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Durch Urwald und Wüstensand

Durch Urwald und Wüstensand

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Durch Urwald und Wüstensand

Länge:
323 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Apr 25, 2019
ISBN:
9783730911921
Format:
Buch

Beschreibung

Durch des 16-jährigen Hans' Schuld brennt das Haus seiner Eltern nieder, er flüchtet auf See. Sein Schiff sinkt, er gerät mit einem Freund in die Hände von Malaien und Sklavenjägern und dann von Abenteuer zu Abenteuer.

Coverbild: © MSSA / Shutterstock.com
Herausgeber:
Freigegeben:
Apr 25, 2019
ISBN:
9783730911921
Format:
Buch

Über den Autor

Sophie Wörishöffer (6.10.1838 - 8.11.1890) war eine deutsche Schriftstellerin und Jugendbuchautorin. Sie wurde auch der „Karl May von Altona“ genannt. Wie Karl May hat die Autorin nie die von ihr beschriebenen Länder gesehen, sondern stützte sich auf die damals bekannten Reisebeschreibungen und sonstige Literatur.


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Durch Urwald und Wüstensand

Sophie Wörishöffer

Coverbild: © MSSA / Shutterstock.com

1. Von Maleien gerettet

Auf den Park eines Landhauses an der Alster schienen die letzten Sonnenstrahlen eines Sommerabends. Reichgefüllte Treibhäuser und bunte Beete sprachen für den Wohlstand des Besitzers; alles, bis zu den blauen plätschernden Wellen unten am Gartensaum atmete Schönheit und behagliche Ruhe.

Auf der sorgfältig gemähten Rasenfläche lag ein Junge von etwa sechzehn Jahren mit einer Zigarre zwischen den Lippen und den Händen unter dem Kopf. Sein Gesicht zeigte eine sonderbare Mischung von Ärger und heimlichem Triumph, er sah immer geradeaus und schien an irgendeinen fernliegenden Gegenstand mit besonderem Interesse zu denken.

Hinter ihm befand sich eine Baumgruppe, umgeben von dichtem Gebüsch. Die grüne Wand teilte sich und ein kleiner Junge von etwa neun Jahren kam zum Vorschein. „Hans, sagte er ängstlich, „du rauchst wieder!

„Hast du vielleicht Lust, mich zu verraten, Georg?"

„Nein, nein, versicherte der Kleine. „Ach, Hans, werde nur nicht böse, aber – du musst nicht erschrecken, weißt du –, aber …

„Der Schuldiener war da, nickte der ältere Bruder, „ich weiß schon. Er brachte von Studienrat Vogel einen Brief an Papa.

„Wer hat dir das gesagt?", rief Georg.

„Mein kleiner Finger", war die nachlässige Erwiderung.

Hans lachte. „Er ist aber wirklich der reine Vogel, du! Den Namen hat er weg und behält ihn auch, so lange seine Klasse existiert. Wenn er das kleine Gesicht zur Seite legt, den Hals immer in ruckartiger Bewegung, dann gleicht er ums Haar dem Sperling, der eben eine Brotkrume davonträgt. Na, aber – was schreibt er dem Papa?"

„Das weiß ich nicht, gestand der Kleine. „Ich konnte nur erkennen, dass Tante Lie weinte und dass Papa ein sehr zorniges Gesicht machte. Gewiss hast du wieder einen schlimmen Streich ausgeführt, Hans?

„Na klar!"

Der kleine Georg rückte näher. „Erzähle doch", bat er.

„Ja, du, bekannte Hans, „es war zu köstlich. Ich hatte eine Maus mit in die Klasse gebracht, eingenäht in einen Beutel.

„Eine lebendige?", rief Georg.

„Das versteht sich. Während Vogel an den Bänken auf und ab ging, brachte ich ihm geschickt die Maus in die Tasche."

„Ohne dass er es bemerkte?"

„Im Augenblick, ja. Aber der graue Gefangene sprang und hüpfte, dass des Lehrers Rockschöße schwankten wie ein Schiff auf hoher See; wir grinsten alle, er erkannte bald genug, dass etwas nicht in Ordnung sei, und dann fand er auch den Beutel. Du, es ging ein Lachsturm durch die ganze Klasse!"

