der die Lampe hielt, hatte Roberto bemerkt. Jetzt schrie er dem anderen etwas zu, das Roberto nicht verstehen konnte.

Roberto Tardelli warf sich in das Gebüsch, als der andere schon eine schnelle Salve aus einer automatischen Pistole herüberschickte. Roberto wälzte sich herum, als eine zweite Waffe losballerte. Die Mündungsflammen waren nicht zu sehen. Das Blei zerhackte Blätter und Zweige.

Was bedeutete dieser Feuerzauber? Roberto war dem Mann, der auf der Klippe über dem Frachter Wache geschoben hatte, sehr nahe. Der Kerl hatte jetzt sein Magazin leer geschossen. Roberto hörte, wie der Bolzen klickte, und er richtete sich auf, denn auch der andere stellte jetzt das Feuer ein. Dieser Mann rief wieder etwas, und dieses Mal verstand Roberto das raue Französisch.

„Drück endlich auf die Kiste! Und dann weg!"

Roberto hechtete vor. Er spürte, wie der andere herumfuhr und sich dann duckte. Er prallte auf einen Rücken, der sich unter seinem Gewicht krümmte. Er fühlte derben Stoff, der sich mit Feuchtigkeit vollgesogen hatte. Der Mann versuchte, ihn abzuschütteln, dann warf er sich einfach zu Boden.

Da war etwas. Roberto hörte das Schnarren einer Zahnstange. Er kannte das Geräusch. Es ließ ihn innerlich gefrieren.

Im gleichen Moment explodierte die Welt.

5

Roberto hatte gehört, wie die Zahnstange in den Batteriekasten gedrückt wurde. Die Spannung jagte durch das Zündkabel, brachte Zündkapseln zur Explosion.

Ein ohrenbetäubender Knall schien den Kalkfelsen in seinem Innersten zu erschüttern. Der Boden unter Roberto bebte. Ein Instinkt, eine stets vorhandene Urangst befahl ihm, sich mit Händen und Füßen in den Boden zu wühlen, während um ihn herum die Hölle aufbrach.

Die Umgebung leuchtete grell auf. Das Wasser in der Luft nahm die orangefarbenen Flammen auf, zerstrahlte sie in Milliarden winziger Lichter, die überall waren. Darunter blitzten bläuliche Flammen. Sie schossen mit Gebrüll aus dem berstenden Schiffsrumpf, und mit unvorstellbarer Wucht schleuderte die Detonation zolldicke Stahlplanken, Masten, Teile der Deckaufbauten und ganze Stahltreppen in die Luft.

Immer noch bebte der Felsen, während das Surren der durch die Luft wirbelnden Brocken anschwoll. Unter Robertos ausgestreckter rechter Hand, deren Finger sich in den aufgeweichten Boden gewühlt hatten, entstand ein langer klaffender Spalt. Wenn der Explosionsknall seine Trommelfelle nicht betäubt hätte, hätte er das Schmatzen hören können, mit dem ein gut zehn Fuß breiter Streifen der Klippe einfach abbrach und in die Tiefe sauste.

Roberto zog sich zurück. Seine Hand stieß gegen Stoff, gegen ein Bein, das bei der Berührung krampfartig zuckte. Das andere Bein bewegte sich, der Fuß trat gegen Robertos Hand und schrammte über den Unterarm. Roberto musste das Bein loslassen, doch als er wieder zupacken wollte, griff er ins Leere, und in Robertos Kopf entstand ein sausendes Gefühl.

Der Mann war nicht mehr da. Das Gras, auf dem er gelegen hatte, war verschwunden. Vor Robertos tastender Hand war der saugende Abgrund.

Immer noch hielten die in der Luft schwebenden Wassertropfen die Flammen fest. Eine hohe, grellrot leuchtende Wasserfontäne schoss klippenhoch auf. Ein Donnern erfüllte die Luft, erschütterte den Boden. Trümmer des auseinandergerissenen Schiffes prasselten herab. Eine Handbreite neben Robertos Kopf schlug eine Stahlplatte tief in den Boden und blieb vibrierend aufrecht stecken.

Roberto kroch zurück, wobei er schützend die Arme über Kopf und Nacken krümmte. Ein langer Metallsplitter bohrte sich wie ein Dolch tief in seinen Oberschenkel.

Er zwang seine aufsteigende Panik nieder, drehte sich um und sah zu den Föhren zurück, deren Stämme sich unter dem Druck des Windes und der Detonation neigten. Im langsam schwächer werdenden rötlichen Widerschein der Flammen sah er einen Wagen, der zurückgestoßen wurde, hastig wendete und dann davonjagte. Ohne Licht verschwand er in wirbelnden Schleiern.

Ein großes Stück der Deckverkleidung senkte sich herab wie ein gewaltiger schwarzer Vogel. Roberto hörte das Pfeifen der Luft. Er keuchte angestrengt und presste sich mit dem Rücken gegen den Stamm einer Föhre, drückte den Kopf an das rissige Holz. Dann hörte er, wie der herabstürzende Stahl den Wagen, der zurückgeblieben war, unter sich zermalmte wie eine Schrottpresse.

Das Zittern des Bodens ließ jetzt nach. Dunkelheit umhüllte ihn von Neuem. Nur das Prasseln der herabstürzenden Eisenteile und der harte Herzschlag in Robertos Brust erinnerten ihn daran, dass hier unvorstellbare Gewalten getobt hatten.

„Roberto!"

Er hörte Miriams Stimme nicht.

„Roberto!"

Der Ruf klang drängend. Roberto schluckte, um die Gehörgänge freizubekommen.

„Roberto! Roberto! So antworte doch!"

Roberto schob sich am Stamm der Kiefer hinauf. Er wandte den Kopf. „Miriam!", brüllte er, als der Ruf schwach in sein Hirn drang. Er wollte rennen, weglaufen, diesen Ort des Schreckens hinter sich lassen.

Das rechte Bein knickte einfach unter ihm weg. Er schlug lang ins Gras.

Da war Miriam neben ihm. Ihre kühle Hand strich durch sein Gesicht, Finger tasteten ihn ab, schnell und geschickt. Die Finger entdeckten den langen Metallsplitter, der wie ein Nagel aus seinem Fleisch ragte. Sie ergriff seinen rechten Arm.

