Genießen Sie diesen Titel jetzt und Millionen mehr, in einer kostenlosen Testversion

Nur $9.99/Monat nach der Testversion. Jederzeit kündbar.

Das Flüstern des Dämons: Finnland-Krimi

Das Flüstern des Dämons: Finnland-Krimi

Vorschau lesen

Das Flüstern des Dämons: Finnland-Krimi

Länge:
372 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Sep 19, 2018
ISBN:
9783743809833
Format:
Buch

Beschreibung

Helsinki, im November. Kriminalhauptkommissar Mikael Häkkinen, der nach einem schweren Schädel-Hirn-Trauma in den Dienst zurückkehrt, macht gemeinsam mit seinem Kollegen eine grausige Entdeckung: In einem verlassenen Keller finden sie eine tote Frau, der das Herz herausgeschnitten wurde.
Als eine weitere Frau ermordet aufgefunden wird, das Herz herausgerissen, bestätigen sich die dunklen Vorahnungen, dass es sich um einen Serienmörder handelt.
Zusammen mit seinen Kollegen begibt sich Mikael auf die Jagd nach dem Täter und gerät dabei immer mehr an seine gesundheitliche und psychische Grenze, als ihn Dämonen aus der Vergangenheit heimsuchen.
Und schon bald muss er feststellen, dass der Serienmörder ihm und seiner jungen Familie näher kommt, als ihm lieb ist ...
Herausgeber:
Freigegeben:
Sep 19, 2018
ISBN:
9783743809833
Format:
Buch

Über den Autor


Ähnlich wie Das Flüstern des Dämons

Buchvorschau

Das Flüstern des Dämons - Kerstin Sjöberg

München

Prolog

14. November

Der November hatte sich über Helsinki gelegt und umgarnte die Hauptstadt mit einer traurigen, schwermütigen Stimmung. Es war kalt. Feiner Nebel hing zwischen den Häusern. Das Licht der Straßenlaternen reichte kaum aus, um die Fußgängerwege in der Nacht zu beleuchten.

Ziellos schlich die Männergestalt durch die Gassen der Stadt. Er war auf der Jagd. Der Dämon in ihm war zum Leben erwacht und lechzte nach Beute. Sein Herz schlug aufgeregt in seiner Brust und er spürte, wie sich in seinem Inneren eine Hitze freudiger Erwartung ausbreitete und ihn die unbarmherzigen Minusgrade der nordischen Winternächte vergessen ließ. Vor Aufregung zitterten seine Hände. Die Beine wurden weich und seine Gedanken überschlugen sich. Er begann, seinen jahrelangen Kampf gegen die Urgewalt in seinem Körper zu verlieren. Sie konnte nicht mehr länger in Schach gehalten werden. Die Dunkelheit in ihm wuchs und er verlor die Kontrolle über sein Handeln und Denken. Die Bilder aus seinen Träumen wurden Wirklichkeit und er sah es geradezu vor sich: reines Blut! In seinen Händen spürte er die Wärme des schlagenden Herzens. Es musste heute passieren, er konnte die Fantasien in sich nicht mehr länger zurückhalten. Schon allein der Gedanke daran drohte, ihn in den Wahnsinn zu treiben. Es musste getan werden, damit er den Dämon in sich besänftigen konnte. Zu lange hatte er den Druck in sich zurückgehalten, die Erinnerung daran verdrängt. Er drohte zu platzen! Er hatte keine Wahl, war nicht mehr stark genug, um zu widerstehen.

Plötzlich trat nur wenige Meter von ihm eine junge Frau aus einem der Häuser. Ihre Figur wurde vom Licht, das aus dem Hausflur auf die Straße schien, perfekt in Szene gesetzt. Sie trug einen blauen Wintermantel, der ihre Kurven betonte. Eine Zartheit, die ihn reizte. Der Dämon in ihm heulte begeistert auf. Sein lang gehegter Zweifel und seine Unentschlossenheit waren wie weggeblasen. Die Frau war wunderschön. Ihr langes, blondes Haar umrahmte ihr schmales Gesicht. Sie hatte fein geschwungene, rosa Lippen und ihre blauen Augen glitzerten im Licht der Straßenbeleuchtung.

