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IM LIMBUS

IM LIMBUS

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IM LIMBUS

Länge:
448 Seiten
6 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
17. Jan. 2018
ISBN:
9783743839595
Format:
Buch

Beschreibung

Man hält Mike Carpenter gefangen und hat ihn aller persönlicher Dinge beraubt: Er weiß nicht, aus welchem Grund, und er weiß nicht, wie er in diese Situation geraten ist. Wurden seine Erinnerungen manipuliert – oder gelöscht? Seine Bewacher benutzen Gestapo-Methoden, um seinen Willen zu brechen und ihn daran zu hindern, mit der Außenwelt, von der man ihn systematisch isoliert, Kontakt aufzunehmen. Seine Fragen nach dem Grund für diese Behandlung bleiben unbeantwortet; man verweigert ihm jegliche Auskunft. Nur eine Psychologin, die von Zeit zu Zeit auftaucht, scheint zugänglicher. Carpenter vertraut sich ihr an, doch auch sie gibt ihm keine Antworten auf seine drängendsten Fragen.Während sich seine Mitgefangenen ebenso bizarre wie undurchführbare Pläne ausdenken, um diesem Limbus, dieser gekachelten Vorhölle zu entfliehen, tritt Mike Carpenter den Weg nach innen an und versucht Stück für Stück, seine Erinnerungen der Dunkelheit zu entreißen, um so seine Vergangenheit zu rekonstruieren. Es ist der einzige Weg, der nach draußen führt...
Der Apex-Verlag veröffentlicht Christopher Evans' beklemmenden und kafkaesken Science-Fiction-Roman IM LIMBUS, erstmals im Jahr 1985 erschienen, in einer von Christian Dörge neu übersetzten und ungekürzten Neu-Ausgabe!
Herausgeber:
Freigegeben:
17. Jan. 2018
ISBN:
9783743839595
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IM LIMBUS - Christopher Evans

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Das Buch

Man hält Mike Carpenter gefangen und hat ihn aller persönlicher Dinge beraubt: Er weiß nicht, aus welchem Grund, und er weiß nicht, wie er in diese Situation geraten ist. Wurden seine Erinnerungen manipuliert – oder gelöscht? Seine Bewacher benutzen Gestapo-Methoden, um seinen Willen zu brechen und ihn daran zu hindern, mit der Außenwelt, von der man ihn systematisch isoliert,  Kontakt aufzunehmen. Seine Fragen nach dem Grund für diese Behandlung bleiben unbeantwortet; man verweigert ihm jegliche Auskunft. Nur eine Psychologin, die von Zeit zu Zeit auftaucht, scheint zugänglicher. Carpenter vertraut sich ihr an, doch auch sie gibt ihm keine Antworten auf seine drängendsten Fragen.

Während sich seine Mitgefangenen ebenso bizarre wie undurchführbare Pläne ausdenken, um diesem Limbus, dieser gekachelten Vorhölle zu entfliehen, tritt Mike Carpenter den Weg nach innen an und versucht Stück für Stück, seine Erinnerungen der Dunkelheit zu entreißen, um so seine Vergangenheit zu rekonstruieren. Es ist der einzige Weg, der nach draußen führt...

Der Apex-Verlag veröffentlicht Christopher Evans' beklemmenden und kafkaesken Science-Fiction-Roman IM LIMBUS, erstmals im Jahr 1985 erschienen, in einer von Christian Dörge neu übersetzten und ungekürzten Neu-Ausgabe!

Der Autor

Christopher Evans, Jahrgang 1951.

Christopher Evansist ein britischer Autor von Science-Fiction-Literatur und Kinderbüchern. Zu seinen bekanntesten Werken gehören der Roman Sturm der Atzteken (Aztec Century, 1993), der mit dem BSFA-Literaturpreis ausgezeichnet wurde, sowie die Novellisierung des Films Die Reise ins Ich (Innerspace, 1987) von Joe Dante und Steven Spielberg. Als herausragend gelten überdies seine SF-Romane Capellas goldene Augen (Capella's Golden Eyes, 1980), Im Limbus (In Limbo, 1985) und Schimären (Chimeras, 1992).

In den Jahren 1987 bis 1989 veröffentlichte er - gemeinsam mit Robert Holdstock - drei Other Edens-Anthologien.

2008 erchien sein Alternate-History-Roman Omega.

Der Apex-Verlag widmet Christopher Evans eine umfangreiche, neu übersetzte Ausgabe seiner bekanntesten Werke.

Christopher Evans lebt und arbeitet in West Wickham, Kent/UK.

IM LIMBUS

Für Randall Flynn, Joe Unsworth und Tom Disch

»Dinge schließen sich.«

James Thurber

  ERSTER TEIL: Das Anhalten der Zeit

Zumeist riss ihn morgens das Wecksignal vor der Tür aus dem Schlaf, doch an diesem Morgen erwachte er früher als sonst im Weiß seiner Zelle, und mit dem Gefühl, dass er während der Nacht einen wichtigen Traum gehabt habe.

Für gewöhnlich glichen seine Träume angenehmen, ziellosen Bildern und Eindrücken sommerlicher Wiesen oder von einem Strand bei Sonnenuntergang oder einem Kaminfeuer, während draußen der Regen fiel. Stets war er allein. Die Träume waren angenehm, weil sie eine tiefe Ruhe ausströmten und das Gefühl vermittelten, dies könne ewig so weitergehen. Sie waren eine idyllische Spiegelung seines wachen Lebens.