„Steh’ auf. Du kannst gehen. Wir müssen hier weg."

Er stützte sich auf ihre Schulter. Sein rechtes Bein schleifte hinter ihm her wie ein totes Stück Holz.

Miriam ließ ihn auf die Rückbank des Citroen klettern und schmetterte die Tür ins Schloss. Dann warf sie sich hinter das Lenkrad. Der Motor schnurrte leise, als der Wagen sich in Bewegung setzte.

6

Beinahe instinktiv fuhr sie in Richtung Cherbourg. Sie fuhr schnell, um den Kontrollen zu entgehen, die unweigerlich bald einsetzen würden. Robertos Herzschlag beruhigte sich langsam, und auch das keuchende Atemholen ließ bald nach. Er richtete sich ein wenig auf und legte eine Hand auf Miriams Schulter. Er hatte sich inmitten eines Infernos befunden, das nicht menschlich gewesen war. Jetzt brauchte er den Kontakt zu einem anderen Menschen, um zu spüren, dass er noch lebte.

Er räusperte sich. „Hast du den Wagen gesehen, der nach der Explosion abgefahren ist?"

Miriams Kupferhaar fiel über seine Hand, als sie nickte. „Ein Simca Chrysler. Hellrot, wenn die Flammen die Farbe nicht zu sehr verfälscht haben. Sie holte tief Atem. „Was war los?

„Sie haben eine Show veranstaltet, sagte er. „Für uns.

„Wie kommst du darauf?"

Die Lichter eines Dorfes jagten vorbei. Menschen standen auf dem Platz vor der niedrigen Kapelle. Roberto erhaschte einen Blick auf ein Gebäude, dessen Tor soeben geöffnet wurde. Rot blinkte der Lack eines Feuerwehrwagens. Dann waren sie vorbei. Noch zwanzig Kilometer bis Cherbourg.

„Sie haben auf der Klippe darauf gewartet, dass jemand das Schiff entdeckte. Wir sollten sehen, dass es existierte, und dann - wumm! - sollten wir sehen, wie es verschwand." Roberto stöhnte, als ein stechender Schmerz durch seine Oberschenkelwunde zuckte. Er wollte das Bein anders legen, als das Autotelefon schnarrte. Er beugte sich vor und nahm den Hörer auf, der auf der Konsole zwischen den beiden Vordersitzen steckte. Er nannte die Nummer des Wagens.

„Wir haben eben einen seltsamen Anruf bekommen, sagte Stadler. „Da übernimmt eine Organisation für Sozialistischen Fortschritt die Verantwortung für einen Anschlag auf einen illegalen Waffentransport. Es kann nur die ,Carmarthe‘ damit gemeint sein.

„Die ,Carmarthe‘ ist eben in die Luft geflogen", sagte Roberto. Stadler hörte schweigend zu, während Roberto kurz berichtete, was in der Bucht unterhalb der Klippe geschehen war.

Stadler sagte: „Der Anrufer drohte, man werde - Zitat - von nun an nicht mehr zulassen, dass Waffen nach Mittelamerika gebracht werden, wo sie nur dazu dienten, die imperialistische Gewalt und Terrorherrschaft aufrechtzuerhalten. - Roberto, mich bestürzt der Umstand, dass der Anrufer genau wusste, an wen er sich zu wenden hatte. Der Mann vom Marinenachrichtendienst wartete, doch als Roberto nichts sagte, fragte er: „Was ist Ihre Ansicht?

„Wir sollen verschaukelt werden. Roberto rieb sich sein schmerzendes Bein. Das Blut hatte den Stoff der Hose mit der Haut verklebt. „Verschaukelt? Von wem?

„Von denen, die das Schiff in die Luft gejagt haben, antwortete Roberto unwirsch. „Stadler, Ihre V-Leute haben das Schiff heute Morgen entdeckt, nicht wahr?

„Ja ..."

„Wie lange lag es in der Bucht? Wissen Ihre Leute das auch?"

„Ich weiß es nicht. Ich werde mich erkundigen. Aber wie passt der Anruf ins Bild?"

„Die Explosion war eine Show, ein Bluff, eigens für uns inszeniert. Wir sollen glauben, dass irgendeine Befreiungs- oder Rebellenbewegung die Ladung in die Luft gejagt hat. Stadler, ich will, dass der Explosionsort und die Überreste des Schiffes und der Ladung genau untersucht werden. Von Experten. Ich will wissen, ob die Waffen, die im Militärhafen von Le Havre auf die ,Carmarthe‘ geladen wurden, an Bord waren, als sich der Kahn in seine Bestandteile auflöste. Ich möchte, dass der Teil des Rumpfes, auf den der Name des Schiffes gemalt war, erkennungsdienstlich behandelt wird."

„Sie glauben, fragte Stadler atemlos, „dass es gar nicht die ,Carmarthe‘ war, die ...

„Ich will sichergehen, sagte Roberto gepresst. Er unterdrückte ein Stöhnen. „Besorgen Sie mir eine Aufstellung aller Schwesterschiffe der ,Carmarthe‘ mit Namen, Heimathafen und Angabe der Positionen, die sie in den letzten drei Tagen eingenommen haben.

„Das kann nicht so schwer sein", meinte Stadler.

„Und noch etwas - ich will wissen, ob Menschen an Bord waren. Soweit sich das noch feststellen lässt."

„Okay. Noch etwas?"

„Eine Schnellanalyse des verwendeten Sprengstoffs. Meiner Ansicht nach sind mehrere verschiedene Detonationsstoffe verwendet worden."

„Was schließen Sie daraus?"

„Wie viel Munition wurde in Le Havre an Bord gebracht? Wie viele Sorten und so weiter. Ich will wissen, ob es tatsächlich die Fracht war, die in die Luft geflogen ist, oder ob es fremder Sprengstoff war oder beides." In dem Umschlag, den Stadler ihm bei seiner Ankunft in Paris übergeben hatte, hatte sich eine Aufstellung der für Honduras bestimmten Waffen und Munition befunden, doch die Liste lag jetzt in seinem Hotelzimmer in Le Havre. Außerdem war er kein Experte. Er wusste nicht, ob Gewehrgranaten rot oder gelb aufflammten, wenn sie detonierten.