In diesem Moment war es um ihn geschehen. Ihr Körper war so perfekt! Der Dämon in ihm tigerte nervös hin und her. Er geriet in Ekstase, war nicht mehr aufzuhalten. Sie sollte sein Opfer sein, er wollte sie und niemand anderen!

Er folgte ihr wie ein zweiter Schatten, der sich nicht abhängen ließ. Die Frau lief einige Hundert Meter die breite Hauptstraße entlang, ehe sie in eine dunkle Nebenstraße bog. Die Häuser türmten sich an den Seiten. Adrenalin pumpte durch seine Adern, befeuert von jahrelang aufgestauten Fantasien. Bilder aus seinen wilden Träumen schossen ihm durch den Kopf. Der Dämon in ihm schrie, wütete, jauchzte vor Glück. Sein Herzschlag hatte sich noch einmal beschleunigt und klopfte wild gegen die Rippen. Er wollte ihr Herz haben, er musste es haben. Vorher würde er sie nicht entkommen lassen. Sie war einfach zu perfekt! Heute würde sein großer Tag werden. Das Raubtier kämpfte sich nach oben und er konnte einen Ausruf der Freude nicht mehr zurückhalten. Und nun wurde er bemerkt. Seine Beute sah sich um und schien sofort zu begreifen, dass er hinter ihr her war. Ihr Schritt wurde schneller, doch auch er beschleunigte seinen Gang. Augenblicklich begann sie, zu rennen. Halb besinnungslos vor Begierde folgte er dem Klang der klappernden Absätze. Ihr entsetzter Hilfeschrei hallte durch die Gasse. Immer und immer wieder schrie sie. Doch keiner hörte sie oder wollte sie hören. Niemand könnte sie retten, dachte er.

Er lachte laut.

»Du wirst mir nicht entkommen!«, grölte er.

Sie knickte um, fiel zu Boden, rappelte sich wieder auf. Eine Chance hatte sie nicht mehr, der Absatz am rechten Schuh war abgebrochen und sie humpelte. Wie eine verletzte Antilope war sie leichte Beute für das Raubtier. Meter um Meter machte er gut. Er war am Ziel! Seine rechte, schweißnasse Hand griff in seine Manteltasche und er zog ein Messer heraus. Dann sprang er nach vorn, packte zu und erlegte seine Beute mit einem treffsicheren Stich.

1

15. November

Der Tag war grau, ein kalter Wind fuhr durch seine schwarzen Haare und rötete ihm die Wangen. Der erste Schnee fiel in dicken Flocken. Seine Schritte wurden vom Schnee gedämpft. Autos fuhren auf den Straßen langsam an ihm vorbei, einige Unbelehrbare mit viel zu hoher Geschwindigkeit. Auf den Fußgängerwegen ging es ähnlich zu und nur wenige Menschen schlugen ein hohes Tempo an. In den Gesichtern vieler Passanten erkannte er den Frust über die Kälte, obwohl der Winter gerade erst begann. Es war November und bald würden die Tage so kurz werden, dass sich die Sonne nur noch für wenige Stunden zeigte.

Sein Atem bildete kleine Wölkchen, die eine Weile in der Luft standen, bis sie sich auflösten. Er spürte, wie die Kälte von seinem Körper Besitz ergriff. Mit einem tiefen Atemzug sog er die kalte Luft in seine Lunge. Diese Prozedur wiederholte er, bis das Organ von der schneidenden Luft schmerzte. Mikael Häkkinen wurde langsamer, blieb stehen und betrachtete das große, kunstvoll geschmiedete Friedhofstor.

Er machte einen weiteren Schritt, blieb dann aber abrupt wieder stehen, als er spürte, wie eine eisige Hand nach seinem Herz griff. Seine Beine fühlten sich wie Blei an. Ein Weitergehen war unmöglich. Eine unsichtbare Wand hielt ihn davon ab, dass er diesen Friedhof betrat.

Die kalten Hände in den Taschen vergraben, stand er einfach nur da.

