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Wer eine Frau begehrlich ansieht: Liebesroman

Wer eine Frau begehrlich ansieht: Liebesroman

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Wer eine Frau begehrlich ansieht: Liebesroman

Länge:
275 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Jun 14, 2019
ISBN:
9783736834576
Format:
Buch

Beschreibung

Wer eine Frau begehrlich ansieht
... hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen? Aber was ist, wenn weder sie noch er verheiratet ist? Antwort: Der Ausspruch Jesu ist nur falsch übersetzt.
Und was ist, wenn eine Frau einen Mann (oder eine andere Frau) begehrlich ansieht? Daran hat Jesus offensichtlich nicht gedacht. Die Frauen sind ja keusch. Und auf die Idee, eine andere Frau zu begehren (und sie dem Ehemann wegzunehmen), kommen sie nicht. Was aber, wenn doch?
Und schließlich, was ist, wenn Gott mich mit der falschen Frau verbunden hat? Man weiß ja, Irren ist göttlich. Antwort: Sie sieht andere Männer begehrlich an und begeht nicht nur im Herzen Ehebruch.
Ein amüsanter, erotischer, philosophisch angehauchter Liebesroman.
Herausgeber:
Freigegeben:
Jun 14, 2019
ISBN:
9783736834576
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Wer eine Frau begehrlich ansieht - Karl Plepelits

München

WER EINE FRAU BEGEHRLICH ANSIEHT

von KARL PLEPELITS

ROMAN

© dieser Digitalausgabe by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.alfredbekker.de

postmaster@alfredbekker.de

VERLAG: EDITION BÄRENKLAU, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

DIE INFO-SEITE RUND UM DIE PRODUKTE DES VERLAGES FINDEN SIE UNTER:

www.editionbaerenklau.de

WER EINE FRAU BEGEHRLICH ANSIEHT, Eine Novelle von KARL PLEPELITS, 2014

Cover: Steve MayerI, 2014

Wer eine Frau begehrlich ansieht

... hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen? Aber was ist, wenn weder sie noch er verheiratet ist? Antwort: Der Ausspruch Jesu ist nur falsch übersetzt.

Und was ist, wenn eine Frau einen Mann (oder eine andere Frau) begehrlich ansieht? Daran hat Jesus offensichtlich nicht gedacht. Die Frauen sind ja keusch. Und auf die Idee, eine andere Frau zu begehren (und sie dem Ehemann wegzunehmen), kommen sie nicht. Was aber, wenn doch?

Und schließlich, was ist, wenn Gott mich mit der falschen Frau verbunden hat? Man weiß ja, Irren ist göttlich. Antwort: Sie sieht andere Männer begehrlich an und begeht nicht nur im Herzen Ehebruch.

Ein amüsanter, erotischer, philosophisch angehauchter Liebesroman.

1

Erwürgen oder nicht erwürgen, das ist hier die Frage.

Donnerstag, 26. Mai 2011. Nachmittag. Delos.

Yvonne, meine junge und attraktive Lebensgefährtin, und ich haben soeben die anstrengende, aber lohnende Besichtigung beendet. Nun warten wir unter sengender Sonne inmitten einer Menschenmenge vor der Schiffsanlegestelle auf das Boot, das uns nach Mykonos zurückbringen soll.

Ja, die Sonne strahlt. Nicht ganz so strahlend ist unsere momentane Stimmung. Der sogenannte Haussegen hängt schief, wie üblich aus lächerlich geringfügigem Anlass. Yvonne hatte sich verlaufen. Und warum? Weil sie nicht an meiner Seite geblieben war. Uns war eine schwarz-weiß gemusterte Katze über den Weg gelaufen, und Yvonne hatte sich sofort über sie hergemacht, um „das süße Tierchen" zu füttern und zu streicheln, und ich war unterdessen langsam weitergegangen. Auf Delos heißt es mit der Zeit haushalten, um möglichst viel zu sehen und trotzdem rechtzeitig zum letzten Boot zurechtzukommen. Und jetzt ist mir meine Holde gram.