„Ich werde mich darum kümmern, versprach Stadler. „Was noch?

„Das ist doch erst mal genug, oder?"

„Sicher. Übrigens, eine Organisation für Sozialistischen Fortschritt kennen wir nicht. Ich habe in Langley nachgefragt."

„Die Anfrage hätten Sie sich sparen können", sagte Roberto. In Langley bei Washington befand sich das Hauptquartier der CIA. Begriffen diese sturen Militärs denn nicht, dass hier die Mafia am Werk war? Alle sollten glauben, dass honduranische Rebellen und Guerillas das Schiff und seine Ladung versenkt hätten.

Er blickte auf, als Miriam an einer roten Ampel hielt. Sie hatten den ersten Vorort von Cherbourg erreicht.

„Stadler, ich brauche einen Mann, der etwas für mich erledigen kann. Und ich brauche einen Arzt, der keine Fragen stellt."

„In Le Havre? Kein Problem. Wenden Sie sich ..."

„Cherbourg, Stadler. Wir sind nach Cherbourg gefahren. Es lag näher. Beeilen Sie sich!" Roberto stöhnte.

Miriams Augen suchten sein Gesicht im Rückspiegel. „Ist es schlimm?", fragte sie, als sie behutsam anfuhr und den Schildern folgte, die in die Innenstadt wiesen.

„Ich brauche das Bein noch", gab Roberto zurück.

Stadler meldete sich wieder. „Wenden Sie sich an Dr. Marcel Pouilly in der Rue Massilon. Das muss in der Nähe des Fährhafens sein. Sagen Sie, Delta schickt Sie. Benutzen Sie dieses Codewort auch, wenn Sie diese Telefonnummer anrufen - vier – drei – acht – vier – neun - neun."

Roberto prägte sich die Zahlenfolge ein. Stadler meldete sich noch einmal.

„Wundern Sie sich nicht über die Männer. Es sind alte Kämpfer. Sie leben noch in einer anderen Zeit, aber sie sind ehrlich und würden ihr Leben hergeben, wenn es nötig wäre. Das, so hoffte Roberto, würde er nie von einem anderen Menschen verlangen müssen. Er unterbrach die Verbindung. Zu Miriam sagte er: „Zu den Englandfähren. Rue Massilon. Dr. Pouilly. Anschließend ließ er sich von der Sondervermittlung der französischen Post mit der Telefonnummer verbinden, die Stadler ihm genannt hatte. Er hatte keine Minute Zeit zu verlieren.

7

Stadler hatte recht. Er war unter alte Kämpfer geraten.

Zuerst der Doc, der während der ersten Tage der Invasion - zwischen dem Morgen des 6. Juni 1944 und dem elften desselben Monats - mit den Amerikanern nach Osten gestürmt war.

Dr. Pouilly war ein alter Mann, aber er verstand etwas von Wunden und davon, wie man einen Verletzten wieder so herrichtete, dass er einigermaßen einsatzfähig blieb.

Kurz nach Mitternacht traf er dann Henri Fossier in der Bar des Hotels Beau Rivage, nachdem er ihn angerufen und sich mit dem Codewort Delta ausgewiesen hatte. Im Beau Rivage hatte Roberto ein großes Zimmer für sich und Miriam genommen, um die Entwicklung der nächsten Stunden abzuwarten.

Miriam saß in der Halle, hinter einem Gummibaum und einer französischen Zeitung verschanzt. Zur Sicherheit. Irgendwann würde er einem Hitman über den Weg laufen. Die Kerle, die eine ganze Rebellenarmee mit Waffen versorgen wollten, damit in einem ganzen Staat ungestört Rauschgift produziert werden konnte, würden ihren Hit absichern und es nicht riskieren, dass er an Zufällen scheiterte.

Fossier schob sich mit Verschwörermiene an der gepolsterten Theke entlang, wobei er seine schwarze Baskenmütze in der Hand drehte und die wasserhellen Augen zu schmalen Schlitzen zusammenkniff. Er war etwa so alt wie Pouilly, hielt sich aber gebeugt. Sein Gesicht war verwittert, Hose und Jacke schlotterten viel zu weit um seinen abgemagerten Körper. Roberto bereute es, Stadler nicht nach einem Profi gefragt zu haben. Im Militärhafen von Le Havre gab es bestimmt ein halbes Dutzend Agenten vom Marinenachrichtendienst, von der CIA oder dem OSS.

Er schüttelte Fossier die Hand. Der Franzose schielte auf Robertos verletztes Bein, und Roberto verfluchte den Arzt, der wahrscheinlich nichts Eiligeres zu tun gehabt hatte, als seinen alten Kombattanten mitzuteilen, dass die Amerikaner wieder in der Stadt waren.

Roberto nickte dem Mann zu. „Nennen Sie mich Chuck, sagte er. „Möchten Sie etwas trinken?

Fossier nickte. „Einen Pastice, wenn es nichts ausmacht, bitte," Er hatte eine leise, etwas knarrende Stimme.

Roberto bestellte Pastice mit Wasser und Eis für Fossier. Er selbst nahm einen Cognac und einen Espresso. Sie warteten, bis die Getränke vor ihnen standen. Fossier nahm eine Zigarette, als Roberto ihm eine anbot, doch offenbar nur aus Höflichkeit oder um der alten Tage willen, denn er hustete schon nach dem ersten Zug und hielt das glimmende Stäbchen dann nur noch zwischen den Fingern.

„Ich war bei den Falaises de Sabris, begann er. „Ich habe den zertrümmerten Wagen gesehen und mir die Zulassungsnummer gemerkt. Ich kenne jemanden in der Zulassungsstelle hier in Cherbourg. Denn der Wagen, ein Fiat, war hier zugelassen. - Ja, und der Besitzer wohnt ... wohnte sogar in Cherbourg. Fossier nippte an seinem Pastice.

Roberto lauschte, ohne den Bericht des mageren Burschen zu unterbrechen. Er spürte, dass er den alten Mann unterschätzt hatte.