Das Wecksignal ertönte und erschreckte Carpenter, obwohl er darauf vorbereitet gewesen war, da er trotz des Fehlens von Uhren und Sonnenschein spürte, dass es kurz vor acht Uhr sein musste. Er erinnerte sich des Traumes: Er hatte eine labyrinthische Bibliothek voll von ledergebundenen Büchern durchforscht; eine riesige Bibliothek, die das gesamte Wissen der Welt enthielt, wie etwas aus einer Geschichte von Borges. Er suchte darin nach - er wusste nicht, was es war. Zuerst war er gemächlich durch einen von Büchern gesäumten Raum nach dem anderen geschlendert; dann aber war allmählich ein Gefühl von Dringlichkeit in ihm erwacht, und am Ende rannte er durch holzgetäfelte Gänge und verspürte aufkommende Panik.

An diesem Punkt hatte der Traum geendet.

Carpenter grübelte über seine Bedeutung nach und kam zu keinem Ergebnis. Das Wecksignal verklang, und bald hörte er Schritte draußen auf dem Korridor, dann wurde der Riegel an seiner Tür zurückgestoßen. Er schloss die Augen und tat so, als würde er schlafen.

Snider kam herein und brachte eine weiße Turnhose, ein Handtuch und einen batteriebetriebenen Trockenrasierer. Er trug einen schieferblauen Overall und hatte kurzgeschnittenes blondes Haar; auf der linken Brustseite war ein Namensschild. Snider war ein schlanker, wenngleich muskulöser Mann, der auf sein Äußeres achtete und in Fragen der Disziplin eine unnachgiebige Haltung einnahm. Carpenter sah in ihm ein Wiederauftreten der Gestapo; sogar sein Nachname klang hinreichend germanisch. Seine Overalls waren immer sauber und faltenfrei; jeden Morgen wirkte er wie neuerschaffen, frisch aus der Prägeform gesprungen. Snider legte Handtuch und Rasierapparat auf den Sims über dem Waschbecken und warf die Turnhose aufs Bett.

»Fünf Minuten, Carpenter«, sagte er und ging hinaus. Der Riegel wurde wieder vorgeschoben. Durch die Wand hörte Carpenter, wie Sinnott in der Nachbarzelle aufstand, als seine Tür geöffnet wurde.

Carpenter war noch immer müde. Wie gern hätte er sich auf die andere Seite gedreht und weitergeschlafen, aber er wusste, dass es sinnlos wäre: Snider würde ihn aus dem Bett ziehen, an Kragen und Hosenboden packen und vor sich her in die Turnhalle treiben, wo Blythe warten würde, bereit, sie die nächsten zwanzig Minuten zu peinigen. Hüftbeuge vorwärts zur Waagerechten. Arme vorstrecken und aufwärtsziehen. Aufrichten und abwechselnd mit den Fußspitzen die nach vorn gestreckten Hände berühren. Gegen Leute wie Blythe sollte etwas unternommen werden.

Er schlug die Decke zurück und stellte die Füße auf den Betonboden. Er trug einen gestreiften Schlafanzug, und neben dem Bett waren Pantoffeln aus Drillichstoff. Seine Zelle war eine Kammer von zwölf Quadratmetern Größe, vollständig weiß getüncht. Es gab keinen Wandschmuck, nur das Waschbecken zur Linken der Tür und eine kreisrunde Lampe in der Mitte der Decke unterbrachen die Leere der weißen Flächen. Das Waschbecken hatte drei Hähne, die Warmwasser, flüssige Seife und Kaltwasser spendeten. Eine Zahnbürste, sein Kamm und eine Tube Zahncreme standen in einem farblosen Kunststoffbecher, und in die Wand darüber war ein kleiner rechteckiger Spiegel eingelassen. Unter seinem Bett befand sich ein Plastiknachttopf, den er nie benutzt hatte. Die Lampe war eine Halbkugel aus mattiertem Glas mit einem Metalleinsatz in der Mitte, der ihr das Aussehen einer künstlichen Brust verlieh; bei Nacht wurde ihr Licht gedämpft, erlosch aber nie. Überall im Bau gab es ähnliche Lampen, und jede enthielt eine versteckte Kamera, so dass die Insassen unter ständiger Beobachtung blieben, wohin sie auch gingen. Weiße Wände und nackte Betonböden herrschten in den Korridoren und Räumen vor, deren sparsames Mobiliar von moderner Funktionalität war und deren Dekoration sich auf ein Minimum beschränkte. Die meisten der Räume waren weniger spartanisch eingerichtet als die Zellen, aber keiner hatte Fenster.

Carpenter trat zum Waschbecken und untersuchte sein Gesicht im Spiegel nach Anzeichen des Verfalls. Im kommenden Oktober wurde er dreißig, und seine Gesundheit bereitete ihm große Sorgen; er hatte in seinem Leben noch keine schwere Krankheit gehabt, war aber überzeugt, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis er an einem komplizierten und unheilbaren Leiden erkrankte. Unterdessen tat Blythe sein Möglichstes, ihn durch schiere Überanstrengung umzubringen. Während seines ersten Monats im Bau hatte er Schmerzen in Muskeln entwickelt, von deren Existenz er bis dahin nicht gewusst hatte, und noch immer weigerte er sich, zu glauben, dass Blythe sein Wohlbefinden am Herzen liege. Die meisten Fitnessfanatiker hatten masochistische Neigungen, und um Sportlehrer zu werden, musste man auch ein Sadist sein.

Carpenter wusch sich das Gesicht, bevor er den Rasierapparat einschaltete. Montag, dachte er unbestimmt. Heute war Montag.