„Und es ist herausgekommen, wer die Maus mitgebracht hatte?"

„Ach, weißt du, wir erwarteten, dass er eine lange Rede halten werde. Aber stattdessen kam er gerade auf mich zu und sagte mit dem sanftesten Tone: ,Hans Winkelmann, sieh mich einmal an! Hast du dieses Tier hier in die Klasse gebracht? Antworte offen und ehrlich!‘ – Nun, ich konnte ihm doch nicht ins Gesicht lügen. Das hätte Folgen für die ganze Klasse haben. können. So gab ich alles zu."

In der Unterhaltung der beiden entstand eine Pause, endlich nahm Georg seinen Roller und wollte sich entfernen. „Gewiss steht die ganze Geschichte in dem Brief, sagte er. „Papa wird sehr böse sein.

Der ältere Bruder zuckte die Achseln. „Solch ein Donnerwetter rauscht vorüber, versetzte er. „Wenn man es Vätern und Lehrern immer recht machen wollte, so müsste man ein wahrer Duckmäuser werden.

„Aber das verstehst du nicht, Georg, fügte er dann hinzu, „Weißt du was, ich habe einen Gedanken!

„Einen neuen Spaß?", fragte der Kleine.

„Natürlich. Sagtest du nicht, dass Papa und Tante Lie im Garten sind?"

„Ja, unten bei den Schwänen."

„Nun gut, dann locken wir Tyras, ziehen ihm einen Morgenrock der Tante an, setzen ihm ihre Nachtmütze auf und legen ihn in ihr Bett. Er ist gehorsam; solange ihn niemand ruft, bleibt er ruhig unter der Decke."

Georg lachte. Er sprang fort und kam schon nach wenigen Minuten in Begleitung eines großen schwarzen Pudels zurück.

„Geh mit, Tyras, flüsterte Hans, „ganz still, mein Hund.

Die drei schlichen durch eine Hintertür in das Haus und die Treppen hinauf, bis in ein Zimmer, dessen Fenster weit offen standen. Ein großes Bett nahm die Ecke ein, dicht davor stand ein Schrank, dessen Schlüssel im Schloss steckte. Hans nahm rasch einige Kleidungsstücke der alten Tante heraus, dann ließ er den Pudel sitzen und zog ihn an. Unter Georgs Beihilfe wurde der Hund in das Bett geschafft, bis an die Ohren zugedeckt und leise zur Ruhe gemahnt. „Kusch, Tyras, kusch, mein Bester!"

Nur die glänzenden schwarzen Augen funkelten unter der Nachtmütze hervor, die langen Ohren bewegten sich hin und her, sonst lag der Pudel mäuschenstill und blieb auch regungslos hingestreckt, als sich die Jungen entfernten.

Hans rieb sich die Hände. Er hatte den Brief seines beleidigten Lehrers jetzt schon vollkommen vergessen, ebenso die bevorstehende Strafpredigt des Vaters; ihm ging die Lust an Torheiten, am Lachen über alles. Wie sehr die Tante erschrecken würde, das war es, woran er einzig und allein dachte.

Die beiden jungen Sünder versteckten sich im Garten unter den Fenstern. Nach einer Weile trat Tante Lie in die Haustür und spähte durch das Dunkel des Abends nach allen Seiten. „Tyras! Tyras!", lockte sie den Pudel.

Ein Fall und der laute Schreckensschrei eines Hundes wurden zugleich gehört, daneben das Klirren zerbrechenden Glases und ein Schlag, der wie ein Kanonenschoß die Stille der Umgebung durchbrach. Aus den offenen Fenstern fuhr eine blaue Flamme, es knisterte und zischte, Rauch wallte auf – das ganze Zimmer brannte lichterloh.

Die Tante schrie, ebenso das Dienstmädchen – mit blassen Gesichtern sahen sich in ihrem Versteck die beiden Knaben einander an.

„Tyras hat die Lampe umgerissen! flüsterte Georg. „Ach, Hans, das ganze Haus wird in Flammen aufgehen!

„Still!, gebot der ältere Bruder. „Mach, dass du fortkommst, Georg, ich will die Verantwortung allein tragen. Geh! Geh!

