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Krimi Frühling 2017: 1000 Seiten Spannung: Cassiopeiapress Thriller Sammelband

Krimi Frühling 2017: 1000 Seiten Spannung: Cassiopeiapress Thriller Sammelband

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Krimi Frühling 2017: 1000 Seiten Spannung: Cassiopeiapress Thriller Sammelband

Länge:
1,196 Seiten
14 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Jun 14, 2019
ISBN:
9783739694764
Format:
Buch

Beschreibung

 
Der Umfang dieses Buchs entspricht 1040 Taschenbuchseiten.
Krimis der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre.
Mal provinziell, mal urban. Und immer anders, als man zuerst denkt.
 
 
Dieses Buch enthält folgende Krimis:
 
Horst Bieber: Der Lauscher an der Wand
Alfred Bekker: Zweisam in Sonsbeck
Alfred Bekker: Hinter dem Mond
Horst Bieber: Nachtarbeiter
Horst Bieber: Nicht jeder Sieg stimmt froh
Horst Bieber: Familienbande
Alfred Bekker: Mörderspiel
Peter Dubina: Das Syndikat kennt keine Gnade
Pete Hackett: "Lauf um dein Leben, Agent Burke!"
Pete Hackett: Ein tödlicher Deal
Pete Hackett: Die Alternative ist der Tod
Alfred Bekker: Das Phantom von Tanger
Alfred Bekker: Wettlauf mit dem Killer
 
Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden und Janet Farell.
 
Cover: Steve Mayer
Herausgeber:
Freigegeben:
Jun 14, 2019
ISBN:
9783739694764
Format:
Buch

Über den Autor

Alfred Bekker wurde am 27.9.1964 in Borghorst (heute Steinfurt) geboren und wuchs in den münsterländischen Gemeinden Ladbergen und Lengerich auf. 1984 machte er Abitur, leistete danach Zivildienst auf der Pflegestation eines Altenheims und studierte an der Universität Osnabrück für das Lehramt an Grund- und Hauptschulen. Insgesamt 13 Jahre war er danach im Schuldienst tätig, bevor er sich ausschließlich der Schriftstellerei widmete. Schon als Student veröffentlichte Bekker zahlreiche Romane und Kurzgeschichten. Er war Mitautor zugkräftiger Romanserien wie Kommissar X, Jerry Cotton, Rhen Dhark, Bad Earth und Sternenfaust und schrieb eine Reihe von Kriminalromanen. Angeregt durch seine Tätigkeit als Lehrer wandte er sich schließlich auch dem Kinder- und Jugendbuch zu, wo er Buchserien wie 'Tatort Mittelalter', 'Da Vincis Fälle', 'Elbenkinder' und 'Die wilden Orks' entwickelte. Seine Fantasy-Romane um 'Das Reich der Elben', die 'DrachenErde-Saga' und die 'Gorian'-Trilogie machten ihn einem großen Publikum bekannt. Darüber hinaus schreibt er weiterhin Krimis und gemeinsam mit seiner Frau unter dem Pseudonym Conny Walden historische Romane. Einige Gruselromane für Teenager verfasste er unter dem Namen John Devlin. Für Krimis verwendete er auch das Pseudonym Neal Chadwick. Seine Romane erschienen u.a. bei Blanvalet, BVK, Goldmann, Lyx, Schneiderbuch, Arena, dtv, Ueberreuter und Bastei Lübbe und wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt.


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Buchvorschau

Krimi Frühling 2017 - Alfred Bekker

München

Krimi Frühling 2017

Der Umfang dieses Buchs entspricht 1040 Taschenbuchseiten.

Krimis der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre.

Mal provinziell, mal urban. Und immer anders, als man zuerst denkt.

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Horst Bieber: Der Lauscher an der Wand

Alfred Bekker: Zweisam in Sonsbeck

Alfred Bekker: Hinter dem Mond

Horst Bieber: Nachtarbeiter

Horst Bieber: Nicht jeder Sieg stimmt froh

Horst Bieber: Familienbande

Alfred Bekker: Mörderspiel

Peter Dubina: Das Syndikat kennt keine Gnade

Pete Hackett: „Lauf um dein Leben, Agent Burke!"

Pete Hackett: Ein tödlicher Deal

Pete Hackett: Die Alternative ist der Tod

Alfred Bekker: Das Phantom von Tanger

Alfred Bekker: Wettlauf mit dem Killer

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden und Janet Farell.

Cover: Steve Mayer

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch

© by Authors

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Der Lauscher an der Wand

Krimi von Horst Bieber

Der Umfang dieses Buchs entspricht 325 Taschenbuchseiten.

Schon am Tage wirkte die Schlachthofstraße düster und hässlich, kurz vor 24 Uhr in einer ungewöhnlich nasskalten Aprilnacht konnte sie das Fürchten lehren. Die hohen, fensterlosen Wände der Fabriken, der Lagerhallen und des Schlachthofes, von denen der Putz bröckelte, hatten viel Ähnlichkeit mit Gefängnismauern, und die wenigen trüben Laternen verstärkten den Eindruck noch. Kein Mensch weit und breit, nicht einmal ein parkendes Auto. Wie zur Bestätigung fauchte eine Bö durch die Mauerschlucht und rüttelte den Wagen durch. Am Güterbahnhof schwankten die Leuchten, die an Kabeln quer über den Gleisen hingen, und warfen bedrohliche Schatten.

Eine halbe Minute fuhren Hartmut Prinz und Franziska Seidel, die beiden Zivilfahnder, schweigend an den Gleisen des Rangierbahnhofes vorbei, dann befahl sie plötzlich scharf: «Halt!»

Wie eine Wilde kurbelte sie das Fenster runter und riss das Nachtglas hoch: «Du, das ist der Geier.»

Durch puren Zufall entdecken die beiden Zivilfahnder den entsprungenen Sträfling «Der Geier». Aber nicht nur die Unterwelt hat ein brennendes Interesse daran, ihn so schnell wie möglich mundtot zu machen. Auch bei der Polizei können es sich einige Leute nicht leisten, dass der Geier singt. Und so stirbt der Geier bei einem Schusswechsel mit der Polizei, obwohl er gar keine Waffe bei sich trug ...

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© Cover nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Die Hauptpersonen

Die Kriminellen Die Polizisten

Der Geier Jens Rogge

Mario Torelli Alfons Lutterbeck

Carlos Buenterra Jürgen Soltau

Der Karten-König Rainer Dallon

Heinz Sichel Franziska Seidel

Ludwig Fischer Hartmut Prinz

Jonathan Schmittel

Stein Heesen

Britta Lund Jochen Leutwein

Ingrid Schneider Sabine Köhler

Ascho Thomas Förster

Renate Biederich

(einige der Personen gehören vielleicht auf die andere Seite)

und die Leute dazwischen

Evelyn Johannsen

Gunda

Annamaria Sigold

Neri Tabaja

Alle Personen und Firmen, Orte und Taten sind frei erfunden. Nur die Verhältnisse sollen an Deutschland erinnern.

Prolog

Die schneebedeckten Gipfel schienen zum Greifen nah, der Himmel war wolkenlos blau, aber die Sonne wärmte nicht mehr. Über Nacht hatte sich der Herbst verabschiedet. Maxi hatte keinen Blick für die Schönheiten des Tales, obwohl er pflichtgemäß die Aussicht bewundert und wie bei jedem Besuch überschwänglich gelobt hatte. Das gehörte zum Ritual und mittlerweile auch zur Tarnung seines Gastgebers, dem die Rolle des alten, etwas umständlichen und gelegentlich kauzigen Ruheständlers in Fleisch und Blut übergegangen war. Geduldig warteten sie, bis das Dienstmädchen den Frühstückstisch abgedeckt und die Tür fest hinter sich zugezogen hatte. Eggli setzte genussvoll die erste Zigarre des Tages in Brand, hustete und nebelte sich ein. Als sich die Rauchwolke wieder lichtete, fragte Maxi ungeduldig: «Nun, was meinst du?»

«Alles in allem - ja, danke für deine Mühe, der Laden interessiert mich.»

«Gut. Das hab ich mir so halb und halb gedacht. Kannst du mit der Klitsche wirklich etwas anfangen?»

«Ja, schon. Nicht kurzfristig, aber das Geschäft hat einen guten Namen, und der Alleineigentümer wird bald abtreten.»

«Fein. Dann sind wir uns wieder einmal einig.»

Maxi lächelte schmal, reichte den Hefter über den Tisch und steckte den dicken Briefumschlag ungeöffnet in seine Aktenmappe. Sein Gastgeber hatte ein paar Angewohnheiten, die ihn störten, dieses Zigarrenrauchen zum Beispiel, aber in geschäftlichen Dingen hatte er sich als ein angenehmer, kompetenter und vor allem zuverlässiger Partner herausgestellt. Anders als viele Neulinge setzte er auf friedliche Einigung mit möglichen Konkurrenten. Vom Temperament her ließ es Maxi eher auf einen Kampf ankommen, aber das Geschäft war hart geworden, und Maxi hatte teils aus Erfahrung, teils aus Klugheit eingesehen, dass auch er wohlwollende Partner benötigte. Allerdings sprachen sie nie über ihre Transaktionen, auch wenn jeder dank seiner Verbindungen ziemlich genau wusste, was der andere trieb. In diesem Metier war Schweigen Gold und Reden zu oft Blei von der Art, wie es aus Pistolen und Revolverläufen spritzte.

Eine Stunde später verabschiedete sich Maxi. Sie hatten noch über Gott und die Welt, die Europäische Gemeinschaft und die beiden geplanten Alpen-Eisenbahntunnel, über Dollarschwäche (ärgerlich) und Warentermin-Kontrakte (erfreulich) geplaudert. Zwei Geschäftsleute, der eine Mitte Dreißig, schlank und schmal, energisch und intelligent, skrupellos unter dem Firnis lässiger Eleganz, der andere dreißig Jahre älter, klein und füllig, scheinbar behäbig und zerstreut, freundlich und eine Spur konfus.

Eggli sah dem Wagen nach, bis er unten im Tal in die Hauptstraße einbog, und ging dann zum Telefon. Auf ein Telefonverzeichnis konnte er verzichten, zu seinem größten Kapital zählte ein phänomenales Gedächtnis für Ziffern und Namen. Und die Tatsache, dass keiner ihm das zutraute. Von Maxi hielt er nicht viel, ein Abstauber und zugleich ein Hasardeur, der bis jetzt zu viel Glück gehabt hatte, um Vorsicht zu lernen.