Stille umgab ihn. Mikael konnte den eigenen Herzschlag hören, der rhythmisch dröhnend gegen seine Brust schlug: bum, bum, bum. Das Schlagen seines Herzens kam ihm so laut vor, dass er glaubte, dass die Menschen, die an ihm vorbeigingen, es hören mussten. Einsamkeit breitete sich in ihm aus. Sein Herz begann schneller zu schlagen und das Blut dröhnte in seinen Ohren. Mikael zwang sich, normal zu atmen, um seinen Körper zu beruhigen und sich zu vergegenwärtigen, dass ihm das jetzt nicht passieren konnte. Nicht hier an diesem Ort. Auf den Boden starrend holte er einige Male tief Luft. Dann drehte er sich herum. Auch nach fast vier Jahren war er noch nicht bereit, er konnte die durchsichtige Mauer einfach nicht durchbrechen.

Seit diesem Tag im Dezember war nichts mehr wie vorher: Der Schmerz verblasste nur langsam. Die Lücke, die der Mensch, der dort lag, hinterlassen hatte, war so unendlich groß, dass nichts sie auch nur annähernd schließen konnte.

Mit langsamen, wehmütigen Schritten entfernte er sich von dem Friedhof und mit jedem Meter, den er zwischen sich und diesen Ort legte, wurde er ruhiger. Seine Gedanken wurden klarer und sein Herzschlag fand wieder einen normalen Rhythmus.

Mikael betrat ein kleines Café. Er setzte sich abseits an einen Tisch in der Ecke, zog die Jacke aus und hängte sie über die Stuhllehne. Durch das Fenster beobachtete er Schneeflocken dabei, wie sie zur Erde fielen. Der Schnee hatte für ihn etwas Beruhigendes und er mochte es, wenn alles in Weiß getaucht wurde. Da war er, anders als viele seiner Zeitgenossen, sentimental, denn er liebte den Winter. Die Ruhe, die mit dem Schneefall kam, der alle Geräusche zu schlucken schien, war unvergleichlich. Den Lärm, der oft der Grund für rasende Kopfschmerzen war, empfand er hingegen einfach nur störend.

Ein Mann setzte sich ihm gegenüber.

»Du hast es nicht geschafft?«

Mikael sah den Neuankömmling an und schüttelte den Kopf. »Nein.«

Der Mann trug kurze blonde Haare, seine Statur war kräftig und offenbarte einem geschulten Auge, dass er regelmäßig ins Fitnessstudio ging. Er hob den Arm und kurz darauf kam eine Bedienung an den Tisch.

»Möchtest du auch einen Kaffee, Mikael?« Hauptkommissar Antti Heikkinen sah seinen Tischnachbarn fragend an. Mikael nickte und so bestellte Antti zwei Tassen Kaffee.

Als die Bedienung gegangen war, sprach Antti ihn wieder an: »Ich hätte mitgehen können, weißt du?«

»Das wäre mir etwas unangenehm.« Mikael blickte nach draußen. Der Schnee schien immer dichter zu werden.

»Morgen ist es also so weit?«

Er löste den Blick vom Fenster und wandte sich wieder seinem Gesprächspartner zu. Morgen würde sein erster Arbeitstag sein, nachdem er aufgrund eines schweren Schädel-Hirn-Traumas drei Jahre seinem Beruf nicht hatte nachgehen können. Diesen Tag hatte er lange herbeigesehnt, doch nun, da er gekommen war, kam die Angst. Angst, dass er dem doch nicht gewachsen war. Was, wenn er versagte? Seine einzige Möglichkeit schien ein Lehrstuhl an der Polizeiakademie zu sein. Dort hatte er bereits in dem letzten Jahr drei Tage in der Woche gelehrt, obwohl es nie seine Vorstellung vom Traumjob gewesen war.

»Ja. Morgen.«

»Hast du Angst?«

»Ja, ich …« Mikael unterbrach seinen Satz, während die Bedienung den bestellten Kaffee auf den Tisch stellte. Als sie gegangen war, sprach er weiter: »Ich meine … es sind so viele Jahre vergangen und die Kopfschmerzen und der Schwindel. Manchmal, da ist er halt noch da.« Mikael griff nach der Kaffeetasse und drehte sie in seinen Händen. »Was, wenn ich versage?«

»Ich kann dir keine Garantie geben, dass es klappt.« Antti trank etwas von seinem Kaffee und beugte sich ein Stück nach vorn. »Dieses kleine Risiko musst du wohl eingehen, nicht wahr?«

»Vielleicht«, antwortete er.