Hans brauchte sich nicht um das brennende Haus zu kümmern, denn von allen Seiten kamen Leute mit Rettungsgeräten herbei; und Herr Winkelmann bemühte sich, zunächst seine angstvoll schreiende Schwester zu beruhigen.

Auch die nebenliegenden Zimmer waren jetzt von den Flammen schon ergriffen, und an einzelnen Stellen begann der Fußboden zu sinken. Wenigstens zwanzig Männer arbeiteten, während der Hausherr durch Rauch und Flammen in das Wohnzimmer eilte, um mehrere Gegenstände selbst in Sicherheit zu bringen.

Aus der Ecke hervor drang ein schwaches Winseln, und als Herr Winkelmann aufhorchend den Namen des Hundes rief, da schleppte sich ein formloses Etwas vor seine Füße und blieb dort leise heulend und klagend auf dem Teppich liegen. Voll Erstaunen bückte sich der Kaufmann, um den seltsamen Gegenstand zu untersuchen, sein schneller Befehl brachte einen Feuerwehrmann mit der Laterne herbei, und nun zeigte sich Tyras in der Nachtmütze und dem Kleide der Tante, aber arg verbrannt, blutend und von versengten Fetzen und Haaren bedeckt. Das arme Tier leckte die Hand seines Herrn, aber es schien dabei vor Schmerz kaum den Kopf erheben zu können; die Ohren waren ziemlich angesengt.

„Schnell, Herr!, rief der Feuerwehrmann. „Um des Himmels willen, schnell – die Decke stürzt ein!

Er ergriff den Hund, und beide Männer trugen ihn hinaus auf das kühle Gras, wo Herr Winkelmann vorsichtig die Überreste des Rockes und der Mütze von dem verbrannten Fleisch ablöste. Hans sah alles aus nächster Nähe mit an.

„Lie!, rief Herr Winkelmann, „komm hierher und sieh den armen Tyras an. Ich kann mir jetzt den ganzen Vorgang erklären – es ist wieder Hans, der das ganze Unglück ins Haus brachte, aber bei Gott, diesmal soll er mich kennen lernen. Ich schicke den Burschen in eine Erziehungsanstalt!

Hans hatte jedes Wort gehört, er zog sich unwillkürlich tiefer in das Gebüsch zurück, sein Herz schlug schneller, und seine Lippen zuckten. In eine Erziehungsanstalt sollte er gebracht werden?

„Wo steckt überhaupt der Bursche?, rief Herr Winkelmann. „Hat ihn jemand gesehen?

Von den Anwesenden konnte keiner Auskunft geben, aber Herr Winkelmann schien darauf nur wenig Gewicht zu legen. „Der Taugenichts wird sich schon melden, sagte er, „wahrhaftig, diesmal soll ihm der Übermut vergehen.

„Was hat der Hund?, fragte jemand. „Es sieht aus, als wolle er in das Gebüsch hineinkriechen – ob vielleicht sein Herr darin steckt?

„Hans!", schrie mit lauter Stimme Herr Winkelmann.

Der Knabe hütete sich, zu antworten, er verschwand in dem allgemeinen Getöse und gelangte dann im Dunkel des Abends bald in eine andere Straße, die ihn zum Dammtor führte und von dort in die Stadt hinein. Jetzt war sein Entschluss gefasst – er wollte mit dem nächsten Schiff in die Welt hinausgehen und es versuchen, sich auf eigene Faust durchzuschlagen.

Der Gedanke an die Erziehungsanstalt lief wie Feuer durch alle seine Adern – eher in den Tod als in solche Demütigung, das nahm er sich vor.

Mit wenig Geld in der Tasche und sonst nur mit dem leichten Sommeranzug und einer kleinen goldnen Uhr versehen, lief er in den Hafen und schaute auf das Wasser hinaus. Am Kai neben der Brücke lagerte eine große Schar von Auswanderern, die sämtlich mit ihrem Gepäck an Bord eines Dampfers befördert wurden, etwa um drei Uhr nachts, zur Zeit der eintretenden Flut, sollte das Schiff unter Segel gehen und seine Reise beginnen.