*

«Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Fahrt», grüßte Eggli höflich und hielt seinem Gast die Tür auf.

«Vielen Dank, ja, ich kann nicht klagen.»

«Sie wollen sich sicher die Hände waschen. Was halten Sie davon, wenn wir in einer Stunde essen? Bis dahin könnten Sie vielleicht freundlicherweise einen Blick in diese Unterlagen werfen?»

«Ganz, wie Sie wünschen.» Stein sagte es ernsthaft, er wusste, dass sein Gastgeber großen Wert darauf legte, die Form zu wahren und seine Befehle in Bitten oder Vorschläge zu kleiden. Nach dem Anruf war er sofort losgefahren. Denn Eggli verabscheute Verzögerung, Dummheit und Anbiederung.

Mit einer Flasche Wein zogen sie sich in das Arbeitszimmer zurück, während des Essens hatten sie das Geschäft mit keiner Silbe erwähnt, und das nicht nur wegen des älteren, mürrischen Dienstmädchens, das auftrug.

«Ein Macon», erläuterte Eggli leise schmunzelnd. «Ein zum Glück noch namenloser Wein. Erschwinglich, Sie verstehen?»

«Wie diese Firma», ergänzte Stein freundlich.

«Richtig. Ich habe einen jungen Mann an der Hand, der etwas vom Fach versteht. Und eine Firma im Ausland, die an diesem Stützpunkt interessiert ist. Die Firma wird sich beteiligen und den jungen Mann als Geschäftsführer installieren. Er wird dann mit Ihnen Kontakt aufnehmen.»

«Sollen wir nicht direkt ...?»

«Nein! Das ist mir zu riskant. Erst sanieren, dann expandieren.»

Stein hatte Kugelschreiber und Notizbuch hervorgeholt.

«Es könnte auffallen, wenn sich drei Krüppel verbünden, um einen Marathonlauf zu gewinnen.»

«Drei angesehene, geachtete Krüppel.»

«Zweifellos. Aber drei Ehrenmänner, die es nicht übers Herz bringen, vor anderen Ehrenmännern ihre finanziellen Nöte zu vertuschen.»

«In dem Punkt kann ich Ihnen leider nicht widersprechen», pflichtete Stein hölzern bei.

«Genau das brauchen wir, Herr Stein. Guter Ruf, Ehrlichkeit, respektierte Namen. Alles andere lässt sich kaufen.»

Die leichte Spitze war ihm nicht entgangen, aber er ließ sich nichts anmerken. «Dieser junge Mann weiß Bescheid?»

«Ja. Sie können ihm vertrauen. Er bestimmt den Zeitpunkt, er muss nämlich erst einen Erben davon überzeugen, dass man Geld auf verschiedene Art und Weise verdienen kann.»

«Sie wissen, dass mir eine Geschäftsausweitung nicht unlieb wäre.»

«O ja, das ist mir bekannt, Herr Stein.» Eggli hob in komischem Entsetzen beide Hände. «Trotzdem bleiben wir dabei: Keine Ausweitung. Wir bleiben unauffällig. Wir haben Zeit.»

«Sie sind der Boss», erwiderte Stein ausdruckslos.

«Und Sie wissen genau, dass ich recht habe», stichelte Eggli behäbig. «Nach allem, was Sie mir bis jetzt berichtet haben, ist es bei Ihnen in der Stadt ungemütlich geworden.»

Nach einer langen Bedenkpause nickte Stein. Das stimmte, leider. Vorsicht schien schon angebracht, obwohl er lieber an der Spitze mitkämpfte, als sich unauffällige Nischen zu suchen.

«Und? Ist eine Beruhigung abzusehen?»

«Schwer zu beurteilen. Die Pizza-Connection breitet sich aus, und wie es aussieht, hat sich einer durchgesetzt. Mario Torelli heißt er, in Deutschland geboren. Vorsichtiger und umsichtiger als die meisten seiner Landsleute. Ich hatte einen Mann bei ihm eingeschleust, der leider verurteilt worden ist - nein, nein, keine Sorge, unsere Firma ist nicht genannt worden.»

«Müssen Sie etwas für ihn tun?»

«Noch nicht. Ein paar Monate soll er noch sitzen, aber sonst ist alles vorbereitet.»

«Gut.»

«Von ihm weiß ich, dass Mario einige Polizisten auf seiner payroll hat.»

«Das ist nicht gut, nein, gar nicht gut. Wenn die Polizei jetzt, nach diesem albernen Gesetz, Ernst macht, wird sie sich als Erstes intern absichern müssen.»

Stein zuckte die Achseln. Möglich, dass es so kam, es berührte ihn nicht, er hatte sich immer strikt an Egglis Verbot gehalten, Polizisten zu bestechen oder anzuwerben.

«Mario hat andere Probleme, es hat erste Zusammenstöße mit den syrisch-kurdischen Lieferanten gegeben. Außerdem kursiert das Gerücht, dass die Cali-Leute direkt verkaufen möchten und deshalb eigene Endverteiler aufbauen wollen.»

«Auch bei Ihnen schon?»

«So heißt es. Im Rotlicht-Milieu, da gibt es nämlich noch Gruppen, die auf eigene Rechnung arbeiten, obwohl sie jetzt von allen Seiten in die Zange genommen werden.»

«Deutsche Eigentümer?»

«Ja. Der Markt ist eng und hart geworden.»

«Soll ich Ihren Worten entnehmen, dass diese armen Menschen nach Verbündeten oder Koalitionen suchen?»

«Ja, erste Rauchzeichen steigen zum Himmel.» Stein lachte.

«Nein!» Egglis Ton war plötzlich scharf geworden, «Kein Rauschgift, keine Prostitution und kein Geld, ob sauber oder schmutzig, aus diesen beiden Bereichen. Dabei bleibt es, Herr Stein.»

Samstag, 25. April

Wie fast immer in solchen Fällen regnete es, nicht heftig, sondern in einem enervierenden Niesel, der senkrecht aus einem niedrigen, grauen Himmel herabschwebte. Die zu den Teichen hin abfallende Wiese war nass wie ein Schwamm. Bei jedem Schritt bildete sich mit einem schmatzenden Geräusch rings um den Schuh eine Pfütze, eine Spur wie eine Kette von Wasserlöchern. Die Pappeln, noch ohne jede Spur von Grün, standen völlig regungslos und troffen vor Feuchtigkeit. Bis jetzt hatte der April nur Nässe, Stürme und eine Kälte gebracht, die jede Kleidung durchdrang.

«Genau das richtige Wetter, eine Wasserleiche zu finden», knurrte Sabine Köhler und klapperte mit den Zähnen.

Rogge antwortete nicht. Immerhin hatte das Wetter die sonst unvermeidlichen Schaulustigen vertrieben; nur ein älteres Ehepaar, beide in leuchtend gelben Ostfriesen-Nerzen, wartete geduldig oben auf dem Deich, ob nun etwas Sensationelles geschehen würde. Für einen Samstagnachmittag war der Auenpark geradezu gespenstisch leer, und an diesem Eindruck änderten auch die fünf Autos nichts, die auf dem breiten Weg parkten. Unten, am Deich, arbeitete bereits die Spurensicherung. Die Leiche war mit einer groben Plane abgedeckt, von der das Wasser herunterlief.

«Na, dann mal auf in den Kampf!»

Schon nach den ersten Schritten hatte er nasse Füße. Ihr ging es nicht anders: «Warum hat mir keiner gesagt, dass ich Stiefel ...»

«Weißt du, wie man nasse Schuhe vermeiden kann?» Er schmunzelte, weil sie ihn misstrauisch anblinzelte. «Indem man sie auszieht.»

Sie holte tief Luft, verschluckte aber die Entgegnung, die ihr auf der Zunge lag.

«Wir haben das für dich arrangiert, Bine. Damit dir der Abschied von der Mörderei leichter fällt.»

Hauptmeister Schütze, der ihnen entgegenkam, sah aus, als habe er eben eine Schlammschlacht verloren. Er trug hohe Stiefel, die rundum mit feuchtem Lehm gepanzert schienen. Sein Atem ging schwer. Zur Begrüßung nickten sie sich nur zu.

«Eine männliche Leiche, Herr Rogge. Bekleidet. Ich würde denken, sie liegt etwas länger als ein halbes Jahr im Wasser.»

Schütze hatte Erfahrung, sogar sehr viel Erfahrung, die Wasserpolizei bekam viele Ertrunkene zu sehen und hatte gelernt, sie so zu bergen, dass man sie nachher noch identifizieren konnte. Rogge brummte zustimmend und betrachtete einen Moment geistesabwesend den Fotografen. Schon jetzt war das Teichufer zertrampelt wie von einer Horde Elefanten. Vier Polizisten in Gummianzügen wateten noch durch das etwa brusttiefe Wasser und zogen Netze hinter sich her. Vielleicht fanden sie den Stein oder das Metallstück, mit dem die Leiche beschwert gewesen war. Denn sonst wäre sie längst aufgeschwommen.

«Wie ist sie denn entdeckt worden?»

Dank des berühmten Zufalls. Gegen 15 Uhr waren Vater und Sohn in den Park gekommen, um das neue ferngesteuerte Modellflugzeug auszuprobieren.

«Da hätt ich aber besseres Wetter abgewartet!», schimpfte sie leise, und Schütze lachte sie an: «Das meinte der Vater auch, aber Sohnemann war anderer Meinung.» Bis der Niesel wohl seinen Tribut forderte: Der Motor blieb stehen, abgesoffen im eigentlichen Sinne des Wortes, und das schöne Modell verschwand, auf keinen Steuerbefehl mehr reagierend, im flachen Gleitflug hinter dem Deich. Und landete wahrscheinlich im Teich. Denn als Vater und Sohn atemlos die Deichkrone erreicht hatten, war von dem teuren Stück nichts mehr zu sehen. Tränen, Geschrei, Geschimpfe, und natürlich wagte sich Papi dann doch ins kalte Wasser. «Der Grund ist weich und moddrig. So, wie er es geschildert hat, ist er wohl über die Leiche gestolpert, und durch den Stoß oder Tritt hat sie sich vom Boden gelöst.»