Er musste es schon allein tun, um Antti zu danken. Denn er hatte sich für ihn eingesetzt, als er den Wunsch geäußert hatte, wieder als Kriminalist zu arbeiten. Antti hatte alle wichtigen Schritte für ihn in die Wege geleitet und sogar dafür gesorgt, dass er seinen alten Job bei der Mordkommission wiederbekam.

»Du könntest natürlich weiter an der Polizeiakademie lehren.«

»Damit machst du mir wirklich Hoffnung«, grummelte Mikael. Dorthin wollte er auf keinen Fall zurück. Diese öden Vorlesungen waren nichts für ihn.

Antti lächelte. »Du musst lernen, die positiven Dinge in deinem Leben zu sehen.«

»Mhm.«

»Wie alt bist du? Dreiunddreißig? Du hast das ganze Leben noch vor dir«, tadelte Antti. »Du hast eine Frau, einen Sohn und bald auch eine Tochter. Ist das nicht etwas Tolles? Und trotzdem lässt du dich von der Vergangenheit herunterziehen.«

»Was soll ich machen?« Mikaels Blick war auf die Kaffeetasse gerichtet. »Ich kann es nicht aus meinem Gedächtnis streichen. Er war mein bester Freund.«

»Und genau deshalb hätte er nicht gewollt, dass du weiterhin die Schuld an seinem Tod mit dir trägst. Es muss ein schwerer Rucksack sein.«

»Tonnenschwer.«

Antti lehnte sich in seinem Stuhl zurück und sah aus dem Fenster. »Bald ist es vier Jahre her. Vier Jahre, seit er erschossen wurde.«

»Warum sagst du mir das?«

»Damit du dir im Klaren bist, wie viel Zeit vergangen ist. Vier Jahre. 1.461 Tage.«

Mikael sah kurz von der Kaffeetasse auf. »Das hast du gerade ausgerechnet?«

»Vielleicht habe ich mich auch vertan. Es ist auf jeden Fall eine Menge.«

»Über 1.000 Tage.«

»Fast 1.500«, fügte Antti hinzu.

»Das ist wirklich viel«, murmelte Mikael, »trotzdem habe ich noch immer Albträume.«

»Weil du dich dem Ganzen nicht stellst«, wies ihn Antti zurecht. »Du läufst davon und das rächt sich durch die Albträume.«

»So ist es vermutlich«, gab er zu und wünschte sich, dass er im Boden versinken könnte. Denn auch Antti hatte sein Päckchen zu tragen, ging aber deutlich besser damit um.

Sie tranken den Kaffee aus, bezahlten und traten dann in das verschneite Helsinki. »Ich hasse den November: neblig, trüb. Die Nächte werden immer länger«, schimpfte Antti.

»Werden sie das nicht auch im Dezember?«, wollte Mikael provokativ wissen.

»Natürlich, aber da hat man immerhin die Weihnachtstage, auf die man sich freuen kann.« Antti steckte die Hände in die Taschen und atmete laut aus. »Vorausgesetzt man hat keinen Dienst.«

»Wann hattest du das letzte Mal auf Weihnachten Dienst? … muss eine Ewigkeit her sein.«

»Vor zwei Jahren. Da hatte ich Bereitschaft und es gab natürlich prompt einen Fall.« Antti begann, aus voller Kehle zu lachen. »Ein Streit über die Weihnachtsente. Sie hatte ihren Mann am Ende mit dem Messer angegriffen.«

»Ja. Du hast davon erzählt, als du bei uns zum Essen warst.«

»Die Geschichte ist trotzdem immer wieder gut, oder nicht?«

Mikael zog die Schultern hoch. »Gut, aber kein Brüller«, antwortete er schon fast gelangweilt.

»Gib einem alten Mann seine Anerkennung«, entgegnete Antti empört.