»Und jetzt mit einem Arm«, befahl Blythe seinem Opfer Sinnott, ohne den Umstand zu beachten, dass Sinnott kaum die vorgeschriebenen fünfundzwanzig Liegestütze schaffen konnte, wenn er sich mit beiden Händen auf den Parkettboden stützte. Sinnott war mager und hühnerbrüstig wie ein Halbwüchsiger und hatte kein schweres Körpergewicht zu stemmen, aber seine Arme glichen dünnen Stecken. Stets bemüht, gefällig zu sein, nahm er die linke Hand vom Boden und brach prompt zusammen, dass er mit dem Kopf auf den Boden schlug.

Er hatte sich selbst k.o. geschlagen, dachte Carpenter, während er hastig seine eigene Quote vervollständigte. Dann stöhnte Sinnott und wälzte sich herum, strich sich das lange Haar aus dem Gesicht. Er sah eher betrübt als verletzt aus. Carpenter entlastete seine Arme und lag auf dem Bauch, die Wange am kühlen Parkett. Ihm war, als käme er von der Streckbank. Er beschloss, dass er, sollte er es je zum Weltdiktator bringen, alle Sportlehrer erschießen lassen und Liegestütze durch Dekret verbieten würde. Sie waren eine sehr britische Form von Quälerei, genauso wie kalte Duschen und Heimschulen.

Blythe hatte seine Aufmerksamkeit Riley zugewandt. Rileys beleibter, angejahrter Körper war für Krümmungen und Dehnungen wenig geeignet, aber er ging jedes Mal mit Eifer auf den Geist der Übungsstunden ein. Wie gewöhnlich schnaufte und ächzte er vor Anstrengung, sein Kopf ging abwechselnd mit seinem Hinterteil auf und nieder, während seine Arme bewegungslos blieben. Es war die klassische Schuljungen-Simulation von Liegestützen.

»Arme abwinkeln«, sagte Blythe, stellte einen Fuß auf Rileys fülliges Hinterteil und zwang seinen Körper nieder. Rileys Bauch drückte sich am Boden platt, seine Ellbogen ragten aufwärts. Er machte keinen Versuch, sich hochzustemmen.

»Na los!«, drängte Blythe. »Sie haben noch mindestens fünfzehn zu machen.«

Riley ließ die Arme erschlaffen und lag schnaufend da. Er sah wie eine gestrandete Schildkröte aus. Seine Fußsohlen waren grau vom Staub, der sich am Boden angesammelt hatte.

»Sie sind noch nicht fertig«, beharrte Blythe.

»Mein Herz will nicht mehr. Lassen Sie mich in Frieden sterben.«

Weiter zur Rechten machte Treadwell mit seinen Übungen weiter, blind gegen alles, was um ihn her vorging. Carpenter beobachtete ihn mit einer Mischung von Neid und Gereiztheit, als der andere seinen Körper mit überlegener Leichtigkeit auf und nieder bewegte. Er hatte den Körperbau eines Leichtgewichtsboxers, muskulös aber schlank, und das einzige Geräusch, das er machte, war das Zischen der Atemluft durch die Nasenlöcher, wenn seine Brust den Boden berührte, bevor seine Arme sich ohne das geringste Zittern streckten, den vorbildlich gerade gehaltenen Rumpf wieder emporzustemmen.

Theoretisch hätte Carpenter nur zu gern Treadwells scheinbar mühelose Athletik nachgeahmt, aber Treadwell fügte dem Schmerz noch die Beleidigung hinzu, indem er stets das Doppelte der Zahl verlangter Übungen leistete. Seine Vorliebe für solch anstrengende und schweißtreibende Aktivitäten war Carpenter ein Geheimnis, aber er versuchte, sich davon nicht allzu sehr stören zu lassen, bedrückten ihn doch viel dornigere Probleme.

»Alles hoch!«, rief Blythe.

Er zog eine Stoppuhr aus der Hosentasche seines grauen Jogginganzugs. Der Frühsport näherte sich seinem Ende, und nun brauchten sie nur noch fünf Minuten auf der Stelle zu laufen, bevor sie entlassen würden.

Die Turnhalle war der einzige Raum im Bau, der einen hölzernen Boden hatte. Davon abgesehen war er wie alle anderen: kahl und weiß getüncht. Neben dem Eingang befand sich ein Geräteraum, aus dem Blythe von Zeit zu Zeit Medizinbälle holte, die sie einander zuwerfen mussten, oder Gewichte zum Krafttraining. Einmal hatte er sogar ein Trampolin und einen Kasten herausgezogen und war zu Boden geschleudert worden, als Riley wie eine menschliche Kanonenkugel über den Kasten gesegelt und auf ihn geprallt war. Danach hatten sie das Trampolin nicht mehr gesehen. Carpenter hatte nie gewagt, einen Blick in den Geräteraum zu wagen, denn insgeheim fürchtete er sich davor, dass er auch einen Satz transportabler Sprossenwände enthalten könnte, die Blythe eines Morgens anbringen und ihnen befehlen würde, hinaufzusteigen und sich an den ausgestreckten Armen hängenzulassen, bis er eine Million gezählt hätte. »Mit dem Rücken zur Wand von der obersten Sprosse hängen lassen!« war ein Befehl, dessen Echo Carpenter noch aus der Schulzeit über die Jahre hinweg in den Ohren klang, und nie erinnerte er sich daran, ohne das Gesicht zu verziehen.