«Oder von dem Gewicht», ergänzte Rogge.

«Gut möglich.» Etwa vier bis sechs Meter vom Rand entfernt - mehr hatten sie aus dem völlig verstörten Mann nicht herausgeholt. Es spielte auch keine Rolle, wo genau die Leiche abgelegt worden war. Der Teich, etwa achtzig Meter lang und an die dreißig Meter breit, hatte keinen Zu- oder Abfluss. Auf der anderen Seite des Deiches lagen die Überschwemmungswiesen des Flusses; auf dieser Seite diente der Teich als Überlaufbecken für die Entwässerungsgräben, die den Auenpark trocken halten sollen. Ein fast sechs Kilometer langes und durchschnittlich fünfhundert Meter breites Grüngelände hinter dem Hauptdeich. Im Osten ging es in ein Moor und Sumpfgebiet über, das unter Naturschutz stand.

Prüfend schaute er auf das undurchsichtige Wasser. Es schimmerte moorig dunkel, als sei es dreckig oder voller Torffasern, und er glaubte den leicht säuerlichen und zugleich stechenden Dunst nach Verwesung zu riechen. Am Montag würde er sich erkundigen müssen, ob das Wasser je abgelassen oder abgepumpt würde, und wenn ja, wann zum letzten Mal.

«Vielen Dank, Herr Schütze.»

Auf einen Wink zog ein Uniformierter die Plane ein Stück herunter. Sabine Köhler drehte sich schnell zur Seite, und auch Kogge schluckte überrascht. Mit einem Farbigen hatte er nicht gerechnet dann begriff er. Algen und Schlick hatten das Gesicht mit einer fast schwarzen, dünnen Schicht überzogen, die alle Züge unkenntlich machte. Die Haare waren ausgegangen. Auf den ersten Blick erinnerte das Gesicht an eine missglückte Totenmaske aus schmutzigem Gips. Die Hände steckten bereits in fest verklebten Plastikbeuteln, die mit einer Flüssigkeit gefüllt waren. Sie brauchten Fingerabdrücke.

«Der Arzt wartet oben, Herr Hauptkommissar.»

«Vielen Dank.»

Mühsam kletterten sie den Deich wieder empor; in einem Transporter mit offener Schiebetür saßen zwei Männer an einem Klapptisch und hoben jetzt die Köpfe. Der ältere legte nur wortlos zwei Finger an die Mütze und zeichnete an seiner Skizze weiter.

«Na, Herr Wenzel, was verrät uns die ärztliche Wissenschaft?»

Der Arzt griente, er hatte schlechte Zähne, vom vielen Rauchen schwarz und gelb verfärbt.

«Männlich, zwischen dreißig und vierzig, von mindestens drei Schüssen getroffen, zwei in den Brustkorb, einer in den Schädel.»

«Oha!», sagte Rogge erstaunt. «Erschossen - ist das sicher?»

«Soll ich gleich hier obduzieren?»

«Viel Spaß. Ist überhaupt noch etwas für die Identifizierung übriggeblieben?»

«Doch, ja, sieht ganz so aus.» Wenzel zögerte und rieb sich über das Kinn. «Das saure Wasser, wissen Sie ...»

Rogge wartete, doch der Arzt sprach nicht weiter. Ein Kastenwagen bremste hinter der Autoreihe, vier Männer sprangen heraus, und zwei zogen aus dem Laderaum eine Art Badewanne mit langen Tragestangen heraus. Wasserleichen wollten sorgfältig behandelt werden.

«Lass uns gehen, mir ist kalt», drängte Sabine Köhler.

Der Regen fiel unverändert, und erst jetzt bemerkte er, dass die Feuchtigkeit auch alle Geräusche merkwürdig dämpfte. Der Himmel schien in der letzten Stunde noch grauer geworden zu sein. Für April zu kalt, zu nass, zu früh dunkel. Die Leute beeilten sich, jeder wollte rasch zurück ins Trockene.

Auf dem Deich musste er einige Zeit hin und her rangieren, um an den parkenden Wagen vorbeizukommen. Das Ehepaar starrte aufgebracht zu ihnen herüber, als sei es um ein Spektakel betrogen worden. Trotz des Gebläses, das auf Hochtouren lief, beschlugen alle Scheiben, und mit der Wärme verbreitete sich der muffige Geruch feuchter Kleidung.

«Du kommst doch heute Abend?», erkundigte sie sich unsicher.

«Doch, ja, keine Angst.»

«Fein. Mit Lutterbeck ...?»

«Nein. Du kennst doch Alfons.»

Bis zur Westerquerstraße, auf die er vom Deichkronenweg einbog, schwieg sie nachdenklich und fragte dann unvermutet:

«Du bist mir auch böse, dass ich zu OK gehe, nicht wahr?»

«Nein, nicht böse, Bine.» Er überlegte, was er wirklich empfand. «Traurig, ich bin traurig, ja, ich glaube, das ist der richtige Ausdruck.»

«Es ist eine Chance für mich», trotzte sie, und er beschwichtigte: «Die ich dir auch nicht verbauen will.»

«Ich freu mich auf heute Abend.»

Vor der Abschiedsfeier für Sabine Köhler und Thomas Förster konnte er sich nicht drücken, aber seine Begeisterung hielt sich in sehr engen Grenzen. Weil es ihm mittlerweile schwerfiel, sich an neue Gesichter zu gewöhnen, liebte er keine Versetzungen und Personalwechsel mehr.

*

Auf der Treppe begegnete ihm seine Nachbarin, die ihm den Weg versperrte: «Na, Herr Nachbar, du hast auch schon mal fröhlicher ausgesehen!»

«Dein scharfes Auge täuscht dich nicht.»

«Und das am Samstagabend?»

«Eine Feier, fast offiziell, ich muss leider hin. Zwei Kollegen verabschieden sich.»

«Trauer muss der Rogge tragen», spottete sie und trat zur Seite. Evelyn Johannsen war etwa zehn Jahre jünger und zwanzig Jahre temperamentvoller als er, groß, kräftig, aber schlank und rothaarig, keine Schönheit im landläufigen Sinne, doch eine überaus beachtenswerte Frau.

«Wenn du morgen früh einen Brummschädel hast, lade ich dich zum Katerfrühstück ein. Einverstanden?»

«Und vice versa», entgegnete er friedlich. Von der rothaarigen Evelyn durfte man sich nicht unterbuttern lassen, dazu neigte sie nämlich.

Das «Depot» hatte vor fünfzehn Jahren tatsächlich noch als Straßenbahn-Depot gedient, bis im Zuge der autogerechten Stadt die letzten Bahnen stillgelegt wurden. Dank einer entschlossenen Bürgerinitiative war der Stahlbau aus den späten zwanziger Jahren nicht abgerissen, sondern renoviert worden. Heute fanden hier Konzerte, Feiern, Ausstellungen oder Wettkämpfe statt; die Kollegen Köhler und Förster hatten für ihre Ausstands-Fete die alte Werkstatt gemietet, und als Rogge eintraf, verstand man schon kaum mehr sein eigenes Wort. Wenigstens fünfundzwanzig Paare tobten auf der Tanzfläche herum, eine kleinere Mannschaft, meist ältere Semester und der schweißtreibenden Bewegung abhold, hatte die Plätze rings um die Fassbierbar okkupiert. Die Oberlichter standen weit aufgeklappt, Rauch und Hitze zogen rasch ab, man konnte es aushalten.

Bine sauste vorbei, stoppte, küsste ihn links und rechts und strahlte: «Na, gefällt's dir?», und bevor er antworten konnte, war sie schon wieder unterwegs.

«Junge, Junge, die Mörderei feiert aber zünftig», nölte es neben ihm, und er musterte den Kollegen Soltau unfreundlich.

«Du verlierst zwei gute Leute, Jens.»

Nun kannte er Jürgen Soltau gut genug, um das nicht als Mitleid misszuverstehen. «Stimmt», sagte er deshalb kurz.

Mit Soltau tat nicht nur er sich schwer. Der dynamische (so sah er sich), ehrgeizige und rücksichtslose Kollege (so beurteilten ihn die Mitarbeiter) leitete die Sonderabteilung R, R wie Rauschgift, und hatte gehofft, wie alle seine zahlreichen Feinde im Präsidium wussten, ihm würde das neu geschaffene Dezernat Organisierte Kriminalität übertragen. Mit Rainer Dallon, der schließlich zum Leiter OK ernannt worden war, verstand sich Soltau ausgesprochen schlecht. Rogge überlegte einen Moment, ob er Soltau verraten sollte, dass man zuerst ihm OK angeboten und dass er abgelehnt hatte; es würde immerhin dafür sorgen, dass Soltau an diesem Abend kein Wort mehr mit ihm wechselte.

«Oder bekommt ihr Ersatz?»

«Doch, kriegen wir. Franziska Seidel, aus der Fahndung.»

Nach zehn Sekunden kicherte Soltau unangenehm. «Den Franz, soso. Na, dann wünsche ich dir viel Spaß.» Damit entfernte er sich federnden Schritts, und Rogge rieb sich nachdenklich das Kinn. Die Obermeisterin Franziska Seidel schien wirklich nicht beliebt zu sein.

Das Büfett wurde eröffnet, und er reihte sich in die Schlange ein.

Gegen zehn Uhr, als er schon heimlich auf die Uhr schaute, setzte sich Förster zu ihm. Er hatte für Rogge ein volles Glas mitgebracht und schien wild entschlossen, eine Art Abschiedsgespräch zu führen, was Rogge gern vermieden hätte, aber schlecht verweigern konnte. In den drei Jahren waren sie nicht recht warm miteinander geworden, obwohl Rogge dem Jüngeren nichts vorwerfen konnte, im Gegenteil. Thomas Förster war ein intelligenter, zäher Polizist, der wegen seiner Tüchtigkeit eine ungewöhnliche Karriere gemacht hatte. Abitur, eine Bank-Trainee-Lehre abgeschlossen, dann zur Polizei gegangen, nach zwei Jahren in die Kripo übergewechselt, vom Betrug fast sofort an eine Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft ausgeliehen, freiwillig ins Präsidium zurückgekehrt, einer der jüngsten Kommissare des Hauses und jetzt, ab Anfang Mai, der jüngste je gekürte Oberkommissar. Gut, den Ehrgeiz durfte man ihm nicht vorwerfen, zumal er nie versucht hatte, ihn auf Kosten anderer zu befriedigen, es hatte auch nie Grund zur Klage, sondern oft Anlass zu Lob gegeben. Ein guter Mann und ein sorgfältiger Polizist, den er gleichwohl nicht schätzte, das gab's, nicht häufig, aber immer wieder einmal, und in solchen Fällen empfahl es sich, besser nicht nach den Gründen zu forschen.