„Der Besitzer des Wagens heißt ... hieß Robert Blanche. Seine Leiche lag am Fuß des Felsens. Er war ein stadtbekannter Ganove. Ziemlich harter Brocken. Ich kenne seine Stammkneipe. Er hat ... hatte einen, sagen wir mal, Freund, der einen roten Simca Chrysler fährt. Der Mann heißt Antoine Meric. Ich war in der Kneipe, aber in den letzten Tagen hat man ihn dort nicht gesehen. Wahrscheinlich, seit das Schiff in der Bucht lag."

Roberto starrte den Mann an. „Wie lange lag das Schiff in der Bucht?", fragte er atemlos.

„Na, drei vier Tage schätze ich. Ich habe jemanden aus Sabris Village gesprochen, einen Freund, der hat es schon am Sonntag gesehen."

Dabei wurde die „Carmarthe" erst seit zwei Tagen vermisst. Vor drei Tagen wurde sie noch im Militärhafen von Le Havre beladen. Er zwang seine Gedanken, in die Gegenwart zurückzukehren. Fossier schob ihm einen Zettel zu. In sauberer Handschrift stand die Adresse des Antoine Meric darauf. Roberto nickte beeindruckt.

„Ich danke Ihnen, sagte er aufrichtig. „Sie haben mir sehr geholfen.

„Ich habe es gern getan." Fossier ließ sich vom Barhocker gleiten, und auch Roberto stellte sich auf die Füße, obwohl in der Oberschenkelwunde ein dumpfer Schmerz pochte.

„Darf ich Ihre Unkosten ersetzen?", fragte Roberto.

Fossier schüttelte den Kopf. „Nein, danke. Auch wenn Sie das Geld von jemandem zurückbekommen - nein, danke."

Roberto sah dem Franzosen nach, bis er die Hotelhalle durchquert hatte und auf der dunklen Straße verschwand. Er begegnete Miriams fragendem Blick. Unmerklich schüttelte er den Kopf. Er setzte sich wieder, leerte das Cognacglas und studierte dabei die Adresse, die Fossier ihm aufgeschrieben hatte. Unter dem Straßennamen stand eine Erläuterung. Nebenstraße des Quai d’Anglais, am Hotel Littry.

Der Quai d’Anglais lag ganz in der Nähe. Roberto bezahlte die Getränke, zündete sich eine Zigarette an und schlenderte durch die Halle. Den zusammengeknüllten Zettel mit der Adresse des Ganoven mit dem Namen Antoine Meric, der einen roten Simca Chrysler besaß, hielt er in der hohlen Hand. Vor Miriam blieb er stehen, um seine Zigarette in dem Standaschenbecher neben ihrem Sessel auszudrücken. Dabei ließ er den kleinen Zettel in ihren Schoß fallen.

„Komm mit dem Wagen nach, sagte er leise. „In zwanzig Minuten.

Draußen blies ein kalter Wind von der See herein. Die Gummijacke lag im Wagen. Er trug nur sein Jackett und ein dünnes Hemd darunter. Rasch schritt Roberto aus.

8

Hinter den Fenstern des Hotels Littry war es dunkel. Nur durch das Glas der Eingangstür schimmerte das Licht einer Lampe. Roberto tauchte neben dem Haus in die Dunkelheit einer schmalen Gasse, in der es nach Katzendreck, Abfällen und Öl roch.

Der Öldunst drang aus dem Lüftungsschacht eines schmalbrüstigen Hauses. Roberto blieb stehen. Unter seinen Füßen bullerte der Brenner einer Ölheizung. Das leichte Vibrieren erinnerte ihn daran, was erst vor wenigen Stunden geschehen war.

War der Tod des Mannes, der die Explosion ausgelöst hatte, programmiert gewesen? Oder hatte es sich um einen Unfall gehandelt, weil sich irgendjemand ganz schwer verrechnet hatte? Das sprach so gar nicht für die Arbeitsweise der Mafia. Jemand hatte zwei einheimischen Strolchen einen Auftrag gegeben. Einen höchst einfachen Auftrag. Aufzupassen, ob jemand kam, der sich für das Schiff interessierte. Wenn ja, sollte er die Sprengung auslösen.

Wenn der Tod des einen Ganoven eingeplant gewesen war, erwartete den anderen zweifellos das gleiche Schicksal. Zum ersten Mal stellte Roberto sich die Frage, ob man das Schiff vielleicht deshalb bis unter die Ladeluken mit Sprengstoff vollgepackt hatte, um ihn von der Erde hinwegzufegen. Ihn, Roberto Tardelli, persönlich.

Roberto glaubte zu verstehen, weshalb die Halunken von der Ehrenwerten Gesellschaft mit der Vernichtung des Schiffes gewartet hatten, bis man es entdeckte. Man konnte einen ausgewachsenen Frachter nicht einfach verschwinden lassen. Man musste damit rechnen, dass er früher oder später gefunden wurde. Und dann würde es Spuren geben.

Fingerabdrücke oder der Inhalt der Öltanks würde den Experten Fragen beantworten. Die Vorräte der Kombüse würden den Fahndern ebenso Hinweise auf die Menschen geben, die das Schiff während der letzten Fahrt gesteuert hatten, wie der Inhalt der Abfalleimer. Deshalb hatte man sich zu einer radikalen Beseitigung aller Spuren entschlossen. Doch die Behörden sollten so lange nach der verschwundenen „Carmarthe" suchen, wie es irgend möglich war.

Denn in der Zwischenzeit dampfte ein anderes Schiff mit zwölftausend Tonnen Waffen an Bord in Richtung Mittelamerika.

Es musste ein zweites Schiff geben.

Roberto tastete sich an der feuchten Mauer entlang. Feiner Regen sprühte vom nachtdunklen Himmel. Über den Kai torkelte ein Betrunkener.

Hausnummern waren nicht zu erkennen. Roberto zählte deshalb die Hauseingänge oder Toreinfahrten ab. Meric wohnte vermutlich im siebenten Haus hinter dem Hotel Littry. Roberto ertastete die Umrisse einer breiteren Einfahrt, und er schlüpfte unter den Torbogen. Der Regen riss ab. Er konnte einen rechteckigen Hof erkennen, der von den Rückseiten der anderen Häuser gebildet wurde. Aus einigen Fenstern schimmerte Licht. Der Widerschein fiel über die Dächer und Motorhauben einiger Wagen.