Ein angedeutetes Lächeln huschte über sein Gesicht. »Du bist nicht alt, Antti.«

2

18. November

Mikael lehnte den Kopf gegen die Autoscheibe und schloss die Augen. Die ersten Arbeitstage waren der Horror gewesen. Schon nach wenigen Stunden hatte sich seine alte Verletzung bemerkbar gemacht. Ihm war schwindelig geworden, er hatte Kopfschmerzen bekommen und sich kaum noch konzentrieren können. Heute, an seinem dritten Tag zurück in der Mordkommission, hatte er gerade einmal fünf Stunden geschafft. Nun brachte ihn Kasper Kramsu nach Hause. Er war in seinem Alter und derjenige gewesen, der damals seine Stelle übernommen hatte. Sie kannten sich bereits länger und waren gemeinsam zur Polizeiakademie gegangen. Freunde waren sie erst wenige Monate nach seinem Unfall geworden. Kasper wirkte deutlich älter als er, trug sein blondes Haar kurz. Anders als sein eigenes Gesicht war Kaspers kantiger und dadurch erwachsen und männlich.

Die Bäume und Häuser zogen im Eiltempo an ihm vorbei, während Mikael in Gedanken versank. Was hatte er erwartet? War er enttäuscht darüber, dass es einfach nicht so gut funktionierte, wie er gehofft hatte? Hatte er wirklich geglaubt, dass er ganz normal wieder einsteigen konnte? Vielleicht hatte er mit Erwartungen angefangen, die unmöglich zu erfüllen waren. Er war nicht mehr der Hauptkommissar, der er vor drei Jahren war. Damals war er die Karriereleiter hochgestiefelt, als gäbe es nichts Leichteres. Der jüngste Kriminalhauptkommissar überhaupt. Er hatte ein fotografisches Gedächtnis gehabt, heute war er auf Stift und Papier angewiesen, um sich etwas zu merken. Hinzu kam seine Vergangenheit. Er war der Sohn eines Verbrechers, der sich vor Jahren in Helsinki einen Namen gemacht hatte. Drogen, Waffen. Es hieß, dass er einem alles besorgen konnte. Und so war es keine Überraschung, dass Andreas Häkkinen sein Ende fand, als ein Konkurrent ihn erschoss. Als bei den Ermittlungen herauskam, dass er dessen Sohn war, begannen viele Kollegen, ihn zu meiden.

Mikael spürte, wie ihn der Gedanke an seinen Vater herunterzog. Er atmete tief durch. Es spielte keine Rolle mehr. Nach einer wilden Jugend hatte er sein Leben in den Griff bekommen. Er hatte eine Familie, einen guten Job. Alles, wovon er als kleiner Junge geträumt hatte.

Sein Smartphone klingelte und beendete den Gedanken mit einem Schlag. Unbekannter Teilnehmer stand auf dem Display. Er drückte das grüne Hörersymbol und hielt das Gerät ans Ohr.

»Ja?«

Seine Augen weiteten sich, als sich der Anrufer vorstellte. »Mit dir hätte ich jetzt als Letztes gerechnet«, stellte er verwundert fest.

Mikael sah aus dem Fenster und versank wieder in seine Gedankenwelt. Er dachte an eine längst vergangene Zeit, während der Mann am Telefon redete. Es war lange her und eigentlich wollte er niemals mehr dahin zurück, aber dennoch: Es war nicht so, dass ihm die Leute von damals nichts mehr bedeuteten. Bis heute hatte er sie nicht aus seinen Erinnerungen gestrichen und war ihnen auf eine gewisse Weise ja auch zu Dank verpflichtet, denn sie hatten mehr als einmal sein Leben in den Wirren der Bandenkriege gerettet. Als ein bestimmter Wortlaut ertönte, war er urplötzlich zurück im Hier und Jetzt. »Eine Leiche? … Ja, ich weiß, von welchem Haus du redest.«

Nachdem der Mann sich verabschiedet hatte, legte Mikael auf. Er drehte das Smartphone zwischen seinen Fingern und überlegte, was er mit dieser Information tun sollte. Die Zentrale verständigen oder mit Kasper hinfahren?

»Wer war das?«, fragte Kasper.