Verschiedene Kajütenpassagiere kamen in Droschken herbei, während die Masse derer, welche im Zwischendeck reisen sollten, familienweise über die Brücke wanderte und im bunten Durcheinander an Bord gelangte. Einer größeren Gruppe schloss sich Hans an, er stand bald auf dem Verdeck und beobachtete das Verpacken der Gepäckstücke, ohne von irgendeinem Menschen bemerkt zu werden. Überall weinten Freunde und Verwandte im Schmerz der Abschiedsstunde, überall hörte man Tröstungen und Versprechungen.

Von seinem letzten Geld hatte Hans unterwegs Brot, Fleisch und eine kleine Flasche Likör gekauft; jetzt galt es nur noch, im Bauche des Schiffes ein Versteck zu finden und bis hinter England darin unbemerkt zu bleiben – dann war er seiner Meinung nach geborgen.

Er drängte sich durch bis zur Leiter, an der verschiedene junge Leute hinab und herauf kletterten.

Noch ein letzter Blick zum Land hinüber, ein letzter tiefer Atemzug in freier Luft, dann stieg er hinab.

Unter dem Zwischendeck lag der Raum. Eine Öllampe schaukelte qualmend an der Decke, bis auf einen schmalen Weg türmten sich, zu beiden Seiten, mit Ketten und Seilen gehalten, die Besitztümer der Passagiere.

Er fand eine Ecke, die durch mehrere umfangreiche Kisten vor neugierigen Blicken hinlänglich geschützt war. Hier lagen Säcke mit weichem Inhalt, auf denen sich’s zur Not ganz gut schlafen ließ; nur Licht gab es natürlich nicht, weil der Raum tief unter der Oberfläche des Wassers lag. Hans rückte und schob sich die Gegenstände, so gut es ging, zurecht.

Über ihm krachten die Bretter unter den Fußtritten der hin und her gehenden Menschen. Noch einige letzte Kolli flogen hinab in den Raum, dann schlossen sich die Luken. „Fremde vorn Bord!" hieß es; das Schluchzen und Wehklagen wurde lauter, stärker, dann erstarb es allmählich und machte einer beängstigenden Stille Platz. Mehrere Polizisten gingen von Gruppe zu Gruppe und prüften die Reisepässe.

Auch in den Laderaum wurde hineingesehen. „Ist noch jemand da unten?", rief eine Stimme.

Oben wurden die Landungsbrücken eingezogen, es ertönten Fahrt-Signale, und die Maschinen begannen ihre Arbeit. Leb wohl, Hamburg – leb wohl!

Ein seltsames Gefühl war es doch, so ganz allein da unten in der Finsternis. Wie Blei drückte die heiße Luft, wie ein Hammer schlug das Herz in der Brust. Ein Glück nur, dass die Seekrankheit Hans nichts anhaben konnte – er war bereits zweimal mit dem Vater in England gewesen und hatte keine Übelkeit gespürt, es würde also sicherlich auch jetzt gut abgehen –, nur der Durst fing an, sich fühlbar zu machen.

Hans trank etwas von seinem Likör, dann suchte er zu schlafen. Welche Finsternis, welch drückende Luft.

Lange Stunden vergingen noch, bevor die Sonne wieder am Himmel erschien und auf dem Schiff das Leben des neuen Tages begann. Die Wellen gingen jetzt höher, man hatte Cuxhaven passiert und befand sich in der Nordsee.

Hans aß fast seinen gesamten Vorrat von Brot zum Frühstück. Was für mindestens drei Tage ausreichen sollte, das verschwand schon heute bis auf einen kleinen Rest.

Der Durst war so groß, dass er gegen Mittag den Hunger schon vollständig verdrängt hatte. Hans untersuchte die Säcke und Kisten, er hoffte etwas Genießbares zu finden, aber vergeblich.

Mittags drangen die verlockenden Düfte aus der Küche hinab in sein Gefängnis.

Noch bis zum Abend hielt er es aus, dann hatte ihn eine Art von Fieber ergriffen.

Mitten in der Nacht schleppte er eine Kiste bis unter die Luke, stemmte die Kräfte seiner Schultern gegen das eisenbeschlagene Holz und hob es so ziemlich leicht empor. Noch ein Schwung, dann lag die Luke am Boden, und Hans stand auf der obersten Sprosse der Leiter, um sich den frischen Seewind über die Stirn wehen, zu lassen.

Eine herrliche Kühle – er dachte im Augenblick an nichts anderes. Die Wellen hüpften und tanzten, der Mond schien hell auf das Schiff herab.

