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Kante Krümel Kracher: Roman um eine Berliner Fußballer-Familie 1946: Cassiopeiapress Roman

Kante Krümel Kracher: Roman um eine Berliner Fußballer-Familie 1946: Cassiopeiapress Roman

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Kante Krümel Kracher: Roman um eine Berliner Fußballer-Familie 1946: Cassiopeiapress Roman

Länge:
377 Seiten
5 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
21. Feb. 2018
ISBN:
9783743816374
Format:
Buch

Beschreibung

Familien-Saga von Horst Bosetzky
schrieb als -ky

Der Umfang dieses Buchs entspricht 391 Taschenbuchseiten.

1946. Der dreizehnjährige Kante ringt seinen Eltern die Erlaubnis ab, dem 1. FC Neukölln beizutreten. Schon bald bekommt Kante ein Angebot von Tasmania 1900, dem weitaus erfolgreicheren Berliner Verein. Seine große Chance erhält er dann bei Werder Bremen und Hertha BSC. Stück für Stück scheint er sich seinem eigentlichen Ziel zu nähern: Eines Tages will er Nationalspieler werden.
Doch dieser Traum erfüllt sich erst Jahrzehnte später - bei seinem Enkel "Kracher", der von Rudi Völler in die deutsche Elf für die Europameisterschaft berufen wird. Dazwischen liegt ein Leben voller sportlicher Erfolge und Niederlagen, voll familiären Glücks und menschlicher Enttäuschungen. Ein mitreißender Familienroman um eine Berliner Fußballerfamilie ...
 
Herausgeber:
Freigegeben:
21. Feb. 2018
ISBN:
9783743816374
Format:
Buch

Über den Autor


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Kante Krümel Kracher - Horst Bosetzky

München

KANTE KRÜMEL KRACHER

Familien-Saga von Horst Bosetzky

schrieb als -ky

Der Umfang dieses Buchs entspricht 391 Taschenbuchseiten.

1946. Der dreizehnjährige Kante ringt seinen Eltern die Erlaubnis ab, dem 1. FC Neukölln beizutreten. Schon bald bekommt Kante ein Angebot von Tasmania 1900, dem weitaus erfolgreicheren Berliner Verein. Seine große Chance erhält er dann bei Werder Bremen und Hertha BSC. Stück für Stück scheint er sich seinem eigentlichen Ziel zu nähern: Eines Tages will er Nationalspieler werden.

Doch dieser Traum erfüllt sich erst Jahrzehnte später - bei seinem Enkel »Kracher«, der von Rudi Völler in die deutsche Elf für die Europameisterschaft berufen wird. Dazwischen liegt ein Leben voller sportlicher Erfolge und Niederlagen, voll familiären Glücks und menschlicher Enttäuschungen. Ein mitreißender Familienroman um eine Berliner Fußballerfamilie ...

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

NICHTS ALS FUSSBALL IM KOPF

1946

»Hast du denn nichts anderes als Fußball im Kopf?«, fragte die Lehrerin und tat so, als stünde er vor einem Jugendgericht.

»Nein«, antwortete Kante. »Hab ich nicht.«

Schule war eine Sache, die ihn furchtbar störte. Den ganzen Vormittag über hätte er so schön trainieren können, doch sie zwangen ihn, hier zu sitzen und sich den Kopf darüber zu zerbrechen, zu welchem Zweck die alten Ägypter ihre Pyramiden gebaut hatten. War ihm doch egal. Von wegen alte Hochkultur. Nicht einmal das Fußballspiel hatten sie erfunden. Das war für ihn mehr als enttäuschend, und er sagte es auch laut, als er aufgerufen und danach gefragt wurde, was die Welt den Pharaonen zu verdanken hatte.

»Zeig mal: Was hast du denn dazu in deinem Heft zu stehen?«

»Nichts.« Wieder einmal hatte er seine Hausaufgaben vergessen, und wieder einmal nahm er die Strafe gottergeben hin. Was konnte er dafür, dass er so war, wie er war?