  Snider stand in der Türöffnung und behielt Wrights schlaksige Gestalt im Auge, die noch im Schlafanzug steckte. Wright weigerte sich als einziger der Insassen, an den Gymnastikstunden teilzunehmen; dadurch verwirkte er sein Frühstück. Snider hatte die Arme auf der Brust verschränkt und sein ernstes Gesicht blieb wie immer unbewegt. Obwohl Snider niemals irgendeine Gemütsregung oder Voreingenommenheit gegenüber den ihm Anvertrauten zu erkennen gab, argwöhnte Carpenter, dass er eine aktive Abneigung gegen Wright hegte und nicht zögern würde, ihn hart anzufassen, sollte er aus der Reihe tanzen.

»Beim Laufen Füße vom Boden und die Knie anheben!«, sagte Blythe. »Wir beginnen langsam und werden allmählich schneller, bis jeder seine Höchstleistung erreicht.«

Er blickte auf seine Stoppuhr und zählte ab. Er war ein muskulöser Mann Ende vierzig, der mit seinem geröteten Gesicht immer gesund und in Hochform, zugleich aber am Rand eines Herzinfarktes zu sein schien. Carpenter starrte ihn angestrengt an und dachte finstere Gedanken. Am Samstag hatte er im Reader's Digest einen Artikel gelesen, aus dem hervorgegangen war, dass positive und negative emotionale Weilen vom Gehirn ausgestrahlt wurden und über freien Raum hinweg spürbare Wirkung auf andere Leute ausüben konnten. Carpenter trug sich mit einer Vision des Trainers, wie er plötzlich purpurrot anlief und zusammenbrach, und hoffte, er könne dadurch einen wirklichen Infarkt herbeiführen, der sie von der rituellen Quälerei der Übungsstunden befreien würde.

Aber Blythe beendete die Zählung so frisch und gesund wie immer. »Los!«, rief er, und sie begannen auf der Stelle zu laufen. Riley hob die Beine so hoch, dass er an einen wahnsinnig gewordenen Traubenstampfer erinnerte. Carpenter kniff die Augen zu und konzentrierte sich noch intensiver darauf, Blythe zu Tode zu denken.

Nach dem Frühsport versammelten sie sich vor dem Duschraum. Hemmings, der schlampige Wärter, der Snider während der Frühschicht von acht bis vier assistierte, stand mit den Badetüchern bereit.

»Morgen«, sagte er in munterem Ton.

Sie wurden einzeln in den Duschraum eingelassen und erhielten fünf Minuten Zeit pro Dusche. Hemmings kontrollierte die Zeit auf seiner Armbanduhr. Riley stand am Kopf der Schlange, kratzte sich den gelockten Schädel und gähnte. Nach ihm kam Treadwell, der sich sehr gerade hielt und nach dem Frühsport bemerkenswert unangestrengt und gelassen aussah; er wartete stets mit unendlicher Geduld, bis er an die Reihe kam. Im Gegensatz zu ihm wirkte Sinnott immer unruhig, als wünschte er sich anderswohin; sein unsteter Blick ging unaufhörlich zwischen den weißen Wänden hin und her.

Carpenter geriet ans Ende der Schlange und stand hinter Wright, der jetzt vollständig nackt war. Er bestand unweigerlich darauf, sich auszuziehen, sobald der Frühsport beendet war, und stellte seine Nacktheit stolz als ein Zeichen seines Trotzes zur Schau. Niemand schenkte ihm in diesem Zustand viel Beachtung, obwohl Carpenter wieder einmal nicht umhin konnte, festzustellen, wie viel besser als ihn die Natur Wright ausgestattet hatte.

Die anderen durften ihre Turnhosen anbehalten, bis sie den Duschraum betraten. Danach gingen sie, eingehüllt in Badetücher, zu ihren Zellen, wo ein weißes Baumwollhemd und eine marineblaue Drillichhose auf dem Bett lagen. Das war ihre Uniform im Bau, mit grauen Wollsocken, einfachen schwarzen Schuhen und einer weißen Unterhose. Hemden und Unterwäsche wurden jeden zweiten Tag gewechselt, und alle zwei Wochen gab es eine saubere Hose. Sie hatten soeben ihren dritten Monat im Bau hinter sich gebracht, und es gab keinen Anhaltspunkt, wann, wenn überhaupt, sie freigelassen würden.

Das traditionelle englische Frühstück zählte zu den besten Dingen in diesem Limbus, und war das einzige, was Carpenter den Frühsport ertragen ließ. Auf Fruchtsaft und Müsli folgten wahlweise Spiegeleier mit Schinken, Würstchen, Champignons, weiße Bohnen mit Blutwurst, Toast, Marmelade und Tee oder Kaffee. Manchmal schien es Carpenter, dass die Leute - wer immer sie waren -, die im Bau für Verpflegung sorgten, Blythe direkt entgegenarbeiteten, indem sie nichts unversucht ließen, den Insassen die Venen und Arterien mit Cholesterol zu verstopfen, kaum dass es Blythe in der Turnhalle gelungen war, die Ablagerungen des vergangenen Tages zu entfernen. Aber Carpenter versuchte stets, nicht an seine Gesundheit zu denken, wenn er aß; das Essen war eine der wenigen Freuden, die ihm geblieben waren.