Aber der Anblick des Meeres schärfte den Durst; Hans sah umher, ob nicht irgendwo Wasser zu entdecken sei. Drüben in der Küche lagen ein paar Wasserbehälter, die eisernen Schöpfer hingen daran – sollte er es wagen, sich einen Vorrat für die nächsten Tage zu verschaffen? Vielleicht waren auch ein Brot, etwas Fleisch oder einige Früchte aufzutreiben.

Mit einigen Schritten näherte er sich den Fässern, tauchte die Schöpfkelle in das kalte Wasser und trank wie ein Mensch, der länger als vierundzwanzig Stunden gefastet hat.

Als er das Gefäß absetzte, sahen zwei Augen erstaunt in die seinen. „Na, fragte die Stimme eines jungen Menschen von etwa siebzehn Jahren, „wo kommst denn du her?

Hans erschrak. „Still!, flüsterte er, „verrate mich nicht!

„Gehörst du zu den Zwischendeckpassagieren?"

Hans sah ihn an. „Bist du auch ein Hamburger?"

„Gewiss!"

„Kannst du schweigen?"

Der andere hatte schon die offene Luke gesehen. „Ein blinder Passagier, nicht wahr? – Vor mir bist du sicher."

Hans reichte ihm plötzlich die Hand. „Kannst du mir so viel Wasser verschaffen, wie ich brauche, bis wir England passiert haben? Und vielleicht auch etwas Brot? – Aber mit dem Wasser halte ich es zur Not schon aus."

Der andere nickte. „Du kannst zu essen und zu trinken bekommen, sagte er. „Ich bin Kajütenjunge und habe Gelegenheit genug, dir dies oder das beiseite zu bringen. Willst du denn auf hoher See zum Vorschein kommen?

Hans lachte. „Nun natürlich, versetzte er. „Ich kann dir sagen, dass der Aufenthalt da unten seine Schattenseiten hat.

Der Schiffsjunge wiegte den Kopf. „Unser Kapitän lässt dich bestimmt bestrafen", sagte er nach einer Pause.

Hans schnippte mit den Fingern. „Ich werde in Amerika schon ebenso glücklich an Land kommen, wie ich in Hamburg an Bord kam, sagte er leichthin. „Where is a will, there is a way, wie du weißt, mein Lieber.

Der Kajütenjunge schien sehr erstaunt. „Vorläufig geht das Schiff keineswegs nach Amerika, versetzte er, „sondern nach Van Diemensland!

„Australien!, rief Hans. „Dann wird man Schafhirte!

In diesem Augenblick erklangen Schritte an Deck, die Wache wurde abgelöst, und Hans musste schleunigst in sein Versteck flüchten, um nicht vom zweiten Steuermann, entdeckt zu werden. Die Hand seines neuen Freundes reichte ihm späterhin ein größeres Gefäß mit Wasser, Schiffszwieback und ein tüchtiges Stück Braten in sein Versteck hinein.

Nun war ihm geholfen, er schlief bis an den hellen Morgen und verbrachte auch den Tag ohne größere Beschwerden; in der nächsten Nacht folgten dann neue Vorräte des Kajütenjungen und zugleich die Mitteilung, dass der Kanal erreicht sei. „Morgen Abend haben wir England im Rücken", hieß es.

„Und das Schiff legt nicht an?"

„Nein!"

„Wie heißt denn der Hafenplatz, den wir aufsuchen? Ich muss es wissen!"

„Weil du dir ein Märchen ausdenken willst, nicht wahr? Der Ort heißt Georgetown."

Hans lachte.

Gegen Abend des nächsten Tages belauschte er ein Gespräch zwischen einem der Matrosen und einigen Auswanderern. „Das sind die Scilly-Inseln", sagte der Seemann.

Hans atmete tiefer. Jetzt war es soweit, nun musste er hervortreten und das Verhör des Kapitäns über sich ergehen lassen – je früher, desto besser.

Er schwang sich aus der Luke hervor und kletterte an Deck.

Unter dem breiten Sonnensegel saßen die Passagiere der ersten und zweiten Klasse, und zwischen ihnen, eine Zigarre rauchend, der Kapitän.