«Natürlich freue ich mich über die vorzeitige Beförderung», begann er augenzwinkernd, «wer täte das nicht. Aber ich gehe nicht nur wegen des Oberkommissars aus der Mörderei weg.»

Rogge brummte freundlich zustimmend. Über das Gesetzespaket zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität hatte er seine eigenen Vorstellungen, aber damit hätte er wohl die Stimmung verdorben, und deshalb schwieg er friedlich, auch noch, als Förster ihn ironisch anblinzelte. Er war intelligent genug, sich ziemlich genau vorzustellen, was sein Noch-Vorgesetzter gerade dachte, und die Fähigkeit, nicht alles auszusprechen, was man wusste, machte ihn eigentlich ein ganzes Stück sympathischer.

«Ich wünsche Ihnen viel Glück und viel Zufriedenheit», sagte Rogge langsam.

«Danke.»

«Sie werden beides brauchen, fürchte ich. Mehr als wir anderen in den anderen Dezernaten.»

«Ja, das ist mir inzwischen auch klar, Herr Rogge.» Sie tranken sich feierlich zu, und Rogge schnaufte erleichtert, dass er diese Klippe so elegant umschifft hatte.

Die nächste konnte er nicht vermeiden, Sabine Köhler erspähte ihn und verschleppte ihn trotz seiner Proteste auf die Tanzfläche. Alkohol und Abschied stimmten sie so schwach, so anlehnungsbedürftig, dass sie sich ganz, ganz fest an ihn klammern musste, er grinste breit über ihren Kopf hinweg und winkte dem jungen Mann zu, der sie mit einer gewissen Spannung betrachtete.

«He, Bine, du gehst ja nicht aus dieser Welt.»

«Doch, doch», nuschelte sie, «in eine ganz andere Welt, mit vielen bösen Männern, denen ich allen auf die Finger hauen muss.

Bei der Vorstellung einer Sabine Köhler, die mit einem Rohrstock einer Reihe vor ihr angetretener Männer auf die Finger schlug, begann er so laut zu lachen, dass sie sich beleidigt aufrichtete.

«Du ... du ... nimmst mich nicht ernst, nein, das tust du nicht, du bist ein ganz unernster Mann. Jawoll!»

Ein Tränchen rollte, er trocknete es mit seinem Taschentuch und übergab sie, wieder in bester Stimmung, dem jungen Mann, der seine Eifersucht so schlecht verbarg. «Das ist ... das ist ... Frank! Und das ist ... das ist ... Papa Rogge.»

Weil er sie wirklich gut leiden mochte, steckte er den Tiefschlag weg. Dieser Frank, Elektromeister und Inhaber eines kleinen Betriebes, schien zudem ein ganz ordentlicher Kerl zu sein; Rogge unterhielt sich später mit ihm unter vier Augen, und Frank gestand ihm, dass er schon lange heiraten und Kinder haben wollte, aber die nette, dickköpfige Bine meinte, das habe noch viel, viel Zeit.

Gegen elf verabschiedete er sich von Förster; Bine Köhler war mit ihrem Frank mal um die Ecke verschwunden, und schon jetzt stand fest, dass dieses Fest in die Polizei-Annalen der großen Feiern und Besäufnisse eingehen werde. Das ganze «Depot» zitterte rhythmisch, und der Lärm hatte Disco-Qualitäten erreicht.

Es regnete nicht mehr, dafür war eine schwache Brise aufgekommen, die schwere Tropfen von Blättern schüttelte. Auf den gekräuselten Oberflächen der Pfützen wurde das Licht der Laternen unruhig reflektiert. Kein Mensch weit und breit.

Bis zur Innenstadt brauchte er eine gute halbe Stunde. Laufen konnte nicht schaden, sein Kopf lüftete, er hatte nicht viel getrunken und freute sich noch auf ein Bier in einer ruhigen Kneipe ohne Musikbox und Lärm. Alles in allem war die Feier erträglicher gewesen, als er befürchtet hatte; seit dem Tod seiner Frau mied er Menschenansammlungen, erst recht, wenn sie laut und fröhlich waren.

Um den Hauptbahnhof herum registrierte er das übliche Treiben, die Bahnpolizei drehte zu dieser Zeit ihre Runden und vertrieb Dealer, Stricher, Penner und Betrunkene, bevor die meisten Zugänge abgeschlossen wurden. Zwei Gesichter erkannte er wieder.

In seiner Stammkneipe herrschte wenig Betrieb. Samstag gehörte der Papi der Familie und der Fernseher dem Papi. Gunda lehnte dekorativ hinter dem Tresen, langweilte sich und kicherte fröhlich, als er sich auf einen Hocker schwang. »Das Übliche?»

«Genau so.»

Auch zu vorgerückter Stunde weigerte sich Gunda, ihr wahres Alter zu verraten: «Es ist nicht wichtig, wie alt man ist, sondern, wie alt man sich fühlt.» Dass sie so gesehen noch nicht lange volljährig sein konnte, hatte er schon mehr als einmal erlebt. Zwischen ihnen beiden gab es ein kleines Geheimnis; er wusste aus den Akten, wann sie geboren war, aber ihre Vorstrafe hatte er nie erwähnt, bis sie ihn eines Tages darauf ansprach: «Du weißt, wer ich bin?»

«Sicher.»

«Stört es dich, dass ich gesessen habe?»

«Wäre ich dann hier?»

«Alt und Samtkragen.» Energisch stellte sie beide Gläser ab und tadelte vorwurfsvoll: «Weißt du, dass du der erste und einzige Gast bist, der Samtkragen bestellt?»

«Wirklich? - Die Leute wissen nicht mehr, was gut ist.»

Sie stützte beide Ellbogen auf das Holz und beugte sich weit vor, der Einblick in ihren tiefen Ausschnitt war so erfreulich wie anregend, er schnalzte mit der Zunge.

«Du bist also nicht prüde?», stichelte sie und setzte sich auf ihren Hocker.

«Nein, ich denke nicht. Warum fragst du?»

«Ich habe Angst vor der kommenden Nacht. Sie wird dunkel, einsam und traurig sein.»

«Du Ärmste!»

«Und da fiel mir ein, als ich dich sah, dass die Polizei mein Freund und Helfer ist.»

«Sein sollte, liebe Gunda. Die Zeiten ändern sich.»

«Ja, leider. Aber so ein paar nette, altmodische Modelle sollten doch noch herumlaufen.»

«Du meinst, Alt-Trinker mit Samtkragen?»

«Zum Beispiel.»

Ganz ernst nahm er ihre Avancen nicht, Gunda spottete gern, und er mochte sie zwar gut leiden, dachte aber nicht im Traum daran, mit ihr etwas anzufangen.

«Die nutzten dir auch nichts, wenn du sie verdursten lässt», belehrte er sie deshalb friedfertig.

*

Prinz hielt wie üblich am Hafermarkt an, schaltete das Licht aus und holte von der Hinterbank seine Aktentasche. Zeit für die Kaffeepause, er war ein Gewohnheitsmensch und ließ sich nicht gern aus der Ruhe bringen. Dazu passte sein rundes, volles Gesicht mit dem gutmütigen Lächeln, das sehr an einen gemütlichen Teddybären erinnerte. Er war groß, kräftig, behäbig und bewegte sich mit täuschender Schwerfälligkeit.

«Auch einen Schluck?»

Ja, danke», murrte sie. Franziska Seidel war nicht viel kleiner als ihr Kollege, aber sehr viel schmaler, eckig, und die ewig gereizte, ungeduldige Miene machte sie unschön. Mit ihr kam niemand leicht aus, weniger dienstlich - da spurte sie schnell und zuverlässig - als privat, und eine Acht-Stunden-Tour in einem unauffälligen, unbequemen Auto brachte unvermeidlich auch Leerlauf, manchmal Langeweile, und sehr viel Frust, für dessen Bewältigung die Dienstvorschriften kein Rezept boten. Andere gähnten, Franziska rastete aus, und die meisten Kollegen ergriffen dann die Flucht.

«Unsere letzte Tour», sagte er unvermittelt.

«Ja. Stört es dich?»

«Nein», brummte er. Im vergangenen Jahr hatte er sich an Franziska gewöhnt, aber der Gedanke, mit einer anderen Kollegin fahren zu müssen, schreckte ihn nicht; so angenehm war die liebe Franzi nun nicht.

«Wahrscheinlich bist du froh, mich loszuwerden.»

«Nach solchen dämlichen Bemerkungen - ja.»

Sie schwieg. Eigentlich hätte sie Hartmut Prinz gern einmal gestanden, dass er ein netter, anständiger Kollege war, bei dem sie sich immer sicher gefühlt hatte. Oder gut aufgehoben, was in ihrem Job eine große Rolle spielte. Doch die Furcht, er könne es missverstehen, verschloss ihre Lippen, und die Angst, ausgelacht zu werden, siegte regelmäßig über ihre Einsamkeit.

«Wer geht denn weg aus dem Ersten?», fragte er endlich.

«Sabine Köhler und Thomas Förster.»

«Und wohin?»

«Zu Dallon. In das neue Dezernat. Organisierte Kriminalität», setzte sie neidisch hinzu.

«Wann fängst du im Ersten an?»

«In der nächsten Woche.»

«Na großartig.» Sorgfältig schraubte er die Thermoskanne zu und verstaute sie in der Aktentasche. «Also dann!»

Während der Pause hatte sie in der Mappe mit den aktuellen Fahndungen geblättert, warf sie nach hinten und griff nach dem Mikro: «Lore 16 an Zentrale, wir fahren jetzt vom Hafermarkt über die Schlachthofstraße Richtung Güterbahnhof Nord.»

«Zentrale an Lore 16, verstanden.»