Frau Zschortau musterte ihn mit einiger Sorge. »Mit deinen dreizehn Jahren könnte man von dir schon ein bisschen mehr erwarten. Wie willst du denn mit deinen miesen Zensuren durchs Leben kommen?«

»Ich komme schon durchs Leben, ich werde Fußballer.« Kante war da voller Zuversicht und lächelte, als würde man ihn schon für die Fußball-Woche fotografieren. »Ich komm’ mal in die Nationalmannschaft.«

Die Lehrerin wurde nun drastisch. »Wenn sie uns Deutsche jemals wieder gegen andere Länder spielen lassen. Außerdem: Keiner kommt in die Nationalmannschaft, wenn er nicht in einem Verein ist - und du bist in keinem Verein.«

»Mein Vater lässt mich ja nicht.«

Frau Zschortau lachte auf. »Ja, weil du dich auf die Schule konzentrieren und das Abitur machen sollst.« Sie hatte noch viel sarkastischer reagieren wollen, beließ es aber bei einem Seufzer. »Nun ja, vielleicht schafft es wirklich mal ein Kamel durchs Nadelöhr. So, wie die Zeiten heute sind ...«

Man schrieb das Jahr 1946, und seit Ende des Krieges war gerade mal ein Jahr vergangen. Noch immer waren weite Teile Berlins eine riesige Trümmerlandschaft. Es gab aber auch Straßenzüge und Plätze mit durchweg heil gebliebenen Häusern, so etwa die Stuttgarter Straße in Neukölln. Die war gerade einmal sechshundert Meter lang, also der schwäbischen Metropole wenig angemessen, verlief zwischen Innstraße und Treptower Straße parallel zur Sonnenallee und verband den Inn mit dem Hertzbergplatz. An Letzterem waren die Schule und auch der Fußballplatz gelegen, der Acker von »95«, wie der 1895 gegründete 1. FC Neukölln allgemein hieß, der Verein, in dem Kante nicht spielen durfte.

»Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei ...« Kante summte das Lieblingslied seiner Großmutter. Auch die Schule ging vorbei. Jeden Tag spätestens um fünf vor halb zwei. Es sei denn, man musste nachsitzen. Wie Kante heute. Weil er gestern vor Beginn der fünften Stunde in die Klasse gestürmt war und gerufen hatte, er käme gerade aus dem Lehrerzimmer und Frau Zschortau müsse dringend zum Arzt. »Befehl vom Rektor: Alle nach Hause!« Fünf Minuten später hatte die Lehrerin, in Wahrheit kerngesund und ohne jegliche Beschwerden, vor leeren Bänken gestanden.

Als Kante dann endlich entlassen wurde, schlich er nur nach Hause. Viele seiner Klassenkameraden hatten das Glück, Schlüsselkind zu sein, das heißt, sie waren tagsüber allein zu Hause, weil die Mutter arbeitete und der Vater gefallen war oder noch als Kriegsgefangener irgendwo in Russland festgehalten wurde. Doch er stand dauernd unter Aufsicht. Seine Mutter arbeitete als Reinemachefrau, aber nur frühmorgens oder abends, war also immer in der Wohnung, wenn er aus der Schule kam, und wenn sie wirklich einmal zwischen 12 und 14 Uhr im Einsatz war, dann war es sein Vater, der ihm auf die Finger sah. Schichtdienst.

Kante hatte keine Eile, seiner Mutter unter die Augen zu treten, denn er bekam mit Sicherheit sofort links und rechts eine gescheuert. Wegen des Nachsitzens. Das war zwar ein schönes Training, was sein Kopfballspiel betraf, denn wie sagte sein Großvater immer: »Gelobt sei, was hart macht.« Aber dennoch: Je mehr er sich der Hausnummer 42 näherte, desto langsamer wurde er. Die Kinder, die normal Schulschluss gehabt hatten, waren schon abgefüttert worden und spielten unten auf der Straße. Die Mädchen Hopse, die Jungen Kante.

Letzteres war seine absolute Spezialität, nicht umsonst trug er ja den Spitznamen Kante. Das Spiel war einfach genug, sofern man einen alten Tennis- oder nicht allzu großen Gummiball hatte. Den galt es so zu werfen, dass er die Kante eines der Sockel traf, mit denen die Fassaden der Mietshäuser versehen waren, um den Putz vor Beschädigung (durch ätzenden Urin beispielsweise) zu schützen. So ein Sockel war in der Regel ein paar Zentimeter dick, reichte vom Pflaster bis zu den Knien hinauf und war oben ein wenig abgeschrägt, was einen Ball, traf er die Kante, in hohem Bogen zurückfliegen ließ. Es war eine große Kunst, die Kante zu treffen, und erst, wenn einem dies gelang, hatte man die Chance, Punkte zu sammeln. Fing man den Ball mit beiden Händen, gab es nur wenige Punkte. Die Zahl erhöhte sich jeweils, wenn man ihn nur mit der rechten oder der linken Hand, mit gekreuzten Händen oder erst nach einer schnellen Drehung beziehungsweise mit dem Rücken zur Wand fing.