Wie Fremde stehen wir in beträchtlichem Abstand zueinander, schweigen uns beharrlich an, blicken verbittert aneinander vorbei. Und die Folge? Ich hätte es mir fast denken können. Ein junger Mann – nun ja, jung im Vergleich zu mir. Also: Ein mittelalterlicher Typ macht sich geschickt an Yvonne heran, stellt sich, ohne mich zu beachten, neben sie, beginnt ihr auf Englisch mit süßem Getändel die Ohren voll zu blasen. Und dann tut er etwas, wofür ich ihn erwürgen könnte. Er zückt eine Zigarettenpackung und hält sie Yvonne auffordernd hin. Wie erwartet lehnt sie ab. Sie ist ja auf ihre Schönheit bedacht und meidet daher (zu Recht) alle Gifte, die diese beeinträchtigen könnten. Doch er selber steckt sich eine Zigarette an und verpestet uns die Atemluft. Der Wind trägt den Rauch und den Gestank genau in unsere Richtung.

Erwürgen oder nicht erwürgen, das ist, wie gesagt, die Frage. Oder besser doch die Schillersche Methode?

Hier wendet sich der Gast mit Grausen:

So kann ich hier nicht ferner hausen.

Wendet sich Yvonne mit Grausen? Nein, sie wendet sich nicht, lächelt den Kerl sogar an, geht bereitwillig auf sein Geschwätz ein. Und was das bedeutet, ist mir ohne weiteres klar. Er gefällt ihr, und mit ein bisschen Glück landet er in ihrem Bett.

Ich aber wende mich mit Grausen. Wortlos ziehe ich mich zurück und suche mir ein freies Plätzchen auf der Windseite, der Seemann nennt sie Luvseite, des Rauchers und steige in dem Gedränge einer Dame etwa meines Alters auf die Zehen. Zerknirscht entschuldige mich höflich, erkläre ihr (auf Englisch) in kurzen Worten den Grund meiner Hektik. Sie entschuldigt sich ebenfalls, so als wäre es ihre Schuld, mir im Weg zu stehen, und blickt mich unverwandt an. Sie schafft es kaum, den Blick von mir abzuwenden. Und ich schaffe es kaum, den Blick von ihr abzuwenden. Irgendetwas an ihrem Gesicht, irgendetwas an ihrer Stimme zieht mich in seinen Bann, scheint eine bestimmte Saite tief in meinem Innern zum Klingen zu bringen.

Plötzlich werden ihre Augen groß und rund, und im Ton einer Beschwörung flüstert sie (jetzt auf Deutsch): „Benedikt?"

Im gleichen Augenblick geht mir ein Licht auf, und ich flüstere im selben Ton: „Irmi?" und glaube vor Überraschung das Gleichgewicht zu verlieren.

Und wieder breitet sich über Benedikt und Irmi, die vermeintlich Unbekannte, mystisches Schweigen aus. Ihre Augen glänzen verdächtig. Auch ich habe mit den Tränen zu kämpfen und muss an mich halten, um ihr nicht um den Hals zu fallen, sie an mich zu drücken, sie stürmisch zu küssen. Zugleich scheue ich eben davor zurück, und nicht nur, weil Yvonne in Sichtweite ist (und mit einem wildfremden Mannsbild flirtet). Nein, wir kannten uns in ferner Vergangenheit, Irmi und ich. Wir kannten uns unglaublich gut – und doch nicht so gut, wie ich's mir gewünscht hätte, und auch nicht so lange, wie ich's mir gewünscht hätte. Aber wir kannten uns gut genug, dass ich ihretwegen jahrelang gelitten habe wie eine Mutter, die ihr Kind verloren hat. Und genaugenommen leide ich jetzt, nach so vielen Jahrzehnten, immer noch, nur dass sich das Leiden mittlerweile, wie es eben im menschlichen Leben zu gehen pflegt, mehr ins Unterbewusste zurückgezogen hat. Und wer weiß, vielleicht hat es einiges zum Scheitern meiner bisherigen Beziehungen beigetragen (denn auch meine Lebensgemeinschaft mit Yvonne ist im Grunde längst gescheitert).

2

September 1967.