Geduckt huschte Roberto an den Fahrzeugen vorbei. Er berührte die Motorhauben. Nur der Kühler eines kleinen alten Lieferwagens war warm. Ein roter Simca Chrysler stand nicht auf dem Hof.

War Antoine Meric abgehauen, nachdem die Welt um ihn herum zu versinken schien? Oder war er zu jemandem gefahren, um zu kassieren?

Roberto fuhr herum. Motorengeräusch füllte die Gasse. Miriam im Citroen? Er hob das linke Handgelenk an die Augen. Die zwanzig Minuten waren noch nicht um. Roberto duckte sich hinter dem Lieferwagen. Er prüfte den Sitz seiner Pistole. Stadler hatte ihm eine Colt Commander besorgt.

Die Durchfahrt leuchtete auf wie eine Bühne, wenn die Scheinwerfer aufflammen und der Vorhang in die Höhe geht. Der Fahrer schaltete zurück, das Licht wurde heller, langsam bog ein Wagen in den Hof ein.

Die Lichtfinger tasteten über schwarz-rote Mauern, über Kisten, aufgebockte Autowracks. Roberto bewegte sich nicht.

Der Fahrer rangierte seinen Wagen herum und stieß dann zurück, sodass die Schnauze genau auf die Durchfahrt zur Gasse gerichtet war. Die Lichter erloschen, der Motor wurde abgestellt.

Roberto hob ein wenig den Kopf, als drüben die Innenbeleuchtung anging und die Polster eines neueren Wagens und die breiten Schultern eines stiernackigen Mannes erhellte, der eine Parka und eine flache Kappe trug. Der Mann stieg aus und warf die Tür ins Schloss.

Roberto konnte nicht sagen, ob es sich bei dem eben angekommenen Wagen um einen Simca Chrysler handelte. Er war lediglich sicher, dass die Farbe rot war. Geräuschlos folgte er dem Mann, dessen Schritte auf dem mit Asche bestreuten Boden knirschten. Ein Schlüssel klirrte, wurde in ein Schloss geschoben.

Roberto riss die Colt Pistole heraus. Er stieß die Hand vor. Die Mündung der Waffe bohrte sich in die Seite eines Menschen.

„Wenn du ganz still stehen bleibst, geschieht dir nichts, hauchte Roberto auf Französisch. „Nur ein paar ganz einfache Fragen. Wenn ich glaubwürdige Antworten erhalte, gehe ich wieder. Er zog den Hammer zurück, ließ ihn hörbar einrasten. Der Spannabzug machte ein Spannen des Verschlusses mit dem Schlitten überflüssig.

Der Mann kannte das Geräusch. Durch das Metall der Waffe hindurch spürte Roberto, wie sich die Haltung des anderen versteifte.

„Wie heißt du?"

„Antoine."

„Schließ auf. Wir wollen drinnen miteinander reden." Roberto kam die Situation hier draußen nicht geheuer vor.

„Worüber?", knurrte Antoine.

„Über Robert."

„Ich kenne keinen ..." Der Satz riss ab, als Roberto die Mündung der Pistole tiefer in die Seite des französischen Gangsters stieß.

„Mach’ schon!, befahl er. „Drinnen werde ich deinem Gedächtnis aufhelfen. Oder hast du deinen Freund schon vergessen, nachdem er bei Sabris über die Felsen gerutscht ist?

Antoine stieß die Tür auf.

„Kein Licht!, befahl Roberto. Er stieß den Ganoven mit dem Gesicht gegen die Wand und tastete ihn nach Waffen ab. Er zog eine Pistole aus der äußeren Jackentasche, die er einsteckte. „Voran! Geh’!

Holzstufen knackten unter dem Gewicht der beiden Männer. Antoine fand sich in der Dunkelheit mühelos zurecht. Am Ende eines Flurs im ersten Obergeschoss blieb er stehen. Wieder klirrte ein Schlüssel, ein Schloss kratzte, dann quietschten ungeölte Scharniere.

Roberto hielt den Mann an der Jacke fest und peilte über dessen Schulter. Er erkannte die Umrisse zweier bis auf den Boden reichender Fenster, davor ein altmodisches Ornamentgitter. Eins der Fenster war nur angelehnt. Die Gardine bauschte sich im Wind.

Als Roberto seinen Griff etwas lockerte, machte Antoine einen Schritt in das Zimmer hinein.

Der Hieb kam aus dem Dunkeln hinter der Tür. Ein länglicher Gegenstand, der am Ende eine deutliche Verdickung aufwies, krachte auf den französischen Gangster. Ohne einen Laut brach Antoine zusammen. Er fiel nach vorn und prallte mit dem Gesicht auf den Boden.

Roberto blieb stehen, ohne sich zu rühren. Der Schläger hatte ihn noch nicht bemerkt.

Der Mörder trat hinter der Tür hervor. Er wollte die Tür ins Schloss werfen, aber das Holz prallte gegen Robertos Fuß.

Der Mann reagierte sofort. Er wirbelte herum. In seiner Hand blitzte es auf. Roberto keuchte überrascht, und ohne zu zögern ließ er sich fallen.

Keine Sekunde zu früh. Er hörte das feine Zischen, mit dem der tödliche Giftstrahl aus einer Düse gepresst wurde, und schon glaubte er, den schweren, süßlichen Geruch wahrzunehmen, der langsam auf ihn niedersank.

Cyanid-Gas, dachte er. Er presste eine Hand vor den Mund und rollte sich auf den Rücken. Der Mann, der ihn töten wollte, sprang über ihn hinweg. Roberto stieß ihm die Hand mit der großen Pistole zwischen die Beine.

Er spürte den Widerstand, und dann verfing sich ein Fuß hinter Robertos Hüfte, und der Kerl stolperte.

Roberto achtete nicht auf den Schmerz, der durch seinen verletzten Schenkel zuckte, als er sich aufrichtete. Mit dem Schwung des rechten Arms riss er das Bein des anderen in die Höhe. Der Kerl flog nach vorn und prallte mit dem Schädel gegen den Türrahmen. Der Mann stöhnte und rutschte dann an der Wand zu Boden.