»Dschante, spielste ooch mit?«, fragte ihn Wölfchen, als er angetrabt kam. Wolfgang war Kantes bester Freund. Er war nach einem Bombenangriff im Luftschutzkeller verschüttet gewesen, fast vierundzwanzig Stunden lang, und hatte seitdem diesen Sprachfehler. Dass er das »K« und das »G« wie »Dsch« aussprach. Sogar bei manchen Worten, die auf »ng« oder »ig« endeten, hatte Wolfgang dieses Problem - leider auch bei seinem eigenen Namen. Der Arzt konnte nichts dagegen machen, außer Wölfchen den Rat zu geben, diese Buchstaben nach Möglichkeit zu vermeiden, doch nicht immer gelang ihm das. Was blieb ihm auch übrig, wenn Lehrer, Pfarrer und Polizisten darauf beharrten, seinen amtlichen Vornamen zu erfahren. »Wölfchen oder Wölfi - so steht das doch bestimmt nicht in eurem Stammbuch ...« Ja schon, aber Wolfdschandsch stand da auch nicht drin. Manche Leute glaubten mitunter, »Wolfschanze« gehört zu haben, und gerade Opfer des Faschismus reagierten ziemlich sauer. Erst wenn Wölfchen hinzufügte, dass er in der Stuttdscharter Straße wohne, schwiegen sie. »Die sollten ihn umtaufen auf nur noch Wolf, das geht ja auch, und nebenan nach Tempelhof ziehen«, sagte Kantes Vater. »In die Dudenstraße, jedenfalls raus aus Neudschölln.« Hörte Kante das bei einem Gleichaltrigen, bekam der sofort eine aufs Maul. Von ihm, nicht von Wolfgang, der ein stiller Dulder war. Aber bei seinem Vater ging das schlecht. Außerdem war der ja schon bestraft genug. Vom Schicksal. Im Krieg hatte er den linken Arm verloren. Bei den Geburtstagen kam immer einer mit dem Witz: »Wie kann man seinen Arm verlieren? Frag doch mal im Fundbüro nach.« Alle durften darüber lachen, nur Kante nicht. Tat er es dennoch, bekam er mit der Prothese einen übergezogen. »Gelobt sei, was hart macht.« Immer wieder derselbe Spruch. Hätte er ein Poesiealbum gehabt, wie er es von seiner Großmutter kannte, es wäre das Motto seines Lebens gewesen.

Kante deponierte seinen Schulranzen im Hausflur. Hier roch es vornehmlich nach Kohlsuppe und Bohnerwachs, aber auch nach Kinderpisse. Irgendeines der kleinen Mädchen hatte beim Trieseln oder beim Hopsespielen wieder einmal vergessen, dass es musste, es nicht nach oben geschafft und sich hierher gehockt. Machte aber nichts, denn bestimmt platzte bald wieder ein Wasserrohr und spülte alles weg. Andauernd gab es Überschwemmungen. Manchmal wurden die Bleirohre einfach geklaut. Wie auch die Glühbirnen in den Treppenhäusern. Was aber auch keine große Rolle spielte, weil sowieso andauernd Stromsperre war. Manchmal war seine Mutter nachts um zwei aufgestanden und zum Friseur gegangen, um unter die Haube zu kommen. Die Trockenhaube.

Wieder auf der Straße, ließ sich Kante von Wölfchen den Ball zuwerfen. Luffi und Schulle kamen herbeigeschlendert und hofften, dass mit Kante Leben in die Bude kam. Immer nur herumlungern war auch nicht das Gelbe vom Ei. Vielleicht konnten sie Kante überreden, mit ihnen in den Ruinen nach Buntmetall zu suchen. Oder Einreißen zu spielen. Wenn man es schaffte, irgendeine beim Luftangriff gerade so stehen gebliebene Wand zum Einsturz zu bringen, dann gab das immer ein Riesentheater.

Kante also gelang es wie keinem Zweiten weit und breit, mit fast jedem Wurf die Kante zu treffen. Er war so perfekt, dass es ihn schnell langweilte. So versuchte er, den Ball nicht mit der Hand Richtung Kante zu befördern, sondern mit dem Fuß, mit dem rechten Spann. Schließlich fühlte er sich als Fuß- und nicht als Handballer. Nun war die Sache schon wesentlich schwieriger, zumal er sich auch noch Mühe gab, den zurückprallenden Ball mit Brust oder Bein zu stoppen. Jetzt traf er nur noch selten, und die Kameraden lachten, besonders wenn er erst auf den Fahrdamm rennen und dem Ball mühsam hinterherjagen musste. Kante wusste, dass er noch viel üben musste. Wie sagte sein Großvater immer: »Übung macht den Meister.« Das Gelächter von Luffi und Schulle juckte ihn nicht. Was ihn schmerzte, war die Erkenntnis, dass er kein begnadeter Techniker war. So einer wie Männe Paul vom BSV 92. Wie gerne wäre er ein Fußball-Rastelli geworden, doch das konnte er sich wohl abschminken. Aber rennen und ackern, das konnte er, und sein Vater meinte immer, er würde eine Pferdelunge haben.