»Ein alter Bekannter.« Mikael winkte ab. »Das ist jetzt nicht wichtig. Ich habe versprochen, seinen Namen nicht ins Spiel zu bringen.«

»Du hast was?«, raunte ihn der Fahrer des Wagens sofort an.

»Ich habe versprochen, dass ich seinen Na…«

»Ich bin nicht schwerhörig! Wieso?«

»Es war jemand aus Ranuantie. Dort wurde eine Leiche gefunden.«

Auch wenn es bei Weitem nicht die Antwort auf die Frage war, war sie es in gewisser Weise dennoch. In dem Viertel verkehrten Menschen, die der Polizei nicht über den Weg trauten.

»Wir sollten hinfahren«, fuhr er fort und nannte seinem Kollegen und Freund die Adresse.

»Dir ist aber klar, dass du eigentlich solche Einsätze nicht machen darfst? Wegen deiner Kopfverletzung, meine ich«, meldete Kasper seine Zweifel an, bog dann allerdings trotzdem ab, um in Mikaels gewünschte Richtung zu fahren.

»Es ist nichts Gefährliches. Wir überprüfen nur etwas.«

»Wie du meinst. Was genau hat denn der Anrufer gesehen?«

»Er nichts.« Mikael steckte das Smartphone in seine Jackentasche und stützte den Ellenbogen an der Ablage der Beifahrertür ab. »Ein paar Jugendliche haben es ihm erzählt.«

»Erzählt? Warum haben die es nicht gemeldet?«

»Meinst du die Frage wirklich ernst?«

»Nein.« Der Fahrer bremste ab und bog links ab. »Eigentlich ist es ziemlich abwegig, dass jemand aus diesem Viertel einen Mord meldet.«

Es dauerte wenige Minuten und Kasper brachte den Audi vor einem alten, verkommenen Haus zum Stehen.

»Hier ist es«, erklärte Mikael und war bereits ausgestiegen.

Kasper tat es ihm gleich. »Ich habe kein gutes Gefühl bei der Sache.«

»Ich bin ja bei dir«, sagte Mikael trocken und ging zielstrebig auf das Gebäude zu.

»Wenn dir was passiert, dann bin ich doppelt dran. Vielleicht ist es eine Falle?« Kasper sah sich suchend um. »Möglicherweise wollen deine ehemaligen Freunde etwas Spaß mit zwei Polizisten haben?«

»Das ist Blödsinn und das weißt du auch«, erwiderte Mikael nur, der jetzt ganz dicht vor dem Haus stand.

Eine Tür gab es nicht mehr. Einzig ein großes Holzbrett übernahm die Aufgabe, ungebetene Gäste abzuwehren. Diese Pflicht erfüllte es aber nur bedingt, denn jeder in dem Viertel wusste, dass es sich leicht zur Seite schieben ließ. Mikael fasste geübt mit den Händen an zwei Stellen und schob es nach links, um dann in das Haus zu treten.

Es hatte sich nichts verändert. An einigen Stellen war der Betonboden aufgerissen, von der Decke hingen alte Stromkabel und in den Ecken stand stinkendes Wasser. Seit Jahren hatte die Stadt Pläne mit dem Haus, passiert war allerdings nichts. Wohngegenden wie diese gab man schnell verloren und kümmerte sich stattdessen um renommiertere und gewinnbringendere Projekte.

Mikael ging durch den lang gezogenen Flur, der noch recht gut erhalten war. Graffiti zierten die Wände und er konnte sogar eines erkennen, welches er an die Wand gesprayt hatte. »Fuck the Police«, stand dort in großen roten Buchstaben.

Mikael bog in ein großes Zimmer ab. Der Holzfußboden war an einigen Stellen durchbrochen und ein großer Schutthaufen hatte sich an einer Position, nicht weit von dem dunklen, mit Staub verschmierten Fenster gebildet. Er sah an die Decke. Der Boden des Raumes darüber schien ebenfalls durchgebrochen zu sein.

»Wir müssen in den Keller«, sagte Mikael und bog zielstrebig nach links ab.