Roberto schleppte sich zum offenen Fenster. Er stieß den einen Flügel weit auf und atmete die frische, feuchte Nachtluft ein. Er wollte sich gerade wieder abwenden, als er den dünnen Lichtstrahl aufblitzen sah. Ganz kurz nur, aber das punktförmige Licht stach in die Finsternis, prallte auf den roten Lack des Simca Chrysler und erlosch wieder.

Miriam war da.

Roberto lächelte, doch das Lächeln gefror, als er hörte, wie eine Wagentür entriegelt wurde, und eine Stimme, kalt und fremd und doch irgendwie vertraut, an Robertos Ohr drang. Gleichzeitig flammte eine Taschenlampe auf, deren greller Lichtkegel Miriam blendete.

„He, Puppe, sagte die Stimme auf Französisch, aber mit einem unüberhörbaren amerikanischen Akzent, „he, Puppe, komm mal her!

9

Sie waren zu zweit in dem kleinen Lieferwagen gekommen, dessen Kühler als Einziger warm gewesen war. Einer war unten geblieben. Roberto erkannte den Umriss eines großen schlanken Mannes, der sich auf Miriam zuschob. Miriam sah zu Boden, um sich nicht blenden zu lassen. Ihre Arme hingen locker herab.

Der Mann blickte nach oben, wo er seinen Komplizen bei einem schmutzigen Geschäft wähnte.

Unendlich langsam schwang Roberto sein Bein über das vom salzhaltigen Regen glitschige Geländer. Er schob die Pistole in die Halfter zurück. Er hatte es jetzt mit Profis zu tun. Er konnte es nicht riskieren, den Mann, der sich Miriam näherte, mit einem gezielten Schuss außer Gefecht zu setzen. Vielleicht hatte auch dieser Mann eine unauffällige Vorrichtung zum Abschießen eines tödlichen Giftnebels in der Hand, eine Zigarettendose oder einen Füllhalter zum Beispiel, die er selbst im Sterben noch betätigen konnte.

Mit beiden Fäusten packte er das Geländer. Er spannte die Muskeln, und hoffte, dass er sich auf sein rechtes Bein verlassen konnte.

Der Mann schaltete den Handscheinwerfer nicht aus. Einen Schritt vor Miriam blieb er stehen. Ihr Gesicht war weiß und nass. Roberto schätzte die Entfernung ab, dann sprang er.

Er bekam den rechten Fuß nicht hoch genug. Die Sohle schrammte über das rostige Eisen des Geländers. Das leichte Geräusch genügte, um den Mann unten herumfahren zu lassen. Der Lichtstrahl seiner Lampe schoss hoch, stach an Roberto vorbei.

Er breitete die Arme aus und winkelte die Knie leicht an. Der andere sah ihn kommen, er wollte ausweichen, aber Miriam trat ihn vors Schienbein.

Roberto riss den Mann zu Boden. In seinem Oberschenkel explodierte eine kleine Bombe, die ihre versengenden Strahlen in seinen Unterleib schickte.

Er stemmte sein Knie auf einen Oberarm. Mit der linken Hand fuhr er um den Hals des am Boden Liegenden herum, und mit einem heftigen Ruck riss er dessen Kopf in den Nacken.

„Keine falsche Bewegung!", sagte er auf Englisch dicht am Ohr des Mannes, das unter glattem schwarzem Haar verborgen war. Die Lampe war dem Burschen aus der Hand gefallen und über den Hof gerollt.

Miriam hob sie auf und leuchtete Roberto kurz an, und als sie feststellte, dass er die Situation beherrschte, knipste sie das Licht aus.

Roberto schob seine freie Hand seitlich über die Schulter seines Opfers und drückte blitzartig zu. Sofort erschlaffte die Gestalt unter ihm. Er richtete sich auf. Er hatte diesen Betäubungsgriff anwenden müssen, da er noch einmal in das Zimmer des Antoine Meric hinauf musste.

„Pass’ auf ihn auf! Filz’ ihn, aber sei vorsichtig! Sein Partner hatte eine Cyanid-Spritze bei sich."

Lautlos kehrte er ins Haus zurück. Der Mörder lag noch neben der Tür, wo er zusammengebrochen war. Roberto zog den Kerl ins Zimmer, dann drückte er die Tür ins Schloss. Nachdem er die Vorhänge zugezogen hatte, schaltete er das Deckenlicht ein.

Der Raum war karg möbliert. Ein altertümliches Bettgestell aus Messing, eine Kommode, ein Schrank und ein mehrfach gesprungenes Waschbecken.

Er drehte den französischen Gangster auf den Rücken. Das Gesicht war schlaff und blass, und die Augen starrten blicklos zur Decke.

Antoine hatte seinen Partner nur um wenige Stunden überlebt. Der Tod der beiden Strolche war programmiert gewesen. Er war unvermeidlich aus der Sicht der Drahtzieher, die in Chicago, Las Vegas oder Baltimore saßen. Irgendwo hatte sich ein Don oder ein junger Oberschlaumeier ohne Skrupel was Feines ausgedacht.

Roberto glitt zu dem Mann, der Antoine mit einem einzigen Hieb seines Totschlägers erschlagen hatte. Als er seine Hand in das Haar grub und den Kopf anhob, bemerkte er die Symptome, die ihm einen Schauer über den Rücken jagten.

Das Gesicht hatte sich rot verfärbt, die Lippen waren blau angelaufen. Zwischen den verkrampften Fingern steckte ein versilbertes Zigarettenetui. Aus der Seite des Etuis ragte noch die Düse, die das Gift versprüht hatte.

Der Mörder war in seine eigene tödliche Falle gelaufen und darin umgekommen.

Roberto leerte die Taschen des Toten. Alles, was er fand, stopfte er in seine eigenen Taschen. Noch einmal betrachtete er das Gesicht. Es war fleischig, dunkle Bartschatten bedeckten die Wangen. Der Kerl mochte Mitte Dreißig sein. Gewesen sein.