Trotzdem: Seine Schusstechnik musste besser werden. Doch wieder brauchte er fünf Versuche, bis er die Kante getroffen hatte.

Luffi kommentierte dies entsprechend: »Es gibt Künstler und Dilettanten, die einen treffen ins Loch, die anderen scheißen auf die Kanten.«

Daraufhin griff sich Kante den Ball, um ihn Luffi an den Kopf zu donnern. Doch der duckte sich ab, und das Geschoss traf die arme Frau Raitzhain, die gerade aus der Haustür kam, an der linken Brust. Sie schrie auf. Weniger, weil es ihr weh getan hatte, sondern weil sie glaubte, die Jungen würden sie wieder einmal belästigen. Immer wieder riefen sie ihr Unanständiges hinterher und nannten sie Frau Ritzrein. Nur weil sie ab und zu einen amerikanischen Soldaten mit nach Hause brachte. Dabei war ihr Mann seit Ende 1944 vermisst und kam bestimmt nicht wieder.

Frau Raitzhain lief Kante ein paar Meter hinterher, gab es dann aber auf, ihn zu schnappen. Besser war es, sie ging zu seiner Mutter und erzählte der, was passiert war.

Kante ahnte es, als die Nachbarin wieder im Hausflur verschwand. Was sollte er tun? Zu seiner Oma flüchten? Nein, bis Blankenburg war es zu weit. Einfach ausreißen und sich in der Stadt herumtreiben? Auch nicht, dazu hatte er doch zu große Angst, von irgendeinem Mann verschleppt zu werden. Der machte dann Hackfleisch aus ihm. Aber sollte er hier in der Stuttgarter Straße warten, bis seine Mutter nach unten kam und ihn verprügelte - vor den Augen von Luffi und Schulle, damit die dann etwas zu feixen hatten? Nein. Also beschloss er, nach oben zu gehen und sich freiwillig zu stellen, ohne großes Trara. Wenn er eine gescheuert bekam, dann wenigstens unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

So geschah es auch. Für Kante war es kein Drama. So eine Ohrfeige war ein Klacks. Für ihn und seine Kameraden galt ja schon immer: »Ein Indianer kennt keinen Schmerz.« Und wenn er dennoch aufheulte, dann nur, damit seine Mutter von dieser Aktion auch etwas hatte.

»Sich an Frau Raitzhain zu vergreifen ... Schäm dich was!«

Unter »sich vergreifen« verstand Kante etwas anderes, aber das wollte er mit seiner Mutter nicht groß erörtern. Außerdem roch es so wunderbar nach Kartoffelpuffern, und er hatte einen Bärenhunger. Viel zu essen gab es zwar noch immer nicht, aber Kohldampf zu schieben brauchte keiner, zumal seine Mutter jede Woche von dem Arzt, bei dem sie sauber machte, einiges an Fressalien zugesteckt bekam. Doch Kante hatte sich zu früh gefreut, denn seine Mutter versperrte ihm den Weg in die Küche.

»Erst gehste Vater seine Stullen bringen, die hatta vorhin vajessen.« Sie drückte ihm die Blechbüchse in die Hand. »Weeßte doch: Strafe muss sein.«

Kante wollte sie mit Absicht missverstehen. »Dafür dass er die vergessen hat ... Da müssteste ihn doch hungern lassen.«

»Strafe für dich.«

»Was kann ich dafür, dass Luffi sich jeduckt hat. Den wollt’ ick doch treffen und nicht Frau Raitzhain.«

»Jeh endlich in’n Fußballverein - da kannste da austoben, ohne det man mit die Leute Arjer kriegt.«