Hans näherte sich langsam wie jemand, der sehr wohl weiß, dass das Recht nicht auf seiner Seite ist.

„Herr Kapitän, sagte er, „ich komme, Sie um Verzeihung zu bitten.

Mehrere ältere Damen flüsterten. „Der hübsche Junge, sagte eine, „wie blass er ist!

Der Kapitän runzelte die Stirn. „Komm einmal her, Bursche!, sagte er. „Du bist wohl ein blinder Passagier! Hinter den Scilly-Inseln kommen sie immer zum Vorschein.

Hans senkte den Blick. „Ja!", gestand er.

„Das konnte ich mir denken. Und ein Ausreißer natürlich!"

Hans schwieg.

„Sprich, Junge, rief der Kapitän. „Bist du entlaufen?

„Ja! – Meine Eltern sind nach Georgetown übergesiedelt und haben mich zur Ausbildung für den Kaufmannsstand in Hamburg zurückgelassen. Das konnte ich nicht ertragen."

„Armer Junge!, flüsterten mitleidig die Damen. „Man muss ihm beistehen!

„Ich will die Sache in die Hand nehmen, meinte einer der Herren, „will mit dem Vater sprechen und alles ins Reine bringen. Wir haben ja auch in Georgetown Handelshäuser, wo ein junger Mann seine Ausbildung vervollständigen kann!

„Wie heißt denn dein Vater, Junge?", fragte schon halbbesänftigt der Kapitän.

„Robert Marquardt", antwortete Hans mit klopfendem Herzen.

Der Kapitän nickte. „Nun gut, sagte er, „der Steward soll dir eine Koje anweisen. Da du einmal hier bist, so hilft es nichts, jetzt noch zu schelten, doch werde ich selbst dich deinem Vater überliefern, darauf verlasse dich.

Hans verbeugte sich dankend und war froh, das Examen glücklich bestanden zu haben.

Die Insel Madeira war passiert, dann das Kap der guten Hoffnung, weiterhin Madagaskar und verschiedene kleine Inseln; unter den Passagieren begann man von dem baldigen Ende der Fahrt zu sprechen.

„Noch vierzehn Tage, hatte der Kapitän gesagt, „dann landen wir, wenn alles nach Wunsch geht, in Georgetown.

Hans erschrak, „So schnell schon!"

Zum ersten Mal seit dem Tage seiner Befreiung aus dem Schiffsraum erinnerte er sich wieder des ganz vergessenen Kajütenjungen, er schlich zu ihm und fragte ihn, ob er Georgetown bereits kenne.

Der junge Seemann lächelte. „Du willst heimlich von Bord gehen, nicht wahr? Wenn wir zufällig abends anlegen, wird das vielleicht gelingen, sonst schwerlich."

„Es muss gelingen!, rief Hans. „Ich setze alles dran.

„Sprich doch nicht so unvorsichtig, warnte der andere. „Noch sind es vierzehn Tage, bis wir landen.

„Ha, die vergehen auch! Wie heißt du übrigens? Ich habe, glaube ich, noch nicht einmal deinen Namen erfahren."

„Weil dich die Gesellschaft da drüben so sehr fesselte!, war die etwas spöttische Antwort. „Ich heiße Otto Berning.

„Du willst mir also helfen, in Georgetown von Bord zu kommen?"

„Lass uns doch erst einmal das Land in Sicht haben", rief beinahe ärgerlich der Seemann.

Hans lachte. „Weshalb sollte denn gerade am Ende einer vollkommen glücklichen Reise noch irgendein Schrecknis hereinbrechen?, rief er. „Bist du abergläubisch, Otto, hast du Vorzeichen gesehen?

Der andere nickte. „Ich – und noch mehrere von unseren Leuten", sagte er leise, beinahe scheu.

Hans fühlte sich unwillkürlich gefesselt. „Was denn?", fragte er.

„Das St. Elmsfeuer. Es brannte in der letzten Nacht auf dem Mittelmast."

Hans zuckte die Achseln. „Weil wir Gewitterluft haben!, rief er. „Es ist schwül und beinahe windstill.

Otto zuckte die Achseln. „Einerlei – die Matrosen sagen, dass solche Zeichen Unglück bedeuten."