Sie versammelten sich in dem kleinen Raum, der zur Einnahme der Mahlzeiten bestimmt und sonst zugesperrt war. Hemmings verteilte das Frühstück aus tragbaren Metallbehältern von der Art, die in Krankenhäusern gebräuchlich waren. Er gab Carpenter auch eine frische Packung Zigaretten und das blaue Wegwerffeuerzeug, das Carpenter benutzte, seit er im Bau war. Man gestattete ihm eine Schachtel Zigaretten täglich, und was davon übrig blieb, wurde ihm vor der Schlafenszeit weggenommen; am nächsten Morgen erhielt er eine frische Packung. Da er selten eine ganze Schachtel am Tag rauchte, fragte er sich oft, ob Peacock, der Wächter von der Abendschicht, der immer seine Zigaretten einsammelte und anscheinend selbst nicht rauchte, die restlichen Zigaretten anderen Wärtern oder Leuten in der Außenwelt verkaufte. In jedem Gefängnis gab es Nebenverdienste dieser Art.

Wright saß am Kopfende des Tisches und verschmähte das einsame Glas Wasser, das ihm vorgesetzt worden war. Er stützte die Ellbogen auf die blaue Resopalplatte, beugte den Oberkörper ein wenig vor und ließ seinen Blick in die Runde gehen.

»Ich verstehe nicht, warum Sie sich weiterhin jeden Tag der Entwürdigung des Frühsports unterwerfen«, sagte er. »Ich betrachte ihn als eine Form körperlicher Züchtigung.«

Carpenters Stimmungsbarometer sank, und er blickte auf seine Mahlzeit; Wright war im Begriff, seinen morgendlichen Vortrag zu halten.

  Treadwell betupfte sich den Schnurrbart mit einer Papierserviette. »Körperliche Übungen sind gesund«, sagte er. »Es muss ein bisschen schmerzen, um von Nutzen zu sein.«

»Da irren Sie, mein Freund. Die Vorstellung, etwas müsse schmerzen, um einem zu nutzen, ist ein Irrtum, der aus der protestantischen Arbeitsethik entstanden ist.«

Treadwell starrte ihn verständnislos an.

»Die protestantische Arbeitsethik«, erklärte Wright, »ist eine der Grundlagen westlicher Zivilisation. Sie wurzelt in der christlichen Doktrin, dass Vergnügen und Genuß an sich ungesunde Erscheinungen seien, dass man zuerst Mühsal und Plackerei ertragen müsse, um sich dann ihrer Früchte zu erfreuen.«

»Was für Mühsal?« Treadwell sah ihn verwundert an. »Es macht Spaß.«

»Jemandem wie Ihnen, der körperlich gesund und in Form ist und von Natur aus Leibesübungen schätzt, mag es Spaß machen. Aber nehmen Sie jemanden wie Riley hier, der offensichtlich nicht in der Verfassung ist, Spaß daran zu haben? Was meinen Sie, wie ihm zumute ist?«

Riley unterdrückte ein Aufstoßen.

»Ich bekomme eine Magenverstimmung«, sagte er. »Leibesübungen brauchen nicht zu schmerzen, um einem gut zu tun«, sagte Wright zu Treadwell. »Es kommt im Wesentlichen darauf an, durch körperliche Bewegung den Pulsschlag allmählich zu erhöhen, bis Atmung und Durchblutung die gewünschte Beschleunigung erreichen. Man braucht deswegen nicht Blut zu schwitzen.«

»Wer schwitzt Blut?«, fragte Treadwell.

»Ich habe bildlich gesprochen.«

Riley kaute Toast, und dabei entwich ihm ein lauteres Rülpsen. Wright ließ seine Aufmerksamkeit nicht von Treadwell ablenken. »Außerdem haben Sie mich vom Thema abgebracht. Es ging mir nicht darum, die Vorzüge von Leibesübungen hervorzuheben - ich glaube selbst daran -, sondern um die Tatsache, dass es nicht unserer freien Entscheidung überlassen ist, ob wir Leibesübungen machen oder eben nicht.«

»Ich würde es sowieso tun«, sagte Treadwell. »Mir macht es Spaß.«

Wright seufzte. »Das weiß ich. Aber nicht darauf kommt es an. Mein Argument ist, dass der Frühsport nicht vorgeschrieben sein sollte. Wir sollten die Freiheit haben, daran teilzunehmen, wenn wir es wollen, und nur dann.

»Aber Sie nehmen nicht daran teil«, sagte Treadwell. »Weil ich mich weigere, bekomme ich kein Frühstück, nicht wahr? Wie viele von den anderen, glauben Sie, würden jeden Morgen mit Ihnen aus freien Stücken in der Turnhalle sein, wenn man ihnen im Fall ihrer Abwesenheit nicht das Frühstück streichen würde?« Carpenter konnte sehen, dass Treadwell sich in den Windungen dieses letzten Satzes verirrte. Er dachte daran, Wright ein Würstchen in den Mund zu stecken, um ihn zum Schweigen zu bringen, ließ es aber sein, weil die Tat wahrscheinlich den gegenteiligen Effekt haben würde.

»Sehen Sie nicht, dass sie uns wie Verbrecher behandeln?« In seinen Mundwinkeln glänzte Speichel. »Sie versuchen unser Verhalten mit einem System von Belohnungen und Bestrafungen zu lenken und uns zu Handlungsweisen zu zwingen, die wir vielleicht ablehnen. Darum geht es. Wir sind keine Verbrecher. Was gibt ihnen das Recht, uns so zu behandeln? Was haben wir getan, wodurch haben wir es verdient?«

»Warum sind wir hier?« murmelte Sinnott.

Dies, dachte Carpenter, ist die Preisfrage.