Schon am Tage wirkte die Schlachthofstraße düster und hässlich, kurz vor 24 Uhr in einer ungewöhnlich nasskalten Aprilnacht konnte sie das Fürchten lehren. Die hohen, fensterlosen Wände der Fabriken, der Lagerhallen und des Schlachthofes, von denen der Putz bröckelte, hatten viel Ähnlichkeit mit Gefängnismauern, und die wenigen trüben Laternen verstärkten den Eindruck noch. Kein Mensch weit und breit, nicht einmal ein parkendes Auto. In solchen Nächten blieben Katzen und Ganoven lieber zu Hause. Wie zur Bestätigung fauchte eine Bö durch die Mauerschlucht und rüttelte den Wagen durch. Am Güterbahnhof schwankten die Leuchten, die an Kabeln quer über den Gleisen hingen, und warfen bedrohliche Schatten.

«Links oder rechts?», bot er an.

«Links», entschied sie. Für Zivilfahnder war die Nordstadt, so bedrohlich hässlich sie auch aussah, ein eher ruhiges Pflaster, weil es hier kaum Kneipen und noch weniger Geschäfte oder Büros gab, die einen Einbruch lohnten. Und die Lagerhallen und Speditionen am Kanalhafen wurden von privaten Wachdiensten geschützt, die hart zulangten.

Eine halbe Minute fuhren sie schweigend an den Gleisen des Rangierbahnhofes vorbei, dann befahl sie plötzlich scharf: «Halt!»

«Was ist?»

«Da drüben. Der Mann, der auf das kleine Häuschen zuschleicht.»

«Wo? - Ja, ich sehe.»

Wie eine Wilde kurbelte sie das Fenster runter, riss das Nachtglas hoch: «Du, das ist der Geier.»

«Zeig her!»

Aber bevor Prinz das Glas angesetzt hatte, glitt der Mann - Mantelkragen hochgestellt, Mütze bis über die Ohren, Kopf eingezogen - an der hellen Wand vorbei und schlüpfte in das schützende Dunkel des früheren Rangierhäuschens. Wahrscheinlich war er zwischen zwei abgestellten Güterzügen, die nicht lang genug waren, auf das Häuschen zugeschlichen. Zwanzig Meter musste er ohne Sichtschutz unter einer Leuchtenkette hindurchlaufen. Und ausgerechnet in diesen Sekunden beobachtete eine Zivilfahnderin das Gelände.

«Bist du sicher?»

«Natürlich bin ich sicher», fauchte sie ihn an.

Unsicher hob er das Mikrophon: «Lore 16 an Zentrale.»

«Hier Zentrale.»

«Soeben ist Waldemar Taube in einem Rangierhäuschen auf dem Güterbahnhof Nord verschwunden. Wir stehen in der Rottenkuhlstraße, auf der Höhe des Umspannwerkes.»

«Lore 16, unternehmen Sie nichts, warten Sie auf Anweisung!»

«Das hat uns gerade noch gefehlt!», seufzte er, und sie tastete schon nach ihrer Pistole. Vor einer Woche war der Geier aus der Vollzugsanstalt Mellberg ausgebrochen, wo er sechs Jahre wegen diverser Gewaltverbrechen einsitzen sollte. Wie er an die Pistole gekommen war, mit der er zwei Wärter als Geiseln genommen und später einen Polizisten mit einem Bauchschuss schwer verletzt hatte, beschäftigte seitdem eine ganze Sonderkommission. Seine Fahndungsbilder hingen überall, und in ihrer Klemm-Mappe lag die Beschreibung obenauf, mit einem roten «G» für gefährlich und «Sch» für Schusswaffe. Und ihnen wurde das zweifelhafte Glück zuteil, auf einem Routine-Einsatz über einen gesuchten Schwerverbrecher zu stolpern, dessen Brutalität gefürchtet war. Was hatte ihn überhaupt aus seinem Versteck getrieben? Er musste doch wissen, dass jeder Polizist nach ihm Ausschau hielt.

«Zentrale an Lore 16. Hier spricht der KvD. Warten Sie auf Lore 11. Wir haben im Moment keine anderen Kräfte frei. Bis dahin unternehmen Sie nichts, ich wiederhole: nichts. »

«Lore 16 an Zentrale: Verstanden.»

«Scheiße!», fluchte sie. «Was heißt das - keine anderen Kräfte frei?»

Prinz zuckte nur die Achseln und behielt das Häuschen im Glas. Ein Großeinsatz irgendwo. Oder Krankmeldungen, bei diesem Grippewetter kein Wunder. So wenig ihm der Gedanke gefiel, gleich den Geier aus dem Häuschen zu holen - diese SEKs und MEKs passten ihm auch nicht; bei einigen wurde er den Verdacht nicht los, dass sie nur nach einem Vorwand suchten, gewaltig loszuballern.

Rechts vom Häuschen hatten sie, bis auf die letzten zwanzig Meter, Deckung durch die leeren Züge. Links war das Gelände höllisch, keine Gebäude, Wagen oder Schilder, nur Gleise und Weichenkästen. Allerdings auch etwas weniger gut beleuchtet als das Stück zwischen den Zügen und dem Haus. Aber Fenster und Türen in allen vier Wänden; die Männer, die hier arbeiteten, mussten die heranrollenden Waggons sehen, vor die sie die Hemmschuhe auf die Schienen legten. Bei Regen oder Frost fanden sie in dem Bau etwas Schutz, und an den Schmalseiten ragte das Dach über die Mauern hinaus, um die Gestelle mit den Hemmschuhen trocken zu halten.

«Welche Tür hat der Geier benutzt?», fragte er. Im Haus war nichts zu bemerken, keine Bewegung, kein gleitender Schatten.

«Auf der Rückseite.»

Nach vier Minuten bremste ein anderes Auto hinter ihnen, dann wurden die Hintertüren ihres Wagens aufgerissen, der in die Knie ging, als sich zwei Riesen auf die Rückbank fallen ließen.

«'n Abend.»

«Besser guten Morgen», antwortete sie erleichtert. Normalerweise schlug sie einen großen Bogen um Schmittel und Heesen, aber im Moment atmete sie leichter bei dem Gedanken, zwei ausgewiesen harte und erfolgreiche Fahnder bei sich zu haben.

«Fröhliche Ostern!», erwiderte Schmittel grob. «Wo steckt der Geier?»

«In dem kleinen Häuschen unter den Leuchten.» Auch Prinz schätzte die Kollegen nicht sehr; sie hatten ihren schlechten Ruf weg. Eine Minute herrschte Schweigen, bis Heesen stöhnte: «Das wird ja heiter. Also, ihr beiden Hübschen, ihr schlagt euch jetzt nach rechts, bis der Geier euch mit Sicherheit nicht mehr sehen kann. Dann rauf auf den Bahnhof und zwischen den Zügen zurück auf das Haus zu. Bleibt in Deckung und ruft ihn aus der Deckung an. Wenn er losballert, schießt zurück. Aber haltet hoch, wir kommen nämlich von der anderen Seite auf das Haus zu. In sieben Minuten geht's los.»

Schnell und gelenkig waren sie, das musste man ihnen lassen, wie die Blitze waren sie verschwunden, das Auto wippte, zwanzig Sekunden später verhallten ihre Schritte.

Prinz schielte sie beunruhigt an. Nicht nur, dass die beiden sofort das Kommando übernommen hatten, das mochte noch angehen, sie besaßen viel Erfahrung. Aber was sie planten, verstieß gegen so ziemlich alles, was sie gelernt und trainiert hatten.

«Zentrale an Lore 16. Bitte melden!»

«Lore 16 an Zentrale. Wir gehen jetzt los und holen den Geier. Ende.» Er schaltete schnell aus, bevor der KvD noch etwas fragen konnte. Oder etwas verbieten konnte, was sich jetzt nicht mehr aufhalten ließ.

Nach hundert Metern bogen sie von der Rottenkuhlstraße auf das Bahngelände ab. Ungeschickt stolperten sie über Schienen, Schwellen und Schotter, die Dunkelheit war abenteuerlich, wurde regelrecht gefährlich, als sie den ersten stehenden Zug erreichten.

«Du gehst hier entlang», drängte Prinz. «Ich glaub zwar nicht, dass er auf die Straße zuflüchtet, aber man weiß ja nie.»

«Und du?»

«Ich nehme die nächsten Züge. Also los!»

Die Schwärze verschluckte ihn sofort. Zwischen den Gleisen ließ es sich besser gehen, dort gab es schmale, glatte Pfade. Vier Minuten nach Aufbruch erreichte sie das Ende ihres Zuges, der aus Kesselwagen bestand, kauerte sich zwischen die Puffer des letzten Wagens und schaute sich um. Ihr Auto parkte etwa sechzig Meter weit weg, hinter ihr das Häuschen lag keine dreißig Meter halbrechts vor ihr. Von Schmittel und Heesen war nichts zu sehen, sie hatten auch den schwierigeren Teil zu bewältigen. Einmal meinte sie, hinter dem Haus am Boden einen kriechenden Schatten zu bemerken, aber die Bewegung wiederholte sich nicht.

Noch zwei Minuten.

Rechts von ihr sollte jetzt Prinz seine Position erreicht haben, keine zwanzig Meter von der Hausecke entfernt.

Nein, sie hatte sich nicht getäuscht. Da kroch jemand schlangengleich auf das Häuschen zu, die winzigsten Schatten von Weichenkästen, Rangiersignalen und Telefonkästen ausnutzend.

Noch eine Minute.

Wie waren Schmittel und Heesen so rasch herangekommen? Und warum wollten sie das Haus betreten?

Dann brach aus heiterem Himmel die Hölle herein. Zwei Männer brüllten wie auf Kommando los, zwei, drei, vier Schüsse krachten, zwei Schatten erhoben sich vom Boden, ein dritter verschmolz für Sekundenbruchteile mit der Hausecke, noch einmal eine Serie von zwei, drei Schüssen, dann ein Schrei, der vergurgelte. Ohne nachzudenken, war sie losgestürmt, irgendwie hatte sie völlig automatisch die Pistole entsichert und durchgeladen, rechts von ihr rannte eine andere Gestalt, ebenfalls eine Waffe in der Hand, sie stolperte, fing sich im letzten Moment, stieß schmerzhaft mit dem Fuß an, humpelte und hüpfte und erreichte mit Prinz die beiden anderen Männer.

«Diese Drecksau!», stöhnte Schmittel und rieb sich die Seite.