»Ich nehme an, dass es nicht dein erster Besuch in diesem Haus ist?«

»Ich hatte hier den einen oder anderen Alkoholrausch, ja.«

»Gemütlicher Ort dafür«, nuschelte Kasper von hinten.

Mikael öffnete eine alte, von Schimmel befallene Holztür, schaltete die Taschenlampe seines Smartphones an und stieg mit Kasper im Schlepptau die Kellertreppe hinab.

»Wo jetzt lang?«, wollte Kasper wissen.

»Es müsste das dritte Zimmer sein … zumindest wurde es mir so beschrieben.«

Je näher sie dem Raum kamen, desto mehr keimte Nervosität in Mikaels Körper auf. Er hatte keine Ahnung, was sie erwarten würde. Der Anrufer hatte nicht viele Worte verloren. Nur das ihm von einer Leiche in dem alten verfallenen Haus berichtet wurde. Mehr nicht.

Als sie auf der Türschwelle standen, schlug ihnen der süßliche Geruch von Blut und Verwesung entgegen. Mikaels linke Hand legte sich schützend über die Nase, während er mit der anderen den Raum mit seinem Smartphone ausleuchtete. Auf der Pritsche neben einem Tischchen lag eine junge Frau. Ihre Augen waren geschlossen und sie war mit einer dünnen Decke zugedeckt. Während Kasper stehen blieb, ging er vorsichtig näher ran. Ihre Haut war fahl mit einer tödlich aschgrauen Färbung.

»Lebt sie?«, fragte Kasper.

»Was glaubst du?«, fragte Mikael ironisch zurück. Er legte seine Hand auf die Wange. Ihr Körper war kalt, die Leichenstarre bereits vollständig verschwunden. Sie war also seit mehr als einen Tag tot.

»Es stinkt fürchterlich.« Kasper hielt sich ebenfalls die Nase zu und trat an ihn heran. »Scheiße, ist das widerlich!«

Mikael zog die Decke von dem nackten Körper und für einen Augenblick wurde ihm übel. In ihrer Brust klaffte ein Loch. Die Rippen waren brutal auseinandergebrochen worden, er konnte Muskeln und Adern erkennen. Doch eins fehlte: das Herz.

»Scheiße«, entfuhr es ihm leise.

Er hörte Kasper hinter sich würgen, dann verschwand sein Kollege mit schnellen Schritten aus dem Raum und wenig später konnte man gedämpfte Brech-Geräusche aus einem der benachbarten Zimmer vernehmen.

»Was zum Henker …« Mikaels Augen fixierten den offenen Brustkorb. Mit allem hatte er gerechnet, aber nicht mit dem, was er hier vorfand.

3

Kasper Kramsu lehnte mit bleichem Gesicht an der Wand. Mikael etwas versetzt auf der anderen Seite, sodass er durch die Tür in den Raum blicken konnte, in dem sie die Leiche vor einer halben Stunde gefunden hatten.

Von den Kollegen der Spurensicherung waren Halogenstrahler aufgestellt worden, um genug sehen zu können. Rechtsmediziner Stellan Eckkvist, ein Mann um die Fünfzig mit blonden, kurzen Haaren, beugte sich über die Tote und betete einschläfernd und monoton die Fakten in sein Diktiergerät. Sie war schon länger als vierundzwanzig Stunden tot – vermutlich sogar mehrere Tage – und ihr wurde das Herz brutal entfernt. Ein Stich in der Bauchgegend war wohl die Todesursache, das konnte er aber noch nicht ohne Zweifel sagen.

Mikael sah in das leichenblasse Gesicht von Kasper und löste sich von der Wand. »Komm, lass uns raufgehen«, sagte er. Hier gab es für sie ohnehin nichts mehr zu tun, zunächst mussten die Obduktionsergebnisse und der Bericht der Spurensicherung vorliegen. Kasper nickte dankbar und folgte ihm raus aus dem verkommenen Haus.

Mikaels Blick ging die Straße hinunter, während sich Kasper eilig eine Zigarette anzündete. Es war eines der Laster, die Kasper hatte. Er rauchte eine nach der anderen, sobald er nervös wurde.

Er inspizierte die Häuser um sich herum, ehe er sich in Bewegung setzte.