Er schaltete das Licht wieder aus und ging. Miriam kauerte neben dem bewusstlosen anderen Killer, nass wie eine Katze und mürrisch wie ein Hund, dem ein anderer das Futter weggefressen hatte.

„Wo steht mein Wagen?, fragte er. „Am Kai. Du willst ihn doch nicht etwa dort hinschleppen?

„Nein. Er öffnete die hintere Tür des Lieferwagens. „Pack’ mit an. Mein Bein ...

Gemeinsam hoben sie den Bewusstlosen auf und schoben ihn auf die Ladefläche. Roberto knallte die Tür zu. Dann bedeutete er Miriam, auf dem Beifahrersitz Platz zu nehmen, während er selbst sich hinter das Lenkrad klemmte.

Mit abgeblendeten Lichtern rangierte er den Wagen vom Hof und ließ ihn zum Kai rollen, wo er ihn neben dem Citroen anhielt. Eine einsame Bogenlampe warf einen hellen Kreis auf das nasse Kopfsteinpflaster.

Roberto stellte den Motor wieder ab, die Scheibenwischer blieben stehen. Sofort überzog sich die Frontscheibe mit einem undurchsichtigen Film. Das Glas beschlug von innen. Miriam wischte das Ausstellfenster frei und spähte auf ihrer Seite hinaus. Kein Mensch war mehr unterwegs.

„Was hatte er bei sich?" Er schaltete die Innenbeleuchtung an, rutschte etwas zur Seite und holte alles aus seinen Taschen, was er dem Toten abgenommen hatte. Auch Miriam breitete ihre Beute auf dem Sitz aus.

Roberto starrte auf einen flachen Gegenstand, der zerkratzt war und doch silbern im Licht der Lampe schimmerte. Er berührte ihn mit einer Fingerspitze, drehte ihn herum.

Er fand seine Vermutung bestätigt. Ein Silberdollar war eher laienhaft auf die Geldklammer aufgelötet. Roberto fletschte die Oberlippe wie ein Wolf, der bereit ist, seine Zähne in die Kehle eines Gegners zu schlagen. Er wusste ganz genau, wann er diese Geldklammer schon einmal gesehen hatte. Und bei wem.

Sie hatte Lou Crenshaw gehört.

10

„Roberto, sagte Miriam leise. „Roberto! Was ist?

Er schüttelte den Kopf. Langsam löste sich der Hass in seinem Gesicht auf. „Es ist nichts", murmelte er. Rasch sortierte er die wenigen anderen Gegenstände aus den Taschen der Gangster.

Einer von ihnen hatte seine Gier nicht bezähmen können und die silberne Geldklammer behalten. Roberto streifte den Mann auf der Ladefläche mit einem Blick. Dieser Mann hatte Crenshaw getötet. Jemand hatte ihm den Befehl dazu gegeben. Dieser Gangster sollte ihn zu seinem Boss führen, und wenn die Reise um die halbe Welt gehen musste.

In den Taschen beider Männer hatten sich längliche Schlüssel mit Messinganhängern befunden. Auf den Anhängern prangten Zahlen - elf und siebzehn - unter einem Segelschiff, und das Ganze wurde von einem verschnörkelten Schriftzug eingerahmt. Hotel de la Marine. Keine Ortsangabe. Roberto steckte den Schlüssel des Toten ein. Den anderen schob er in die Tasche des bewusstlosen Mannes zurück, der sich zu bewegen begann. Roberto gab ihm auch eine dünne Rolle mit Franc-Noten zurück, das Kleingeld und einen Schlüsselbund, nachdem er die daranhängenden Schlüssel einer schnellen Prüfung unterzogen hatte.

„Ist das alles?, fragte er. „Keine Brieftasche? Keine Papiere? Seine Stimme klang heiser. Seine rechte Faust schloss sich um den silbernen Geldclip.

Miriam schüttelte den Kopf. Roberto schaltete die Innenbeleuchtung wieder aus.

„Wir steigen um", entschied er dann, und mit einer zornigen Bewegung gab er dem Mörder auch den geraubten Clip zurück.

Sie liefen zum Citroen. Er überließ Miriam den Platz am Steuer.

„Wohin?", fragte sie.

Roberto wusste, dass er aus dem überlebenden Gangster nichts herausbekommen hätte - außer durch gemeinste Folter oder Pentothal. Der Kerl war ein Profi. Deshalb hatte Roberto den anderen Hotelschlüssel eingesteckt. Irgendwo hatten die Kerle ihre Papiere oder andere Dinge zurückgelassen, die einem aufmerksamen Beobachter Rückschlüsse auf ihre Verbindungen gegeben hätten.

Roberto hätte jede Wette angenommen, dass ihr Boss ein hoher Mafioso war - und dass er sich ebenfalls in Frankreich aufhielt. Noch.

Am Schlüsselbund des Bewusstlosen hatte Roberto einen Autoschlüssel bemerkt, der zu einem BMW gehörte. Für die Fahrt zum Hafen von Cherbourg hatten die Kerle einen alten Lieferwagen benutzt, den sie vielleicht gestohlen hatten.

„Wohin?", wiederholte Miriam ihre Frage.

„Hast du ein Hotel bemerkt, das de la Marine heißt?, fragte er. Als sie den Kopf schüttelte, zog er den Hotelführer aus dem Handschuhfach. In fast jedem Ort an der Küste gab es ein Hotel dieses Namens, nur in Cherbourg nicht. „Vergiss es, sagte er dann und lehnte sich zurück. „Fahr’ ein paarmal den Kai auf und ab. Vielleicht haben die Kerle ihren BMW hier irgendwo abgestellt."

Miriam blinzelte ihn an, als sie den Zündschlüssel herumdrehte. „Welche Farbe hat er?" Ihre Augen begannen zu funkeln.

Roberto grinste zufrieden. Sie waren noch einmal davongekommen.

Sie konnten keinen BMW entdecken. Aber als sie zum dritten Mal den Weg eines Streifenwagens kreuzten, hielt Roberto es für besser, die auffällige Herumfahrerei zu beenden.

„Halt da drüben an, sagte er. „Wir lassen uns von unserem Killerfreund führen, wenn er wieder in der Lage ist, zu fahren.