Der Abend sank herab, windstill und dunkel, wie seine Vorgänger. Auf dem ganzen Schiff ruhte die Arbeit, überall im Volkslogis lagen die Seeleute auf Kisten und Bänken mit der Tonpfeife in Mund und dem gefüllten Glas vor sich. Der Kapitän hatte nicht gegeizt: Während seine Passagiere tanzten, ließ er die Leute trinken und den Abend müßig verbringen.

Sie sprachen alle zugleich, die einen von der Zukunft, die andern von der Vergangenheit. Was jeder auf dem Herzen trug, Erhofftes oder Gefürchtetes, das brach sich heute Abend Bahn – seltsam krause, bunte Vorstellungen traten ans Tageslicht.

„Wenn wir sterben, mit einem Glas Alkohol in der Hand und einem Schlager auf den Lippen, kommen wir dann in den Himmel?"

„Wachet und betet, murmelte der Zimmermann, „hütet euch, dass ihr nicht in Anfechtung fallet!

„Christus trank auf der Hochzeit von Kana", fügte er hinzu.

„Lasst den Alten in Ruhe, sage ich euch. Er ist über die Zeit der Torheiten hinaus, nicht wahr, Zimmermann?"

„Ablösung!, rief eine andere Stimme. „Müssen wir mit?

Der zweite Steuermann kommandierte einen Matrosen an das Ruder, einen andern auf den Ausguck in den Mittelmast. „Du enterst auf, Lorenz", befahl er.

Der Matrose schüttelte sich vor Grauen. „Gerade heute Abend?, raunte er. „Und wenn die blaue Flamme kommt?

„Dann wird sie dich nicht beißen. Vorwärts!"

Der Zimmermann erhob sich. „Mit Verlaub, Steuermann, sagte er, „kann ich anstatt des jungen Burschen die Wache beziehen?

„Wenn Ihr selbst es so wollt. Werdet ja wohl mit Euern fünfzig Jahren das bisschen Elektrizität nicht fürchten."

Der Zimmermann steckte seine Bibel in die Tasche. „Die Elektrizität?, wiederholte er in gedehntem Ton. „Nein, die nicht.

Und dann kletterte er langsam in den Mast bis zum Ausguck.

Aus der Mitte der Tanzgesellschaft herüber erklangen die lustigen Töne eines Walzers, seltsam untermischt mit dem Choral, den der Alte sang. Schwarz und undurchdringlich, bleiern hingen über dem Schiff die Gewitterwolken.

Es war elf Uhr vorbei, die Lust stieg auf den höchsten Gipfel. Mit dem gefüllten Glas in der Hand trat der Kapitän in die Mitte des Saales. „Auf ein glückliches Ende unserer Fahrt!, rief er. „Stoßen Sie an, meine Herrschaften!

Die Gläser erklangen, ein allgemeiner Jubel mischte sich in das Tönen der Instrumente. „Auf glückliche Landung! Auf das Wohl des guten Schiffes und seines Führers!"

„Da! Da!, rief aus dem Logis eine Stimme. „Die Flamme! – Zum dritten Mal ist die Flamme wiedergekommen!

Von Mund zu Mund flog die Botschaft. Die Kinder jubelten laut, Herren und Damen eilten hinaus auf das Verdeck, nur der Kapitän schwieg. Mit dem Glas in der Hand blieb er allein am Büfett stehen; sein Gesicht hatte alle Farbe verloren.

Draußen herrschte allgemeine Stille. Auf dem Top brannte feierlich die elektrische Flamme, bläulich und weiß schillernd. Niemand sprach – der Bann des Fremden, nur halb Verstandenen lastete auf den Herzen aller.

Und dann geschah etwas Schreckliches.

Unmittelbar neben dem Schiff erklang zur Linken der gellende Ton einer Dampfpfeife, begleitet von dem lauten angstvollen Ausruf des Zimmermanns im Mastkorbe. „Schiff auf Backbord! – Ganz nahe!"

Ein ungeheurer Krach verschlang die letzten Worte. Über den Köpfen der erschreckten Menschen, weiß und gespenstisch in der herrschenden Finsternis, erschien die Takelage eines anderen Schiffes, zerschlagene und zerrissene Fetzen flogen herab auf das Verdeck, rauschend und brausend ergoss sich in die unteren Räume das hereindringende Wasser. Über den Gräueln

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