Mein Studium der Altertumswissenschaften in Wien war abgeschlossen, und ich wurde als Stipendiat der Österreichischen Akademie der Wissenschaften an das Bayerische Schwesterinstitut entsandt, um am Jahrhundertprojekt des Thesaurus linguae Latinae mitzuarbeiten. So heißt das umfassendste Lateinlexikon aller Zeiten, das unter internationaler Beteiligung in den Räumlichkeiten der Münchner Residenz entsteht.

Zu Recht behauptet ein Sprichwort, aller Anfang sei schwer. Doch ich hatte unglaubliches Glück – mehr Glück als Verstand, wie der Volksmund sagt. Eine bezaubernde Kollegin namens Irmi, ebenso jung wie ich, nahm sich meiner an und half mir unermüdlich. Sie war für mich der Inbegriff weiblicher Anmut, eine der drei Grazien, vom Olymp herabgestiegen, um einem Anfänger am Thesaurus das Leben zu erleichtern und mit ihrem Anblick seine Augen zu erfreuen und zugleich sein einsames Herz zu erwärmen, nein, in heißer Liebe entbrennen zu lassen. Lichterloh brannte es schon bald, durchbohrt von den Pfeilen jenes kecken Knäbleins, von dem Sophokles sagt: O Eros, der du in den weichen Wangen des Mädchens lauerst. Und ich erkannte die Wahrheit dieser Worte, wenn sich Irmi über mich beugte, um mir im Flüsterton etwas zu erklären, und bewunderte den Schwung ihrer weichen Wangen und spürte beinahe körperlich die Pfeile, die der in ihnen lauernde Eros gegen mein Herz abschoss.

Oh, wie gern hätte ich Irmis Wangen berührt und gefühlt, wie weich sie sind. Dass sie weich sind, wusste ich aus Sophokles, und meine Augen glaubten es bestätigen zu können. Aber meine Hände? Nein, für die waren Irmis Wangen „off limits, wie man im Englischen sagt. Dasselbe galt für ihre aphrodisischen Lippen. Oh, wie lachten die mich an! Sie schienen den meinen zuzurufen: Berührt uns doch und fühlt, wie weich wir sind. „Off limits waren ihre Hände, ihre Arme, ihre Schultern, kurz, alles an ihr, ihr ganzer Körper. Nicht einmal einhängen wollte sie sich bei mir, wenn ich sie nach der Arbeit zu Fuß bis zum Eingangstor ihres Wohnhauses begleitete, obwohl dies für mich einen enormen Umweg bedeutete. Sie wohnte nämlich nahe der Theresienwiese, ich hingegen in einem Untermietzimmer in der Thierschstraße nahe der Lukaskirche. Es war zwar relativ billig, hatte aber den Nachteil, dass Damenbesuche strengstens untersagt waren. Dieser Nachteil war freilich bloß theoretischer Natur; denn Irmi wäre es nie eingefallen, mich zu besuchen. Sie lud mich ja auch ihrerseits nie ein, mit in ihre Wohnung zu kommen, wenn wir vor dem Eingang ihres Wohnhauses angelangt waren, sei es per pedes apostolorum oder auch mit dem Fahrrad. Da sie nämlich gern mit dem Fahrrad fuhr, legte ich mir bald auch selbst ein solches zu, um sie möglichst oft begleiten zu können. Nutzte ich doch jede Gelegenheit, um ihr körperlich nahe zu sein. In Gedanken war ich ohnedies ständig bei ihr. Gleich einem Träumenden, der dem Gegenstand seines Begehrens nachjagt und ihn nicht erhaschen kann, jagte mein brennendes Herz in der verzweifelten Hoffnung, die Flammen würden irgendwann überspringen, dem ihren nach, konnte es aber nicht erhaschen, geschweige denn entzünden.

Und doch, so schien es nur. In Wahrheit brannte ihr Herz gewiss nicht weniger lichterloh als das meine. Hätte sie sich sonst so liebevoll meiner angenommen? Ein Sprichwort sagt: „Wo Liebe ist, da ist Geduld. Und im Englischen heißt es: „All things come to him who waits. Ja, aber trotzdem. Warum durfte ich nicht einmal ihre Hand oder ihren Arm oder ihre Schulter berühren? Verdammt, warum ließ sie nichts von dem zu, was Liebende so zu tun pflegen? Ich wusste es nicht und weiß es, ehrlich gesagt, bis heute nicht.