«Was ist passiert?»

Heesen fluchte etwas Unverständliches. «Er hat uns doch gesehen, gerade als wir aufstanden. Schmittel musste sich hinwerfen.»

«Und deshalb habt ihr gleich ...?»

Sie brachte den Satz nicht zu Ende. Der Mann am Boden war tot, er lag halb auf dem Rücken, den Kopf zum Himmel gedreht, und seine Hände waren leer.

Es wurde schon hell, als sie im Präsidium die Protokolle unterschrieben und sorgfältig die Quittungen für ihre Dienstwaffen und die abgelieferten Patronen einsteckten. Ihr Kopf schmerzte, aber zugleich war sie hellwach und ignorierte, dass jeder Muskel bei jeder Bewegung vor Müdigkeit protestierte. Manchmal hatte sich das Zimmer vor ihren Augen gedreht, und den Kaffeebecher schob sie weit weg, weil ihr schon von dem Geruch übel wurde.

Lutterbeck schwieg, aber seine Backenmuskeln mahlten. Der KvD biss die Zähne zusammen, bevor er reden konnte: «Ihr beiden seid vorläufig vom Dienst suspendiert - halten Sie die Klappe, Obermeister Prinz! Reine Formsache, bis der Staatsanwalt den Vorgang gelesen hat.»

«Dann verstehe ich nicht ...»

Der KvD hörte ihr nicht zu: «Unsere Sheriffs! Meine Schuld! Ich Arschloch hätte euch befehlen sollen, den Einsatz mit der Zentrale abzusprechen ... na ja, zu spät. Haut ab und versucht zu schlafen.»

Auch jetzt sagte Lutterbeck nichts, aber starrte sie aus blutunterlaufenen Augen an. Seine Wut hing wie eine Drohung in dem verqualmten Raum, und sie wussten nicht, dass ihm immer noch rote Kreise vor den Augen tanzten, seit er Schmittel und Heesen vernommen hatte.

«Verdammt, ich muss jetzt unbedingt was trinken», krächzte er vor dem Eingang des Präsidiums und schaute zum Himmel hoch, wo sich eine fahle Helligkeit durch schmutzig graue Wolkenfetzen kämpfte.

«Ich hab einen Weißwein im Kühlschrank», bot sie leise an und lauschte überrascht ihren Worten nach. Noch nie hatte sie einen Kollegen zu sich eingeladen.

«Worauf warten wir dann noch?», quengelte er.

Weil ihr der Wein zu Kopfe stieg, holte sie eine Flasche Sprudel. Sie hockten in der Küche, die Essecke war nicht für zwei Personen gedacht, aber es störte sie nicht, dass sich ihre Beine berührten. Nach dem nächsten Glas würde sie schlafen können, und er musste sehen, wie er mit der Couch im Wohnzimmer zurechtkam.

Sonntag, 26. April

Rogge wachte auf, weil sein Mund vor Trockenheit brannte. Durst peinigte ihn, aber an Aufstehen war vorerst nicht zu denken, weil das Bett samt Zimmer schwankte. Sein Kopf platzte vor Schmerzen, von innen schlug ein Hämmerchen wüst gegen die Schädeldecke, und die Speiseröhre wurde gerade von heißer Säure zerfressen.

Samtkragen und Alt-Bier! Sobald er wieder stehen konnte, würde er diese Gunda erwürgen, die ihm pausenlos nachgeschenkt hatte!

Nicht einmal mehr schlucken konnte er!

Wie konnte er nur so unter die Räder geraten!?

Doch wo ein Wille, da ist auch ein Weg, die Wände boten Halt, und der erste Schluck kalte Milch schmeckte wie Nektar; die Tabletten zischten im Glas, er schaffte es sogar, noch die Kaffeemaschine anzuwerfen, bevor er sich wieder hinlegen musste. Im Laufe der Jahre waren die Kämpfe gegen diese Kater immer schwerer geworden, aber er würde auch diesen gewinnen.

Die simple Wahrheit war, dass er nichts mehr vertrug!

Nach dem Aufweckfrühstück inspizierte er seinen Kühlschrank nach einem einzigen Schluck Alkohol. Nur einen winzigen Schluck brauchte er, um den restlichen Nebel vor den Augen aufzuklären, aber der Schrank gähnte vor Leere, und deshalb klingelte er bei Frau Nachbarin.

«Guten Tag, du hattest mir ein Katerfrühstück angeboten.»

«Morgen, Jens. Komm rein!»

«Das Frühstück hatte ich schon, es fehlt der krönende Schluck obendrauf.»

«Verstanden.»

Ihre Dachwohnung war größer als seine, zudem sehr viel besser eingerichtet, schließlich lebte sie hier schon fast zehn Jahre, und er war erst vor zwei Jahren nebenan eingezogen. Wenn er in Gedanken versunken war, passierte es ihm noch heute, dass er vor der Haustür seiner alten Wohnung hochschreckte.

«Sekunde mal!» Er hielt sie am Arm fest. «Du hast Kummer.»

Zwar drehte sie schnell den Kopf weg, aber er hatte die Tränenspuren schon an der Tür bemerkt.

«Was ist los, Evelyn?»

«Nachher. Wir brauchen beide einen Schluck.»

Beunruhigt sah er ihr nach. Dass Frau Nachbarin gegen Mittag noch im Morgenmantel herumtrödelte, hatte er noch nie erlebt, sie war in allen Punkten sehr viel korrekter als er. Und ausgeschlafen hatte sie so wenig wie er.

«Zum Wohl.»

Geduldig ließ er eine Minute verstreichen.

Sie betrachtete ihn halb spöttisch, halb schwermütig.

«Wer hat dich denn unter die Straßenbahn geschubst?»

«Gunda. Mit Samtkragen und Alt.»

Sie schüttelte sich, Gunda kannte sie, sie waren einige Male zusammen in der Kneipe gewesen, aber Samtkragen und Alt rührte Evelyn nicht an. Eher wolle sie verdursten, hatte sie nach dem ersten Schluck geschworen.

«Und wo hast du dich gestern Abend herumgetrieben?»

«Bei meinem Chef. In seiner scheußlichen Villa in Lichingen.» Und weil er anzüglich die Augenbrauen hochzog, tippte sie sich an die Stirn. «Großer Empfang, an die achtzig Männlein und Weiblein, und ich denke mal, ich war der Benjamin.»

«Wenn schon, die Benjamine.»

«Abgesehen vom Mietpersonal. Und meinem Spezi Miguel.»

«Wer ist Miguel?»

«Er heißt Miguel Bender, halb Schweizer, halb Spanier, und ist der neue Geschäftsführer in der Firma.»

Sie arbeitete als Sekretärin bei einer Papierfabrik. Gebrüder Frentzen, ein kleiner, etwas altmodischer Laden, der - so hatte sie ein paarmal vorsichtig angedeutet - in finanzielle Turbulenzen geraten war, weil ihr Chef starrsinnig und entschlussscheu geworden war. Seit einigen Monaten spielten die Banken nicht mehr mit, der Umsatz stagnierte, um es vornehm auszudrücken, und sie hatte ernsthaft erwogen, sich eine neue Stelle zu suchen, bevor das Unternehmen Konkurs anmelden musste.

«Wir haben jetzt einen Partner, Jens. Die ASPC, die Asociación Industrial de Papeles y Cartones. Ein Finanz- und Anlageberater aus der Schweiz hat uns den Retter aus höchster Not besorgt.»

«Und diesen Miguel als Kontrolleur eingesetzt.»

«Anzunehmen. Mit dem komme ich nicht klar. Der Bursche ist etwas jünger als ich, tüchtig, höflich, fleißig, von Papier versteht er unheimlich viel, aber die Chemie stimmt zwischen uns nicht.»

«Muss dich das stören? Du arbeitest doch für den Senior.»

«Nicht mehr lange. Gestern Abend hat mir Frentzen nämlich verklickert, dass er sich so rasch wie möglich vom Geschäft zurückziehen will. Er hat einen Sohn, mit dem er sich vor urgrauen Zeiten überworfen hat. Dem wird er jetzt einen Versöhnungsbrief schreiben und anbieten, in die Geschäftsleitung einzutreten.»

«Und was soll aus dir werden?»

Statt einer Antwort zuckte sie nur die Achseln, es sollte burschikos aussehen, aber missriet ihr kläglich. Hilflos suchte er nach einem tröstenden Satz, ohne zu heucheln oder sich in verlogenen Optimismus zu flüchten. Nach allem, was sie vom Geschäftsgebaren der Firma Frentzen erzählt hatte, würde man sie nicht brutal oder rücksichtslos behandeln, doch ihr Schicksal würde die Entscheidung weder beeinflussen noch verhindern. In jedem Vorzimmer lauerte eine Falltür.

«Das tut mir leid», murmelte er endlich. «Kennst du den Sohn?»

«Ja. Objektiv betrachtet ist Wolfgang Frentzen wohl ein ordentlicher, korrekter Mann. Aber in dem großen Krach, der zum Auszug des Juniors führte, habe ich aufseiten des Vaters gestanden.»

«Auweia», kommentierte er mitleidig.

«So ist es. Darauf noch einen Schluck?»

«Einen noch. Dann ziehst du dich an, und wir fahren irgendwohin.»

«Muss das sein?»

«Muss sein. Du kannst nicht den ganzen Sonntag in deiner Bude hocken und grübeln. Und dazu Bier trinken, das geht nicht gut.»

I.

Wenn sie nicht alle Polizisten wären, müsste man es ein konspiratives Treffen nennen, schoss es Arnhold durch den Kopf. Am Sonntagmittag in einem kleinen Zimmerchen im Gebäude der Staatsanwaltschaft. Alle in Räuberzivil. Keine Aktentaschen, keine Dienstwaffen, zu Fuß oder in den Privatwagen gekommen. Ein bisschen erinnerte es ihn an Räuber und Gendarm aus seiner Jugendzeit, damals gab es noch Trümmergrundstücke, in denen man sich verstecken konnte, und Straßen, auf denen sie Fußball spielten. Und Kleingärten, die sie heimsuchten, wenn die Äpfel und Birnen reif waren. Inzwischen waren die Trümmer beseitigt, die Straßen zugeparkt und die Gärten in Zierrasenflächen umgemodelt. Wer klaute heute noch Apfel vom Baum?