»Vater lässt mich ja nich.«

»Ick red’ noch mal mit ihm.«

Kante freute sich, nahm die Büchse mit den Stullen und machte sich auf den Weg zum Bahnhof Sonnenallee. Dort saß sein Vater in der »Wanne« und achtete darauf, dass alles seine Ordnung hatte. Wer oben mit dem Zug angekommen war, musste unten bei ihm vorbei und seine gelbe Fahrkarte vorzeigen. Anhand des eingestanzten Stationskürzels erkannte er sofort, ob ein Fahrgast das bezahlt hatte, was er laut Tarif zu bezahlen hatte. Abgesehen von Fürstenwalde gab es vier Zonen - Kreise um den Bahnhof Friedrichstraße herum - und acht Preisstufen, von zwanzig Pfennigen bis zu 1,30 Mark. Das alles wusste Kante, sein Vater hatte es ihm regelrecht eingetrichtert, immer in der Hoffnung, der Sohn würde auch einmal zur S-Bahn gehen. Doch Kante dachte nicht im Traum daran. »Was willst du sonst mal werden?« Auf diese ständig an ihn gerichtete Frage antwortete er ein jedes Mal mit beredtem Schweigen. Eigentlich wollte er gar nichts werden. Außer Fußballspieler. »Aber davon kann man doch nicht leben.« Darauf wusste er dann auch nichts zu erwidern, außer: »Kommt Zeit, kommt Rat.«

Jetzt also trabte er die Sonnenallee hinunter, um seinem Vater das Essen zu bringen. Viel zu laufen war es nicht. Die S-Bahn-Brücke sah man schon von Weitem. Dennoch reizte es ihn, mit der Straßenbahn zu fahren, mit der 95. Aber nicht als zahlender Fahrgast, sondern als blinder Passagier. Dazu musste man sich an der Seite, auf der nicht eingestiegen wurde, also in Fahrtrichtung links, außen am Beiwagen festhalten. Da sich die Trittstufen in einer Aussparung befanden, also sozusagen eingezogen waren, fanden die Füße kaum Halt, und so hing Kante mehr draußen am Wagen, als dass er stand. Und dies mit nur einer Hand am Griff, da er mit der anderen ja die Brotbüchse festhalten musste. Die Fenster am Einstieg waren, es war immerhin schon Mai, nach innen geklappt, sodass er den Kopf in Sicherheit bringen konnte, wenn es draußen mal eng werden sollte. Die Fahrgäste drinnen in der Bahn, die ihn so sahen, reagierten mit ängstlichen Schreien, die Schaffnerin hingegen wütete und hätte ihn am liebsten auf die Straße gestoßen, noch bevor sie wieder hielten.

»Ick hol die Pullizei, det sag’ ick dir!«, schrie sie.

Kante lachte. Mutproben wie diese waren seine Spezialität. Fehlte nur, dass die aus seiner Klasse alle zusahen.

Die Schaffnerin gab keine Ruhe. »Wenn de runterfällst und unter die Räder kommst, haste ’n Bein ab!«

Das nun wirkte bei Kante, denn ein einbeiniger Fußballspieler war nun einmal ein Ding der Unmöglichkeit, und an der Mareschstraße sprang er vorsichtshalber ab, um das letzte Stück zum S-Bahnhof zu Fuß zurückzulegen.

Sein Vater versah seinen verantwortungsvollen Dienst in der Empfangshalle des Bahnhofs - und zwar in einem länglichen Holzhäuschen, der sogenannten »Wanne«. Sie war wie eine Presskohle geformt, wurde also an den Enden schmaler und erinnerte Kante immer an die Laube seiner Großeltern. Grün gestrichen war sie und mit kleinen Scheiben verglast. Zwei Bedienstete hatten Platz darin. Sie saßen leicht versetzt Rücken an Rücken, ihre Knipszangen wie Revolver in der Hand. Und in der Tat hatte jeder, der vorbeiging, ohne ihnen seine Fahrkarte hingehalten zu haben, das Gefühl, sogleich auf der Flucht erschossen zu werden. Bei Kantes Vaters sah das ganz besonders furchteinflößend aus, weil sein linker Arm aus einer nicht eben sehr kunstvoll gebastelten Prothese bestand. Der hochgerutschte Ärmel seiner schwärzlich blauen Uniform gab eine Art Nudelholz frei, das nur zum Teil mit einer Ledermanschette verkleidet war. Aus der nun ragte so etwas wie eine Zange hervor, nein, mehr ein Schnabel, in den sein Vater mit der heil gebliebenen rechten Hand die hingehaltenen Fahrkarten steckte, ehe er sie knipste: So für Sonnenallee.

»Da biste ja endlich mit den Stullen.« Sein Vater sah schon sehr hungrig aus.