Sie weigerte sich ja auch, mit mir auszugehen, ich meine, allein, zu zweit. Etwas anderes war es natürlich, wenn das ganze Kollegium aufgerufen war, gemeinsam auszugehen. Und so geschah es ein einziges Mal, dass ich mit Irmi in einem Lokal vergnüglich beisammensitzen durfte. So geschah es aber auch, dass das Schicksal seine Hand nach uns ausstreckte.

3

Fast zwei Jahre waren unterdessen vergangen, und Irmis selbstlose Hilfe bei meiner wissenschaftlichen Arbeit benötigte ich längst nicht mehr. Was ich allerdings immer noch und von Tag zu Tag dringender benötigte, das war ihre Gegenwart, ihr Anblick, ihr unnachahmliches Lächeln.

Samstag, 21. Juni 1969.

Ein heißer Sommertag.

Ein Kollege, der uns zu verlassen gedachte, hatte zu einem Abschiedsumtrunk im Hofbräuhaus eingeladen. Und da durfte ich nun stundenlang neben Irmi sitzen und nach Herzenslust ihre weichen Wangen, in denen Eros lauerte, aus nächster Nähe betrachten. Sie selber wurde, je länger, immer heiterer, gelöster, ja beschwipster. Ein paarmal lehnte sie sich, absichtlich oder unabsichtlich, an meine Schulter. Und einmal lehnte sie sogar wie zufällig ihr Knie an mein Knie. Absicht oder nicht, Zufall oder nicht – mir brachten diese allerersten Zärtlichkeiten das Blut in Wallung, und ich musste sehr an mich halten, um nicht vor allen leidenschaftlich meine Arme um sie zu werfen, und war hin- und hergerissen zwischen süßer Verzauberung und der Qual der Selbstbeherrschung.

Dieser Zwiespalt in mir dauerte auch noch fort, nachdem das Trinkgelage beendet war. Dass ich Irmi jetzt nicht allein den Gefahren der nächtlichen Großstadt aussetzen, sondern bis zu ihrer Haustür bringen würde, verstand sich ja von selbst. Es war zwar erst zehn Uhr. Trotzdem war es bereits stockfinster. Damals galt ja noch nicht die Sommerzeit.

Zunächst zwar hatten wir auf jeden Fall einen gemeinsamen Weg, nämlich zu unseren Fahrrädern, die wir der größeren Sicherheit halber auf dem gewohnten Platz unter den Arkaden des Apothekenhofes der Residenz nahe dem Eingang zur Akademie der Wissenschaften abgestellt hatten; von dort bis zum Hofbräuhaus sind es ja nicht viel mehr als ein paar Schritte. Die Frage war nur: Würde es mir weiterhin gelingen, an mich zu halten? Und was würde überwiegen, die Verzauberung oder die Qual? Um die Antworten gleich vorwegzunehmen: Die Verzauberung. Und nein, es gelang mir nicht. Da nämlich Irmis außerordentliche Heiterkeit ungebrochen war, erkühnte ich mich, sie aufzufordern, sich zum Schutz vor den Dämonen der Dunkelheit bei mir einzuhängen. Mein Herz trommelte freilich im Rhythmus eines Höllentanzes, als ich das sagte. Aber o Wunder, o Glück, o Seligkeit: Ohne jedes Zögern nahm sie meinen Arm und lehnte sich obendrein erneut an meine Schulter. Und da verlor ich mich, um mit dem Dichter zu sprechen, in himmlisches Entzücken und schwebte mit ihr auf einer goldenen Wolke.

So schwebend, erreichten wir die Residenz. Doch zu meiner Verblüffung schwebte Irmi, ohne unsere Fahrräder zu beachten, zielstrebig mit mir weiter in den unbeleuchteten Hof bis vor die Freitreppe, die zur Terrasse vor dem Herkulessaal hinaufführt. Hier machte sie halt, ergriff meine Hand, blickte mir viele Herzschläge lang in die Augen. Und ich schwöre, dies war das köstlichste Gespräch, das wir je geführt hatten. Und wie schnell ihr Atem ging! Und wie heftig sich ihre Brust hob und senkte!