Nach dem Frühstück zogen sie sich in den großen Aufenthaltsraum zurück, der mit schwarzen Kunststoffsesseln, Kaffeetischen und einem Farbfernseher ausgestattet war. An den Wänden hingen trostlose abstrakte Drucke, die Carpenter ohne ersichtlichen Grund an Farbbeilagen und endlose, langweilige Sonntage denken ließen. Schon als kleines Kind hatte er Sonntage nicht leiden können, weil er zur Sonntagsschule hatte gehen müssen, während die meisten seiner Freunde draußen Fußball spielten oder einander das Rauchen beibrachten. Selbst als endlich die religiöse Desillusionierung über ihn gekommen war und er davon abgelassen hatte, waren die Sonntage langweilig geblieben, und obendrein geneigt, einem durch schlechte Nachrichten die Stimmung zu verderben. Vielleicht war es Gottes Art, es den Seinigen heimzuzahlen.

Die Tageszeitungen lagen auf dem mittleren Kaffeetisch aus, und Carpenter entschied sich nicht ohne jegliches Schuldgefühl für den Daily Star. Wright wollte von den Massenblättern der Boulevardpresse nichts wissen und tadelte Carpenter regelmäßig, dass er nicht eine Qualitätszeitung wie The Times oder den Guardian las. Carpenter war mit ihm der Meinung, dass dies in der Tat gute Zeitungen seien, und seiner Aufmerksamkeit würdig, doch vermied er es weiterhin, sie zu lesen, weil sie eine Menge wichtiger Nachrichten und überlegter Analysen des politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Geschehens enthielten. Die Themen waren unweigerlich so komplex, dass er sich nie eine zusammenhängende Meinung darüber bilden konnte und stets den Wunsch verspürte, dass er sich von Anfang an nicht die Mühe gemacht hätte, sich über diese Dinge zu unterrichten. Seit er im Bau war, hielt er sich an die Massenblätter mit ihrer tröstlicheren Diät aus Sex, Sport und Showgeschäft. Wenn das bedeutete, dass es mit seinem Verstand abwärts ging, desto besser.

Trotz seiner entschiedenen Ansichten in dieser Frage las Wright selbst überhaupt keine Zeitungen, noch sah er Fernsehsendungen. Zur Begründung hatte er erklärt, dass sie hier in einer abgeschlossenen Welt lebten und nur durch die Zeitungen oder das Fernsehen erführen, was in der Außenwelt vorging; infolgedessen sei es möglich, dass alle Informationen, die sie erreichten, manipuliert seien - zensiert oder sogar erfunden -, um den geheimnisvollen Zwecken jener zu dienen, die sie in Gefangenschaft hielten.

Wright hatte die vorläufige Theorie entwickelt, dass ihre zwangsweise Einkerkerung ein beispielloses soziologisches Experiment sei, dessen Zweck das Studium der Reaktionen und Verhaltensweisen von fünf willkürlich ausgewählten Männern sei, die solch einer unerklärten und ungerechten Gefangenschaft unterworfen wurden. Verglichen mit Rileys Idee, dass man sie schanghait habe und sie sich an Bord eines Raumschiffes unterwegs zu einem anderen Planeten befänden, fand Carpenter Wrights Theorie durchaus einleuchtend: schließlich waren Soziologen und Psychologen dafür. bekannt, dass sie Studien nachgingen, in denen der Laie keinerlei praktische Relevanz erkennen konnte. Aber er glaubte nicht, dass sie gefälschte oder zensierte Nachrichten erhielten. Er konnte keinen Sinn in derlei Spitzfindigkeiten sehen, und es gab auch praktische Schwierigkeiten. Wenn man sich vorstellte, was es bedeutete, jeden Tag eine ganze Reihe veränderter Zeitungen zu erfinden und herzustellen, und außerdem über alle Sender nur für sie zurechtgemachte Nachrichtensendungen auszustrahlen - der Aufwand wäre einfach zu groß. Wright blieb jedoch unbeeindruckt von diesen Argumenten und behauptete, dass unter den grotesken Umständen, in denen sie sich befanden, alles möglich sei, und dass die Klugheit gebiete, nichts und niemandem zu trauen.

Carpenters Blick wanderte zur Ausgabe des Telegraph, die Treadwell las. Der Aufmacher der Titelseite handelte von einem Erdbeben in Ecuador. Vorausgesetzt, diese Meldung war gefälscht, so blieb die Frage doch weitgehend akademisch. Die Außenwelt war unzweifelhaft in der gleichen Verwirrung, in der sie gewesen war, bevor man sie in diesem Limbus hatte verschwinden lassen, und es spielte wirklich keine Rolle, ob es ein Erdbeben in Ecuador oder eine Seuche in Pakistan war, die gegenwärtig Tausende oder Millionen Menschen ins Elend stürzte. Nun, gewiss war es zumindest den Ecuadorianern und den Pakistanis nicht gleich; aber wie sah es der durchschnittliche Brite, der durch das Glück der Geographie und Geschichte gegen solch schreckliche Katastrophen abgeschirmt war? War es ihm wirklich wichtig, wer starb, und wo? Die Tragödien in aller Welt gingen geradezu ineinander über, wenn man sie durch das bequeme Medium der Zeitung oder des Bildschirms betrachtete; und überhaupt konnte man nur ein gewisses Maß von schlechten Nachrichten aufnehmen, bevor das Gehirn sie verdrängte. Zum Beispiel Nordirland: da hatte man den Fall immer neuer und doch immer gleicher Schrecken, die schließlich zu Unempfindlichkeit führten.