Kante reichte ihm die Büchse in die Wanne hinein. Ein Dankeschön hatte er nicht erwartet. Dass er von einem Erwachsenen nicht angeschrien und bestraft wurde, war ihm Belohnung genug. Groß zu reden, wagte er ohnehin nicht, denn sein Vater war im Dienst und hatte es nicht gern, abgelenkt zu werden, denn immer wieder gab es ja Volksgenossen, die nur auf einen solchen Augenblick warteten, um ohne geknipste Fahrkarte auf den Bahnsteig zu gelangen. Das waren meistens welche, die weit draußen wohnten, also viel zu zahlen hatten. An ihrem Zielbahnhof stiegen sie dann nicht aus und gingen durch die Kontrolle, sondern sprangen auf der entgegengesetzten Seite aus dem Zug und verschwanden im Wald oder einer Laubenkolonie. Um das zu verhindern, war sein Vater immer auf der Hut. Wandte jemand ein, der eine oder andere, der ohne zu bezahlen mit der S-Bahn fuhr, würde doch den Kohl auch nicht fett machen, kam er mit Argumenten wie: »Wenn alle das so machen würden ...«, »Wehret den Anfängen!« und »Ordnung ist das halbe Leben«.

Kante wurde mit einer Bewegung verabschiedet, wie man sie machte, um eine Fliege zu verscheuchen. Er trat wieder auf die Straße hinaus und war einen Augenblick lang unschlüssig, was er nun machen sollte. Länger als eine Stunde konnte er nicht fortbleiben, denn seine Mutter hatte beim Fortgehen gemahnt: »In einer Stunde biste aba wieda da.« Um ein bisschen durch die Straßen zu stromern, reichte es aber. Vielleicht passierte irgendwo etwas. Nee, nischt. Weder in der Brusendorfer Straße noch in der Schudomastraße. Aber in der Hertzbergstraße war etwas los. Feuerwehrfahrzeuge versperrten die Straße.

»Was is'n hier los?«, hörte Kante einen Rentner fragen.

»Hat jemand wieder ’n Gashahn aufgedreht, und als dann jemand nischt gerochen hat und klingelt, is allet in die Luft geflogen. Die janze Wohnung. Die drüber ooch noch.«

Selbstmorde kamen nach dem Krieg zu häufig vor, als dass die Leute noch entsetzt gewesen wären. Kantes Oma kommentierte sie immer mit einem schönen Spruch: »Sterben müssen wir alle, aber ich verstehe die nicht, die sich unbedingt vordrängeln müssen.«

Schulle kam vom Hertzbergplatz her, erblickte Kante unter den Gaffenden und flüsterte ihm ins Ohr: »Mensch, hier wohnt ja ’n Onkel von mir, der Herbert. Hoffentlich ist bei dem allet janz jeblieben. Komm, kieken wa mal.«

Kante sah den Klassenkameraden misstrauisch von der Seite an. »Du willst bloß wieder wat klauen.«

Schulle schüttelte den Kopf. »Ick klaue nischt, ick finde nur wat.« Und dann erklärte er Kante, wie man einen Diebstahl auch definieren konnte. »Det is, wenn man etwas findet, bevor der andere et valoren hat. Aber du kannst janz beruhigt sein, det stimmt wirklich mit mei’m Onkel. Oder haste Angst, det noch wat explodiert?«

»Nee, nee ...« Kante wollte nicht als Feigling dastehen und folgte dem Klassenkameraden. Sie stiegen zur zweiten Etage hinauf. Die Erwachsenen waren so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass keiner sie aufhielt. Man glaubte, sie wohnten hier. Einsturzgefahr bestand ja nicht.

»Hier wohnt mein Onkel.« Schulle blieb vor einer der Wohnungen stehen. »Herbert Brennicke.«

So stand es auch am Türschild, und Kante beschloss, es zu glauben. Die Wohnungstür ließ sich aufdrücken. Sie zwängten sich durch einen schmalen Spalt in den Korridor. Kantes Herz schlug schneller. Das war fast so aufregend, wie im Luftschutzkeller zu sitzen und auf die Bomben zu warten. Nur etwas schöner.

»Mann!«, rief Kante und musste sich gefallen lassen, dass Schulle ihm den Mund zuhielt. Sie waren in die Wohnung eines Fußballspielers oder Trainers geraten, denn in der Ecke vor dem Fenster lagen zwei Fußbälle, in dieser Zeit Gegenstände von unfassbarem Wert. Oft spielten sie noch mit Blechbüchsen oder selbst genähten Stoffbällen auf der Straße. Und nun zwei echte Lederbälle! Kante konnte es nicht fassen. Nahm er sich einen mit, dann hatte Schulles Onkel immer noch einen und konnte glücklich sein. Alle sprachen ja davon, dass man teilen sollte. Teilen war edel und gut. Und wenn er, Kante, den einen der beiden Bälle jetzt mitnahm, dann war das so etwas wie ein Mundraub. Und der war ja auch nicht strafbar. Schon hatte Kante den Fußball vom Boden aufgehoben und sich unters Hemd gesteckt. Er sah aus, als wäre er schwanger. Schulle tippte sich an die Stirn. Dass ein dreizehnjähriger Junge ein Kind bekam, konnte kaum einer glauben. Nicht mal einer, der mit dem Klammerbeutel gepudert war.