Plötzlich begann sie, ohne meine Hand loszulassen, die Treppe hinaufzuschweben; ich ihr verwundert nach. Oben angelangt, fiel sie mir, leise aufseufzend, ohne Vorwarnung um den Hals und hob mir ihre aphrodisischen Lippen entgegen und schenkte mir ihren ersten Kuss. War ich bisher schon einigermaßen beschwipst gewesen, so war ich nun total berauscht. Um Jesus selbst zu zitieren: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.

Nein, ich wusste nicht, was ich tat. Ich wusste nur: Ich schwebe mit Irmi auf einer goldenen Wolke. Ja, ich schwebte in die Höhe, empor von der unbeleuchteten Terrasse, empor ins Licht, empor bis in den siebten Himmel, atmete den Duft, das Glück, die Seligkeit des Paradieses, hörte die Engelchöre jubilieren.

Irgendwann verstummten sie. Ich kam zu mir und erkannte, dass soeben meine sehnlichsten Wünsche, meine geheimsten Hoffnungen, meine kühnsten Träume wahr geworden waren. Nicht nur durch die Dunkelheit, sondern auch durch die Begrenzungsmauer der Terrasse vor unbefugten Blicken geschützt, lagen wir in inniger Umarmung auf dem Steinboden und waren, in den Worten der Bibel, ein einzig Fleisch geworden.

Schließlich kam jedoch der Zeitpunkt, da wir, wieder säuberlich getrennt, unsere Kleidung und wohl noch so manches andere in Ordnung zu bringen suchten und uns dabei immer wieder scheue Blicke zuwarfen.

„Du, Irmi, ich hoffe ...", begann ich mit unsicherer Stimme.

Sie legte mir einen Finger auf die Lippen und flüsterte: „Sag nichts."

Schweigen.

„Du, Benedikt? Soll ich dir was verraten? Das hier ... Das, was jetzt geschehen ist ... Ich hab's mir im Geheimen schon lang gewünscht."

„He, ist das wahr?"

„Sag, liebster Benedikt, warst du schon einmal im Bayerischen Nationalmuseum?"

„Nein. Wieso?"

„Weißt du, das älteste Objekt dort ist die Reidersche Tafel, eine frühchristliche Elfenbeintafel aus der Zeit um 400 mit einem wunderschönen und zugleich hochinteressanten Relief: Christus wird von Gottvater einen Berghang hinaufgezogen, der fast wie eine Himmelstreppe aussieht. Gemeint ist natürlich die Himmelfahrt. Daran musste ich oft denken, wenn ich aus dem Fenster meines Arbeitszimmers schaute, und malte mir in Gedanken aus, wie das wohl wäre, wenn ich dich, wie Gottvater Christus, die Stufen dieser Himmelstreppe heraufzöge, und diese Terrasse hier würde zu unserem privaten Himmel."

Vor Rührung versagte mir die Stimme. Wortlos umschloss ich mit beiden Händen Irmis Gesicht, presste meine Lippen auf die ihren und versuchte an Küssen all das nachzuholen, was uns bisher entgangen war, so lange, bis sie erklärte, nun müsse sie aber schleunigst nach Hause, sonst gebe ihre Mutter noch eine Abgängigkeitsanzeige auf.

Also stiegen wir von unserem privaten Himmel ab, schwangen uns auf unsere Räder und fuhren bis zu Irmis Wohnhaus, wo ich wie stets mit einem warmen Händedruck entlassen wurde. Nun aber protestierte ich gegen ein so unfeierliches Ende unserer gemeinsamen Himmelfahrt und verlangte, sie bis in ihre Wohnung begleiten zu dürfen. Aber nein, das gehe leider nicht; dafür sei es schon viel zu spät; ihre Mutter wolle sicher schlafen.

„Aber vielleicht möchtest du morgen zum Mittagessen kommen?"

Hochbeglückt und zugleich mit tiefem Bedauern, dass wir uns schon trennen müssen, sah ich zu, wie Irmi meinen Augen entschwand, stand danach noch lange vor der geschlossenen Haustür und glich vermutlich einem jener Unglücklichen, die der Blick der Gorgo Medusa in Stein verwandelt hat. Und sobald mein Denkvermögen wieder zu funktionieren begann, gingen mir der Reihe nach alle die Fragen durch den Kopf, die ich Irmi noch hätte stellen wollen.