Miriam stellte die Limousine hinter einem Kran ab. Die Schatten waren tief und schwarz, nachdem die Scheinwerfer erloschen.

Der Lieferwagen stand scheinbar verlassen unter einer Laterne. Roberto lehnte sich zurück und schnippte eine Zigarette aus der Packung.

„Im Ablagefach liegt etwas für dich", sagte Miriam mit dunkler Stimme. Roberto tastete unter dem Armaturenbrett herum, bis seine Finger gegen das Glas einer Flasche stießen.

„Cognac, sagte er, als er den Verschluss abdrehte. Er hielt Miriam die Flasche hin, doch sie schüttelte nur stumm den Kopf. Er trank einen Schluck. Belebende Wärme breitete sich in seinem Inneren aus. „Unsere erste Nacht nach so langer Zeit hatte ich mir allerdings anders vorgestellt, murmelte er dann.

„Wenn ich deine behaglichen Schmatzgeräusche richtig deute, scheinst du dich auch so wohlzufühlen", meinte Miriam spöttisch.

„Ich beschwere mich ja gar nicht, entgegnete Roberto friedlich. „Stell’ lieber mal die Scheibenwischer an.

Die großen Wischerblätter schnitten ein klares Sichtfeld aus der Scheibe. Roberto spähte durch das Stahlgerüst des Ladekrans zum Lieferwagen des Gangsters hinüber.

Der Anlasser kratzte, und der Wagen stieß zurück. Haarscharf vor der Kante des Hafenbeckens blieb er wieder stehen. Noch hatte der Fahrer die Scheinwerfer nicht eingeschaltet. Im Stand drehte er jetzt die Vorderräder herum. Etwas mühsam, wie es Roberto schien, dann flammten die Scheinwerfer auf, und schwerfällig setzte sich das Fahrzeug in Bewegung.

„Unser Freund ist wieder im Einsatz, stellte Roberto fest. „Er fühlt sich miserabel, und er möchte am liebsten kotzen, aber er hat auch Angst und ist vorsichtig. Sieh’ zu, dass er dich nicht bemerkt, wenn du ihm folgst.

Miriam drehte den Starterschlüssel. „Wenn er etwas bemerkt, so bemerkt er uns. Vergiss das nicht. Oder willst du fahren?"

„He, warum so kratzbürstig?" Roberto setzte noch einmal die Flasche. an die Lippen, ehe er sie schloss und ins Ablagefach schob.

Miriam antwortete nicht. Sie wartete, bis der Lieferwagen vom Kai rechts abbog und den Weg in die Innenstadt einschlug. Der Wagen schlingerte wie ein führerloses Boot bei schwerer See. Der erste Polizist würde den Fahrer wegen Verdachts auf Trunkenheit anhalten. Roberto wusste jedoch, dass der Mann sich von dem betäubenden Griff, den er angewandt hatte, sehr schnell erholen würde. Vielleicht schneller, als es ihm recht war, vermutete er düster.

Der Citroen rollte über den Kai.

Erst als der Lieferwagen nicht mehr zu sehen war, schaltete Miriam die Scheinwerfer an. Sie drückte das Gaspedal nieder und zog den schweren Wagen in die Straße, die auch der Fahrer des Lieferwagens gewählt hatte.

Mit abenteuerlich geneigtem Aufbau schlingerte das andere Fahrzeug dreihundert Meter voraus um eine Ecke. Die starke Maschine riss den Citroen fast lautlos vorwärts. Kurz vor der Ecke bremste Miriam ihn sanft ab. Die Straßenbeleuchtung war so hell, dass sie auch die anderen Straßen weit einsehen konnten.

Links, einem großen Kaufhaus gegenüber, lag ein Parkplatz. Roberto sah gerade noch, wie die Rücklichter des Lieferwagens erloschen.

„Stopp!", sagte er.

Miriam ließ den Citroen ausrollen und schaltete die Scheinwerfer ab. Roberto drehte die Seitenscheibe herunter und steckte den Kopf hinaus. Der Regen rauschte leise. Roberto wartete mit zunehmender Ungeduld. Wenn es noch eine Abfahrt von dem Parkplatz gab, hatte der Gangster ihn abgeschüttelt.

Aber dann mahlte ganz kurz ein Anlasser, Scheinwerferlicht strich über den Platz, wischte über dunkle Backsteinmauern, Kisten und abgestellte Fahrzeuge. Im nächsten Moment fegte ein großer BMW auf die Straße und schoss davon. Der Wagen war blau, und als er unter einer der hohen Bogenlampen herhuschte, konnte Roberto die Zahl 76 im Kennzeichen erkennen. Das Fahrzeug war also im Bereich von Le Havre zugelassen.

Miriam startete, aber sie fuhr erst an, als der BMW bereits den Verteilerkreis am südlichen Ende der Hauptstraße erreicht hatte.

„Okay, Baby, sagte Roberto, der gesehen hatte, wie der Verfolgte in die Küstenstraße nach Cap Levy einbog. „Lass dir jetzt Zeit. Er entwischt uns nicht. Er nahm wieder den Hotelführer und die aufgefaltete Straßenkarte zur Hand, die er dann auf seinen Knien balancierte. Er knipste die abgeschirmte, an einer biegsamen Welle befestigte Ralleylampe an und lenkte ihren Strahl auf die Karte.

Über die Straße, die der Fahrer des BMW gewählt hatte, waren nur die Orte Cap Levy, St. Pierre Eglise und Barfleur zu erreichen.

Und laut Guide Michelin gab es nur in Cap Levy ein Hotel de la Marine.

11

Die meisten Hotels an der Strandpromenade von Cap Levy waren schon für den Winter geschlossen. Die Baldachine hatte man eingezogen, die Glaskäfige, in denen im Sommer die Gäste ihre Austern schlürften, waren entweder abmontiert oder mit Brettern vernagelt worden.

Über den niedrigen Deich fegten hell glitzernde Wasserschleier. Der Wind rüttelte an den eisernen Schlagläden der Häuser und klapperte mit losen Reklameschildern.

Roberto und Miriam hatten ihre Gummimäntel angezogen und standen im Schutz des Deichtores. Die Lampen über der

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