»Mensch, det fällt doch uff!«

»Du mit deiner Petroleumlampe, du fällst auf.«

Schulle grinste. »Ick mach’ det doch nur für Onkel Herbert, ick rette seine Lampe. Lassen wir se hier stehen, klaut se nur eener. Wenn hier allet vorbei is, bring’ ick se wieda zurück. Wir müssen bloß uffpassen, det se uns nich für Einbrecher halten.«

Das war gar nicht so einfach. Schließlich entdeckten sie in der Küche einen kaum gefüllten Mülleimer. Da passten sowohl Ball als auch Petroleumlampe spielend hinein. Und dass zwei Jungen den Müll nach unten brachten, war sehr lobenswert. Sie schafften es bis auf den Hof hinunter und konnten sich dort in einem günstigen Augenblick verkrümeln. Zur Böhmischen Straße hin gab es einen Durchschlupf, und sie konnten mit ihrer Beute entkommen. Während Schulle, kaum dass er sich von seinem Kumpel getrennt hatte, seine Lampe sofort zum Trödler brachte und dort versilberte, trug Kante seinen Ball nach Hause. Immer wieder tippte er ihn auf oder führte ihn eng am Fuß. War der Bürgersteig leer, kickte er ihn auch gegen die Hauswand. Sein Glück war vollkommen. Endlich hatte er einen eigenen Fußball. Und noch dazu einen richtigen.

Aber wohin damit? Je mehr er sich der Stuttgarter Straße näherte, desto drängender wurde das Problem. Wenn seine Mutter ihn nach der Herkunft des Balles fragte, was sollte er da antworten? »Den hab’ ich geschenkt bekommen ...« »Lüg nicht so frech! Kein Mensch verschenkt heute so einen Ball.« Womit sie natürlich recht hatte. Natürlich hätte er den Ball aufschnüren und die Luft aus dem Schniepel lassen können, doch er hatte keine Luftpumpe, um ihn wieder in den alten Zustand zu versetzen. Und blies man ihn mit dem Mund auf, war er viel zu schlapp. Was tun, sprach Zeus. Er schickte ihm Frau Raitzhain. Von der war bekannt, dass sie nicht nein sagen konnte, und da seine Mutter von ihr behauptete, sie sei »moralisch minderwertig«, hatte er überhaupt keine Hemmungen, sie wegen des Balls anzusprechen. Er musste sich nur bei ihr entschuldigen.

»Wegen vorhin ... Das tut mir wirklich leid.«

»Lass mal ...« Frau Raitzhain schenkte ihm ein Lächeln, das ihm fast den Atem nahm. Und ihr Parfüm erst. »Ist noch was ...?« Sie wunderte sich, dass er nicht weiterging.

»Ja ...« Kante versuchte, sich zu fassen und nicht an das zu denken, woran er in ihrer Nähe unvermeidlich denken musste. »Mein Vater hat was gegen Fußball, ich darf in keinen Verein und keinen Ball haben ... Nun hab ich aber einen von meinem Freund Schulle geliehen bekommen - der hat ’n Onkel, der Trainer is – und ... Ob Sie wohl den Ball bei sich verstecken könnten? Ick hol ihn mir denn immer ab, wenn ick mal Lust hab ...« Nun bekam er doch einen roten Kopf. »Ick meine, wenn ick spielen will ... Fußball ...«

Frau Raitzhain grinste und nahm den Ball an sich. »Zu treuen Händen.«

Kante war erleichtert. Als er wenig später von seiner Mutter in die Wohnung gelassen wurde, sah er so harmlos aus wie ein christlicher Chorknabe.

»Wasch dir die Hände und komm essen.«

Das ließ er sich nicht zweimal sagen, obwohl es in den letzten Jahren wenig gegeben hatte, was man als Delikatesse bezeichnen konnte. Aber Hauptsache, man hatte überhaupt etwas im Magen und musste nicht verhungern. »Hunger ist der beste Koch«, hieß es immer wieder. So schmeckten ihnen dann auch Brot und Möhrenpuffer, Eierkuchen ohne Ei, Klöße aus Kartoffelschalen, Kartoffelnudeln mit Sirupsoße, Wildgemüsesuppen aus Brennnesseln, Giersch und Vogelmiere, falsche Rosinen aus Runkelrübenschnitzeln und Marzipan aus Quetschkartoffeln mit Mandelaroma. Nur die Klütersuppe, die seine Mutter aus sogenanntem »Fußmehl« gekocht hatte, war ihm sozusagen in der Speiseröhre stecken geblieben. Das Mehl stammte aus dem Lebensmittellager im Haus Friedland (dem späteren Kaufhaus Hertie in der Karl-Marx-Straße) und war vom Fußboden aufgefegt worden.