Sofort wehrte Carpenter den Gedanken an Nordirland, ab. Nordirland war eines dieser dornigen Probleme, die vernünftiger Betrachtung so unzugänglich schienen, dass er versuchte, sie mit all den anderen Fragen, auf die er keine Antworten finden konnte, in einen finsteren Winkel seines Gedächtnisses zu verbannen. Er wandte sich der letzten Seite zu und hielt Ausschau nach Neuigkeiten von Manchester United. Bisweilen erschien es ihm selbst sonderbar, dass er sich um die Geschicke einer Fußballmannschaft sorgte, wenn es so viele wichtigere Fragen gab, die ihn beschäftigen soll? ten. Wright missbilligte beispielsweise jeden Mannschaftssport mit der Begründung, dass er Reglementierung und Vermassung fördere. Am Sonntagnachmittag hatte er sich während der Übertragung des Rugby-Meisterschaftsspiels zwischen Wales und England über dieses Thema verbreitert, bis Riley ihm eine Tasse Kaffee in den Schoß geschüttet hatte.

Als wäre es sein Stichwort gewesen, kam Wright in diesem Augenblick aus seiner Zelle, wo er, wie Carpenter wohl wusste, Leibesübungen gemacht hatte. Wright war in Sachen Körperertüchtigung beinahe so ehrgeizig wie Treadwell und hätte sicherlich seine Freude am Frühsport gehabt, wenn die Teilnahme freiwillig gewesen wäre. Die Frage, ob Wrights Verhalten symptomatisch für absolute Integrität oder für unentrinnbare Dummheit war, ließ Carpenter nicht los. Wright, ein drahtiger, hochgewachsener Mann mit spitzer Nase und einem mausbraunen Haarschopf, der ihm wie eine am Ufer seiner Stirn brechende Welle über die Geheimratsecken hing, besaß wenigstens die Entschiedenheit des Denkens, die Carpenter selbst fehlte. Wright hatte ein festgefügtes Wertesystem; er hatte entschiedene Meinungen zu einem breiten Spektrum von Themen; er war engagiert. Das machte es natürlich schwierig, mit ihm zurechtzukommen.

Carpenter zündete sich die erste Zigarette des Tages an. Das ist diejenige, sagte er sich, als er daran zog, die eine meiner Zellen zu unkontrollierbarer Vermehrung anregen wird. Innerhalb eines oder zweier Jahre werde ich tot sein, verzehrt von der Gier unersättlicher Krebsgeschwüre. Warum tue ich mir das an?

Von allen schauderhaften Todesarten, die Carpenter als sein mögliches Ende ins Auge fasste, war Krebs die schrecklichste. Darin war er ein Kind seiner Zeit. Wright glaubte, dass die allgemeine Furcht vor Krebs aus dem Umstand erwuchs, weil die meisten Leute instinktiv verstanden, dass sie an Selbstkannibalismus starben, indem sie sich selbst aufzehrten, und diese Vorstellung nicht ertrugen. Wie die meisten seiner Ideen litt auch diese an Überintellektualisierung, und das spürte er. Er bezweifelte, dass die meisten Leute hinreichende Kenntnis der genauen Natur der Krankheit hatten, um ihre Ängste in solcher Weise begrifflich zu machen. Soweit es ihn betraf, gab es einen viel einfacheren und naheliegenderen Grund zur Erklärung des allgemeinen Schreckens vor Krebserkrankungen: die meisten Menschen, die sie bekamen, starben schließlich daran.

Sobald Wright sah, dass Carpenter rauchte, ging er durch den Aufenthaltsraum in das benachbarte Spielzimmer, wo Sinnott sich im Billardspiel übte. Die vielleicht einzige gute Rechtfertigung die Carpenter für sein fortdauerndes Rauchen finden konnte, war die, dass er sich damit Wright vom Leibe halten konnte. Wright verabscheute Zigaretten und war ein Anhänger der Theorie, dass sie die Mutterbrust ersetzten; Rauchen war danach eine orale Befriedigung, die auf das Stillen des Säuglings zurückging, und erst in zweiter Linie Abhängigkeit vom Nikotin. Carpenter hatte nichts gegen diese Theorie: war es nicht viel angenehmer, sich eine Zigarette als das Ende einer weiblichen Brust vorzustellen, denn als eine Röhre potentiell tödlicher Teerstoffe?

Er wusste, dass er zu viel nachdachte, und noch dazu über alle möglichen unerfreulichen und fruchtlosen Themen. Das war das Problem mit dem Bau: Man hatte so viel Zeit, dass man einen Teil davon unweigerlich mit Grübeleien zubrachte.

»Hören Sie sich das an«, sagte Riley und las eine, amüsante Meldung aus dem Daily Mirror vor. Sie handelte von einem Mann, der auf einen Baum gestiegen war, um eine Katze zu retten. Das Tier war ihm aber auf den Kopf gesprungen, hatte sich dort' festgekrallt und ihm die Hälfte seines Haares ausgerissen, bevor er wieder festen Boden unter die Füße bekommen hatte.

Riley zeigt ihm eine Abbildung des Mannes, der wie ein Opfer der Alopezie aussah. Treadwell spähte über den Rand seiner Zeitung hinweg und lächelte in einer Weise, die zu verstehen gab, dass er nicht begreife, was Riley an der Geschichte fand.