Sonntag, 22. Juni 1969.

Also kam ich doch noch zur Ehre, Irmi besuchen zu dürfen und sogar ihrer Mutter vorgestellt zu werden. Und hernach konnte ich noch weniger verstehen, wieso mir Irmi dieses harmlose Vergnügen so lange missgönnt hatte.

Am Nachmittag besuchte sie mit mir das Bayerische Nationalmuseum und zeigte mir das von ihr gerühmte Elfenbeinrelief mit der Darstellung der Himmelfahrt Christi. Und ja, Jesus schwebt hier nicht wie sonst immer zum Himmel empor, sondern besteigt, rüstig ausschreitend, einen Berg und wird gleichzeitig von Gottvater, dessen Hand aus einer Wolke ragt, den Hang hinaufgezogen. (Erschöpfte Bergsteiger würden bei diesem Anblick wohl vor Neid erblassen.)

Nach Auffassung des Künstlers, bemerkte ich, sind also auch Gottvater und Jesus auf dem Olymp daheim, friedlich vereint mit den übrigen Göttern und Göttinnen.

Dem widersprach Irmi mit überraschender Heftigkeit. Dies sei ein eindeutig christliches Relief, das erkenne man daran, dass auch die drei Frauen am Grab Christi, einem Mausoleum nach römischer Art, dargestellt seien; und das schließe den Gedanken an die „übrigen Götter und Göttinnen" aus.

Ja, aber vielleicht sei der Künstler im Herzen noch Heide gewesen. Er habe ja zu einer Zeit des Übergangs vom Heidentum zum Christentum gelebt. Und wie wolle man den Berghang anders erklären?

Indes, Irmi blieb hartnäckig bei ihrer Auffassung und schien meine Meinung sogar als Verstoß gegen das erste Gebot zu empfinden: Du sollst an einen Gott glauben. Sie selbst war, das wusste ich schon lange, streng katholisch. Das war ich zwar an und für sich auch, aber offenbar nicht ganz so streng wie sie. Immerhin wurde ich wegen unserer eigenen glückseligen Himmelfahrt in der vergangenen Nacht von einem schlechten Gewissen geplagt, nicht sehr, aber eben doch. Solche Himmelfahrten sind ja, zumindest laut katholischer Morallehre, ausschließlich Paaren erlaubt, denen zuvor ein Gottesmann den Segen der Kirche gespendet hat. Alles andere ist schwere Sünde, für die man, falls man sie nicht rechtzeitig beichtet, in das ewige Feuer der Hölle geworfen wird. Ob auch Irmi deshalb ein schlechtes Gewissen hatte? Ich wagte sie nicht zu fragen. Zugleich wünschte ich mir ja noch unendlich viele Wiederholungen dieser Sünde. Aber vermutlich ja. Und vielleicht hielt sie mich jetzt für einen verdammenswerten Ungläubigen, wer weiß.

Montag, 23. Juni 1969. Morgen.

Ich finde Irmi, bereits emsig arbeitend, in der Bibliothek. Freudig erregt, begrüße ich sie im Flüsterton. Sie blickt auf, wirft mir einen langen und, so scheint es, unendlich traurigen Blick zu.

„Komm, gehen wir hinaus, murmelt sie anstelle einer Begrüßung. Und draußen, mit steinerner Miene und im Ton einer Grabrede: „Du, Benedikt, so kann das nicht weitergehen.

„Ha? Was kann so nicht weitergehen?", stammle ich, und mir schwant nichts Gutes.

„Das soll heißen, dass es aus ist. Es ist aus zwischen uns."

Ich kann sie nur fassungslos anstarren und glaube zu ersticken. Mein Herz hört auf zu schlagen. Der Boden unter mir gibt nach. Die Wände des Ganges, in dem wir stehen, drehen sich in absurdem Tempo.

„Es tut mir leid", höre ich sie wie aus weiter Ferne sagen. Sie wendet sich ab, verschwindet hinter der Bibliothekstür, lässt mich in einem Zustand völliger Bestürzung zurück. Glich ich in der vorletzten Nacht einem vom Blick der Gorgo

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