Doch heute gab es in der Stuttgarter Straße Kartoffelpuffer, richtig in Fett gebraten, und Kante konnte sich wirklich einmal den Wanst vollschlagen. Wenn seine Mutter nicht gerade ihre Tour hatte und ihn als Prügelknaben brauchte, war sie ganz gut zu leiden. Von wegen: »Ilse, keiner will se.« Sie war das, was man »proper« nannte, ein wenig drall, was ihr aber stand, und früher hatten sich die Männer um sie gerissen. Kante verstand nie so recht, warum sie ausgerechnet auf seinen Vater hereingefallen war. Aber: »Wo die Liebe hinfällt ...« Und wie sangen die Erwachsenen immer, wenn sie bei Geburtstagen einen über den Durst getrunken hatten: »Max, du hast den Bogen raus.« Musste er wohl gehabt haben. Sie war vier Jahre jünger als er. Sie hatten sich bei Telefunken kennengelernt, wo sie Relais gewickelt hatte. Sie kam aus gutem Hause und hatte eigentlich Schauspielerin werden wollen, doch die Ufa-Leute hatten sie nicht entdeckt. So war es bei zwei kleinen Rollen geblieben, zwei kurzen Auftritten als Putzfrau. Dann war der Krieg gekommen. Sie hatte ihn als Nachrichtenhelferin der Wehrmacht überlebt, als Blitz-Mädchen. Mitunter hatte sie es nicht geschafft, einen der feschen Offiziere abblitzen zu lassen, war aber dann doch zu ihrem Max zurückgekehrt, um ihn gesund zu pflegen und wieder aufzupäppeln. Nun hofften sie, noch einmal was vom Leben zu haben. »Es kann ja nur noch aufwärts gehen.«

Bevor sie ihn wieder scheuchte, warf sich Kante erst einmal aufs Bett und las. Kein Buch, denn Bücher waren nicht seine Hutnummer, sondern das, was sein Onkel Kurt über den Fußball vergangener Jahre aus den Zeitungen ausgeschnitten und in ein schwarz glänzendes Schulheft eingeklebt hatte. Das war seine Bibel, wie sein Vater immer spottete. Aber recht hatte er. Fußballer stand drauf, und zwar in einer Schrift, wie Kante sie von einigen S-Bahnhöfen kannte - Humboldthain oder Potsdamer Platz zum Beispiel. Fraktur nannten die Leute das, aber diesen Ausdruck mochte Kante gar nicht, denn wenn sein Vater zu ihm sagte: »Wir wollen mal Fraktur miteinander reden!«, dann hieß das, dass es eine Gardinenpredigt gab und am Ende der Ausklopfer vom Haken gerissen wurde.

Onkel Kurt war der Bruder seines Vaters, aber zwölf Jahre jünger als er, sodass ihn Kante immer als seine ältere »Keule« angesehen hatte, als sein Idol. Aber Onkel Kurt war 1941 eingezogen worden und hatte als Funker bei einer Panzereinheit an der Ostfront gekämpft. Nun saß er als Kriegsgefangener in Sibirien. Bei seinem letzten Heimaturlaub hatte er Kante seine Fußball-Erinnerungen geschenkt. »Halte sie in Ehren, falls ich nicht mehr zurückkommen sollte.«

Es begann mit einem großen Foto: Hans Sobek, Berlins volkstümlichster Fußballspieler und einer der technisch vollkommensten deutschen Verbindungsstürmer, stoppt in klassischem Stil einen Ball mit der Brust. Das musste so um 1930 gewesen sein, also drei Jahre vor seiner, Kantes, Geburt. Noch bevor Hitler an die Macht gekommen war. Da hatten Hertha BSC und Tennis Borussia um die Berliner Meisterschaft gespielt, und die Elf um Hanne Sobek, also Hertha, hatte in zwei Entscheidungskämpfen gewonnen. Unter einem der Bilder stand: Ruch sandte ein. Das war das 2:0 für Hertha gewesen. Der Mittelstürmer von Tennis Borussia hieß Handschuhmacher. Auch ein komischer Name. Immer wieder trafen die beiden Vereine aufeinander, und immer verloren die Charlottenburger. Einmal hatten sie auch gewonnen, allerdings nicht gegen Hertha, sondern 6:1 gegen den VfB Liegnitz. Da kam Frau Zschortau her, aber das gehörte ja nun den Polen.

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