Hauptkommissar Rainer Dallon hüstelte mehrfach und strich den Zettel glatt, den er aus der Jackentasche gezogen hatte. Von Anfang an hatte er gezweifelt, ob Staatsanwalt Arnhold wirklich der geeignete Mann für ihre Aktion war. Statt dieses jovialen Mittfünfzigers hätte er sich einen jüngeren, forscheren Mann gewünscht, einen, der die Bedrohung etwas ernster nahm, sich energischer auf ihre Seite schlug. Und nicht so widerwillig in dem Ordner mit dem neuen Gesetz gegen Organisierte Kriminalität blätterte. Mein Gott, da hingen doch wenigstens zehn Papierstreifen heraus. Ein Bedenkenträger, er hatte sich sofort ganz oben beschwert, als Arnholds Name fiel, aber so weit reichte das Engagement seiner Vorgesetzten wiederum nicht, und jetzt konnte er nur hoffen, dass Arnhold von seinem Versuch, ihn durch einen anderen Staatsanwalt ersetzen zu lassen, nichts erfahren hatte.

Hauptmeister Jochen Leutwein starrte stumpf durch das Fenster in den dunklen Hof. Als Dallon ihn aufforderte, an dieser Sitzung teilzunehmen, hatte er einen Moment Unbehagen verspürt, aber selbstverständlich zugesagt. Ohne einen EDV-Spezialisten ging es nicht, und schließlich hatte er von allen Kollegen des neuen Dezernats die meiste Arbeit investiert. Im Präsidium war nicht verborgen geblieben, dass er ein neues kleines System aufgebaut hatte, das mit PAPS, dem Polizeilichen Auskunfts- und Personen System, nicht verbunden war. Ihre Computer waren drei- und vierfach gesichert, mit Schlüsseln, Passwörtern und einem komplizierten Abfragemodus - in seine Computer konnte kein Unbefugter hineingucken oder etwas einspeisen. Manchmal machte ihm die Arbeit sogar Spaß, aber heute wäre er lieber zu Hause geblieben. Linda hatte gestern einen Heidenzirkus veranstaltet, weil er sie am Sonntag allein lassen wollte, und war empört abgerauscht. Kurz vor zwölf war sie heute Mittag wieder in der Wohnung erschienen, mit verquollenen Augen und einem mächtigen Kater, aber wo - und mit wem - sie die Nacht verbracht hatte, wollte sie nicht verraten, und als sie duschte, hatte er ihre Handtasche inspiziert und die beiden Tausender gefunden. Und das Päckchen Kondome. Wortlos war er gegangen, er zappelte verzweifelt unglücklich an ihrem Haken und fürchtete den Moment der endgültigen Trennung.

Hauptkommissar Jürgen Soltau massierte seinen harten Bauch. Platzen konnte er vor Wut, eine Unverschämtheit war das, er hatte es gewusst, Dallon und er waren ranggleich und hatten dasselbe Dienstalter, doch vor zwei Monaten hatte er nicht aufgepasst, als Organisierte Kriminalität die Bezeichnung «Dezernat» erhielt und er mit «Sonderabteilung Rauschgift» abgespeist wurde. Jetzt erhielt er die Quittung für seine Gutmütigkeit. Dallon mischte sich in seine Geschäfte ein, und er konnte nur noch protestieren, aber nichts mehr ändern. Aber wenn diese Vollidioten von OK glaubten, er würde alles schlucken, waren sie schiefgewickelt. Nicht mit ihm!

Mattes gähnte ungeniert. Alle Welt nannte ihn Mattes, viele Kollegen hatten Mühe, sich an seinen korrekten Namen zu erinnern, und er war dazu übergegangen, sich auch am Telefon mit «Mattes» vorzustellen. Was wohl einer der Gründe dafür war, dass er nie befördert wurde. «Der dienstälteste Kommissar», das war er in der Tat, seit fünfzehn Jahren, und weil er das Stadium der Wut und Empörung längst überwunden hatte, leugnete er nicht länger, dass er mittlerweile wie ein dealender Junkie aussah, grau, ungepflegt, schmutzig und verkommen. Wenn er sich dösend in der Sonne wärmte und aus halb geschlossenen Augen ein Dealer-Paar beobachtete, kam es vor, dass mitleidige Großmütter ihm eine Mark schenken wollten. Mittlerweile nahm er sie dankend an und steckte sie in die Kaffeekasse. Soltau mochte ihn nicht, er konnte Soltau nicht leiden, aber es gab keinen besseren Kenner der Drogenszene. Auch keinen, der dort mehr gefürchtet wurde.

Staatsanwalt Arnhold räusperte sich lautstark und schaute demonstrativ auf seine Uhr.

«Meine Herren, wir sollten anfangen.»

«Gut», sagte Dallon schnell. «Wir haben uns nach Auswertung aller Informationen, Hinweise und Zwischenergebnisse entschieden, unsere Kräfte auf Mario Torelli zu konzentrieren. Wir wissen, dass er das örtliche Oberhaupt der Pizza-Connection ist, dass er die Rauschgiftverteilung organisiert, Schutzgelder erpresst, die polnischen Autoknacker-Banden weitgehend unter seine Kontrolle gebracht hat und nun versucht, mit den Türken und Kurden und Syrern ein Gebietsabkommen zu treffen. Genau da möchte ich einhaken ...»

«Mit allen technischen und juristischen Mitteln», warf Arnhold ein.

Einen Moment war Dallon verwirrt. «Ja. Mit allem, was uns das Gesetz erlaubt.»

Soltau witterte seine Chance: «Und wozu brauchst du dann mich und meine Leute?»

An der Antwort schien auch Mattes interessiert, er richtete sich halb auf und bohrte nachdenklich in seinem rechten Ohr.

«Ihr sollt weitermachen wie bisher, damit Mario nicht misstrauisch wird. Wenn wir uns bei der Arbeit zufällig treffen» - Mattes kicherte - «kennen wir uns nicht. Aber wir sprechen uns jeden Tag ab.» Voller Energie vom Wirbel bis zur Sohle drehte er sich zu Leutwein um. «Los, zeig mal,was wir vorbereitet haben. Es wird auch Sie überzeugen, Herr Arnhold.»

Aufreizend lässig rieb sich der Staatsanwalt das Kinn, und alle verstanden, was er dachte, aber nicht sagen würde: «Davon bin ich überzeugt, Herr Dallon.»

Sein Blick schweifte zu Soltau, der sich gerade mächtig aufpumpte, doch angesichts der unmissverständlichen Warnung den Mund hielt. Also war die Allianz längst geschlossen! Sein Bauch blähte sich vor hilfloser Wut.

*

Mario Torelli kam spät nach Hause. Hinter der Wohnungstür trat er auf einen Zettel: «Dallon kümmert sich um dich. Ab sofort mit allen Mitteln.»

Bei einem letzten Glas Wein zerriss er das Papier in kleine Fetzen und verbrannte sie im Aschenbecher. Dallon kannte er, und was «mit allen Mitteln» bedeutete, wusste er auch. Nicht schön, aber nicht wirklich gefährlich - nicht wirklich gefährlicher als die Manöver der letzten Wochen.

*

Sie wachte auf, weil es nach etwas roch, nicht unangenehm, aber ungewöhnlich. Draußen war es eigenartig hell, sie brauchte eine Weile, um sich zu erinnern, wo sie war. Was passiert war. Die letzte Tour mit Hartmut Prinz, der Geier, die Schießerei auf dem Güterbahnhof jetzt schaltete sie: Es roch nach Kaffee und Spiegeleiern. Und Toast. Etwas arg dunklem Toast.

Mühsam schwang sie die Beine aus dem Bett. Kopfschmerzen, nicht stark, aber gerade so, dass man sie nicht mehr ignorieren konnte. Ein trockener Hals - sie hatte nur ihre Klamotten auf den Boden geworfen und war wie eine Tote ins Bett gefallen.

Als Schritte näher kamen, schrie sie leise auf und sprang hinter die Tür, verhedderte sich natürlich prompt in den Ärmeln des Morgenmantels.

«Guten Tag, oder besser: Guten Nachmittag. Das kombinierte Frühstück-Mittagessen ist fertig ... he, Franziska, wo bist du?»

«Hinter der Tür, bleib bloß draußen, ich hab nichts an.»

Nach einer unverschämt langen Pause hörte sie ein typisch männliches Grunzen, aber Prinz überraschte sie: «Wo hast du Kopfschmerztabletten?»

«Im Bad. Über dem Waschbecken.»

«Na prima. Beeil dich!»

Die Schritte entfernten sich, sie stand regungslos hinter der Tür, überlegte und zog sie dann entschlossen auf. Es war ihre Wohnung! Und ein Morgenmantel war nichts, was er in den falschen Hals bekommen konnte. Im Bad stellte sie einen neuen Rekord auf.

Während des Frühstücks klingelte das Telefon, und weil er näher am Apparat saß, hob er ab: «Ja, bei Seidel?«

Einen Moment hörte er zu, runzelte die Stirn, bevor er wortlos auflegte, und behauptete dann mit seltsam veränderter Stimme: «Du hast ja merkwürdige Freunde.»

«Wie meinst du das?»

«Er meinte, er würde dich mal antreffen, wenn du gerade keinen Mann in der Bude hättest.»

Das war stark, einmalig, sie spürte, wie es in ihrer Kehle zu kitzeln begann. Und sie wäre gerne mit ihrer Erheiterung herausgeplatzt, wenn er nicht so eine finstere Grimasse geschnitten hätte.

Montag, 27. April

Die Woche begann mit dem üblichen Papierkrieg, die noch nicht identifizierte Leiche aus dem Teich blieb dem 1. K. erhalten, weil es sich «augenscheinlich» um das Opfer eines Verbrechens handelte. Rogge wusste, dass sich kein Ressort um unbekannte Tote riss, und Staatsanwalt Reichenbach, zuständig für U wie Unbekannt, hustete am Telefon nur.

«Erwarten Sie große Aktivitäten von mir, Herr Rogge?»

«Im Moment überhaupt keine, Herr Reichenbach.»

«Das ist mir die angenehmste Form der Zusammenarbeit.» Reichenbach war jung und gab sich faul und lässig, was täuschte.