»Ich komme gleich wieder«, ließ er seinen Kollegen wissen.

Der nickte und so verschwand Mikael in Richtung eines mehrstöckigen, alten Wohnhauses.

Wie jedes Mal, wenn er hier war, musterte er die Fassade. Alter und Abgase hatten dem Gemäuer zugesetzt und es wirkte trostlos. Er seufzte und senkte den Blick. Zielstrebig ging er auf die Tür zu und beachtete die Klingelschilder daneben nicht großartig. Die Tür war ohnehin nie verriegelt, das wusste er. Die Wände im Inneren waren ebenfalls schon lange Zeit nicht mehr gestrichen worden und hatten einen Grauschleier. Der Putz bröckelte jedoch noch nicht von den Wänden. Das Treppenhaus war dreckig, aber nicht schmierig.

Er stiefelte in den zweiten Stock hoch und blieb vor einer Wohnungstür stehen. Auf dem Schild stand kein Name, es war dennoch jedem in dieser Straße bekannt, wer hier wohnte. Mikael klingelte, doch es öffnete niemand. »Häpi, bist du da? Ich bin es, Mikael!«, rief er nach einer Weile und schellte erneut. Dieses Mal vernahm er Geräusche und wenig später wurde die Tür aufgezogen.

Ein stämmiger, blonder Mann um die Fünfzig mit blauen Augen und gewaltigen Muskeln öffnete ihm. Ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus, als er ihn erblickte. Akseli Häpi war früher einer der treusten Untergebenen von Mikaels Vater und mit etwas Wohlwollen konnte man ihn sogar einen engen Freund von Andreas Häkkinen nennen. »Was kann ich für dich tun?«

»Wer hat die Tote gefunden?«, brachte er sein Anliegen sofort auf den Punkt.

»Es gab also tatsächlich eine Leiche? Ich hatte nicht nachgesehen, um keine Spuren zu hinterlassen.«

Mikael trat einige Schritte nach vorn und lehnte sich an den Türrahmen. »In dem Haus? Das ist voll von Fremdspuren. Da finden wir so oder so nichts Brauchbares.«

»Vielleicht stehe ich nicht auf Frauenleichen.« Akseli Häpi lächelte. »Die Kids waren ziemlich verstört, also war es sicher kein netter Anblick.«

»Wer hat sie gefunden?«, wiederholte er seine Frage.

»Sie werden nicht mit den Bullen zusammenarbeiten.«

»Sie sind nur normale Zeugen, nicht mehr und nicht weniger.«

Häpis Mundwinkel zogen sich nach oben. »Der 17-Jährige Mikael hätte also die Polizei informiert?«

»Ja. Das kann ich bestätigen.« Mikael seufzte. »Ich habe damals eine Leiche gemeldet.«

Häpis überhebliches Lächeln erstarb. »Es tut mir leid, ich hatte die kleine Galina schon vergessen.« Häpi drehte sich um und machte eine Handbewegung, damit Mikael ihm folgte. Sie gingen durch bis in die Küche, in der sich Häpi an den Tisch setzte und eine Zigarette anzündete. »Aber dann solltest du eigentlich umso besser verstehen, wieso sie es nicht getan haben.«

»Du meinst, weil mir niemand geglaubt hat?«

»Sie haben dich für einen Junkie gehalten, nicht?«

Mikael dachte ungern an diese Sache zurück. Akseli sprach leider die Wahrheit, denn keiner hatte ihm Glauben geschenkt, als er einen Mord an einer Prostituierten gemeldet hatte. Damals hatte er sich geschworen, dass er Galinas Ermordung aufklären würde, doch bisher war es ihm nicht gelungen. Der Schuldige für ihren Tod lief noch frei herum.

»Ich bin der ermittelnde Kommissar. Ich werde

Sie haben das Ende dieser Vorschau erreicht. Registrieren Sie sich, um mehr zu lesen!
Seite 1 von 1

Rezensionen

Was die anderen über Das Flüstern des Dämons denken

0
0 Bewertungen / 0 Rezensionen
Wie hat es Ihnen gefallen?
Bewertung: 0 von 5 Sternen

Leser-Rezensionen