»Ich an seiner Stelle«, sagte Riley, »würde von der Katze Schadenersatz fordern. Eine Fellverpflanzung verlangen, um die kahlen Stellen zu bedecken.«

Carpenter wandte sich wieder seiner Zeitung zu, von der Geschichte zu unglücklichen Gedanken über sein eigenes, sich lichtendes Haar angeregt. Kahlköpfigkeit, so hatte er sich widerwillig eingestanden, war unästhetisch. Eine seiner Freundinnen hatte ihm einmal erzählt, dass kahle oder teilweise kahle Männer auf Frauen oft sehr attraktiv wirkten, aber er folgerte daraus im Umkehrschluss, dass es in den meisten Fällen eben nicht so war. Und außerdem, mit neunundzwanzig das Haar zu verlieren, war... nun, es führte dazu, dass man sich sorgte, und dadurch fiel das Haar nur noch rascher aus. Es war ein Teufelskreis, ein destruktiver, sich selbst erhaltender Kreislauf. Und so schien es sich mit den meisten seiner Gewohnheiten zu verhalten.

Riley spähte ihm ins Gesicht.

»Fühlen Sie sich nicht wohl?«, fragte er.

Carpenter hielt einen Zeigefinger an seine Schläfe und drehte ihn schnell herum. Sein Gehirn lief heute auf Hochtouren.

»Wurfpfeile?«, schlug Riley vor.

Carpenter fand, dass ein Spiel sehr willkommen wäre. Wurfpfeile waren immer gut, wenn es darauf ankam, lästige Gedanken zurückzudrängen.

Sie gingen ins Spielzimmer. Sinnott stieß auf dem Billardtisch Kugeln herum und wartete, dass Treadwell seine Zeitungslektüre beendete; Treadwell war der einzige, der es ihm auf dem grünen Filz gleichtun konnte. Wright saß in einem Sessel neben der Zielscheibe und las The Listener.

Riley wischte die Anzeigetafel mit einem Lappen sauber. Eine Wolke Kreidestaub senkte sich auf Wright herab.

»Würde es Ihnen etwas ausmachen?«, sagte Wright. »Was meinen Sie?«

»Ob es Ihnen etwas ausmachen würde, mich nicht mit Kreidestaub zu überschütten.«

»Nein«, sagte Riley, »es macht mir nichts aus.« Wright funkelte ihn an, dann kehrte er zurück zu seiner Lektüre und glättete nachdrücklich die Seite. »Glauben Sie ja nicht, ich würde den Platz räumen, bloß weil Sie hereingekommen sind, mich zu stören.«

Riley zog die Wurfpfeile aus der Zielscheibe und ging zurück zur Achtfußmarkierung.

»Sie fangen an«, sagte er und reichte Carpenter einen Wurfpfeil.

Carpenter zielte und warf. Riley folgte. Er war näher am Zentrum.

»Ich warne Sie, Riley«, sagte Wright, als der andere die Pfeile herauszog. »Sollten Sie mich treffen, dreh' ich Ihnen den verdammten Hals um.«

»Und wenn ich Sie in den Kopf treffe?«

»Wenn Sie mich auch nur streifen, erwürge ich Sie.«

»Nicht, wenn ich Sie in den Kopf treffe. Dann... sind Sie tot

»Soll das eine Drohung sein?«

»Nur ein Hinweis auf die Gefahren. Das Gehirn ist im Kopf, wissen Sie.«

»Von Ihnen habe ich keinen Anatomieunterricht nötig. Ich wusste schon mit fünf Jahren, wo das Gehirn ist.«

Riley sah beeindruckt aus. Er schritt zurück zur Markierung.

»Als ich fünf war«, sagte er zu Carpenter, »konnte ich nur sabbern. Ich war ein Spätentwickler.«

»Spät?«, sagte Wright. »Sie haben nie damit angefangen.« Er stieß ein schweineartiges Grunzen aus.

»Erst mit acht lernte ich richtig sprechen«, erzählte Riley.

»Und seither haben Sie eine Menge Unsinn geschwatzt.«

»Es hängt alles von der Erziehung ab. Meine Eltern haben mich vernachlässigt. Sie überließen mich viel meinem Onkel. Er war ein wenig... exzentrisch. Erzählte mir immer lustige Geschichten.«

Wright vertiefte sich neuerlich in seine Zeitschrift. Riley schien freundlichen Erinnerungen nachzuhängen.

»Ich werde nie vergessen, was er mir über den Weihnachtsmann erzählte. Glaubten Sie an den Weihnachtsmann, als Sie klein waren?«

»Lassen Sie mich in Ruhe!«, sagte Wright.

»Zuerst glaubte ich an ihn. Aber später war ich nicht sicher. Ich wollte wissen, wovon er das übrige Jahr lebte. Wissen Sie, was mein Onkel mir erzählte?«

»Ich habe nicht die geringste Ahnung, und es ist mir auch völlig egal.«

»Den Rest des Jahres, erzählte mein Onkel, bringe der Weihnachtsmann den Leuten die kleinen Kinder ins Haus. Die Säuglinge kämen nämlich vom Nordpol. Damit die Leute ihn während der übrigen Zeit nicht erkennen sollten, ginge der Weihnachtsmann, so mein Onkel, als Lumpensammler verkleidet, mit einer alten Tweedjacke und einem Schlapphut. Außerdem rasierte er sich den Bart ab. Und er wäre immer mit einem alten Fuhrwerk unterwegs, beladen mit allem möglichen Gerümpel. Aber unter diesem Gerümpel hätte er die Säuglinge versteckt, die abzuliefern wären. Wenn die Nachbarn nicht aufpassten, würde er in die Häuser schleichen und sie den Frauen bringen.«

Wright

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