Um neun Uhr wurde seine Tür ohne Vorwarnung so heftig aufgerissen, dass er zusammenschrak. Er fauchte: «Brauchst du unbedingt meine Planstelle, du alter Esel? Kannst du nicht auf meine Pensionierung warten?»

«Halt die Klappe und hör zu!»

Alfons Lutterbeck, Erster Hauptkommissar im Ersten Kommissariat, hatte genau zwei Lebens- und Berufsjahre mehr auf dem Buckel als er. Sie kannten sich seit fast dreißig Jahren. Früher waren sie einmal eng befreundet gewesen, die Freundschaft hatte sich im Laufe der Zeit verflüchtigt, doch das gegenseitige Vertrauen war geblieben, auch in den elf Jahren, in denen Rogge nun als Vertreter Lutterbecks amtierte. Es kam vor, dass sie einen ganzen Tag nicht miteinander sprachen, sondern sich beim Kommen und Gehen nur zuwinkten. Neulinge meinten, Chef und Vertreter verstünden sich so schlecht, dass man sie gegeneinander ausspielen sollte; den Chefs schadete der Versuch nie, aber regelmäßig den Neulingen.

Inzwischen bildeten sie ein merkwürdiges Gespann. Lutterbeck war grob, ungeduldig und kurz angebunden geworden, er hatte jede Lust verloren, auf andere Menschen Rücksicht zu nehmen, und niemand und nichts erschütterte seine Vorurteile. Rogge hatte sich anders entwickelt, war schweigsam geworden, manchmal schon trübe, und seit dem Tode seiner Frau ging er anderen Menschen gern aus dem Weg. Viel mehr Geduld als Lutterbeck besaß er nicht wirklich, aber er zwang sich, zuzuhören und zu schweigen. Am wohlsten fühlte er sich noch, wenn er allein und ungestört seinen Fällen nachgehen konnte; die Wochen, in denen er für Lutterbeck die Urlaubsvertretung übernehmen musste, empfand er zunehmend als ungerechtfertigte Bestrafung.

«Und den ganzen Ärger hab ich nur, weil du unbedingt zu dieser verdammten Feier gehen musstest.»

Da war was dran, eigentlich hatte Rogge am Wochenende Bereitschaftsdienst gehabt und Lutterbeck für den Samstagabend um Aushilfe gebeten, weil einer von ihnen zur Abschiedsparty gehen musste. Denn der eiserne Alfons hatte es strikt abgelehnt, sich im «Depot» blicken zu lassen, und stattdessen lieber Bereitschaft geschoben. Mit der Folge, dass er nun einen mehr als hässlichen Fall am Halse hatte. Eine Ermittlung gegen zwei Kollegen, die einen Verbrecher erschossen hatten. Das versprach einen Zwei-Fronten-Krieg. Die Öffentlichkeit würde sich über die Brutalität der Polizei erregen, einige Kollegen würden nicht verstehen, dass man gegen zwei erfolgreiche Fahnder mehr als pro forma ermittelte, Schmittel und Heesen hatten zwar hässliche Flecken in ihren Personalakten, aber mit ihrer weithin bekannten Auffassung, man solle, ja man müsse härter durchgreifen, standen sie nicht allein.

«Ich hab den Fall und werd ihn nicht los, Jens.»

«Du musst dafür sorgen, dass dieser Prinz und die Seidel aus der Schusslinie genommen werden», antwortete er zerstreut, mit den Gedanken bei den Weiterungen.

«Schusslinie ist ja wohl etwas zu dick aufgetragen», schnarrte Lutterbeck und stand auf. Rogge lachte. Sprache war oft verräterisch.

«Und rede bloß sofort mit Lobisch. Ein falsches Wort an die Presse, und wir werden gelyncht.»

Wider Erwarten hatte die Gerichtsmedizin gespurt. Opa Steinbart, steinalt und Bartträger, rief am späten Vormittag an: «Wir haben was für Sie, Herr Rogge.»

«Ich komm mal rüber.»

Vor Obduktionen hatte er sich immer gedrückt, und Steinbart bestand nicht auf der Anwesenheit fremder Amtspersonen; es entsprach nicht ganz den Vorschriften, aber über solche Kleinigkeiten setzte sich Opa Steinbart großzügig hinweg, und in diesem Punkt genoss er Rogges freudige Zustimmung. Schon der Geruch in dem alten Gebäude schnürte ihm den Hals zu, und fast dankbar atmete er den Rauch von Opas Pfeifenknaster ein.

«Ihr Findling hat eine ungewöhnliche Anomalie. Die Ringfinger beider Hände sind länger als die Mittelfinger. Wenn er mal von euch behandelt worden ist, sollte das aufgefallen sein.»

«Ja, sehr schön.»

«Außerdem hat er wenigstens einige Monate in den Vereinigten Staaten gelebt. Oben rechts hat er sich fünf Zähne reparieren und überkronen lassen, das hat längere Zeit gedauert, und diese Technik wird in Europa nicht angewendet. Sie kriegen's noch schriftlich.»

«Wie steht's mit Fingerabdrücken?»

«Haben wir, liegen schon bereit im Büro. Noch ein Hinweis: Dem Mann ist die linke Niere entfernt worden. Wann und wo - Fehlanzeige. Aber nach dem Zustand der rechten Niere würde ich mal vermuten, dass er beim Essen und Trinken vorsichtig war. Vorsichtig sein musste.»

«War er Dialyse-Patient?»

«Nee, glaube ich nicht.»

«Na prima, damit kommen wir weiter.»

Steinbart kraulte seinen Bart. Zum Frühstück hatte er ein sehr weiches Ei gegessen, aber das wusste er selbst, und deswegen erwähnte Rogge es nicht.

In der Technischen Abteilung hatten sie die Sachen des Toten noch nicht angefasst, was er achselzuckend zur Kenntnis nahm. Erstens eilte es nicht, und zweitens verriet ihm Sollberg, der stellvertretende Leiter der Kriminaltechnischen Untersuchung, dass sie sechs Mann abstellen mussten, an das neue Dezernat OK.

«Mensch, Rogge, ich kann dir flüstern, die übertreiben maßlos.»

«Wie meinst du das?»

«Bis jetzt haben die ja nur geübt, und nun planen die ihren ersten Einsatz. Mit allen technischen Raffinessen, ich könnt dir Geschichten erzählen, da fielen dir die Haare aus.»

«Lieber nicht», lehnte er gemütlich ab und strich sich über die dünne Stelle rund um den Wirbel.

«Keine Angst, ich darf ja auch nicht. Geheim, geheimer, OK.»

«Verlangt Dallon?»

«Der auch. Aber das ist von ganz oben gekommen.»

Bei seinem Entschluss, die Leitung des neuen Dezernats abzulehnen, war einer der Gründe auch gewesen, was die Spatzen hausintern schon lange pfiffen und seit einigen Wochen auch die Zeitungen - trotz aller Dementis, die Lobisch, der Leiter der Pressestelle, offiziell und offiziös verbreitete - vorsichtig andeuteten: Es gab im Präsidium undichte Stellen, Korruption und Verbindungen zum Organisierten Verbrechen. Wenn Dallon sich wirklich mit allen Möglichkeiten, die das neue Gesetz bot, an OK heranmachen wollte, würde er die Hälfte seiner Energie darauf verwenden müssen, sein Dezernat gegenüber dem Präsidium abzuschirmen. Denn ein Hinweis an den überwachten Kreis, und die Arbeit von Wochen war wertlos. Oder schlimmer noch: Die Informierten würden über Wochen ihre Beschatter an der Nase herumführen. Mit wenig Aufwand konnten sich einige so verdächtig benehmen, dass sie alle Überwachungskapazität auf sich zogen, damit die anderen ungestört ihren Geschäften nachgehen konnten.

Weil er einen Moment ins Grübeln geraten war, musterte Sollberg ihn pfiffig: «Wie kommst du eigentlich mit Dallon klar?»

«Gut», antwortete er ehrlich.

«Hoffentlich bleibt das so, Rogge.»

«Von meiner Seite aus bestimmt», versicherte er trocken, weil ihm der Unterton nicht entgangen war. «Und nun rück mal die Fingerabdrücke raus.»

In ihrem Computer waren die Fingerabdrücke des Toten aus dem Teich nicht gespeichert, also schickte er sie und die Liste der körperlichen Merkmale an das Bundeskriminalamt. Dank des Hinweises, dass der Unbekannte einige Zeit in den Vereinigten Staaten verbracht hatte, würde das BKA, falls nötig, Interpol einschalten. Das lief alles seinen bürokratischen Weg, darum musste er sich nicht kümmern. Obwohl er nach dem langen Spaziergang mit Frau Nachbarin fast neun Stunden geschlafen hatte, gähnte er herzerweichend. Und die Waden zwickten immer noch.

Diesmal klopfte Lutterbeck an, bevor er den Kopf ins Zimmer steckte: «So, ein beschissener Tag endet beschissen. Ich hab mit dem Direktor S gesprochen, Prinz schiebt ab sofort Innendienst, besser als Fahndung, du verstehst schon, und die Seidel kriegt Urlaub bis zum 4. Mai. Einverstanden?»

Er zwinkerte nur.

«Hältst du unser Abendgebet?»

«Hau schon ab!»

Eine Viertelstunde später versammelten sich die vierzehn Mitarbeiter des Ersten Kommissariats in Rogges Zimmer. Wenn es viel zu tun gab, trafen sie sich jeden Nachmittag kurz vor Dienstschluss, aber im Augenblick benahmen sich die Bewohner der Stadt friedlich und schonten Leben, körperliche Unversehrtheit und Freiheit ihrer Mitmenschen. Es gab immer etwas zu klären, zu besprechen, an Missverständnissen auszuräumen, die jüngeren Kollegen alberten und verzapften dumme Sprüche, die älteren drängten nach Hause, und Rogge sorgte dafür, anders als der ungeduldige Lutterbeck, dass wirklich jeder zu Wort kam, keiner ausgelacht wurde und niemand sein Mütchen auf Kosten eines anderen kühlen konnte. Gerne tat er es nicht, vielen gegenüber fühlte er sich fremd und manchmal schon gehemmt. Aber er akzeptierte, dass diese dreißig, vierzig Minuten nötig waren, um ein Gefühl der Zusammengehörigkeit zu erzeugen. Um nicht das große Wort Gemeinsamkeit in den

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